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The Doors – Sag niemals nie!

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Für eine Band, deren Sänger 1971 verstorben ist und die seit 39 Jahren kein neues Album aufgenommen hat, sind die Doors überraschend präsent. Sei es mit der Veröffentlichung von Live-Raritäten, der Überarbeitung ihrer sechs Studio-Alben oder diversen Jubiläen. Das nächste steht – so ihre Plattenfirma – unmittelbar bevor. Denn: 2012 soll „das Jahr der Doors“ werden. Wieso, weshalb, warum? Das hat CLASSIC ROCK im Gespräch mit Organist Ray Manzarek geklärt.

The Doors @ Wendell_HamickRay Manzarek bewohnt inzwischen ein schickes Anwesen im kalifornischen Napa Valley, in den Bergen über San Franciso. In seiner Freizeit baut er Wein an. Musik erachtet er eigentlich nur noch als Hobby. Wenn auch als lukratives, denn The Doors haben bis heute über 100 Millionen Tonträger umgesetzt, werden in regelmäßigen Abständen von immer neuen Hörer-Generationen entdeckt und touren – je nach Lust und Laune – mit rotierenden Morrison Sound-a-likes. Nur um jetzt, so will es ihre Plattenfirma Elektra, noch einmal einen großen Popularitätsschub zu erfahren. Mit einer riesigen Marketingkampagne, aber auch jeder Menge Aktivitäten der Band. „Ich weiß zwar gar nicht so genau, was da alles ansteht. Aber wir reden z.B. mit einigen Broadway-Leuten, um die Geschichte der Doors auf die Bühne zu bringen – schließlich ist sie ja wirklich spannend“, so der weißhaarige Tastenmann. „Und wir kommen im Sommer wieder nach Europa. Hoffentlich auch nach Deutschland. Exakte Termine habe ich allerdings noch nicht“, lautet die unverbindliche Antwort. Fast so, als wolle der 72-Jährige nicht zu viel erzählen – oder als wäre es dafür einfach noch zu früh.

Dabei ist es ein offenes Geheimnis: Er und Gitarrist Robby Krieger haben sich nach Jahren heftiger juristischer Streitigkeiten um die Namensrechte der Doors wieder mit Drummer John Densmore versöhnt – ohne dass es bislang eine echte Aussprache gegeben hätte. „Ich bin einfach froh, dass er wieder dabei ist“, so Manzarek. „Und ich werde das nicht groß hinterfragen oder eine Aussprache suchen. Einfach, weil da nichts ist, was wir klären müssten. Er ist wieder mit sich im Reinen, und das ist alles, was zählt. Er hat uns untersagt, den Namen ,The Doors‘ zu verwenden, weil er sich als Teil der Band versteht, aber bei den Konzerten von mir und Robby nicht dabei sein konnte, weil er private Probleme hatte. Die sind nun überwunden, er ist wieder OK und will Musik machen. Und zwar mit uns. Worüber ich sehr glücklich bin.“

Und nicht nur das: Jetzt, da sie wieder gemeinsame Sache machen, waren sie auch schon im Studio, um unter Federführung von DJ/Produzent Skrillex einen Song namens ›Breakin’ A Sweat‹ aufzunehmen – der erste neue seit ›American Prayer‹ von 1978. Woraus, so Manzarek, durchaus mehr werden könnte. „Ich halte ihn für ein richtiges Energiebündel. Er hat uns ein paar Beats vorgegeben, und Robby und ich haben Musik darüber gelegt – so lange, bis wir etwas gefunden haben, das wir mögen. Wobei er ständig zwischen 150 und 75 bpm variiert hat. Es war toll. Wir waren im Studio und haben an einem Tag einen kompletten Song aufgenommen. Ich habe das sehr genossen.“

Doch mit dem gewöhnungsbedürftigen Electronica-Ausflug und den Konzerten sind die neuerlichen Aktivitäten der Doors längst nicht erschöpft. So plant Manzarek die Verfilmung seines Romans „The Poet In Exile“ von 2001. Worin er mit der Idee spielt, dass Jim Morrison eben doch noch unter den Lebenden weilt. Und zwar als ergrauter Hippie-Aussteiger auf den Seychellen. Was er zwar nicht wirklich glaubt, sich aber gerne vergolden lässt. „Ich habe einen Deal mit einem Produzenten unterschrieben. Ein guter Freund von mir, der sonst Horrorfilme dreht und die Doors liebt. Wir fangen hoffentlich im Spätsommer oder Herbst an, müssen aber erstmal das Drehbuch beenden. Daran sitzt er gerade mit ein paar Schreibern. Während ich mich eher zurücklehne und sage: Gut – nicht gut! Ja, das mag ich – das nicht. Es wird ein Spaß, und wir werden hauptsächlich auf Hawaii filmen, aber auch auf den Seychellen.“

Wobei er in der Rolle des mystisch verklärten Barden übrigens ausnahmsweise nicht den allgegenwärtigen Johnny Depp sieht. Auch wenn der gerade den Erzähler im Doors-Biopic „When You’ re Strange“ gegeben hat. „Wer immer Jim spielt: Er müsste etwas älter sein – auch, wenn Johnny Depp natürlich nahe liegend wäre“, wiegelt Manzarek ab. „Ich meine, wir arbeiten wahnsinnig gerne mit ihm. Aber seien wir ehrlich: Auch Johnny wird langsam ein bisschen zu alt, um Jim Morrison in den 60ern und frühen 70ern zu spielen. Von daher stellt sich die Frage, ob man mit jemand gänzlich Unbekannten arbeitet oder mit einem anderen Star. Aber das sind ja nicht meine Probleme.“

Genauso wenig wie die Neuauflage des finalen Band-Klassikers L.A. WO- MAN als Sonderedition zum 40. Dienstjubiläum, die zwar fast ein Jahr zu spät kommt, aber aufwändig überarbeitet wurde und opulente neun Bonus-Stücke enthält. Die meisten sind lediglich alternative Versionen der Album-Tracks. Aber es gibt auch ein unveröffentlichtes Juwel: ›She Smells So Nice‹, das 1970 während einer Jam-Session entstand – und dann in Vergessenheit geriet. „Das ist eine echte Überraschung. Denn wir hatten keine Ahnung, dass das Stück existiert. Die Leute fragen: Warum habt ihr es so lange zurückgehalten? Weil wir gar nicht wussten, dass es das gibt! Im Ernst: Ich hatte keine Ahnung, dass da etwas namens ›She Smells So Nice‹ ist – bis ich es selbst gehört habe. Denn ich konnte mich nicht daran erinnern. Ich meine, ich kenne sämtliche Stücke auf L.A. WOMAN und weiß noch sehr genau, wie sie entstanden sind, aber wir haben so viel nebenbei gemacht – und daraus resultiert wohl auch dieses Stück.“

