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VENOMOUS MAXIMUS – Musik als zweites Herz

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Venomous Maximus 2013 (2)Sie wärmten bereits zahlreiche US-Bühnen für Großkaliber wie Down, Saint Vitus und Guns N’ Roses auf. Jetzt nehmen Venomous Maximus mit BEG UPON THE LIGHT den Rest der Welt ins Visier.

Venomous Maximus fühlen sich zwischen 70er-Doom-Rock und 80er-Heavy-Metal heimisch: Auf ihrem Debüt BEG UPON THE LIGHT erkennt man allerlei Anleihen bei solch stilprägenden Veteranen wie Uriah Heep, Black Sabbath, Blue Cheer, Thin Lizzy, Dokken, Pentagram, Saint Vitus, ZZ Top, Mercyful Fate und Danzig.

„Als wir Venomous Maximus 2010 gründeten, sprachen wir viel über Captain Beyond und Uriah Heep“, blickt Sänger und Gitarrist Gregg Higgins zurück. „Einen beachtlichen Teil unseres Charakters formten wir aber, indem wir eben nicht nur die Hits von Größen wie Blue Öyster Cult oder Judas Priest hörten, sondern auch ihre unbekannteren Stücke bis ins Mark analysierten. Anstatt wie es in den 90ern gang und gäbe war krampfhaft etwas Originelles anzustreben, sollten Newcomer ohnehin lieber versuchen, die Essenz der alten Helden einzufangen und das einst Begonnene zu erhalten.“

Düster-dreckiger Doom Rock der 70er, Heavy Metal der 80er, dazu Texte über Reinkarnationen, Erleuchtungen, Déjà-vu-Erlebnisse, Geister und Träume auf den ersten Blick ist man versucht, Venomous Maximus als Trittbrettfahrer des aktuell hoffnungsvoll überfüllten Occult-Rock Zugs abzustempeln. Doch weit gefehlt: Im Gegensatz zu manch anderen Nachwuchsbartträgern betrachten die Texaner ihre Musik nicht als Modeerscheinung, sondern früh angeeignete Lebenseinstellung.

„Seine persönliche Musikrichtung wählt man schon als Kind“, ist der hauptberuflich als Tätowierer arbeitende Higgins überzeugt. „In jungen Jahren ist dein Geist noch nicht geformt, und du entscheidest völlig frei.
Das ist das Tolle am Kindsein: Auf völlig natürliche Weise entscheidest du dich für das, was dich am meisten bewegt. Welche Art Mensch du sein und welches Leben du führen wirst ich bin der Überzeugung, dass alles vorbestimmt ist. Meine Lieblingsmusik betrachte ich als Lebens-Soundtrack: Beides sollte miteinander Hand in Hand gehen. Musik gab mir Freiheit und ein Gleichgewicht, welches mein Leben rettete. Vor Venomous Maximus’ Gründung hatte ich in einem tiefen Loch gesteckt. Die Band half mir, mich wieder auszugraben. Diese Erfahrungen verarbeite ich in unserer Musik. Sie ist wie mein zweites Herz.“

Nach zwei EP-Veröffentlichungen GIVE UP THE WITCH (2010) und THE MISSION (2011) wollten Venomous Maximus auf ihrem ersten Langspieler unbedingt neue Ideen ausprobieren, mit unterschiedlichen Klängen experimentieren und ihre eigenen Grenzen ausdehnen. Um BEG UPON THE LIGHT auf die Beine zu stellen, schwitzte die Formation über vier Monate hinweg tage- und nächtelang im Aufnahmeraum.

„Im Mittelpunkt stand die Erschaffung eines echten Albums: Wir betrachteten BEG UPON THE LIGHT von vornherein wie einen Film mit reibungslos ineinander überfließenden Szenen“, erzählt Gregg. „Ich bin stolz auf das geschaffene Gleichgewicht: Die Platte ist nie zu hart, nie zu weich und beinhaltet genau die richtige Menge an Songs. Sämtliche Details der Titel, des Artworks sowie der verwendeten Farben harmonieren mitei- nander. Das für uns Wichtigste ist von jeher, Musik zu machen, die den Test der Zeit besteht. Meiner Meinung nach stehen die Chancen diesbe- züglich für BEG UPON THE LIGHT sehr gut.“

Andrew Stockdale – Weiter, immer weiter!

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andrew-stockdale-keep-moving-4569„Wer ist denn Andrew Stockdale? Ach richtig, der Sänger von Wolfmother! Der ist jetzt also solo unterwegs?“ So dürfte es einigen Rockfans gegangen sein. Schließlich gab sich der ehemalige Leitwolf auch allerhand Mühe, um Verwirrung zu stiften.

Noch unter dem alten Namen Wolfmother wurde in den letzten Jahren an KEEP MOVING gearbeitet. Da sich die Bandbesetzung während der Aufnahmen änderte, nahm Stockdale das bereits fertige Material noch ein zweites Mal auf. Erst danach entschied er sich, immerhin das einzige verbliebene Gründungsmitglied, die 17 Stücke unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen. „Nun, ich wollte schon immer ein Album, das ich gemacht habe, auch unter meinem Namen veröffentlichen. Es haben zwar einige Leute daran mitgewirkt, Wolfmother aber klingt, als sei es eine Band. Das hier war wirklich wie ein Soloprojekt mit der Unterstützung anderer Künstler. Ich fand, ich musste einfach mal Farbe bekennen und es als mein Soloalbum bezeichnen. Das kam mir ehrlicher vor“, erklärt der langsam und ruhig sprechende Lockenkopf.

Nun, da er endlich alle Lorbeeren für sich einheimsen kann, verkündet Stockdale stolz, zum ersten Mal ein Album gemacht zu haben, das ihm wirklich gefalle. Was doch reichlich despektierlich gegenüber seinen alten Kollegen klingt, weiß der australische Hippie aber zu relativieren: „Ich mag die anderen Alben schon auch. Aber früher fand man sich mit Entscheidungen ab, um die anderen in der Gruppe zufrieden zu stellen und war unter Zeitdruck, um die Studiotermine einzuhalten. Diesmal konnte ich alles so weit verbessern, bis ich zufrieden mit meiner Arbeit war.“ Trotz der veränderten äußeren Umstände werden sich die Wolfmother-Liebhaber aber nicht vollends von KEEP MOVING vor den Kopf gestoßen fühlen. „Dieses Album ist trotzdem kein großer Richtungswandel. Ich habe stets alles, was ich zu geben hatte, in die früheren Alben gesteckt. Und ich bin ja noch immer dieser Typ, der singt und Gitarre spielt. Insofern wird schon eine gewissen Kontinuität erkennbar sein“, beruhigt der Rudelführer seine Anhänger.

Einige neue Wege habe der Solomann aber doch eingeschlagen: „Die Platte hat diesen abgefahrenen Groove, der dich anspringt und packt. Außerdem liebe ich seinen Banjo-Boogie-Rock-Vibe! Weil ich es selbst aufgenommen habe, hielt ich es so roh und unbearbeitet wie möglich. Ich hoffe, dass das auch für die Leute etwas Erfrischendes hat.“ Thematisch befindet sich der nachdenklicher gewordene Rock‘n‘Roller mit KEEP MOVING auf einer Art Walkabout: „Eines der zentralen Motive auf dieser Platte beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass es einem hilft, einfach mal wegzugehen. Danach geht es einem besser. Oft kann man richtig Ballast loswerden, indem man sich einfach ins Auto setzt und losfährt, in eine andere Stadt kommt und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen kann. So kann man sich neu definieren und selbst wieder mögen.“ Stockdale führte diese Reise raus aus der Stadt und in den beschaulichen Bade- ort Byron Bay, wo er seit einiger Zeit lebt. Das idyllische Auffangbecken für alternative Künstler habe dann auch erheblichen Einfluss auf seine Arbeit ausgeübt. „Dadurch fiel eine Menge Druck von mir ab. Ich muss mich jetzt nicht mehr so ernst nehmen und kann dadurch auch bessere Songs schrei- ben. Jetzt fahre ich durch unser Städtchen und denke mir: ‚Wow, das ist wunderschön!‘ Diese Energie will ich in den Rest der Welt tragen“, so Stockdale über die musikalische Suche nach seinem wahren Selbst – die für ihn mit KEEP MOVING gerade erst begonnen hat.

42 DECIBEL

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Studio 2011Anfang 2010 in Buenos Aires von Schlagzeuger Nicko Cambiasso und Sänger/Leadgitarrist Junior Figueroa gegründet, veröffentlichen 42 Decibel nach einem Demo und zahlreichen Auftritten nun ihr Debütalbum.

Der Titel ist Programm: HARD ROCK’N’ROLL steht für Geradeaus-Rock mit starken Parallelen zu AC/DCs bluesiger Frühphase.

