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Start Blog Seite 218

Todd Rundgren: Der Universal-Wizard

Ist Todd Rundgren nicht in erster Linie Musiker? Schon, aber auch als einfallsreicher Produzent hinterließ er tiefe Spuren, ebenso als Förderer neuer Technologien.

Seinem Biographen Paul Myers vertraute Todd Rundgren 2010 etwas an: Er betrachte sich gar nicht als Produzenten und nutze das Studio lediglich als Werkzeug, um musikalische Darbietungen zu realisieren. Okay. Aber entspricht das nicht haargenau der Definition eines Produzenten? Schon,oder? Wie dem auch sei: Todd Harry Rundgren, 1948 in Philadelphia geboren, zog nach der Auflösung seiner Band Nazz nach New York, wo er 1969 den Folk-Impresario und Dylan-Manager Albert Grossman kennenlernte. Der hatte gerade sein Bearsville-Studio nahe Woodstock eröffnet und suchte Personal.

Als Toningenieur betreute Rundgren STAGE FRIGHT von The Band, produzierte mit RUNT das Debütwerk seiner eigenen Gruppe, sowie das erste Lebenszeichen von Halfnelson, die kurz darauf unter ihrem neuen Namen Sparks reüssieren sollten. Derlei Zweigleisigkeit war fortan Programm, einerseits verfolgte Rundgren seine eigene Solokarriere, andererseits produzierte er Acts wie Grand Funk Railroad, Hall & Oates und die New York Dolls. Was ihn schon damals auszeichnete, war seine grenzenlose Neugier auf innovative Technologien, vor allem Synthesizer hatten es dem Multiinstrumentalisten angetan.

Im Gegensatz zu manch gelernten Tontechnikern und Produzenten pflegte er jedoch stets einen ziemlich freigeistigen Do-it-yourself-Ansatz: Gut ist, was interessant klingt – ganz egal, ob die dazugehörige Bedienungsanleitung vor „unsachgemäßem Gebrauch“ warnt. Der ganz große Coup gelang dem tendenziell exzentrischen Mischpult-Magier 1977 mit Meat Loafs BAT OUT OF HELL. Mit den Herren Aday, Steinman und Rundgren hatten sich zweifellos die Richtigen gefunden, hier wurde nicht gekleckert, sondern opernhaft geklotzt und pompös aus allen Rohren geschossen. Ein Jahr später organisierte Rundgren das erste interaktive TV-Konzert, in den 80ern zählte er dann zu den Pionieren digitaler Produktionstechniken.

Computer und das Internet eröffneten ihm schließlich ganz neue Perspektiven, mit NO WORLD ORDER veröffentlichte er 1994 die erste interaktive CD, bei der die Hörer auf das laufende Programm Einfluss nehmen konnten. Private Fun-Facts werden in dieser Rubrik gemeinhin komplett ignoriert, sofern sie keine beruflichen Auswirkungen hatten. Doch war es eben eine gewisse Bebe Buell, mit der Rundgren in den 70ern liiert war. Also zu jener Zeit, als sie eine Affäre mit Steven Tyler hatte. Deren gemeinsame Tochter Liv, geboren 1977, trug zuerst den Nachnamen Rundgren (netter Zug, Todd!), das „Tyler“ kam erst später hinzu. Aber eigentlich heißt sie ja ohnehin Arwen Undómiel, oder? Aber zurück zu Todd: Der stand 2019 für die Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame zur Debatte, woraus aber nichts wurde. Wie er einer Zeitung in Charleston, South Carolina verriet, juckt ihn das allerdings herzlich wenig: „I don’t care“.

Die fünf Gesichter von Deep Purple: Don Airey

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„Onkel Don“ – so nennen seine Bandkollegen Don Airey manchmal, und es ist nicht schwer zu begreifen, warum. Der in Sunderland geborene Keyboarder ist die personifizierte Umgänglichkeit, und dieser Wesenszug hat ihm dabei geholfen, Engagements bei einigen der schwierigsten Persönlichkeiten im Hardrock zu überleben, von Gary Moore bis Ritchie Blackmore. Seine mittlerweile 18 Jahre bei Deep Purple sind die längste Zeit, die er je in einer Band war, doch ihm ist bewusst, dass auch das eines Tages enden wird. Wann genau, ist jedoch noch unklar. „Ich stöberte vor ein paar Tagen durch meine Memorabilia und stieß auf etwas, auf dem stand: ‚The Long Goodbye Tour, 2017‘.“ Aber das war gar nicht der lange Abschied, oder? Doch, es ist nur ein längerer Abschied, als wir dachten. Nein, ich dachte wirklich, dass wir es damit beenden würden. Der Plan war wohl, dass wir in den nächsten bei-den Jahren noch ein paar Termine hier und da spielen, und das war’s. Doch wenn man mal sagt, dass man verfügbar ist, kommen ständig neue Termine dazu. Die Band hat da eigentlich keine Kontrolle darüber.

