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Simple Minds – Quicklebendig & unvergessen

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_Aufmacher Simple Minds_frühe 80erIn einer über 30 Jahre währenden Karriere haben die Simple Minds alles erreicht, was es zu erreichen gab. Zeit für einen Blick zurück mit dem Liebenswert gelassenen Frontmann Jim Kerr.

Echte Fans, Komplettisten und Nostalgiker reiben sich angesichts solcher Veröffentlichungen frohlockend die Hände. Ganz unscheinbar „X5“ betitelt, kredenzen uns die langlebigen Schotten hier ein feines Boxset, in dem ihre ersten fünf Alben komplett remastered und mit üppigem Bonusmaterial zurück in die Plattenläden (für all jene, die in Städten leben, in denen es so was noch gibt …) finden. Also LIFE IN A DAY, EMPIRES AND DANCE, REAL TO REAL CACOPHONY, SONS AND FASCINATION + SISTER FEELINGS CALL und NEW GOLD DREAM (81-82-83-84), das Quintett, das von 1979 bis 1983 die Aufwärmphase vor dem großen Durchbruch dokumentierte. Fünf Alben, die eine Entwicklung nachzeichnen, wie sie heute den meisten Bands nicht mehr gegönnt ist. Jim Kerr bestätigt: „Es ist schon erstaunlich, wie viele Bands heutzutage nach ein, zwei Alben wieder von der Bildfläche verschwinden. Sieh dir an, was mit Franz Ferdinand oder Glasvegas passierte. Erst sind sie das größte Ding auf dem Planeten, dann sind sie wieder weg vom Fenster.“ Als Zeichen unserer schnelllebigen Zeit will er das aber nicht abtun. „Klar, man ist heute immer auf der Suche nach was Neuem und gibt Bands nicht mehr die Zeit, sich zu entwickeln. Andererseits müssen sich diese Leute auch die Frage stellen, ob sie genug im Köcher hatten, um langfristig relevant zu bleiben. Hör dir unsere ersten fünf Alben an, und du wirst feststellen, dass keines wie das andere klingt.“

Vor allem aber klingen sie immer noch relevant – was Teil der Motivation hinter dem Rerelease war. „Wir hatten jahrelang Probleme mit unserem Label EMI. Diese sind nun zum Glück gelöst, und wir fanden, es war an der Zeit, diese Platten auch jüngeren Fans zugänglich zu machen, schließlich war unser Backkatalog fast zehn Jahre lang nicht wirklich vermarktet worden. Doch der Hauptgrund ist, dass wir diese alten Sachen selbst wieder entdeckt haben. Wir hatten einige der frühen Stücke in unser Live-Programm auf-genommen und dabei festgestellt, dass sie sich eigentlich noch sehr gut behaupteten. Wir waren selbst überrascht, dass das noch frisch und nicht total veraltet klang. Was uns dann auf sehr schöne Weise bestätigt wurde, als uns irgendwann ein Roadie fragte, was das denn für ein tolles neues Lied ge- wesen sei, das wir da gespielt hätten. Er hatte keine Ahnung, dass es sich um eines unserer ältesten Stücke handelte, und das brachte unser Gefühl auf den Punkt. Das weckte in uns den Hunger, wieder an diesen Sachen zu arbeiten.“

Wichtig für Jim war allerdings, nicht in der Vergangenheit zu versinken. „Wir hatten noch nie übermäßiges Interesse an Nostalgie und haben immer Wert darauf gelegt, nach vorne zu blicken und neue Horizonte anzusteuern. Also haben wir erst an neuem Material gearbeitet, bevor wir uns diesem Projekt zuwandten.“ Ein bisschen in Erinnerungen schwelgen war dann aber doch gestattet. „Na ja, wenn du so lange dabei bist wie wir, ist es unvermeidbar, mal ein bisschen sentimental zu werden. Und wir mögen unsere Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Wir haben nie vergessen, was für ein großes Glück es ist, dass wir überhaupt eine Geschichte haben! Als wir damals anfingen, konnten wir uns nicht mal ansatzweise vorstellen, was uns dann widerfuhr. Im Dezember 1978 unterschrieben wir unseren ersten Plattenvertrag, und das war ein monumentales Ereignis für uns. Niemand in Glasgow hatte das je geschafft, und da kamen Leute, die Patti Smith oder Iggy Pop gesignt hatten, und hatten genug Vertrauen in uns, um uns eine Chance zu geben. Wir wollten einfach nur Musik machen und davon leben, und das haben wir geschafft. Das war wie ein Lottogewinn. Es ist eine verdammt schöne Ge- schichte, und wir werden ihr sicher noch ein paar Kapitel hinzufügen.“

Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass umfassende Passagen dieser Biografie, vor allem nach den Superstar-Jahren der Achtziger, nicht nur erfreulich waren. Vor allem die britische Presse hatte sich in den Neunzigern derart genüsslich auf Kerr & Co. eingeschossen und sie immer wieder zu bedeutungslosen, peinlichen Dinosauriern erklärt, dass es an Rufmord grenzte. Exemplarisch sei hier eine Rezension in der Wochenpostille NME genannt, die mit den Worten „Go away, we do not love you!“ endete. Jim jedoch nimmt es gelassen. „Weißt du, die meisten Leute, die uns verrissen haben, schreiben heute in Kirchenblättchen oder über Cricket – und wir sind immer noch hier. Aber mal im Ernst: Wenn du das so lange machst wie wir, ist das keine Karriere mehr, sondern ein Leben. Und niemand ist sein ganzes Leben lang in Hochform. Wir stehen auch keineswegs über Kritik und wissen, dass nicht jede Platte unser bestes Werk war. Aber wir kommen aus Glasgow, wir sind da nicht zimperlich und können auch mal einstecken. Jede Band, die über so viele Jahre im Geschäft ist, wird irgendwann mal fertiggemacht, das ist schon in Ordnung. Und jeder Fehler ist auch wichtig für die eigene Entwicklung. Man muss daran wachsen. Unsere allererste Kritik war absolut vernichtend, aber wir haben uns nicht davon entmutigen lassen. Und als wir damals zum ersten Mal mit Peter Gabriel auf Tour gingen, wurden wir jeden Abend ausgebuht und förmlich umgebracht. Aber es war egal, denn wir liebten Peter und er liebte uns, und wir konnten so unglaublich viel aus dieser Erfahrung ziehen. Das waren unsere Lehrjahre, in denen wir unser Handwerk lernten. Und vergessen werden wir diese Zeit nie, vor allem auch, wie wir erstmals nach Deutschland kamen. Wir fuhren mit dem Schiff nach Hamburg, allein diese Ankunft war schon überwältigend, und dann Berlin, wo wir auch Ostberlin besuchten. Alles großartige Erlebnisse.“

Doch nach wie vor befasst sich Kerr lieber mit der Zukunft, dem nächsten Schritt, und nach seinem Lostboy!-Projekt sind die Simple Minds wieder im Fokus seines Interesses. Man arbeite schon seit geraumer Zeit an neuen Stücken, immer mal drei Stücke hier, vier Stücke da, dann wieder ein paar Monate Pause. 2013 werde man wohl ein neues Album veröffentlichen, doch auch in diesem Zusammenhang erlaubt sich Jim noch mal einen Blick zu- rück: „Wir arbeiteten letzten Sommer zum ersten Mal seit 1981 wieder mit dem Produzenten Steve Hillage zusammen, was sehr interessant war. Wir er- innerten uns daran zurück, wie wir damals in einem kleinen Raum in Notting Hill saßen und an einem Album arbeiteten, während draußen Ausschrei-tungen tobten. 30 Jahre später saßen wir also wieder in einem kleinen Raum in Notting Hill, arbeiteten an einem Album, während draußen die schwersten Ausschreitungen seit Jahren die Stadt erschütterten. Was uns auf gewisse Weise vor Augen führte, dass manches eben immer gleich bleibt. So viel hat sich über die Jahre verändert, die komplette Industrie ist um uns herum zu- sammengebrochen, Technologie hat den Prozess des Musikmachens und -verkaufens umgekrempelt. Aber das, was wir machen, hat sich überhaupt nicht verändert! Ich liebe immer noch große Melodien und suche nach den schönsten Tönen, den passenden Worten dazu, dem richtigen Gefühl, und wir werden wieder damit um die Welt reisen und mit den Leuten eine schöne Zeit verbringen. Wenn wir Musik schreiben, sind wir ganz im Moment, und auch in unsicheren Zeiten wie diesen gibt uns das ein Gefühl der Beständigkeit, dass da etwas ist, auf das wir uns immer verlassen können. Und das hat sich in 30 Jahren nie geändert. Wir haben heute andere Werkzeuge, aber das Ziel ist immer noch dasselbe!“ Wie sich das Ergebnis dieses immergleichen Prozesses nun anhören wird, dazu will Jim keine konkrete Aussage machen. Nur soviel: „Es weht der Geist eben dieser frühen Alben durch die neuen Stücke. Vielleicht klingt das platt, aber das Motto für uns lautet: back to the future!“

Jeff Beck – Lebende Legende

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Aufmacher_Jeff Beck 2011b @ Robert Essel NYCMan frage die weltbesten Gitarristen, vor wem sie sich verneigen, und die meist gegebene Antwort wird dieses echte Original sein.

Mit seinem berühmten, nach wie vor rabenschwarzen Haar sieht Jeff Beck für einen 67-Jährigen fast schon unerhört fit und schlank aus. Durch halb geschlossene Augen betrachtet, stellt man kaum einen Unterschied fest zu dem Burschen, der 1965 als Ersatz für den vergötterten Eric Clapton bei den Yardbirds ins Rampenlicht trat. Fragt man Beck, wie es ihm gehe, antwortet er mit einem charakteristisch augenzwinkernden „3 von 10“. Ganz ernst kann er das nicht meinen, denn er ist ganz offensichtlich gut in Form und spricht gerne über seine Karriere, die ihn mühelos durch R&B, Heavy-Rock, Jazz-Fusion und sogar Klassik geführt hat. Die Liste derer, mit denen er zusammengearbeitet hat, liest sich wie ein Who‘s Who des Rock: Rod Stewart, Jimmy Page, David Bowie, Kate Bush, Morrissey, Paul Rodgers, Roger Waters (Pink Floyd sollen einst erwogen haben, Beck als Ersatz für Syd Barrett anzuheuern) … Heute erzählt er davon, dass er endlich seine Autobiografie in Angriff genommen und ein brandneues, für reichlich Aufsehen sorgendes Album mit zwei Komplizen, die er noch nicht nennen will, in der Mache hat. EMOTION COMMOTION, sein vor Gästen strotzendes Orchester-Rock-Crossover-Album von 2010, war sein größter Erfolg seit Jahren. Das nächste Werk jedoch wird, wie er sagt, „völlig anders sein – ein echtes Band-Album“.

Seit deinen Anfangstagen mit den Yardbirds warst du ein Innovator.
Sogar schon vor den Yardbirds, bei meiner früheren Gruppe, The Tridents. Ich weiß nicht, warum die Lucas-Brüder (John und Paul, Bassist und Gitarrist bei The Tridents) mich wollten, denn ich spielte keinen Chicago Blues. Sie liehen mir ein paar Bo Diddley-Platten. Bei ihm kannst du nicht viel anders machen, denn er bleibt meistens bei einer Tonart, also erfand ich Wege, die Leute zu unterhalten, indem ich seltsame Geräusche machte. An einem Abend gingen mir die Ideen aus, also lockerte ich die unteren Saiten, bis sie durchhingen, und fing dann an, sie beim Zupfen zu ziehen. Das klang großartig und gab dem Ganzen ein Slap-Echo. Es klang wie drei Bo Diddleys – und die Leute drehten durch. Es war eigentlich totaler Müll, aber da fing es an mit der Innovation. Ich versuchte nicht, ein Star zu sein. Ich versuchte, Leute mit dem zu beeindrucken, was mit begrenzten Mitteln möglich war.

Keith Relf, Sänger der Yardbirds, sagte, du warst der Erste, der versuchte, etwas anders zu machen.
Orientalische Tonleitern. Das war ein schwacher Abklatsch dessen, was die Beatles taten, nachdem sie den Maharishi getroffen hatten. Es spukten viele Sitar-Klänge durch meinen Kopf, und zu Hause bei Jimmy Page spielten wir Vilayat Khan und Ravi Shankar. Bei den Aufnahmen zu ›Shapes Of Things‹ (ein Yardbirds-Hit von 1966) gab es diese Stelle, wo es einfach aufhört – was als unerhört galt. Wenn der Groove abbricht, verlassen die Leute nun mal die Tanzfläche. Jedenfalls begann ich, Oktaven und Mikro-Sitar-Klänge zu spielen, und unser Manager Giorgio Gomelsky flippte aus. Er sagte: „Das ist fantastisch. Spiel das live.“

War es eine tolle Zeit bei den Yardbirds?
Ich muss sagen, das war es. Was waren die Alternativen? Elend, Schmutz, Frust und Gewalt. Dort, wo ich wohnte, hatte man Glück, wenn man die Straße überquerte, ohne verprügelt zu werden. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich bei den Tridents ausstieg, denn wir standen kurz vor dem Durchbruch. Als ich eines Abends von einem Gig nach Hause fuhr, sahen die Tridents, dass Eric Claptons Bühnenanzug in meinem Auto hing – ein Anzug, der bald meiner sein würde. Sie sagten: „Wem gehört der? Du trägst doch keine Anzüge.“ Nun, ich tat es eben doch. Ich trug Erics Anzug und seine Schuhe. Und ich borgte mir seine Gitarre. Ich hatte keine, denn ich hatte meine verkauft.