Ein begeisterter Nicko Cambiasso eröffnet das CLASSIC-ROCK-Gespräch: „Mich faszinieren die Energie und die Art, mit der die australischen Rock- Bands der 70er komponierten. Bei uns zu Hause lief ständig australischer Rock. Schon in Kindestagen hörte ich AC/DC, The Angels, Stevie Wright und alle möglichen Künstler, die mit dem Komponisten und Produzentenduo Vanda & Young in Verbindung standen. George Young und Harry Vanda waren sehr wichtig für meine Einführung in die Musikwelt: Dank ihrer Arbeit grub ich mich tiefer in die Materie ein und entdeckte etliche Gruppen, die mich später maßgeblich beeinflussen sollten. Zu den wichtigsten zählen sicherlich Rose Tattoo. Auch The Aztecs und Coloured Balls bliesen mich auf Anhieb um. Als ich ihre ausufernden, überwältigenden Jam-Arien in Stücken wie ›Gangster Of Love‹ und ›God‹ hörte, wurde mir klar, dass ich eine Band mit dieser Energie und diesem Klang gründen sollte.“ 2006 begab sich Cambiasso letztendlich auf die Suche nach Mitstreitern: Er gab Anzeigen auf und lud unzählige Musiker zum Vorspielen ein. Vergeblich: Niemand wurde seinen Ansprüchen gerecht. „Nach einem Jahr resignierte ich und trat einer Psychedelic-Band bei“, blickt er zurück. „Doch als ich AC/DC auf ihrer 2009er-Europa Tour hinterher reiste und erstmals die Rock-Szene außerhalb Argentiniens kennen lernte, wurde mein großer Wunsch plötzlich wieder stärker: Ich war bereit, meiner eigenen Gruppe eine neue Chance zu geben. Zurück in Argentinien, fand ich 2010 heraus, dass Sänger Junior Figueroa seine Band verlassen hatte. Ich kontaktierte ihn sofort. Wir gaben uns in Anlehnung an die Textzeile ‚There was a 42 decibel rockin’ band‘ aus dem Titelstück unseres gemeinsamen AC/DC-Lieblings-Albums LET THERE BE ROCK den Namen 42 Decibel. Einige Monate später stießen Bassist Chris Marck Towers und Rhythmusgitarrist Billy Bob Riley zu uns zwei hervorragende Musiker, die dem Projekt in Sachen Klang und Persönlichkeit ihren letzten Schliff gaben.“

Wenngleich AC/DC aus jeder Pore der trocken knarzenden Geradeaus-Rhythmusfraktion quillen und Figueroas Stimme Bon Scott zu einem Vaterschaftstest veranlasst hätte, blicken 42 Deci- bel weit über den Tellerrand hinaus. „US-Künstler wie Creedence Clearwater Revival, MC5, Lynyrd Skynyrd und Chuck Berry prägen uns ebenfalls“, betont Cambiasso. „Wir hören privat alles Mögli- che und begeistern uns auch für neuere Bands wie Free Fall, Buffalo Killers, Johnny Crash, Stone Axe, Wolfmother und Dragonauta. Als 42 Decibel konzentrieren wir uns jedoch auf den klassischen Klang der 70er. Wir versuchen einfach, uns unserer Wurzeln zu besinnen und die Musik zu machen, die wir selbst gerne hören. Das Ergebnis klingt nach alter Schule: klassisch, geradeaus, authentisch.“

„Unser größtes Anliegen ist es, Songs mit guten Melodien, eingängigen Refrains, überwältigenden Riffs, klaren Basslinien, einem starken Gitarrenklang und dicken Grooves zu schreiben“, klinkt sich Sänger Junior Figueroa ein. „Um konstante Spannung in unseren Kompositionen sicherzustellen, jammen wir bis zur völligen Erschöpfung, suchen nach den bestmöglichen Übergängen und merzen überflüssigen Ballast gnadenlos aus. Von Anfang an achten wir penibel darauf, die Lieder so anzulegen, dass sie auf der Bühne reichlich Energie freisetzen.“

Nur konsequent also, dass 42 Decibel HARD ROCK’N’ROLL im Studio komplett live einspielten. „Dies ist für uns die einzige Möglichkeit, unsere Energie auf natürliche Weise einzufangen“, so Cambiasso. „Außerdem kamen ausschließlich alte Hilfsmittel zum Einsatz: Tonbandgerät, Verstärker, Gitarren und Schlagzeug stammen allesamt aus den 70ern. Wir versuchten, unser Debüt genau so aufzunehmen, wie es die großen Bands in analogen Zeiten vorgemacht haben. Denn unserer Meinung nach muss Rock einfach auf diese Art und Weise produziert werden.“

Für ein optimales Klangerlebnis legt Cambiasso seiner Hörerschaft natürlich die HARD ROCK’N’ROLL-Doppel-LP-Variante ans Herz. „Ich sammle seit vielen Jahren Vinyl“, strahlt der Schlagzeuger. „Besonders Scheiben von Rose Tattoo, AC/ DC, Lynyrd Skynyrd, Motörhead, Thin Lizzy, Status Quo und den Rolling Stones. Die Veröffentlichung unseres eigenen Albums auf Vinyl gleicht einem wahrgewordenen Traum.“

Textlich erweisen sich 42 Decibel als ebenso kneipenfest wie in musikalischer Hinsicht. ›Rocker Soul‹ steht als Symbol für die Band-Philosphie, darüber hinaus liefern die Südamerikaner allerlei Gesprächsstoff für Männerabende in verschwitzten, bierbefleckten Feinripp-Unterhemden: Die Themenauswahl

reicht von Wut (›Addicted To Rage‹) und Sex (›Gimme A Drink‹ fungiert als Anleitung zum Schöntrinken hässlicher Frauen) über Spaß auf zwei Rädern (›Born To Ride Alone‹) bis zu Hochprozentigem (›Scotch Drinker‹).
„Ich singe über Anekdoten oder Dinge, die wir gerne einmal erleben würden“, grinst Figueroa und verrät: „Für ›Drinkin’ Margaritas‹ ließ ich mich vom Adam-Sandler-Film ‚Bulletproof’ inspirieren. Darin sagt einer der Charaktere: ‚I’m going to Cabo, drinking margaritas, banging senoritas‘. ›Take Me‹ basiert wiederum auf einer Konversation aus der Fernsehserie ‚Two And A Half Men’. Als seine Haushälterin ihn fragt, wohin er gehen wolle, antwortet Charlie Sheen: ‚I don’t know. Someplace where the bottles are full and the women are empty‘. Diese Ansage erschien mir als eine ziemlich coole Refrain-Idee.“ Mit ihrem Faible für 70er-Rock und Männerthemen befinden sich 42 Decibel 2013 in bester Gesellschaft: Airbourne mischen die Charts in aller Welt auf, im Untergrund scharren unzählige Gleichgesinnte mit den Hufen. Eine Entwicklung, die Cambiasso nur begrüßen kann: „Dass viele Menschen Wurzelkunde betreiben, finde ich absolut großartig“, sagt 42 Decibels Chef abschließend. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem sich Legenden nach und nach auflösen oder zurückziehen. Jemand wird die entstehenden Lücken füllen müssen. Glücklicherweise gibt es eine Menge junger Bands, die für diese Aufgabe prädestiniert scheinen. Das Gros der modernen Musik unserer digitalen Ära betrachte ich einfach nur als flach. Wir brauchen mehr Rock’n’Roll.“ Amen!

Graham Bond

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Photo of Graham Bond OrganisationGraham Bond, der Okultist. Der seine Hammond-Orgel prügelte, Drogen nur so aufsog und mit 36 starb, ist Der Große Vergessene des 60s Rock. Zeit, ihn wieDer in Erinnerung zu rufen.

Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung war optimistisch, sogar enthusiastisch. „Ich fühle mich großartig. Ich bin clean. Ich habe mit allem aufgehört und freue mich darauf, mich wieder an die Arbeit zu machen.“ Es war Dienstag, der 7. Mai 1974, und Graham Bond rief im Büro des „NME“ an, um ihnen dafür zu danken, dass sie kurz zuvor ein altes Foto von ihm abgedruckt hatten. Nach einem höflichen Gespräch stimmte die Zeitung zu, ihn in den nächsten paar Tagen zu interviewen. Bond legte auf. Nichts ließ vermuten, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. 24 Stunden später war Bond tot, zerquetscht unter den Rädern einer U-Bahn an der Haltestelle Finsbury Park in London. Es dauerte zwei Tage, bis die Polizei seinen Körper identifizieren konnte, und selbst das nur aufgrund seiner Fingerabdrücke. Er war 36.

Es war ein seltsames, blutiges Ende eines seltsamen, unvorhersehbaren Lebens. In seinem Zenit Mitte der 60er war Graham Bond ein echter Innovator und eine der Schlüsselfiguren der britischen Musikszene. Als die treibende Kraft hinter der Graham Bond Organization zerrte er den traditionellen Jazz aus seinem verstaubten Versteck und verlieh ihm mit einer starken Dosis Blues und heulendem R&B neue Sprungkraft. Eine Reihe großer Talente ging auf dem Weg zu größerem Erfolg bei Cream, Blind Faith, dem Mahavishnu Orchestra oder Colosseum durch die Ränge dieser Band.

Als Orgelspieler und Altsaxofonist war Bond eine Urgewalt. Er definierte die Rolle des Key- boards in seiner Zeit bei der GBO neu, wo sich seine Energie und überlebensgroße Persönlichkeit in seinem furiosen Spiel und dem Seelenschmerz in seiner rohen Singstimme widerspiegelten. Sein ausladender Körperbau und später noch ein Bart machten ihn zu einer imposanten Erscheinung. „Man konnte ihn in einer Menschenmenge nicht übersehen“, sagt Jack Bruce, der mit dem GBO-Kollegen Ginger Baker Cream gründete. „Er war ein schillernder Charakter und ein starker Typ.“

Bonds Ruf mag heutzutage verblichen sein, doch sein Einfluss auf andere Musiker lässt sich nicht leugnen. Künstler wie Rick Wakeman, Elton John, Steve Winwood und Jon Lord von Deep Purple lernten sowohl als Musiker wie auch als Performer von ihm. „Er hat mir ungelogen das meiste von dem beigebracht, was ich über die Hammond-Orgel weiß“, sagte Lord. Bonds Pioniergeist machte ihn sogar zu einem Vorreiter des Progman höre sich nur an, wie er klassische Musik verwendete, am besten zu hören auf ›Wade In The Water‹ von 1965, das Bach zitiert. „Graham war für viele wichtig“, so Bruce. „Er war einzigartig. Niemand konnte gleichzeitig so Altsaxofon und Hammond- Orgel spielen und so einen unglaublichen Klang erzeugen. Die Organization war eine phänomenale Band. Ziemlich primitiv, aber das war Teil ihrer Besonderheit.“

Da allerdings kommt das Vermächtnis durcheinander. Das große Mysterium von Bonds Leben und Karriere war die Tatsache, dass er trotz voller Häuser und Lobpreisungen von Musikerkollegen nie den Ruhm und Reichtum erreichte, den sein Talent verdient gehabt hätte. Zum Zeitpunkt seines Todes war Bond nur noch ein Außenseiter von geringer Bedeutung. Die Musikindustrie hatte schon lange den schwierigen Mann aufgegeben, der zu unberechenbarem Verhalten neigte und in einem selbstzerstörerischen Zyklus aus Drogenmissbrauch und Okkultismus gefangen war. „Er war sein eigener schlimmster Feind“, sagt Schlagzeuger „Funky“ Paul Olsen, der in seinen letzten Tagen mit Bond zusammen spielte. „Er war extrem intelligent, aber da war einfach zu viel los in seinem Kopf.“

Der Graham Bond zur Jahrzehntwende der 70er war Welten entfernt von dem, der eine Dekade zuvor die Musikwelt überwältigt hatte. Er war ursprünglich ein Saxofonist und hatte an der Royal Liberty School in London Musik studiert, bevor er einen Job beim Goudie Charles Quintet an Land zog. 1961 war er dann beim Don Rendell New Quintet, wo er mit seinem enthusiastischen Stil und seiner einzigartigen Phrasierung die Aufmerk- samkeit der Jazz-Presse erregte. Bonds Tonträgerdebüt war später in jenem Jahr auf dem Album ROARIN‘ des Quintetts zu hören. Sein enormes Talent brachte ihm im Jahrespoll der Kategorie Jazz des „Melody Maker“ einen zweiten Platz in der Sparte „New Star“ ein.

