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The Doors – Virtuelle Türen

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doors 1credit Paul FerraraEs hätte das Jahr der Doors werden können: Mit einer frisch versöhnten Band, einer ersten gemeinsamen Tour seit Ewigkeiten, vielleicht sogar neuem Studio-Material, aber auch einem remasterten Backkatalog für iTunes sowie einer geradezu revolutionären App. Für die zeichnet kein Geringerer als Band-Entdecker und Musikindustrie-Legende Jac Holzman verantwortlich. Mit geradezu missionarischem Anspruch, den er CLASSIC ROCK nur wenige Tage vor dem überraschenden Tod von Ray Manzarek erklärt. Was dieses Gespräch umso denkwürdiger macht.

Denn an diesem nasskalten Freitag, Mitte Mai, ist die Doors-Welt noch in Ordnung: Jac Holzman (81) lädt in den legendären Londoner Groucho Club, um eine App vorzustellen, die so sagt er den Qualitätsstandard von Musikapplikationen für mobile Betriebssysteme auf ein ganz neues Level führt. Was hochtrabend klingt aber stimmt. Denn der rüstige 1,90 Meter-Mann mit den weißen Haaren, der angewachsenen Easy-Rider-Brille und dem voll aufgedrehten Hörgerät, ohne das er praktisch taub ist, hat sich hier selbst übertroffen. Mit einem virtuellen Bilderbuch, das wirklich alles bietet, was man über die Sixties-Legende wissen muss und noch mehr. Angefangen bei raren Fotos und Videos über eine detaillierte Auflistung des Studioequipments, spannende Essays von Patti Smith bzw. David Fricke, eine sogenannte Timeline der Doors-Geschichte und als Herzstück eine Comic-Aufarbeitung des legendären Miami-Konzerts vom 1. März 1969, bei dem Morrison das Publikum mit seinem primären Geschlechtsmerkmal konfrontiert haben soll und anschließend wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verklagt wurde. Alles Dinge, in denen man stundenlang schmökern und schwelgen kann, die regelmäßig aktualisiert werden sollen und für Holzman, immerhin Gründer von Elektra Records, Mitinitiator des Kabelfernsehens, der Heimvideos, der Laserdisc und geistiger Vater von MTV, das vielleicht letzte Großprojekt eines erfüllten Musikmogul-Daseins ist.

Herr Holzman, würde Jim Morrison noch leben, hätte er ein iPad oder iPhone?
(lacht) Das hat mich noch niemand gefragt. Ich würde sagen, er wäre mit Sicherheit kein Anwender der ersten Stunde gewesen. Aber sobald er verstanden hätte, dass er darauf alles transportieren kann, was er braucht, dann denke ich, dass ihm das sogar sehr gefallen hätte. Vor allem, wenn er es noch in seinem Auto anschließen könnte, was ja problemlos möglich ist. Aber ob er es sofort verstanden und sich darauf eingelassen hätte, das bezweifle ich dann doch.

Wie lange haben sie an dieser App gearbeitet?
16 Monate was viel klingt. Nur: Wenn man an so einem flexiblen, offenen Format arbeitet, ist der Geist völlig aufgeregt, was die Vielzahl an Möglichkeiten betrifft. In einem Maße, dass man sich regelrecht zur Selbstzensur zwingen muss. Was allerdings erst passieren kann, wenn man das gesamte dreidimensionale Bild sieht. Und deshalb habe ich diese App auch als „dreidimensionales Puzzle mit 1500 elegant angeordneten Teilen“ bezeichnet. Das bricht man quasi auf, in dem man sich darin bewegt. Und das kann man tun, wie es einem gefällt also je nachdem, ob man sich mehr von Musik, Bildern oder Text angesprochen fühlt. Wenn man Teil des Apple Echosystems mit iCloud und iMatch ist, kann man gleichzeitig die Alben hören und die Texte mitlesen. Was einfach wunder- bar ist. Ich habe es genossen, was sich da für Möglichkeiten auftun und wohin sie mich führen.

Klingt nach einer echten Herausforderung. Bei allem Respekt: Warum tun sie sich das in ihrem Alter noch an?
Ich wollte die App entwickeln, weil ich eine tiefe persönliche Beziehung zur Band habe. Der Erfolg der Doors bei Elektra hat gezeigt, dass wir in der Lage waren, einen guten Künstler ganz nach oben zu bringen. Einfach, weil wir alles richtig gemacht haben. Und das mit einer Crew von lediglich 14 Leuten. Wir haben zehn bis 20 Millionen Dollar im Jahr umgesetzt. Was uns die Möglichkeit gab, viele andere Sachen auszuprobieren. Sprich: Die Doors waren wunderbar. Und ich hatte immer das Gefühl: Weil sie mein Leben so radikal verändert haben, schulde ich ihnen noch ein bisschen mehr als nur Tantiemen. Diese App ist mein Geschenk an sie und an mich.