Wie reagierten die Fans auf Erics Ausstieg bei den Yardbirds?
Der erste Abend (im Mai 1965) war schwer. Ich hörte all die Gerüchte über Eric – dass er ein knarrenschwingendes, launisches Genie war. Aber das machte mich noch entschlossener. Ich fuhr alles auf, was ich auf Lager hatte. Ich spielte einen Highspeed-Boogie, sah auf und dachte, das war’s mit mir, denn das Publikum war total perplex. Dann standen alle auf und drehten durch. Und das geschah im „Marquee“, also Erics Territorium.

Diese Yardbirds-Fans hatten echt Glück.
Nun ja, die Yardbirds hatten eben eine gute Wahl getroffen. Giorgio kam in den „100 Club“, wo ich zwei Sets mit den Tridents spielte. Ich kam von der Bühne, und da standen Giorgio und (dessen rechte Hand) Hamish Grimes. Sie eskortierten mich zur Bar wie zwei Polizisten. Sie sagten: „Morgen wirst du in einer Top-Band sein.“ Ich dachte: „Was? The Who? Beatles? Stones?“ Sie wollten mir nicht sagen, wer es war. Ich trank ein halbes Bier, ging für das zweite Set auf die Bühne – und sie verschwanden. Ich glaube, während sie mich zur Bar begleiteten, nahmen sie schon Maß für diesen Anzug.

Wie war das Vorspielen?
Vor dem abgemachten Ort stand ein schmutziger Ford Transit, auf dessen Front „Yardbirds“ stand. Ich kehrte fast um. Ich hatte gehofft, es würden die Stones sein. Das Vorspielen war lächerlich, voll von hoffnungsfrohen Gitarristen. Ich dachte: „Ich werde hier nicht lange bleiben. Den Job kriege ich nie. Ich werde die Erniedrigung über mich ergehen lassen und abgelehnt werden.“ Aber dann kam Keith Relf zu mir und sagte: „Giorgio war im 100 Club sehr beeindruckt von dir. Kannst du ein bisschen Blues spielen?“ Ich klampfte ein paar Blues-Stücke, und er sagte: „OK, du bist als nächster dran.“ „Und was ist mit den anderen?“ „Fuck ‘em“, sagte er. Und das war’s. Alles in Butter.

War die Konkurrenz zwischen den wichtigen englischen Gitarristen damals groß?
Oh ja, sowohl in Wirklichkeit als auch der Sage nach. Man sagte über Eric, dass es dumm wäre, sich mit ihm anzulegen, also sollte man gar nicht versuchen, ihn zu überbieten. Sein launischer Ruf machte mir Angst, also traf ich ihn erst ein Jahr später. Als ich eingestiegen war, ging es durch die Decke. Ich erinnere mich, wie einen Monat da-nach Keith Relfs Vater Bill, der nie lächelte, hereinkam und uns sagte, ›For Your Love‹ sei in den Charts auf Platz 12. Das war kein wirkliches Kompliment, denn ich hatte damit ja nichts zu tun gehabt. Es war einfach nur Glück, dass ich der Band zu der Zeit beigetreten war. Das Gute daran war, dass wir dann in Amerika auf Tour gingen.

Feuerten die Yardbirds dich, weil du dich nicht anpassen wolltest?
Ich stieg aus, ich wurde nicht gefeuert. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.Vielleicht bin ich ja zu spießig, aber ich wurde nicht mehr fertig damit. Das Fass war voll, als wir eine sechswöchige US-Package-Tour antraten und in einem Bus reisten wie in einem „Carry On…“-Film. Das war schon schlimm genug, jeden Tag 1000 Kilometer zu fahren in einer Atmosphäre aus Zigarettenrauch und Abgasen. Und wofür? Um drei Lieder zu spielen? Wenn man Glück hatte, bekam man 15 Minuten, um seine Pop-Hits zu spielen. Was für eine Verschwendung von Leben. Ich war damals mit ei-nem Mädchen in Los Angeles zusammen, also wog ich meine Optionen ab: Wollte ich mich lieber am Strand sonnen oder in diesem Bus sitzen? Als ich nach L.A. fuhr, war es vorbei. Keith Relf trank exzessiv. (Bassist) Paul Samwell-Smith war ausgestiegen. Jimmy Page war auf mein Drängen dazugestoßen. Ich wollte ihn als Freund und Verbündeten, denn mit den anderen Yardbirds fühlte ich keine große Kameradschaft. Ich verstand mich mit (Schlagzeuger) Jim McCarty, aber bei den anderen gab’s diesen ständigen Snobismus, diese Hierarchie. Zudem wurde ich nie anständig bezahlt.

Jeff_Beck_RAA_001Danach hast du 1967 mit Rod Stewart The Jeff Beck Group ins Leben gerufen. Wie fing das an?
Mit den Yardbirds ging man in Clubs wie „The Cromwellian“ oder „The Speakeasy“, weil man dort spätabends noch was trinken und eine war-me Mahlzeit bekommen konnte. Das waren großartige Treffpunkte. Eines Abends war ich im „Speakeasy“, und Rod Stewart saß in einer Ecke, sonst war niemand da. Er war fast eingeschlafen vom Trinken. Ich wollte nach Hause fahren, aber gerade, als ich gehen wollte, ging ich zu ihm rüber und sagte: „Wir sind beide im Arsch, wieso gründen wir nicht eine Band?“ Und Rod antwortet: „Hier ist meine Nummer. Ruf mich morgen an.“ Und das tat ich. Das brachte die Sache ins Rollen, auch wenn es keineswegs glatt lief.

Du sagtest, die Jeff Beck Group sei im Aufwind gewesen, bevor du Anfang 1968 nach Amerika gingst.
Wir krebsten herum, bis (der zukünftige Led Zeppelin-Manager) Peter Grant auf den Plan trat. Mein Manager Mickie Most hatte überhaupt kein Interesse an Rod Stewart. „Ich will nicht diese Schwuch-tel. Ich habe dich gesignt, du bist der Star.“ Und dann wurde (Becks 1967er Solo-Single) ›Hi Ho Silver Lining‹ zum Hit. Das war kurzsichtig, denn Mickie dachte, lass uns irgendwelchen Europop nachspielen – denn das war dieses Stück.

Peter begann, uns verrückt zu machen. Er wusste, dass wir den Blues liebten, und dass wir damit in Amerika am besten aufgehoben waren. Er streckte das Geld vor. Wir spielten im Fillmore East und nahmen den Laden auseinander. Wir fegten Grateful Dead von der Bühne. Am ersten Abend versteckte sich Rod für die Hälfte der Show, weil er es nicht packte, in einer richtigen Halle voller Leute zu spielen, die wegen einer anderen Band da waren. Als wir dann zum Fillmore West kamen, wur-de uns aufgrund der unglaublichen Kritiken ein Plattenvertrag bei Epic angeboten. Epic dachte, Rod sei ich. Bei unserem Treffen sagten sie zu ihm: „Wir wollen Sie, Herr Beck. Aber wer ist der Junge an der Gitarre?“

Bereust du es, dass du dich geweigert hast, bei Woodstock aufzutreten?
Nein. Die Stimmung in der Band war so übel, dass ich nicht in der Lage war, bei so einem großen Open-Air-Ding mitzumachen. Die Flitterwochen waren vorbei. Rod hatte sich mit Woody (Ronnie Wood, Rhythmus-Gitarrist der Jeff Beck Group) angefreundet, und ich fühlte mich entfremdet. Ich dachte: „Fuck you.“ Als ich den Film auf einer riesigen, dreiteiligen Leinwand sah, dachte ich: „Ich hätte dabei sein können … Gott sei Dank war ich es nicht.“ Ich fragte mich, wieso ich eine Situation erlauben sollte, in der Rod auf Film festgehalten wird, wie er sein Ding vorführt, während ich vielleicht nicht mal zu sehen bin? Sly And The Family Stone haben bei Woodstock ohnehin alle anderen in den Schatten gestellt.

Und Jimi Hendrix?
Das war ein weiterer Grund. Jimi machte alles mit der Gitarre, das ich mal machte – nicht das Verbrennen, aber die ganze Gymnastik und das Zurschaustellen. Ich spielte zwei Gitarren, legte sie auf den Verstärker und stellte das Feedback auf einen Ton ein, dann spielte ich zu diesem Rhythmus weiter. Nachdem Hendrix auf der Bildfläche er-schien, konnte ich das nicht mehr tun. Er saugte alles auf, wofür ich gearbeitet hatte, und machte ein besseres Paket daraus. Ich glaubte, ich müsse wieder Autos restaurieren gehen.

Deine Karriere scheint sehr unstet, du bleibst nie lange bei einer Sache.
Meine Sicht ist: „Du hättest dabei sein sollen, Mann, denn jetzt ist es vorbei.“ Ich suchte nicht nach dem Job bei den Yardbirds. Ich suchte nicht nach Rod. Beck, Bogart & Appice entstanden zufällig. Ich lasse Dinge geschehen. Ich hätte mehr Profit aus BB&A schlagen können, denn Japan war verrückt danach, aber die Musik verbrauchte sich irgendwann. Wir hatten kein weiteres Material. Und das ist nun mal der Lebenssaft einer jeden Band.

1975 hast du bei den Stones vorgespielt, nachdem Mick Taylor ausgestiegen war.
Ich dachte, ich würde ein paar Lieder spielen. Sie hatten ihr mobiles Studio aufgebaut. Aber ich sah zwei Tage lang keinen Rolling Stone. In einem Lagerhaus war ein Haufen Gitarren, die mit Aufklebern von Fluglinien bedeckt waren. „Seltsam…wie viele Gitarren braucht Keith?“. (Pianist) Ian Stewart sagte mir: „Sie lassen dich vorspielen. Sie haben all den anderen Typen gesagt, dass sie abhauen sollen.“ Schließlich waren wir zusammen im selben Raum, und ich spielte so heftig auf Bill Wymans Bass, dass der Staub zu fliegen begann. Ich verzog mich, und der Techniker Glyn Johns sagte: „Das ist unglaublich!“ Ich sagte: „Das war nur fürs Archiv, Mann. Ich fahre morgen weg.“ Ich bin froh, dass ich ging, denn ich hatte das BLOW BY BLOW-Projekt mit (Produzent) George Martin anstehen.

Keith Richards sagte, dass ihr einander über eure Griffbretter hinweg finster angeschaut habt.
Wir verstanden uns damals nicht. In der Nacht, bevor ich abreiste, versuchte ich zu schlafen, und alles, was ich hörte, war Betty Wrights ›Clean Up Woman‹ aus Keiths Zimmer. Es machte mich wahnsinnig. Ich ging zu ihm und sagte: „Ich habe das 4000 mal gehört.“ Ich hob die Nadel vom Plattenspieler, und er wacht auf und sagt: „Hey! Was zum Teufel tust du da?“ Ich schob ihm eine Nachricht unter der Tür durch und ging.

In den 80ern und 90ern hast du nur sechs Studioalben veröffentlicht. Woran lag das?
Ich passte einfach nicht dazu. Es gab keinen Platz für mich. Und wenn ich keinen Antrieb habe, kann ich nicht arbeiten. Ich machte hier und da was, um meine Rechnungen zu zahlen. Aber dann hatte ich das Gefühl, dass Leute mich spielen sehen wollten, und machte weiter. Welche Zeit genau meinen Sie?

Den Großteil der 90er.
Oh Mann. Die existieren nicht. Vor ein paar Jahren mit den White Stripes zu spielen, war eine Erleuchtung. Meg mit ihren Zigaretten zu sehen und wie die beiden voll loslegen. Die Tatsache, dass sie in einer Wohnung gesessen und alte Yardbirds-Platten gehört hatten … Dass sie das Yardbirds-Logo auf ihr Schlagzeug gemalt hatten, war so süß. Jack White ist ein toller Typ.

Was wurde aus der Reunion mit Rod Stewart, von der vor ein paar Jahren gemunkelt wurde?
Ich habe ein ernsthafteres Projekt, ohne Rod. Das war nur ein Luftschloss. Es liegt nicht mal auf Eis. Und jetzt hat er eh beschlossen, zwei Jahre in Las Vegas zu spielen.