Warst du überrascht, als die Band beschloss, dieses neue Album zu machen?

Wir hatten nicht damit gerechnet, nochmal ins Studio zu gehen, aber alle waren bereit dafür. Wir hatten viel Material und alle hatten Lust darauf.

Und ihr hattet Bob Ezrin.

Er duldet keine Verzögerungen, da gibt es keine Ausreden. Der Job wird erledigt, egal was. Er ist genial darin, alle zusammenzutreiben und auf denselben Weg zubringen. Ich begreife nicht, wie er das macht, er ist mir immer um mindesten szwei Schritte voraus.

Hatte diese Disziplin vorher gefehlt?

Als ich dazustieß, waren sie komplett schockiert, dass Jon ausgestiegen war. Aber ich glaube, die Band war damals in einer ziemlich faulen Phase. Schon lustig: Ich stieg ursprünglich für drei Konzerte ein, und 18 Jahre später bin ich immer noch da.

Wie waren diese Anfangstage?

Zunächst hatte ich einige Probleme und erinnere mich an eine Unterhaltung mit Gillan darüber. Er sagte: „Konzentriere dich einfach auf das Keyboard, das solltest du tun. Sei einfach der Keyboarder“. Das war etwas, das Ritchie zu ihm gesagt hatte: „Konzentriere du dich einfach auf deinen Gesang, und ich konzentriere mich auf die Gitarre“.

Steve Morse sagt, die Fans hätten ihn erst gehasst. War das für dich auch so?

Da war dieser Typ, der in einem Jon-Lord-T-Shirt zu den Konzerten kam, in der ersten Reihe stand und richtig traurig aussah, wie Dr. Death. Das irritierte mich eine Zeit lang ganz schön. Doch dann fing er an, zu meinen Soloauftritten zu kommen. Er entschuldigte sich gewissermaßen bei mir – er sagte, er hatte das nicht so gemeint.

Mir fällt keine andere Band ein, zu deren Fans Lars Ulrich, der einstige englische Nationalfußballer Rodney Marsh und ein ehemaliger Präsident Russlands zählen.

Wir trafen Dmitri Medwedew mal zum Abendessen im Gorki-Palast. Wir fuhren irrwitzig schnell durch Moskau, auf der falschen Straßenseite. Der damalige US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte gerade einen Termin gehabt, wir waren gleich nach ihm dran. Mit 15 war Medwedew Amateur-DJ gewesen und hatte Deep-Purple-Platten aufgelegt. Er schickte der Kommunistischen Partei eine Liste der Sachen, die er spielen würde, und ignorierte sie dann komplett.

Und Wladimir Putin? Ist er ein Mk-III-oder Mk-IV-Typ?

Ich vermute, er ist kein Fan von uns.

Das aktuelle Line-up besteht seit 18 Jahren. Was ist das Geheimnis?

Man wird älter und begreift, dass man einfach nur losziehen und vor Menschen spielen will. Der ganze andere Egokram stünde dabei nur im Weg. Ich war in vielen Bands, bei denen schlechte Launeder Standardmodus war. Bei Purple haben wir diese stille Kameradschaft. Ich sah die Stones im Hyde Park und konnte gar nicht zählen, wie viele Leute da auf der Bühne waren: zwei Keyboarder, fünf Sänger, zwei zusätzliche Gitarristen. Bei Purple stehen nur wir fünf auf der Bühne. Darum geht es.

Kannst du dir eine Zeit vorstellen, in der Purple kein Teil deines Lebens mehr sind?

Das ist etwas, das ganz natürlich passieren wird. Doch bei allem, was gerade auf der Welt geschieht, kann niemand vorhersagen, wie sich diese Pandemie entwickeln und wohin uns das führen wird. Vielleicht ist es tatsächlich schon passiert, wer weiß?

