Pink Floyd: Die Entstehung von ATOM HEART MOTHER

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Pink Floyd: Die Entstehung von ATOM HEART MOTHER

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Sie hatten keine Ahnung, wohin ihre Reise ging oder was sie tun wollten, und sie arbeiteten zum ersten Mal mit einem Soundtrack-Komponisten zusammen. Dennoch landeten Pink Floyd mit ATOM HEART MOTHER ihre erste Nummer 1. Wir blicken zurück auf die schwierige Entstehung eines der unterschätztesten, aber doch wichtigsten Werke der Band.

Sommer 1970: LG Wood, der Ge­schäftsführer von EMIs Record Division, sah sich das Cover von Pink Floyds neuem Album ATOM HEART MOTHER an. Es war damals die Politik des Labels, dass Wood sämtliche Artworks persönlich absegnen musste, doch hier war eines ohne Titel oder gar den Bandnamen. Es war einfach nur eine Kuh in einem Feld. In der Annahme, es würden IRGENDWO auch Wörter stehen, drehte er die Platte um – und fand nichts als noch mehr Kühe. Laut eines Augenzeugen konnte der erstaunte Boss sich außer „Ah, Holstein­ Rinder“ keiner­lei Kommentar abringen.

Drei Monate später wurde ATOM HEART MOTHER das erste Album von Pink Floyd, dass in Großbritannien Platz 1 erreichte. Die Strippenzieher von EMI wussten längst, dass haarige Rockbands mit seltsamen Frisuren viele Platten verkauften. Und jetzt konnten sie das offenbar auch, ohne ihren Namen oder
den Titel des Werks auf dem Cover zu nennen. Einfach nur eine Kuh. In einem Feld. Das gigantische 33­CD­-Boxset THE EARLY YE AR S 1965-­1972 von 2016 mag ATOM HEART MOTHER und dem Soundtrack zu „Zabriskie Point“, der das Titelstück inspirier­te, mit DEVI/ATION einen kompletten seiner sieben Teile gewidmet haben, auf dem sich auch die früheste bekannte Aufnahme der AHM­ Suite fand. Dennoch ist die Platte heute mehr für ihr Artwork als die Musik darauf bekannt. Wenn man sich heute wieder damit befasst, ist es wie eine Reise in ein Paralleluniversum voller epischer Orchestersuiten und Songs, die aus den Klängen von brodelnden Wasserkochern und brutzelndem Speck erschaffen wur­den.

Pink Floyd würden noch bessere Alben machen, doch ATOM HEART MOTHER bleibt der Zenit ihrer experimentellen Phase – oder wie es Gitarrist David Gilmour später bezeich­nete: „unser seltsamer Scheiß“. Das Werk, das mit einer Kuh in einem Feld in Potters Bar, Hertfordshire endete, nahm seinen Anfang mehr als ein Jahr zuvor in Rom. Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni hatte Pink Floyd beauftragt, den Soundtrack zu seinem nächsten Film „Zabriskie Point“ beizu­steuern. Im November 1969 trafen sie in Rom ein, um mit den Aufnahmen zu beginnen. Antonionis Film „Blow Up“ von 1966 war ein unbeholfenes Porträt des Swinging London gewesen, „Zabriskie Point“ dagegen war ein Drama über radikale US­-Studenten, die „the man“ bekämpften, Sachen in die Luft jagten und viel Sex hatten.

Die frühen Pink Floyd feierten das Un­erwartete und verfolgten die Idee, wie Schlagzeuger Nick Mason sagte, „mehr als nur eine Popgruppe“ zu sein. Nach dem Dezember 1968 hatten sie aufge­hört Singles zu veröffentlichen, und ihrem zweiten Album A SAUCERFUL OF SECRETS aus demselben Jahr ließen sie den Soundtrack für den Arthaus-­Film „More“ folgen. Danach kam 1969 das jeweils zur Hälfte aus Studio­ und Live­-Takes beste­hende UMMAGUMMA, inklusive Roger Waters’ Experiment mit der Musique concrète: ›Several Species Of Small Furry Animals Gathered Together In A Cave And Grooving With A Pict‹. Es bestand aus gefundenen Geräuschen, über die der Komponist in einem schot­tischen Akzent wütete „Zabriskie Point“ war der nächste Schritt in der wendungsreichen musika­lischen Geschichte von Pink Floyd, doch die Band begriff schnell, dass Antonioni ein unmöglicher Zuchtmeister war. „Wir machten großartige Sachen“, behauptete Waters. Doch der Regisseur war besorgt, dass die Musik seinen Film überschatten würde, und kritisierte alles. „Man änder­te das, was ihm missfiel, doch er war immer noch nicht zufrieden. Es war die Hölle.“