Was der letzte unbekannte Morrison-Song sein dürfte. Denn eigentlich sind die Archive gesichtet, und es ist alles veröffentlicht. Mit Ausnahme eines Gedichtbands, den Jim 1971 in Paris verfasst hat, und der sich im Familienbesitz befindet. Wobei Manzarek – und das ist hochgradig spooky – immer so spricht, als wäre Morrison gerade erst verstorben und als würde es sich bei dem damals 27-Jährigen tatsächlich um einen Gott handeln: eine Mischung aus Poet, Revoluzzer und Sexprotz, dessen Mythos es zu hegen und pflegen gilt. „Keiner hat die Rolle des Rock’n’Roll-Dionysos besser gespielt als Jim in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. OK, da gab es noch Elvis. Aber gleich darauf kam schon Morrison. Denn auch Mick Jagger war nur ein halber Gott, während Morrison die Rolle auf die Spitze getrieben hat. Und im Christentum gibt es ja keinen anderen dionysischen Aspekt als die Auferstehung von Jesus Christus. Also Tod und Auferstehung. Auch diese Rolle spielt Morrison perfekt.“

Wobei ehrliche Bewunderung mitschwingt. Und weshalb es sich Manzarek auch zur Lebensaufgabe gemacht hat, so etwas wie den Pressesprecher der 60s Legende zu geben. Schließlich seien The Doors für ihn etwas ganz Besonderes gewesen, hätten ganz besondere Musik gemacht und würden ihm bis heute ein angenehmes Dasein bescheren. Deswegen mache es ihm auch nichts aus, ständig über die Vergangenheit zu reden und die immer gleichen Fragen zu beantworten. Er habe keine Ressentiments und besitzt – das zeigt „The Poet In Exile“ – durchaus die Muße wie den Humor, sich auch mit absurden Gedankengängen zu befassen. Etwa, dass die Doors – würde ihr Frontmann noch leben – heute durchaus eine passable Alte-Herren-Kapelle abgeben könnten: „Es wäre mehr Poesie, mehr Spoken Word im Spiel. Und live würden wir Filme mit Schauspielerei und Seelenwanderung kombinieren. In speziellen Theatern – mit Surround-Sound und besonderem Licht. Und die Platten wären vermutlich mehr in der Art von RIDERS ON THE STORM. Aber hey, das ist nur Spekulation. Wenn auch eine nette. Wenn’s nach mir ginge, würden wir schon morgen wieder im Studio stehen – nur: Ohne Jim ist es halt nicht dasselbe. Und deshalb haben wir keine andere Wahl, als nach hinten zu schauen. Nur: Ich hoffe, wir machen das mit Anstand. So, wie es sich gehört.“

Scorpions – Überlebende

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Scorpions 1 @ Marc TheisAuch wenn sie 2010 ihren Abschied bekannt gaben, sind die deutschen Hard Rocker momentan beschäftigter denn je.

In den vier Dekaden ihrer Karriere entwickelten sich die Scorpions vom Geheimtipp zu Superstars. Natürlich mussten sie dabei auch Rückschläge hinnehmen, wie beispielsweise den Weggang von Schlüsselfiguren wie Michael Schenker und Uli Jon Roth, die Trennung von ihrem Produzenten und Mentor Dieter Dierks und das beinahe fatale Erscheinen des Grunge. Doch die Scorpions sind vor allem eins: Überlebende. „Nicht schlecht für einen Haufen alter Männer, oder?“, lacht Sänger Klaus Meine, als sich CLASSIC ROCK mit ihm und Gitarrist Rudolf Schenker in München trifft, bevor die nächste Phase ihrer Abschiedstour eingeläutet wird.

Ende letzten Jahres habt ihr das Album COMEBLACK veröffentlicht. Wie war es, euer altes Material noch einmal neu aufzunehmen?
Klaus Meine: Das Aufregendste daran war, dass wir die Chance bekamen, die Songs in einem aktuellen Sound aufzunehmen. Außerdem haben wir manche Passagen etwas anders arrangiert. Hier ein Beispiel: ›Still Loving You‹ war ein so großer Hit in Frankreich, dass wir nun eine Version mit der französischen Sängerin Amandine Bourgeois aufgenommen haben.

Welches Album hat euch zum ersten Mal Gänsehaut verschafft?
Klaus Meine: Ich hatte eine coole Cousine namens Vera. Sie hat mich auf Little Richard und Elvis gebracht. Little Richard hat mich damals umgehauen, all dieses Geschrei. Das war wie eine Revolution. Bis dato hörte man im Radio im Nachkriegsdeutschland nur fröhlichen Pop und Schlager. Diese Musik wurde für die Generation unserer Eltern kreiert, die das Land neu aufbauten. Jeder war froh darüber, den Zweiten Weltkrieg überlebt und nun die Möglichkeit zu haben, das Land neu zu formen und ein normales Leben im Frieden zu führen. Der Schlager spiegelte dieses Jahrzehnt wieder. Es gab kei-ne Rebellion. Doch als der Rock’n’Roll auftauchte, lag Rebellion in der Luft. Wir hatten längere Haare und sahen anders aus. Wir wollten uns von unseren Eltern klar abgrenzen. Es war einfach unmöglich, die Musik zu hören, die sie mochten. Als die Rolling Stones ihre ersten Konzerte in Deutschland spielten, brach Chaos aus. Konzerthallen wurden zerstört. Das war eine wundervolle Zeit.

Hast du das genauso empfunden, Rudolf?
Rudolf Schenker: Auf jeden Fall. Ich hasste Schlagermusik. Sie war grauenhaft. Die Entdeckung von Little Richard und Elvis verlieh meinem Leben ein neues Ziel. Meine Eltern schenkten mir zum 16. Geburtstag eine Gitarre. Mein Vater gab sie mir anstelle eines Motorrads, weil er nicht wollte, dass ich mich damit umbringe. Zur selben Zeit spielte ich Fußball und erkannte, dass Gitarre spielen um einiges schwerer war, als Fußball zu spielen. In einem Ferienlager traf ich dann ein paar Typen, die mir von einer Band erzählten, die in einem Hamburger Club namens Star Club spielten. Das waren die Beatles. Als ich anfing, ihre Musik und die der Rolling Stones zu hören, sagte ich: „Ja! Jetzt muss ich anfangen, selber Musik zu machen!“ Ich schnappte mir meine Gitarre und fing sofort an, eigene Songs zu schreiben.