(Text: Daryl Easlea)

Rock the Ring: So sah es bei dem Festival aus

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Zwischen dem 16. und 18. Juni stieg in Hinwil in der Schweiz das Rock-The-Ring-Festival. In diesem Jahr standen auf der Line-Up-Liste einige Hochkaräter. So spielten Accept, Airbourne, Alice Cooper, Thunder, Steel Panther (mit neuem Bassisten), Black Label Society und einige mehr unter dem glühenden Sommerhimmel.

Unser Fotograf Björn Trotzki war vor Ort und hat die schweißtreibenden Shows visuell festgehalten.

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Kiss: Live in der Barclays-Arena, Hamburg (13.06.)

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Am 13. Juni machten Kiss im Rahmen ihrer (durch die Pandemie zwei Jahre unterbrochenen) „End Of The Road“-Abschiedstour in Hamburg in der Barclays Arena Halt. Unser Fotograf Frank C. Dünnhaupt war vor Ort und hat eine der letzten Shows der „heißesten Bands der Welt“ auf deutschem Boden festgehalten.

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Werkschau: The Beach Boys

Der Archetyp der kalifornischen Popband hat wahre Meisterwerke veröffentlicht – aber auch ziemlichen Schrott. Wir trennen die Spreu vom Weizen.

Wer in den vergangenen 50 Jahren ein Radio besaß, der hat sie fast zwangsläufig schon einmal gehört: die perfekten Harmoniegesänge der Beach Boys, meist verpackt in fröhlich-flockige Zweieinhalbminuten-Popsongs. Ein Stückchen Kalifornien, das auch europäische Winter erträglicher macht. Oden an die Sonne, den Strand und einen freien, unbesorgten Lebensstil. Doch die Beach Boys konnten auch anders. Ganz anders.

Als Mitte der sechziger Jahre Songs über Surfbretter und Hot Rods an Relevanz verloren, nahm der kreative Freigeist Brian Wilson, Bassist, Sänger, Produzent und ambitioniertester Songwriter der Band, die Herausforderung an: Inspiriert vom sich wandelnden Zeitgeist – und von den experimentelleren Werken der Beatles – wuchs der schüchterne, etwas eigenbrötlerische Perfektionist über sich hinaus. Und schuf opulent inszenierte Pop-Meisterwerke, die sich ihrerseits als stilprägend erweisen sollten.

Das Drama nahm dennoch seinen Lauf. Brian Wilson, psychisch labil, hatte sich längst vom Tourneegeschäft zurückgezogen, brütete in seinem Strandzimmer an neuen Songs – die vom Rest der Band nicht immer goutiert wurden. In den späten sechziger, frühen siebziger Jahren nahmen die Beach Boys anständige Alben auf, doch ihr Stern begann langsam zu sinken. 1988 gelang ihnen mit dem allzu leichtgewichtigen Soundtrack-Beitrag ›Kokomo‹ zwar noch ein Hit, doch darüber hinaus waren sie eher ein Fall für „Oldies“-Tourneen. Schlagzeuger Dennis Wilson war bereits 1983 bei einem Tauchunfall ertrunken, zwei Jahre nach dem vorerst letzten Album starb 1998 sein Bruder Carl an Krebs. Die Beach Boys schienen endgültig Geschichte zu sein, doch im Frühsommer 2012 erschien mit THAT’S WHY GOD MADE THE RADIO tatsächlich ein neues Studioalbum – abgesehen von ein paar Durchhängern ein erstaunliches Comeback.

Unverzichtbar

Pet Sounds
CAPITOL/EMI, 1966

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Nicht nur ein Klassiker des Sixties-Pop, sondern der Popkultur schlechthin: Produzent Brian Wilson nutzte die Möglichkeiten des Studios auf geniale Weise aus, schichtete elektrische und orchestrale Klänge zu perfekt inszenierten Pop-Symphonien. Soviel zum handwerklichen Aspekt, der ohne entsprechendes Songmaterial hohle Fassade geblieben wäre, doch auch hier gab sich Wilson keine Blöße: Der Opener ›Wouldn’t It Be Nice‹ überrascht mit dynamischen Tempo-wechseln, ›God Only Knows‹ ist das wohl schönste Liebeslied aller Zeiten, ›Caroline, No‹ brilliert mit Cembaloklängen und leicht jazzigem Feel.