Zwei Wochen hielten sie es in Rom aus, bevor sie wieder nach Hause flo gen. „Zabriskie Point“ erschien im Feb­ruar 1970 und war ein donnernder Flop. Auf dem Soundtrack fanden sich letztlich nur drei Stücke von Pink Floyd, verstärkt durch Songs von u.a. Grateful Dead. Doch die ausgemusterten Out­takes ihres Materials enthielten eine Sequenz, aus der sich später die ›Atom Heart Mother‹­ Suite entwickeln sollte.„Dave [Gilmour] kam mit dem ursprünglichen Riff an“, erzählte Waters dem Capital-­Radio­-DJ Nicky Horne. „Wir hörten es uns alle an und dachten: ‚Oh, das ist ziemlich gut…‘ Aber wir dachten auch alle dasselbe, nämlich dass es wie das Titellied eines furchtba­ren Westernfilms klang.“ Man geht heute davon aus, dass sie die erste Version ihres neuen Instru­mentals am 17. Januar 1970 im Lawns Centre in Hull spielten. Doch sie waren nach wie vor unentschlossen über ihr nächstes Studioprojekt. „Wir werden die Musik für eine Zeichentrick-­Fern­sehserie von Alan Aldridge namens ‚Rollo‘ machen“, kündigte Waters im „Melody Maker“ an. „Es ist ein bisschen wie ,Yellow Submarine‘, über einen kleinen Jungen im Weltall.“ Doch Waters erwähnte „Rollo“ nie wieder. Stattdessen gingen Pink Floyd Anfang März in die Abbey Road Studios von EMI und nahmen die Aufnahmen für ihr jüngstes Unterfangen in Angriff.

Das Label hatte gerade die neuesten Achtspur­-Tonbandgeräte installiert, die mit speziellen 1­-Zoll­-Bändern funktio­nierten, und bestand darauf, dass man diese Tapes nicht schneiden und für Edits verwenden konnte. Was bedeute­te, dass Waters und Mason die wenig beneidenswerte Aufgabe hatten, den Backing-­Track für ihre neue Kompositi­on in einem Take von 23:44 Minuten aufzunehmen. „Das verlangte unserem begrenzten musikalischen Talent wirk­lich alles ab“, beschrieb es Mason in sei­nen Memoiren „Inside Out“. Die Band hatte das Stück zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Wochen live gespielt und das Arrangement immer wieder verändert. „Wir fügten Elemente hinzu, subtrahierten und multiplizierten sie“, so Mason. „Doch es schien immer noch etwas Essenzielles zu fehlen.“ Letztendlich beschloss man, dass dies ein Orchester und ein Chor war. Doch zuerst musste jemand einen Score dafür schreiben. Vorhang auf für Ron Geesin, einen Banjospieler, Pianisten, Poeten und Autor aus Ayrshire.

Er hatte seine Karri­ere Anfang der 60er in einer Jazzband begonnen. 1970 komponierte er Sound­tracks für das Fernsehen in seiner Kel­lerwohnung in Notting Hill, die auch als sein Studio fungierte. Mason lernte Geesin durch einen gemeinsamen Freund kennen , den Tour­-Manager der Rolling Stones Sam Jonas Cutler. Geesin kannte die Musik von Floyd nicht, und als er sie hörte, war er nicht unbedingt beeindruckt. „Ich nannte sie ‚astrale Wanderungen‘“, sagte er. Geesin zog zudem die Oper dem meisten Rock’n’Roll vor und nahm Mason, Gilmour und Keyboarder Rick Wright mit, um in Covent Garden Wag­ners „Parsifal“ zu hören. „Ich denke, es sagt einiges aus, dass sie alle einschlie­fen“, motzte er. Dennoch war Geesin die offensichtli­che Wahl, um den Score zu komponie­ren. Er und Waters schrieben bereits an der Musik zu der Wissenschaftsdoku­mentation „The Body“. Gemeinsam er ­schufen sie einen Soundtrack aus kon­ventionellen Instrumenten und allerlei „menschlichen Geräuschen“ wie Atmen, Sprechen und Furzen. ATOM HEART MOTHER sollte einen ähnli­chen Mix aus gewöhnlichen und außergewöhnlichen Klängen darbieten.

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