Das folgende Jahr war ein Wendepunkt. Neben seiner Arbeit mit Don Rendell begann er, auch mit dem Johnny Burch Octet aufzutreten, einer „Low-Cost-Big-Band“, unter deren Mitgliedern sich der Bassist Jack Bruce, Schlagzeuger Ginger Baker und der Tenor-Saxofonist Dick Heckstall-Smith befanden. „Ich traf ihn zum ersten Mal in einer durchgemachten Nacht im Flamingo“, erinnert sich Bruce. „Graham spielte damals bei uns. Sein Aussehen erinnerte mich an Cannonball Adderley und die Intensität seines Spiels war erstaunlich.“

Im Oktober 1962 war Bond zu Alexis Korner‘s Blues Incorporated aufgestiegen, einer Schmiede für aufstrebende Talente. Er spielte nicht nur das Saxofon, sonder auch fette Hammond-Riffs durch eine Leslie-Box, was einen neuen Stil von amerikanisch beeinflusstem R&B ins Leben rief. Bond, Baker und Bruce, die auch zum Line-up gehörten, begannen, in den Pausen als Trio zu spielen.

Es ist nicht ganz klar, wann genau Bond beschloss, seine eigene Band zu gründen, aber eine Reise nach Manchester im Februar 1963 schien eine Rolle dabei zu spielen. Er hatte einen Trio-Auftritt an Land gezogen und fuhr in einem gemieteten Dormobile-Wohnmobil mit Baker und Bruce hin. Das Publikum brachte seine Wertschätzung für ihren wilden, scheu- klappenfreien Stil lautstark zum Ausdruck. Wenig später erzählte Bond Korner, dass er auf eigene Faust mit Ginger und Jack im Schlepptau weitermachen werde. Es war typisch für sein durch nichts aufzuhaltendes Selbstbewusstsein, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die anderen beiden vorher zu fragen. „Ich kam eines Tages zu den Proben und Alexis sah sehr betrübt und wütend aus“, erinnert sich Bruce. „Er sprach überhaupt nicht mit mir. Dann erfuhr ich, dass ich aus der Band ausgestiegen war! Ich war damals sehr naiv, noch ein Junge. Ich hätte etwas sagen sollen, aber ich machte einfach mit. Es vergingen Jahre, bis Alexis wieder mit mir redete.“

Aus drei wurden vier, als Gitarrist John McLaughlin von Georgie Fame‘s Band dazu stieß. Auf der ersten Veröffentlichung des Graham Bond Quartet waren sie die Backing-Band des aufstrebenden Rock‘n‘Rollers Duffy Power auf einem Cover von ›I Saw Her Standing There‹ der Beatles. „Grahams Einfluss auf mich war enorm“, gesteht Power. „Er war ein geborener Musiker und hatte die Philosophie, dass man immer alles geben sollte. Das hat er mir beigebracht. Er war den anderen Hammond-Spielern meilenweit voraus. Und er ermutigte die anderen stets: ‚Yeah, Ginger! Yeah, Jack!‘ Er war immer sehr enthusiastisch und sagte, sie würden Musik für die Zukunft machen. Wenn man draußen vor einem Club stand, in dem sie spielten, war die Atmosphäre einfach magnetisch.“

McLaughlin wurde später in jenem Jahr durch Heckstall-Smith ersetzt. Der Neuzugang spielte das Saxofon mit Leidenschaft und Begabung und die Graham Bond Organization wurde zu einer angsteinflößenden Kraft. „Ich hatte oft die Gelegenheit, sie zu sehen, und ich verehrte sie absolut“, erinnert sich Pete Brown, Co-Autor von Cream-Klassikern wie ›I Feel Free‹, ›White Room‹ und ›Sunshine Of Your Love‹ sowie Bond-Fan. „Es gab nichts Vergleichbares. Es hatte viel vom Geist des Jazz, aber mit der ungestümen Energie des Blues und Rock.“

Jack Bruce: „Es gab damals praktisch keine R&B-Szene wir haben sie mehr oder weniger erfunden. Als wir anfingen, spielten wir an Orten wie dem The Place in Hanley oder dem Twisted Wheel in Manchester, diese echt coolen kleinen Clubs. Die Zuschauer drehten durch. Die Sachen, die wir spielten, waren sehr neu für britische Musik, ebenso wie die Intensität.“

Das Debütalbum THE SOUND OF ‘65 der Graham Bond Organization war ein aufwühlender Versuch, den transzendentalen Rausch ihrer Konzerte einzufangen. Sie waren zu dieser Zeit so perfekt eingeübt, das die ganze Platte laut Bruce in drei Stunden aufgenommen wurde. Das Album, eine Mischung aus Coverversionen und furiosen Originalstücken wie ›Half A Man‹ und ›Spanish Blues‹, war doppelt bemerkenswert aufgrund der Tatsache, dass es die erste britische Veröffentlichung mit einem Mellotron war. „Abgehobene Blues-Klänge, manchmal seltsam, aber immer faszinierend“, jubelte der „New Musical Express“. „Jede Menge heulende Mundharmonika und durchgedrehte Stimmakrobatik.“

Im July traten GBO in der beliebten Popsendung „Ready Steady Go!“ des Senders ITV auf, um ihre neue Single ›Lease On Love‹ zu promoten. Bond begeisterte, indem er sein neues Spielzeug mitbrachte. Das Mellotron machte ihn mit der Fähigkeit, Streicher und sämtliche Blasinstrumente zu reproduzieren, zum Dreh und Angelpunkt seines eigenen Mini-Orchesters. Auch auf dem stürmischen Nachfolger ›There‘s A Bond Between Us‹, später im Jahr 1965 erschienen, machte er reichlich Gebrauch davon. Aber da zeigte sich auch schon, dass nicht alles in Ordnung war. GBO arbeiteten viel, waren ständig auf Tour oder im Studio, doch hatten wenig vorzuweisen. „Die Graham Bond Organization schuftete sich für sehr wenig Geld zu Tode und ich glaube nicht, dass sie viele Platten verkauften“, so Power. „Und ich sage das wirklich nicht gerne, aber Graham hatte weder die Persönlichkeit noch das Aussehen, um ein junges Publikum anzusprechen. Es muss ihn sehr unglücklich gemacht haben, denn als ich ihn traf, glaubte er, er würde die Musikwelt im Sturm erobern.“

Auch die Drogen fingen an, die Band aus der Bahn zu werfen. Alle bei GBO rauchten gerne zusammen Gras („Wir waren alle stoned bis zum Umfallen“, gesteht Bruce), aber nun nahmen die Dinge einen dunkleren Lauf. Bond und Baker waren beide heroinsüchtig geworden und hatten das, was Pete Brown „die typische Junkie-Beziehung“ nennt. Bonds wachsendes Interesse an weißer Magie und Okkultismus machte ihn nur noch unberechenbarer. Außerdem war er auch in Bezug auf die Band-Finanzen nicht immer ehrlich. „Wir spielten in größeren Hallen, aber bekamen kein Geld“, erinnert sich Bruce. „Theoretisch bezahlte uns Graham. An einem Abend in einem Club in Ostlondon bekam er das Geld vom Promoter, kam über die Tanzfläche zu uns, um uns zu bezahlen, und es war weg. Finanziell war er also nicht fair zu uns. Dann übernahm Ginger als Bandleader das Steuer, aber es wurde kaum besser.“

Die wachsende Reibung zwischen Baker und Bruce trug dazu bei, dass Letzterer im Herbst 1965 von der GBO gefeuert wurde. Bakers Ausstieg im nächsten Sommer bedeutete dann effektiv das Ende der Band. Bond durchlief unzählige Veränderungen. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, sich seine Haare wachsen lassen, angefangen, vielfarbige Umhänge zu tragen, eine Faszination für Tarotkarten entwickelt und begonnen, LSD zu nehmen. Wie Baker in seiner Autobiograf ie „Hellraiser“ festhielt, begab sich Bond „in sehr, sehr seltsame Gefilde… Der glückliche Musiker war verschwunden er war ersetzt worden durch einen befremdlichen, niemals lächelnden Mystiker.“
John Hisemann kam als Ersatz für Baker, doch der schnelle Erflog von Cream traf Bond tief.