Du hast einmal gesagt, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade stolz war, ein Deutscher zu sein.
Klaus Meine: Wir waren nicht stolz auf unser Land, seine Geschichte oder unsere Vergangenheit. Die Musik schenkte uns die Möglichkeit, unserer vom Krieg erschütterten Vergangenheit zu entfliehen. Wir wollten uns in einem angenehmeren internationalen Umfeld platzieren. Wir wollten sein wie die Beatles, die Rolling Stones oder The Who. Damals gab es nur eine Möglichkeit, eine Band auf die Beine zu stellen: Man musste kreischende Gitarren und englische Texte haben.
Rudolf Schenker: Das schlimmste für mich war damals, als ich zur Bundeswehr musste. Das war gesetzlich vorgeschrieben. Ich tauchte dort mit einer Zahnbürste in einer Plastiktüte auf, weil ich wusste, dass ich dort nicht lange bleiben würde. Ich war unkontrollierbar, und sie mussten mich gehen lassen, bevor ich etwas völlig Verrücktes anstellte und mich umbrachte. Damals hatten viele Deutsche noch die Denkweise von Adolf Hitler: Du darfst nicht klagen, du musst fröhlich sein, du musst so oder so sein. Ich sagte: „Das muss ich nicht. Ich will mein eigenes Ding durchziehen.“ Zum Glück vertrat mein Vater dieselbe Philosophie. Als er damals bei der Armee war und herausfand, was Hitler im Schilde führte, sagte er: „Nein, ich will keine Menschen töten.“

War die Aussicht auf weltweiten Erfolg in euren Anfangstagen ein Traum?
Klaus Meine: Wir wollten unsere Musik in die ganze Welt hinaustragen. Doch damals lachten uns die meisten Leute aus. Aber Rudolf hatte die Vision, dass die Scorpions eines Tages zu den 30 besten Hard Rock-Bands der Welt zählen würden.
Rudolf Schenker: Ich habe das damals in einem Interview gesagt, das ich 1971 mit einem deutschen Magazin führte. Für mich war das von Anfang an eine klare Sache. Ich traf damals einen Typen von RCA America und sagte zu ihm, dass wir großen Erfolg in den USA haben könnten. Er sagte: „Verkauft mehr Platten. Dann können wir über eine Tour reden.“ Ich wusste, dass wir es in den Staaten schaffen konnten. 1976 rief mich Michael (Schenker, Rudolfs jüngerer Bruder und ehemaliger Gitarrist bei den Scorpions) an und sagte: „Rudolf, ihr müsst unbedingt nach Amerika kommen. Hier gibt es eine Band namens Van Halen, die in L.A. auftritt und eure Songs spielt.“

Ist es wahr, dass euer erster Produzent Conny Plank einige skandalöse Pläne für die Band hatte, unter anderem die Umbenennung in Stalingrad?
Klaus Meine: Das stimmt. Wenn man genauer darüber nachdenkt, wäre das heutzutage – in der Rammstein-Ära – ein cooler Name. Doch damals war der Zweite Weltkrieg noch zu nah, und deswegen war das keine Option für uns. Conny ging noch weiter. Er wollte, dass wir auf der Bühne Nazi-Uniformen tragen. Ich weiß nicht, was Conny geraucht hat, um auf solche Ideen zu kommen. Es passte aber auch einfach nicht zu unserer Musik.

Euer Album VIRGIN KILLER von 1976 rief Meinungsverschiedenheiten hervor, als es aufgrund des kontroversen Covers aus Wikipedia verbannt wurde.
Klaus Meine: Es ist schon bizarr, dass dieses Cover nach so vielen Jahrzehnten diesen Rummel ausgelöst hat. Es war damals natürlich als Provokation gedacht. Es war sicher kein Album, das man seinen Verwandten zu Hause schenkt. Auf der anderen Seite hatte es absolut nichts mit Pornografie zu tun – das war unsere künstlerische Ansicht. Wenn du dir Led Zeppelins HOUSES OF THE HOLY oder das erste Album von Blind Faith ansiehst, dann war es zu der Zeit nichts Besonderes. Doch heute gibt es das Internet und dadurch viele Porno-Seiten. Deswegen ist die Sache delikater, und das fühlt sich nicht gut an. Es hat sich, ehrlich gesagt, nie richtig gut angefühlt. Uli Roth hat den Song geschrieben. Er handelt vom Erwachsenwerden. Der wahre „Virgin Killer“ ist die Zeit und das, was um uns herum in der Welt geschieht.

Dieter Dierks trug wesentlich zu eurem Erfolg bei. Er hat jedes Album zwischen 1975 und 1988 produziert. War es ein Fehler, sich von ihm zu trennen?
Klaus Meine: Wir sind nicht froh darüber. Aber am Ende der 80er war es wichtig für uns, zu gehen und neue Erfahrungen durch die Arbeit mit verschiedenen Produzenten in verschiedenen Studios zu sammeln. Beide Seiten nahmen sich das eine Weile lang übel. Aber vor etwa sieben Jahren gingen wir zu Dieter ins Studio und nahmen ein paar Songs auf. Es war wie früher.
Rudolf Schenker: Dieter verlieh uns einen tollen Sound, und wir trieben ihn auch an. Das wirkliche Problem bestand darin, dass wir bei ihm unter Vertrag standen und er somit die Kontrolle über alles hatte. Das ist auf lange Sicht sehr ungesund. Seine Verträge waren unfair, und wir mussten uns gegen ihn auflehnen. Deswegen mussten wir nach WORLDWIDE LIVE einfach eine Pause einlegen. Dadurch ging der Erfolg in Amerika erst einmal zu-rück. Auf SAVAGE AMUSEMENT machte Dieter den Fehler, mit Mutt Lange konkurrieren zu wollen. Die Songs sind toll, aber die Produktion kalt und digital. Es besitzt nicht die Magie von LOVEDRIVE, BLACKOUT und LOVE AT FIRST STING.

Euer EYE II EYE Album von 1999 wirkte wie eine übereilte Reaktion auf die Veränderungen in der Musikszene in den 90er Jahren.
Rudolf Schenker: Als wir EYE II EYE aufnahmen, machten wir dieselben Fehler wie U2. Uns stand eine neue Technologie zur Verfügung, mit der du deine Musik mit ein paar Samples auf dem Klo machen konntest. Mein Bruder sagte in einem Interview mit einem japanischen Magazin: „Rudi macht jetzt Tanzmusik.“ Aber als wir EYE II EYE aufnahmen, sagte ich zu unserem Produzenten Peter Wolf, dass ich mir zu 100 Prozent sicher bin, dass der Classic Rock zurückkommen wird, wenn die Grunger und Alternativler endlich lernen, Gitarre zu spielen und sich zu richtigen Rockbands entwickeln. Genauso war es mit dem Punk.

