Titelstory: Die Erfindung des David Bowie

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Im Sommer 1963 sieht er auf einem seiner vielen Ausflüge nach London die frühen Rolling Stones und ist von da an von Brian Jones besessen. Darauf folgen in immer schnellerer Abfolge die Walker Brothers, Jimi Hendrix, Dylan, Flower Power und einiges mehr. Auf seiner Suche nach einer Identität und der Gier nach Aufmerksamkeit entwickelt er also bereits in jungen Jahren eine seiner hervorstechenden Eigenschaften: die Gabe, beliebig zwischen verschiedenen Rollen changieren zu können.

Bald steht für ihn fest, dass er professioneller Musiker werden will. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Eltern dieser Zeit unterstützt der Vater, dem sein eigenes Scheitern in der Entertainment-Branche schmerzvoll in Erinnerung geblieben ist, die Pläne seines Sohnes. Dieser beginnt 1963, mit seinem alten Sandkastenfreund George Underwood gemeinsam Musik zu machen. Eine durchaus nicht immer problemlose Freundschaft, die indes bis zuletzt bestand. Als Bowie 15 ist, haut ihm Underwood im Streit um ein Mädchen aufs Auge. Eine Pupille bleibt daraufhin dauerhaft gelähmt, ein Umstand, dem er verschiedene Augenfarben und diesen besonderen Blick verdankt, um den sich in späteren Jahren die wildesten Spekulationen ranken sollten. Die harmloseste: Die unterschiedlich großen Pupillen seien der endgültige Beweis für Bowies Herkunft von einem fremden Planeten.
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Von derlei Spinnereien war David Jones, wie er sich damals nannte, indes noch weit entfernt. Die sechziger Jahre sind für ihn zunächst eine endlose Aneinanderreihung verschiedener Bands und Projekte. Eine Weile spielt er bei den King Bees, mit denen er für eine allerdings bedeutungslose Aufnahme zum ersten Mal ein Studio von innen sieht, anschließend tritt er den Mannish Boys bei, schließlich gründet er Davy Jones And The Lower Third.

Seine Abende verbringt er zu jener Zeit im Londoner Marquee Club, wo er sich langsam zu einer kleinen Szenefigur aus der zweiten Reihe mausert, da er stets extravagant gekleidet ist und extrovertiert auftritt. In dieser Phase legt er bereits die wesentlichen Grundsteine für seine spätere Bühnenpersona. Lange vor Beginn der Genderdebatten gibt Jones sich zunehmend androgyn, flirtet mit Bisexualität, die bei ihm entgegen spätere Beteuerungen vor allem ein Flirt blieb, und setzt dem bluesgrundierten musikalischen Standard der Londoner Szene einen tremolobasierten, melodramatischen Gesangsstil entgegen. Man kann also in jedem Fall sagen, dass es die Bühnenfigur David Bowie früher als den großartigen Songschreiber späterer Jahre gab. Die Veröffentlichungen seiner damaligen Bands und später als Solokünstler sind überwiegend durchschnittlich und beinahe rührend in ihrer Naivität. Weitaus wichtiger ist da schon die bekannte Namensänderung. Nachdem ein Schauspieler namens Davy Jones in der Szene auftaucht, nennt Jones sich fortan David Bowie – inspiriert übrigens von Jim Bowie, der 150 Jahre zuvor das Bowiemesser erfunden hatte.

Außer dem Namen änderte sich zunächst wenig: In verschiedenen Besetzungen produziert der Sänger Flops in endloser Folge. Seine Texte aus der damaligen Zeit, wie etwa den von „Can’t Help Thinking About Me“, bezeichnete er später selbst zu Recht als dilettantisch. Man muss diese ganze Vorgeschichte kennen, um zu verstehen, welchem Druck sich Bowie über Jahre hinweg aussetzte – und somit das Fundament für seinen späteren Durchbruch legte.