Haben sie eine Erklärung, warum die Doors noch so relevant sind? Warum ihre sechs Alben einen derart nachhaltigen Einfluss auf die Popkultur ausüben?
Dafür gibt es einen ganz simplen Grund: The Doors klingen wie keine andere Band. Was ich nach Fertigstellung des ersten Albums verstanden habe, das ich mir immer wieder angehört habe, bis mir klar wurde, dass da keine technischen Hilfsmittel wie Wah-Wah-Pedale am Start waren, die zu der Zeit als Standard galten. Die Musik der Doors hatte einen architektonischen Aufbau, den ich der Bauhaus-Bewegung zuschreiben würde sehr sauber und klar. Außerdem ist da noch die Tragödie um Jims Tod, die die Welt bis heute bewegt. Einfach, weil die Jugend ja glaubt, sie wäreunsterblich, bis sie herausfindet, dass sie das eben nicht ist. Und die Doors waren extrem mutig, was ihre Musik betrifft. Sie haben etwa den ›Alabama Song‹ in ein Rock-Stück verwandelt, was bei mir für eine regelrechte Erleuchtung gesorgt hat. Nämlich, dass sie alles absorbieren und in etwas ganz anderes verwandeln. Nach dem Motto: Niemand besitzt ein Copyright auf Kunst. Jeder lernt von jedem. Man absorbiert, man transformiert und fügt etwas Neues hinzu. Das ist eine weitere Facette, die die Leute dahingehend bewegt, sich darauf einzulassen. Die Musik der Doors lebt, weil sie Energie hat.

Wobei sie felsenfest behaupten, nie einen von Jims berühmten Ausrastern erlebt zu haben. War er in ihrer Gegenwart etwa anders? Hat er sich bewusst zurückgehalten?
Wer weiß? Gegenüber mir und meiner Familie war er immer sehr nett. Und er wusste, wie man sich gegenüber Kindern verhält. Nicht, dass er sich auf ihr Level begeben hätte, aber er hat doch eine besondere Beziehung zu ihnen aufgebaut. Was daran lag, dass er frustriert über die Erwachsenenwelt war. Nicht so sehr mit mir, weil wir hauptsächlich über Filme redeten, die wir beide liebten. Aber ich hatte wirklich nie ein Problem mit Jim. Das einzige Mal, dass ich kurz davor war, Streit mit ihm zu bekommen, war, als wir eines Abends in einer Bar saßen. Da hat er einen nach dem anderen weggekippt, während ich mich an einem Glas Bier festhielt. Worauf er meinte: „Komm schon Jac, geh mal bis an die Grenzen.“ Und ich zu ihm: „Ich will keinen Idioten aus mir machen.“ Ansonsten hatte ich ihn schon auf Acid erlebt, was okay war. Aber Alkohol ist ein schreckliches Narkotikum, das ihn in etwas verwandelte, mit dem ich nichts zu tun haben wollte. Ich habe so viele Geschichten von meinen Mitarbeitern gehört, dass ich mir schwor, mich nie darauf einzulassen. Und auch in der Bar bin ich einfach aufgestanden und gegangen.

Wie hat er reagiert?
Gar nicht. Es war einer seiner berühmten Tests, denen er mich ständig unterzogen hat, um zu sehen, wie weit er bei mir gehen konnte. Wobei ich mir in der Situation sagte, dass ich ja gar keinen Test bestehen muss. Der größte Erfolg resultiert vielmehr daraus, ihn zu vermeiden. Das ist mir mit einem knackigen Satz gelungen.

Warum legt die App dann so viel Gewicht auf den Skandal-Auftritt in Miami, für den sich Jim später vor Gericht verantworten musste und erst posthum begnadigt wurde?
Weil er ein Wendepunkt in der Geschichte der Doors war. Jim hat damals viel getrunken. Und bei diesem Konzert sind all die Dämonen, die sich in ihm angehäuft hatten, explosionsartig zum Vorschein gekommen. Wobei ich aber nicht glaube, dass er wirklich getan hat, was man ihm vorwarf nämlich sich selbst zu entblößen. Das kann ich mir bei ihm ehrlich gesagt nicht vorstellen. Aber nach diesem Konzert wurden plötzlich alle anderen abgesagt und zwar überall. Weshalb ich sagte: „Lasst uns ins Studio gehen und ein weiteres Album aufnehmen.“ Das Ergebnis war MORRISON HOTEL, in das sie ihre gesamte Energie legen konnten. Von daher war Miami sehr, sehr wichtig.