Du hast davon geredet, deine Autobiografie zu schreiben. Hast du schon angefangen?
Ich recherchiere. Ich sollte die von Eric und Ron und Keith lesen, aber das könnte mich deprimieren. Meine könnte zu ähnlich werden. Ich sollte das bewusst mit einem Tunnelblick angehen. Ich möchte mich auf meine Schulzeit konzentrieren, nicht auf mein Dasein als Rockstar. Ich hätte gerne, dass es Leute wirklich berührt. Mich interessiert, wie ich in den 40ern und 50ern aufwuchs. Ich würde gerne diese wundervollen, lebhaften Bilder wiederfinden. Man könnte den charmantesten Film daraus machen.

Wieso gingen aus der Mitte der 60er so viele heute legendäre britische Gitarristen hervor?
Das Surrey Delta-Ding. Elvis, seine Wiederkehr, veränderte die ganze Welt. Eric würde zustimmen, dass wir bis zur Ankunft des Blues verloren waren. Und für uns wurde es natürliche Musik. Wir wurden Schüler. Wir mussten einfach immer mehr entdecken. Jeder, der auch nur die geringste Faszination für Musik empfand, musste herausfinden, was dieser Sound war und woher er kam. Ich, Eric und Jimmy Page wurden tief in unserer Seele davon bewegt. Wir waren besessen. Gott sei Dank waren wir das.

Text: Paul Elliott // Übersetzung: Matthias Jost

Preview 2012

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Aerosmith versprechen, deinen Geist zu befreien. Slash startet an allen Fronten durch. Black Sabbath haben noch eine offene Rechnung zu begleichen. ZZ Top wollen Traditionen verwüsten. Rush wenden sich dem Steampunk zu. Und Kiss sind… nun, eben Kiss. Ja, es sieht nach einem hervorragenden Classic Rock-Jahr aus, was unser ultimativer Wegweiser für die größten und besten Alben für 2012 beweisen wird…

Auf ihrem 20. Album reisen Rush zurück in die Zukunft. Das bedeutet auch verrückte Konzepte, epische Songs und ein Gespräch über Zeitmaschinen.

RUSH

Rush @ Andrew MacNaughtan (2)In Geddy Lees Heimstudio ging es in den letzten Wochen sehr entspannt zu. Mit offenen Fenstern und Blick auf den Garten tüftelten er und Gitarrist Alex Lifeson an Songs, Riffs und Solos. Das alles gehört zum Entstehungsprozess ihres 20. Studioalbums CLOCKWORK ANGELS. Am Ende dieser Phase stößt auch Schlagzeuger Neil Peart zu seinen Kollegen, um mit ihnen für die Aufnahmen zwei Studios in ihrer Heimatstadt Toronto zu beziehen: Revolution Recording und die Noble Street Studios. Beide Gebäude sind aus Stein und Glas gebaut, mit Holzböden und hohen Decken. Außer-dem besitzen sie die passende Ausstattung, um Neil Pearts Schlagzeug zum Leben zu erwecken. „Das letzte Mal konnten wir in der ganzen Stadt keinen Raum finden, der gut klingt und in den Neils Schlagzeug hineinpasst“, grinst Bassist und Sänger Geddy Lee. „Doch beide Studios haben den Qualitätstest unseres Produzenten Nick Raskulinecz bestanden – und somit werden wir wohl noch eine Weile in Toronto rumhängen.“

Auch wenn die Band sich keinen exakten Zeitplan gesetzt hat, müsste sie jetzt schon mit den Aufnahmen fertig sein und sich im Mixing-Prozess befinden. Schließlich peilen sie eine Veröffentlichung im Mai an. Zwei der Songs, die auf CLOCKWORK ANGELS vertreten sind, stellten Rush im letzten Jahr schon live vor: das kompakte, aber ausdrucksstarke ›Caravan‹ und ›BU2B‹.

„Diese Songs haben wir kurz vor dem ersten Teil unserer Time Machine-Tour geschrieben“, er- zählt Lee. „Wir wollten den 30. Geburtstag von MOVING PICTURES feiern, doch gleichzeitig kam es uns ein bisschen komisch vor, ohne neues Material zu touren. Wir hatten einen Monat Zeit und dachten: Warum basteln wir nicht ein paar Songs zusammen, nehmen sie auf und schauen, was dabei rauskommt. Sie wurden richtig gut. Also hatten wir noch einen kleinen Vorgeschmack auf das neue Album mit im Gepäck.“ Ironischer-weise wurde die Time Machine-Tour das Opfer ihres eigenen Erfolgs. „Wir hatten eigentlich ge- plant, gleich nach der Tour wieder am neuen Album arbeiten zu können. Doch leider – oder zum Glück – war sie so erfolgreich, dass wir sie verlängern mussten“, grinst Geddy. „Deswegen mussten wir das Album erst einmal nach hinten stellen.“

Nachdem endlich alle Ablenkungen beseitigt waren, stürzten sie sich Ende 2011 wieder in die Arbeit. Wie bei ihrem letzten Album SNAKES & ARROWS (2007) wurde Produzent Nick Raskulinecz engagiert, um „Rush dazu zu bringen, Rush zu sein“, wie Lee es ausdrückt. „Nick ist ein Meister darin, uns so miteinander spielen zu lassen, wie wir es auch auf der Bühne tun“, erzählt Lee. „Das ist im Studio sehr schwer, da man sich extrem darauf konzentriert, die einzelnen Elemente der Songs zusammenzusetzen. Da braucht man ein-fach jemanden, der mal sagt: Ihr drei könnt spielen, also spielt einfach.“

Was Songtitel angeht, hält sich der Bassist eher bedeckt. Doch er verrät, dass der Titelsong ein typisch epischer Rush-Song ist. „Er ist ein längeres Stück und wird während der Arbeiten wohl noch länger werden“, lacht er. „Er ist noch nicht im zwei-stelligen Minutenbereich, aber wir versuchen, alle Songs so lang wie möglich zu machen.“

Die Länge der Songs ist nicht die einzige Verbindung zu Rushs Vergangenheit. CLOCKWORK ANGELS ist ein Konzeptalbum – wenn auch eines, das Science Fiction-Spinner Philip K. Dick ausgeheckt haben könnte, wenn er zu viel Jules Verne gelesen hätte. „Es erzählt eine Geschichte“, erklärt Geddy. „Als wir über verschiedene Themen diskutierten, siegte am Ende die Idee von einer anderen Art von Zukunft in Verbindung mit der Ästhetik des Steampunk. Es ist eine futuristische Sichtweise, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat. Das macht es so interessant. Wenn man sich die Designs des Steampunk an- sieht, fällt einem auf, dass alle dem viktorianischen Stil nachempfunden sind, der auf magische Weise in die Zukunft gereist ist.“

Philip Wilding

AEROSMITH

Aerosmith @ Ross HalfinIm vergangenen Jahr lieferten sich Steven Tyler und Joe Perry eine öffentliche Schlammschlacht. Mehrere Male sah es so aus, als wäre das Ende von Aerosmith gekommen. Doch die beiden Streithähne haben sich wieder zusammengerauft.

Das letzte Jahr war eine extreme Achterbahnfahrt für jeden Aerosmith-Fan. Über Monate mussten sie zusehen, wie sich Sänger Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry öffentlich in den Haaren lagen. Hervorgerufen wurde der Streit, als Tyler den Wunsch äußerte, eine Solokarriere zu starten. Er gipfelte schließlich in der Behauptung Perrys, das nächste Album eben ohne Tyler zu veröffentlichen. Daraufhin nahm der Sänger einen Job bei der US-Castingshow „American Idol“ an – und verlor dadurch viel von seiner Glaubwürdigkeit. Schließlich rauften sich die Streithähne zusammen und fingen an, an etwas zu arbeiten, was keiner mehr für möglich gehalten hatte: dem ersten neuen Studioalbum seit mehr als zehn Jahren.

Schon vor der Auseinandersetzung zwischen Tyler und Perry stand die Entstehung des 15. Langspielers der Band unter einem schlechten Stern. Diverse Produzenten wurden in den vergangenen Jahren getestet, doch mit keinem wollte es klappen. Schließlich wurde es der Band zu bunt. Also holten sie sich Jack Douglas ins Boot. Dieser hat nicht nur über ein halbes Dutzend Alben der Band seit 1974 produziert, sondern zählt auch als inoffizielles sechstes Mitglied von Aerosmith. Im Juli 2011 fanden sich alle Beteiligten in den Pandora’s Box Studios in South Boston ein, um endlich mit den Aufnahmen zu beginnen.

Scheinbar konnte Douglas den Fluch brechen. 15 Songs sind bereits eingespielt – ein paar sollen noch folgen. „Die Songs für unser neues Album sind schon alle geschrieben, aber ich muss noch die Texte drüberlegen“, verriet Steven Tyler vor kur-zem auf einer Pressekonferenz. „Ich hatte nicht so viel Zeit, aber das, was ich bis jetzt gehört habe, hat mich umgehauen. Ich erkenne einen guten Song. Ich weiß, was im Radio gespielt werden wird. Ich würde nicht soweit gehen und sagen, dass wir Hits haben. Aber ich denke, dass wir zumindest etwas haben. Und darum geht es doch, oder?“

Ebenso kryptisch äußert sich Joe Perry über die neuen Songs: „Wir schreiben unsere Songs immer mit dem Hintergedanken, wie sie live umzusetzen sind. Außerdem kann ich soviel verraten: Einige erinnern sehr an unsere Wurzeln, nämlich an Rock’n’Roll. Damit haben wir schließlich angefangen.“

Auch Produzent Jack Douglas will nicht viel ver-raten, nur, dass der Titel des Albums und die Songs von „Andersartigkeit“ handeln. Es seien Stücke, die dem Hörer helfen werden, seinen Geist zu befreien und sich auf eine wundervolle Reise zu begeben.

Douglas zufolge soll das Album im Mai erscheinen. Es scheint fast so, als hätten Aerosmith nach all dem Chaos der letzten Jahre nun endlich alles zusammen. Und wenn man allen Anzeichen glauben will, so ist die Band bereit, sich ihren Platz an der Spitze des Rockolymps zurückzuerobern. Wir sind mehr als gespannt!

Simone Bösch

SLASH

Slash @ Neil Zlozower (1)Ohne große Namen, dafür mit einer Band, die gemeinsame Pyjama-Partys nicht scheut – so wird Slashs kreatives zweites Studioalbum.

Slash hat eine Faustregel, um zu bestimmen, wer sein zweites Soloalbum mögen wird und wer nicht. „Wenn dir der erste Song gefällt, dann wirst du das ganze verdammte Album mögen“, meint der Gitarrist. „Und wenn nicht, ist das auch egal. Es ist auf jeden Fall der Wahnsinn.“

Die Aufnahmen des Albums – es soll im April erscheinen, hat aber noch keinen Titel („Es wird auf keinen Fall SLASH II heißen“) – sind ein Modell für Effizienz. Das Material wurde auf Tour mit einem mobilen Studio ausgearbeitet, bevor Slash mit seiner Tourband – bestehend aus Sänger Myles Kennedy, Bassist Todd Kerns und Schlagzeuger Brent Fitz – zusammen mit Produzent Eric Valentine in die Barefoot Studios in L.A. ging. Während ihr das hier lest, wird schon ein beachtlicher Teil der Songs eingespielt sein, wie etwa ›Bad Rain‹, ›Halo‹ und ›Standing In The Sun‹.

Während auf seinem Debüt im Jahre 2010 hoch-karätige Gaststars mitwirkten, funktioniert das momentane Bandgefüge auf dem Zweitling mehr als gut. „Die Sache mit den vielen Gastsängern war etwas Einmaliges“, so Slash. „Ich kann mich selbst nicht mal summen hören. Deswegen wäre ich ein furchtbarer Frontmann.“ Für diesen Job ist Myles Kennedy wie gemacht. „Dieses Album ist in vielerlei Hinsicht besser als SLASH, da es von einer Rockband gemacht wurde, die ihre eigenen Songs spielt“, sagt der Gitarrist. „Man kann mit den Jungs tolle Songs schreiben. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Entwickeln neuer Lieder. Vor allem das Zusammenwirken von mir und Myles wird die Leute am meisten überraschen. Die Chemie zwischen uns ist um einiges stärker als die zwischen Scott (Weiland bei Velvet Revolver) und mir. Die ganze Band wohnte bei mir zu Hause. Wir sind jeden Tag zusammen ins Studio gefahren. So eine Erfahrung habe ich während meiner gesamten Karriere nicht gemacht – egal mit welcher Band.“

Slash sagt, der Schlüssel der Inspiration ist deren Mangel. „Die alten Platten gehen mir mit der Zeit auf die Nerven“, grinst er. „Ich habe mir alle bis zum Erbrechen angehört. Momentan gibt es kein neues Album, das mich fesselt. Es gibt keine Band, die dieses Album beeinflusst hat. Meine Herangehensweise war wie in den Achtzigern. Damals gab es keine gute Musik. Deswegen fing man an, Alben zu schreiben, die man selbst gerne hören will.“
Der Gitarrist verrät, dass extreme Slash-Fans durchaus überrascht, aber nicht enttäuscht sein werden. „Es ist sehr rockig, und es gibt einige groß-artige harte Riffs. Doch das Album soll nicht nur Gitarrenliebhaber zufrieden stellen. Es gibt ein paar Balladen: ruhig und mehr in Richtung Blues. Es besitzt auch Bereiche, die man nicht erwarten würde. Es ist ein sehr kreatives Album. Mehr will ich noch nicht verraten.“

Henry Yates

THIN LIZZY

ThinLizzyThin Lizzy machen sich bereit für ihr erstes Album ohne Phil Lynott.