„Was ihn am meisten verärgerte, war dass Jack und Ginger zu Cream gingen und fast sofort Chart-Singles hatten“, so Hiseman. „Jedes Mal, wenn er eine davon hörte, zuckte er zusammen und fühlte sich unendlich verraten. Es frustrierte ihn immer mehr, dass viele der Musiker, mit denen er zusammengearbeitet hatte, aufstiegen und viel erfolgreicher wurden als er, was er ein- fach nicht verstehen konnte. In seinem Selbstverständnis war niemand so gut wie er. Und all diese aufgestaute Wut traf auf eine ernste Heroinsucht. Ein schwächerer Mann wäre zusammengebrochen, aber er hatte eine so starke Persönlichkeit, dass niemand helfen konnte. Er ließ einfach niemanden an sich ran.“

1967 hatten sich GBO schließlich aufgelöst. Hiseman und Heckstall-Smith spielten kurzzeitig bei John Mayall‘s Bluesbreakers, bevor sie die erfolgreichen Prog-Jazzer Colosseum gründeten. Für Bond verlief die Geschichte anders. Er vertiefte sich in die Lehren des Okkulten und wurde immer anfälliger für Wahnvorstellungen. Er fing an, Leuten zu erzählen, er sei der verlorene Sohn des Antichristen selbst, Aleister Crowley. Diese Vorstellung setzte sich bei ihm fest, nachdem er gelesen hatte, dass eine von Crowleys Partnerinnen 1937 dem Jahr, in dem auch er geboren worden war ein Kind zur Welt gebracht und es in einem Waisenhaus gelassen hatte. Für Bond, ein Kind aus einem Barnardo-Heim, das mit sechs Monaten adoptiert wurde, ergab diese Symmetrie perfekten Sinn.
„Er fühlte das sehr intensiv und wunderte sich manchmal, was wohl seine tatsächliche Herkunft war“, so Bruce. „Aus irgendeinem Grund dachte er, er sei Jude. Aber er wusste es einfach nicht. Es muss furchtbar sein, nicht zu wissen, wer man ist. Ich bin mir sicher, dass das viel damit zu tun, wie sein späteres Leben verlief.“ Pete Brown dazu: „Am Anfang schien er relativ normal zu sein, aber als das Heroin die Kontrolle übernahm, wurde er sehr verschla- gen und schwierig. Leute, die unter einer Sucht litten und diese überwunden haben, lernen, dass der ritualistische Aspekt dieser Sucht irgendwie ersetzt werden muss. Als er das Heroin hinter sich gelassen hatte, brauchte er also eine andere Energiequelle. Aber das ging nach hinten los. Aleister Crowley war mir einfach nur fucking unheimlich. Graham fing mit sogenannter weißer Magie an, und dann weiß ich nicht, wohin es führte. Manche Leute treffen schlechte Entscheidungen.“

Bond, GrahamDer Rest von Bonds Karriere verlief in immer erfolgloseren Bahnen. Anfang 1968 ging er nach Amerika, doch da er kein Arbeitsvisum bekam, konnte er dort auch nicht aufnehmen. Schließlich schaffte er es doch noch und spielte in einem Studio in L.A. LOVE IS THE LAW ein, ein pulsierendes Werk aus orgelbasiertem Blues, das mit dem Wrecking-Crew-Drummer Hal Blaine entstand und seine spirituellen Besessenheiten reflektierte der Titel war eine von Aleister Crowleys okkulten Maximen. Er arbeitete auch als Session-Musiker für Screamin‘ Jay Hawkins und Dr. John, wobei der Einfluss des Letzteren auf dem Gumbo-Funk von ›Stiff Necked Chicken‹ von Bonds nächstem Album für das Label Pulsar offensichtlich war. Beide Platten demonstrierten eindrucksvoll, dass Bonds Begabung als Musiker und Komponist nach wie vor intakt waren, egal, in welch prekärem Zustand er sich befand. Dass das zweite Album MIGHTY GRAHAME BOND hieß, zeigte aber leider, wie egal er der Plattenfirma war. Keines der beiden Alben verkaufte sich besonders gut.

Als er 1969 nach England zurück kehrte, gründete er dennoch mit seiner neuen Frau Diane Stewart die Graham Bond Initiation was ihm allerdings auch kein Glück brachte. Am Vorabend seines Comeback-Konzerts wurde er umgehend wegen einer zwei Jahre alten Konkurs-Klage verhaftet und ins Gefängnis von Pentonville gebracht (Jack Bruce rettete ihn, indem er die Kaution zahlte).

Es gab zwei weitere Alben: HOLY MAGICK von 1970 und WE PUT OUR MAGICK ON YOU im folgenden Jahr. Das erste war ein beschwörerischer Freakout, aufgenommen mit Stewart, die seine okkulten Überzeugungen teilte: Meditationen und Riten auf Ägyptisch und Atlantisch, unterlegt mit trötendem Jazz-Gefrickel. Auf dem Album stand das Paar mit flehend erhobenen Armen vor dem druidischen Hintergrund von Stonehenge.

Etwa zur selben Zeit fing Bond an, bei Ginger Baker‘s Air Force Saxofon zu spielen. Auch Steve Winwood, Denny Laine, Ric Grech und Chris Wood gehörten zu dieser Band, doch sie erwies sich als zu sperrig. Er genoss auch ein kurzes Engagement als Organist bei der Jack Bruce Band, obwohl Bruce betont, dass „genießen“ wahrscheinlich nicht das richtige Wort dafür ist. „Es war furchterregend, zu versuchen, Graham Bonds Bandleader zu sein“, sagt er gequält. „Wir spielten mal irgendwo in Europa und er ging raus aufs Dach. Er weinte wegen seiner Drogensucht. Er konnte sie einfach nicht überwinden. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich ihn in Mailand feuerte. Er machte mich so wütend, indem er dies oder das spielte, dass ich tatsächlich ein Waschbecken aus der Wand riss und es auf dem Boden zertrümmerte. So ein Typ war er.“ Bonds letzter ernsthafter Versuch folgte 1972, als er mit Pete Brown TWO HEADS ARE BETTER THAN ONE aufnahm. „Wir hatten viel Spaß dabei, diese Platte zu machen“, so Brown. „Graham spielte hervorragend und wir tourten viel. Er hatte damals einen gewissen Schaden davon getragen und war süchtig nach Dr. Collis Browne‘s [einem Hustensaft und Schmerzmittel], das Opiate enthielt, die man daraus gewinnen konnte. Oder er trank es einfach so. Er wohnte fast sechs Monate lang bei mir, was ziemlich schwierig war. Aber ich liebte diesen Typen. Ich habe ihm viel zu verdanken. Das Tolle an Graham war, dass er Leute ermutigte. Er brachte dich immer dazu, mehr zu leisten, als du für möglich hieltest.“

Es gab auch noch weitere Pläne, vor allem die Band Magus, die er mit der Folk-Sängerin Carolanne Pegg gegründet hatte. Doch Magus lösten sich Ende 1973 auf, ohne einen einzigen Ton aufgenommen zu haben. Dennoch freundete sich Bond mit dem Magus-Schlagzeuger Paul Olsen an. „Meine Freundin und ich hatten eine kleine Wohnung in Barnes und Graham wohnte eine Weile lang bei uns“, so Olsen. „Er wurde wegen Drogenbesitzes verhaftet und verbrachte sechs Wochen in der Nervenheilanstalt von Springfield, diesem großen alten viktorianischen Haus im Süden von London [man geht davon aus, dass Bond an Schizophrenie litt]. Sie hatten dort ein altes Klavier, das völlig verstimmt war. Aber ich erinnere mich, wie Graham daran saß, alle Tasten in seinem Kopf kartografierte und dann dar- auf spielte. Alle standen um ihn herum und lächelten.“ Bond überzeugte das Personal, Olsen die gesamte Band mitbringen zu lassen, damit sie für die Patienten spielen konnten. „Dieser Auf- tritt war unglaublich. Die waren das beste Publikum, das ich je hatte. Sie hatten Tränen in den Augen.“

Duffy Power erinnert sich an einen Fernsehauftritt von Bond mit Alexis Korner: „Graham konnte sich nicht mal einen Drink holen. Ich hatte ein paar Aufputschpillen dabei, aber er hatte gar keine Lust mehr, sich zu berauschen, wie er das früher immer tat. Er war sehr niedergeschlagen.“ Paul Olsen: „Einmal war er so deprimiert, dass wir auf ein Inserat antworteten, in dem die Chingford Organ Studios einen Vorspieler suchten. Dass ein Mann von seiner Geschichte und seinen Fahigkeiten auf so etwas reduziert wurde, bedeutete, dass er völlig am Ende war. Er hatte sich einfach zu oft mit den falschen Leuten eingelassen.“

Pete Brown: „Ganz am Ende sagte Graham mal zu mir: ‚Ich gebe all das Magiezeug auf und werde einfach nur spielen. Ich werde nichts mehr tun, das davon beeinflusst ist.‘ Ein paar Tage später war er dann tot.“ Es gab keine Hinweise auf fremdes Einwirken bei Bonds Tod. Einen Abschieds- brief aber auch nicht. Einige Leute haben vermutet, dass er an jenem Nachmittag vor Unbekannten in die Haltestelle Finsbury Park geflüchtet war, vielleicht Drogendealern, denen er Geld schuldete. Aber ohne jegliche Zeugen, die sich bei den Ermittlungen meldeten, konnte der Gerichtsmediziner kein endgültiges Urteil fällen. Es ist wohl am wahrscheinlichsten, dass er sich selbst das Leben nahm.

„Sein Tod schockierte mich“, gesteht Jack Bruce. Ich ging zu seiner Beerdigung und spielte dort auf der Orgel diese unglaubliche Elegie. Viele Leute waren davon sehr bewegt. Und ich fühlte wirklich, dass ich Botschaften von ihm bekam. Ich spürte seinen Geist und wob viele seiner Stücke mit ein. Es war wunderschön.“

Graham Bond war kein Heiliger. Selbst nach all den Jahren fasst ihn Bruce als „ein Unikum und ziemlich schwierig“ zusammen. Drogensucht und Alkohol betonten nur seine weniger angenehmen Wesenszüge. Noch viel verstörender ist die Behauptung in Helen Shapiros definitiver Biografie „Graham Bond: The Mighty Shadow“, dass er sogar seine Stieftochter sexuell missbraucht haben soll. Bond gab es nie zu, leugnete es aber auch nicht. Als Musiker jedoch ist seine Bedeutung unter seinen Zeitgenossen immens. „Die Musik wurde nie in Frage gestellt“, bestätigt Bruce. „Die Organization war eine echte Macht. Für ihre Zeit waren sie erstaunlich hip.“ Paul Olsen glaubt, dass Bonds exzessives Verhalten und Wesen sowohl seine größte Schwäche als auch Stärke waren: „Viele englische Spießer wollten nichts mit ihm zu tun haben. Und er war unberechenbar. Aber solche Leute bereichern unser Leben. Wenn er in einen Raum kam, waren alle anderen egal. Er hatte eine dieser natürlich großen Persönlichkeiten. Als ich ihn das erste Mal 1970 im Roundhouse in London sah, war er ein echtes Monster auf der Bühne. Er trug seine Umhänge, seine langen, wehenden Sachen und all seine Pentagramme.“

Für Pete Brown hat Bonds Einfluss nie nachgelassen. „Sein Auftreten und seine Ideen das Ding mit den vielen Keyboards, die Sachen, die er trug und spielte wurden von Leuten kopiert, die viel mehr Geld verdienten. Die Progrocker bedienten sich definitiv bei ihm. GBO waren keine Schönlinge, die herum stolzierten sie waren echte Musiker mit echter Seele. Und obwohl da vier große Intellekte involviert waren, war es nicht nur verkopfte Musik. Es war auch körperliche Musik, kraftvoll und sexy und groovy. Und genau so sollte Musik auf dich wirken. Er war der klassische Fall von jemandem, der zu Lebzeiten nie so richtig geschätzt wurde.”