Und die Geschichte wurde ja nie richtig erzählt. Ich meine, er soll da seinen Penis herausgeholt haben. Aber wenn man die Dokumentation wie die Fotos sieht und sich Jims Polizeiaussage durchliest, die wunderbar ironisch und doppeldeutig ist, dann gibt es keine konkreten Beweise, dass das wirklich so passiert ist. Deswegen haben wir das für die App auch in Form eines Comics dargestellt weil es gar nicht anders ging.
Dagegen fallen die jüngsten Ereignisse der Bandgeschichte komplett unter den Tisch: Rays und Robbys Tour als Riders On The Storm oder auch der Streit mit John über die Namensrechte. Passt das nicht ins Bild in ihr Bild der Doors?

Ich habe darüber nachgedacht. Aber ich habe auch gehofft, dass die App die Jungs wieder zusammenbringt. Was dann die Frage aufwirft: Warum etwas darstellen, das sie auseinander gebracht hat? Ich meine, ich habe meine eigenen Gefühle, was die Angelegenheit betrifft. Nämlich dass es nie zu diesem Prozess hätte kommen dürfen weil der Zwischenfall an sich nie hätte passieren dürfen. Aber das ist er nun mal. Und wenn man „The Door Unhinged“ liest, das neue Buch von John Densmore, das wirklich exzellent ist, kann man John auch verstehen. Er nimmt es genau so ernst, ein Door zu sein, wie Jim. John ist ein echter Door.

Und? Hat es die Jungs wieder zusammengebracht?
Zumindest reden sie wieder. Es ist auch höchste Zeit, dass das passiert. Denn die scharfen Kanten wurden langsam stumpf und gewisse Leute mussten einfach über ihren Schatten springen was dann auch geschehen ist.
Parallel zur Veröffentlichung der App hat iTunes sämtliche Doors-Alben neu abgemischt. Hört man das? Gibt es einen spürbaren Unterschied zur herkömmlichen CD- oder Vinyl-Veröffentlichung?

Das hängt davon ab, wie man es hört. Mit guten Kopfhörern und damit meine ich keine Ohrenstöpsel, die ja nicht das komplette Ohr abdecken lässt sich der Unterschied eindeutig feststellen. Und ich finde, dass iTunes da auch sehr clever ist. Sie sorgen quasi dafür, dass der Katalog zu neuem Leben erweckt wird. Wobei die App die Funktion übernimmt, den Konsumenten auf die beste verfügbare Version eines Doors-Songs hinzuweisen.
Wenn wir über Zahlen reden: Was verkaufen die Doors jährlich an Backkatalog?

Die Umsätze steigen stetig. Sprich: Aktuell liegen die Doors bei weit über 100 Millionen verkauften Alben. Und es kommen jedes Jahr ein paar Millionen hinzu. In Europa erreichen die Doors rund 65 Prozent des Publikums, das Musik kauft, in den USA 35 Prozent. Wobei in Europa viel mehr physisches Produkt gefragt ist. Gerade in Deutschland.

Wenn ihre Applikation mehr als nur ein unterstützendes Element für iTunes ist, inwieweit könnte sie den App-Markt verändern, der ja noch in den Kinderschuhen steckt? Sprich: Könnte die Doors App neue Standards setzen?
Absolut. Eine meiner großen Hoffnungen ist, so etwas wie eine Saat für die Zukunft zu säen. Denn der Grund, dass sich noch keiner richtig an Apps gewagt hat, ist, weil bislang niemand wirklich erfolgreich damit war. Und Plattenfirmen, die profitorientiert denken, lassen es halt links liegen, wenn sie damit nicht sofort Gewinn erwirtschaften. Nach dem Motto: Warum ein Risiko eingehen? Soll sich doch jemand anders auf diesem Gebiet austoben. Wenn es irgendwann funktioniert, kopieren wir es. Was traurig ist, aber wahr. Deshalb wollte ich da ein paar Möglichkeiten aufzeigen. Und die Doors sind die perfekte Band dafür. Ein- fach, weil sie alle Aspekte abdecken das Visuelle wie Film und Video. Aber weil Jim ein Schriftsteller war eben auch Text, der bei dieser App von David Fricke stammt. Man kann die Videos mit Audio-Schnipseln, Text, Fotos, Konzerttickets und Tape-Boxen kombinieren. Einfach, weil wir damals alles dokumentiert haben.

Allerdings müssen sie 40.000 Apps verkaufen, um ihre Unkosten zu decken…
Das ist richtig.