Ausgenommen von euch hatten die Scorpions 15 verschiedene Mitglieder. Warum kommen und gehen so viele Leute?
Rudolf Schenker: Eins möchte ich klarstellen: Ich musste nie jemanden feuern. Alle gingen aus freien Stücken.
Klaus Meine: Ich denke, dass alle, die die Band verlassen haben, in der jeweiligen Zeit triftige Gründe hatten, aber sie haben einen großen Fehler gemacht. Zum Beispiel Joe Wieman, einer unserer Schlagzeuger, der 1977 zur Band kam. Er verbrachte seine Flitterwochen in Deutschland und hörte im Radio, dass die Scorpions einen Schlagzeuger suchen. Er kam zum Vorspielen und wurde engagiert. Ein paar Monate später fuhr er den Transporter mit unserem Equipment und hatte einen schweren Unfall. Wir wären alle beinahe umgekommen. Seine Frau sagte: „Mir reicht’s. Ich will zurück ins sonnige Florida.“ Viele Jahre später spielten wir in Miami, und Joe besuchte uns mit seinen erwachsenen Kindern. Sein Sohn sagte: „Dad, warum hast du diese coole Band verlassen?“ Soviel zu falschen Entscheidungen. Rudolf, Matthias (Jabs, langjähriger Gitarrist) und ich sind ein großartiges Team. Zwischen uns herrscht eine tolle Chemie. Dafür sind Freunde da, glaube ich. Wir sind traurig um alle, die gegangen sind.

Ihr habt eure Auflösung 2010 bekannt gegeben. Wann habt ihr beschlossen, aufzuhören?
Klaus Meine: Ich glaube, das war am Ende der Aufnahmen zu STING IN THE TAIL. Wir haben uns die Songs noch einmal angehört, und unser Manager sagte: „Das ist wahrscheinlich euer bestes Album seit 20 Jahren. Eure Musik passt perfekt in den Zeitgeist. Classic Rock ist wieder da.“ Jeder Musikstil kommt irgendwann zurück. Daran haben wir immer geglaubt. Auch in den späten Neunzigern, als wir kurz davor waren, uns aufzulösen. Alle Plattenfirmen wollten nur neue Bands unter Vertrag nehmen. Wir waren nur die alten Langweiler aus der Vergangenheit. Doch wir erkannten, dass wir warten mussten, bis unser Musikstil wieder gefragt sein wird. Und so geschah es!

Ihr habt euer bestes Album in 20 Jahren aufgenommen und eure Shows sind weltweit ausverkauft. Trotzdem hört ihr auf. Habt ihr je bereut, diesen Schritt gegangen zu sein?
Rudolf Schenker: Du musst das aus dem Moment heraus betrachten. Man weiß nicht, was in zwei Jahren geschehen wird. Wir können immer noch springen und rennen. Wir können die Erwartungen immer noch erfüllen. Als wir in Amerika spielten, fragten die Kritiker, warum die Scorpions so viel besser aussehen als ihre eigenen Bands. Das liegt daran, dass ihre Bands zu viele Drogen genommen haben. Aber das funktioniert nur, wenn wir 150 Prozent geben können. Wenn wir das nicht können, haben wir das Gefühl, dass wir betrügen. Wir möchten nicht, dass das Publikum eines Tages sagt: „Warum machen die das immer noch? Ich habe sie vor ein paar Jahren gesehen, und da waren sie noch gut!“
Klaus Meine: Als wir unsere Auflösung bekannt gaben, wussten wir, dass wir für STING IN THE TAIL zwei bis drei Jahre unterwegs sein würden. Das haben wir bei jedem Album so gemacht. Wenn also Leute zu mir kommen und sagen: „Klaus, wie fühlt man sich im Ruhestand?“ dann sage ich: „Warum? Wir sind doch immer noch unterwegs.“ Doch wir meinen die Auflösung ernst, da wir endlich wieder Erfolg haben und ganz oben stehen. Wir wollen aufhören, solange der Hurricane noch tobt und nicht, wenn er wieder abgeflaut ist.

Wann werdet ihr eure letzte Show geben?
Klaus Meine: Keine Ahnung. Momentan ist sie für Ende 2012 geplant. Aber man weiß ja nie. Es könnte auch eine weitere Show im Frühling 2013 geben.

Was wollt ihr tun, wenn ihr im Ruhestand seid?
Klaus Meine: Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man mich in naher Zukunft auf einem Golfplatz sieht. Wenn wir das Buch mit dem Titel Scorpions schließen, wird es eine neue Seite im Buch des Lebens geben. Ich denke, früher oder später wird mich Rudolf während der Arbeiten an einem neuen Projekt anrufen und sagen: „Klaus, ich brauche einen Sänger!“ Und ich werde das versuchen.

Ihr könntet ein Schlager-Album aufnehmen!
Klaus Meine: (lacht) Auf keinen Fall!

Walter Trout – Weckruf von einem alten Freund

Walter Trout 4 @ Austin HargraveDieser Mann muss niemandem mehr irgendetwas beweisen, doch das Weltgeschehen trieb Trout nicht nur zu seinem bislang traditionsbewusstesten, sondern auch ambitioniertesten Album an.

Über 45 Jahre im Geschäft, seit 1989 als Solokünstler unterwegs und seither unermüdlich auf Tour – Walter Trout gehört zu den ganz Großen in seinem Metier. Dass dieses Metier etwas schwammig umrissen wird, macht uns die Aussage bewusst, dass BLUES FOR THE MODERN DAZE, sein 21. Soloalbum, sein erstes reines Blues-Werk überhaupt sei. Moment mal, macht dieser Mann nicht schon sein Leben lang Blues? Eine kleine Nachhilfestunde vom Meister selbst: „Als ich solo angefangen habe, hatte ich jede Menge Einflüsse, die ich seitdem verarbeitet habe. Folk, Countryballaden, Akustik-Zeug, Southern Rock, klassischer Rock’n’Roll oder Hardrock, das habe ich alles schon gemacht. Aber nur reinen, unverfälschten Blues habe ich noch nie auf einem ganzen Album gebracht. Die Zeit war reif dafür, und um diesen Schritt zu betonen, habe ich zum ersten Mal überhaupt auch das Wort ‚Blues‘ in einen Albumtitel gepackt.“

Dermaßen belehrt, hört man diese 15 Lieder mit anderen Ohren und stellt fest, dass Walter tatsächlich noch nie so puristisch in die Saiten gehauen hat wie hier. Traditionalisten werden frohlocken, denn dieser Schritt zurück zu seinen Wurzeln hat ihm spürbar gut getan. Selten klang seine Musik so ausgelassen, so fokussiert, so souverän und so auf den Punkt. „Es ist schon der Wahnsinn: Ich bin jetzt 61, bringe mein 21. Album heraus und fühle mich, als würde ich gerade erst meinen Stil finden. Diese Lieder zu schreiben, war, als würde ich mit einem alten Freund abhängen. Es ist mir unglaublich leicht gefallen und hat Riesenspaß gemacht.“

Diese neu entfachte Liebe zum Blues hört man in jeder Note; wer sich in die Texte vertieft, wird jedoch eine ganz andere Dimension erschließen, die mit Spaß ziemlich wenig zu tun hat. Man kann es nicht anders sagen: Walter Trout ist stinksauer. „Ich versuche immer, einen Hoffnungsschimmer in meine Worte zu packen, denn wenn du keine Hoffnung mehr hast, kannst du genauso gut von der Klippe springen. Und auch in beschissenen Zeiten gibt es Dinge, die uns das Leben erleichtern: Liebe, Familie, Lachen. Aber diese Platte ist eindeutig nicht meine fröhlichste, das wird stellenweise ziemlich düster. Ich will zwar nicht fatalistisch sein, aber ich habe auf jeden Fall schon lange nicht mehr eine solche Wut empfunden.“