SCORPION CHILD – Die Pforten der Wahrnehmung

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ScorpionChild2013b @ Weston McGowenSie kamen aus dem Nichts und sorgten schon mit ihrem ersten Song ›Polygon Of Eyes‹ für reihenweise fallende Kinnladen. Doch wer sind diese dezent psychedelischen Vollblutrocker aus der Gluthitze Austins? Was hat sie dazu gebracht, mit SCORPION CHILD ein Album vorzulegen, dessen unzähmbare Energie die Siebziger nicht nur kopiert, sondern überzeugend weiterführt? Aryn Jonathan Black, Eigentümer der Wahnsinnsstimme, versucht sich an Antworten.

Hand aufs staubige Herz: Wie erreicht man als Band ein derart bedenklich hohes Energielevel?

Verdammt, ich weiß, was du meinst! Was wir machen, ist der humanitäre Versuch, die wohlschmeckenden Riffs der Vergangenheit zu bewahren, wir freuen uns aber dar- über, sie der Brutalität der Moderne auszusetzen.

Apropos aussetzen: Ihr kommt aus Austin/Texas, einem Ort, an dem man doch praktisch immer der gnadenlos brutzelnden Sonne ausgesetzt ist. Mögt ihr es heiß und trocken?

Mein sexuell bedingter Kniescheibenreflex sagt mir zwar, dass ich mich eher an heiße und feuchte Gegenden halten soll, hier in West Texas ist es aber tatsächlich oft heiß und trocken. Schade eigentlich…

Wie viel von dieser alles schmelzenden Sonne, dem knochentrockenen Boden und den heißen Winden steckt in Scorpion Child?

Was mich persönlich angeht: Ich liebe es, in der Sonne zu liegen. Wenn es mir zu heiß wird, lasse ich mich einfach in einen See gleiten. Was die Band angeht, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die Wüste über alles erhaben ist! Die Gegend hier ist voller atemberaubender Orte und extrem inspirierend.

Und Skorpione? Bei euch kreucht und fleucht doch bestimmt einiges.

Oh ja, tonnenweise Kram. Heute Nacht saß ein Gecko vor meiner Tür. Wir schwimmen im äußerst lebendigen Gebiet des Texas Hill Country je mehr Krabbelviecher, desto mehr köstliche Marmelade. Einen Skorpion habe ich hier bisher noch nicht gesehen, dafür aber riesige Tausendfüßler, die dich umbringen können, und 35 verschiedene Arten von Klapperschlangen. Die Tarantel ist nichts dagegen, kann ich dir sagen.

Dann hat euer Bandname also eher doch mit einer Erleuchtung zu tun, die euch nach einer LSD-angetriebenen Nacht in der Wüste gekommen ist?

Nein. In Wahrheit wurden wir in einem schwitzenden Peyote-Ritual gezeugt.

Ist der Scorpion King eigentlich mit dem Lizard King verwandt?

Bei der Antwort auf diese Frage sollte mir am besten Robert Fripp von King Crimson helfen…

Und wie sieht es mit der Frage aus, wie ihr es schafft, den Atem der Vergangenheit mit dem Geist der Gegenwart zu verbinden?

Ich glaube, die bekomme ich allein hin. Die Jahrzehnte, die zwischen dem Damals und heute liegen, gaben uns die nötige Zeit, um all diese Musik zu verdauen und wiederzukäuen. Das würde ich dafür verantwortlich machen.

Und klassischer Rock stand euch eure ganze musikalische Sozialisierung über nah?

Ja, immer. Selbst, als ich Punk war.

In den Sechzigern und Siebzigern lebte die Rock- Musik von dem Geheimnis, dem Kult, der außergewöhnlichen Aura, die die Bands umgab. Ist das verloren gegangen?

Nach Ansicht einiger Leute ist das Internet für das Verschwinden der Mystik verantwortlich. Und in gewisser Weise tragen die sozialen Netzwerke tatsächlich dazu bei, dass wir immer schneller übersättigt sind. Überall gibt es Musik, Konzerteinladungen und ein generelles Überangebot an allem, was mit Musik zu tun hat. Das kann für eine Band ganz schön entmutigend sein. Natürlich hält uns das nicht davon ab, Musik zu machen, doch manchmal fällt es auch uns schwer, alles nur noch dahineilen zu sehen. Wer sich heute noch die Mystik einer echten Rock- band bewahren will, schafft das nur, wenn er wenige Interviews gibt und noch weniger im Netz von sich preisgibt. Uncle Acid And The Deadbeats oder The Knife schaffen das. Und ich verstehe sie, wenn sie wollen, dass niemand etwas von ihrer Band weiß. Ist ja bei uns nicht anders: Die meisten kennen uns nicht, wir veröffentlichen gerade erst unser Debüt auf Nuclear Blast, was uns wahnsinnig vor Freude macht. Noch umgibt uns dieser Halo des Geheimnisses, doch er wird wohl auch bei uns alsbald verschwinden. Vielleicht wäre es also eine gute Idee, wenn Bands und Labels gemeinsam die Internetpräsenz regeln. Weniger ist mehr, soviel steht fest.

Ist Rock mehr als Musik?

Natürlich. Es umfasst so viel mehr. Hardcore ist ein Lebensstil. Hip-Hop ist ein Lebensstil. Rock‘n‘Roll ist ein Lebensstil, hat wieder eine ganz eigene Familie. Vielleicht verleitet diese Musik manchmal zum Exzess, doch Rock gibt es eben nur mit Ecken und Kanten.

Schlüpft ihr in der Band in andere Rollen oder bleibt ihr ihr selbst?

Ich werde immer ich sein, aus künstlerischer Sicht gibt es aber durchaus eine feminine und dämonische Seite an mir. Die Musik erlaubt es mir, zum Tier zu werden und das Leben mit anderen Augen zu sehen. Das kommt mir oft wie eine außerkörperliche Erfahrung vor.

Wann funktionieren Scorpion King am besten?

Interessant, dass du das gerade jetzt fragst. Wir haben alle gerade erst einen guten Freund verloren und ausgerechnet heute eine überaus erfolgreiche Songwriting-Session hinter uns. Was für eine Welt!

Alles, was ihr tut, scheint darauf hinzudeuten, dass Scorpion Child alles für euch ist…

Die Band ist mein Leben. Ich finde es äußerst interessant, diese Vision zu haben, Alben aufzunehmen, die es mit den Klassikern aufnehmen können. Danach werden wir immer streben.

Ein Debütalbum vereinigt ja meist sehr viele über die Jahre angesammelte Ideen und Gedanken. Gibt es dennoch einen roten Faden auf SCORPION CHILD?

Was wir hier verarbeiten, kann im Leben mancher Menschen in 24 Stunden geschehen und bei anderen ein ganzes Leben in Anspruch nehmen. Es fasst Erlebnisse der letzten Jahre in aller Kürze zusammen und breitet einzelne Tage auf die Größe mehrerer Jahre aus. Das Cover des Albums zeigt ja eine Winterlandschaft innerhalb einer Wüste, und in Verbindung mit dem geheimen Untertitel I SAW THE END AS IT PASSED RIGHT THROUGH ME erklärt es die Unterschiede in der Wahrnehmung eines jeden Einzelnen. Stelle immer Fragen. Suche immer Antworten und sei gefasst auf die Probleme und Sorgen des Lebens.

Dieses Suchen spiegelt sich in der Tat in vielen Stücken wieder. Was wollt ihr in den Texten einfangen?

Ich liebe es, mich in etwas aus einer anderen Welt oder in eine andere Lebensform zu verwandeln und die Welt durch diese Gestalt wahrzunehmen. Dieses Tier, diese Kreatur ist ein Transportmittel, mit dem ich neue Dinge erfahren und die Welt anders wahrnehmen kann. Was ich auf diesen Reisen gefunden habe, findet sich in meinen Texten. Keine Droge kommt an die eigene Vorstellungskraft heran. Sie können sie höchstens verstärken. (lacht) Aber dazu muss man sich ja nur anschauen, wie Bowie seine Platten gemacht hat.

HiRock Festival Loreley: Loreley Freilichtbühne, St. Goarshausen

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Hi-Rock_Impressionen @ Marc Hansen (2)Love, Peace & (HI) Rock’n’Roll

Freitag, 31.05.2013, die Ruhe vor dem Sturm

Es ist ruhig. Viel zu ruhig für den Vortag eines Festivals, als die Vorhut der Classic Rock Redaktion durch das Rheintal bei einem malerischen Sonnenuntergang fährt. Keine Verkehrsstaus, keine Berge von leeren Bierdosen an den Rastplätzen entlang der Weinstraße und auch keine grölenden Menschen bei der Ankunft in St. Goarshausen. Findet hier morgen wirklich ein Rockfestival statt?! Von anderen Veranstaltungen ist man diese fast schon gespenstische Friedlichkeit nicht gewohnt. Beim Bummel durch den Ort unterhalb der Loreley wird schnell klar, dass das Hi Rock einen anderen Geist atmet den der Begeisterung für Musik! In einer kleinen Weinkneipe diskutiert eine Gruppe über die großen Heldentaten von Whitesnake und Journey, die im Vorfeld des Festivals die Positionen von Headliner und Co-Headliner tauschten. Auf der anderen Straßenseite tummeln sich Steve-Lukather-Fans, die es gar nicht erwarten können, ihren Gitarrengott am Folgetag live zu erleben. Und der Chef eines Hotels erzählt von den großartigen Konzerten, denen er schon auf der Freilichtbühne lauschte.