The Smile Sessions
CAPITOL/EMI, 1966/2011

Smile sessions
SMILE, als Nachfolger von PET SOUNDS gedacht, geriet für Brian Wilson zum Fiasko: Die Band, allen voran Sänger Mike Love, mochte sein abstraktes Konzept nicht, die Plattenfirma zauderte – und brachte statt dessen das wesentlich glattere und seiner ursprünglichen Exzentrik beraubte SMILEY SMILE heraus. Die Originalbänder von 1966 habe Wilson zerstört, hieß es lange – ein Irrtum, der es 2011 ermöglichte, dieses schon mythenumwobene „lost album“ der doch noch zu veröffentlichen: Auf THE SMILE SESSIONS finden sich neben den Original-Takes auch allerlei Alternativversionen.

Aus Brian Wilson’s Solowerken

That Lucky Old Sun
CAPITOL/EMI, 2008

That Lucky Old Sun
›I Just Wasn’t Made For These Times‹ hieß 1966 einer von Brian Wilsons Songs, eine Aussage, in der mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt. Mit THAT LUCKY OLD SUN schuf er jedenfalls einen Songzyklus, der 2008 mit seinen narrativen Passagen wie aus der Zeit gefallen schien – eine allumfassende Rückkehr zu den Ursprüngen, treffend und bisweilen melancholisch untermalt von Songs wie ›Going Home‹, ›California Role‹, ›Forever She’ll Be My Surfer Girl‹ und ›Southern California‹. In einem früheren Jahrhundert wäre Brian Wilson wohl „Hofkapellmeister“ geworden…

Brian Wilson Reimagines Gershwin
WALT DISNEY RECORDS, 2010

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Es ist leider so: Wenn sich Popmusiker an jazzigen oder klassischen Vorlagen vergreifen, kann das ganz schnell zum künstlerischen Totalverlust führen. Aber eben nicht bei Brian Wilson, der das Gershwin-Material in erfreulich eigenwillige Arran-gements kleidete. Begleitet von großem Orchester, sind die 14 Stücke eine im positiven Sinne seltsame Mixtur aus Beach-Boys-Pop, Jazz, Great American Songbook, Klassik und Easy Listening. Fraglos ein bemerkenswertes Stück Musik, doch eine gewisse stilistische Offenheit sollte der geneigte Hörer schon mitbringen.

Wunderbar

Sunflower
REPRISE RECORDS, 1970

sunflower
Die späten Sechziger waren keine leichte Zeit für die Beach Boys – der „typisch kalifornische“ Sound kam jetzt von Hippie-Heroen wie den Grateful Dead, und die klangen völlig anders. Nach eher mittelmäßigen Werken gelang ihnen mit SUNFLOWER jedoch der Befreiungsschlag. Streckenweise bemerkenswert rockig, dann wieder gewohnt harmonieverliebt, bewiesen die Beach Boys zumindest eines: Dass sie noch immer in der Lage waren, zeitgemäße, relevante Songs zu schreiben. Etwa ›All I Wanna Do‹, ›It’s About Time‹ und ›This Whole World‹. Nur bekam das damals kaum jemand mit: Die Verkäufe waren sehr mäßig.

Surf’s Up
REPRISE RECORDS, 1971

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Die Beach Boys hatten kreativ betrachtet einen regelrechten Lauf: SURF’S UP, der Nachfolger von SUNFLOWER, manifestierte ihren Wechsel zu zeitgenössischen Sujets – etwa ›Student Demonstration Time‹, ein ungewohnt direktes Statement wider die damals eskalierende Poli-zeigewalt. Ökosongs wie ›A Day In The Life Of A Tree‹ und ›Don’t Go Near The Water‹ muten aus heutiger Sicht naiv an, spiegelten aber das geschärfte politische Bewusstsein der Band. Ein musikalisch und weitgehend auch textlich gehaltvolles Album, das seinerzeit zwar kein Megaseller war, aber doch deutlich erfolgreicher als der Vorgänger.

Summer Days (And Summer Nights!!)
CAPITOL/EMI, 1965

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Einer der Höhepunkte der hochproduktiven Prä-PET-SOUNDS-Phase: Kein konzeptioneller Überbau, keine exotischen Stu-dioexperimente, aber ein Dut-zend prägnanter, überaus kurzweiliger Pop-Songs. Vier davon fehlen auf kaum einem der vielen Best-Of-Sampler: das Phil-Spec-tor-Cover ›Then I Kissed Her‹, ›You’re So Good To Me‹, das vorwärts strebende ›Help Me, Rhonda‹ und natürlich Wilsons und Loves Jubel-Arie auf die ›California Girls‹. Und mit ›And Your Dreams Come True‹ gibt’s als Rausschmeißer eine brillant gesungene A-Capella-Nummer.