Haben sie keine Angst, dass die Fans das Ganze nur als Gimmick belächeln? Dass es beim Publikum durchfällt?
Da haben wir uns abgesichert, indem wir uns von vornherein an die sogenannten Überfans gewandt haben. Und die beiden Über-Überfans habe ich auch gleich an Bord geholt. Nämlich Len Sousa, den ich gebeten habe, die Zeitleiste Korrektur zu lesen. Und der tatsächlich über 20 Fehler gefunden hat, die dem eigentlichen Archivar der Doors durchgegangen sind. Denn Len hat die Informationen. Genau wie David Dukowski, der jetzt der neue Doors-Archivar ist. Ein großer Fan und unglaublich hilfreich. Er hat mir Zugriff auf Material ermöglicht, das nur er hatte. Und er hat mir Geschichten erzählt, die ich noch gar nicht kannte. Ich denke, ganz allgemein gibt es zwei Arten von Überfans: Diejenigen, die etwas offen umarmen und solche, die einfach nur kritisieren. Sprich: Es wird einige geben, die die App nur deshalb ablehnen, weil sie nicht so ist, wie sie sie gemacht hätten. Aber ich bezweifle, dass sie überhaupt die Möglichkeiten dazu gehabt hätten, weil da echtes Geld dahinter steckt, man ein komplettes Team braucht und es nicht leicht umzusetzen ist. Insofern denke ich, dass die meisten Fans damit einverstanden sein werden. Wir haben schließlich eine App entwickelt, bei der selbst derjenige, der meint, alles über die Doors zu wissen, noch etwas Neues entdecken kann. Und es wird immer mehr Material hinzukommen, weil es ein lebender, ständig wachsender Organismus ist. Also nicht wie ein Buch, eine CD oder eine DVD, die quasi fertig ist. Wenn man sich die jeweils neueste Version herunter lädt, verschwindet die alte. Man hat also nur noch die komplette neue App und zwar so lange, wie jemand die Energie hat, daran zu arbeiten.

Klingt, als würde sie das bis an ihr Lebensende binden…
Es ist eine Obsession, die mich definitiv lange verfolgen wird. Und es hat etwas von einer religiösen Erfahrung nämlich das Streben nach Perfektion in einer nicht perfekten Welt. Aber ich will es ja auch nicht anders egal, wie viel Arbeit es ist, oder wie viele schlaflose Nächte es mir beschert. Diese App bedeutet mir alles. Und ich will mein Bestes tun, um die Band am Leben zu erhalten. Einfach, weil sie so wichtig ist, weil sie alle menschlichen Facetten abdeckt und ich das mindestens einer weiteren Generation vermitteln will.

Demnach sind sie auf einer Mission?
Es ist eine Berufung, ja.

Neuigkeiten zu: John Lennon & Yoko Ono

Two Virgins

Nacktheit, so denkt der aufgeklärte und liberal sozialisierte Mitteleuropäer, ist etwas ganz Natürliches und daher beinahe zwangsläufig: schön. Ein Blick auf das Cover-Artwork von UNFINISHED MUSIC NO. 1: TWO VIRGINS, von John Lennon & Yoko Ono Ende 1968 veröffentlicht, legt indes eine dezidiertere Betrachtungsweise nahe: kommt drauf an. Damit keine Missverständnisse auftauchen: Gegen hüllenlose Menschen, die Plattenhüllen zieren, ist im Prinzip nichts einzuwenden, auch oder besser: erst recht! dann nicht, wenn sie dem Schönheitsideal der Abercrombie-And-Fitch-Faschos nur sichtlich eingeschränkt entsprechen. Als Lennon das Cover später mit den Worten bedachte: „Das Problem war nicht unsere Nacktheit, sondern unsere Hässlichkeit“, zeugte das zwar von gesundem Humor, ging an der Sache aber vorbei. Ein Problem war vielmehr die offensichtliche Selbstgefälligkeit der beiden ausführenden Künstler: „Hey, wir sind frisch verliebt, sexuell total befreit und noch dazu scheißberühmt, lass uns per Selbstauslöser ein Nacktfoto schießen und auf unsere Platte drucken.“ Das kann man machen, muss man aber nicht.

Auch nur so mittelschön: Das etwas zu offensichtliche Bestreben, zu schockieren. Okay: 1968. Sexwelle und so. Oswalt-Kolle-Filme, die den Kinobesucher darüber aufklären, dass selbst Frauen einen Orgasmus haben können, was man vor 1968 angeblich für undenkbar hielt. Aber Zeitgeist hin oder her: Dass ein Foto mit den primären Geschlechtsorganen eines echten Beatle und einer japanischen Fluxus-Künstlerin auch das Kauf-und Medieninteresse an einem ansonsten ernüchternd uninteressanten Album wecken sollte, liegt auf der Hand. Denn sie wussten genau, was sie tun. Übrigens: Auf der Rückseite sieht man die beiden von hinten. Auch nicht besser.