Hi-Rock_FM @ Marc HansenSamstag, 01.06.2013, Summertime Blues

Bei der ersten Zigarette des Tages und einem Blick über den Rhein macht sich etwas Ernüchterung breit: Das postkartenmäßige Wetter pausiert heute und die Büsche an der Uferpromenade sind vom Wasser sprichwörtlich verschluckt worden. Zum Glück gibt es noch genügend freie Zufahrtsstraßen, damit Fans, Bands und der Rest der Classic Rock Redaktion rechtzeitig zum Kick Off des Festivals mit FM auf dem legendären Konzertgelände ankommen. Die Combo um Sänger Steve Overland eröffnet ihr Set mit ›Tough Love‹ und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass sie der perfekte Eröffnungsact für den AOR Tag des HiRocks sind. Obwohl FM hierzulande immer noch als Geheimtipp gelten und viele der Anwesenden zwar den Namen, aber keine Songs der Band kennen, ernten die Londoner mehr als nur höflichen Applaus. Spätestens bei ›That Girl‹ groovt das sich immer noch füllende Rund bis in die letzten Reihen. Beim anschließenden Meet & Greet am Classic Rock Stand sind die Musiker von den Reaktionen immer noch derart überwältigt, dass sie eine baldige Rückkehr nach Deutschland versprechen. Die Umbaupause vor dem Auftritt von Rick Springfield bietet sich perfekt für einen ersten Bummel über das Gelände an. Mit moderaten Bierpreisen von 3,50 € für eine 0,4l Gerstenkalt- schale, einem Essensangebot, welches deutlich über dem Qualitätsstandard anderer Festivals liegt, sauberen Sanitäranlagen und sehr freundlichem Sicherheitspersonal ist auch abseits der Bühne von Veranstalterseite an die Fans gedacht worden.

Als der ewig jugendliche Rick Springfield unter das Zeltdach der Loreley tritt, drängen sich vornehmlich weibliche Rockerinnen dicht an dich vor dem gebürtigen Australier. Rick lässt angestachelt von so viel Östrogen ordentliche Testosteronwolken in Form von Hüftschwüngen, Gesten und Blicken fliegen. Springfield begeistert jedoch nicht nur die anwesenden Mädels, sondern auch die von ihren Eltern mitgebrachten Kids, die bis zu einem Alter von 12 Jahren kostenlos das HiRock besuchen durften. Ein Junge, der von dem ehemaligen General-Hospital-Schauspieler scherzhaft „The kid with no name“ genannt wird, darf auf der Steinbühne zusammen mit ihm den Beginn von ›Don‘t Talk To Strangers‹ intonieren. Zwischen den Songs gibt Rick den großen Entertainer ob mit witzigen Ansagen, kleinen Anekdoten oder dem schieren Anstacheln des Publikums. Springfield gehört auch oder gerade wegen seiner inzwischen 63 Lenze zu den ganz Großen des AOR. Als bei ›Jessie‘s Girl‹ die obligatorische Rosenstraußzerflederung auf der Gitarre des „Californication“-Gaststars ihren Höhepunkt nimmt, möchte man eigentlich noch mehr von dem sympathischen Rocker sehen, der von den immer schlechter werdenden Wetterverhältnissen vorzüglich ablenkt.

Den nachfolgenden Survivor fällt es zu Beginn etwas schwer, die Stimmungskurve von Herrn Springfield zu halten. Zu Hüftsteif agiert die Band während der ersten Stücke. Jedoch haben die Chicagoer seit ein paar Monaten ein As im Ärmel, von dem viele andere Acts aus den 70s und 80s nur träumen können: Am Mikrophon steht neben Jimi Jamison der zurückgekehrte Dave Bikler, der den größten Hit der Band ›Eye Of The Tiger‹ einsang. Diese Konstellation an der Bühnenfront bringt die nötige Abwechslung und gleichzeitig bei vielen Fans in den hinteren Reihen eine ordentliche Portion Verwirrung, denn was Haarschnitt, Farbe der Jeans, des Hemds und des Shirts darunter angeht, sehen sich die beiden aus der Distanz zum Verwechseln ähnlich. Performancetechnisch spielen Survivor an diesem Abend auf sehr hohem Niveau. Mit dem Einzug des finalen Hitquartetts, bestehend aus ›The Search Is Over‹, ›I Can‘t Hold Back‹, ›Burning Heart‹ und ›Eye Of The Tiger‹, kocht die Steintribüne – inklusive eines zu diesem Zeitpunkt ca. 4000 Kehlen starken Background- chors. Angestachelt von so viel Enthusiasmus wirft sich die Gruppe, die Filmklassikern wie „Rocky“ III & IV oder „Karate Kid“ großartige Themensongs bescherte, noch einmal richtig ins Zeug und packt die ein oder andere Rockstar-Pose aus. Zur großen Freude ihrer Anhänger lassen es sich Survivor nach der Show nicht nehmen und schreiben am Classic Rock Stand geduldig Autogramme, lassen Fotos mit sich schießen und zeigen, dass man trotz einiger Welthits im Gepäck eine Band zum Anfassen sein kann.

_Hi-Rock_Toto @ Marc HansenLangsam wird es unangenehm kalt auf der Loreley, als ein Banner im Bühnenhintergrund gehisst wird, das für eine der perfektesten Liveacts der Popgeschichte steht: Die Bandmitglieder von Toto sind neben ihren eigenen Scheiben auf rund einer halben Milliarde (!!!) Tonträgern vertreten unter Anderem auf einem der erfolgreichsten Alben aller Zeiten, Michael Jackson‘s THRILLER, zu dem sie neben den Instrumentalspuren auch die Komposition ›Human Nature‹ beitrugen. Bei leichtem Nieselregen steigt die Gruppe um den stets gut gelaunten Steve Lukather mit ›On The Run‹, in welches Auszüge von ›Child‘s Anthem‹ eingearbeitet werden, in ihr gut zweistündiges Set ein. Wie auf der letztjährigen Open Air Tour der 1977 gegründeten Kalifornier springt der Funke sofort auf das inzwischen zu einer stattlich Menge angewachsene Auditorium über. Toto verstehen es wie niemand sonst, einen derart positiven Vibe zu transportieren, dass man beim Blick ins Rund nur in lächelnde Gesichter blickt. Ein weiteres Novum des Virtuosenclubs um Keyboarder David Paich ist die Tatsache, dass es bis auf die obligatorischen Hits in der Seitlist nicht darauf ankommt was sie spielen, sondern wie sie es spielen. In die Stücke werden kleine Jams und Versatzstücke anderer Künstler eingestreut, dass es einfach unglaublichen Spaß macht, diesen Ausnahmemuckern bei der Arbeit zuzusehen: Da herrscht offen- sichtlich blindes Verständnis. Angesichts dessen wäre es ein Unding, wenn die aktuelle Toto-Besetzung kein neues Album auf den Markt bringen würde. Als Lukather & Co. nach der Zugabe in Form von ›Home Of The Brave‹ von der Bühne gehen, ist es verdächtig windstill. Was in den nächsten Stunden über die Loreley hereinbricht, wird erst am kommenden Morgen klar…

Sonntag, 02.06.2013, Hard Rock 101

Die Suche nach der Shuttlebushaltestelle stellt einen Teil der Redaktion, die in St. Goarshausen übernachtet, vor ein Rätsel: „Wir haben doch gestern nicht so viel getrunken, das wir den Weg nicht mehr finden?!“ Mit zielsicherem Blick entdeckt Kollege Schmitz den letzten Zentimeter des Haltestellendachs aus dem Rhein ragen…nach einer ca. 45 minütigen Suche nach dem Ersatzstopp sind wir wieder „Back On The Rockin‘ Horse“ bei herrlichem Sonnenschein. Dieser schwebt allerdings in derber Gefahr, denn H.E.A.T Sänger Eric Grönwall führt einen Regentanz auf, dass man wirklich schon eine Sintflut über die Freilichtbühne hereinbrechen sieht…die einhellige Meinung zu dieser „Choreograf ie“ wird von Redaktionsleitung Simone auf den Punkt gebracht: „Was soll das?!“ Wenn man jedoch dieses Gezappel ausblendet, liefern die Schweden eine solide Vorstellung ab. Ihre netten, an 80s AOR bzw. Mainstream Hard Rock angelehnten Stücke sind ein kurzweiliger Einstieg in den heutigen Konzerttag, der kurze Zeit später seinen ersten Höhepunkt in Form der Black Star Riders findet No Nonsense Hard Rock at its best! Die Coolness, die die letzte Thin-Lizzy-Inkarnation ausstrahlt, sucht auf dem gesamten Festival Ihresgleichen. Ricky Warwick trägt einen schwarzen Cowboyhut und mimt gelassen die Frontsau, Marco Mendoza post von links nach rechts über die Bühne und Scott Gorham braucht sich nicht groß zu bewegen, denn er ist Scott Gorham. Mit einem Mix aus neuen Stücken ihres Debüts ALL HELL BREAKS LOSE und Thin-Lizzy-Werken steht das nächste große Ding des Rocks auf den Steinen des Amphitheaters. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn diese Combo nicht in den nächsten 1-2 Jahren Arenen füllt. Bei der Signingsession unterhält Mendoza den kompletten Stand ob daran wohl ein vom Classic Rock kredenzter Energy Drink zu viel Schuld trägt?
Europe machen es sich nach diesem Hitfeuerwerk nicht gerade einfach, indem sie mit eher sperrigem Material ihrer Alben seit dem Comeback 2004 loslegen. Erste ausufernde Reaktionen erntet ›Scream Of Anger‹, gefolgt von der 1988er Granate ›Superstitious‹. Danach gibt es kein Halten mehr und Hits von THE FINAL COUNT- DOWN / OUT OF THIS WORLD und EUROPE heizen die Partystimmung noch mehr an. Die erfolgreichste schwedische Rockband hat sichtlich Spaß mit ihren Fans zu feiern. Als ›The Final Countdown‹ angestimmt wird, ist der Chor vom gestrigen Abend wieder gut bei Stimme und zu diesem Zeitpunkt schon um die 1.000 Menschen größer als 24 Stunden zuvor bei Survivor.