Laut Scott Gorham ist momentan die meist gestellte Frage der Fans: „Werden Thin Lizzy neue Songs schreiben?“ „Momentan ist das sehr wahrscheinlich“, verrät der Gitarrist. „Je mehr wir uns damit beschäftigen und je stabiler die Band wird… Nun, es wird Zeit.“

Gorham begleitete die Band in den vergangenen 26 Jahren seit dem Tod von Frontmann Phil Lynott durch zwei Aktivitätsperioden. Und er sagt, das Bandgefüge sei sehr gefestigt, seit Sänger Rick Warwick und Gitarrist Damon Johnson ein fester Bestandteil von Thin Lizzy sind. Doch Lynotts Legende wirft immer noch einen großen Schatten. Diese Wiedergeburt von Thin Lizzy muss vielen Erwartungen gerecht werden.

„Wir stehen unter immensem Druck. Doch es gibt so viel Talent in dieser Band. Deswegen wollen wir positiv an die Sache rangehen“, erklärt Gorham. „Ricky Warwick schreibt seine Texte in der Tradition irischer Sagen – wie es auch Phil tat. So gehen auch ich und Brian (Downey, Schlagzeug) an den Schreibprozess heran. Darren (Wharton, Key-boards) hingegen ist ein Meister der Melodien.“

Da die Band dieses Album selbst produziert, ist es für sie leichter, ein Album nach ihren Wünschen einzuspielen. Möglicherweise wird es Ende 2012 ein neues Album geben. Doch Gorham betont, dass es keinen festen Zeitrahmen gibt. „Wir werden uns nicht hetzen“, sagt er bestimmt.

Dave Ling

KISS

Kiss (3)Was nicht kaputt ist, muss nicht repariert werden – und das Rad muss auch nicht neu erfunden werden. Das ist das Motto von MONSTER, dem neuen Album von Kiss.

Als Kiss mit den Arbeiten an MONSTER begannen, trug Paul Stanley einen großen Hut mit dem Aufdruck „Boss“. Natürlich ist das metaphorisch zu verstehen. „Ich hatte keine Lust, ein neues Album auf-zunehmen, wenn ich nicht das Zepter in die Hand nehmen durfte. Und niemand hatte auch nur ansatzweise etwas dagegen einzuwenden“, erklärt der Sänger und Gitarrist, der das Album in den Conway Studios in Hollywood auch co-produ-ziert. „Alle Bandmitglieder sind immer vor Ort, und wir schneiden die Songs, während wir uns in die Augen sehen können. Chemie und Freundschaft sind innerhalb einer Band ungemein wichtig. Das hat auch SONIC BOOM so großartig werden lassen. Und dieses Album ist noch verdammt viel besser.“

Hart aber fair. Und wenn man Stanley glauben schenken darf, dann ist der kreative Fluss, der die Band wieder erfasst hat, noch lange nicht am versiegen. Deswegen haben wir ihn gebeten, uns die Schlüsselstücke von MONSTER näher zu bringen. Auf geht’s, Mr. Starchild…

›It’s A Long Way Down‹
„In diesem Song geht es darum, dass diejenigen, die bestimmte Höhen erreichen, diese aber nicht verdienen, umso tiefer fallen. Der Weg von ganz oben ist sehr steil. Dieser Track ist sehr typisch für Kiss. Er ist sehr schnell und ein Schlüsselsong des Albums. Erics (Singer) Schlagzeugspiel ist einfach unglaublich.“

›Back To The Stone Age‹
„Das ist einer der Songs, die Gene singt. Und der Titel hält, was er verspricht. Ich stamme aus einer Schule, in der man eine Strophe, eine Bridge und einen Refrain schreibt und dann wieder von vorne anfängt. Das liegt in meinem Blut. So haben das Motown, die Beatles, Led Zeppelin und The Who schon gemacht – also alle meine Lieblingsbands.“

›Shout Mercy‹
„Ein großartiger Song. Es gibt viele Tracks, die als Opener des Albums dienen können. Und dieser hier ist einer davon. Für mich zeigt der erste Song eines Albums immer, was man von der ganzen CD zu erwarten hat, egal ob nun ›Love Gun‹ oder ›Detroit Rock City‹. Es ist wichtig, mit einem Song zu beginnen, der festlegt, was das Album ausmacht.“

›Out Of This World‹
„Das ist ein Song von Thommy (Thayer, Gitarrist). Er hat die Grenzen wirklich erweitert. Sein Spiel ist phänomenal. Es besitzt die Art von Aufregung, die ich hören will – und bei der man nie sicher sein kann, ob er völlig durchdrehen wird oder nicht. Das ist es, was tollen Rock’n’Roll ausmacht.“

›Wall Of Sound‹
„Wir wollen das Rad hier nicht neu erfinden. Wir sind am besten, wenn wir nicht zu viel nachdenken. Es ist kein Rubik’s Cube, sondern ein Song, ver-stehst du? Dieser Song ist absolut und wahrhaftig Kiss. Das merkst du sofort. Ich habe uns Scheu-klappen aufgesetzt, damit wir von den Dingen um uns herum nicht abgelenkt werden und der Bann gebrochen wird.“

Dom Lawson

THE GLASLIGHT ANTHEM

The Gaslight Anthem - PortraitsLust auf rohen Rock’n’Roll im Jahr 2012? Dann sind The Gaslight Anthem genau die Richtigen.

Die Linie zwischen Worten, die im Eifer des Gefechts gesprochen werden, und den berühmten letzten Worten ist sehr dünn. Brian Fallon balanciert darauf wie auf einem Hochseil. „Es herrscht immer viel Panik bei uns. Vor allem darüber, ob ein Album gut genug ist“, schildert er die Entstehung des neuen Werks. „Doch wenn du das im Hinterkopf hast, kannst du eigentlich nichts vermasseln. Für die Songs, die wir geschrieben haben, brauchen wir weder Magie noch Tricks. Wir brauchen keinen Süßstoff, denn die neuen Songs sind verdammt gut und roh.“
Das Quartet befindet sich „tief“ in den Arbeiten zu ihrem vierten Album. Während bei ihren Vorgängern deutliche Einflüsse von Springsteen und Cash zu finden waren, befinden sich die neuen Stücke ganz im Hier und Jetzt. „Das Album klingt alles andere als alt. Und es dreht sich auch nicht um die Vergangenheit. Es besitzt mehr Energie als die beiden davor. “

Für Fallon wird es das fünfte Album in fünf Jahren. Diese Arbeitsethik ist heutzutage mehr als rar. „Ich habe darüber gelesen, wie Paul Mc- Cartney und John Lennon Songs geschrieben haben“, erzählt er. „Man kann nicht einfach nur dasitzen und die Bäume anstarren und darauf warten, dass man eine Idee hat. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“

Henry Yates

JUDAS PRIEST

Rob-bullets-300dpiJudas Priest kehren zu ihren Wurzeln zurück. Sie drehen auf, anstatt ruhiger zu werden.

Die Harley ist eine perfekte Analogie für das, was wir zu tun versuchen“, sagt Rob Halford von Judas Priest über ihr kommendes neues Album. „Wenn dieses Biest erstmal auf die Bühne rollt, dann sieht es verdammt gut aus: Es stinkt, ist verdammt laut und geht den Leuten garantiert auf die Nerven.“

Die Arbeit am neuen Album begann schon im Januar letzten Jahres. Sie arbeiteten in Glenn Tiptons Heimstudio an neuem Material, bevor ihre „Epitaph Abschiedstour“ sie in bis zu diesem Frühjahr in Beschlag nimmt. Trotzdem hat Halford eine genaue Vorstellung davon, wie dieses Album aussehen soll. Zum Glück beinhaltet das auch die Abkehr vom verstümmelten Konzeptualismus von NOSTRADAMUS aus dem Jahr 2008. „Die Grundeinstellung war die Rückkehr zu unseren Wurzeln, diese dann zu zerreißen und ein brandneues klassisches britisches Heavy Metal-Album daraus zu machen“, erklärt er. „Es besitzt eine Prise BRITISH STEEL, ein bisschen Atmosphäre von PAINKILLER und einen Hauch STAINED CLASS…“ Und da sie zusammen mit Richie Faulkner, dem Ersatz für KK Downing, „auf Tour ein paar Ideen entwickelt haben“, vermutet Halford, dass sie sogar Material für zwei Alben in Petto haben.

Momentan kratzt die Band lediglich an der Oberfläche des neuen Albums. Halford sagt dazu: „Da gibt es zum Beispiel ›Metalliser‹, einen Song mit der für uns typischen Atmosphäre und Tempo. Wir haben auch einen tollen Song namens ›Keep The Faith‹, der auch sehr typisch für uns ist. Es gibt eine wunderschöne Ballade namens ›We’ll Never Forget‹ und einen Track namens ›To Hell And Back‹, der eine rauere Atmosphäre besitzt. Lyrisch ist das Album ein offenes Buch, aber wenn Glenn seine feurigen Riffs spielt, werde ich natürlich alle wichtigen Worte verwenden.“

All das klingt nicht nach einer Band, die vor ihrem Ende steht. „Wir haben diesen riesigen Weg des Metal hinter uns gelassen. Darauf sind wir sehr stolz“, sagt Halford. „Doch wir glauben nicht, das damit alles vorbei ist. Es gibt immer einen weiteren Metal-Song, der geschrieben werden will. Es ist kein Ende in Sicht, so sehen wir die Sache. Wir fühlen uns lebendiger denn je.“

Henry Yates

BLACK SABBATH

Black Sabbath Reunion Press ConferenceEine neue Tour, neue Songs und ein neues Album – außerdem haben sie aufgehört, sich zu zanken. Könnten Black Sabbath das Comeback des Jahres 2012 schaffen?

Der Zeitpunkt – 11:11 Uhr am 11.11.2011 – wäre allein schon ein verheißungsvoller Moment. Doch es ist auch der exakte Zeitpunkt, den Black Sabbath wählten, um das bestgehütetste Geheimnis der Rockwelt zu lüften: nämlich dass sie sich wieder vereinen und zusammen mit Rick Rubin ein neues Album aufnehmen werden. „Die Zeit war einfach reif “, sagt Ozzy Osbourne, während er neben seinen Bandkollegen und Rubin auf der Bühne des Whiskey A Go Go sitzt, dem legendären Club, in dem Black Sabbath vor 40 Jahren am gleichen Tag ihr US-Debüt gaben. „Entweder jetzt oder nie“, fügt Tony Iommi hinzu.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Urbesetzung zusammenfindet. Neu jedoch, dass sie ein brandneues Album einspielen wollen, das erste im Original-Sabbath-Line-up seit 34 Jahren. Das hatten sie auch schon während ihrer ersten Reunion 1998 versucht. Doch alles, was dabei herauskam, waren ein paar mittelmäßige Songs am Ende einer Live-CD. Müssen wir uns Sorgen machen? „Damals hat’s nicht geklappt“, so Ozzy. „Doch diesmal haben wir wie durch ein Wunder schon sieben, acht Songs geschrieben. Und sie sind gut. Das sage ich nicht einfach so. Ich bin wirklich überwältigt.“

Ihr Ass im Ärmel könnte Rick Rubin sein. Ein Mann, der sich darauf spezialisiert, Musiker einer bestimmten Ära zu helfen, ihre Kreativität wiederzufinden – man denke nur an Johnny Cash. „Wir befinden uns in der Mitte des Schreibprozesses, also können wir hoffentlich Anfang des Jahres mit den Aufnahmen anfangen“, sagt Rubin. „Ich stand in einem Raum mit ihnen, als sie spielten. Es klingt sehr nach Black Sabbath. Wenn sie so klingen, befinden wir uns auf dem richtigen Weg.“

Kevin Murphy

ZZ TOP

ZZ TopSie haben Rick Rubin auf ihrer Seite. Und dennoch sollte man von ZZ Tops zwölftem, Astronauten-geprüften Album keine üblen Überraschungen erwarten.

