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Volbeat – Vollgas nach Notbremse

Volbeat 2013a @ Nathan GallagherWenn aus einem Gastproduzenten plötzlich ein festes Bandmitglied wird, muss etwas Besonderes passiert sein. Wenn eine Band ein leerstehendes Studio entert und es zu neuem Leben erweckt, auch. Beides ist so bei Volbeat geschehen, die sich nach einer weise gewählten Pause lautstark mit OUTLAW GENTLEMEN & SHADY LADIES zurückmelden. Michael Poulsen über Erwartungen, Cowboys und die Zwangspause, die vielleicht das Ende der Band verhinderte.

Für seine 37 Jahre hat Michael Poulsen schon eine Menge hinter sich. Seine Band Volbeat rast seit Jahren auf einer für alle anderen unbefahrbaren Überholspur, längst sind die Dänen eine der größten Rock-Truppen dieses Planeten. Verdient? Und ob: Die Band arbeitet härter als die meisten anderen, spuckte in fünf Jahren vier Alben aus und bereiste den gesamten Planeten. Dann kam das Unvermeidliche: Die Luft war raus. Krisen innerhalb und außerhalb der Band, Anspannungen, Stress. Man zog die Notbremse, verordnete sich ein halbes Jahr Zwangspause. Urlaub sieht dennoch anders aus, wie Michael zurückblickt: „In diesen sechs Monaten schrieb ich das neue Album, arbeitete so gut wie jeden Tag von früh bis spät an den Songs. Doch es war eine sehr inspirierende Zeit. Ich habe ein neues Haus direkt am Meer gekauft und genoss es sehr, eine Zeitlang mal nur zuhause zu sein.“ Zu Recht: Seit Erscheinen des Debüts THE STRENGTH/THE SOUND/THE SONGS spielten sie jedes Konzert, das ihnenangeboten wurde. Schon früh in der Karriere fielen Supportshows für Metallica, Megadeth oder Nightwish ab, schnell folgten ausverkaufte Headliner-Reisen durch Europa und Amerika. Die Pause zwischen Album und Tournee wurde immer kürzer, Volbeat zunehmend erfolgreicher – und gestresster. „Diese Lebensweise ist keine einfache“, beginnt der Sänger noch etwas zögerlich. „Hinter den Bühnen passierte vieles, was uns sehr viel Energie raubte. Das merkte man uns auf der Bühne nie an, als Resultat trennten wir uns aber von Thomas Bredahl. Es kam immer mehr zusammen, das wir nie angemessen reflektieren konnten“, so Michael ernst. „Ich verlor meinen Vater vor vier Jahren, hatte aber nie eine Chance, das wirklich zu verarbeiten. Zwei Wochen nach seinem Tod waren wir wieder unterwegs. Klar, dass das Spuren hinterlässt.“ Trennungen, Probleme, innere Streitigkeiten… die Liste wurde immer länger. Bis man die Reißleine und entsprechende Konsequenzen zog. „Jetzt sind die Probleme gelöst, jetzt können wir weitermachen.“

Dass das unter erheblichem Druck geschieht, ist Poulsen klar. Er sieht jedoch nichts Schlechtes darin. „Klar haben sehr viele Leute sehr hohe Erwartungen an uns. Diesen Druck brauchen wir auch, um konzentriert zu arbeiten“, stellt er klar. „Manchmal wäre es vielleicht ohne Druck schöner, doch ich komme gut damit klar.“ So weit oben seine Band mit ihren zahlreichen Gold- und Platin-Schallplatten auf der Erfolgsleiter auch steht: Der Däne hat keine Angst, dass sich allzu bald etwas daran ändert. „Darauf sollte man sich doch sowieso nicht konzentrieren. Wir achten nur auf die guten Dinge. Das garantiert, dass wir eine positive Grundstimmung in der Band haben und gern alles für diese Sache geben.“ Eine effektive Methode für gute Stimmung am Arbeitsplatz, sozusagen. Fehlendes Selbstbewusstsein klingt zumindest anders. Entsprechend wagemutig gab man sich auch bei der Wahl des Studios. „Wir wollten weg vom normalen Volbeat-Aufnahmeprozess und verfrachteten unseren Produzenten Jacob Hansen in eine neue Umgebung. Der Plan war“, erzählt Michael, „ein Studio zu nehmen, in dem wir alle noch nie gearbeitet haben. Raus aus der Komfortzone, rein in ein altes legendäres Studio hier in Dänemark. Dieses Studio wurde seit ewigen Zeiten nicht mehr benutzt. Wir fühlten uns, als hätten wir den Millenium Falcon aus ‚Star Wars‘ gefunden. Wir mussten es erst mal entstauben und waren gespannt, was noch funktionieren würde. Wirklich aufregend!“

Das, was bei den Aufnahmen von OUTLAW GENTLEMEN & SHADY LADIES geschah, auch. Michael Poulsen macht den Märchenonkel: „Durch Zufall erfuhr ich, dass ex-Anthrax-Gitarrist Rob Caggiano nebenher auch produziert. Ich wollte ihn unbedingt als Gastproduzenten dabeihaben, der bei der Gelegenheit auch gleich ein paar Solos beisteuert. Eigentlich wollte er sich mehr auf seine Produktionen konzentrieren, doch während er mit uns in Dänemark arbeitete, merkte ich, wie gut er zu uns passt. Er spielte zunächst ein paar Gastsolos ein – und dann ging plötzlich alles ganz schnell: Er hatte einige Ideen für die neuen Stücke und war plötzlich mittendrin. Da wir sowieso einen zweiten Gitarristen suchten, musste ich ihn einfach fragen, ob er nicht bei Volbeat einsteigen will. Es wäre aber auch eine Schande gewesen, wenn dieser Typ fortan nur noch im Studio rumgesessen wäre.“ Das unmittelbare Resultat ist ein deutlich dynamischerer, direkterer Gitarrensound, der eine frische Härte in den Volbeat-Sound bringt. „Diese Platte ist die stilistisch vielseitigste, die wir je gemacht haben“, bringt es der Bandchef auf den Punkt. „Unser Inspirationshorizont wurde merklich erweitert, außerdem springen dir die Songs deutlich mehr ins Gesicht als vorher. Wenn wir hart sind, sind wir stahlhart, wenn wir Country spielen, ist es der totale Country-Angriff. Erstmals habe ich alle Ziele erreicht, die ich mit diesem Album erreichen wollte. Das gab es noch nie“, lacht der standesgemäß in Graceland vor den Traualtar getretene Michael befreit. Das kann er auch: Die Erweiterung der Farbpalette tut der Band gut, nach zuletzt sehr ähnlichen Alben geht es mal wieder kunterbunt zur Sache.

Ein Einfluss überwiegt die anderen dann aber doch: Mehr denn je ist OUTLAW GENTLEMEN & SHADY LADIES von Wildwestromantik und Conutry-Flair geprägt – musikalisch wie inhaltlich. „Ich sage mir schon sehr lange, dass man einem Volbeat-Album eines Tages anhören würde, welch begeisterter Western-Fan ich in meiner Kindheit war. Western-Filme zogen mich praktisch groß“, verrät der Elvis-Fan. Bislang sei die Zeit noch nicht reif gewesen. Bislang: „Ständig schwirrten mir Melodien im Kopf herum, die auch aus einem Spaghettiwestern stammen könnten. Die Zeit war also endlich reif dafür, dieses Album Wirklichkeit werden zu lassen.“ Und wenn die Melodien schon mal in diese Richtung gingen, sollten die Texte natürlich in eine ähnliche Kerbe schlagen. Hier kommt der Titel ins Spiel, der perfekt zum Kosmos dieser Platte passt: Poulsen verspricht den „totalen Western-Overkill voller zwielichtiger Gestalten, fragwürdiger Ladys, Saloons und Pistolenhelden.“ Welche Rolle der Sänger in der Zeit der Cowboys, Saloons und Posträuber wohl gespielt hätte? Sheriff? Gesetzloser? Pianist im Saloon? „Keine Ahnung. Aber Saloon klingt schon mal nicht verkehrt.“

 

Wilko Johnson

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_DSC1056Die Doku „Oil City Confidential“, eine gefeierte Autobiografie und eine Schlüsselrolle
in der Hit-TV-Serie „Game Of Thrones“ haben Wilko Johnson zu einem echten
britischen Nationalheiligtum gemacht. Jetzt hat er nur noch wenige Monate zu leben –
Krebs im Endstadium.

Fuck, Wilko…was haste jetzt schon wieder angestellt? The Dame kommt mit der Single und dem Video ›Where Are We Now?‹ rum und Produzent Tony Visconti, von Bowie zum offiziellen weltweiten Vetreter ernannt, gibt einen Haufen Interviews, um der Menschheit zu versichern, dass sich der Thin White Duke trotz vergangener Schreckmomente tatsächlich bester Gesundheit erfreut. Am nächsten Tag wird uns auf Facebook verkündet, dass nicht Bowie im Sterben liegt, sondern Wilko Johnson.

Kurz vor Weihnachten letztes Jahr kam die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, es sind nur noch wenige Momente bis zum Großen Schlaf. Freunde und Fans rund um den Globus sind schockiert. Trotzdem sieht der Typ, der uns die Tür zu seiner Doppelhaushälfte in West-cliff-on-Sea öffnet und uns in seinem großzügig bemessenen Wohnzimmer voller Bücher, Gemälde und Verstärker willkommen heißt, genauso so wie derselbe alte Wilko aus. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Stiefel, blaue Augen, kahler Kopf, das warme, aber hämische Lächeln. Der Gitarrist und Gründer von Dr. Feelgood fühlt sich immer noch gut. Und Ser Ilyn Payne – der stumme Henker, den er so ausdrucksstark in „Game Of Thrones“ spielte – ist völlig anderer Natur. Seine Energie, seine Eloquenz und sein Humor sind nicht nur intakt und ungebrochen, der einst aufgedrehte und zu Ausrastern neigende Telecaster-Tornado ist entspannter, als man ihn je erlebt hat.

Der Autor muss hier ein beträchtliches persönliches Interesse bekunden: Ich kenne Wilko seit seinen Feelgood-Zeiten, ich habe Stunden damit verbracht, mit ihm auf brisanten Rauschmitteln zu alten Blues-Platten zu grooven, war mit zwei verschiedenen Bands seine Vorgruppe auf Tour, war mit ihm im Studio und habe mit ihm auf der Bühne gejammt. Wer sich denkt, es sei verdammt seltsam, einen alten Kumpel zu treffen, der bald stirbt und das auch weiß…hat Recht. Das ist es. Vor allem, wenn der Sterbende die Person ist, die das am wenigsten zu bekümmern scheint.

Der Krebs hat in der Vergangenheit schon in Wilkos Nähe eingeschlagen. Vor 19 Jahren erlag sein alter Sparringspartner Lee Brilleaux einem Lymphom, vor 13 Jahren starb Ian Dury (bei dessen Blockheads Wilko kurz Mitglied war und dessen langjährigen Meisterbassisten Norman Watt-Roy er abwarb) an kolorektalem Krebs und vor acht Jahren kam der vernichtendste Schicksalsschlag, als er sich von seiner geliebten Frau Irene verabschieden musste. Sie waren seit dem Teenager-Alter zusammen gewesen – trotz Wilkos Hang zu „Tour-Ehefrauen“ – und die Trauer war eine tödliche Wunde, die nie verheilte. Und jetzt hat es ihn erwischt, und wir müssen irgendwie herausfinden, wie wir uns verabschieden. Wie erfuhr Wilko von seiner Krankheit? „Da war dieser Knoten auf meinem Bauch, mal groß, mal klein, mal hier, mal dort…“, fängt er an und berührt sanft die besagte Stelle. „Nachdem ich ein totaler Abstinenzler gewesen war und vor Kurzem zu trinken begonnen hatte, dachte ich, dass wohl meine Leber anschwillt. Wenn John Hurt aus meinem Magen platzen und schreiend auf den Boden fallen sollte, was kann ich schon tun? Kurz vor Weihnachten war dann mein Sohn Matthew zu Besuch aus Manila und brachte meinen Enkel Dylan Johnson mit… der tatsächlich hier das Laufen lernte, was sehr schön war. Eines Abends erfuhr Matthew von diesem Ding, steckte mich in sein Auto und zerrte mich in die Notaufnahme. Da fing alles an.

Sie untersuchten mich und drückten an mir rum. Sie sagten: ‚Da ist diese Masse in ihrem Magen.‘ Ich fragte: ‚Ist es Krebs?‘ Sie sagten: ‚Das wissen wir noch nicht.‘ Und sie machten all diese Tests. Für einen musste ich in dieses ‚Star Wars‘-Zimmer, und dann rannten sie alle raus und ließen mich in diesem ächzenden Gerät zurück. Es sagt: [Roboterstimme] ‚ATMEN. EINATMEN.‘ Und dann fährt es dich wieder hinaus und sagt: ‚ATMEN‘. Sie taten all das und dann überredete ich sie, mich für ein paar Tage nach Hause fahren zu lassen. Ich sagte: ‚Hey, ich wohne um die Ecke vom Krankenhaus und mein Enkel ist da.‘

Als ich nach Hause kam, hatte ich diesen Riesenstreit mit dieser Person, lief schließlich mitten in der Nacht bei Mondschein durch die Straßen und dachte: ‚Ich hätte um acht für eine Biopsie ins Krankenhaus zurück gehen sollen…. Aber ich war so wütend und so anfällig für Ausraster, dass ich dachte: ‚Scheiß drauf! Ich gehe nicht zurück ins Krankenhaus! Ich fahre nach Kathmandu und lasse mich dort davon umbringen!‘ Ich kann Leuten schon ganz schön Ärger machen…

Alle hatten ihre Theorie zu diesem Knoten und stimmten darin überein, dass es wohl eine Zyste sei – ‚Oh, die können sie einfach rausschneiden.‘ Denn seit dieses Ding auftauchte, habe ich mich toll gefühlt: keinerlei körperliche Probleme, außer dass dieser Knoten da ist. Dann machten sie die Biopsie, was schon ziemlich freaky ist, denn sie stecken einfach diese Nadel in dich rein. Sie sagen, „seien sie nicht beunruhigt, das wird jetzt einen Laut machen‘, und dann macht es ‚plopp‘. Dann wartete ich ein paar Tage. Ich fuhr mit meinem Manager und meinem Sohn wieder ins Krankenhaus und sie sagten mir: ‚Sie haben da diese Masse… Wir können nicht operieren…Sie haben Krebs.‘

Und ich war absolut ruhig… gelassen. Ich nickte nur. Ich ging raus und… fühlte mich beschwingt. Wir stellen uns oft vor, was passieren würde, wenn wir so etwas erfahren… Ich fühlte mich einfach nur high. Ich dachte, nun, damit schließt sich der Kreis.