Der Albumtitel, übersetzt in etwa „Blues für die moderne Benommenheit“, weist den Weg, und Walter nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das gesamte politische System der USA wird heute von den Großkonzernen ge-steuert – und alles wird zum Vorteil der Reichen und Mächtigen hingedreht. Und doch gibt es Millionen Amerikaner, die die Republikaner wählen, obwohl sie nicht in ihrem Interesse handeln – auch Nachbarn und Freunde von mir, die hart arbeiten und denen es trotzdem immer schlechter geht. Aber sie wählen trotzdem diese Partei, und das macht mich fertig. Sieh dir die Kandidaten an. Mitt Romney kontrolliert zum Beispiel Clear Channel, eines der größten Medienunternehmen des Landes und das perfekte Instrument, um die Meinung von Millionen zu beeinflussen. Und Rick Santorum macht mir Angst. Er sagte, die Trennung von Staat und Religion mache ihn krank. Er würde das Land im Sinne der Bibel führen. Damit ist er in meinen Augen keinen Deut besser als die Taliban! Wenn er Präsident wird, wird es sehr ungemütlich hier. Meine Frau ist Dänin und bekniet mich schon seit Jahren, in ihre Heimat zu ziehen. Unter Präsident Santorum wäre die Zeit wohl gekommen.“

Doch solch düstere Aussichten lassen Walter nicht zum Pessimisten werden. „Es gab solche Phasen immer, aber am Ende ist es wie in alten Filmen: Die Dorfbewohner stürmen mit Fackeln und Mistgabeln das Schloss und schicken die Herrschenden zum Teufel. Let’s hope people fuckin’ wake up, man!“ Amen.

Tony Iommi – Zwischen Himmel & Hölle

Tony IommiIn der Geschichte von Black Sabbath – der ersten und größten Heavy Metal-Band aller Zeiten – ist Gitarrist Tony Iommi die einzige Konstante. Er wurde am 19. Februar 1948 im Heathfield Road Hospital in der Nähe des Stadtzentrums von Birmingham geboren. Er war das einzige Kind einer italienischen Einwandererfamilie und wurde nach seinem Vater Anthony Frank Iommi benannt.

Als Tony im Alter von 17 Jahren bei einem Schweißunfall zwei Fingerkuppen seiner rechten Hand verlor, sah es beinahe so aus, als wäre seine Karriere als professioneller Gitarrist schon vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Doch durch selbstgemachte künstliche Fingerspitzen entwickelte er eine einzigartige Spielweise, die charakteristisch für ein ganzes Rockmusik-Genre wurde.

Sein eigenes Leben, das stets eng mit Black Sabbath verbunden war, hielt einige Höhen und Tiefen für den 64-jährigen Musiker bereit. Mit CLASSIC ROCK sprach er offen über sein Leben und seine Karriere: über Musik und Geld, Liebe und Gewalt, Drogen und Tod, Ozzy und Sharon, die Zukunft von Black Sabbath und über einen Zwerg, der um Stonehenge tanzt.

Als Teenager warst du oft in Schlägereien verwickelt. Wie kam es dazu?
Ich denke, es ging darum, Dinge rauszulassen, die sich in deinem Inneren angestaut hatten. Ich lebte in einer sehr rauen Gegend. Es gab Gangs und viele Straßenschlachten. Meine Mutter sah es nicht gerne, wenn ich das Haus verließ. Ich habe in meinem Zimmer mit Gewichten trainiert. Danach habe ich mit Judo, Karate und Boxen angefangen.

Hat es dir Spaß gemacht, Leute zu verprügeln?
Darum ging es nicht. Es ging darum, andere zu verprügeln, bevor sie sich auf dich stürzen. So lief das bei uns. Immer hackte jemand auf einem herum und es endete immer in einem Kampf.

Du hast sogar ein Messer bei dir getragen.
Eine Zeit lang, ja. Ich war Mitglied einer Gang. Und wenn dich jemand von einer rivalisierenden Gang auf der Straße sah, wurdest du angegriffen. Es gab selten Nächte, in denen ich nach Hause kam, ohne mit geprügelt zu haben. Doch es wurde immer seltener, als ich anfing, Musik zu hören.

Was für Hoffnungen und Träume hattest du 1969 als 20-jähriger Gitarrist von Black Sabbath?
Zuerst war mein Traum, in London spielen zu dürfen. Doch unser größter Wunsch war es, ein Al-bum aufzunehmen. Als wir dann die Möglichkeit bekamen, konnten wir es alle kaum glauben.

Warum wurden Black Sabbath damals derart missverstanden?
Damals waren Soul und Blues sehr angesagt, und unser Album unterschied sich sehr von diesen Stilen. Die Leute sagten: „Du meine Güte, das ist mir doch ein wenig zu heftig!“ Durch das umgedrehte Kreuz auf dem Albumcover dachten die Leute, wir beschäftigen uns mit schwarzer Magie – auch wenn das nicht stimmte. Am Anfang hatten die Menschen einfach Angst vor uns.

Kannst du dich an den Zeitpunkt erinnern, an dem du bemerkt hast, dass Sabbath wirklich groß werden könnten?
1970, als wir das erste Mal nach Amerika flogen. Damals begriffen wir es langsam. Wir spielten in New York im Fillmore East. Das war unglaublich.

Warum sprach die Musik von Black Sabbath so viele Menschen an?
Wir waren bodenständige Leute aus der Arbeiterklasse. Und das spiegelte sich auch in der Musik wieder. Die Menschen konnten sich mit dem, was wir taten, identifizieren.

In eurer Anfangszeit wurde Sabbath von Don Arden gemanagt, einem berüchtigten Impresario und der Vater von Sharon Osbourne. Wart ihr von Don eingeschüchtert?
Ich glaube, erschüchterte jeden ein. Damals ging man auch anders mit Leuten um als heute. Heute geht alles über Anwälte. Damals schickten sie noch Leute los, um dich zu verprügeln. Wir haben das selbst ein paar blutige Male gesehen. Doch als Don die Band in den Achtzigern wieder betreute, fühlte ich mich von ihm in keiner Weise belästigt. Ich habe ihn sogar ein bisschen bemitleidet. Er hat oft Termine mit mir ausgemacht, nur um jemanden zum Reden zu haben. Er war im Grunde ein sehr einsamer Mensch.

Du hast in deinem Buch „Iron Man: My Jour-ney Through Heaven And Hell With Black Sabbath“ erwähnt, dass du etwas mit Sharon hattest, bevor sie mit Ozzy zusammenkam.
Nun, als Don uns in den Siebzigern betreute, arbeitete Sharon für ihn. Immer wenn wir in L.A. waren, hatte ich auch Termine mit Sharon. Wir trafen uns und gingen zusammen essen. Das war aber auch schon alles.