Acht Jahre sind seit MESCALERO, dem letzten Album von ZZ Top, vergangen. Und das haarige Trio hat sich nicht zu Tode geschunden, um einen Nachfolger zu schreiben, sondern sich gemütlich zurück-gelehnt – typisch texanisch eben. „Du kannst es glauben oder nicht: Aber wenn man alle Tage zusammenzählt, an denen wir im Studio waren, dann kommen vermutlich ungefähr sechs Wochen zusammen“, erzählt Gitarrist und Sänger Billy Gibbons. „Das ist Zeit-kompression vom Feinsten.“

Die Band nahm in Studios in Malibu sowie ihrer Heimatstadt Houston auf. Superproduzent Rick Rubin war anfangs mit an Bord, doch mittlerweile produzieren die Musiker ihr neues Album selber. Rubin ist zwar immer noch beteiligt, agiert jedoch eher im Hintergrund. „Wir haben einige Jahre mit unserem Freund Rick in Kalifornien gearbeitet“, weicht Gibbons aus. „Wir stehen noch immer ständig in Kontakt. Schließlich sind wir schon mehr als 20 Jahre miteinander befreundet.“

Ist das Album fertig?
Momentan genießen wir den Luxus, noch mehr Zeit im Studio verbringen zu können. Das ermöglicht es uns, das, was wir schon aufgenommen haben, noch einmal überarbeiten zu können. Wer weiß, vielleicht fällt uns ja auch noch etwas Neues ein.

Gibt es schon einen Titel?
Mir schwirren einige der mexikanische Titel im Kopf herum. BURRITO DELUXE ist einer der Ti- tel, mit dem wir liebäugeln. Leider hat schon jemand verkündet, dass wir uns für diesen Titel entschieden hätten (von den Flying Burrito Brothers). Jetzt, wo sich das Material immer mehr entwickelt, denke ich jedoch, dass uns noch etwas Originelleres einfallen wird.

Du sagtest einmal, dass sich die neuen Songs zwischen TRES HOMBRES und ELIMINATOR bewegen. Wie treffend ist das?
Es ist sicher einfacher, dir zu erzählen, wie dieses Album nicht klingt (lacht). Wir müssen unsere Münder noch mehr trainieren, um eine Rap-Band zu sein. Also werden uns davon eher fernhalten.

Angeblich kehrt ihr zu euren Blues-Wurzeln zurück.
Einer meiner Lieblingstracks des neuen Albums ist an Willie Browns Song ›Future Blues‹ ange-lehnt. Wir haben jegliche Ähnlichkeit zum Traditionismus komplett über Bord geworfen. Das Einzige, was von unserer Ankündigung noch übrig ist, ist ein dürres Skelett an Worten – und selbst sie stimmen nicht mehr wirklich.

Da wir gerade beim Blues sind: ›Have A Little Mercy‹ – ein weiterer neuer Song von euch – klingt wie eine Hommage an BB King.
Ja, das steht außer Frage. Ich kann dir sogar eine Liste mit all den Bluesmusikern zusammenstellen, die dieses Album beeinflusst haben. Frank (Beard, Schlagzeug) und Dusty haben das aus erster Hand gelernt. Schließlich spielten sie schon mit Freddie King und Lightnin’ Hopkins.

Wollte Rick Rubin den Sound von ZZ Top verändern?
Nein. Und ich glaube, gerade deshalb funktioniert die Arbeit mit Rick. Das Erste, was er sagte, war: „Hey, ich möchte nichts an ZZ Top verändern, aber eventuell etwas in euch finden, das ihr bis jetzt übersehen habt.“

Habt ihr etwas gefunden?
Ja. Wir spielten meistens eine oder zwei Versionen eines Songs ein. Dann beschäftigte er sich ein paar Tage damit. Dann setzten wir uns zusammen. Er sagte dann: „Könnt ihr euch noch daran erinnern, was ihr vor zwei Tagen gespielt habt, wenn ich es euch nicht nochmal vorspiele?“ Das war immer sehr lustig, weil wir uns natürlich nie erinnern konnten. Und wenn wir das bisschen dann spielten, an das wir uns erinnern konnten, dann klang das immer anders. Oft waren die neuen Versionen sogar besser. Ich denke, man könnte das eine Art Evolutionsprozess nennen.

Euer Astronauten-Freund Michael Fossum hat euren neuen Song ›Flyin’ High‹ diesen Sommer mit auf die Internationale Weltraumstation ISS mitgenommen.
Ja, sie steckten ihn in ’ne Rakete – und weg war er.

Rob Hughes

THE DARKNESS

The Darkness 2011 by Marianne Harris - topless portraitDas sagt Justin Hawkins über das neue Album von The Darkness. Entspannt euch – er scherzt nur. Zumindest denken wir das.

Ihr glorreicher Aufstieg war spektakulär – ihr Fall aber auch. The Darkness nahmen uns mit auf eine verwirrende Achterbahnfahrt. Ihre Wiedervereinigung zählte zu den am freudigsten aufgenommenen Ereignissen des letzten Jahres. Am wichtigsten ist nun natürlich, was als nächstes passiert. Daher sind alle Augen auf das auffällige Quartett gerichtet, das gerade ihre lang erwartetes drittes Album fertigstellt.

„Einige Leute werden möglicherweise auch ein beschissenes Album tolerieren, aber zu denen zählen wir nicht“, sagt Frontmann Justin Hawkins. „Wir haben es Anfang 2011 aufgenommen. Einige Dinge gefielen uns sehr, andere wiederum nicht. Wir wollen, dass dieses Album wie unser erstes ist, als alles noch fantastisch war. Es fehlen nur noch ein oder zwei Songs, bevor das Album fertig ist.“

Es ist sicher klug, sich mehr am natürlichen Rock ihres Debüts PERMISSION TO LAND zu orientieren als an dessen Nachfolger. Die Band möchte die Dinge dieses Mal einfacher halten. „Dieses Album ist definitiv roher als alles, was wir vorher gemacht haben“, sagt er. „Einige Songs sind sehr vielschichtig, aber wir übertreiben es nicht – außer das ist die Idee hinter dem Song.“

Nachdem The Darkness eine erfolgreiche UK-Tour hinter sich gebracht und allen bewiesen haben, dass sie sich wieder verstehen, scheint sich der Zynismus zu verflüchtigen, der nach der Verkündung der Reunion herrschte. „Nun, dieses Glücksgefühl nach der Reunion lässt langsam nach“, lacht Justin. „Jetzt gibt es nur noch Hass und Verbitterung. Es gab viele Hänseleien. Doch wenn es ums neue Album geht, wollen wir alle dasselbe. Wir werden uns anstrengen, bis wir vollkommen damit zufrieden sind – das ist unsere Deadline.“

Henry Yates

Meat Loaf – Zurück zum Bunker

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Weltwirtschaftskrise, Occupy-Bewegung, Terrorgefahr, Globale Erwährmung – alles Dinge, die Michael Lee Aday alias Meat Loaf nicht nur gewaltig in Rage bringen, sondern auch den Wunsch nach dem guten, alten Schutzkeller aus der Zeit des Kalten Kriegs verstärken. zur Finanzierung dient ein Album namens “Hell In A Handbasket”, das nicht nur das Politischste, somdern vor allem Schnellste seiner Karriere ist.

Meat Loaf 2011d @ Paul BrownDenn bislang zählte das Schwergewicht aus Texas eher zur langsamen Sorte. Für seine zehn Studio-Alben hat er durchschnittlich dreieinhalb Jahre gebraucht. Für seine von Jim Steinman komponierten Erfolgswerke BAT OUT OF HELL I + II, die sich weltweit 60 Millionen Mal verkauften, sogar noch länger. Umso überraschender die Veröffentlichung seines aktuellen Werks HELL IN A HANDBASKET – gerade 18 Monate nach HANG COOL TEDDY BEAR. „Ich wollte es diesmal anders machen“, verrät er im CLASSIC ROCK-Interview. „Denn in den 60ern und 70ern war es so, dass die Leute jedes Jahr ein neues Album aufgenommen haben. Heute brauchen sie dafür drei oder vier. Aber weil ich dickköpfig und rebellisch bin, habe ich entschieden: Zum Teufel damit – ich zeige der Welt, dass es auch anders geht! Deshalb haben wir im Tourbus aufgenommen, in Hotelzimmern und Backstage in irgendwelchen Hallen. Ich habe zehn Songs in elf Tagen eingesungen. Keine Ahnung, wie ich das hingekriegt habe, aber ich habe es getan.“

Doch Geschwindigkeit ist nicht das einzige Novum beim inzwischen 64-jährigen Wahl-Kalifornier. Zwar setzt Meat Loaf weiter auf bombastischen, epischen 70s Rock mit theatralischem Gesang und Duetten mit Dauerpartnerin Patti Russo, doch ansonsten hat sich einiges geändert. So wechselt der füllige Barde erstmals von fiktiven Figuren zum Ich-Erzähler, ist intimer denn je, und glänzt mit einem starken politischen Unterton. Denn die globale Finanzkrise, das latente Terrorproblem, die wachsende Unzufriedenheit im eigenen Land und der Klimawandel lassen ihn zu folgender Erkenntnis kommen: Der blaue Planet steuert dem Exitus entgegen, was der gemeine Amerikaner mit den Worten „Hell In A Handbasket“ umschreibt. „Das ist eine alte Formulierung aus dem Süden der USA, aber sie ist aktueller denn je. Weshalb ich überlege, mir einen Bunker wie in den 50er und 60er Jahren anzulegen – eben bei mir im Garten. Was ich vollkommen ernst meine: Bunker kommen wieder in Mode“, spricht’s mit donnernder Lautstärke und irrem Blick, die keinen Widerspruch dulden. „Die Leute werden Löcher in den Boden graben, tonnenweise Zement und Blei verbauen und Lebensmittel für fünf Jahre einlagern. Genau wie DVDs, Blue Ray-Player, Fernseher und Generatoren. Einfach, weil hier so ein Chaos herrscht. Und weil sich das nicht mit gesundem Menschenverstand lösen lässt, muss man es halt aus-sitzen.“

Dabei ist Politik ein Thema, von dem sich Meat Loaf stets distanziert hat. Nur um jetzt, als echter Rock-Dino, doch noch späte Stellung zu beziehen. Eben als registrierter Republikaner mit streitbaren Ansichten wie offenen Sympathiebekundungen für die ultrakonservative Tea Party („die demokratische Urform der USA“) sowie genauso offener Ablehnung gegenüber Präsident Obama und – für ihn noch schlimmer – die Occupy-Bewegung, die den bekennenden Workaholic („Ich arbeite elf von zwölf Monaten im Jahr“) richtig sauer macht: „Die Occupy-Leute werden gerne mit den Vietnam-Protestlern der 60er verglichen. Da kann ich nur sagen: Moment mal! Denn ich war schließlich dabei. Ich habe zusammen mit der Besetzung von „Hair“ den Protestmarsch auf Washington angeführt. Da waren rund 100.000 Menschen, und alles, was wir gemacht haben, war marschieren. Es gab keine Krawalle, kein gar nichts. Und ich war damals auch noch bei anderen Protestaktionen dabei. Die einzigen, die Theater gemacht haben, waren Polizisten. Denn die Leute in den 60ern waren viel zu high, um sich zu prügeln. Wir saßen nur da und lallten: ,Was für ein tolles Blau.‘ Von daher lässt sich die Occupy-Bewegung nicht mit dem Vietnam-Protest vergleichen. Denn das ist ein arbeitsscheues, faules Pack, das sich an der Gesellschaft zu bereichern versucht – eben an allen, die hart arbeiten und ihre Steuern zahlen.“

Weshalb Meat, wie ihn seine Freunde nennen, der Welt die Augen öffnen und mit kleinen Denkanstößen für große Veränderungen sorgen will. Vorzugsweise bei einem Publikum, das genau so „blue collar“ ist wie er. Das an Gott glaubt, auf Familie, Hausmannskost, Schusswaffen und Sport schwört – und insofern allenfalls ein bisschen gefordert werden darf. Sei es mit ungewöhnlichen Gastauftritten von Rappern wie Chuck D und Little Jon, die prompt für blankes Entsetzen bei seiner Fanbase sorgen. Oder einer Co- verversion des Flower Power-Klassikers ›California Dreamin‹ von 1966, den die Welt – im Gegensatz zu ihm – komplett falsch verstanden hat. „Eigentlich ist es ein düsterer, deprimierender Song. Und deshalb ist die Art, wie ich es singe, auch nicht wirklich fröhlich. Wobei ich der Meinung bin, dass John Phillips meine Version lieben würde. Denn sie ist ganz anders, als es die Mamas & Papas aufgenommen haben. Lou Adler, ein Freund von mir, hat es damals so produziert, dass es eine starke Single wird. Mit dieser Fröhlichkeit und Euphorie. Jetzt denkt jeder, es wäre ein netter, kleiner Pop-Song. Dabei ist er das nicht. Er ist vielmehr eine Metapher dafür, seine Träume nicht verwirklichen zu können – und insofern auch nicht richtig zu leben.“

Der amerikanische Traum von Abenteuer, Freiheit und Selbstverwirklichung, den Meat Loaf selbst er- und gelebt hat. Er kann heute auf eine fünf Dekaden umfassende Karriere zurückblicken und gilt als millionenschwerer Dauerbrenner. Wofür er allerdings auch einen hohen Preis gezahlt hat. Er ist zweimal geschieden, leidet unter dem sogenannten Wolff-Parkinson-White Syndrom (einer Herzschwäche) und ist schon seit Jahren Asthmatiker. Was dazu führt, dass er bei Auftritten unter Atemproblemen leidet und bei seiner letzten US-Tournee im Sommer 2011 öfter auf und hinter der Bühne zusammengebrochen ist. „Die Leute haben das zunächst für eine Show-Einlage gehalten – für eine theatralische Performance. Aber Tatsache ist: Ich bin heute keine 30 mehr. Und gerade die alten Sachen, die Jim für mich geschrieben hat, sind unglaublich anstrengend. Einfach, weil da mehrere Oktavensprünge drin sind und weil sie eine extreme Power und Präsenz verlangen. Dafür fehlt mir inzwischen der lange Atem. Was zweifellos traurig ist, aber daran lässt sich nichts ändern.“