Dann, kurz nach Neujahr, ging ich zur Spezialistin und sie sagte mir im Prinzip, dass ich noch etwa neun bis zehn Monate zu leben habe…und mit Chemotherapie vielleicht noch drei Monate mehr, aber man kann sich ja vorstellen, was für drei Monate das wären, also wollte ich das nicht. Ich fühlte mich gut und mich interessierte, wie lange das anhalten würde, denn ich wollte noch ein paar Abschiedskonzerte geben. Würde ich fit genug dafür sein? Denn ich werde nicht krank auf die Bühne gehen. Ich will nicht, dass Leute mich so sehen.
Ich mag es nicht, mich krank zu fühlen. Eine Erkältung kann ich gerade noch tolerieren. Aber so lange ich meinen Job machen kann, sowohl körperlich als auch musikalisch… Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, in einem Rollstuhl auf die Bühne zu fahren, wo mich dann bei den Gitarrensolos jemand so richtig schnell anschiebt… Damit komme ich nicht klar. Diese Gigs, die wir gebucht haben, finden nur unter der Bedingung statt, dass ich fit genug dafür bin und nicht nach der Hälfte müde werde.“

Als sich die Nachricht verbreitete, war Wilko nicht mal im Land. Er war Tausende von Meilen entfernt und tat das, was er am liebsten tut: auftreten in einem Land, wo er höchst beliebt ist und das über die Jahre fast zu einer zweiten Heimat in der Ferne für ihn wurde.

„Als erstes fuhr ich also nach Japan, wo wir zwei Wochen lang eine tolle Zeit hatten. Wir spielten in Tokio und Kyoto und nahmen dabei Tausende und Tausende an Spenden für den Katastrophenschutz ein. Heiße, verschwitzte Gigs, eine hervorragende Zeit – so viele nette Leute, und ich bekam all diese Briefe. Was mich wirklich beeindruckte, war diese persönliche Zuneigung, die sie ausdrückten – das war mir nie bewusst. Ich meine, ich wusste, dass Leute meine Musik mögen und so, aber einige davon waren herzzerreißend, und sehr erfreulich. Was soll ich sagen? Es ist…“, er schaltet um zu der bissigen, hämischen Stimme, die er aus Witz benutzte, lange bevor John Lydon sich Johnny Rotten nannte: „ziemlich bewegend.

Dieses High, das ich empfand, nachdem ich die Diagnose bekommen hatte, hat angehalten. Ach komm, du weißt doch, was für ein griesgrämiger Arsch ich bin! Ich denke ständig, dass das alles bald zusammenbricht, aber das ist es nicht. Ich fühle mich gut, ich bin nicht krank. Plötzlich bist du einfach nur in der Minute, die du gerade lebst. Ich bin normalerweise nachts in meinem Zimmer mit all meinen Büchern und dem Zeug und denke, ‚es ist echt schön hier, aber irgendetwas macht mir wirklich zu schaffen.‘ Jetzt macht mir nichts mehr zu schaffen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – jetzt ist es egal. Es ist alles weg. Jetzt gibt es nur noch den Moment. Es schärft dir wunderbar das Bewusstsein. Du fühlst dich einfach nur sehr, sehr lebendig.

Manchmal denke ich, dass ich noch nie so absolut glücklich war, denn es gab im Leben immer irgendeinen lächerlichen Mist oder jemanden, den ich umbringen wollte. All das ist bedeutungslos. Ich will jetzt niemand umbringen.“

Es ist wohl billige Ironie, denn Ironie ist fast immer billig, dass dies genau jetzt passiert, wo Julien Temples Dr. Feelgood-Dokumentation „Oil City Confidential“ (die Wilko komplett regiert), seine Autobiografie „Looking Back At Me“ (verfasst mit Zoë Howe) und seine beeindruckende Darbietung in „Game Of Thrones“ ihn vom „Ex-halbwegs-bekannten-Namen“ zum Status eines Nationalheiligtums befördert haben…

„Vielleicht ist das ja gut so! Das ist alles passiert, jetzt, wo ich eine fantastische Band habe, mit der ich es liebe, zu spielen, wir so viele tolle Gigs hatten, und mein Enkel über den Teppich läuft – und wenigstens vermeide ich so das Alter. Wenn ich immer weiter machen würde, würde ich doch irgendwann mal peinlich werden, oder? Vielleicht ist das zur falschen Zeit passiert, aber diese Dinge passieren nun mal nicht zu irgendeiner ‚Zeit‘ – sie passieren einfach. Und bis jetzt… Es ist bestimmt nicht so, wie man sich das vorstellen würde. Ich hatte kaum einen Moment der Verzweiflung oder war deswegen traurig.

Es gab diesen Moment in Kyoto, als ich um fünf Uhr morgens aufwachte und… vielleicht hatte ich schlecht geträumt oder so, aber ich war betrübt, vielleicht, weil wir wieder abreisten. Ich dachte, ‚Oh nein, sag mir jetzt nicht, dass ich wieder zu meinem normalen Elend zurückkehre.‘ Dann fuhren wir zu diesem Tempel in den Bergen, der fast schon so lächerlich schön war, dass ich dachte, die machen das mit Absicht. Berge, dieser feine Schneefall, die Sonne, die durch den Schnee auf diesen Shinto-Tempel schien, und es war fast niemand dort. Stille. Es war so vollkommen, einfach nur da zu stehen und diesen Anblick zu genießen. Normalerweise hätte ich versucht, mir das in meiner Erinnerung einzuprägen, um später was damit anzufangen, aber dann dachte ich, ‚es ist nutzlos, das zu tun, denn bald wirst du dir gar nichts mehr einprägen…‘ Also sei einfach nur in dem Moment, in dem du bist. Es ist toll. Du stehst außerhalb der Zeit. Die Zukunft ist egal, und die Vergangenheit ist vorbei. Es ist nur dieser Moment. Und du denkst, ‚wieso habe ich das nicht vor Jahren gesehen?‘ Aber vor Jahren hast du dich noch nicht vom Tod bedroht gefühlt – obwohl wir das alle sind. Weil er nicht kurz bevor steht, spielt er keine Rolle. Was aber eine Rolle spielt…sind all diese Ärsche, die mich aufziehen!
Wir fragten die Spezialistin, ‚wie lange kann ich damit rechnen, mich so zu fühlen?‘ Sie sagte: ‚Vielleicht vier oder fünf Monate.‘ Ich dachte: ‚Wir machen das Schritt für Schritt: Zuerst möchte ich mich gut genug fühlen, um für zwei Wochen nach Japan zu fahren.‘ Dann haben wir nächste Woche ein paar Tage im Studio und ich hoffe, ich bin dafür immer noch fit. Dann möchte ich in der Lage sein, die Gigs im März zu spielen. Darüber hinaus… Meine Abschiedstournee wird definitiv eine Abschiedstournee!“

Hat dich diese Erfahrung zu neuen Songs inspiriert?
„Ja, schon. Das ist dumm! Ich komme gerade mit diesem Gefühl aus dem Krankenhaus und da beginnen die Songs schon, Form anzunehmen. Um Stücke zu schreiben, brauchst du eine Art von High, weswegen ich wahrscheinlich so viele Amphetamine nahm. Es gibt viele Sachen, die ich aufnehmen will, die es schon gab, aber ich habe auch diese neuen Sachen, die ich gut finde. Ich schrieb ein paar in Japan und ein paar mehr im Flugzeug auf dem Weg zurück. Wir werden sehen. Ich will die Gigs unbedingt durchziehen, aber ich muss fit dafür sein. Sie sagen, ich werde noch vier oder fünf Monate in diesem Zustand haben, und ich sagte: ‚Was passiert danach, wenn es losgeht? Werde ich anfangen, umzukippen?‘ Sie sagten: ‚Nein, aber sie werden anfangen, sich müde zu fühlen.‘ Sie denken, es wird nach und nach passieren. Wenn du also mit etwas Magenweh aufwachst…

Du denkst nicht einfach nur, ‚oh, ich muss wohl gestern Abend ein paar schlechte Garnelen erwischt haben…‘ Mit jedem kleinen Wehwehchen, das man normalerweise ignorieren würde, denkt man jetzt, ‚ist das das erste Zeichen?‘ Nun, bis jetzt war es das nicht. Und das macht alles so seltsam, denn ich fühle mich absolut normal. Wenn du mich aus irgendeinem Punkt in der Vergangenheit hierher verpflanzen und mich fragen würdest, wie es mir geht, würde ich sagen: ‚absolut wunderbar.‘ Ich fühle jetzt nicht mal mehr den Knoten. Danke, Jesus!“
Der Raum bricht in Gelächter aus.

Hat Wilko irgendwelche spirituellen oder philosophischen – wir werden hier nicht das Wort „religiös“ verwenden – Ansichten zur Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod?
Wilko klopft sich auf die linke Brust. „Mein Atheismus, den ich mein Leben lang vertreten habe, bleibt unerschütterlich. Ich war ziemlich stolz, als Irene im Hospiz im Sterben lag und auf die Frage, ob der Priester kommen soll, lapidar ablehnte. Nein, Mann, ich gehe dahin zurück, wo ich herkam, nämlich in die Vergessenheit. Ich kehre zurück an den Ort, an dem ich 1925 war. Ich war dreizehneinviertel Milliarden Jahre dort gewesen, seit dem Großen Knall, bis ich 1947 rausflutschte, meinen kleinen Moment bekam und dachte, ‚Wow, das ist groß!‘, und dann gehst du wieder dorthin zurück.“

Ein winziger Tropfen des Bewusstseins, der in den unendlichen Ozean zurückkehrt…
„Genau. ‚Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von Neuem die Nacht.‘ Samuel Beckett, ‚Warten auf Godot‘. Mein Atheismus ist absolut solide. Ich fürchte mich nicht davor, für meine Güte gerichtet zu werden. Ich habe keine Angst vor der Vergessenheit.“

Einige Menschen investieren viel Zeit, Geld und Aufwand genau darin…
„…und da habe ich mich auch ziemlich angestrengt! Das einzige, wovor ich mich fürchte, ist der Beginn der Krankheit, denn das wird das Ende jeglicher Aktivität bedeuten und zu einer kurzen Zeit des Leidens führen, bevor ich sterbe.“

Schmerzen sind wohl viel unheimlicher als die Vergessenheit.
„Eben!“, kichert er. „Ich bin ein totaler Feigling, wenn es um Schmerzen und Krankheit und sowas geht. Ich hasse es einfach. Das ist gerade sehr seltsam: Man fühlt diesen Knoten und denkt sich, ‚er wird mich umbringen.‘ Ich erinnere mich, als Irene starb, ging ich vom Grab weg und dachte, ‚Ich bin auf einem anderen Planeten, auf dem sie nicht existiert.‘ Wenn ich wirklich glauben würde, dass ich sie wiedersehe, wenn ich sterbe, hätte ich schon vor Ewigkeiten Selbstmord begangen. Ehrlich. Ganz sicher hätte ich das. Aber ich werde sie nie wieder sehen.“ Ein Beat. Leise Wiederholung: „Ich werde sie nie wieder sehen.“

Viele Leute, die ich kenne, hielten Wilko – der legendär viel von diesem und jenem vertrug – für einen der Großen Unzerstörbaren wie Lemmy und Lord Keef. Ich erinnere mich an einen epischen Anfall in irgendeinem Hotelzimmer nach einem Gig, der in der Erklärung kulminierte, „Heroin und Kokain sind doch Drogen für Weicheier! Gib mir Amphetaminsulfat und rohes Morphium!“ Er scherzte zu mindestens 80 Prozent…
„Nun, solange ich noch in dieser Verfassung bin, möchte ich das tun, was ich tue, und wenn ich dann anfange, abzubauen, will ich, dass sie mir unbegrenzt Morphium geben, damit ich einfach nur mit einem dummen Grinsen im Gesicht entschlafen kann.

In Japan, wo sie spezialisiert sind auf ihre Erfindung namens Crystal Meth, habe ich natürlich was davon besorgt – an jenem furchtbaren Abend, als Barclays Bank mein Leben ruinieren wollte. Am Anfang der Reise haben sie aus unbekannten Gründen die Geheimzahl meiner Karte gesperrt. Ich bin also in diesem Hotelzimmer in Kyoto mit meiner Freundin Yuriko und ihrem Laptop und versuche, diese Karte wieder zu entsperren. Ich rufe Freunde in England an, bitte sie, zu meiner Bank zu gehen und ihnen zu sagen, ‚er hat Krebs im Endstadium, er ist da in seinem letzten Urlaub und sie halten ihn davon ab, sein eigenes Geld auszugeben‘. Ohne Erfolg.

Also nahm ich mitten in all diesem Mist LSD. Ich ließ Yuriko die ganze Arbeit machen, sie ging auf Facebook und bat alle Freunde von Wilko Johnson, Barclays Bank anzurufen und ihnen zu sagen, dass sie seinen letzten Urlaub ruinieren und ob sie das bitte klären können. Ihre Telefonleitungen waren ewig blockiert.

Als ich bei meiner Spezialistin war und sie um Morphium bat, sagte sie: ‚Wieso, haben sie Schmerzen?‘. Und ich sagte: ‚Nein, ich will es für den Rausch!‘ Also sagte ich: ‚Kann ich ein paar Schlaftabletten haben?‘ und sie gaben mir dieses Zeug, das muss ein Placebo gewesen sein, völlig unbrauchbar. Nach dem Scan sagte ich also, ‚hey, das Zeug war für‘n Arsch. Können sie mir was geben, das wirkt?‘ Sie gaben mir verdammtes Diazepam! Ich sagte: ‚Ist ihnen klar, mit wem sie hier reden? Das ist Kindermedizin!‘

Schließlich bekam ich dieses Zeug, das tatsächlich wirkte. Ich habe immer noch diese kleinen blauen Dinger aus Tokio, die kommen aus Amerika, Halcyon. Das ist ziemlich gut. Es lässt dich einschlafen – oder nicht, wenn du aufbleiben willst. Nicht so genial wie Mandrax, aber das gibt’s nicht mehr.

Es war toll in Japan. Ich habe Crystal Meth, LSD, diese Beruhigungspillen und ein bisschen Hasch genommen, das wir dabei hatten. Nun, es lässt alles den Sake gut runtergehen.“

Gibt es etwas, was du noch tun willst?
„Es wäre dumm, jetzt noch Panik zu machen und Dinge zu erfüllen. Ich werde keinen Roman mehr schreiben…“
Oder Bungee-Jumping machen…

„Ja, genau. Mein ganzes Leben lang habe ich alles Mögliche gemacht. Ich habe mein Leben nie geplant, bin immer nur in alle möglichen Situationen geschlittert, und im Großen und Ganzen war das auf die eine oder andere Weise auch gut so. Es gab ein paar herzzerreißende Abschiede, vor allem in Japan, Damen, die ich kenne… jemand steigt in ein Taxi und du sagst, ‚nun, Lebewohl für immer.‘ Du kannst für solche Gelegenheiten nie die richtige Rede finden. Du siehst deine Freunde und sie leiden so sehr. Ich habe Tränen in den Augen von Menschen gesehen, von denen ich nie dachte, dass sie dazu fähig sind. Sie fühlen sich einfach so hilflos. Wenn du ins Wasser fielest, würden sie sofort reinspringen, um dich zu retten, aber sie können nicht in dieses Wasser springen.
Als ich 17 war, hätte ich mir niemals das Leben vorstellen können, das ich führen sollte. Es war einfach alles so gut. Ich hatte ein langes und glückliches Leben. Nein – nicht wirklich, kein glückliches. Ich war nie glücklich. Jedenfalls hatte ich ein langes Leben! Ich hoffe, ich kann so tapfer sein, wie Irene es war. Ich möchte nicht als ein Spektakel der Sterblichkeit in Aktion enden. Ich will wie die harte Nuss aussehen, die ich bin.“
Und was ist mit der nächsten Staffel „Game Of Thrones“? Es wird nicht leicht sein, deine Rolle neu zu besetzen…
„Nun, so ist es nun mal. Wenn sie die dritte Staffel machen, sollten sie sich besser verdammt beeilen!“

Wilkos Manager Robert Hoy ist nun hier und überbringt die Nachricht, dass alle Konzerte auf der Abschiedstournee innerhalb von Minuten ausverkauft waren.
Wilko kichert. „Die Idee hätten wir vor Jahren schon haben sollen!“
Es ist fast Zeit, zu gehen. Unser Gastgeber verteilt Gläser, randvoll mit Jameson‘s-Whisky, und überlegt, ob er mal schnell zur Barclays Bank gehen und einen klassischen Wilko-Ausraster hinlegen soll. Eine Umarmung in der Tür, ich flüstere ihm „Oh, you stupid muthafukka!“ ins Ohr, bevor ich mit plötzlich verschwommenen Augen nach dem Auto suche. Harte Kerle aus Essex weinen nicht.
Aber ich bin kein harter Kerl aus Essex, also weine ich. In ein paar kurzen Monaten fährt Wilko Johnson zurück nach Hause.