Als er 1966 den 43-jährigen Szeneveteran Kenneth Pitt kennenlernt, der für die kommenden Jahre sein Manager werden sollte, geht es zumindest ein bisschen aufwärts. Pitt handelt für seinen neuen Klienten einen Vertrag beim Rolling-Stones-Label Decca aus, was immerhin dessen prekäre Finanzsituation entspannt. Im Jahr darauf erscheint schließlich das unbetitelte Debüt, das künstlerisch weit entfernt von künftigen Ruhmestaten ist und kommerziell ein totaler Flop.

Bowie hält sich damals mit Lohn- und Auftragsarbeiten über Wasser. Unter anderem schreibt er den Text für eine französische Ballade namens ›Comme d’habitude‹, die er ›Even A Fool Learns To Love‹ tauft und sogar aufnimmt. Der Verleger ist jedoch wenig begeistert und gibt den Auftrag an Paul Anka weiter – dessen Version unter dem Titel ›My Way‹ in der Interpretation von Frank Sinatra ein bis heute aus jedem Radio plärrender Welthit wird.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Vertrag mit Decca läuft aus und wird nicht verlängert. Der Platz auf diesen Seiten reicht bei Weitem nicht, um die unzähligen Jobs aufzuzählen, mit denen Bowie daraufhin seinen Lebensunterhalt bestreitet. Eine dieser verzweifelten Aktivitäten ist ein selbstfinanzierter Werbefilm, zu dem Pitt ihn überredet hatte. Der Streifen ist aus heutiger Sicht bestenfalls skurril, in der musikalischen Entwicklung des Künstlers indes ein Meilenstein. Am 2. Februar 1969 nimmt er einen neuen Song auf, den er, beeinflusst von Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ und der ersten Mondlandung, geschrieben hatte. In der Rolle jenes Major Tom singt Bowie über sein wichtigstes Thema: Entfremdung, Isolation, das Sehnen nach Anerkennung und Liebe. ›Space Oddity‹, so der Name des Songs, bringt ihm einen Vertrag mit dem amerikanischen Label Mercury ein, nachdem er zum ersten Mal überhaupt in den britischen Charts notiert worden war.

Solchermaßen motiviert über sein erstes echtes Erfolgserlebnis und mit Mercury im Rücken spielt er im Sommer 1969 innerhalb von sechs Wochen sein zweites Album in den Londoner Trident Studios ein, für das er eine weitere Version von ›Space Oddity‹ aufnimmt. Das in diversen Ländern unter verschiedenen Titeln veröffentlichte Werk wird heute meist SPACE ODDITY genannt, hieß aber ursprünglich wie schon das Debüt schlicht und ergreifend DAVID BOWIE. Eine heterogene Platte, auf der immer wieder das riesige Talent und die über die Jahre gewachsene Könnerschaft ihres Schöpfers aufblitzt, wie etwa in ›Wild Eyed Boy From Freecloud‹, das aber mit ›Memory Of A Free Festival‹, ›God Knows I‘m Good‹ oder ›Letter To Hermione‹ auch reichlich banalen Kitsch enthielt. Aus heutiger Sicht hat das Werk nicht zuletzt dokumentarischen Wert, bietet es doch einen hervorragenden Überblick über die zahlreichen Inkarnationen und musikalischen Richtungen, mit denen sich Bowie in den Sechzigern beschäftigte. Ein „echter Bowie“ im späteren Sinne ist indes lediglich der freilich grandiose Titelsong.

Dann überstürzen sich die Ereignisse. Zuerst stirbt Bowies Vater John, bald darauf kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung. Die damals 19-jährige Angela Barnett, kurz Angie, ist zypriotisch-amerikanischer Abstammung und wirbelt binnen kürzester Zeit die Londoner Szene auf. Bowie verliebt sich in die junge Frau mit wallenden Kleidern, die meist durchsichtig waren, und die beiden werden schnell zu einem Glamour-Couple des Swinging London. Am 20. März 1970 wird geheiratet, in den folgenden Jahren verbringen die Bowies kaum einmal fünf Minuten getrennt voneinander.