Weshalb „der Dicke“ auch vorerst keine Ambitionen hat, eine der erfolgreichsten Kollaborationen der Musikgeschichte fortzusetzen. Eben zwischen ihm und dem New Yorker Komponisten Jim Steinman, die zwei Teile der BAT OUT OF HELL-Trilogie hervorbrachte. „Jim ist ein kranker Mann und ein gottverdammter Perfektionist, der ewig braucht, um ein paar halbwegs gute Stücke zu schreiben. Und ich habe keine Lust mehr, a) so lange zu warten und b) noch einmal dieses alte Konzept aufzuwärmen. Denn BAT OUT OF HELL III: THE MONSTER IS LOOSE, das ich ohne ihn abschließen musste, war nicht besonders gut – und es hat sich auch nicht sonderlich verkauft. Weshalb ich das Kapitel endgültig abgeschlossen habe.“

Stattdessen tut das Berufsunikum, das mit seinem Auftritt in der „Rocky Horror Picture Show“ berühmt wurde, alles, um sich möglichst vielseitig aufzustellen. Sei es mit Auftritten in über 55 Spielfilmen und TV-Serien, denen in diesen Tagen drei weitere folgen. Mit einem Weihnachtsalbum namens HOT HOLIDAYS, das er für Ende 2012 plant und – weil er vorerst nicht auf Tour geht – einem weiteren Tonträger, der bereits im Herbst erscheinen soll. „Wir haben acht Stücke im Kasten. Aber den Titel möchte ich noch nicht verraten. Nur soviel: Es wird ganz anders als HELL IN A HANDBASKET. Einfach, weil sich die Songs ums Trinken und um Sex drehen. Also quasi das Album zum Weltuntergang. Nach dem Motto: Die Erde steht vor dem Aus, also lass uns Spaß haben, Baby. Momentan geht sie aber erst einmal den Bach runter.“ Und das meint er genau so, wie er es sagt.

Everlast – Unangenehmes Urgestein

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Er hat viele Namen und mindestens genauso viele Gesichter trägt seine Musik. Eric Schrody, so sein bürgerlicher Name, wird von seinen Hip Hop-Freunden Whitey Ford genannt. Den meisten ist er aber als Everlast bekannt. Jetzt rechnet der gestandene Rapper auf seinem neuen Album SONGS OF THE UNGRATEFUL LIVING mit Krise, Krieg und Ungerechtigkeit ab.

EverlastAls Mitglied von House Of Pain gehörte er zu den bedeutendsten Figuren im Hardcore Rap der frühen Neunziger und war mitverantwortlich für Hits wie ›Jump Around‹. Im Jahr 1998 knallte Everlast mit seiner bis dato zweiten Soloplatte WHITEY FORD SINGS THE BLUES den eingenähten Vertretern von Hip Hop, Rock, Folk und Country eine gehörige Portion Innovation vor den Latz. Dank seiner Mixtur all dieser Genres, Mega-Hits wie ›What It‘s Like‹ und ›Put Your Lights On‹, für das er gemeinsam mit Carlos Santana einen Grammy einsackte, sowie drei weiteren Solo-Alben gehört der frühere Rap-Star inzwischen auch zum illustren CLASSIC ROCK-Kreis.

Das sechste Album SONGS OF THE UNGRATEFUL LIVING, bei dem Everlast selbst auch als Produzent mitwirkte, enthält eine Vielzahl verschiedener Stile und kompositorischer Ideen. Es ist eine wütende Abrechnung mit den sozialen Missständen in den USA und ein besorgter Weckruf an die Leidtragenden der vergangenen Jahre.

Damit bewegt sich Everlast in der Tradition früherer Hip Hop-Combos, die für ihre Protest-Songs bekannt waren. Eine Tradition, die im vergangenen Jahrzehnt verloren gegangen ist. „Einer muss ja den Tatsachen ins Auge blicken. Amerika ist im Begriff unterzugehen. Keiner möchte an diesem Schiff rütteln. Nun ist das Schiff voll, Mann. Irgendjemand wird über Bord gehen, also lasst uns wenigstens die richtigen Leute über die Reling stoßen“, beschwert sich Schrody über den fehlenden Mut heutiger Musiker. „Trotzdem ist es kein allzu politisches Album. Diesmal habe ich mich wieder mehr den Menschen und ihren Geschichten zugewandt“, erklärt Whitey Ford.

„Verglichen mit den meisten Amerikanern geht es mir ziemlich gut, aber ich hänge eigentlich nur mit Leuten aus der Arbeiterklasse rum. Die meisten meiner Freunde um mich leiden und ich muss ansehen, wie sie zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen.“ Die Probleme in seinem bodenständigen Umfeld und zahlreiche private Erlebnisse in den vergangenen Jahren inspirierten Everlast zu den insgesamt 15 neuen Tracks auf SONGS OF THE UNGRATEFULL LIVING.

In ›I Get By‹, der ersten Single-Auskopplung, besingt der 42-Jährige die ökonomische Zwickmühle, in der sich die einfachen Leute in den Staaten befinden und will sie damit aus ihrer passiven Haltung locken. „Wenn ich heute 25 Jahre alt wäre und gerade aus dem College käme, würde ich mich zu Tode fürchten. In Europa sieht man immer wieder Proteste und sogar Unruhen. Dort sind wenigsten die Jungen motiviert, etwas zu versuchen. Auf die Amerikaner muss man immer noch warten“, kritisiert er.

In den vergangenen drei Jahren tourte Everlast durch den Irak, um für die amerikanischen Truppen zu spielen. Seine Eindrücke aus dieser Zeit verarbeitet er in ›Little Miss America‹. Das Lied handelt von Soldaten, die aus dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren und in einer von Prominenz und Wohlstand besessenen Kultur ankommen müssen.

Von besonderer Bedeutung ist für Everlast das Lied ›Sixty-Five Roses‹, das einen sehr privaten Hintergrund besitzt. Nach seiner Heirat vor einigen Jahren, bekamen er und seine Frau eine Tochter, bei der bald Mukoviszidose (auf Englisch Cystic Fibrosis) diagnostiziert wurde. „Als wir uns über die Krankheit informierten, fanden wir raus, dass es da diese Organisation namens 65 Roses gibt.“ Die Einrichtung trägt diesen Namen, weil die Kinder, die unter diesem genetischen Defekt leiden, Cystic Fibrosis aussprechen wie 65 Roses. „In dem Lied geht es aber nicht direkt um die Krankheit, sondern um den harten Weg etwas unerwünschtes im Leben zu akzeptieren und damit zurecht zu kommen“, sinniert der durch das Leben deutlich gereifte Rapper.

Bob Seger – Mit 66 Jahren…

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hat Robert Clark Seger schon über 50 Jahre im Musikbusiness hinter sich und persönlich wie beruflich allerlei Höhen und Tiefen erlebt. Jede Dekade seiner Karriere war von anderen Musikstilen geprägt,
doch der bescheidene Jedermann mit der markant erdigen Stimme kam nie von seinem Weg ab und beschreitet ihn bis heute unbeirrbar. „Old Time Rock’n’Roll“ ist sein Markenzeichen, Steckenpferd – und Vermächtnis. An den wohlverdienten Ruhestand denkt er noch lange nicht, aber ein Rückblick auf den außergewöhnlichen Werdegang dieses Urgesteins sei angesichts der Veröffentlichung des Doppelalbums ULTIMATE HITS: ROCK AND ROLL NEVER FORGETS erlaubt.

Bob Seger @ Capitol Photo ArchivesGibt es so etwas wie einen unscheinbaren Superstar? Wenn ja, dann kann Bob Seger diesen Titel auf jeden Fall für sich beanspruchen. Nicht weniger als 50 Millionen Platten hat er weltweit verkauft, die meisten Menschen haben seinen Namen zumindest schon irgendwo mal gehört, seine Lieder sind wohl in ausnahmslos jedem Land der Welt schon zu hören gewesen (selbst Nordkoreaner dürfen schließlich manches politisch unverfängliche Kulturprodukt des kapitalistischen Klassenfeinds konsumieren), – und den-noch scheinen nur die wenigsten Zeitgenossen außerhalb Nordamerikas zu wissen, wie sie diesen Mann einordnen sollen. Bezeichnend, dass Millionen seine Hits sofort mitsummen können, ohne jedoch zu wissen, wer sie verfasst hat. Ob der Alltime-Klassiker ›Old Time Rock’n’Roll‹ oder der 80’s-Hit ›Shakedown‹ – diese Lieder waren eben einfach schon immer irgendwie da. Grundgestein der Rockmusik, unvergänglich, unantastbar. Der Weg dahin war jedoch lang und beschwerlich.

—- Ein lautes Hallo —-

Die fünfziger Jahre gelten als goldene Ära der US-Geschichte, die Boom-Dekade schlechthin, in der die ganze Nation mit Enthusiasmus und grenzenloser Zuversicht nach vorne blickte, in die Hände spuckte und kräftig anpackte. Detroit wird zum entscheidenden Motor des Aufbruchs, hier entstehen millionenfach die ausladenden, chromstarrenden Straßenkreuzer, die den neuen, genüsslich und demonstrativ zur Schau gestellten Wohlstand stolz in alle Ecken des Kontinents tragen.

Hier wächst auch Bob auf, dessen Vater bei der allmächtigen Ford Motor Company arbeitet, doch die zweite Hälfte des Jahrzehnts ist für ihn alles andere als rosig: Die Eltern trennen sich 1956, die alleinerziehende Mutter bringt die Familie nur mit Mühe und Not über die Runden – das bequeme Vorstadtleben ist Vergangenheit.

Für Bob Seger möglicherweise der Ansporn, bereits in der High School zur Gitarre zu greifen und dieses abrupte Ende seines persönlichen amerikanischen Traums zu besingen. 1961, gerade mal 15 Jahre alt, nimmt er mit seiner ersten Formation The Decibels das Demo ›The Lonely One‹ auf – es ist der Startschuss für Bob Segers bemerkenswerte Laufbahn. Allerdings kein sehr vielversprechender: Ein einziges Mal läuft das Lied bei einer örtlichen Radiosta-tion – und die Decibels sind schon bald darauf Geschichte. Auch die nächste Station beschwört Lautstärke, als Seger bei einer Gruppe namens Town Criers einsteigt, doch es sollte bis 1966 dauern, bis nach einem gleichsam kurzen Zwischenspiel bei Doug Brown & The Omens erstmals eine Platte unter seinem Namen erscheint. Als Bob Seger & The Last Heard veröffentlicht er EAST SIDE STORY, das zumindest in seiner Heimatstadt einige Wellen schlägt und ein kleiner Hit wird. Ein Wegweiser für die nächsten Jahre, aber auch ein klassischer Fall von „zu früh ge-freut“, denn als die vierte Single ›Heavy Music‹ kurz davor steht, landesweit ins Rollen zu kommen, geht die Plattenfirma Cameo-Parkway sang- und klanglos pleite.

—- Früh übt sich … in Geduld —-

Die Suche nach einem neuen Plattenvertrag verläuft durchaus vielversprechend. Das legendäre Motown-Label macht ein Angebot – für einen Musiker aus Detroit ein absoluter Ritterschlag. Dennoch lehnt Seger ab und geht zu Capitol Records, der Firma, die er am geeignetsten für seine Musik hält – und bei der er bis heute unter Vertrag steht. Ein neuer Anlauf unter dem Namen The Bob Seger System erfolgt 1968, das Ergebnis ist durchwachsen. Zählt Seger in Michigan bald zu den angesagten local heroes, kann er auf nationaler Ebene nur in einer Handvoll Staaten punkten. Bis ›Ramblin‘ Gamblin‘ Man‹, die zweite Single, erscheint und die ganzen USA erobert. Bis auf Platz 17 klettert der Bluesrock-Stampfer – die Tür zu Ruhm und Ehre scheint endlich offen zu stehen.

Schnell fällt sie jedoch wieder ins Schloss. Ein Mann namens Tom Neme stößt zur Band und wird sowohl als Songwriter als auch Frontmann federführend für das nächste Album NOAH – ein Richtungswechsel, der vom Publikum nicht verstanden und entsprechend quittiert wird: NOAH entpuppt sich als kapitaler Flop, Seger kehrt der Musikindustrie darauf hin den Rücken und fängt ein Studium an. Zum Glück nur eine vorübergehende Auszeit, denn schon 1970 er-scheint MONGREL, diesmal zum Glück wieder ohne Neme. Wieder wird es in Detroit sehr positiv auf-, national aber so gut wie gar nicht wahrgenommen.