Text: Charles Shaar Murray
Porträt: Will Ireland

Neuigkeiten zu: Black Star Riders – Großes Erbe, großes Album

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BlackStarRiders2013bEs ist Zeit, den Stab weiterzureichen: Aus der Asche Thin Lizzys preschen die Black Star Riders empor und entfesseln mit ihrem Debüt ALL HELL BREAKS LOOSE die Hölle. Im positiven Sinne, versteht sich.

CLASSIC ROCK erwischt Ricky Warwick, der Thin Lizzy seit der 2011er-Tour zu Ehren des 25. Todestages von Phil Lynott seine wunderbare Stimme leiht, in Australien, wo die jüngste Inkarnation der Band gerade mit Kiss und Mötley Crüe die Stadien zerrockt. „Wir spielen die letzten Shows mit Thin Lizzy, bevor wir zu den Black Star Riders werden“, sagt Warwick und lässt damit keinen Zweifel daran, dass mit der Geburt der Black Star Riders das Ende Thin Lizzys einhergeht. Was letzten Endes auch nur konsequent ist – schließlich wollten die Ur-Mitglieder Brian Downey und Darren Wharton beim „nächsten Evolutionsschritt“, wie es die Band so schön umschreibt, nicht mehr dabei sein. „Natürlich sind die Black Star Riders in jeder Hinsicht eine Fortführung von Thin Lizzy. Den Geist und das Erbe der Band zu bewahren, ist uns allen unglaublich wichtig. Aus Respekt vor Phil und seinem Vermächtnis. “

Dennoch sah der ursprüngliche Plan vor, ein Album unter dem Namen Thin Lizzy zu veröffentlichen – schließlich hat die Band bereits Anfang 2012 mit dem Schreiben neuer Songs begonnen, die Gründung von Black Star Riders aber erst im Dezember verkündet. In Tourbussen, Hotelzimmern und Backstagebereichen werkelten Ricky Warwick, Scott Gorham und Co. an neuem Material und waren plötzlich Feuer und Flamme für den Gedanken, gemeinsam etwas Neues zu erschaffen. Schließlich gehört es laut Warwick zur Definition eines Musikers, nach Neuem zu streben, Musik schreiben und aufnehmen zu wollen – und nicht ständig nur Altes zu reproduzieren. Vielleicht war es auch deswegen an der Zeit, Thin Lizzy zu Grabe zu tragen. „Je näher die Aufnahmen rückten, desto mehr wurde uns bewusst, dass es eine Sache ist, nach 30 Jahren mit einer Band live zu spielen. Doch unter dem Namen Thin Lizzy Musik zu veröffentlichen, wäre vielleicht einfach ein Schritt zuviel gewesen. Nun sind wir froh, dass wir nach vorne schauen können, und stolz auf das, was wir mit ALL HELL BREAKS LOOSE erschaffen haben.“

Und stolz können sie sein, denn dem großen Erbe haben sie ein großes Album folgen lassen, das sich als würdiges Thin-Lizzy-Vermächtnis erweist. Hier eine saftige Rocknummer, dort eine wunderschöne, mit dezentem Dudelsackeinsatz gewürzte Celtic-Rock-Hommage und ganz am Ende der fantastisch groovende Song ›Blues Ain‘t Bad‹, der seinem Namen alle Ehre macht. Sprich: Auf ALL HELL BREAKS LOOSE ist alles versammelt, was ein großes Rock-Album ausmacht. Und was genau wäre das noch mal? Warwick: „Großartige Songs, großartig knackiger Gitarrensound, großartige Refrains, großartige Hooks und kein Schnickschnack – einfach nur geradliniger, guter, ehrlicher Rock‘n‘ Roll.“ Was zunächst vielleicht wie Großspurigkeit klingen mag, ist in diesem Fall ein feuriges Versprechen. Eingelöst wird es am 24. Mai.

 

Spock’s Beard – Der Ted entscheidet

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Spock's Beard 2013 (3)

Es wirkt wie ein gelungener Neuanfang. Oder aber wie die nahezu mühelos gesicherte Kontinuität unter geänderten äußeren Bedingungen: Mit BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP liefern Spock’s Beard ein Album ab, das sich aus zwei gegenläufigen Perspektiven beurteilen lässt.

Man könnte es fast als eine Art von Zäsur bezeichnen, würden wir hier nicht nur von einem einzigen Mann sprechen: Nick D’Virgilio hat die amerikanische Prog-Rock-Klassetruppe Spock’s Beard verlassen. Nicht im Streit. Nicht aus Unzufriedenheit. Nicht, weil er sich künstlerisch unter- oder überfordert fühlte. Und schon mal gar nicht, weil er mit der musikalischen Ausrichtung zunehmend weniger einverstanden gewesen wäre. Nichts von alledem. Der Schlagzeuger, Sänger, Komponist und Gründer der Band hat Spock’s Beard ausschließlich deshalb den Rücken gekehrt, weil sein aktueller Job beim Cirque du Soleil dermaßen zeit- und kraftraubend ist, dass ihm weder Freiräume noch Energie für etwas anderes geblieben sind. Nicht einmal für seine große Liebe Spock’s Beard, deren Geschicke er vor und hinter den Kulissen fast 20 Jahre geleitet hat. „Er wäre wahnsinnig gewesen, wenn er dieses tolle Engagement beim Cirque du Soleil wegen uns aufs Spiel gesetzt hätte“, ist sein – man muss nun wohl sagen: ehemaliger – Bandkollege Alan Morse ganz bei dem gefragten Drummer. „Sein Job ist ohne Zweifel unglaublich aufregend und herausfordernd, außerdem kann er sieben Tage pro Woche auftreten, bekommt regelmäßig seinen Gehaltsscheck und darf zudem noch Einfluss auf das musikalische Rahmenprogramm nehmen. Wirklich beneidenswert. Ich hätte mich vermutlich genauso wie er entschieden.“

Ob diese offenkundig entspannte Haltung, die Alan Morse beim Gespräch im März 2013 an den Tag legt, auch sein erster Impuls vor wenigen Monaten war, als D’Virgilio seinen Ausstieg bekannt gab? Man weiß es nicht. Fakt ist: Der Einschnitt bei Spock’s Beard ist kaum weniger dramatisch als vor elf Jahren, als der damalige kreative Kopf Neal Morse (Transatlantic, Flying Colors) die Gruppe verließ. Neal ist der Bruder von Alan Morse, was die Sache seinerzeit nicht weniger kompliziert machte. Andererseits: Die Brüder verbindet nach wie vor ein enges, sehr vertrautes Verhältnis. Und so konnte Alan irgendwann im vergangenen Jahr bei Neal anrufen, ihm von der erneut prekären Situation innerhalb der Band berichten und ihn um Hilfe bitten. Die gewünschte Unterstützung bekam er, und dadurch erhielt sie gleichermaßen auch Spock’s Beard. Denn Alan Morse flog für ein paar Tage zu seinem nächsten Verwandten nach Los Angeles und komponierte dort Material fürs kommende Album. „Neal ist einfach ein toller Songschreiber, man müsste mich für total verrückt erklären, wenn ich sein Angebot abgelehnt hätte“, lobt er den Abtrünnigen, dessen florierende Solokarriere sich für Spock’s Beard mittlerweile fast zur Konkurrenzveranstaltung entwickelt hat. Ob Alan seinen Bruder auch gefragt hat, zu Spock’s Beard zurückzukehren? „Nein, natürlich nicht“, erklärt Alan mit betont treuem Augenaufschlag. „Ich weiß nicht, vielleicht hat er ja sogar auf eine solche Frage gewartet. Andererseits: Neal ist mit seinem Leben dermaßen glücklich und ausgefüllt, weshalb hätte er also zurückkehren sollen?“

TED LEONARD & JIMMY KEEGAN
Zumal zum Zeitpunkt der brüderlichen Kooperation bereits ein Ersatz für D’Virgilio gefunden war: Seit zehn Jahren wurde er während der Tourneen ohnehin von Schlagzeuger Jimmy Keegan unterstützt, der dem Multiinstrumentalisten auf der Bühne mehr Handlungsfreiheiten gab. Keegan zu fragen, ob er bei Spock’s Beard fest einsteigen wolle, war also letztendlich eine reine Formalie. „Jimmy anzurufen war tatsächlich die einfachste Übung“, bestätigt Alan Morse, „er ist ein toller Drummer und seit vielen Jahren mit uns und unseren Songs vertraut. Ihn als neuen Drummer zu gewinnen, war also nicht unser Problem. Das nämlich lautete eher: Wer singt in Zukunft für Nick?“

In dieser Angelegenheit hatte Bassist Dave Meros eine zündende Idee: In seiner Coverband singt seit Jahren Ted Leonard, den Kenner der Prog-Rock-Szene auch als Frontmann der großartigen, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch etwas zu kurz gekommenen Enchant zu schätzen wissen. „Dave meinte: Lasst uns Ted fragen, ich könnte mir gut vorstellen, dass er interessiert ist“, erinnert sich Morse, „wir waren natürlich einverstanden, denn wir kennen Ted, sein Talent, seine tolle Stimme.“

Was Alan Morse nicht ahnte: Ted Leonard besitzt auch überragende kompositorische Fähigkeiten. „Wir waren ehrlich gesagt ziemlich baff, als Ted mit großartigen eigenen Songs ankam, die zudem perfekt zu Spock’s Beard passen. Zu ›Afterthoughts‹, das ich zusammen mit Neal geschrieben habe, steuerte Ted einen fantastischen Text bei. Wir sind restlos begeistert von ihm.“ Dennoch wurde auch Leonard zunächst auf Herz und Nieren geprüft, bevor man seine Verpflichtung der Öffentlichkeit mitteilte: „Wir nahmen Ted mit zu einigen Festivalauftritten, sozusagen als Ersatzmann, sodass wir beobachten konnten, wie er sich in die Band einfügt. Ich muss sagen: Es ging völlig reibungslos vonstatten, es fühlte sich wie die natürlichste Sache der Welt an.“

Noch einmal zurück zu Schlagzeuger Jimmy Keegan: Auch der hat dem neuen Album BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt und weit mehr versucht, als nur die Fußstapfen seines Vorgängers so gut wie möglich auszufüllen. Keegan sei „halt ein verrückter Kerl, und genauso trommelt er auch“, witzelt Morse, und die offenkundige Sympathie für seinen neuen Schlagzeuger klingt aus jedem einzelnen Buchstaben dieser Formulierung heraus. „Jimmy trommelt etwas aggressiver, er spielt im Vergleich zu Nick eher vor dem Beat, was die Stücke immer ein wenig fordernder klingen lässt. Ohne nun an Nicks Erbe zu kratzen, aber mir gefällt Jimmys dynamische Spielweise außerordentlich.“ Zumal sie auch zur rockigen Ausdrucksweise von Ted Leonard passt, der eben nicht nur Sänger, sondern auch ein passabler Gitarrist ist. So wild, wie sich Morse und Leonard im Album-Opener ›Hiding Out‹ mit ihren Gitarren duellieren, so energetisch und krachend hat man Spock’s Beard bislang nicht allzu häufig hören können.

ANSPRUCH…
Gegründet wurde die Band im Frühjahr 1992. Sämtliche Mitglieder verfügten zu diesem Zeitpunkt bereits über eine umfangreiche, fundierte Erfahrung als Studio- und Session-Musiker, arbeiteten zuvor mit Größen wie Aretha Franklin, Phil Collins, Genesis und Tears For Fears. D’Virgilio beispielsweise musizierte unter anderem mit Peter Gabriel und war auch am Genesis-Album CALLING ALL STATIONS (1997) beteiligt. Ryo Okumoto, Organist und Mello-tron-Spieler der Gruppe, stellte sein Können in den Dienst für Phil Collins und Eric Clapton. Bassist Dave Meros wiederum gehörte zu der Band von Eric Burdon (The Animals) und spielte, bevor er zu Spock’s Beard stieß, mit Toto-Sänger Bobby Kimball.