Was waren die Höhe- und Tiefpunkte in deiner Karriere mit Black Sabbath?
Wir hatten unglaubliche Höhepunkte mit Ozzy und Ronnie James Dio. Auch die Reunion mit Ozzy 1997 war fantastisch. Ich wusste immer, dass das eines Tages geschehen wird, aber man ist sich nie sicher. Es war ein sehr emotionaler Moment für uns, nach all diesen Jahren wieder zusammen auf die Bühne zu gehen. Der Tiefpunkt meiner Karriere waren die Achtziger und Neunziger Jahre, in de-nen ich immer wieder versucht habe, die Band zusammen zu halten. Ich habe den Namen Black Sabbath beibehalten und eine Menge Kritik einstecken müssen, da ich andere Musiker mit ins Boot holte. Ich wollte einfach nicht loslassen. Doch wenn jeder außer dir selbst ersetzt wurde, dann fragst du dich schon, was passiert ist.

Als der Film „This Is Spinal Tap“ 1984 herauskam, hattet ihr bei Sabbath erst kurz zuvor ein riesiges Stonehenge-Bühnenbild. Es gibt im Film diese berühmte Szene mit dem Miniaturmodell von Stonehenge. Fühltest du dich persönlich angegriffen, als du ihn gesehen hast?
Nein, ich fand es lustig. Ich fand auch unser Stonehenge lustig, als ich es das erste Mal gesehen habe. Als wir damals vor der Bühne probten, wurden die Steine nach und nach auf die Bühne getragen. Ich traute meinen Augen nicht – das hörte gar nicht mehr auf. Wir haben dieses Set aber nur für ein paar Konzerte verwendet.

Als das Original-Line-up von Sabbath für Live Aid 1985 wieder zusammenkam, saht ihr alle sehr fertig aus. Wie ging es euch damals?
Nicht sehr gut (lacht). Wir trafen am Abend davor aufeinander, und da wir uns so lange nicht mehr gesehen hatten, wurde es eine feuchtfröhliche Nacht. Ich hatte einen schrecklichen Kater, und wir spielten um zehn Uhr morgens. Ich musste meine Sonnenbrille aufsetzen. Ich fühlte mich schrecklich. Doch die Nacht davor war großartig.

Hast du einen bösen Sinn für Humor?
Ein bisschen schon, ja.

In den Anfangstagen von Black Sabbath hat Bill Ward das immer abgekommen.
Ja. Jeder ärgerte Bill. Und er liebte es. Wenn man ihn mal nicht ärgerte, fragte er gleich: „Stimmt was nicht?“

War es – im Nachhinein betrachtet – nicht ein bisschen zu grausam, Bills Bart anzuzünden?
Oh mein Gott. Das war ganz schön traurig, oder?

Philip Sayce – Wütende Lehrbeispiele

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Phlip Sayce @ Masaki_KoikeDer Kanadier hat nicht nur goldene Finger und eine Platinstimme, er möchte mit seiner Musik bewegen. Mit seinem neuen Album STEAMROLLER möchte Philip Sayce seinen Hörern einen kleinen Diskurs in Sachen Musikgeschichte geben.

Es war der Todestag von Etta James, an dem Philip Sayce einige Interviews gab. Und es dauerte nicht lange, bis er diese Gespräche zum (zugegeben traurigen) Anlass nahm, sich über die Musikhistorie im Allgemeinen und Authentizität im Speziellen zu unterhalten. Sayce, seines Zeichens nicht nur Blues Rock-Gitarrist/Sänger, sondern auch eines der größten Talente seines Genres, sieht in Etta James sowie in einigen wenigen weiteren Figuren der Geschichte den Inbegriff von Aufrichtigkeit. „Nimm Etta, Steve Ray Vaughan, Jimi Hendrix, Stevie Wonder, sie alle haben sich nie einen feuchten Kehricht darum geschert, ob ihre Musik kommerziell erfolgreich ist“, sagt der Kanadier, in dessen Fingern Gold fließt und in dessen Stimme sich Platin oder noch feinere Legierungen befinden. „Jeder Künstler muss sich darüber klarwerden, was er in seinem Leben bewegen möchte. Für mich ist es wichtig, das in Töne umzusetzen, was in mir brodelt. Ich sehe mich als eine Art Lehrer, der seinen Schülern den Zusammenhang der Musik von vor 45 Jahren mit der unserer Zeit aufzeigt. Mein Ziel ist es, der beste Lehrer zu werden, den man sich vorstellen kann.“

Sein aktuelles Schulbuch nennt er STEAMROLLER, ein mit zehn tollen Blues Rock-Nummern ausgestattetes Pamphlet der besonderen Art. Denn der Kanadier ist ein Jahrhunderttalent, eines wie Lenny Kravitz, um in der gleichen Musikgattung zu bleiben. Wie auch Kravitz ist Sayce Gitarrist, Sänger, Komponist und Frauenschwarm in Personalunion. Wenn er auf der Bühne steht, steigen beim weiblichen Publikum Puls und Atmung. Einige seiner Lieder eignen sich, auch wenn sie noch so schroff angelegt sind, für Radio und Konzertbühnen gleichermaßen. Sayce weiß, dass er dieses Talent hat und fürchtet sich davor: „Natürlich würde ich mich über große Erfolge freuen, aber als Künstler darf man so etwas niemals im Hinterkopf haben, denn dann wird man manipulierbar. Erfolg, Geld, Bilanzen, das alles sind Begriffe, die für Plattenfirmen wichtig sind, aber nicht für mich. Für mich zählt der künstlerische Anspruch.“

Und der läuft diametral zu dem, was die amerikanische Gesellschaft heutzutage fordert. „Weißt du: Ich habe allzu oft Plattenfirmen sagen hören ,Wirklich toll, deine Musik! Aber könntest du sie ändern? Ein wenig schleifen, so dass man sie auch im Fernsehen spielen kann?‘ Meine Antwort: ,Nein, kann ich nicht, vor allem will ich es nicht!‘ Es gibt doch sowieso schon viel zu viel Fast Food, nicht nur in kulinarischer Hinsicht. Schau dir das amerikanische Fernsehen an: eine Soap Opera nach der nächsten, nur künstlerischer Ausschuss. Meine Musik soll etwas anderes sein, ein Statement, eine Bewegung, ein Aufruf: ,Hey Leute, es gibt Besseres als nur dieses niveaulose Medien-Bombardement‘.“