All Summer Long
CAPITOL/EMI, 1964

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California über alles: zwar kein echtes Konzeptalbum, letztlich aber doch eine musikalische Hommage an den Sonnenstaat. Da kann man die ›Girls On The Beach‹ bewundern, mit der ›Little Honda‹ beherzt durch die Gegend kurven und dem ›Drive-In‹ einen Besuch abstatten. Mit ›Carl’s Big Chance‹ gibt’s letztmals von den Beach Boys ein klassisches Surf-Instrumental, ›Wendy‹ ist in großartige Harmonien gegossener Liebeskummer, und einen echten Nummer-1-Hit hat das Album auch noch an Bord: ›I Get Around‹. Kurios: das letzte Stück ›Our Favorite Recording Session‹, ein Auszug aus der Studioarbeit.

Anhörbar

Beach Boys’ Party
CAPITOL/EMI, 1965

beach boys party
Eigenartige Idee: Kein echtes Live-Album, sondern eine Studiosession, die mit Partygeräuschen unterlegt wurde. Sehr „sixties“, das Ganze, wobei die Beach Boys außer einem kurzen Hit-Medley komplett auf Fremdkompositionen zurückgriffen. Etwa von Bob Dylan (›The Times They Are A-Changing‹) und den Beatles (›Tell Me Why‹, ›I Should Have Known Better‹, ›You’ve Got To Hide Your Love Away‹). Unplugged mit Akustikgitarren und Bongos eingespielt, ist das Werk nicht ohne Charme, letztlich aber doch nicht wirklich relevant. Als Single wurde ›Barbara Ann‹ ausgekoppelt – damals ein weltweiter Hit.

Holland
REPRISE RECORDS, 1973

holland
In den USA war ihr Stern bereits gesunken, doch in good ole Europe hielt man den Beach Boys auch weiterhin die Treue. Weshalb die Band ihr 73er-Studioalbum in – richtig geraten – Holland einspielte. Die Distanz zu den USA tat offenbar gut, Brian Wilsons Beteiligung war jedoch minimal, beschränkte sich ursprünglich nur auf ›Funky Pretty‹. Doch die Plattenfirma bestand auf einer potenziellen Single, weshalb Brians ›Sail On Sailor‹ nachträglich draufgepackt wurde. Ein paar hundert Stück erschienen in Europa allerdings versehentlich mit dem Song ›We Got Love‹ – heute gesuchte Sammlerstücke.

That’s Why God Made The Radio
CAPITOL/EMI 2012

that's why god made the radio
Man hatte kaum noch damit gerechnet: Carl und Dennis sind schon lange tot, Brian ist kränklich und bekanntlich auch nicht mehr der Jüngste. Dass 2012 überhaupt ein neues Beach-Boys-Album erschien, war also schon Sensation genug, und großartige Stücke wie ›From There To Back Again‹, ›Shelter‹ und ›Pacific Coast Highway‹ trösten über die schwächeren Momente elegant hinweg. Rührend: ›Summer’s Gone‹, Wilsons Fazit nach 50 Jahren Pop-Biz. Brillant: der noch immer großartige Harmonie-gesang in ›Think About The Days‹. Trotz mancher Schwäche ein würdevolles Comeback.

Sonderbar

Keepin’ The Summer Alive
CARIBOU RECORDS, 1980

keepin the summer alive
Theoretisch eine gute Idee. Aber eben nur theoretisch: Jede Men-ge Harmonien, jede Menge Reminiszenzen an die glorreiche Vergangenheit und jede Menge Hochglanzlack, damit das Ganze halbwegs zeitgemäß klingt. Tat es aber schon 1980 nicht mehr, zudem krankte das Album an der perfektionistischen, aber leider komplett leblosen Produktion. Als Co-Songwriter trat Carl Wilsons neuer Kumpel Randy Bachmann in Erscheinung, der aber auch nichts zur Rettung beitragen konnte. Die Beach Boys empfahlen sich hier höchstens für Oldies-Tingeltangel durch die Seebäder. Traurig.

Fish: Abschied auf Raten

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Ex-Marillion-Frontmann Derek William Dick alias Fish kehrt dem
Musikgeschäft den breiten Rücken zu. Noch erwartet uns allerdings eine opulente Konzertreise und vorab erst einmal ein besonderes Livealbum.