1994 veröffentlichten die Kalifornier ihre Debüt-EP THE LIGHT, die wie eine Bombe in die internationale Prog-Rock-Szene einschlug. Die Medien überschlugen sich geradezu vor Begeisterung, kaum ein Magazin, dass sich nicht euphorisch über die scheinbar überbordenden Talente dieser Band geäußert hätte. „Die Scheibe wurde quasi in unseren Wohnzimmern und mit ziemlich rudimentären technischen Mitteln produziert“, erinnert sich Morse. „Damals standen beim Mischen noch alle Mann um die Konsole herum, jeder bekam zwei Regler zugewiesen und musste an entsprechender Stelle die Dinger nach oben oder unten schieben. Heute sitzt nur unser Produzent Rich Mouser am Mischpult, alles wird per Computer programmiert und die Regler bewegen sich wie von Geisterhand. Eine unglaubliche Erleichterung der Arbeit.“

Im März 1998 folgte das erste reguläre Album BEWARE OF DARKNESS. Fans und Journalisten waren sich erneut in ihrer Begeisterung einig, die European Classic Rock Society kürte Spock’s Beard zur besten neuen Band. Bereits elf Monate später stand mit KINDNESS OF STRANGERS der direkte Nachfolger in den Plattenregalen. Und es ging Schlag auf Schlag weiter: Innerhalb von nur 24 Monaten erschienen DAY FOR NIGHT und V, gefolgt vom genialen SNOW im Jahre 2002, dem Abschiedswerk von Neal Morse. Zudem gab es seinerzeit fast jedes Jahr eine neue Live-Scheibe oder – wie 1998 ebenso außer der Reihe – das Werk FROM THE VAULT mit Demos und Bonustrack einiger Japan-Releases. Morse: „Unser Anspruch war immer schon, mit unserer Musik so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Wir haben niemals Ruhm oder Geld nachgehechelt, sondern immer nur dem Wunsch, dass wir die Menschen mit unseren Songs glücklich machen.“


…UND WIRKLICHKEIT

Auch deshalb wurde das Marketing-Experiment mit dem zehnten Album der Band, kurz und bündig X genannt, nach nur einem Versuch wieder verworfen. Nach Vorbild der Kollegen von Marillion hatten sich Spock’s Beard nämlich 2010 entschieden, ihre neuesten Songs nicht über eine reguläre Plattenfirma zu veröffentlichen, sondern Fans durch eine frühzeitige Vorbestellung und Vorabzahlung mit der Option auf eine besondere Edition des Albums zur Kasse zu bitten, um die Produktion zu finanzieren. Marillion hatten mit diesem Konzept erfolgreich ihre Alben ANORAKNOPHOBIA (2001) und MARBLES (2004) an den Start gebracht und Gelder generiert, die andernfalls überwiegend Plattenfirmen zugefallen wären. Besonderer Clou des Spock’s-Beard-Konzepts: Im Bonustrack ›Their Names Escape Me‹ bedankten sich die Musiker namentlich bei sämtlichen Vorbestellern des Deluxe-Paketes. „Es war ein lohnenswerter Versuch, die Sache mal ohne Plattenfirma auszuprobieren“, findet Morse, der nach eigener Aussage „geschockt gewesen sei, wie viel Geld da zusammenkam. So etwas machen heutzutage immer mehr Bands, ich denke, dass sich da eine echte Alternative zu den angestammten Vertriebswegen aufgetan hat.“

Weshalb sind Spock’s Beard dennoch zu ihrer früheren Plattenfirma InsideOut und damit zur traditionellen Vermarktungsmaschinerie ihrer Musik zurückgekehrt? „Wie ich schon sagte: Das Geld war es nie, was uns wirklich interessiert hat, sondern die Erreichbarkeit unserer Fans. Und die wurde – so selbstkritisch muss man sein – nicht in dem Maße gewährleistet, in dem wir es gerne gesehen hätten. Zumal diesmal gleich mehrere Plattenfirmen an uns interessiert waren, was wiederum unsere Verhandlungsposition bei InsideOut nicht gerade verschlechterte.“

SANFTER ÜBERGANG
Also alles beim alten? Nun, die Zäsur ist zumindest deutlich sanfter als vor elf Jahren, nach dem Weggang ihres künstlerischen Meisters Neal Morse, verlaufen: Wie aufgeschreckt durch den Rückzug ihres Kreativkopfes hatten sich Spock’s Beard beeilt, noch 2003 mit FEEL EUPHORIA den Fortbestand der Band zu verkünden. Und scheiterten damit in musikalischer Hinsicht. Denn anstatt sich die Zeit zu nehmen, einen nachvollziehbaren Übergang zwischen alten und neuen Direktiven zu schaffen, bürsteten die verbliebenen Musiker einige Songs auf FEEL EUPHORIA dermaßen harsch gegen den Strich, dass der unvorbereitete Fan nur mit dem Kopf schütteln konnte.

Diesmal ist die personelle Umstrukturierung gottlob besser gelungen. Zwischen X (2010) und BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP (2013) liegen drei Jahre, inhaltlich jedoch keine Welten. Den Fehler, sich krampfhaft neu erfinden zu müssen, um der Öffentlichkeit die Unabhängigkeit von einzelnen Bandmitgliedern zu beweisen, haben die US-Progger diesmal nicht begangen. Ganz im Gegenteil: Mit Weitsicht und ruhiger Hand werden die traditionell wichtigen Bestandteile des Beard-Stils, nämlich Yes und Genesis, Beatles und gelegentlich ein wenig King Crimson, auch diesmal zitiert. ›Afterthought‹ ist nahezu das einzige Mal, dass der Zuhörer ob der harsch-quäkenden Solotöne kurz innehält und sich an scharfen Konturen und leichten Arrangement-Widerhaken reibt – ausgerechnet jener Song, den Alan Morse gemeinsam mit seinem Bruder Neal realisiert hat. Alles andere ist wunderbar melodischer Prog Rock in Reinkultur, kulminierend in dem abschließenden Zwölfminuten-Epos ›Waiting For Me‹, einer Ode an Treue und Loyalität.

Irgendwie hat dieser Song etwas Sinnbildhaftes, er scheint geradezu als Parabel für die Berechenbarkeit dieser Band zu stehen und die Fans aufzufordern: Haltet zu uns, denn wir bleiben auch zukünftig unseren Idealen treu! „Ich glaube, wenn es überhaupt einen Unterschied zur bisherigen Geschichte von Spock’s Beard gibt, dann höchstens den, dass wir von Album zu Album anspruchsvoller geworden sind“, sagt Alan Morse. „Aber das bezieht sich nicht nur auf die Strukturen unserer Songs, sondern auch auf die Produktionsweise, also auf Sound, Atmosphäre, Stimmung.“ Immer häufiger entdecke er Alben anderer Künstler, denen die Seele abhanden gekommen ist, erklärt Morse, Alben, die der Flut digitaler Produktionsmöglichkeiten zum Opfer gefallen sind und in ihrer vermeintlichen Modernität nur steril und künstlich klingen. „Natürlich sind die heutigen Studiomöglichkeiten ein Segen für Bands mit kleinem Geldbeutel, aber man darf es halt nicht übertreiben. Musik ist eine durch und durch emotionale Angelegenheit, und wenn es einer Band nicht gelingt, ihren Songs Seele und Herz einzuverleiben, verpufft die Musik zu einer oberflächlichen Hintergrundberieselung.“

Davon sind Spock’s Beard mit BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP Lichtjahre entfernt. Die Musik dieser Band hat genau das, was Morse als Seele bezeichnet. Ihr neues Album wird niemanden enttäuschen, weder die Fans bisheriger SB-Höhepunkte á la BEWARE OF DARKNESS oder SNOW, noch diejenigen, die erst nach dem Abgang von Neal Morse diese Band für sich entdeckt haben. BRIEF NOCTURNES AND DREAMLESS SLEEP reiht sich nahtlos ein in die großen Veröffentlichungen dieser erstklassigen Band. Und das Beste an diesem Album: Dank ihres neuen Sängers/Komponisten Ted Leonard haben Spock’s Beard eine Zukunft, wie sie vielversprechender kaum sein könnte. Man könnte auch sagen: Der Ted entscheidet!

 

Making of: David Bowie – Low/ Heroes

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david bowie 2013bVier Alben und die Erlösung. Kein schlechtes Jahr.

Ich habe immer noch dieses Ding, wenn ich in ein Land oder in eine Situation komme, wo ich mich in Gefahr begeben muss, ob emotional, geistig oder physisch“, sagt David Bowie 1977. „In Berlin zu wohnen… ich zwinge mich dazu, innerhalb der Beschränkungen dieser Stadt zu leben.“

Ende 1976 war David Bowie in Westberlin dabei, zwei Alben fertigzustellen: sein eigenes LOW und das Solodebüt seines Freundes Iggy Pop, THE IDIOT. Nachdem er Los Angeles verlassen hatte, um sowohl dem US-Musik-Business als auch seiner Kokainsucht zu entkommen (die wiederum seine Paranoia und sein Interesse an Okkultem befeuert hatte), wollte Bowie sich irgendeiner Form von Normalität annähern. Und suchte sich dafür ausgerechnet Europas surrealsten Ort aus: Eine ehemalige Hauptstadt, die auf der einen Seite einer großen Mauer von Geheimdienstlern, Kommunisten und eingesperrten Einheimischen bewohnt wurde, auf der anderen von Junkies, Außenseitern und Künstlern.

Er läutete das Jahr 1977 ein, indem er seinen 30. Geburtstag mit Iggy und Alkohol in einem Nachtclub feierte. Und er beendete es, indem er im US-Fernsehen mit Bing Crosby Weihnachtslieder schmachtete. Dazwischen nahm er Abschied von seinem ersten ernsten Konkurrenten und besten Freund, Marc Bolan, verbrachte viel Zeit im Studio und veränderte die Popmusik für immer.

Nachdem er LOW größtenteils in Frankreich mit Tony Visconti aufgenommen hatte – vermutlich das einzige Album mit Beiträgen von Brian Eno, Iggy Pop und der Eurovisions-Sängerin Mary Hopkin (damals Viscontis Frau) –, hatte Bowie einen neuen Weg gefunden, Musik zu machen, ebenso wie eine neue Musik. Er hatte Ziggy Stardust hinter sich gelassen, Aladdin Sane und vor allem den Thin White Duke – jenen faschistoiden, leicht Kabbalah-beeinflussten Rockdämon, der seine bisher entmenschteste Figur darstellte. LOW hatte auch Amerika hinter sich gelassen: Seine Synthie-Flächen, emotionslosen Vocals und spröder Funk hatten wenig mit Rock und Soul zu tun, dafür umso mehr mit der Zukunft. Im Vordergrund stand dabei Viscontis jüngste Anschaffung, ein Eventide H910 Harmonizer-Pitch Shifter, den der Produzent Bowie und Eno mit den berühmten Worten „It fucks with the fabric of time“ („es fickt das Zeitgefüge“) verkaufte.

Einfallslose Kritiker bezeichnen LOW manchmal als seelenlos oder leer, als ob Musik kein Gefühl besäße, wenn man nicht beim Singen weint. Bowie selbst sagte: „Es gibt jede Menge Schmerz auf LOW. Das war mein erster Versuch, vom Kokain loszukommen, und das war verdammt schmerzhaft.“

THE IDIOT war noch weiter. Dank Pops brillanter Texte waren Stücke wie ›Sister Midnight‹ und ›Nightclubbing‹ sowohl sexy als auch sinister, unheilvoll und aufregend, während ›Dum Dum Girls‹ einen düsteren Abgesang auf die Stooges lieferte und ›China Girl‹ („visions of swastikas in my head“ – Visionen von Hakenkreuzen in meinem Kopf) 1983 in einer Coverversion von Bowie zum Hit wurde. Am bemerkenswertesten ist vielleicht, dass Bowie und Iggy – ein Mann, der in vielerlei Hinsicht die wohl extremste Verkörperung von amerikanischem Rock ist – eines der großen europäischen Alben erschufen. Auch wenn, wie Bowie es formulierte, „der arme Jim in gewisser Weise zum Versuchskaninchen wurde für das, was ich mit Musik erreichen wollte“.

Nach einer kurzen US-Tour kehrten Iggy und Bowie nach Berlin zurück, wo sie unglaublicherweise ihr drittes Album in jenem Jahr machten, LUST FOR LIFE. Diesmal hielt Pop die Zügel in der Hand. Wie der Titel suggeriert, ist es Rock, aber eine andere Art von Rock. „Weißt du, Bowie ist einfach ein höllisch schneller Typ“, sagte Pop. „Mir wurde klar, dass ich schneller als er sein musste, denn wessen Album würde es sonst sein? Die Band und Bowie verließen das Studio, um schlafen zu gehen, aber ich blieb.“ Wieder sollte Bowie einen Hit mit einem Stück von dem Album haben: ›Tonight‹, minus dem furchteinflößenden gesprochenen Intro von Iggy, aber plus Tina Turner.
Nach einer kurzen Pause (für Kaffee und Sandwiches?) fanden sich Bowie, Visconti und Eno erneut zusammen ein, um noch ein Album zu machen. HEROES ist ein weniger skizzenhaftes, fokussierteres Album als LOW und beinhaltet in seinem Titelstück einen der besten Bowie-Songs. Seine Experimentierfreude wurde fortgeführt durch den Gebrauch von Enos willkürlichen „Oblique Strategies“-Karten und, wie bei LOW, einer Seite von Instrumentalstücken.

Nach Fertigstellung seines vierten Albums in zwölf Monaten erschien Bowie in Marc Bolans Fernsehsendung „Marc“. Bolan fiel bei den Aufnahmen von der Bühne, was Bowie freudig mit „Oh, that’s really Polaroid!“ kommentierte. Diese Wiedervereinigung der beiden sollte allerdings nicht lange anhalten – Bolan kam noch im selben Monat bei einem Autounfall ums Leben. Bowie nahm außerdem für eine Sondersendung ›Peace On Earth/Little Drummer Boy‹ mit Bing Crosby auf. „Ich fragte mich, ob er wohl noch am Leben sei“, sagte Bowie 1999 zu mir. „Er war einfach…nicht da. Er war überhaupt nicht da. Und er sah aus wie eine kleine, alte Orange, die auf einem Hocker sitzt. Es war eine höchst bizarre Erfahrung.“ Im November ging er mit seinem Sohn auf Safari in Kenia, im Dezember war er Trauzeuge für seinen Chaffeur, und das war’s. Ach ja, da war noch die Nacherzählung von Prokofievs PETER UND DER WOLF auf LP, womit er eigentlich sogar fünf Alben in einem Jahr machte.

Aber das war’s wirklich für 1977. In diesen vollgestopften zwölf Monaten wurde Bowie von einem sich erholenden L.A.-Rockstar, der in einem ewigen Sunset Boulevard der Seele gefangen war, zu jemandem, der die Populärmusik für die nächsten zehn Jahre verändern sollte. Die introspektive Musik auf LOW, HEROES und THE IDIOT war tatsächlich sein Weg, aus sich selbst heraus zu finden. Und ein Mann, der von Drogen und Erfolg fast zerstört worden war, wurde ausgerechnet von Kunst und Intelligenz gerettet. Am besten jedoch war, dass ein radikaler Ortswechsel eines Mannes, der behauptete, er baue ständig denselben Autounfall, zu vier der großartigsten Alben aller Zeiten führte. Was für die meisten Künstler die Früchte einer langen und erfolgreichen Karriere wären, schaffte David Bowie in einem einzigen Jahr. Und was für einem.

Veröffentlichungsdatum
LOW: 14. Januar 1977
HEROES: 14. Oktober 1977


Label
RCA


Mitwirkende
David Bowie (Gesang, Produzent)
Brian Eno (ver. Instrumente)
Carlos Alomar (Gitarre)
Dennis Davis (Percussion)
George Murray (Bass)
Robert Fripp (Gitarre auf HEROES)
Tony Visconti (Produzent)


Pressestimme zu HEROES
„Ein kaltes, manchmal recht unzugängliches Album.
Doch Bowie schafft es, dass all diese scheinbar nicht zusammenpassenden Zutaten doch harmonieren.“

(ZigZag)

David Quantick

The Doors – Die Geburt des Lizard King

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Photo of Jim MORRISON of The DOORSSie waren als Pop-Phänomen in den „Summer Of Love“ gestartet und beendeten ihn in einem Wirbelwind aus Alkohol, LSD und entfesseltem Hedonismus. Dazwischen schafften The Doors es dennoch, ihr unbesungenes Meisterwerk aufzunehmen. Dies ist die Geschichte von STRANGE DAYS und dem Wahnsinn von Jim Morrison.

New York, April 1967, die Ondine Discotheque in der 59th Street. An der Bar steht ein 23-Jähriger, der sich doppelte Wodka-Orange hinter die Binde kippt: Jim Morrison, Sänger der aufstrebenden Doors, die gerade die Hälfte ihres dritten Engagements im Ondine absolviert haben. In seinem neuen schwarzen Lederanzug und mit seinem teefarbenen Haar, das in engelsgleichen Löckchen in sein Gesicht fällt, sieht er genau so aus, wie man sich heute, 45 Jahre später, an ihn erinnert: der Rockgott in seiner gestellten Kreuzigungspose, genagelt an das Kreuz seiner eigenen, unantastbaren Schönheit.

