She Rocks: Die Gründermütter des Rock’n’Roll

1957 erlitt Minnie einen Herzinfarkt, zwei Jahre darauf dann einen Schlaganfall, der ihrer Live-Karriere ein Ende setzte. Sie starb 1973 und wurde 1980 in die Blues Foundation Hall Of Fame aufgenommen. Für unzählige Künstlerinnen wurde sie zu einer wichtigen Inspiration, darunter LaVern Baker (ihre Nichte), Maria Muldaur (die 2012 ein Tribute-Al­bum für Minnie machte) und, am be­­kanntesten von allen, Bonnie Raitt, diefür Minnies Grabstein bezahlte.

Muddy Waters hatte nur teilweise Recht, als er sang, „The blues had a baby and named it rock’n’roll“, denn das war sicher keine jungfräuliche Geburt. Der andere Elternteil war die schwarze Gospelmusik der Südstaaten. Die diversen Schreie und stimmlichen Ausschmückungen, die mit einer grenzenlosen Verbindung zur Göttlichkeit in Verbindung gebracht wurden, fanden ihren Weg in den Rock’n’Roll, wo sie eine eher irdische Art der Zusammenkunft zum Ausdruck brachten.

Und niemand verkörperte diesen Wandel vom Heiligen zum Profanen, von der Kirche zur Spelunke, besser als Sister Rosetta Tharpe. Schon im Alter von vier Jahren begeisterte sie als „Little Rosetta Nubin, das winzige Gesangs- und Gitarrenwunder“ die Südstaaten-Live-Szene, die als Gospel Highway be­­zeichnet wurde. In ihren frühen 20ern versetzte sie Zuschauer in der Carnegie Hall und im Cotton Club in Ekstase. Als sie 1951 heiratete, zahlten 25.000 Menschen gutes Geld, um die Hochzeit zu sehen.

Auf der Bühne in ihren besten Kleidern feuerte sie auf einer Gibson SG wilde, fast primitive Gitarrenlicks ab und elektrisierte das Publikum mit ihrer tiefen Soulstimme. Little Richard, Chuck Berry und Johnny Cash nannten sie als großen Einfluss.

Sie kam 1915 in Cotton Plant, Arkansas auf die Welt. Die Identität ihres Vaters ist nicht bekannt, ihre Mutter war Musikerin und predigte in der Church Of God In Christ. Es war eine von wenigen Kirchen, in denen Frauen predigen durften und wo musikalische Darbietungen jenseits des Gesangsbuchs unterstützt wurden. Die perfekte Umgebung für ein Wunderkind, also zeichnete sich Rosettas Lebensweg schon früh ab.

Nachdem sie in der Kirche ihrer Mutter ein Star geworden war, zog sie nach New York, wo der legendäre Talentscout John Hammond sie dem Publikum in der großen Stadt vorstellte. Sie unterschrieb einen Vertrag bei Decca Records, sang mit Lucky Millinders Orchester und schockierte ihre Gospel-Fans, in­­dem sie anzügliche Songs wie ›Four Or Five Times‹ und ›I Want A Tall Skinny Papa‹ aufnahm. Ihr ›Strange Things Are Happening‹ von 1945 ist einer von einer Handvoll Kandidaten für den Titel der allerersten Rock’n’Roll-Platte.

Aber vor allem auf der Bühne stand sie für den Rock’n’­Roll­­­­-Spirit. Es gibt nur wenige Film-Aufnahmen von ihr, doch ein Clip von 1964, aufgenommen an einem Bahnsteig in Manchester, England, sagt ei­­gentlich alles. Das Selbstbewusstsein, die Sexualität…das ist Rock’n’Roll in seiner reinsten Form. Doch über allem steht diese Stimme. Es ist eine Stimme, die direkt aus der menschlichen Seele spricht, die, egal wo oder wer man ist, einen durch die Jahrzehnte fesseln wird.
Sister Rosetta Tharpe starb 1973 mit 58 an einem Schlaganfall. Auf ihrem Grabstein steht: „Sie sang, bis man weinte, und dann sang sie, bis man vor Freude tanzte. Sie half, die Kirche am Leben zu erhalten und die Heiligen jubilieren zu lassen.“

All diese Musik, die Afro-Amerikanerinnen und Afro-Amerikaner spielten – Blues, Gospel, Jumpin’ Jive (hier sei die unglaubliche 40er-Jahre-Frauen-Bigband International Sweethearts Of Rhythm erwähnt) und ihr Prä-Rock-Sprössling namens Rhythm & Blues, vom Radio wenig taktvoll als „Rassen-Platten“ bezeichnet –, wurde in den frühen 50ern zum Berührungspunkt, wo das weiße Amerika begann, die schwarze Kul­­tur zu entdecken. Und im Fall von Rock’n’Roll be­­gann, sie sich einzuverleiben und für ein weißes Publikum „sicher“ zu machen.