Mit dem hervorragenden WELTSCHMERZ lieferte Fish im September 2020 seinen finalen Studio-Longplayer ab. Der dazugehörige Live-Trip durch Europa steht COVID-19-bedingt indes noch immer aus. Im letzten Jahr konnte der hünenhafte Schotte bereits wieder einige Shows in Großbritannien spielen. Seine eigentlich für
2020, dann für 2021 angekündigte Tournee durch den Kontinent, um sich von seinen vielen Fans zu verabschieden, hat er aber auch dieses Jahr erst einmal abgesagt: „Es wird das letzte Mal sein, dass mich die Leute live erleben“, sagt der 63-Jährige, der sich fortan nur noch als Schriftsteller, Drehbuchautor und Videoproduzent betätigen möchte. „Da will ich, dass es für uns alle – vor, hinter und auf der Bühne – ein rundum schönes Erlebnis wird. Ohne Angst vor Ansteckungen, ohne Einschränkungen, ohne Auflagen. Deshalb habe ich die Dates nun auf 2023 verschoben – in der innigen Hoffnung, dass bis dahin auch der Krieg in der Ukraine Geschichte sein wird und wir alle in Frieden zusammenkommen können.“

Fish plant noch einmal sämtliche Orte anzufahren, die ihm im Laufe seiner Karriere besonders ans Herz gewachsen sind: „Die Idee ist, jeweils zwei Abende mit komplett unterschiedlichen Setlists zu spielen. Dann muss ich keine Abstriche machen und einige für die Menschen da draußen wichtige Songs weglassen. Danach mache ich dann ein, zwei Tage Pause, fahre ent- spannt mit der Bahn in die nächste Stadt, wo es dann genau so weitergeht. Ich hoffe sehr, dass wir das Ganze realisieren können.“ Als Überbrückung bis zur Umsetzung dieser Idee bringt Fish nun erst einmal das Doppel-Livealbum THE LAST STRAW – LIVE IN GLASGOW 2018 an den Start. Während dieser Konzertreihe hatten er und seine kompetente Begleitband erstmals sämtliche Stücke von CLUTCHING AT STRAWS auf die Bühne gebracht. Das Werk wurde 1987 veröffentlicht und markierte das letzte von Marillion mit ihm am Mikro. „Ich wusste bereits während der Aufnahmen, dass ich nicht mehr lange in der Band sein würde. Die persönlichen Spannungen innerhalb des Line-ups wurden immer unerträglicher“, blickt Fish auf die Entstehung solcher Hits wie ›Incommunicado‹, ›Sugar Mice‹ oder ›Warm Wet Circles‹ zurück. Dennoch ist CLUTCHING AT STRAWS Fishs Lieblingsplatte aus seiner enorm erfolgreichen Zeit mit den Prog-Giganten: „Ich denke, die interne Situation hatte auch ihr Gutes. Wir haben weniger Kompromisse gemacht, was die Musik betraf. Wir waren weniger verkopft, sondern rockiger als je zuvor. Das hat mir gut gefallen“, sagt er.

„Ich habe diese Richtung dann mit meiner Solokarriere konsequent weiterverfolgt.“ Über 30 Jahre später empfand der Sänger es als einfach, wieder in die Stimmung und Gedankenwelt einzutauchen, in der er diese Stücke 1987 miterschaffen hatte: „Ich war gerade dabei, WELTSCHMERZ fertigzustellen, als wir die Tournee spielten. Bei den Proben bemerkte ich die emotionale Ähnlichkeit meiner neuen Nummern mit denen von damals. Da kam mir die Idee, die vier zu diesem Zeitpunkt bereits fertig geschriebenen WELTSCHMERZ-Kompositionen einfach in die Setlist einzustreuen. Schon am ersten Abend stellte sich heraus, dass sie wunderbar mit den Klassikern harmonierten und das Publikum sie mit offenen Armen und Ohren aufnahm. Und das, obwohl die meisten Leute ›Waverly Steps‹ oder ›Man With A Stick‹ hier zum allerersten Mal hörten. Das hat mich extrem stolz und glücklich gemacht. Ich glaube, das hört man der Aufnahme an

Video der Woche: Paul McCartney mit ›Coming Up‹

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Zum Geburtstag von Paul McCartney blicken wir heute auf das Musikvideo zum Song ›Coming Up‹ zurück, der die Spitze der amerikanischen Charts erklomm.

Bekannt ist vor allem das dazugehörige Video, in dem es Paul McCartney nicht nur ein oder zwei Mal, sondern ganze zehn Mal zu bewundern gibt, an der Seite seiner damaligen Ehefrau Linda McCartney, die ebenfalls gleich doppelt vorhanden ist.