Daneben steht Andy Warhol, der Morrison völlig verfallen ist, seit er ihn einige Monate zuvor erstmals sah. Warhol will Morrison in einem seiner Filme auftreten lassen, nackt und umgeben von Warhols Factory-„Girls“. Einige von denen sind nicht mal Frauen, doch gute Fälschungen. Andere, wie Nico, sind so atemberaubend schön, dass Morrison bald eine kurze Affäre mit ihr anfangen wird.

Warhol, normalerweise nie verlegen, sich den Schönen und Verdammten vorzustellen, traut sich nicht, Morrison anzusprechen. Er hat zuviel Angst davor, was passieren könnte, wenn er den Rockgott ablenkt von den beiden anwesenden weiblichen Fans. Eine von ihnen hat den Penis des Sängers im Mund, während die andere sich die Bluse aufknöpft, damit Morrison betrunken ihre Brüste betatschen kann. „Oh je“, seufzt Warhol, seine Standardphrase in jeder Situation, die ihn überfordert. „Ich werde wohl später mit Jim reden.“ Doch dieses Später kommt nie, zumindest nicht auf dieser Reise.

Obwohl Morrison mit den Doors gerade vor dem Durchbruch steht, gerät sein Leben abseits der Bühne völlig außer Kontrolle. Er mag wie ein dekadenter Engel aussehen, doch im Innern kämpft er darum, überhaupt seinen Kopf über den dunklen Gewässern zu halten, in denen er sich nun befindet. Er ist gefangen zwischen seiner idealistischen Vision des hedonistischen Rockpoeten und Künstlers und den bodenständigeren Erwartungen der Plattenfirma Elektra, die mit ›Light My Fire‹, der zweiten Single vom selbstbetitelten Doors-Debüt, bald den größten Erfolg ihrer Geschichte verbuchen wird.

Obwohl niemand es ausspricht – zumindest nicht gegenüber der Band –, weiß man bei Elektra und überall sonst im Musik-Business, dass dies der große Durchbruch für die Doors wird und sie Narren wären, wenn sie nicht so schnell wie möglich daraus Kapital schlagen würden. Ein Nachfolgewerk muss her. Innerhalb weniger Wochen wird man die Doors zurück nach Los Angeles fliegen und ins Sunset-Sound-Studio verfrachten, jenen gesichtslosen Vierspur-Bunker, wo sie ihr erstes Album aufgenommen hatten. Die Sessions zum zweiten Album werden abgebrochen, als ›Light My Fire‹ Platz 1 erreicht, aber erst, nachdem die Doors zwei Tracks aufgenommen haben, die auf ihrer nächsten Single landen: ›People Are Strange‹ und ›Unhappy Girl‹. Jeder steht auf die neuen Songs. Was noch keiner weiß: Dies ist erst der Anfang von etwas, das ungleich mehr werden wird als nur der hastig nachgeschobene Nachfolger eines Debüthits, nämlich das unbesungene Meisterwerk der Doors: STRANGE DAYS.

Doch im Augenblick ist Morrison sich kaum seiner Gegenwart bewusst, geschweige denn seiner Zukunft. Wenn er nicht trinkt, ist er auf Trip, und wenn er auf Trip ist, trinkt er immer noch. Zerrissen von den Launen seiner Langzeitfreundin Pamela Courson, die in L.A. angefangen hat, mit einem seiner Saufkumpel zu schlafen, ist Morrison auf der Pirsch, aber nicht frei. Jeden Abend bleibt er nach dem Auftritt der Doors im Club und trinkt, bis er ohnmächtig wird, zu einem Taxi getragen und in seine Wohnung an der 45th Street gefahren wird. An den meisten Tagen wacht er mit mindestens einem, manchmal zwei oder drei Groupies in seinem Bett auf: Mädchen, deren Namen er nicht kennt oder sich je die Mühe machen wird, sie zu erfahren. Eines Nachts gegen 4 Uhr, betrunken und auf Trip, beschließt Morrison, Jac Holzman zu besuchen, den Chef von Elektra. Er hämmert an seine Tür, um hineingelassen zu werden, während Jac und seine Familie drinnen um ihre Leben fürchten.

Selbst für das „Anything goes“-Rockmilieu der späten 60er sind das schlimme Ausfälle. Doch Morrison ist das egal. Das einzige, worum er sich nach eigener Aussage schert, sind seine Musik und seine Poesie. Der Rest der Band – Keyboarder Ray Manzarek, Gitarrist Robby Krieger und Schlagzeuger John Densmore – kann nur zusehen. „Weißt du, Selbstzerstörung und Kreativität müssen nicht Hand in Hand gehen“, bemerkt Densmore heute reumütig. „Picasso wurde 90. Doch bei Jim kam beides zusammen, also musste ich es akzeptieren. Das mussten wir alle.“ Krieger fügt hinzu: „Es war nicht immer leicht mit Jim. Es war es wert wegen der Dinge, die wir daraus gewonnen haben. Aber es wäre wesentlich leichter gewesen, wenn er einfach nur ein normales Genie gewesen wäre.“

Genie oder nicht: Jim Morrison war nie das, was Mitte des 20. Jahrhunderts als normale Person durchgegangen wäre. Als ältester Sohn des Konteradmirals George Morrison der US-Navy war er als gebildetes, aber ichbezogenes Kind aufgewachsen, das zur großen Enttäuschung für den Vater wurde, als er in Los Angeles Film studierte, statt in die Familien-Fußstapfen zu treten und auf das Marine-College zu gehen. Dort traf er den professorenhaften Ray Manzarek, der sich schon mal mit seinen Brüdern daran versucht hatte, eine Rockband zu gründen. 1965, als er am Venice Beach auf Trip war, sang Morrison Manzarek die erste Strophe des Lieds vor, das zu ›Moonlight Drive‹ werden sollte. Bekanntermaßen sagte Manzarek, er habe „Dollarzeichen gesehen“, als Morrison ihm diese Strophe noch ohne musikalische Begleitung schmachtend vorsang. Morrison, ebenso bekanntermaßen, sah nur Sterne.

Die Band, die sie gründeten, The Doors, trat gerade zu jener Zeit auf den Plan, als Rock so furchterregend individualistisch war wie nie zuvor. „Wir machten unsere eigenen Regeln“, erklärt Manzarek in seinem tiefen Bariton am Telefon aus seinem Zuhause in nordkalifornischen Napa Valley. „Da wir LSD genommen hatten, hatten wir die Türen der Wahrnehmung geöffnet. Und wir haben gesehen, dass wir jeder Generation vor uns mindestens ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen waren – dass wir alles tun konnten. Und wir waren so motiviert vom Leben und seinen Möglichkeiten, dass wir aus allen Nähten platzten, geistig und libidonös. Wir barsten über vor Leben.“

Anfang 1967 war das Debüt der Doors fertig zur Veröffentlichung. Heute wird es als Meilenstein der Rockgeschichte angesehen, doch erst im April dieses Jahres, nachdem Produzent Paul Rothchild Robby Kriegers siebenminütiges ›Light My Fire‹ halbiert hatte, um daraus die zweite Single – und erste Nummer Eins – der Band zu machen, wurden die Doors außerhalb der damals fast klaustrophobischen L.A.-Szene bekannt. Zur selben Zeit begann Morrison, der College-Abbrecher und Hippie-Hollywood-Rebell, seine Verwandlung zum Lizard King, geprägt von diesem Keiner-kommt-hier-lebend-raus-Rockbewusstsein, das sowohl seine Legende aufbauen als ihn auch seiner Sinne berauben sollte, bis nichts mehr übrig war als eine aufgedunsene Leiche, die in einer kalten Badewanne schwamm.

Der Erfolg von ›Light My Fire‹ stellte sich ein, als Morrison erstmals mit seinem neuen schwarzen Leder-Outfit auftrat. Nur sechs Monate zuvor war die Band auf Pressebildern in Mod-Anzügen und mit ordentlich gestyltem langen Haar abgebildet worden. Jetzt, während ihr erstes Album die Charts erstürmte, zierten sie die Titelblätter von Magazinen, galten als Inbegriff einer dunklen, geheimnisvollen Coolness. Morrisons Neo-Gothic-Gesangsstil und Manzareks geisterhafte, kathedralenartige Orgel transportierten eine weitaus nebelverhangenere Atmosphäre als der farbenfrohe Pop der Beatles. Wenn SGT. PEPPER den Aufstieg des Pop zu hoher symphonischer Kunst symbolisierte, stellten sich die Doors solchem Positivismus entgegen. Sie bauten dabei auf das zunehmende „Wir gegen sie“-Gefühl einer Generation junger Amerikaner, die fürchtete, nach Vietnam geschickt zu werden.
Oberflächlich betrachtet, schienen die Doors also wie keine andere Band das Lebensgefühl ihrer Zeit zu repräsentieren. Manzarek wiegelt ab: „Es gab wirklich keinen Plan. Es freute uns, dass unsere Platte so gut lief, aber das war nicht das, was uns voran trieb. Es war der Gedanke daran, was wir als Nächstes tun könnten. Plötzlich fühlte es sich an, als könnten wir alles tun…“

Als erstes nahmen sie ›People Are Strange‹ auf, ein Stück, das Morrison und Krieger zusammen geschrieben hatten. Es entsprang einem schlechten Trip, den Morrison in ihrer winzigen Villa auf einem Hügel in Laurel Canyon erlebte und von dem er nur durch Kriegers beruhigende Worte um fünf Uhr morgens wieder runterkam. „Er sprach davon, sich umzubringen und solches Zeug“, erinnert sich Krieger mit zerbrechlicher Stimme, als er aus einem Hotelzimmer in Miami ins Telefon flüstert, wo er gerade Promotion für die neue Doors-DVD LIVE AT THE HOLLYWOOD BOWL macht. „Also beschlossen wir, zum Anfang des Laurel Canyon zu gehen. So nach dem Motto ‚lass uns da hoch gehen und uns den Sonnenaufgang anschauen’. Und als die Sonne dann aufging, hatte er plötzlich diese Idee, dass wenn du seltsam bist, andere Leute auch seltsam sind. Das ganze Konzept war ihm einfach so durch den Kopf geschossen – ‚Oh, ich habe eine Idee für einen Song!’, weißt du – und eine halbe Stunde später hatten wir ihn.“
Nicht alle derartigen Episoden endeten so harmonisch. Morrison liebte Krieger, aber er hasste ihn auch dafür, dass er ›Light My Fire‹ geschrieben hatte. Wo auch immer der Sänger war, klopften ihm Leute auf die Schulter und dankten ihm dafür, ein Lied geschrieben zu haben, dessen Text er nur mit Mühe auswendig gelernt hatte. Fertig werden konnte er damit nur, indem er ohne Rücksicht auf Verluste Dampf abließ. Am Sunset Strip wurde er eines Abends während der ersten STRANGE-DAYS-Sessions wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit festgenommen. Er düpierte Janis Joplin, als er bei einer Party in Hollywood plötzlich ihr Gesicht in seinen Schritt drückte. Als er es als Witz darstellen wollte, zertrümmerte sie eine Flasche Southern Comfort an seinem Kopf und nannte ihn ein Arschloch. „Ich bin ein Arschloch!“, schrie er, als sie davon stürmte und ihm den Mittelfinger zeigte.
Es war eine Erleichterung, als die ersten STRANGE-DAYS-Sessions unterbrochen wurden, weil die Band wieder auf Tour ging, um ihren großen Hit zu promoten. Ihr junges Management-Team, das von diesem plötzlichen Erfolg überfordert war, buchte überall Gigs. Überall, außer bei dem größten Konzert-Event dieses langen, psychedelisch-bunten Sommers: Monterey Pop im Juni. Bis heute ärgert sich die Band darüber. „Als Monterey Pop lief, saßen wir für drei Wochen im Scene-Club in New York fest“, so Krieger.

Es muss ziemlich weh getan haben, Monterey zu verpassen – ein Festival, das nicht nur in der kalifornischen Heimat der Band stattfand, sondern mit Jimi Hendrix, The Who, Otis Redding und Ravi Shankar im Line-up auch als einer der historischsten Momente der Musikgeschichte gilt.

„Oh ja“, sagt Krieger mit zitternder Stimme. „Wenn mir das damals klar gewesen wäre, wäre ich wohl richtig wütend gewesen. Aber wir ahnten nicht, dass Monterey zur Legende werden würde. Wir hatten keine Ahnung.“
Erst später erfuhr die Band, dass Lou Adler, einer der Hauptorganisatoren des Festivals, angeblich verhindert hatte, dass die Doors gebucht werden – aus Rache für den Einschüchterungsversuch eines betrunkenen und fluchenden Morrison aus dem Vorjahr, als Adler eines der frühen Demotapes der Band abgelehnt hatte.

Also verbrachten die Doors trotz ihres wachsenden Erfolgs den Großteil des Summer Of Love in New York, wo sie im Village Theater an der 2nd Avenue und in anderen, kleineren Hallen spielten. Albert Goldman, Kritiker beim „Life“-Magazin, war so beeindruckt von dem, was er in den Doors sah, dass er über Nacht beschloss, statt über Jazz fortan über die aufstrebende Rockszene zu schreiben. Goldman, der später mit seinen reichlich schlüpfrigen Biografien über Elvis Presley und John Lennon berühmt werden sollte, schrieb Morrisons Proklamationen auf und präsentierte sie in „Life“ als die Tafeln, die der neue Moses der Musik vom Berg des Rock mitgebracht hatte. „Wir sind eigentlich Politiker“, sagte Morrison allen Ernstes zu Goldman. „Man könnte uns als erotische Politiker bezeichnen… ein Doors-Konzert ist tatsächlich eine öffentliche Versammlung, die wir für eine besondere Art von dramatischer Diskussion und Unterhaltung einberufen haben.“ Das Publikum „geht nach Hause und interagiert mit seiner Realität, und dann bekomme ich das alles zurück, indem ich mit dieser Realität interagiere.“

In New York begann Morrison, der selbsternannte Prophet des Summer Of Love, eine unmögliche Affäre mit Nico, der teutonischen Eiskönigin und Mitsängerin bei New Yorks gefeiertster, aber unberühmtester Band, The Velvet Underground. Der Rock-Orthodoxie nach verachteten The Velvet Underground und ihre Anhänger – vor allem aber ihr giftiger Sänger Lou Reed – alles, wofür die Doors standen. Als Reed vier Jahre später von Morrisons Tod erfuhr, ätzte er: „Er starb in einer Badewanne? Wie glamourös…“

Doch im Juli 1967 hatte Morrison noch nichts von Reed und seiner Band mitbekommen. The Doors waren im Höhenflug und verkauften mehr Platten in einer Woche, als Velvet Underground in ihrer gesamten Karriere, und als Morrison Nico sah, musste er sie einfach haben. Er liebte ihr platinblondes Haar und ihren starken Berliner Akzent. Er liebte, dass sie zu Warhols Klüngel gehörte, in Europa Zeit mit Regisseur Federico Fellini verbracht hatte und älter war als er. Aufgrund ihrer kristallenen Schönheit und ihres metallischen Akzents machten sich andere – inklusive eines eifersüchtigen Reed – über sie lustig und sagten, sie habe kein Herz wie andere Frauen. Doch jetzt gab Nico ihr Herz Jim Morrison.

