Pink Floyd: Die Entstehung von ATOM HEART MOTHER

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Pink Floyd: Die Entstehung von ATOM HEART MOTHER

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Die Platte endete mit ›Alan’s Psychedelic Break­fast‹, einem mäandernden Instrumental, bereichert um den Klang des Roadies Alan Styles, der Speck, Eier und Toast machte, und wie­dergegeben in üppigem
quadrophonischen Sound. „Ein Take hieß ‚Egg Frying Take One’, gefolgt von einem ‚Whoops!‘, als das Ei
auf den Boden fiel“, erinner­te sich Parsons. ›Alan’s Psychedelic Break­fast‹ ist ziemlich interessant, sagte
Mason, der es als sein Baby betrachte­te, „aber in gewisser Weise sind die Klangeffekte das Interessanteste.“ „Das war das am offensichtlichsten zusammengeschusterte Stück, das wir je gemacht haben“, meinte hingegen ein wenig beeindruckter Gilmour. Die Fans verbrach­ten jedenfalls Jahr­zehnte damit, darü­ber nachzudenken, was das filmreife Prog-Rock-Concerto, die folkigen Balladen und die bratenden Eier auf ATOM HEART MOTHER tatsächlich bedeuteten. Doch niemand, einschließlich Pink Floyd, war sich da so sicher. Storm Thorgerson und Aubrey „Po“ Powell von Hipgnosis, die mit dem Cover-­Art­work betraut wur­den, hatten ebenfalls keine Ahnung. Den Vorschlag mit der Kuh meinten sie
eher als Witz, doch die Band liebte die Idee.

Nachdem die Entscheidung für dieses auffällige Covermotiv gefallen war, fehlte nur noch ein Titel, und THE AMAZING PUDDING fiel durch. Die Inspiration kam am 16. Juli, als Pink Floyd eine Konzertsession für den Radio­-DJ John Peel aufnahmen (die sich auch auf DEVI/ATION findet). Der einstige BBC­-Produzent Jeff Griff in war an jenem Abend im Paris Cinema Studio des Senders. „John las den ‚Evening Standard‘ und Roger blickte ihm über die Schulter“, verriet Griffin. „Peely sagte: ‚Komm schon, was ist der Name von diesem Stück? Wetten, dass du was in der Zeitung findest?‘ Auch Ron Geesin war anwesend, der darauf besteht, dass er es gewesen sei, der Waters dazu aufgefordert habe, in die
Zeitung zu blicken . „Ich sagte: ‘Euer Titel ist da drin.” Und das war er. Waters blätterte durch die
Seiten und hielt inne bei einem Artikel mit der Über­schrift „Atom Heart Mother Named“. Darin ging es um
56-Jährige, der ein Herzschrittmacher eingesetzt worden war, der von radioaktivem Plutonium angetrieben wurde. „Roger sagte: ‚Das ist es! ATOM HEART MOTHER!‘ Was rein gar nichts mit der Musik zu tun hatte“, so Griffin mit einem Lachen. „Wir fragten: ‚Warum?‘, doch die Band entgegnete nur: ‚Warum nicht?‘“

Zwei Tage darauf traten Pink Floyd nach Roy Harper, Kevin Ayers, der Edgar Broughton Band und anderen als Headli­ner bei einem Gratiskon­zert im Londoner Hyde Park auf. Sie spielten ›Atom Heart Mother‹, wiederum mit dem John Alldis Choir und dem Philipp Jones Brass Ensemble . Doch Ron Geesin verließ die Show in Tränen. „Die Darbie­tung der Bläser war furchtbar“, sagte er Geesin hatte an ›Atom Hear t Mother‹ mitgeschrieben, muss­te es jedoch seinen eigenen Weg in die Welt finden lassen. Der Bandmanager Steve O’ Rourke erinnert ihn bald an den immerwähren­den Kampf zwischen Kunst und Kommerz. Geesin hatte seinen ursprünglichen Score in Akte untergeteilt, die er von A bis Q geordnet hatte. „Das war eine prakti­s ch e N o t we n di g ke i t , damit ich sehen konn­te, wohin ich beim Schreiben ging, aber wir gingen alle davon aus, dass es ein Track war.“ O’ Rourke sagte ihm, dass die Suite aufgrund des US-Plattenvertrags von Pink Floyd so schnell wie möglich in separat betitelte Akte aufgeteilt werden musste, „ansonsten würden sie nur für einen Song Tan­tiemen bekommen.“