Sayce ist in einer Mission unterwegs, sie nennt sich STEAMROLLER und klingt trotz des hohen Anspruchs aufregend und zugänglich zugleich. Egal wie schroff seine Riffs angelegt sind, ob er seine Stimme durch einen Verzerrer jagt oder die Drums bis zur Besinnungslosigkeit prügeln lässt, immer bleiben es Songs, die berühren. Und die hemmungslos mit dem abrechnen, was Sayce an Widrigkeiten entgegenschlägt. „Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich ›The Bull‹ schrieb. Ich hatte vormittags einen ärgerlichen Anruf von einem Verantwortlichen der Musikindustrie. Ich kochte vor Wut, fuhr ins Studio und erzählte meinem Produzenten Dave Cobb davon. Er meinte nur: ,Lass uns einen Song darüber schreiben.‘ Und genau das taten wir, entsprechend erregt klingt das Stück. Ich sage darin: Wer mit dem Bullen kämpft, der wird seine Hörner zu spüren bekommen.“

Soviel Wut, Idealismus und Aufbruchstimmung hat es in der Rockmusik zuletzt in den frühen Siebzigern gegeben – eine Ära, auf die sich Sayce bewusst bezieht. „Es war Zeit, dass dieses Lebensgefühl zurückkehrt“, sagt er. „Denn in Amerika und Europa gibt es genug Probleme. Dies ist nicht die Zeit für Partys und Kokain. Dies ist die Zeit für raue Musik, denn Musik sollte unbedingt den Zeitgeist widerspiegeln.“ STEAMROLLER wird diesem Anspruch gerecht und sicherlich dennoch Erfolg haben. Trotz oder gerade wegen seiner Unerbittlichkeit. Sayce: „Melissa Etheridge sagte einmal zu mir: ,Ändere dich nicht, sei immer du selbst, dann werden die Menschen zu dir kommen und nicht umgekehrt‘.“

Imperial State Electric

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Imperial_State_Electric-Guitars_Photo_Jonathan_ForefältAls die Hellacopters 2008 ihre Auflösung bekannt gaben, hallte ein großer Aufschrei durch die Musiklandschaft. Als Nicke Andersson seinen Job als Schlagzeuger der Death Metal-Band Entombed an den Nagel hing, saßen die Hellacopters schon in einer Ecke und warteten auf ihren großen Auftritt. Und der ließ nicht lange auf sich warten. Vor allem in ihrer Heimat – aber auch im Rest Europas – spielten sich die Schweden mit jedem Album mehr in die Herzen der Hard Rock-Fans, bis schließlich vor vier Jahren der letzte Vorhang fiel.

Doch Nicke Andersson ist ein altes Arbeitstier und so ließ eine neue Band unter der Federführung des Musikers nicht lange auf sich warten. Anfangs war Imperial State Electric als reines Soloprojekt des Schweden geplant. Doch nachdem er acht Songs komplett alleine eingespielt hatte, wurde die Sehnsucht nach Mitmusikern immer größer. Diese fand er bald in seinen Landsmännern Dolf de Borst (Datsuns), Thomas Eriksson (ex-Captain Murphy) und Tobias Egge (The Objects). 2010 brachte die Band schließlich ihr selbstbetiteltes Debüt heraus und viele Schreie derjenigen, die den Hellacopters immer noch nachtrauerten, verstummten fast gänzlich.

Aber genug der Geschichtsstunde. Denn im März werden die Schweden das zweite Kapitel ihrer noch recht jungen Karriere aufschlagen. POP WARS ist der Titel ihres neuen Studioalbums. Und der Name ist Programm. Denn die zehn neuen Stücke sind alles andere als poppige Radiolieder – etwas anderes hätte man sicher auch nicht von ihnen erwartet. Nein, sie sind dreckiger Rock’n’Roll in Reinform. Die Band selbst ist sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis. „Wir sind wirklich erleichtert, dass das Album nun im Kasten ist“, gibt Frontmann Nicke Andersson zu. „Die neuen Songs sind wirklich gut geworden. Wir mögen sie sehr. Wir hoffen, sie werden euch genauso umhauen wie uns.“ Mit Sicherheit steht Anderssons neues Baby immer noch im Schatten der übergroßen Hellacopters. Doch mit POP WARS könnte es ihnen gelingen, ein wenig daraus hervorzutreten und auch die letzten trauernden Stimmen verstummen zu lassen.

Steve Hogarth/Richard Barbieri

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Hogarth Barbieri, London, Nov 2011Für Marillion-Sänger Steve Hogarth gibt es im Grunde genommen nur zwei echte Klassiker der Achtzigerjahre: Das 84er Werk A WALK ACROSS THE ROOFTOPS der schottischen Popgruppe The Blue Nile sowie TIN DRUM von der englischen New Wave-Band Japan aus dem Jahr 1981. An letztgenannter Scheibe war unter anderem der Keyboarder Richard Barbieri beteiligt, mittlerweile eine feste Größe des internationalen Progressive Rocks und seit 1993 Mitglied von Porcupine Tree. Dessen Chef wiederum heißt Steven Wilson und war 1997 Hogarths erklärter Wunschkandidat als Produzent seines Soloalbums ICE CREAM GENIUS. Doch Wilson arbeitete seinerzeit gerade an der Produktion der Scheibe SUNSETS ON EMPIRE von Fish, dem früheren Marillion-Frontmann. „Es war also keine gute Idee, Steven quasi parallel dazu auch mein Soloalbum produzieren zu lassen. Das hätte einfach nur unnötigerweise irgendwelche Vergleiche auf den Plan gerufen.“

Die Zusammenarbeit kam also nicht zustande, dafür lernte Hogarth aber bei dieser Gelegenheit Richard Barbieri kennen und schätzen. „Ich fragte Richard, ob er auf ICE CREAM GENIUS spielen und anschließend mit meiner Soloband auf Tour gehen könne. Seither sind wir gute Freunde.“

Nach dem Ende dieser Kooperation kehrten beide erst einmal zu ihren Stammgruppen zurück, Barbieri also zu Porcupine Tree, Hogarth zu Marillion. Der Kontakt indes riss nie ab. „Im Herbst 2010 bekam ich eine Email von Richard, in der er mich bat, auf seiner neuen Soloscheibe zu singen“, erläutert Hogarth die ersten Schritte des neuen gemeinsamen Albums NOT THE WEAPON BUT THE HAND, ein ungewöhnliches Opus zwischen Pop und sphärisch-lasziven Soundlandschaften. Die Musik stammt ausnahmslos von Barbieri, Texte und Melodien sind, soweit vorhanden – mitunter ergeht sich Hogarth in monotonem Sprechgesang – aus der Feder des Marillion-Sängers.

Hogarth sah auf NOT THE WEAPON BUT THE HAND die Gelegenheit gekommen, so manche Zeile unterzubringen, die in anderem Kontext nicht funktioniert hatte: „Die Worte zu ›A Cat With Seven Souls‹ lagen bereits lange in der Schublade, wollten aber zu Marillion nie so recht passen. Und auch ›Crack‹ war schon mehr oder minder fertig, bevor mir Richard die Musik schickte.“ Bei anderen Nummern wie etwa ›Red Kite‹ dagegen ließ sich Hogarth von Klang und Stimmung der Vorgaben inspirieren. Deshalb auch der monoton-gesprochene Text in ›Your Beautiful Face‹, eine Nummer, die laut Hogarth mit melodischem Gesang von ihrer „Intimität und Aussagekraft“ eingebüßt hätte.