Sie war fünf Zentimeter größer als er, hatte breitere Schultern, größere Beine und Hüften, und wenn sie auf Morrisons Gesicht saß – was sie am liebsten tat –, erstickte er fast. Er war verrückte Frauen, Groupies und Mitläufer gewohnt, aber Nico war anders und Morrison bot ihr Hilfe beim Songschreiben an. Viele dieser Stücke landeten später auf ihrem Soloalbum THE MARBLE INDEX. Lieder mit einem unleugbaren Morrison-Touch wie ›Lawns Of Dawns‹, ›Frozen Warnings‹ und ›Evening Of Light‹ – für die sie ihm letztlich keinerlei Würdigung anbot, weder auf der Plattenhülle noch in Interviews.

Als Nico ihr platinweißes Haar rot färbte – wie das von Morrisons Freundin Pamela Courson –, brach er in Tränen aus. „Er war der erste Mann, den ich liebte“, beklagte sie später. „Ich wollte mich seinem Geschmack anpassen… wie ein Teenager oder so.“

Doch Morrison – der stets alles, was ihm passierte, in Form von Gedichten oder Skizzen in Notizbücher schrieb – erwähnte Nicos Namen kein einziges Mal in seinen Tagebüchern. Es war, als hätte sie außerhalb seiner Drogenfantasien nie existiert. Schließlich hielt die Beziehung nur etwa einen Monat. Pamela Courson wusste, wo Morrison war. Und mit wem. Als sie selbst eine öffentliche Affäre mit dem Hollywood-Schauspieler John Phillip Law begann, kam Morrison wieder zur Vernunft. Eines frühen Morgens, als Nico noch schlief, stieg er in sein Auto und fuhr zurück nach L.A.. Nico, völlig zerstört, färbte ihr Haar in einem noch dunkleren Höllenrot.

Erst im August 1967, als Morrisons Affäre mit Nico an ihrem Tiefpunkt anlangte, kehrten die Doors nach L.A. und ins Sunset-Studio zurück, um wieder ernsthaft an STRANGE DAYS zu arbeiten. Nachdem sowohl ›Light My Fire‹ als auch THE DOORS die Spitze der US-Charts erklommen hatten, herrschte großer Druck, einen weiteren Hit zu schreiben. Doch Elektra und Produzent Paul Rothchild taten ihr Bestes, um die Band von äußerer Einflussnahme abzuschotten.

„Trotz des Drucks würde ich sagen, dass diese Aufnahmen uns am meisten Spaß gemacht haben“, sagt Densmore heute. „Erstens hatten wir ja beide Platten schon geschrieben, bevor wir überhaupt ins Studio gingen – 30 oder 40 Stücke. Aber beim ersten Album waren wir noch etwas eingeschüchtert vom Studio. Das war nicht unser Territorium. Wir mussten lernen, wie man Platten macht. Und ich würde sagen, dass wir beim zweiten Album entspannter waren und begannen, das Studio als fünftes Mitglied der Doors zu betrachten. Ich glaube, wir hatten ein Exemplar von SGT. PEPPER und waren wirklich inspiriert, mit dem Studio zu experimentieren, rückwärts laufende Piano-Tracks zu machen und viel Spaß zu haben.“

Manche Stücke entstanden leichter als andere. ›My Eyes Have Seen You‹ stammte noch von dem Demo, das ihnen im Jahr zuvor den Vertrag mit Elektra eingebracht hatte. Nun klang es jedoch wesentlich aggressiver, mehr Stones-artig mit seinem Barrelhouse-Piano und den Tequila-Sunset-durchtränkten Gitarren. Die Vocals auf dem Titelstück waren angemessen abgehoben, passend zur Atmosphäre aus Angst, Mysterium und der Jagd nach einem neuen Morgen. ›Moonlight Drive‹, das allererste Stück Musik, das Morrison Manzarek je vorgesungen hatte, erwachte zu neuem Leben, vor allem auch dank des neuen Moog-Synthesizers und eines abgedrehten Solos von Krieger.

Dennoch konnte nicht mal Morrison den Erfolgsdruck ignorieren. Wie immer war Alkohol sein bevorzugtes Mittel gegen den Stress, doch die Trinkerei wurde nun richtig ernst. Währenddessen traten sie weiterhin auf, was den Druck erhöhte und ihnen keine Ruhepausen ließ. Nach einer spektakulär missratenen Show als Vorgruppe von Simon & Garfunkel im Queen’s im August 1967 betrank sich Morrison in einer irischen Bar so heftig, dass er gar nicht erst nach Hause fuhr – er blieb einfach und trank auch noch den ganzen nächsten Tag durch. Ein anderes Mal landete er bei irgendjemandem auf dem Sofa, wo er anfing, ein neues Gedicht namens ›Celebration Of The Lizard‹ zu rezitieren, an dem er seit Monaten gearbeitet hatte…

Im Studio, bei der Arbeit auf der neuesten Achtspur-Anlage, dimmte Rothchild das Licht, brannte Räucherstäbchen ab, zündete Kerzen an und erlaubte der Band, Gras zu rauchen und zu trinken – Hauptsache, für jedes Lied wurde die richtige Stimmung eingefangen. Das einzige, was sie sich verkniffen, war LSD bei der Arbeit.

„Nein, nein, nein, nein, nein!“, sagt Manzarek, empört von dem Gedanken. „LSD war ein heiliges Sakrament, das man am Strand in Venice nehmen musste, unter der Wärme der Sonne, in der Nähe unseres Vaters, der Sonne, und unserer Mutter, des Ozeans, und man begriff, wie göttlich man war. Das war keine Unterhaltungsdroge. Man konnte einen Joint rauchen und Musik spielen, wie das die meisten damals taten. Aber LSD musste man in der Natur nehmen. Da ging es darum, die Türen der Wahrnehmung zu öffnen. Wahrzunehmen, warum wir auf diesem Planeten am Leben sind, woher wir kommen, wohin wir gehen. Diese grundlegenden menschlichen Fragen zu beantworten, die sich die Leute stellen. Und diese Information dann zurück in den Proberaum zu bringen, ins Studio, seine Musik zu erschaffen, seine Lieder, seine Worte. Das tat man nicht, während man auf LSD war. LSD war das Fundament. Psychedelische Drogen waren das, auf dem man alles aufbaute.“

„Jedes Lied hat seinen eigenen Klang“, fügt Manzarek hinzu. „Das erste Album war wie eine Show im Whisky A Go Go. Im Prinzip war es nichts anderes. Aber auf STRANGE DAYS begannen wir unsere Vielseitigkeit zu zeigen. Darum geht es doch. Mein Gott, ich spielte ein komplettes Stück rückwärts! Ich schrieb die Akkordfolge zu ›Unhappy Girl‹ auf, dann begann ich unten rechts auf der Seite und spielte nach links und oben…und ich dachte, ‚Oh Gott, lass mich im Takt sein’. Als ich fertig war, ging ich zurück ins Studio und wurde mit einer Runde Applaus empfangen. Es klang toll, aber es war verrückt. Es war total verrückt! Es war Jugend, die keine Vorstellung von ihren Grenzen hat…“

Oder ihrer Verantwortung – zumindest Jim Morrison. Als es an die Aufnahmen zum Schlüsselstück des Albums ging, der zehnminütigen Hymne ›When The Music’s Over‹, bestand er darauf, dass das komplette Lied live im Studio eingesungen und -gespielt wird, statt in seine Einzelteile zerlegt zu werden. Egal, wie toll das neue Achtspur-Equipment auch war, Morrison wollte dieses Stück roh und lebendig belassen.

Die Band fügte sich und saß mehr als zwölf Stunden rum, während sie darauf wartete, dass er auftauchte. Er kam nicht. Stattdessen rief er um drei Uhr morgens im Studio an und sprach mit Krieger. „Wir haben hier ein Problem“, sagte er dem Gitarristen. Er und Pam Courson waren auf einem starken LSD-Trip und wollten, dass Krieger sie zum nahe gelegenen Griffith Park fährt, um „runterzukommen“. Krieger stimmte müde zu. Als er sie bei Tageslicht wieder bei Courson absetzte, erinnerte er Morrison daran, dass er mittags im Studio sein musste. Doch er tauchte wieder nicht auf. Sie schickten Leute, um nach ihm zu suchen, ohne Erfolg. Schließlich harrte die Band noch fast bis drei Uhr morgens aus, bis sie beschloss, nicht mehr länger zu warten. Das Stück wurde aufgenommen – mit Manzarek als Sänger.

Als Morrison schließlich mittags am nächsten Tag aufkreuzte – nach 48 verschwendeten Stunden –, stellte Densmore ihn zur Rede. Densmore, der von den drei überlebenden Doors am schwierigsten für dieses Interview festzunageln war, war auch das Bandmitglied, das Morrisons quasi-philosophischen Standpunkt zu dessen Lebzeiten am ehesten in Frage stellte. Er wollte nie Morrisons Kreativität eindämmen, nur sein selbstzerstörerisches Verhalten.

„Musikalisch wollte ich sogar noch weiter gehen!“, sagt er. „Ich war vor den Doors ein Jazzfan. Ich war sogar ein totaler Snob, was Rock betraf. Ich kannte zwar Elvis und Little Richard und liebte sie. Aber meine Wurzeln lagen eher im Improvisieren, dem Experimentellen, also liebte ich es, Grenzen auszuloten.“ Densmore wollte einfach keine Zeit verschwenden. „Morrison wusste, dass ich nicht mit seiner Selbstzerstörung einverstanden war, das ist sicher.“ Er leugnet allerdings, dass sie sich jemals richtig geprügelt hätten: „Er spürte auch so, was ich dachte.“

Rothchild durchbrach die Spannung schließlich, indem er einfach vorschlug, man solle zur Sache kommen. Morrison fing an, darüber zu jammern, dass er einen Overdub aufnehmen musste. Zum Erstaunen und zur enormen Erleichterung aller legte der genervte, aber insgeheim reumütige Morrison im zweiten Take die perfekte Performance dessen hin, was zum Höhepunkt des Albums werden sollte.

Als es an die Aufnahme seines Solos auf ›You’re Lost Little Girl‹ ging, dem ersten Stück, das Krieger, noch vor seiner Zeit bei den Doors, je geschrieben hatte, war es der Gitarrist, der Hilfe benötigte. So sehr er sich auch herumquälte, er bekam es einfach nicht hin. Wiederum sorgte Rothchild für die Lösung, als er Krieger superstarkes schwarzes Haschisch gab, alle anderen aus dem Studio warf und dann Krieger aufnahm, wie er im Dunkeln spielte. Als der Produzent dann vorschlug, eine Prostituierte zu engagieren, um Morrison einen zu blasen, während er sang, funktionierte das nicht besonders gut. „Wir entschieden uns für eine spätere Aufnahme“, resümiert Densmore diplomatisch.

Ein paar Abende später schaute Jefferson-Airplane-Sängerin Grace Slick vorbei, als die Band ›Horse Latitudes‹ aufnahm, Morrisons 16-zeiliges Gedicht, begleitet von Manzareks Musique concrète. Wieder nahmen sie fast im Dunkeln auf, beleuchtet einzig von Kerzen, Räucherstäbchen und den glühenden Enden mehrerer Joints. Slick kehrte nach San Francisco zurück und sagte, die Doors hätten ihr Angst eingejagt.

Am 2. September spielten die Doors mit einem in schwarzem Leder gekleideten Morrison in Asbury Park, New Jersey, wo auch ein 18-jähriger Bruce Springsteen im Publikum war. Als sie am nächsten Abend im Village Theater in Manhattan ›When The Music’s Over‹ spielten, bezeichnete Goldman es wieder als einen „unglaublichen Moment“. Als die Aufnahmen zu STRANGE DAYS fast abgeschlossen waren, hatten die Doors am 17. September ihren schicksalsträchtigen Auftritt in der „Ed Sullivan Show“, wo sie ›Light My Fire‹ live spielten. Vor der Show versprach Morrison Sullivan, dass er die Zeile „Girl, we couldn’t get much higher“ nicht singen würde. Als Morrison dieses Versprechen brach, wurde Sullivan wütend und informierte den Sänger, dass die Doors nie wieder in der Sendung auftreten würden, worauf Morrison sardonisch antwortete: „Hey Mann, wir haben gerade in der ‚Ed Sullivan Show’ gespielt.“

Mit Vorbestellungen von über einer halben Million veröffentlichte Elektra übereilt die neue Single, das brillante ›People Are Strange‹, und sah zu, wie es die US-Top 10 knapp verfehlte und dann in der Versenkung verschwand. Im Gegensatz dazu war ›Light My Fire‹ mehr als sechs Monate nach seinem Erscheinen immer noch in den oberen Chartregionen zu finden und kehrte im Jahr darauf dank der Coverversion José Felicianos sogar noch einmal auf Platz 1 zurück.

Doch die Doors wurden weder von ihren Fans noch von ihrer Plattenfirma jemals als Singles-Band wahrgenommen. Anders als die Beat-les und Stones, die mit Singles begonnen hatten, bevor sie zu albumorientierten Acts wurden, ging es bei den Doors schon von Anfang an um Alben. Lange, bevor Zeppelin, Floyd oder Hendrix sich daran versuchten, nahmen sie schon epische Rock-Suiten im zweistelligen Minutenbereich auf.

Und die setzten sie auch in ihren Live-Auftritten ein. Manzarek: „Wie Jim mal sagte: ‚Wir führen eine musikalische Séance auf – nicht, um die Toten zurückzubringen, sondern um sie zu besänftigen und den Schmerz und das Leid der Toten und der Lebenden zu mindern.’ Und dabei tauchten wir zutiefst in freudianische und Jung’sche Gefilde ab. Wir verbanden also Freud und Jung, was unmöglich erscheinen mag, aber auf der Bühne geschah es, und das brachte das Establishment auf. Da war einfach diese Kraft in der Musik, und diese verrückte Sexualität von Jim Morrison, die das Establishment in den Wahnsinn trieb.“

Die Band war entschlossen, zu zeigen, dass sie für mehr als schlichten Popstar-Ruhm stand. Morrison lehnte das ursprünglich für STRANGE DAYS vorgeschlagene Cover, ein Gruppenfoto wie auf ihrem Debüt, entschieden ab. „Ich hasste das Cover unseres ersten Albums“, erklärte er der „L.A. Free Press“. Er behauptete, dem Elektra-Label Folgendes gesagt zu haben: „Tut ein Chick aufs Cover. Lasst uns Löwenzahn zeigen…“ Tatsächlich hatte er angeregt, die Band inmitten eines Rudels Hunde abzubilden. Als Art Director Bill Harvey ihn fragte, warum, zuckte er mit den Schultern: „Weil god rückwärts geschrieben dog ergibt.“

Um sich nicht zu blamieren, fand man letztlich einen Kompromiss: Ein halbes Dutzend Jahrmarktartisten, darunter ein Kleinwüchsiger, ein Jongleur, zwei Akrobaten, ein Trompetenspieler und ein Muskelmann. Auf der Rückseite bot sich der erstaunliche Anblick der schrägen Modeikone Zazel Wild, die einen wallenden Kaftan trug und vor ihrer Tür am New Yorker Sniffen Court in der East 38th Street kühl einen Kleinwüchsigen ansah. Elektra fürchtete, die Aufnahmen seien selbst für die Doors zu seltsam, doch Morrison liebte sie. Der einzige Hinweis darauf, dass es sich um das neue Album der Doors handelte, bestand in einem flüchtig drapierten Poster mit einem STRANGE-DAYS-Schriftzug, das auf der Albumrückseite abgebildet war.