Mit ironischem Unterton werden gleich einige Klischees über Musiker auf die Schippe genommen. Auf wahren Persönlichkeiten beruhen laut McCartneys Aussage jedoch nur Hank Marvin von The Shadows, Keyboarder Ron Mael von Sparks, eine Beatles-Version von sich selbst und einen John-Bonham-haften Drummer.

Während der Ex-Beatle den Song bereits mit den Wings live gespielt hatte, wollte er sein Album MCCARTNEY II als reines Solowerk behandeln. So erschien der Song lediglich als Single mit einer Live-Version auf der B-Seite. Columbia Records entschied sich in Amerika genau diese zu promoten, da den Amerikanern der Klang von McCartneys „echter“ Stimme besser gefalle.

Michael Monroe: Waschechter Rocker

Michael Monroe hat keine Lust auf Stillstand. Auch eine Karikatur seiner selbst zu werden steht nicht auf der Agenda des ehemaligen Hanoi-Rocks-Frontmannes. Stattdessen wirft sich der Kult-Künstler hungrig und voller Leidenschaft in seine neue Platte, zersägt auf I LIVE TOO FAST TO DIE YOUNG gängige Rock’n’Roll-Klischees und
setzt sich u. a. mit dem Älterwerden auseinander. Ein Gespräch über Integrität, allzu klebrige Nostalgie und den Blick nach vorne.

Was hat die Pandemie mit Michael Monroe gemacht?
Alles wurde verschoben, gestrichen und so weiter. Wir hätten nach ONE MAN GANG einen tollen Sommer vor
uns gehabt, davon blieb leider nur wenig übrig. Bei der zweiten Welle wurde mir dann klar, dass das noch
länger gehen würde, also dachte ich, dass wir eine neue Platte brauchen. Letzten Sommer hatten wir dann 32
Songs beisammen, aus denen wir auswählen konnten.

Hast du überlegt, ein Doppelalbum zu machen?
Die Diskussion kam kurz auf, aber ich bin da klassisch veranlagt. Zehn, zwölf Songs, fertig. Das sollte eine Platte werden, die man sich gleich nochmal anhören will, wenn sie aus ist. Wir haben das Beste aus der Pandemie gemacht, wir haben gearbeitet, waren vorsichtig und sind es immer noch. Viele Leute denken ja gerade, das Ganze sei vorbei, das ist aber ein Trugschluss. Die Krankheit ist nicht weg. Menschen in Machtpositionen sollten sich grundsätzlich mal auf sinnvolle Dinge konzentrieren, statt Massenver-
nichtungswaffen zu bauen und Krieg zu führen.

Das ist echt verrückt, die Menschheit ist verloren. Wir machen dieselben Fehler und das immer wieder …
Absolut. Dann kommt der Klimawandel oben drauf. Leonard Cohen wurde mal gefragt, ob es noch Hoff-
nung gibt, und er meinte ganz klar nein. Ich mag es ungern zugeben, aber er hatte Recht.

Fühlt es sich da für dich komisch an, Rock’n’Roll zu spielen?
Nein, das ist ein Grund mehr, eine Platte herauszubringen und gute Vibes zu versprühen. Es geht um Entertainment, aber auch darum, deinen Standpunkt klarzumachen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich bin für positives Denken, das habe ich auf ONE MAN GANG schon gesungen. Auch wenn es wirklich schwer ist. Da ist die Pandemie am Abflauen, dann kommt Russland mit diesem Krieg um die Ecke. Man kann sich beschweren, aber es hilft ja leider nichts. Trotzdem dauert es, bis man diese schreckliche Realität verdauen kann.

I LIVE TOO FAST TO DIE YOUNG beschäftigt sich u.a. mit dem Verstreichen der Zeit. Hat der Rock’n’Roll ein Problem mit dem Altern?
Nicht unbedingt. Dieses Live-fast-die-young-Klischee in der Rockmusik ist im Grunde Bullshit. Niemand will
jung sterben. Ich möchte alte Klischees neu erf inden. Ich hatte nie ein Alkohol- oder Drogenproblem, das ist in der Szene fast schon außergewöhnlich. Viele tappten damals in diese Falle, vor allem, weil die Industrie menschliche Unfälle feiert, bis sie zum Problem werden. Und dann ist man weg vom Fenster. Darum geht es in ›Young Drunks – Old Alcoholics‹. Schau dir im Gegensatz dazu Mick Jagger an, der läuft herum wie ein junges Reh. Das ist eine große Inspiration für mich. Man muss gut auf sich achten, wenn man lange auf der Bühne stehen will. Jeder Rocker muss also seine eigene Entscheidung treffen, wie er leben will.