The Bob Seger System sind somit Geschichte, doch Bob lässt sich nicht mehr entmutigen und tritt erstmals als Solokünstler ins Rampenlicht. 1971 erscheint BRAND NEW MORNING, komplett akustisch, doch auch ein neuer Morgen kann einsam sein: Das Album schmiert ab, und Seger verabschiedet sich vorübergehend von Capitol Records. Ein weiteres Gruppenprojekt, My Band, folgt, das von kaum mehr Erfolg gekrönt ist, aber immerhin den Beginn einer le-benslangen Kreativpartnerschaft mit Saxofonist Alto Reed einläutet. Ende 1973 ist Seger schon wieder auf der Suche nach neuen Mitstreitern.

— Eine Kugel trifft ins Schwarze —

Wer den Namen Bob Seger hört, denkt im Kopf unweigerlich „… & The Silver Bullet Band“ weiter, denn diese Konstellation, die 1974 ins Leben gerufen wird, markiert das Ende vom Anfang – einer Dekade, in der JFK, Vietnam, Woodstock, die Beatles und die Mondlandung die Welt in Atem hielten, während für Bob Seger kaum Revolutionäres in die Annalen einzutragen war. Nach heutigen Maßstäben wäre es unvorstellbar, dass ein Künstler so lange Aufbauarbeit betreiben kann, ohne dass der Knoten platzt. Wer nicht spätestens mit dem zweiten Album durchstartet, ist weg vom Fenster.

Doch die sechziger und siebziger Jahre sind eine andere Zeit, Musiker dürfen noch wachsen. Geduld, die sich langsam auszuzahlen scheint. Mit dem Album SEVEN und der Single ›Get Out Of Denver‹ findet Bob nach dürren Jahren wieder den Weg in die niederen Regionen der US-Charts zurück. Mit seiner Rückkehr zu Capitol Records 1975 stehen die Zeichen schließlich endgültig auf Durchbruch. BEAUTIFUL LOSER erscheint und enthält mit ›Katmandu‹ einen Klassiker, der es fast schon bis in die heiligen Top 40 schafft.

Der Hype wächst, in Detroit füllt Seger mittlerweile die größten Hallen. Ebenso unvorstellbar heutzutage: Es ist ausgerechnet ein Live-Album einer dieser Shows, das endgültig zum Sprungbrett in die Oberliga wird. Im Herbst 1975 spielen Bob Seger & The Silver Bullet Band in der riesigen Cobo Arena, die Aufnahme er-scheint im April 1976 als LIVE BULLET und wird mit euphorischen Kritiken nur so überhäuft. Späte Genugtuung, denn als enthusiastisch dargebotene Best Of-Revue seines bisherigen Schaffens ist diese Platte der perfekte Katalysator für über ein Jahrzehnt Beharrlichkeit, die sich nun endlich auszahlt. Noch immer gibt es aber Teile des Landes, die nichts von ihm gehört zu haben scheinen. Während im Juni 1976 80.000 Menschen zu einem Open-Air in der Nähe von Detroit erscheinen, sind, je nach Quelle, tags darauf nicht mal 1000 bzw. drei Tage zuvor gerade mal 50 Zuschauer in Chicago anwesend…

Bob_Seger_2—- Sex sells —-

15 Jahre nach Bob Segers erster Aufnahme ist es soweit: Die Welt liegt ihm zu Füßen. Das Album, das die letzte Raketenstufe zündet und ihn in den Orbit schießt, heißt NIGHT MOVES und soll keineswegs eine Anspielung auf die unaufhaltsam heraufbrodelnde Disco-Bewegung sein. Vielmehr beschreibt der Titeltrack in fast rührend nostalgischer Naivität, wie man sich einst mit unbeholfener Rücksitzakrobatik seine ersten Sporen beim anderen Geschlecht verdiente. Auch im Post-Hippie-Zeitalter wird diese unverblümte Verherrlichung jugendlicher Sexualität nicht nur wohlwollend kommentiert, doch die Single des Titelstücks wird der erste Top 10-Hit des Detroiters und klettert bis auf Platz 4. Befürchtungen, es könne sich wieder um eine Eintagsfliege mit begrenzter Halbwertszeit handeln, werden schnell zerschlagen, denn auch die nachfolgenden Singles ›Mainstreet‹ und ›Rock And Roll Never Forgets‹ mausern sich zu ausgemachten Hits, während das Album ebenfalls die Top 10 erobert und zum Millionenseller avanciert. Und nicht nur das: Im Zuge dieser explosionsartig gewachsenen Popularität schießen nun auch die Verkaufszahlen von BEAUTIFUL LOSER und LIVE BULLET in die Höhe.

Der Stein rollt endlich, und er nimmt noch weiter Fahrt auf. Nach einer ausgedehnten Tour zu NIGHT MOVES folgt 1978 STRANGER IN TOWN. Platz 4 der Albumcharts belegt eindrucksvoll, dass Seger endgültig in den Rock-Olymp aufgestiegen ist, die Singles ›Still The Same‹, ›Hollywood Nights‹, ›We’ve Got Tonight‹ und ›Old Time Rock’n’Roll‹ erobern die Radiowellen rund um den Globus. Vor allem letztere Nummer wurde zum Langzeitklassiker, der nicht nur durch Tom Cruises unvergessliche Unterwäsche-Tanzszene im Film „Lockere Geschäfte“ unsterblich wurde. Ein ikonischer Filmmoment, der seither oftmals parodiert wurde, doch auch als Kontrapunkt zum nun unkontrolliert grassierenden Disco-Fieber wurde das Lied zur Hymne, das offenbar die zweitmeistgespielte Jukebox-Single aller Zeiten ist. Tantiemen kassiert Seger dafür allerdings keine, denn der Song stammt nicht aus seiner Feder, und für seinen neuverfassten Text ließ er sich nie als Urheber eintragen…

Eine kolossale finanzielle Fehlentscheidung, die ihn aber kaum in Armut stürzt, denn 1980 erreicht der unaufhaltsame Aufstieg des Bob Seger endlich seinen verdienten Höhepunkt: Das Album AGAINST THE WIND klettert bis ganz an die Spitze der amerikanischen Albumcharts. Weder Punk noch Disco noch ABBA konnten ihm ernsthaft im Weg stehen, und der Durchmarsch wird gekrönt von zwei weiteren Top 10-Singles (›Fire Lake‹ und das Titelstück) und zwei Grammys. Fast 20 Jahre nach seinen ersten Gehversuchen ist Bob Seger der größte Star des Landes.

—- Mond vs. Moonwalk —-

Auch die frühen achtziger Jahre sind gut zu Bob Seger, er behauptet sich souverän als Publikumsmagnet. 1981 kommt ein weiteres Live-Album auf den Markt, NINE TONIGHT, das vor allem Material der vorangegangenen drei Hitalben umfasst und wiederum ungeahnte Verkaufszahlen für ein solches Produkt verbucht und mit einer Coverversion von Eugene Williams‘ ›Tryin‘ To Live My Life Without You‹ sogar eine Single-Auskopplung in die Top 5 katapultiert.

Nach dem grandiosen Erfolg von AGAINST THE WIND wartet die Welt aber ungeduldig auf neues Material, das schließlich 1982 in Form von THE DISTANCE erscheint. Kritiker lobten das Album für seine größere Klangvielfalt, wieder gelang der Einstieg in die Top 5. Bei den Singles bahnt sich gar Segers erster Nr. 1-Hit an, doch 1982 gibt es einen Star, der alle anderen überschattet: Michael Jackson. Vier Wochen lang sitzt ›Shame On The Moon‹ dessen Überhit ›Billie Jean‹ auf Platz 2 im Nacken, doch der Moonwalker erweist sich als unbezwingbar. Unverkennbare Zeichen der Zeit im Musikgeschäft? Mit dem phänomenalen Erfolg von ›Thriller‹, dem gleichzeitig in die Stratosphäre katapultierten Prince und der kurz bevorstehenden Flutwelle elektronischer Wave-Pop-Hymnen britischer Prägung kann man zu jener Zeit je-denfalls ahnen, dass eine Wachablösung unmittelbar bevorsteht. Haben die alten Rock-Recken nun also doch ausgedient? THE DISTANCE jedenfalls erzielt nach anfänglich hohen Chartplatzierungen unterm Strich die niedrigsten Verkaufszahlen eines Bob Seger-Albums seit BEAU-TIFUL LOSER.

—- Einfach mal durchatmen —-

Die folgenden Jahre wird es ziemlich ruhig um Seger, der nach über 20 Jahren harter Arbeit endlich mal auf seinen Lorbeeren ruhen und das Erreichte genießen kann. Weltweit hat sich die musikalische Landschaft allerdings gravierend verändert: Bands wie Duran Duran, Simple Minds, Depeche Mode oder die Eurythmics führen weltweit die Charts an, selbst einstige Underground-Helden wie The Cure werden massentauglich. Bob zieht sich fast gänzlich aus dem Rampenlicht zurück und tritt in diesen Jahren lediglich mit zwei Soundtrack-Beiträgen (1984 ›Understanding‹ aus dem Film „Die Aufsässigen“ und 1986 ›Living Inside My Heart‹ aus dem Film „Nochmal so wie letzte Nacht“) in Erscheinung.

1986 schließlich kehrt er mit LIKE A ROCK zurück. Ein weiteres Top 5-Album, dessen Titeltrack außerdem zur Werbehymne avanciert, und das mit ernstem Hintergrund: Nicht nur in der Musikwelt, auch in der Autobranche nämlich weht ein rauerer Wind für die alte Garde. Die einstige Boomtown Detroit leidet unter den übermächtigen Japanern, die seit Mitte der Siebziger den Weltmarkt überrollen. Amerikanische Fabriken müssen schließen, Massenarbeitslosigkeit wird zum Alltag, Motor City läuft nicht mehr rund und der Absturz der einzig relevanten Industrie seiner Heimat besorgt Seger. Um General Motors, dem größten Arbeitgeber des Bundesstaats Michigan, ein bisschen unter die Arme zu greifen, stellt er das Titelstück für einen Werbespot zur Verfügung, der den Chevrolet C/K-Pickup anpreist. Passend zum Slogan „Built like a rock“, wird das Lied zur Hymne für Patrioten und brennt sich als Dauerohrwurm in die amerikanische Psyche ein, der über zehn Jahre die Werbeblöcke von Alaska bis Florida begleiten sollte.

Auch Seger selbst denkt offenbar im stillen Kämmerlein darüber nach, die Arbeit niederzulegen. Seine neunmonatige „American Storm“-Tournee soll seine letzte werden. Eine Ankündigung, die für einen Run auf Tickets ohnegleichen sorgt: Für 105 Konzerte werden 1,5 Millionen Karten verkauft. Getreu dem Motto „quit when you’re winning“ gelingt 1987 außerdem ein Volltreffer, der Seger bis dato verwehrt geblieben war: Mit ›Shakedown‹ aus dem „Beverly Hills Cop 2“-Soundtrack schafft er erstmals den Sprung an die Spitze der Single-Charts, auch international landet er seinen bis dato größten Hit und wird sogar mit einer Oscar-Nominierung geehrt.

Bob Seger @ Henry Dlitz—- Time to say goodbye? —-

HipHop, Synthiepop, R&B, Glam-Metal… Wusste sich Seger in den Achtzigern noch ge-gen jeden modischen Trend zu stemmen, sieht es in den Neunzigern tatsächlich so aus, als sei der gute alte Rock’n’Roll zum Auslaufmodell verkommen. In Europa nimmt die elektronische Revolution Fahrt auf und schwappt ansatzweise auch nach Nordamerika über, während von dort die letzte große Jugendkultur des Jahrtausends um sich greift: Der Grunge ist an-gekommen, Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und Alice In Chains räumen weltweit ab, missmutiger Rock ohne jeglichen Humor dominiert die Bühnen der Welt, gefolgt von noch fatalistischeren NuMetal-Recken wie Korn. Gute Laune ist verpönt, Weltschmerz wird zum einzig guten Ton, und wer nicht mindestens einen Selbstmordversuch im Lebenslauf stehen hat, gilt als Weichei.

Vor diesem Hintergrund scheint Bob Segers Stern nun endgültig zu verblassen. Kann er mit THE FIRE INSIDE 1991 noch einmal die Top 10 entern und eine Platinscheibe verbuchen, wird IT’S A MYSTERY von 1995 bereits schmählich ignoriert. Nicht mal in die Top 20 schafft es das Album, das gerade mal mit Ach und Krach noch eine Goldauszeichnung erreicht. Aus den Single-Charts hat Seger sich nach seinem Superhit ›Shakedown‹ wieder völlig verabschiedet – seine Platten werden nur noch von Die-hards gekauft, im aktuellen Musikgeschehen ist er nicht mehr relevant. Ein Status, der trotzdem lukrativ bleibt: Seine Rückkehr auf die Konzertbühnen des Landes 1996 wird zum Triumphzug vor ausverkauften Hallen, seine 1994 erschienenen GREATEST HITS werden zum meistverkauften Album seiner gesamten Karriere.