Text:
Uwe Schleifenbaum

Zeitzeichen: Elvis Presley empfängt Led Zeppelin

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elvis presleyNach einem lockeren Backstage Treffen lag Euphorie in der Luft zur Supergroup kam es dennoch nicht

Der 11. Mai 1974 ist ein denkwürdiger Tag. Jimmy Page, Robert Plant und John Bonham sind Gäste beim Elvis-Konzert im Los Angeles Forum. Mitten im Set hält Elvis inne und sagt zu seiner Band: „Wartet einen Augenblick. Wenn wir den nächsten Song beginnen, dann spielt bitte ganz exakt, denn da draußen sitzen Led Zeppelin … wir sollten das, was wir tun, auch richtig gut machen.“ Elvis will sich vor der Band nicht blamieren, die damals mehr Tickets in Amerika verkauft als er. Beide Giganten werden zu dieser Zeit von Promoter Jerry Weintraub betreut, der die britischen Hardrocker nach der Show zu Presley in die Hotel- Suite geleitet. Robert Plant erinnert sich: „Wir gingen durch unendlich lange Hotelflure, bis wir endlich ankamen. Der King war jetzt nicht so groß, wie ich ihn mir vor- gestellt habe, aber er hatte natürlich eine ideale Statur, um große Songs zu schmet- tern.“ Jimmy Page scherzte mit Elvis, sagte mit ironischem Unterton, dass sich Led Zeppelin nie viel Mühe mit den Sound- checks vor ihren Konzerten geben. Aber wenn, würden nur Elvis-Songs gespielt. Das fand Presley amüsant und fragte Plant, was denn sein liebster Elvis-Song sei. „Ich sagte“, so Plant, „dass ich die Lieder am meisten mag, die ein großes Stimmungs-Spektrum aufweisen, so wie ›Love Me‹, und summte ihm die Zeilen ‚treat me like a fool, treat me mean and cruel, but love me’ vor.“ Elvis schaute nachdenklich und brach dann in Gelächter aus. „Wir hatten erleuchtende und heitere 90 Minuten bei diesem Treffen“, sagt Plant. Bonham wollte unbedingt ein Autogramm haben, was Elvis mit den Worten abschmetterte: „Du bekommst nur eins, wenn du mir auch eins gibst.“ Außerdem soll Elvis bei diesem Treffen gesagt haben, dass er den Song ›Stairway To Heaven‹ mag. „Als wir gingen“, so Plant, „war ich auf dem Weg den Gang hinunter. Plötzlich steht Elvis im Türrahmen, schaut zufrieden runter und fängt plötzlich an ›Love Me‹ zu singen.“ Ein magischer Moment. Plant: „Die Leute in seinem Umfeld hatten keine Ahnung von zeitgenössischen Songwritern. Es war schwierig für ihn, aber er steckte kreativ in der Sackgasse. Er hätte Impulse von außen gebraucht, aber seine Berater dachten nur an ‚Dienst-nach-Vorschrift’. Aber man darf nicht vergessen: Elvis hat für uns alle den Weg geebnet.“.

The Rides – Generationvertrag

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Stephen_Stills_2_credit_Eleanor_StillsBeziehungen mit großem Altersunterschied funktionieren eben doch!

Als Fans des klassischen Rock wissen wir es: Gute, echte Musik ist so zeit wie alterslos. Es spielt keine Rolle, woher oder aus welcher Zeit sie kommt und das gilt gleichermaßen für die Menschen, die sie spielen. Weswegen bei The Rides der 35-jährige Kenny Wayne Shepherd auf Stephen Stills (68) und Barry Goldberg (70) trifft und dabei fulminante Resultate erzielt. Denn über alle Generationsklüfte hinweg vereint die drei Vollblutmusiker eines unzertrennbar: ihre Liebe zum guten alten, pardon: unsterblichen Blues. Alle drei haben ihn im Blut: Shepherd, der schon seit Jahren Awards abräumt, als Gitarrengott gilt und entscheidend für die Renaissance des Genres mitverantwortlich gemacht wird, das er nach jahrelanger Durststrecke wieder in die höchsten US-Chartregionen führte. Stills, der als ein Drittel von Crosby, Stills & Nash wahrlich niemand mehr vorgestellt werden muss. Sowie Goldberg, der schon an der Seite von Legenden wie Muddy Waters, Howlin‘ Wolf und Bob Dylan in die Tasten gehauen hat und seinen Platz im Pantheon des Rock ebenso sicher zementiert hat. Und wie hört sich ihr Albumdebüt CAN‘T GET ENOUGH nun an? Exakt so, wie es das illustre Personal und der Titel vermuten lassen: Dies ist ein Fünf-Sterne-Mahl für Blues-Liebhaber, nach dem sie sich noch lange die Finger lecken werden. Zumindest so lange, bis das Trio sich auch live in unseren Breiten blicken lässt.