Jede Nacht durchstreiften sie die Clubs und Bars und vögelten dabei so ziemlich alles, was ihnen unter die Augen kam. Der Produzent und Bassist Tony Visconti, mit dem Bowie bis zu seinen letzten Tagen zusammenarbeitete, erinnert sich später an diese Zeit in der Southend Road 42, wo die Bowies in jenen Tagen residieren und unter anderem auch Visconti Unterschlupf gefunden hat: „Man musste nachts die Tür abschließen, wenn die beiden irgendwelche Leute von ihren Streifzügen durch die Schwulen- und Lesbenclubs der Stadt mitbrachten, weil sie nämlich ständig auf die Suche nach frischem Blut gingen.“ Erfahrungen übrigens, die Bowie viele Jahre in die Handlung des Vampirfilms BEGIERDE an der Seite von Catherine Deneuve einfließen lassen sollte.

Und noch jemanden lernt er damals kennen: Mick Ronson. Der lebt in Hull und arbeitet als Gärtner. Ein unspektakulärer britischer lad, der allerdings eine hervorragende Gitarre spielt und dazu fantastisch aussieht. Bowie wählt ihn aus zahllosen Bewerbern als Gitarrist für seine neue Band und hat somit seinen kongenialen Sidekick für die nächsten Jahre gefunden.

SPACE ODDITY war ein erster Achtungserfolg gewesen, nicht mehr. Zudem lebt das Ehepaar auf großem Fuß, gibt haufenweise Geld für Partys, Klamotten und seine völlig überdimensionierte Wohnung aus – es muss also etwas geschehen. Ein erster Schritt, um seine missliche Lage zu verbessern, ist für Bowie die Trennung vom etwas biederen Kenneth Pitt, der ihm in den Jahren zuvor eine Art Vaterersatz geworden war. Fortan legt er seine Geschicke in die Hände von Tony Defries, einem Rechtsberater mit stahlharten Nerven. Der später nur noch als „Mainman Defries“ bekannte Manager ködert Bowie doch tatsächlich mit den abgedroschenen Worten: „Ich mache einen Star aus dir.“

Jenseits der monetären Schieflage ist David vor allem künstlerisch nach wie vor vom Ehrgeiz zerfressen und alles andere als zufrieden. Bekannte erinnern sich an diese Zeit, in der es in nahezu jedem Gespräch mit ihm ausschließlich darum gegangen sei, wie man es schaffen könne, groß rauszukommen. Denn dass genau das irgendwann passieren würde, daran hegt Bowie nicht den geringsten Zweifel, insofern kommt ihm Defries gerade recht. Der ist in den ersten Jahren tatsächlich der entscheidende geschäftliche Antrieb hinter dem kommerziellen Aufstieg. Allerdings hat er seinen Klienten mit zweifelhaften Verträgen, die ihm als Manager 50 Prozent aller Einnahmen garantieren, auch nach Strich und Faden übers Ohr gehauen, was dazu führte, dass Bowie etwa während seiner bislang erfolgreichsten Tournee, nämlich der zu ZIGGY STARDUST, immer wieder Besuch von Gerichtsvollziehern hinter der Bühne bekam, die unbezahltes Equipment abholen wollten. Wie so viele andere hat er später aus dem finanziellen Chaos seiner frühen Karriere eine Lehre gezogen, indem er die Geschäfte zumindest teilweise selbst in die Hand nahm. Das große Geld kam allerdings erst viele Jahre später mit LET’S DANCE, bis dahin lebte Bowie für seinen Status immer wieder in bescheidenen Verhältnissen. Eine Tatsache, die sicher nicht zuletzt seinem gigantischen Appetit auf Kokain während der Siebziger geschuldet war…

Eine der ersten Aktionen von Defries ist der Abschluss eines für damalige Zeiten sensationellen Verlagsdeals, der seinen Schützling bei entsprechendem Erfolg über Nacht reich machen sollte. Vielleicht entfesselt diese Aussicht seine Kreativität, vielleicht ist es aber auch die Zusammenarbeit mit Ronson oder die Tatsache, dass Angie seit einiger Zeit schwanger ist – Duncan Zowie Haywood Jones wird am 30. Mai 1971 geboren. Jedenfalls arbeitet Bowie in den kommenden Monaten wie ein Wahnsinniger und schreibt in Rekordzeit quasi zwei Alben gleichzeitig, HUNKY DORY und THE MAN WHO SOLD THE WORLD.

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