In manchen Fällen wurden R&B-Hits durch diese Verwässerung fast unkenntlich gemacht. Die Sinnlichkeit von Ruth Browns ›Oh What A Dream‹ wurde in Patti Pages Version erstickt. Etta James’ erotisches ›Roll With Me Henry‹ wurde von Georgia Gibbs mit Zuckerguss verkitscht (James sagte später: „Sie durfte bei Ed Sullivan auftreten, während ich in irgendeinem miesen Loch in Watts sang“). Doch das beste – und umstrittenste – Beispiel ist wohl Big Mama Thorntons ›Hound Dog‹.
Ich habe mal Jerry Leiber interviewt, die für Texte zuständige Hälfte des le­­gendären Songwriter-Teams Leiber & Stoller, und er erinnerte sich an den Tag 1952, als sie der Bluesröhre Thornton ›Hound Dog‹ mitbrachten. „Sie war das größte, krasseste, ordinärste Mädel, das wir je gesehen hatten. Sie muss 160 kg gewogen haben und hatte im ganzen Gesicht diese Rasiermessernarben. Wie eine Bärin. Ich gab ihr den Text, der auf einer braunen Papiertüte geschrieben stand. Als sie anfing, zu singen…Mann, das haute uns um.“

Die Frau, die 1926 als Willie Mae Thornton auf die Welt gekommen war, hatte sich diese beeindruckende Präsenz und Attitüde schon in jungen Jahren zugelegt – notgedrungenermaßen. Sie war 14, als ihre Mutter starb, und musste sich fortan allein durchboxen. Sie lief von ihrem Zuhause in Montgomery, Alabama davon, um sich der Hot Harlem Re­­view anzuschließen, einer reisenden Varieté-Truppe. Schon als Teenager wusste sie, wie man einen Song niederringt und dazu bringt, unter ihrem schieren Gewicht um Gnade zu flehen. Frühe Beispiele waren ›Mischievous Boogie‹ und ›I Smell A Rat‹. Später prahlte sie, dass ihre Stimme „lauter als jedes Mikrofon“ sei.

1972 erzählte sie dem „NME“ von ihren Anfangstagen auf Tour: „Ich lernte, zu singen, die Mundharmonika zu spielen, sogar das Schlagzeug, nur indem ich anderen dabei zusah. Ich kann keine Noten lesen, aber ich weiß, wo ich singe. Wenn ich einen Blues höre, der mir gefällt, versuche ich, ihn auf meine eigene Art zu singen. Es ist immer am besten, etwas eigenes zu haben. Ich singe wie niemand außer mir selbst.“

Ein Engagement bei Johnny Otis führte zu ihrem ersten Auftritt im prestigeträchtigen Apollo Theater in New York. „Da machten sie ihren Fehler“, sagte sie mit typischem Selbst­­bewusstsein. „Sie ließen mich zuerst auf die Bühne. Ich wollte mir unbedingt einen Namen machen, und das tat ich. Ich haute sie alle um. Danach sagte der Manager, dass er mich zum Headliner macht.“

Doch Thorntons ›Hound Dog‹, ihr berühmtester Song – der sich mehr als eine halbe Million mal verkaufte und Platz 3 der R&B-Charts erreichte –, wurde ein Jahr später ganz ähnlich von Elvis Presleys Version in den Schatten gestellt. Über die nächsten paar Jahrzehnte spielte sie weiter in Spelunken und Clubs für einen mageren Lebensunterhalt, während sie mit ihrer Liebe zur Flasche kämpfte.

Abgesehen von einem explosiven Auftritt beim Monterey Jazz Festival 1964 folgte ihre Karriere der vieler amerikanischer Blueskünstler: Sie tourte durch Europa und machte Alben, die in ihrer Heimat größtenteils ignoriert wurden. Das Highlight ihres Spätwerks ist BIG MAMA THE QUEEN AT MONTEREY mit einer Allstar-Backing-Band aus Muddy Waters, Otis Spann und James Cotton.

Thornton starb 1984 im Alter von 57 Jahren. Ihre mächtige Stimme war ein großer Einfluss für Janis Joplin. Nachdem Joplin 1967 das von Big Mama geschriebene ›Ball And Chain‹ gecovert hatte, sagte Thornton: „Das Mädel fühlt sich an wie ich.“ Leider hatte ihre Plattenfirma die Verlagsrechte ohne ihr Wissen verkauft, also sah sie nie einen Cent Tantiemen von Joplins Version.

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