Das letzte Wort: Brad Kinsella ( KOPEK )

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SONY DSCNach einem Nummer-1-Hit mit ›Running Scared‹ in den U.K. Charts, der sich fünf Wochen auf der Pole Position hielt, sowie einer kürzlich absolvierten Tour als Support Act der Toten Hosen, befinden sich Kopek derzeit im Studio, um den Nachfolger ihres von Kritikern und Fans mit Lob überhäuften Erstlings WHITE COLLAR

LIES einzutüten. Der Erfolg kam für die irische Band allerdings nicht über Nacht: Sie gingen einen Umweg über die USA, um dann auch auf dem alten Kontinent Fuß zu fassen. Bassist Brad Kinsella sprach zwischen den Recording Sessions mit CLASSIC ROCK über die aktuelle Situation der Musiklandschaft, Downloads und die feine Linie zwischen Inspiration und Kopie.

In euerem Song ›Love Is Dead‹ erklärt ihr mir nichts dir nichts alle Musikgenres für tot – ist dies ein Scherz oder tatsächlich euer derzeitiger Standpunkt zum Business?
Es ist zumindest ein Teil unserer Sicht- weise. Als wir dieses Stück vor drei Jahren komponierten, waren wir in einer beschissenen Situation. Meine Bandkollegen und ich hatten kein Geld, die Plattenfirmen knallten uns, bevor wir über- haupt was sagen konnten, die Türen vor der Nase zu und der substanzlose Mist, der im Radio lief, schien die einzige Art von Musik zu sein, mit der man in die- sen Tagen überhaupt sein Geld verdienen konnte. Der Track entstand dem- entsprechend mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch. Die Industrie hat sich in der letzten Dekade so drastisch geändert, dass es für neue, ernst- zunehmende Gruppen einfach weniger bis überhaupt kein Budget gibt, um sie aufzubauen, geschweige denn vernünftig zu promoten.

War das der Grund, warum euer Debütalbum WHITE COLLAR LIES erst zwei Jahre nach dem US-Release auf iTunes in Europa in den Läden stand?
Absolut! Genau das war das Problem! Überleg mal, warum sich viele von den guten, etablierten Bands einen Dreck um die Veröffentlichung von neuem Material scheren. Wenn sie heute junge, aufstrebende Musiker wären, würden sie dann überhaupt eine Chance bekommen?! Ich meine, wir selbst spielen ja auch Classic Rock und stellen uns oft die Frage, ob die großen Led Zeppelin in diesen Tagen einen Plattenvertrag bekommen würden…bei dem, was zur Zeit im Musikgeschäft vor sich geht!

Was denkst du, warum es soweit kam? Waren illegale Downloads der Auslöser oder vielmehr die Tatsache, dass die Plattenfirmen nicht die Zeichen der Zeit erkannten?
Meiner Meinung nach ist es eine Kombination aus beidem. Die Labels sahen keinen Anlass sich zu ändern, denn sie betrachteten diese „Nerdspielerei“ namens Downloading anfangs nicht als Problem. Heute kratzen sie sich natürlich am Kopf, wie man dieser aus den Fugen geratenen Situation Herr werden kann. Diese Gedanken kommen allerdings viel zu spät, deswegen braucht sich niemand zu wundern, dass heute viele Talente, die wirklich das Zeug haben ganz groß zu werden, keinen Vertrag oder zumindest die Option auf einen bekommen. Ich bin sehr gespannt, ob diese immer noch gewaltigen Unternehmen über kurz oder lang eine Lösung finden…
Wenn du jetzt in diesem Moment spontan die Chance hättest, eine Sache in der Musikgeschichte zu ändern…
Au weh, lass mich mal eine Sekunde nachdenken…eine Sache…hmmm… vielleicht die Existenz von Justin Biber! Das wäre ein sehr guter Start! (lacht)

In der Tat! Wenn wir jetzt weg vom Plastik Pop gehen und zum Rock zurückkehren: Was denkst du über Bands, die einen gewissen Sound 1:1 kopieren und sich quasi mit fremden Federn schmücken?
In Ansätzen finde ich das vollkommen ok, allerdings gibt es einen schmalen Grad zwischen Inspiration und – wenn man es so ausdrücken möchte – dreistem Diebstahl! Womit ich ein wahnsinnig großes Problem habe sind Gruppen, die sich wie 60s- oder 70s-Acts anhören, kleiden und sogar deren Verhalten in Interviews und der Öffentlichkeit kopieren. Was soll das? Solche Typen bringen nichts Neues auf den Tisch und strecken lieber ihre Füße unter einen bereits gedeckten. Gerade heutzutage mit der Technik, die uns aktuell zur Verfügung steht, ist es lächerlich, einfach abzukupfern. Man sollte sich und seine Musik immer weiterentwickeln und nicht auf der Stelle treten! Led Zeppelin oder AC/DC wurden nicht diese „larger than life“, indem sie etwas nachäfften! Eines sollten sich diese „Copy/ Paste“ Künstler in ganz großen Lettern in ihren Proberaum schreiben: Ihr werdet nie so gut wie das Original sein!