_Hi-Rock_Whitesnake @ Marc Hansen„Here‘s a Cov‘ for you“ oder so ähnlich könnte man die Ankunft von Whitesnake beschreiben. David Coverdale lässt sich stilecht in einer schwarzen Limousine durch den Backstagebereich kutschieren. Coverdale ist beim ersten Sichtkontakt blendend gelaunt. Um es vorweg zu nehmen: In den kommenden 90 Minuten wird er alle Zweifler der letzten Jahre, die mit Playbackvorwürfen auf die Legende eindroschen, Lügen strafen. Der Mann ist heute derart gut bei Stimme, das es eine wahre Freude ist, der Legende zu lauschen und zuzuschauen. Er wirft sich in Posen, die man so seit den golden Achtzigern nicht mehr von ihm auf einer Bühne sah und streut zwischen die Stücke seine manchmal doch recht plump wirkenden Ansagen mit so viel Charme ein, dass seine Performance zu einer Lehrstunde erste Güte wird so muss Hard Rock klingen und aussehen! Bei ›Here I Go Again‹ avanciert das Rund zur größten Karaokebar des gesamten Festivals. Dieser Song ist unkaputtbar. Whitesnake hätten den kurzzeitig geswitchten Posten als Headliner mehr als verdient!

Die Frage, die sich nach diesem Gig zwangsläufig aufwirft: werden Journey Coverdale und seinen Mitmusikern das Wasser reichen können? Die Antwort muss eindeutig mit „jein“ beantwortet werden. In Sachen „Wer betritt am coolsten das Festivalgelände“ bekommt Neal Schon eindeutig den Punkt: Voraus läuft ein riesiger Bodyguard, dann kommen Schon plus Verlobte, die nur halb so alt zu sein scheint wie die AOR-Koryphäe, gefolgt von einem weiteren Hünen, der Neals Gitarre trägt. Dabei hat der Mann, der neben Journey mit Bad English eine weitere Ausnahmeband in den Charts platzierte, ein Lächeln auf dem Gesicht, welches mehr als nur ansteckend ist. Angekommen auf der Bühne, kracht er und der Rest vorzüglich mit ›Seperate Ways (Worlds Appart)‹ los. Allen voran hüpft der jüngste der Journey-Familie, Arnel Pineda, leichtfüßig über die seitlichen Mauern. Bei einem Blick ins Publikum wird jedoch schnell klar, dass viele HiRocker nach dem Auftritt von Whitesnake die Loreley bereits verlassen haben. Der Positionenwechsel war also ein Schuss in den Ofen! Der San-Francisco-Fünfer lässt sich davon jedoch wenig beeindrucken und brettert seine unsterblichen AOR Hymnen aus der ins Abendrot getauchten Freilichtbühne. Höhepunkt aber das war ja irgendwie schon im Vorfeld klar wird ›Don‘t Stop Believin‘‹, bei dem die noch verbleibenden Besuchern ein ordentliches Tanzbein schwingen.

Um kurz nach elf ist die erste Ausgabe des HiRock zu Ende und hinterlässt den besten Festivaleindruck der letzten Dekade: Friedliche Menschen, die ihre Musik feiern, keine Alkoholleichen auf dem Gelände und keinerlei Ausschreitungen lassen auf eine Neuauflage des Open Airs im nächsten Jahr hoffen. Vielerorts werden für 2014 Def Leppard, Mötley Crüe, Poison und Foreigner als Wunschkandidaten genannt, die alleine schon ein Garant für ein weiteres erfolgreiches HiRock sein dürften.

Queensryche – Aus eins mach zwei

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Geoff Tates Queensryche

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Die Ur-Kapelle von Queensryche ohne Geoff Tate

 

Der Streit um das Recht am Namen Queensrÿche gewährt einen Einblick in das Innenleben einer Rockband, deren Mitglieder sich nach 32 gemeinsamen Jahren völlig auseinander gelebt haben.

Der 18. November 2013 ist das Datum, dem Queensrÿche-Fans entgegenfiebern. An diesem Tag will ein Gericht in Seattle entscheiden, welche der beiden Bands, die momentan als Queensrÿche firmieren, das Recht auf den Namen hat. Sänger Geoff Tate und seine Frau Susan (ehemalige Managern der Original-Queensrÿche) strengten den Prozess im Juni 2012 an, nachdem die Gründungsmitglieder Scott Rockenfield (Schlagzeug), Michael Wilton (Gitarre) und Eddie Jackson (Bass) Sänger Tate gefeuert hatten. Das Ehepaar Tate bestrei- tet die Rechtmäßigkeit der Kündigung und fordert, dass der Bandname nach der Trennung Geoff Tate allein gehören solle. Daraufhin klagten Rockenfield, Wilton & Jackson zurück, sie beschuldigten das Paar der kreativen Obstruktion, fragwürdiger Geschäftspraktiken und werfen dem Vokalisten auch noch gewalttätiges Verhalten vor.

Inzwischen sind zwei Alben der verschiedenen Kapellen gleichen Namens erschienen. Rockenf ield, Wilton & Jackson, verstärkt um Gitarrist Parker Lundgren und den neuen Sänger Todd La Torre (früher Crimson Glory) brachten ein Opus heraus, das sie siegesgewiss QUEENSRŸCHE nannten. Tate indes sammelte eine All Star Band um sich aus Bassist Rudy Sarzo (Whitesnake), dessen Bruder Robert an der Gitarre, Randy Gane an den Keyboards, sei- nem langjährigen Kreativpartner Kelly Gray (Gitarre) sowie Trommler Simon Wright (AC/ DC). Sie präsentierte FREQUENCY UN- KNOWN. Das Cover der Scheibe zeigt eine Faust mit Schlagring, der die Form der Initialen F U hat. Daraus hat so mancher ein „Fuck You“ gelesen, was Tate am Telefon aus Singapur jedoch weit von sich weist. „Damit hat das nichts zu tun. FREQUENCY UNKNOWN ist ein kleiner running gag, den wir im Studio hat- ten. Er dreht sich um diese mysteriöse Frequenz der Hitformel. Keiner weiß, wo diese Frequenz liegt, aber alle suchen sie.“ Hat Tate das andere Album der ehemaligen Kollegen gehört? „Nein, das interessiert mich nicht.“

Sein früherer Partner Scott Rockenfield gibt ein Interview in den Räumen seiner neuen deutschen Plattenfirma in Dortmund. Auf die gleiche Frage, ob er das Album von Tate gehört habe, antwortet der Trommler: „Ich habe einige kleine Dinge gehört, aber ich kenne nicht genug. Es kümmert mich auch nicht! Unserer Meinung nach sind wir Queensrÿche. Ich kann nicht absolut nachvollziehen, wie sich ein einzelner Typ Queensrÿche nennen kann.“

Wie man sieht, steht die Rockgruppe, die vor 32 Jahren gegründet wurde, vor einem Scherbenhaufen. Am Ende gleicht die Beziehung der Mitglieder einer Ehe vor der Scheidung: Beide Seiten haben sich voneinander entfernt, Misstrauen hat sich eingeschlichen, die Partner haben sich verletzt bis hin zu Handgreiflichkeiten. Es geht um künstlerische Differenzen und natürlich geht es um Geld. Was die unterschiedlichen musikalischen Auffassungen
betrifft, liefern die beiden aktuellen Scheiben klare Hinweise. QUEENSRŸCHE marschiert in Richtung Progressive Rock. Jedes Mitglied beweist, dass es sein Instrument beherrscht, der neue Vokalist Todd La Torre zeigt sich als stimmgewaltiger Herrscher des Mikrophons. Allerdings mangelt es dem Songmaterial an Eingängigkeit, es fehlen memorable Melodien und eingängige Refrains. In dieser Disziplin fährt FREQUENCY UNKNOWN besser, etliche Songs besitzen einen einprägsamen Hook, sind aber dafür nicht besonders hart.

Rockenfield, Wilton & Jackson hatten sich seit der Zeit von PROMISED LAND (1994) daran gestoßen, dass Tate „keinen Metal/Hard Rock“ mehr singen wollte. In einem ausführlichen Schreiben, das Michael Wilton für das Gericht in Seattle verfasste, berichtet der Gitarrist, wie sich Mitte der 90er erste Risse in der Band zeigten. „Er (Tate) ließ uns wissen, es sei das letzte Album und er würde die Band verlassen“, notiert Wilton. „Während der Tour für PRO- MISED LAND hatte Geoff Tate begonnen, sich von uns zu distanzieren. Er wollte mehr theatralische Elemente in die Show einbringen und fühlte den Drang, mehr auf der Bühne zu tun als nur in ein Mikrophon zu singen.“

Hinzu kam die Entfremdung von Chris DeGarmo. Der charismatische Gitarrist und begabte Komponist hatte wesentlichen Anteil am großen Erfolg von OPERATION MINDCRIME (1988) und dem Nachfolger EMPIRE (1990). Letzteres enthielt die Erfolgssingle ›Silent Lucidity‹, eine sanfte Ballade, die komplett aus der Feder von Chris DeGarmo stammt. Es war der größte Hit, den Queensrÿche je hatten. 1998 verließ DeGarmo die Band, kehrte für das Album TRIBE (2003) jedoch noch einmal kurz zurück. Daraufhin wechselte er die Branche, wurde Pilot und ist heute Miteigentümer einer Flugzeugfirma. Beide Q-Combos sagen, sie seien bis heute mit DeGarmo befreundet. Tate gibt an, er habe vor einem Monat noch zu Chris Kontakt gehabt. Rockenfield bemerkt, „Chris ist immer noch eng mit Michael Wilton befreundet. Wir konnten ihn nicht ersetzen, Chris ist ein besonderer Typ.“