Als das Album Ende September 1967 erschien, wurde es von der Rockpresse euphorisch begrüßt. Das Publikum war allerdings nicht so überzeugt. Ohne eine Hymne wie ›Light My Fire‹, die stolz das Freak-Banner trug, schlich das Album eher auf Zehenspitzen denn mit Riesenschritten Richtung Spitze der US-Charts und erreichte letztendlich Platz 3. Doch im Bewusstsein der Leute wurde es schnell vom nächsten Album WAITING FOR THE SUN von 1968 und dessen Hitsingle ›Hello, I Love You‹ abgelöst.

Als ob sie dem Titel ihres neuen Albums Tribut zollen wollten, verbrachten die Doors die letzten Wochen des Jahres 1967 auf der Straße und lebten einen Traum, der sich langsam in einen Alptraum verwandelte. Ihre Terminplanung war derart chaotisch, dass Auftritte in den großen Hallen an der Westküste immer wieder von Club-Gigs in New York unterbrochen wurden. Ihr unerfahrenes Management hatte es versäumt, die vor ihrem Durchbruch gebuchten Gigs neu zu verhandeln. Alle vier Bandmitglieder waren folglich erschöpft, orientierungslos, ausgebrannt und, in Morrisons Fall, bisweilen schlichtweg bewusstlos. Als Densmores neue Freundin Julia Brose Morrison kennen lernen wollte, zeigte der Schlagzeuger nur auf eine Gestalt, die unter einer Sitzbank am Flughafen ihren jüngsten Alkoholexzess ausschlief. Zwei Mülleimer waren strategisch vor ihm platziert worden, um die zahlreichen Teenie-Fans abzuwehren, die der Band zunehmend folgten. „Da ist er“, sagte er mit unverhohlener Verachtung zu seiner Freundin. „Das ist unser berühmter Sänger.“

Am 9. Dezember 1967, dem Tag nach seinem 24. Geburtstag, fuhr Morrison mit dem Rest der Band zu einem Auftritt in die Eishockeyhalle von New Haven. Kurz vor dem Konzert wurde er von der Polizei verwarnt, weil er eine junge Verehrerin mit in die Duschkabine genommen hatte, wo sie rumgeknutscht hatten. Als Morrison zu dem Polizisten sagte, er solle „sich ficken gehen“, nahm dieser seine Dose Tränengas und sprühte direkt in Jims Gesicht. Morrison flüchtete, schreiend und um Atem ringend. Später auf der Bühne, immer noch wütend, erzählte er der brechend vollen Halle die Geschichte. Als die Band dann ›When The Music’s Over‹ anstimmte, schrie Morrison: „We want the whole fucking world and we want it now!“

Als die Menge daraufhin nach vorne drängte, eilten die anwesenden Polizisten aus Angst vor Ausschreitungen panisch auf die Bühne und verhafteten den Sänger. Dann zerrten sie ihn, der wild um sich schlug, zu einem Streifenwagen. „Das war furchtbar“, sagt Krieger. „Wir wussten nicht, was zum Teufel passieren würde. Auf dem Weg zum Auto verprügelten sie ihn auch noch.“

Morrison war der erste Sänger, der während eines Konzerts von der Polizei festgenommen und wegen der Anstiftung zu Aufruhr, Unanständigkeit und öffentlicher Unzucht angeklagt wurde. Drei Autoren und Fotografen des „Life“-Magazins, die dazwischen gehen wollten, wurden ebenfalls verhaftet. Obwohl sämtliche Anklagepunkte fallen gelassen wurden, war der Vorfall am nächsten Morgen zur nationalen Neuigkeit geworden. Und so ward Jim Morrison, der Rockstar-Märtyrer, geboren – eine Rolle, die er bis ins Grab und darüber hinaus weiterspielen sollte.
Einer der letzten Doors-Auftritte 1967 endete allerdings weit surrealer. Nachdem sie fulminante Darbietungen von ›Light My Fire‹ und ›Moonlight Drive‹ für die Fernsehsendung „The Jonathan Winters Show“ aufgenommen hatten, unterbrachen sie ihren zweiten von drei Auftritten am 28. Dezember im Winterland Ballroom in San Francisco und rollten einen Fernseher auf die Bühne, um sich selbst auftreten zu sehen. Sie hatten gerade ›Back Door Man‹ zur Hälfte gespielt, als Winters’ Sendung anfing. Sie hörten einfach auf, legten ihre Instrumente nieder, gingen an den Bühnenrand, wo der Fernseher stand, und sahen sich selbst zu.

„Yeah, wir ließen das Publikum uns dabei zusehen, wie wir uns selbst zusahen – auf der Bühne und im Fernsehen“, lacht Manzarek. Als es vorbei war, schaltete Manzarek den Fernseher einfach aus, ging zu seinem Keyboard zurück und gab dem Rest der Band den Takt vor.

Rückblickend sind sich alle drei überlebenden Doors einig, dass STRANGE DAYS ein wichtiger Wendepunkt in der Bandgeschichte war. Und dass es vielleicht ihr größter, authentischster Moment war. „Nun, ich bin überrascht, dass du so denkst, denn das tun nur sehr wenige“, sagt Krieger. „Aber ich finde, du hast Recht. Weißt du, wir nahmen uns Zeit, um es aufzunehmen, und mochten wirklich sehr, wie es am Ende klang. Die Plattenfirma auch. Jac Holzman spielte es Paul Simon vor. Nachdem er es sich angehört hatte, sagte Paul, wir seien die beste Band der Vereinigten Staaten. STRANGE DAYS waren einfach nur wir vier, die auf demselben Weg waren. Danach wurden die Dinge irgendwie…“

Er schweift ab und ich erinnere ihn an das berühmte Zitat von Paul Rothchild: Dass die Band nie wusste, ob Jim Morrison im Studio auftauchen würde. Der progressive Poet, der entschlossen war, große Kunst zu machen. Und das betrunkene Monster, dessen Ego so außer Kontrolle war, dass er den Rest der Band beinahe als Anhängsel sah. Das jedoch war laut Krieger ein Verhalten, das wirklich erst bei ihrem nächsten Album WAITING FOR THE SUN zum Vorschein kam. „Zur Zeit von STRANGE DAYS interessierte sich Jim mehr für psychedelische Drogen als fürs Komasaufen. Ich meine, klar tauchte er manchmal nicht auf, wenn er zuviel LSD genommen hatte, aber er war immer noch ein Teil von dieser größeren…Sache. Ich scherzte immer, dass es nach ›Light My Fire‹ nur noch abwärts gehen konnte. So war es aber auch irgendwie. Außer STRANGE DAYS. Da waren wir in unserem Zenit.“

Wenn man sich das Album heute anhört, versteht man, was der Gitarrist sagen will. Die Band, die das Studio zum ersten Mal wie ein fünftes Instrument benutzt, ist wunderbar leichtfüßig: die wirbelnde, bonbonbunte Orgel des Titelstücks, Kriegers herzhafte Gitarre auf ›Love Me Two Times‹, Densmores federleichte Percussion auf ›Moonlight Drive‹. Morrisons junge Stimme schnurrt honigsüß, es sei denn, wenn er auf ›Horse Latitudes‹ lauthals plärrt und sich auf ›When The Music’s Over‹ wild überschlägt. Die sanfte Art, in der er das verzweifelt sehnsüchtige ›I Can’t See Your Face In My Mind‹ darbietet, ist weit entfernt von dem knurrenden, entfesselten Säufer auf dem letzten Doors-Album LA WOMAN.

Das letzte Wort hat Ray Manzarek, der als Erster an jenem heißen Nachmittag am Venice Beach Morrisons Potenzial erkannt hatte. „Diese Zeile in ›When The Music’s Over‹, wo Morrison singt, ‚Cancel my subscription to the resurrection/Send my credentials to the house of detention’ (Kündige mein Abo auf die Wiederauferstehung / Schicke meine Referenzen an die Haftanstalt) – ich denke, da hat er uns fast sagen wollen: ‚Okay, ich sehe, worum es bei diesem ganzen Ruhm-Trip geht, aber ich werde nach meinen eigenen Regeln spielen’.“ Dann hebt Manzarek, der ohnehin schon ausdrucksstark über seinen verstorbenen Freund redet, völlig ab. „Ich meine, mein Gott, Jim Morrison hätte sich für ein politisches Amt bewerben sollen. Jim Morrison ist der Sohn des Admirals. Er ist der junge Mann aus gutem Hause, der weiße angelsächsische Protestant, der den Thron erben wird. Er hätte ein braver Republikaner werden sollen, aber das ist er nicht, er ist bei den Doors und er benimmt sich total daneben. Dann kommt Captain Kelly, der klassische irische Cop, der ihn auf der Bühne in New Haven verhaftet. Er sagte zu Jim: ‚Du bist zu weit gegangen, junger Mann!’ Und ich dachte, das ist perfekt. Er war zu weit gegangen. In ein Land, das kein sogenannter Rockstar vor ihm betreten hatte.“

 

Bild: Yale Joel

Krautrock Speical Volume 01/ 1970

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Tocotronic, Schiller, Madsen und Luxuslärm, aber auch BAP, Grönemeyer, Die Toten Hosen, Ärzte, Scorpions und Rammstein: Deutsche Bands rangieren wie selbstverständlich auf den Spitzenplätzen der Charts. Das war nicht immer so: Gut 40 Jahre ist es gerade mal her, dass sich in Deutschland eine eigenständige Rock-Kultur zu etablieren begann.

Natürlich gab es bereits in den sechziger Jahren eine deutsche Rockszene, wie überall auf der Welt drangen Beatles- und Stones-Klone an die Öffentlichkeit. Und wie – fast – überall auf der Welt, suchten diese Bands ihr Heil im möglichst authentischen Kopieren der zumeist englischen Vorbilder. Eine eigene Handschrift entwickelten deutsche Bands jedoch erst in den siebziger Jahren. Allen voran natürlich die Düsseldorfer Elektroniker Kraftwerk (›Autobahn‹, ›Das Model‹) und Avantgardisten wie Neu!, Amon Düül und Can (›Spoon‹). Aber wer erinnert sich noch an die Orgel-getränkten Endlosnummern von Jane, Eloy, Frumpy (›How The Gipsy Was Born‹) und Birth Control (›Gamma Ray‹)? An den feinen, clever gemachten Jazz Rock von Embryo und Kraan (›Nam Nam‹) oder die soziokritischen Wutpamphlete eines Rio Reiser (›König von Deutschland‹) und dessen Politrockband Ton Steine Scherben (›Keine Macht für niemand‹)? Allesamt Acts, die zunächst einen eher schweren Stand hatten, denn zu Beginn der Siebziger bestaunte man überwiegend anglo-amerikanische Formationen, kiffte zu Led Zeppelin und ließ auf dem Plattenspieler Jethro Tull, Pink Floyd und Cream rotieren.

In den Sechzigern hatte nicht nur die Politik in Deutschland etwas Beschauliches, es galt die zerstörte Heimat wieder aufzubauen und das Wirtschaftswunder am Laufen zu halten.

Bislang hatte der westliche Teil des geteilten Landes mehr oder minder fasziniert gen Amerika geschielt, hatte dessen Wirtschaftsordnung adaptiert und kulturelle Trends blindlings abgekupfert. In domestizierter Form natürlich, denn Peter Kraus war nun mal kein Elvis. Jazz, gerade der traditionelle, galt als heiße Musik. Ansonsten: Alles beim Alten. Schlager für die Massen, Klassik für die Freunde der Hochkultur.

Doch Mitte der Sechziger standen die Zeichen plötzlich auf Sturm. US-Präsident Johnson hatte sich vollends in der Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges verzettelt, in den Metropolen Amerikas formierte sich eine wütende Protestbewegung, die das sofortige Ende des Bombenterrors forderte. Die Bilder von Napalmbomben, von verbrannten Leibern und getöteten Menschen begann immer mehr die US-Volksseele zu erzürnen.

Auch in Europa entwickelte sich zunehmend ein Klima des zivilen Ungehorsams, Barcelona erlebte schwere Studentenunruhen, in München demonstrierte man gegen Tariferhöhungen der öffentlichen Verkehrsmittel, in Brüssel brannten Kaufhäuser. Die Jugend steckte in den Startlöchern, ungeduldig darauf wartend, dieser Epoche endlich ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Obrigkeitsstaat, Allmacht der Autoritäten, der sinnentleerte Materialismus und Konsumismus – all das stand zur Disposition.

Die Berliner „Kommune 1“ gründete sich am 1. Januar 1967, probte die Alternative zur bürgerlichen Kleinfamilie, die deutsche APO (Außerparlamentarische Opposition) gewann zusehends an Bedeutung. Als der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien durch eine Polizeikugel starb, eskalierte die Lage. Ein Damm war gebrochen, eine Grenze überschritten. Von nun an hieß es: Alt gegen Jung, Establishment gegen Protestkultur.

Im Zuge dessen geriet auch die Rockmusikszene in Aufbruchsstimmung, teilweise politisch motiviert, teilweise aber auch einfach nur nach einer eigenen künstlerischen Identität strebend. Die deutschen Musikkonsumenten reagierten begeistert: Plötzlich tourten angesagte Bands aus Hamburg, Berlin, Köln oder München auch durch Kleinstädte und sogar Dörfer, generierten dabei im Umkehrschluss steigende Plattenverkäufe. Wie Pilze schossen daraufhin einheimische Bands aus dem Boden, kein Wunder also, dass sich sofort die gesamte deutsche Musikindustrie dieser neuen Entwicklung anpasste: Nahezu alle namhaften Schallplattenfirmen gründeten kleine Label wie Brain, Ohr, Bacillus, Pilz, Vertigo und Spiegelei, um gezielt hiesige Künstler zu fördern.