Was denkst, wo der Hund begraben liegt? Sind Kids heutzutage weniger kreativ oder ist die derzeitige Medienlandschaft schuld?
Die Kreativität existiert immer noch. Auf Tour treffen mir teilweise wirklich unglaublich gute Musiker. Allerdings ist es heute schwerer, sich einen Namen zu machen. Die Möglichkeiten sind im Moment fast unbegrenzt, deswegen gibt es da draußen einfach zu viele Künstler – oder solche die es sein wollen. Der Markt ist so überflutet, dass es schier unmöglich ist, überhaupt ansatzweise einen Überblick zu bekommen. Ich hoffe wirklich, dass es irgendwann zum Knall kommt und sich Qualität wie- der durchsetzen wird.

December Peals – Eigenständig

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december-peals-029Ibbenbüren ist nicht eben das, was man einen weißen Fleck auf der deutschen Musik-Landkarte nennt. Hier ist eines der größten hiesigen Versandhäuser für jedwedes Musik-Equipment beheimatet, außerdem stammt die renommierte Alternative-Rock-Band Donots aus dem kleinen nordrhein-westfälischen Städtchen in der Nähe von Osnabrück. Aber die Donots sind eher ein Thema, über das Toby Richter, Bassist der Gruppe December Peals, eigentlich nicht mehr sprechen möchte: „Besonders in unseren Anfangstagen gab es ständig Vergleiche mit den Donots. Irgendwann nervte es uns natürlich, andererseits: Durch sie konnten wir lernen, wie die Schattenseiten des Erfolgs aussehen können. Guido von den Donots hat‘s uns erklärt, als er sagte: ‚Seid froh, ihr braucht wenigstens keine Radiosingles von genau drei Minuten Spielzeit schreiben, sondern seid künstlerisch frei‘.“

Diese Freiheit haben sich December Peals auch mit ihrem aktuellen Album COME HELL OR HIGH WATER in gleich zweierlei Hinsicht genommen: Einerseits lassen sie sich von keinerlei stilistischen Grenzen ausbremsen, rocken Punk ebenso wie im Stil der Siebziger, Achtziger und Neunziger, um gleichzeitig die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen: „Das Stück ›Still Water Runs Deep‹ ist für uns ungewöhnlich bluesig und ruhig geworden“, erläutert Richter, „ich denke, dass man hier den weiteren Weg der December Peals bereits hören kann. Also weniger Tralala, sondern mehr ernsthaft und tiefschürfend.“

Damit diese Zukunft möglichst rosarot glänzt, hat die fünfköpfige Band schon jetzt ihre eigene Plattenfirma gegründet. Das Label nennt sich „Lighthouse Recordings“ und wird von allen Bandmitgliedern gleicher- maßen betrieben. „Jeder hat seine spezielle Aufgabe, unser Sänger Andy (Andreas Loba, Anm. d. Verf.) macht beispielsweise das Management, ich dafür Buchhaltung und Organisation. Durch diese Aufteilung wird die Arbeit für den Einzelnen nicht zum Nackenbrecher.“ Apropos: Den Nacken brechen wird die Musik der December Peals ihren Fans sicherlich nicht, aber einen gehörigen Muskelkater im Halsbereich kann man vom heftigen Kopfnicken zu den griffigen Rocksongs sehr wohl bekommen.

Okta Logue: Darmstadt, Central Station

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Okta Logue 1 @  Sandra GÅntherEinmal Super, bitte

Nach Darmstadt muss man fahren. Okta Logue jedoch sind Söhne der Gegend um Darmstadt herum, jener Straßen und Stellen, die selber den Eindruck erwecken, sich zu einem Irgendwas in der Nähe des Frankfurter Flughafens zu ballen. Dies ist kein Diss. Nur der Anfang des Road Movies, der einer Band wie Okta Logue gut zu Gesicht steht, ihrer Souveränität, ja Lässigkeit.