Das Wort Selbstverwirklichung will der 52-Jährige Hogarth angesichts dieser Zusammenarbeit nicht in den Mund nehmen: „Die Tatsache, dass so mancher Text bei Marillion nicht funktioniert hat, beziehungsweise nicht funktioniert hätte, ist kein Indiz dafür, dass ich in meiner Kreativität beschnitten werde. Als Marillion mich 1988 fragten, ob ich Nachfolger von Fish werden möchte, sagten sie: ´Du kannst machen was du möchtest. Wir suchen keinen Fish-Ersatz, wir suchen einen neuen eigenständigen Frontmann.` Hätten Marillion einen zweiten Fish gesucht und gesagt ´Du kannst reich und berühmt werden, dafür musst du allerdings wie Fish singen`, wäre ich nicht eingestiegen. Auch heute noch habe ich völlige kreative Freiheit, daran hat sich in fast 25 Jahren nichts geändert.“

Insofern sei ihm die Arbeit an NOT THE WEAPON BUT THE HAND leicht gefallen, erklärt der Brite, denn auch sein Teilzeit-Kompagnon Barbieri vertraute blind auf das, was Hogarth anbot. „Richard schickte mir die instrumentalen Versionen der Songs und ließ mir völlige Freiheit. Ich selbst war derjenige, der sich beispielsweise mit dem Sprechgesang etwas unsicher war. Doch was immer ich Richard zurückschickte, stieß auf seine absolute Zustimmung.“

Jetzt soll es, sofern es die Zeit erlaubt, mit dem Album sogar gemeinsam auf Tour gehen. Hogarth: „Es gibt nur zwei Schwierigkeiten: In 2012 haben weder Richard noch ich Zeit dafür. Außerdem bräuchten wir eigentlich mehr Musiker als auf eine Bühne passen, um die Songs wirklich adäquat zu präsentieren. Ich bin mir jedoch sicher, dass wir 2013 beide Probleme lösen können.“

Spiritualized

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Spiritualized1 - photo credit Steve GullickJason „Spaceman“ Pierce versteht unter dem Begriff „Pop“ etwas völlig Anderes als die meisten Menschen. Wenn das Spiritualized-Mastermind über sein inzwischen siebtes Studioalbum SWEET HEART SWEET LIGHT spricht, nennt er es immer wieder seine „Pop-Platte“. Dabei verweist Pierce auf so, ähem, typische Referenz-„Popalben“ wie – echt jetzt – Link Wrays LINK WRAY, DELAY 1968 von Can oder CLUSTER II. „Alben, die zwar nicht als Klassiker gelten, aber auch nicht obskur sind. Alben, die mir aber einfach persönlich etwas bedeuten, weil ich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben auf sie gestoßen bin, an dem sie genau den richtigen Nerv getroffen haben. Genau so etwas wollte ich unbedingt auch einmal machen: Eine Platte, die nicht mehr sein will als eine gute Popplatte, die aber dafür einen Moment einfängt.“

Unerwartet tiefstapelnde Worte für den Dronerock-Veteranen. Ein Jason Pierce kleckert schließlich normal nicht, sondern er klotzt. Seine entrückten Megaleinwand-Kompositionen waren schließlich immer größenwahnsinnige musikalische Grenzerfahrungen. Das begann schon in den Achtzigern, als er mit Kollege Sonic Boom im britischen Derby die noch eher groben Spacemen 3 gründete, die aber bereits mit ihrem verzerrtrepititiven Experimental-Blues hypnotische Wirkung erziehlen konnten. Nach der Trennung des Duos zur Jahrzehntwende ging Pierce nahtlos über zu Spiritualized.

Hier erweiterte Pierce mit voller Band den Spacemen 3-schen Ansatz kontinuierlich von Album zu Album, schmückte ihn und seine Titel immer opulenter aus, bis beim dritten Album LADIES AND GENTLEMEN WE ARE FLOATING IN SPACE (1997) selbst Orchester und Gospelchöre ihren Weg in den nun himalayagroßen Sound gefunden hatten. Diesen Albumklassiker und Millionenseller spielten Jason Pierce und Band (momentan bestehend aus John Coxon, Tim Lewis, Doggen und Tom Edwards) in der Konzertsaison des letztes Jahres auch wieder live – jedoch sehr widerwillig. „Wir hätten die Tour über mehrere Monate ausdehnen können, das Angebot lag uns vor. Aber wir machten nur vier Shows. Ich mag diese Nostalgie-Tourneen einfach nicht. Bands stellen sich hin und sagen ‚Schaut her, wie toll wir einmal waren!’ Ich will aber nicht zurück sondern nach vorne schauen und immer noch neue tolle Platten machen. Ich mag zwar schon in der zweiten Hälfte meiner Vierziger sein, aber ich will deswegen nicht einfach stehen bleiben. Ich will nicht aufhören, mich stetig vorwärts zu entwickeln.“

Auch der Vorgänger von SWEET HEART SWEET LIGHT nimmt eine Ausnahmestellung im Spiritualized-Werk ein. SONGS IN A & E (2008) war eine Sache von Himmel und Hölle, von Engeln und Rettern, Schwebezuständen und Medikamenten – eine Frage von Tod oder Leben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, entstand das Album doch als Verarbeitung eines sehr langen Krankenhausaufenthalts des Musikers. Jason Pierce war 2005 kurz nach Beginn der ersten Aufnahmen mit schwerster Krankheit (eine Krankheit, über die immer noch widersprüchliche Angaben herrschen) auf der Intensivstation eingeliefert worden, musste dort nach mehreren Herzstillständen sogar wiederholt wiederbelebt werden und rang beinahe zwei Wochen lang mit dem Tod. Das darauf folgende Album fiel verständlicherweise entsprechend transzendent aus.

Heute ist wieder eine gewisse Normalität ins Leben des 46-jährigen Musikers zurückgekehrt. Auch wenn SWEET HEART SWEET LIGHT natürlich nicht ohne achtminütige Gitarrenmassaker und sphärisch-himmlische Harmonien auskommt, so ist es doch die wohl bisher gezügelteste Spiritualized-Platte. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass die in Pierces Werk sonst so allgegenwärtigen Drogenanspielungen eigentlich kaum stattfinden. „Wie bitte? Na, da musst du wohl noch mal ein bisschen genauer hinhören. Aber klar, als ich in der Chemo war, da durfte ich eine Zeitlang keinerlei Substanzen in meinem System haben. Ich habe mich entschieden, diese Pause bei den Aufnahmen und während des Mischens einzulegen – denn Touren, das macht einfach zu viel Spaß. Aber es war schon sehr sonderbar, Musik zu machen und sich dabei nicht mal einen Drink gönnen zu dürfen.“