Ich weiß einfach nicht, ob dieses Destruktive nicht in der DNS vieler Rockstars angelegt ist.
Der Großteil dieser „Rockstars“ – so würde ich mich selbst nicht bezeichnen, ich bin ein Rocker – in Amerika
hat es übertrieben. Viele von denen waren besser an ihren Haarspraydosen als an ihren Instrumenten. Ich nehme den Rock’n’Roll ernst, das ist eine spirituelle Angelegenheit. Statt das Hirn auszuschalten, kann man sich auch die Welt ansehen und sinnvolle Texte schreiben. Mit Musik erreichst du mehr Leute als jeder Politiker. Schon ›Man With No Eyes‹ handelte damals [1990] von Diktatoren, das war ein echtes Statement, auch wenn viele meinten, das passe nicht zu einem Künstler wie mir. Aber man muss kein Idiot sein, um ein Rockstar zu sein. Musik spricht eine sehr universelle Sprache, die Grenzen mühelos durchschneidet.

Exakt. In ›Murder The Summer Of Love‹ geht es um das Hippie-Ideal, darum, in der Gegenwart zu leben.
Menschen neigen dazu, alles für den Fortschritt niederzureißen oder nur noch mit Nostalgie zurückzublicken.
Der Song sagt: Steh auf und genieße dein Leben! Ein ironisches Märchen, das dazu anleitet, die Vergangenheit
auch mal ruhen zu lassen. Viele Künstler leben nur in Nostalgie.

Deswegen habe ich vorher gefragt, ob der Rock’n’Roll ein Problem mit dem Altern hat. Und deswegen mag ich deine Platte, weil du dich nicht nur selbst reproduzierst …
Für mich war das immer das Wichtigste. Dass man hungrig bleibt. Ich möchte immer wieder das beste
Album meiner eigenen Karriere zustandebringen. Viele Bands machen nur eine Platte, um wieder auf Tour
gehen zu können. Die spielen einen neuen Song und hauen sonst nur die Hits raus. Nicht mit mir. Deswegen
war I LI VE TOO FAST DO DIE YOUNG der perfekte Titel. In dem gleichnamigen Song geht es darum, klar im Kopf zu bleiben und nach vorne zu schauen. Ich werde diesen Sommer 60 Jahre alt und ich gebe noch immer mein Bestes. Ich habe die beste Band, die ich mir wünschen kann, und mache immer noch Musik mit Feuer und Haltung, werfe mich total in die Liveshows. Darum geht es mir im Rock’n’Roll: Um die Wahrung meiner Integrität und um Ehrlichkeit. Wenn man ehrlich aus dem Herzen spricht, erreicht man die Herzen der
anderen. Viele der großen Namen im Business sind oberflächlich, die haben einen guten Ruf, viele mögen sie, aber ich sage, auch viele Menschen auf einmal können sich irren. Für mich sind das keine Künstler, sondern Acts. Schauspieler, denen es vor allem ums Geld geht. Früher oder später zeigt sich das in der Musik. Das ist per se nicht falsch, aber ich bin ein waschechter Rocker, mich spricht das nicht an. Viele Künstler wie Johnny Thunders hatten ein Herz aus Gold, die waren wirklich einzigartig und besonders, sie atmeten den wahren Spirit des Rock’n’Roll. Sie wurden vielleicht nicht so berühmt, aber für mich hatten sie die Essenz des Genres in sich vereint.

Ich finde, dass einige Rocker den Spagat ins Hier und Jetzt nicht gut hinbekommen.
Ja klar, wenn du als junger Kerl nur säufst und feierst, macht sich das spätestens in deinen 50ern in deinem
Gesicht bemerkbar. (lacht) Und wenn man als Mensch nicht wachsen kann, bleibt man in der Vergangenheit kleben und das wirkt schnell …

… lächerlich!

Wenn die Zeit voran- schreitet, musst du mitgehen. Es bringt nichts, stehenzubleiben. Auch als Kult-
figur nicht. Darum geht es auch in meinem neuen Song ›Everybody’s Nobody‹. Ich finde, auf diesem Album haben wir wichtige Botschaften und den Sound der Band aufgefrischt. Die Produktion hat mehr Luft, die Arrangements sind anders. Ich freue mich wirklich über diese Platte.