Als Sänger und Bassist Benno Herz das Publikum der Central Station begrüßt, wird diese Bereitschaft spürbar: Strahlen muss es. Denn es ist die offizielle Live-Premiere des zweiten Albums, TALES OF TRANSIT CITY. Für ›Mr. Busdriver‹ posiert die komplette Band Bees Village als Background-Chor, die zuvor als Support gespielt hat. Sie sind Freundinnen und Freunde von Okta Logue. Wer die Selbstverständlichkeit erlebt hat, mit der das Quartett den sonnigen, übermütigen Refrain von ›Mr. Busdriver‹ in tausend bunten Gesangsfarben erstrahlen lässt, wird diesen Song nicht mehr vergessen. Auch die Situation nicht, in der er gespielt wurde. Nicolai Hildebrandt an der Orgel und am Schlagzeug Robert Herz, der Bruder von Sänger Benno: Asse sind sie ohnehin. Doch es geht weiter bei Okta Logue, ihren Landschaften aus Sound, ihren gewitzten Drei Minuten. „Wir lassen uns von Flugzeuggeräuschen beeinflussen“, so etwas in der Art haben sie mal über ihre Stücke gesagt. In einem dieser Okta Logue-Momente, ein langsam einsetzendes Dröhnen, das anschwillt und dann auf Berg und Talfahrt geht, bewegt der unfassbar toll ausschauende Philip Meloi seine Hand vom Körper der Gitarre hin zu den Saiten. Was jetzt folgt, ist ein glasklarer Ton, der im Vordergrund bleibt, sich aber nach hinten ausdehnt und mittels WahWah auch nach oben und unten. So wurde der Song ›Chase The Day‹ zum Dokument der langsamen Hand, neueste Version, 360 Grad. Zu den Zugaben gehört ein Neil Young-Stück, den so viele nun auch nicht covern sollten. Okta Logue schon.

Der Abend ist also nicht gut, eher super. Super Band auf der Bühne, und diese Feierlichkeit wie auf einem riesigen Geburtstag… herüber ins Heute gerast in einem roten VW Käfer aus einer Zeit, in der das Wort „super“ erfunden und auf Kaugummis rumknatschend ausgesprochen wurde. Auf dem Heimweg sucht sich das Auto eine Tankstelle in knallenden Farben und Pilzsäulendach über den Zapfhähnen.

 

Frank Turner

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Frank Turner - CMS SourceIch war nie Freddy Mercury

,,Hear ye, hear ye, punks and skins and journeymen…” singt Englands neuer Superstar in Sachen Folk-Punk, Frank Turner, in seiner letzten Zugabe ›I still believe‹. Eine bessere Umschreibung des kleinen Kreises von Turner-Jüngern, die sich erwartungsvoll in der Kölner Kulturkirche einfinden, kann man nicht liefern. Was ist so Besonderes an Frank Turner und seiner Backingband, den Sleeping Souls, dass Skinheads und kleine Emo-Punk-Mädchen einträchtig nervös von einem Fuß auf den anderen hibbeln? Nichts, wenn man dem Sänger aus Essex im Südosten Englands glaubt. Für ihn sind alle Musikfreunde gleich egal, ob sie auf oder vor der Bühne stehen. Diese Einstellung trägt Turner seit dem Beginn seiner holprigen Karriere vor sich her wie einen Gral, und man glaubt es ihm auch noch, wenn er längst in seinem Heimatland die Wembley-Arena mit einem Fingerschnippen ausverkauft. Diese Sympathie und eine kleine, wunderschöne evangelische Kirche schaffen das Fundament für einen denkwürdigen Abend. Die beiden Vorbands aus dem Rockabilly-Punk-Segment sorgen zunächst für gute Stimmung bei den meisten Anwesenden, doch dann hat Frank Turner keine Mühe, noch ein paar Schippen draufzulegen. Eine ausgewogene Setlist, die sich über alle Alben erstreckt und mit ›If I Ever Stray‹, ›Photosynthesis‹ und ›Try This At Home‹ genügend Hits enthält, führt zu Begeisterungsstürmen und vom Publikum initiierten Mitsing-Parts. Die Musiker sind sichtlich beeindruckt von der Textsicherheit des deutschen Publikums und zollen auch der ungewohnten Umgebung Tribut: Aus Respekt vor der nach wie vor als Gotteshaus genutzten Location fliegt das religionskritische ›Glory Hallelujah‹ aus dem Set. Doch bevor auch nur der Hauch von Enttäuschung aufkommt, wir das reguläre Set durch fünf Songs verlängert und mit dem grandiosen Tom-Jones-Cover ›Delilah‹

und der England-Hymne ›Wessex Boy‹ für strahlende Gesichter gesorgt. Zwischendurch bleibt zudem noch genügend Muße für Anekdoten aus Frank Turners Freundeskreis oder das Vom-Blatt-Absingen einer deutschen Übersetzung von ›Eulogy‹. Ein ganz starker Auftritt in denkwürdigem Rahmen, über den bei einigen Stangen Kölsch vor den Kirchentoren noch lange gefachsimpelt wurde.