Geesin und die Band machten gemeinsam sechs Akte daraus, und der Schotte schlug den Titel ›Father ’s Shout‹ nach einem sei­ner Helden vor, dem amerikanischen Jazzpianisten Earl „Fatha“ Hines. Die Band schlug andere Titel basierend auf dem Kuh­-Motiv des Covers vor, darun­ter ›Funky Dung‹ und ›Breast Milky‹. Aus Geldgründen wurden aus einem Song also sechs. Was sich als kluge Entscheidung erwies. ATOM HEART MOTHER erschien am 2. Oktober 1970 und er reichte Platz 1 in Großbritannien, ihr bislang größter Erfolg. „Beat Instru­mental“ lobte es als „eine absolut fan­tastische Platte“, und das US ­Magazin „Circus“ beschrieb das Album, das in den USA auf Platz 55 kam, folgender­maßen: „trip trip trip, a tippy top trip“.Kurz nach der Veröffentlichung fragte Regisseur Stanley Kubrick an, ob er die Suite in seinem kommenden dystopischen Drama „Uhrwerk Oran­ge“ verwenden dürfe. Doch Kubrick wollte das Stück schneiden, also lehn­ten Floyd ab. Das Albumcover war jedoch kurz im Film zu sehen. Heute hat Ron Geesin gemischte Gefühle über sein berühmtestes Werk.

Sein nächster großer Auftrag war der Score für „Sunday, Bloody Sunday“ von John Schlesinger. Seitdem hat er Klang­ und Videoinstallationen erschaffen und bahnbrechende elektronische Musik aufgenommen.„Ich würde gerne aufstehen und sagen: ‚Sieh her, Welt! Ich habe 2.000 Stücke Musik gemacht, und einige von ihnen sind meiner Meinung nach viel besser als ›Atom Heart Mother‹, aber niemand hat sie gehört‘.“ Außerdem störte es ihn ein wenig, dass er nie auf dem Album erwähnt wurde. „Obwohl das nie mit der Gruppe diskutiert wur­de“, wie er erklärte. Die ›Atom Heart Mother‹­ Suite war 1970 und 1971 ein fester Bestandteil der Floyd ­Setlists , bis sie von dem nächsten eine gesamte Plattenseite ein­nehmenden Epos ›Echoes‹ ersetzt wurde. Roger Waters spielte auf seinen frühen Solotourneen ›If‹, während David Gilmour auf seiner Tour zu ON AN ISLAND 2006 ›Fat Old Sun‹ wie­derbelebte. Doch die Bandmitglieder äußerten sich oft kritisch über das Titelstück des Albums.

Waters nannte es „Müll“, Gilmour beschrieb es einst als „absoluten Abfall“. Doch die Zeit heilt alle Wunden. 2008 gesellte sich Gilmour beim Chel­sea Festival zu Geesin auf die Bühne, um die Suite zu spielen, gemeinsam mit der Cellistin Caroline Dale, einem Kammerchor, Bläsern vom Royal Col­lege Of Music sowie einer italienischen Floyd-Tribute-band namens Mun Floyd. Geesin widerstand der Versu­chung, im Vorfeld zu viel am Score zu ändern. „Das ist ein geformtes Werk“, sagte er. „Man sollte nicht zu sehr daran herumpieksen, sonst fällt es aus­einander.“ Egal, welche Zweifel Pink Floyd auch über ATOM HEART MOTHER gehegt haben mögen, erwies es sich doch als wichtiger Schritt auf dem Weg zu ihrem die Welt erobernden Monumentalwerk T HE DARK SI DE OF T HE MOON . Doch es ist noch mehr als das . ATOM HEART MO­THER feiert die gewollt experimentel­le Seite von Pink Floyd. Vor den gro­ßen Hits und dem noch größeren Geld ist das der Klang einer widerspensti­gen Artrock-­Band, die in den Abbey Road Studios mächtig auf die Kacke haute, während ihre EMI­-Zahlmeister sich wunderten, was zum Teufel sie da anstellten. Genau wie diese Holstein­ Kuh, die skeptisch vom Cover blickt, fordert einen die Musik auf dieser Platte her­aus , sie mag verwirrend sein, zieht einen aber doch irgendwie in ihren Bann. Und fünf Jahrzehnte später klingt der “seltsame Scheiß”, wie David Gilmour es nannte, besser als je zuvor

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