—- Zeitlos glücklich —-

Das neue Jahrtausend startet Seger in stürmischen Gewässern. Nicht etwa in metaphorischer Hinsicht, denn Familienglück und ein prall gefülltes Konto sorgen für größte Zufriedenheit, sondern im sprichwörtlichen Sinne des Wortes, denn die einzigen öffentlichkeitswirksamen Auftritte zu Beginn der 00er Jahre absolviert Seger als Sportsegler, der zwei Jahre in Folge das renommierte Bootsrennen auf dem Lake Huron gewinnt.

2004 darf er wieder als Musiker für Aufmerksamkeit sorgen, als er – von Kid Rock mit einer flammenden Laudatio bedacht – in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wird – eine Ehre, die nur jenen Künstlern zuteil wird, die seit mindestens 25 Jahren die Welt beschallen. Ein behutsamer Schubs zurück zu neuer Schaffenskraft, denn 2005 ist Seger erstmals seit 1995 wieder auf einem neuen Stück zu hören: ›Landing In London‹ der Radiorock-Durchstarter 3 Doors Down.

2006 dann ein Paukenschlag: Mit FACE THE PROMISE erscheint Segers erstes Album seit elf Jahren – und belegt, dass er zwischenzeitlich alles andere als in Vergessenheit geraten ist. Mühelos erreicht das Werk Platin und hält sich monatelang in den Charts. Die Tour wird noch enthusiastischer aufgenommen als seine letzte, viele Konzerte sind binnen weniger Minuten ausverkauft.

Eine letzte Ehrenrunde? Keineswegs, denn Seger scheint nun wieder auf den Geschmack gekommen zu sein. 2011 tourt er erneut durch die USA und hat schon weitere Auftritte für dieses Jahr angekündigt. Vor allem aber verkündete er bei einer Pressekonferenz, er werde bis Ende März an neuer Musik schreiben, die dann im Herbst als neues Album erscheinen soll!

— Ehrlich währt am längsten —

Wie hat es dieser Mann nun geschafft, zu einer lebenden Legende zu werden? Anders als viele andere Stars seiner Generation hat er nie durch irgendetwas anderes als seine Musik Schlagzeilen gemacht. Er trat keine Revolution der Jugendkultur los wie die Beatles oder Rolling Stones. Er wurde auch nicht zum Sinnbild philosophisch-psychedelischer Abenteuerlust wie Pink Floyd oder Grateful Dead. Er setzte nie auf aufwändige Bühnenshows oder Kostümzauber wie Elton John. Er definierte keine neuen Maßstäbe an einem Instrument wie Jimi Hendrix. Er machte nie durch Skandale auf sich aufmerksam, gab keine kontroversen politisch-gesellschaftlichen Ansichten zu Protokoll, versank nie in der Drogen- oder Alkoholhölle oder kam sonst irgendwie mit dem Gesetz in Konflikt.

Stattdessen machte er einfach und unbeirrbar sein Ding. Er spielte guten alten Rock’n’Roll zu einem Zeitpunkt, als ihn keiner hören wollte. Er spielte guten alten Rock’n’Roll, als ihn plötzlich Millionen wieder hören wollten. Er spielt ihn bis heute und trifft dabei immer genau den richtigen Ton und den richtigen Nerv. Ehrliche, einfache Geschichten erzählend, das Herz am rechten Fleck, das Verständnis für die Probleme des kleinen Mannes auch nach Jahrzehnten des Wohlstands intakt, schreibt er seine Lieder nach eigener Aussage heute noch nach genau demselben Prinzip wie schon vor 50 Jahren: Er legt einfach mal drauflos und schaut dann, was dabei herauskommt. Entwaffnend simpel, entwaffnend effektiv, entwaffnend sympathisch. Denn eines verstand er immer und versteht es bis heute: Musik ist dein bester Freund. Und echte Freundschaften währen nun mal lebenslänglich.

Mark Lanegan – Kämpfernatur

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Er war Mitglied der Ausnahme-Bands Screaming Trees und Queens Of The Stone Age. Er hat den Grunge genauso überlebt wie Alkohol und Drogen. Und er ist heute mit 47 Jahren aktiver denn je. Trotzdem singt Mark Lanegan, der Hüne aus dem amerikanischen Nordwesten, den Blues – wie kein zweiter.

marklaneganband_bluesfuneralgeneralusagephoto2Mark, würdest du dich als „Survivor“ bezeichnen?
(lacht) Zumindest habe ich viele meiner Zeitgenossen und meiner besten Freunde überlebt – was ein komisches Gefühl ist. Denn ich habe genau so viel Gas gegeben wie sie. Wer weiß, vielleicht habe ich die bessere Ausdauer – oder die richtigen Gene.

Womit du auf Nirvana-Mastermind Kurt Cobain bzw. Layne Staley von Alice In Chains anspielst, die inzwischen 17 bzw. neun Jahre unter der Erde sind?
Und die ich schmerzlich vermisse. Einfach, weil das großartige Menschen waren, mit denen ich viel Zeit verbracht habe. Leider sind sie mit diesem Leben nicht klargekommen. Eben als reisender Musiker, der kaum Verschnaufpausen hat und seinen Erfolg mit hohen Entbehrungen bezahlt. Damit muss man umgehen können – genau wie mit der Industrie, die ab-solut menschenverachtend ist. Und man darf sich nicht in Alkohol oder Drogen flüchten, was genau so schlimm ist.

Zwei Dinge, von denen du dich erst vor kurzem getrennt hast. Ist dir das leicht gefallen – und gab es einen Grund?
Meinen Arzt. (lacht) Er hat mir gesagt, wenn ich weiter zwei Schachteln am Tag rauche, werde ich das nicht mehr lange machen. Und was den Rest betrifft: Das war ein harter Kampf, der mir weiß Gott nicht leicht gefallen ist. Ich habe einen richtig heftigen Entzug hinter mir.

Weshalb du den Blues singst bzw. dein Album BLUES FUNERAL, das Bluesbegräbnis, nennst?
Na ja, eigentlich sollte ich happy über meine aktuelle Situation sein. Schließlich geht es mir gut, und ich arbeite mit wunderbaren Leuten aus den unterschiedlichsten Genres. Was unglaublich befriedigend ist. Gerade was die elektronischen Sachen mit den Soulsavers betrifft – das ist für mich völliges Neuland, bei dem ich sehr viel lerne. Während es mit Isobel Campbell und Greg Dulli einfach ein Riesenspaß ist. Und was den düsteren Sound meines eigenen Albums betrifft: Das ist halt mein Stil. Denn mit dieser Stimme kann ich keine fröhlichen Popsongs singen – ganz abgesehen davon, dass mich das nicht interessiert. Ich mache Musik, die ein bisschen mehr Substanz hat als dieser Hitparaden-Müll. Und ich bin froh, dass ich davon leben kann.

Mit wem würdest du gerne arbeiten, sofern sich die Gelegenheit bietet?
Brian Eno – weil er ein begnadeter Musiker ist, der tolle Platten gemacht hat. Womit ich vor allem seine frühen Solo-Alben meine. Die sind der Wahnsinn. Und deshalb wäre es das Größte, wenn das klappen würde. Nur: Ich komme auch ohne klar. Ich bin nicht darauf angewiesen.

Weshalb es vorerst auch keine Reunion deiner ersten Band, den Screaming Trees, geben wird?
Richtig. Ich habe mir die Comeback-Shows von Kraftwerk und den Stooges angesehen – und war total begeistert, das noch einmal erleben zu dürfen. Aber: Ich selbst spüre kein Verlangen, mich auf die Bühne zu stellen und die alten Sachen zu singen. Klar, Soundgarden, Mudhoney, Alice In Chains und all den anderen scheint es Spaß zu machen, und sie verdienen nicht schlecht dabei. Nur: Ich fände es eher deprimierend. Und bislang hat uns noch keiner so viel geboten, dass ich nicht „nein“ sagen konnte.

Zumal du jetzt deine eigene Wackelkopffigur hast – mit Anzug, Zigarette und Tattoos…
Oh ja! Und diese Ehre wird nicht jedem zuteil. Insofern denke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ein beruhigendes Gefühl. (lacht)

Trent Reznor – Flucht nach Hollywood

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Zwei Jahre nach dem Rückzug von der Konzertbühne triumphiert Nine Inch Nails-Mastermind Trent Reznor als Komponist von Hollywood-Blockbustern, die ihm höchste Auszeichnungen bescheren. Und das ohne Label, ohne Manager, ohne Tourstress, ohne Ärger. Kein Wunder, dass der 46-Jährige seine Zukunft hinter den Kulissen von Hollywood sieht.

Trent Reznor (1)Was für ein Wandel: In den 90ern war der Mann aus Pennsylvania noch die Galionsfigur des amerikanischen Industrial-Rock, der mit harschen Elektro-Sounds und extremen Visuals 30 Millionen Alben verkaufte und Kollegen wie Marilyn Manson protegierte. Der sich an wüsten Exzessen verging und epochale Alben wie THE DOWNWARD SPIRAL oder THE FRAGILE schuf, immer die neueste Technik nutzte und auf permanentem Konfrontationskurs mit der Musikindustrie war. „Das Schlimme an den Labels ist ihre unglaubliche Bürokratie und ihre schamlose Profitgier“, so Reznor. „Sie haben keinen Sinn für Artwork, Bonustracks oder anspruchsvolle Videos.“

Weshalb er 2007 den Schritt in die Unabhängigkeit wagte und 2009 seinen Abschied von der Bühne verkündete. Nur um ins exakte Gegenteil seines ehemaligen Ichs umzuschlagen. Eben als gesetzter Musiker, der sein Leben grundlegend umgekrempelt hat. „Es ist ein tolles Gefühl, aus all diesen Verpflichtungen auszubrechen, nicht ständig im Rampenlicht zu stehen und einfach ich selbst zu sein.“

Was bedeutet, dass er mit Ehefrau Mariqueen Maandig und seinem einjährigen Sohn Lazarus Echo in Beverly Hills wohnt, auf seine Gesundheit achtet und im eigenen Studio vor sich hintüftelt – ohne Deadlines, aber mit allen Freiheiten und einem Projekt namens How To Destroy Angels, das er mit seiner Gattin betreibt. „Sie ist meine Seelenverwandte. Sprich: Wir sind die besten Freunde, und wir interessieren uns für dieselben Dinge. Von daher ist es ganz normal, dass wir auch zusammen Musik machen.“

Während er sich gleichzeitig auf eine Tätigkeit hinter den Kulissen der Filmindustrie verlegt. Eben als Komponist von Soundtracks zu Blockbustern wie David Finchers „The Social Network“ – was Reznor gleich die höchsten Auszeichnungen der Branche bescherte: den Grammy nebst Golden Globe für den besten Score des vergangenen Jahres. „Ich weiß nicht, wie lange ich keinen Anzug getragen habe, und ich muss zugeben, dass ich fürchterlich nervös war. Aber dann ist alles wie im Traum passiert – und es war in Nanosekunden vorbei. Als ich wieder zu mir kam, stand ich backstage mit einem Oscar und musste mich erst mal sammeln.“

Und: Was einmal funktioniert, schreit natürlich nach Fortsetzung – mit der Vertonung von „The Girl With The Dragon Tattoo“ (zu deutsch: „Verblendung“). Eine Neuverfilmung von Stieg Larssons Millenniumstrilogie, zu der Reznor einen ausgesprochen düsteren, sphärischen Score liefert, der einerseits sehr minimalistisch und verhalten ist, andererseits aber auch harsche Sequenzer-Sounds aufweist.

Eben rein instrumentale Stücke, die in erster Linie zur Intensivierung der Bilder dienen und für sich allein längst nicht die suggestive Stärke entwickeln wie im audiovisuellen Kontext. Was Reznor nicht daran hindert, alles, was er zu diesem Thema komponiert hat, auf nicht weniger als drei CDs zu veröffentlichen. Nämlich 37 Stücke plus zwei Coverversionen von Led Zeppelins ›Immigrant Song‹ und Bryan Ferrys ›Is Your Love Strong Enough?‹, die allein für sich die Anschaffung dieses dreistündigen Musik-Marathons wert sind. Zum einen, weil sich Karen O. (Yeah Yeah Yeahs) als echte Alternative zu Robert Plant erweist, weil Reznors Computer-Klänge das Original in eine aufregende neue Richtung führen – und weil Ferrys Edel-Schnulze im Esoterik-Elektronica-Gewand gleich doppelt so gut klingt.

Und so verwundert es wenig, dass Reznor vorerst an seiner Gangart festhält, den tourenden Musiker ebenso zurückstellt wie den Rockstar, und sich auf das konzentriert, was ihm Ruhm und Ehre beschert – das Exil in Hollywood. Was ihm gegönnt sei – sofern es nicht zur Gewohnheit wird. „Keine Sorge, ich werde bestimmt bald rückfällig“, lacht er trocken. „Einfach, weil das Verlangen dann doch zu groß wird.“