Beth Hart: Hart, Herzlich

Sie hatte ein schlimmes Leben, das jede weniger starke Person gebrochen hätte. Doch mit der Hilfe von „Engeln“ hat Beth Hart ihre Dämonen besiegt, sich vom Rand des Abgrunds zurückgeschleppt und hat jetzt „Spaß, Spaß, Spaß“, während sie ihren Erfolg genießt

Da sind verdammt viele Plätze im Ziggo Dome, einer schicken neuen Halle am Rand von Amsterdam. Ein imposantes Areal von 17.000 Plätzen, um genau zu sein, dunkelgrau und noch völlig leer. Wenn man diesen Ort mitten am Nachmittag so sieht, wird einem der Maßstab von Beth Harts Erfolg erst richtig klar. Im Alter von 46 Jahren und nach einer gnadenlosen Reihe von Traumata und Suchterkrankungen spielt sie hier heute zum ersten Mal eine Headliner-Show dieser Größe.

Drei Coveralben mit Joe Bonamassa (das jüngste, BLACK COFFEE, erreichte in Deutschland die Top 5, in den USA Platz 1 der Blues-Charts) haben ihren Bekanntheitsgrad beständig erhöht. Ihre Zusammenarbeit mit Deep Purple an BANANAS (2003), mit Slash an seinem selbstbetitelten Album von 2010 und mit Jeff Beck auf seiner US-Tournee 2006 machte sie auch in Rockkreisen zu einem Namen. Doch am beeindruckendsten ist Hart als Solokünstlerin.

Ihr Material deckt alles von Rockabilly bis Grunge ab, mit Echos der großen Singer/Songwriter ihrer Heimatstadt Los Angeles, wenn sie am Klavier ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Ihre Mutter, älteren Geschwister und Klassenkameraden brachten sie schon früh zum Jazz, Blues, zu Bob Seger und Rickie Lee Jones, den Sex Pistols und Circle Jerks, Etta James und Otis Redding. Einflüsse, die ihre Fähigkeit befeuerten, den Blues einer Frau zu singen, die viel durchgemacht hat, aber sich nie unterkriegen ließ. Ein Blues, roh und blutend, den sie aus ihrem eigenen Leben zieht und komplett unzensiert auf die Bühne bringt. „Ihre Ehrlichkeit und Verletzlichkeit sind ihre Stärken“, sagt ihr Ehemann und Tourmanager Scott Guetzkow. „Manchmal bricht sie in Tränen aus und kann nicht mehr aufhören. Sie verbirgt nie ihre Gefühle.“

Dass sie in den Niederlanden, wo sie sie 2005 ihr Live-Album (+DVD) LIVE AT THE PARADISO aufnahm und mit ihrem 2015er- Werk BETTER THAN HOME Platz 1 erreichte, solche Hallen füllt, sollte nicht überraschen. Doch in Großbritannien, von der Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, hat sie erst in jüngerer Vergangenheit einen steilen Aufstieg absolviert. Am 14. Dezember 2015 spielte sie in London vor 900 Menschen in der Union Chapel. Am 4. Mai 2018, acht Tage vor Amsterdam, füllte sie die Royal Albert Hall mit 5.200 Plätzen.

Beim Soundcheck in der Albert Hall zwischen all dem Gold und dem Kronleuchter, hat Hart in ihrer Straßenkleidung alles im Griff, ist aber trotzdem nervös. Bevor sie auf die Bühne geht, wird sie 15 Setlists verwerfen. „Erhöht das Tempo“, sagt sie ihrer dreiköpfigen Band. Jemand fragt sie, ob sie in Ordnung ist. „Es geht mir verdammt super, Mann. Ich war noch nie glücklicher“, schießt sie zurück. „Ich dreh nur gerade etwas am Rad.“

Hart übt besonders intensiv an ihrem überraschenden Gang auf die Bühne von der Seite der Halle, im Dunkeln, während eine knisternde Gospelplatte läuft. Sie singt a-cappella ›As Long As I Have A Song‹ und atmet tief ein, während sie durch die dunklen Reihen läuft. „Gebt ihnen einen Moment. Lasst sie atmen“, warnt sie ihre Band, als die loslegt. „Wir müssen ein bisschen Platz lassen für das Publikum, damit es reagieren kann. Andererseits ist das mein Leben. Ich bin immer darauf vorbereitet [keinen Applaus zu bekommen].“

Beths frühe Kindheit in L.A. war sehr glücklich. Dann wurde ihr Vertrauen missbraucht. „Mein Dad betrog meine Mom, er verspielte unser Haus und dann ging er ins Gefängnis“, sagt sie. „Wir waren eine wunderschöne Familie, und dann wurde uns allen das Herz gebrochen.“

Es gab noch viele weitere solche Enttäuschungen, und die Inhaftierung ihres Vaters geschah zur selben Zeit wie ein anderes Trauma. „Es gab diesen furchtbaren Überfall, als ich klein war“, erinnert sie sich. „Meine Mutter und meine Schwester Sharon [die später an AIDS starb] wurden den ganzen Tag von Einbrechern gefangen genommen, die meiner Mutter drohten, ihr die Finger abzuschneiden. Meine Ärzte glauben, dass dieses Ereignis meine bipolare Störung auslöste. Mit zehn fing ich an, Drogen zu nehmen, Alkohol zu trinken, und später kam die Sexsucht. Ich versuchte, mich zu betäuben, um mich besser zu fühlen.“

Musik, vor allem, wenn sie alleine Klavier spielte, war der Fluchtpunkt, der sie am we­­nigsten verletzte. Ihren ersten Erfolg konnte Hart 1993 verbuchen, als sie in der Castingshow „Star Search“ zur besten Sängerin gewählt wurde. Im selben Jahr gewann eine frühe Inkarnation von Beyoncés Band Destiny’s Child als beste Gruppe, während Justin Timberlake als bester Sänger im Rennen war. Doch während die zu Superstars wurden, stürzte Beth ab und brannte aus. „Die ganzen 130.000 Dollar gab ich innerhalb von sechs Monaten aus“, sagt sie. „Also spielte ich auf der Straße.“

Dort entdeckte sie ihr heutiger Manager 1994. Mit 22 schien sie schon am Ende zu sein. David Wolff war am Höhepunkt ihres Ruhms Cyndi Laupers Manager gewesen. Heute ist er Ende 60, hat langes, dünnes, weißes Haar und ein schmales, wolfsartiges Gesicht. Er wendet sich mir backstage in der Royal Albert Hall zu und ist ungemein charismatisch.

1 KOMMENTAR

  1. Für mich eine der besten Stimmen im Blues-Rock- Business, wie die einmalige Janis Joplin(RIP).
    Die Frau ist einfach genial……….

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