Zunächst eiferten zwar auch noch die deutschen Stars der Fünfziger und frühen Sechziger, also Peter Kraus, Conny Froboess und Ted Herold, redlich bemüht den internationalen Vorbildern nach, ihr braver Pennäler-Charme hatte jedoch eher das Flair von Rindsrouladen mit Speckknödel, den faszinierenden Hauch von Sex, Drugs & Rock’n’Roll kannte man in Deutschland zu diesem Zeitpunkt dagegen noch nicht. Peter Kraus tänzelte mit Zahncreme-Lächeln durchs schwarzweiße Fernsehabendprogramm, verblasste aber zusehends neben jener neuen Generation von Musikern, die aus England und Amerika ins Bewusstsein der Fans drängten: zunächst Bill Haley, Elvis Presley, Little Richard und Buddy Holly, dann die Beatles und die Rolling Stones, Led Zeppelin, The Who, Jimi Hendrix, The Animals und die Kinks! Einige dieser Acts spielten im Hamburger „Star Club“ oder sorgten anderswo für Tumulte, etwa die Rolling Stones in der Berliner „Waldbühne“, die 1965 von enthusiasmierten Fans schlichtweg zerlegt wurde. Was in Politikerreihen für wachsendes Unbehagen sorgte: „Nur noch englischer Beat, Negersongs und nackte Weiber“, wetterte der CSU-Politiker Franz-Xaver Unertl im deutschen Bundestag, um – typisch konservativ – zu dem Schluss zu kommen: „Das ist der Untergang des Abendlandes.“

Der Begriff „Krautrock“ als Synonym für bundesdeutsche Rockmusik machte erstmals 1970 die Runde, erfunden von Peter Leopold, Schlagzeuger der Münchner Psychedelic-Rockband Amon Düül, der einen Song mit dem Titel ›Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf‹ komponiert hatte. Die Medien besaßen von nun an den perfekten Sammelbegriff: „Krautrock“ – welch passendes Wort für die sich formierende deutsche Musiklandschaft! Günter Körber, zunächst Produktmanager des erfolgreichen Brain-Labels, das Ende 1971 vom Medienkonzern Metronome ins Leben gerufen wurde, und später Eigentümer von Sky Records gestand: „Es herrschte überall Aufbruchsstimmung, und keiner wollte den fahrenden Zug verpassen.“

So übersichtlich die deutsche Musikszene bis 1970 war, so explosionsartig breitete sie sich anschließend aus. Deswegen: Ein Rückblick lohnt! Hier als erste Folge das Wichtigste des Jahres 1970 und damit der Beginn einer zehnteiligen Serie, die fortan jeden Monat ein weiteres Jahr des wichtigsten Jahrzehnts deutscher Rockmusik beleuchtet.

Faust 2

The Sheepdogs

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Sie sehen aus wie Jesus im Viererpack, leben resolut in der Vergangenheit und verwehren sich komplett allen modernen Einflüssen in ihrer Musik. Ihre Botschaft jedoch passt auch in unsere dunklen Zeiten: Spaß ist besser als Jammern.

Die Sheepdogs wissen das besser als so manche andere Band, denn Grund zum Jammern hätten sie in den ersten Jahren ihrer Existenz sicher genug gehabt. Gegründet im Jahr 2006, wurde ihnen absolut nichts in den Schoß gelegt. In einem fast schon surreal schrottreifen Dodge-Van zogen sie immer wieder durchs Land, und in einem dünn besiedelten Riesenstaat wie Kanada heißt das nicht, mal eben eine Stunde in die nächste größere Stadt zu fahren, sondern gleich tageweise die Highways unter die Räder zu nehmen – um dann vor 30 desinteressierten Komasäufern zu spielen oder gar komplett vor verschlossenen Türen zu stehen, weil der gebuchte Club zwischenzeitlich dicht gemacht hat, ohne die Band darauf hinzuweisen. Ziemlich frustrierend für eine hoffnungsfrohe Kapelle aus dem eher verschlafenen Städtchen Saskatoon in der Provinz Saskatchewan, das fernab der großen Entertainment-Schaltzentralen Toronto und Montreal noch weniger Chancen hat, auf sich aufmerksam zu machen.

Doch auch wenn man oft demoralisiert in die Heimat zurückkehrte, den erhofften Durchbruch nie in Reichweite sah und mittlerweile einen fünfstelligen Schuldenberg angehäuft hatte, kam es für Frontmann Ewan Currie nie in Frage, aufzugeben: „Das waren teilweise schon echt beschissene Zeiten, die wir da durchgemacht haben, und natürlich fühlst du dich dann oft, als sei das alles völlig sinnlos. Wenn sich niemand für dich interessiert, kann dich das manchmal schon ruterziehen. Aber wir wussten ja, dass es nie einfach sein würde, mit unserer Musik Fuß zu fassen. Man braucht schließlich nur das Radio anzuschalten, um zu hören, dass wir nicht unbedingt dem Massengeschmack entsprechen. Uns war klar, dass es ein Kampf sein würde, uns Gehör zu verschaffen und uns einen Namen zu machen. Und das kannst du nur durchstehen, wenn du an dich glaubst. Ich glaube absolut an uns und unseren Sound, sonst könnten wir uns auch nicht auf die Bühne stellen und eine glaubwürdige Show abliefern. Dieses dicke Fell musst du einfach haben, egal, ob du vor einem leeren Raum stehst oder mit Bierflaschen beworfen wirst. Und wenn du an etwas glaubst, musst du der Sache auch treu bleiben, komme, was wolle.“

Diese Beharrlichkeit sollte sich letztlich jedoch auszahlen, als Mitte 2011 plötzlich Interesse aus einer völlig unerwarteten Ecke bekundet wurde. Das amerikanische „Rolling Stone“-Magazin hatte zum „Choose The Cover“-Wettbewerb ausgerufen, bei dem die Leser entscheiden sollten, welche Newcomer-Band auf den Titel des altehrwürdigen Blatts kommen sollte. Überraschenderweise waren es die Sheepdogs, die mit 1,5 Millionen Stimmen sämtliche Konkurrenten hinter sich ließen und folglich zum ersten Mal flächendeckend in den Zeitschriftenregalen Nordamerikas zu sehen waren – als erste ungesignte Band in der Geschichte des Magazins. Überraschend war es vor allem auch für die Sheepdogs selber– nicht nur, weil sie mit diesem Erfolg nicht gerechnet hätten, sondern weil der Band nicht mal bewusst war, dass sie sich zur Teilnahme beworben hatte, geschweige denn in die nähere Auswahl gekommen war. Ein Manager, dem man mal zufällig begegnet war, hatte sie ohne ihr Wissen nominiert und dem Quartett damit nicht nur den Weg zu Prestige und exponentiell gesteigerter Aufmerksamkeit geebnet, sondern auch zu einem ganz konkreten Plattenvertrag mit Atlantic Records.Jackpot! Ab diesem Zeitpunkt starteten die vier Späthippies durch. Noch im selben Jahr konnten sie kanadische Musikpreise abräumen und mit Erscheinen ihres jüngsten Albums ist der Knoten zumindest daheim in Kanada nun endlich geplatzt: Charteinstieg auf Platz 1 und Platinstatus für mittlerweile 80.000 verkaufte Exemplare. „Es fühlt sich absolut unglaublich an“, ist Ewan nach wie vor erstaunt. „Allein schon der Gedanke, nicht mehr arbeiten zu müssen! Es ist so ein Luxus, mich jetzt den ganzen Tag nur noch mit Musik befassen zu dürfen. Ich muss nicht mehr von einer Tour nach Hause kommen und mir sofort wieder irgendeinen beschissenen Job als Schichtarbeiter suchen, damit ich was zu essen habe. Und das ganze organisatorische Zeug wird uns jetzt auch abgenommen, was eine riesige Erleichterung ist. Wobei ich die Erfahrungen nicht missen möchte, die wir gesammelt haben. In diesen brotlosen Jahren, in denen wir wirklich alles selber in die Hand nehmen mussten, haben wir viel gelernt, vor allem, was das Management betrifft und wie man seine Finanzen auf Kurs hält. Na ja, so einigermaßen.“

Und wie hört sich nun das lapidar THE SHEEPDOGS betitelte Werk an, mit dem man Richtung Edelmetall steuerte? Als hätte sich ein Wurmloch direkt in die sechziger Jahre aufgetan und nie gehörte Musik einer geheimen Allstar-Supergroup ins Hier und Jetzt gesogen. Auf dem Weg durch diese temporale Anomalie haben die Alien-Wächter über das Raum-Zeit-Kontinuum vielleicht noch ein bisschen die Produktion aufgebohrt, aber davon abgesehen sind diese 14 Stücke eine Zeitreise ohne Rückfahrschein. Beat-les, Doors, Allman Brothers, ein bisschen Pink Floyd, ein bisschen Led Zep wirbeln durch die Gehörgänge, führen schweißnassen Southern Rock, fluffig-rosarot getönte Flower-Power-Klänge, lysergisch-synästhetische Psychedelik, tröstend-promilligen Blues, betörende Harmonien, sympathisch blauäugige Aufbruchsstimmung und den Duft von Räucherstäbchen, Bier und dicken Dübeln zu einem bunt schillernden Kaleidoskop zusammen, das in jedem Takt große Wärme und blendende Laune ausstrahlt. Wer bei Highlights wie ›The Way It Is‹, ›While We‘re Young‹, ›I Need Help‹, ›Feeling Good‹, ›Ewan‘s Blues‹ oder ›Sharp Sounds‹ keinen Sonnenschein im Herzen spürt, ist wohl schon tot.

Letzteres ist Ewan besonders wichtig, denn für schlechte Vibes hat er generell wenig übrig. „Wenn man heute Radio hört, wird man nur noch depressiv. Rockmusik ist so steril, so langweilig und eintönig, vor allem aber so negativ geworden! Da geht es nur noch um ‚ich hasse dich‘, ‚ich bin soooooo traurig‘ und ‚fuck you‘. Damit kann ich nichts anfangen. Wenn du so mies drauf bist, dann sperr dich doch in deinem Zimmer ein und heul in dein Kissen, aber geh dem Rest der Welt nicht so auf den Sack! Das ist Musik für Miesepeter, die im Prinzip alles nur noch scheiße finden und mit dem Leben abgeschlossen haben. So bin ich nicht drauf. Rockmusik sollte doch verdammt noch mal SPASS machen!“

Das tut sie in diesem Fall zweifelsohne. Vielleicht auch ein Grund, warum kein Geringerer als Patrick Carney von den Black Keys im Produzentenstuhl Platz nahm? Sicherlich ein Ritterschlag für eine aufstrebende Band, auch wenn der Einfluss des Platinrockers nicht überschätzt werden sollte. „Mit Patrick zusammenzuarbeiten, war wundervoll. Er ist ja nicht nur ein brillanter Musiker, sondern vor allem auch ein unglaublich netter Mensch. Und klar, er hat viel mehr Erfahrung als wir und konnte uns viele gute Ratschläge geben. Er hat ja auch jahrelang im Untergrund das Feld beackert, bevor es mit den Black Keys so richtig abging, und jetzt sind sie eine der größten Rockbands des Planeten. Aber wir haben schließlich auch schon viele hundert Konzerte absolviert. Da haben wir mit der Zeit auch gelernt, was beim Publikum ankommt, worauf die Leute reagieren und wie man sie bei der Stange hält. Patrick war uns eine große Hilfe dabei, die Sachen auszusortieren, die Mist und vielleicht etwas übertrieben kitschig waren, und er hat ein gutes Gespür dafür, was funktioniert. Aber manchmal haben wir uns auch gegen seine Vorschläge entschieden, vor allem, wenn es um die Harmonien ging.“ Die sind so wichtig, dass die Band dafür schon ihren eigenen Neologismus erfunden hat: „guitarmonies“. „Das ist ganz klar einer der wichtigsten Bestandteile unseres Sounds“, so Ewan. „Und erstaunlicherweise einer, den so viele Bands vernachlässigen. Selbst die meisten heutigen Bands, die sich gerne auf den Rock der sechziger oder siebziger Jahre berufen, ahmen vor allem die Riffs und die Rhythmen nach, dazu noch die Ästhetik. Aber die Harmonien aus dieser Zeit greifen die wenigsten auf, da regiert dann doch eher ein moderneres Klangbild.“

Und modern, das wollen die Sheepdogs auf keinen Fall klingen. Wo sich reihenweise Bands lieber an der Seite von Robert Mugabe, Kim Jong-un und Wladimir Putin zusammen ablichten ließen, als das Wörtchen „retro“ mit ihrer Musik in Verbindung zu bringen, hat Ewan keinerlei Probleme damit, in das „früher war alles besser“-Lied einzustimmen. „Aus irgendeinem Grund hat die Rockmusik aus dem Jahrzehnt von ca. 1964 bis 1974 diese einzigartige, zeitlose Qualität. Die Liebe dazu ist nie gestorben, da gab es einfach nichts mehr zu verbessern. Und das kann man immer wieder erleben. Wenn du heute irgendwo auf eine Party gehst, kann da alle mögliche Musik laufen und irgendjemand wird meckern, dass es ihm nicht gefällt. Aber wenn Led Zeppelin oder Creedence Clearwater Revival laufen, ist praktisch garantiert, dass 90 % deiner Gäste damit glücklich sein werden, und zwar nicht nur die alten Säcke, sondern auch junge Leute, die aus einer völlig anderen Zeit kommen. Das hat einfach was Universelles und ich habe keinerlei Problem damit, in dieser Hinsicht als gestrig dargestellt zu werden.“

Interessant ist dabei natürlich die Frage, wie weit diese Besessenheit mit vergangenen Epochen gehen kann. Sich an den Klängen alter Helden zu erfreuen und diese als Inspirationsquelle zu verwenden, ist ein unschuldiges Vergnügen, ebenso das Pflegen einer sich konsequent gegen jegliche trendy Coolness-Bedenken richtenden Optik aus wallendem Haar, wuchernden Bärten und garantiert Designer-freien Klamotten. Das beherrschen diverse Acts von den Black Crowes über Wolfmother bis zu den Rival Sons mindestens genauso gut. Wie sieht es aber aus mit dem Idealismus, der Weltanschauung oder, um es zeitgerecht auszudrücken, dem „Spirit“ der Flower Power-Ära? Kann man sich im Jahr 2013 tatsächlich noch etwas bewahren von jener naiven Unschuld, mit der die Blumenkinder an den gesellschaftlichen, politischen und spirituellen Umbruch des Homo sapiens glaubten? Ewan bejaht: „Ich weiß, was du meinst, und bestimmt war es 1969 einfacher, diese Haltung zu vertreten. Es waren andere Zeiten als heute, und die Welt ist sicher kleiner geworden. Man kann sich nicht mehr so leicht vor dem Zeitgeschehen verschließen, und die Verheißungen der Hippie-Zeit sind natürlich großer Ernüchterung gewichen. Aber das heißt nicht, dass man sich dieses Gefühl nicht trotzdem bewahren kann. Vielleicht ist es reiner Eskapismus, aber ich bin grundsätzlich ein sehr optimistischer Mensch. Und es gibt immer noch viel, das einen glücklich machen kann, ob du nun irgendwo ein cooles Lied hörst, einen tollen Film siehst oder einfach nur bei einem Bierchen mit deinen Kumpels eine gute Zeit hast. So lange man noch so gut drauf sein kann, bleibt mein Glaube an peace & love bestehen!“

Wovon wir uns auch bald in unseren Breitengraden überzeugen können, worauf Ewan sich besonders freut: „Wir waren zwar schon mal kurz in Europa, aber nach Deutschland haben wir‘s bisher noch nicht geschafft. Ich bin superheiß darauf, zu euch kommen, denn auch bei uns weiß doch jeder, wie sehr ihr geile Rockmusik zu schätzen wisst. We‘re gonna party, man!“ Dass die Sheepdogs von besagter geiler Rockmusik bald noch mehr auf Lager haben werden, kündigt der Frontmann übrigens auch schon an. „Wir sind schon dabei, neue Songs zu schreiben, und eins kann ich dir schon sagen: Das wird so richtig klassischer Kneipen-Jukebox-Rock‘n‘Roll!“ Und da haben Heulsusen auch weiterhin nichts verloren.