Für die Originalband hatte DeGarmos Abgang bittere Konsequenzen, die renommierte Managementfirma Q Prime (u.a. Metallica, Red Hot Chili Peppers) trennte sich aus diesem Grund von Queensrÿche. Tate setzte durch, dass sein Kumpel Kelly Gray den vakanten Platz an der zweiten Gitarre einnahm, neuer Manager wurde Ray Danniels von Rush. „Wir arbeiteten alle sehr hart an dem Album Q2K (von 1999). Durch smartes Management und ausgiebiges Touren erreichten die Verkäufe über 150.000 Einheiten, ein guter Start ohne den Schlüssel-Songwriter“, schreibt Wilton in seinem Bericht für das Gericht von Seattle. In der Zwischenzeit hatten sich sämtliche Mitglieder mit Ausnahme von Chris DeGarmo infolge der exzessiven Erfolgsjahre im Anschluss an OPERATION MINDCRIME und EMPIRE von ihren Ehefrauen getrennt. Geoff Tates neue Gattin wurden Susan, die seit 1997 für den Queensrÿche-Fanclub gearbeitet hatte. Beide drängten darauf, Danniels zu feuern, so wurde Susan Tate 2001 erst Co-Managerin, zwischen 2005 und 2001 dann alleinige Bandmanagerin. „Es war eine Entscheidung, der alle Mitglieder zustimmten“, betont Geoff Tate. „Du willst einen Manager haben, dem du vertrauen kannst, der in deinem besten Interesse arbeitet. Es gibt seit langem viele Beispiele von Familienmitgliedern als Manager. Ich bereue die Entscheidung keineswegs! Sie ist eine fantastische Managerin, sorgte dafür, dass jeder Geld verdiente und führte die Band durch raue Zeiten.“ Wilton sieht den Managerwechsel total anders: „Geoff sagte uns, wenn wir Susan nicht einstellten, würde er nicht länger mit uns arbeiten.“ Das Unbehagen in der Band wuchs. Von Susan Tate stammte die Idee zu OPERATION MINDCRIME II (2006), der die übrigen Bandmitglieder kritisch gegenüber standen, weil sie den guten Namen des ersten Albums nicht gefährden wollten. (Bis heute spielen beide Seiten Songs dieses Klassikers live, Tate tourt momentan aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums mit eben diesem Material.) Beim zweiten Aufguss des bewährten MINDCRIME-Konzepts vertiefte sich der Bruch. Rockenfield, Wilton & Jackson fühlten, dass
ihre kreativen Vorschläge nicht mehr erwünscht waren. Dagegen beklagt Tate, von den anderen seien keine brauchbaren Beiträge gekommen. „Während der Kompositionsphase lieferte ich meine Ideen, nur um heraus zu finden, dass der Produzent, der neue Gitarrist (Mike Stone) und Geoff Tate die ganze Nacht auf gewesen waren und die Songs ohne mich geschrieben hatten“, so Wilton. Tate sieht die Sache völlig entgegengesetzt: „Viele Mitglieder waren abwesend. Es wurde eine Solo-Scheibe von mir, aber das war nicht meine Absicht. Wer nicht kommt, kann nicht mitmachen. Zum Glück hatten wir Mike Stone, der die meisten Gitarren auf MINDCRIME II spielte.
Warum die anderen nicht erschienen sind, weiß ich nicht. Du hast einen Plattenvertrag, ein Abgabedatum, eine Verpflichtung und dann tauchst du nicht auf? Das kann ich nicht nachvollziehen! Ich habe sie immer eingeladen, teilzuhaben.“

Den letzten Punkt sehen die anderen Drei wieder unterschiedlich. „Ich habe alle Songs der Platte gespielt, aber meine Parts wurden hinterher verändert“, protestiert Rockenfield energisch. „Geoffs Motto wurde immer öfter: My way or the highway, entweder machen wir es wie ich will oder ich gehe.“ Das ist ein Muster, dass sich bei den folgenden Produktionen wiederholen sollte. Das Bizarre daran ist freilich, alle Mitglieder unterschrieben, dass sie an den Alben künstlerisch partizipiert hatten, obwohl das die Unwahrheit war. „Uns wurde gesagt, wir hätten zu unter- schreiben, sonst würde die Band den Vorschuss der Plattenfirma nicht bekommen“, rechtferden. Wir mussten unterschreiben und dem Album zustimmen, im anderen Fall hätten wir nicht nur das Geld verloren, das wir brauchten, um unsere Familien zu ernähren, sondern auch das Geld von unseren Freunden/Bandmitgliedern, die es ebenfalls brauchten.“ Auch Scott Rockenfield unterschrieb diese Papiere. „Du hoffst, dass die Dinge besser werden“, meint er heute lakonisch dazu.

Am Ende ging die Rechnung nicht auf. Beispielsweise verkaufte OPERATION MINDCRIME II, laut Wilton, innerhalb von sechs Jahren lediglich 150.000 Einheiten, die Original-Vorlage hatte innerhalb eines Jahres bereits 500.000 Stück verkauft. Das gleiche Schema wiederholte sich bei den folgenden Werken, mit dem Ergebnis, dass die Musik immer schlechter wurde und die Verkäufe immer weiter zurück gingen. Es folgten weitere zweifelhafte Entscheidungen. Tate hatte etwa die Idee zu der „Cabaret“-Tour. Anknüpfend an das Cabaret-Theater der 30er Jahre präsentierte er eine ziemlich peinliche Revue, in der er mit Schmerbauch und String-Tanga auf die Bühne stolzierte, dazu tanzten Ehefrau Susan und seine Stieftochter Miranda in knappen Bikinis. Was die Fans darüber in den Internetforen schreiben, kann man am besten mit dem Wort „Fremdschämen“ beschreiben. Queensrÿche spielten 24 „Cabaret“-Shows in Casinos und kleinen Venues. „Du kannst vor deiner Vergangenheit nicht davon laufen“, zuckt Rockenfield mit den Schultern, „das war keine gute Sache! Es war Teil eines andauernden Kampfes, schlechter Entscheidungen und Management-Fehlleistungen.“ Wilton schreibt, er habe gegen dieses dubiose Konzept gestimmt. „Ich wusste, es würde die Marke Queensrÿche weiter beeinträchtigen. Meiner Meinung nach waren wir ein Klasse-Act, der nie so tief hätte sinken dürfen, erniedrigende Situationen mit Frauen auf der Bühne zu zeigen, besonders wenn es sich um Ehefrauen und Töchter der Band handelt.“

Die Kluft wurde größer. Zudem stellte die Band fest, dass angesichts der sinkenden Einnahmen ihre Kosten zu groß wurden. Neben unglücklichen künstlerischen Direktiven von Geoff Tate als „musikalischem Leiter“, gab es Probleme
mit dem kostspieligen Fanclub, einer wenig erfolgreichen Merchandise-Firma und steigendem Kostendruck. Geoff Tate tourte mit seiner Solo-Band, die übrigen Mitglieder forderten Änderungen, doch beide Seiten sprachen kaum
noch miteinander. Am Ende beschlossen Rockenfield, Wilton & Jackson, Susan Tate als Managerin zu feuern, weil sie nicht in ihrem Interesse arbeitete. Es kam zum Showdown in Brasilien am 14. April 2012. Geoff Tate hatte ein Bandmeeting gefordert, in dem er eine Begründung für die Entlassung seiner Frau hören wollte. Das Meeting dauerte nur kurz und verlief nicht nach Tates Geschmack, die anderen blieben bei ihrem Entschluss. Vor der anschließenden Show stieß Tate Rockenfields Schlagzeug um, spuckten Michael Wilton an, schlug den Gitarristen und den herbei geeilten Rockenfield mit Fäusten. Während des Gigs bespuckte Tate den Schlagzeuger weiter, was man in aller Deutlichkeit im Internet betrachten kann.

„Ich war sehr böse, weil sie unsere Managerin und damit im Grunde auch mich gefeuert hatten“, gibt Tate im Interview zu. „Wenn du über Jahre mit einem Haufen von Typen zusammen bist, kann es schon mal zu solchen Situationen kommen. Du begleichst deine Rechnungen auf wenig höfliche Art, wie es The Who zum Beispiel zu tun pflegten.“ Scott Rockenfield ein durchtrainierter, muskulöser Mann, der fast sein ganzes Leben Schlagzeug spielt fühlte sich von Tates Ausfällen bedroht. „Er hat alle angegriffen und lief Amok. Kurz vor dem Auftritt zerstörte er unsere Anlage, er hat einige von uns geschlagen, darunter mich. Er brauchte dreißig Minuten, um sich wieder zu beruhigen. Inzwischen war die Security eingeschritten. Unser Ziel war, die Show durchzuziehen und unsere Karriere fortzusetzen“, sagt Scott. „Er bespuckte mich während der ganzen Show, jeder kann es sehen.“ Nach zwei weiteren, ähnlich turbulenten Auftritten trennte sich das Trio von dem Sänger. Umso erstaunlicher ist es, Geoff Tate folgendes sagen zu hören: „Der Bruch der Band kam für mich völlig unerwartet. Es gab nie Probleme“, behauptet er. „Ich wünschte, wir könnten reden, aber sie wollen nicht.“ Für ihn ist sein Rausschmiss ein abgekartetes Spiel. „Es geht nur um Geld. Es ist eine Übernahme unserer Firma. Sie wollen mich rauskicken, um mehr Geld zu verdienen.“

Eine interessante Frage bei derartigen Trennungen ist diese: Mit wem hält es die langjährige Crew der Band? Darauf Rockenfield: „Alle sieben Crewmitglieder, die seit Jahren dabei waren, sind mit uns gekommen.“ Selbst Tate muss das einräumen, auch wenn er die Zahl der Bandmitarbeiter nur mit drei beziffert. Der Sänger ist während des Gesprächs erstaunlich gefasst: „Jetzt haben die Anwälte das Wort“, stellt er nüchtern fest. „Es mag kompliziert klingen, aber die Trennung erfolgt nach den Regeln eines Streits in einer Firma. Am Ende geht es nur noch um die Frage: Wer zahlt wen aus?“ Er werde in den nächsten Monaten mit seiner Queensrÿche-Band FREQUENCY UNKNOWN live vorstellen. Danach plane er, OPERATION MINDCRIME, das vor 25 Jahren erschien, in Gänze zu spielen. Scott Rockenfield zeigt sich hingegen optimistisch, dass seine Queensrÿche das bessere Ende für sich haben werden. Selbstbewusst nannten sie ihr Album nach der Originalkapelle. Zudem wird Scott nicht müde, die gute Stimmung in der Gruppe und den neuen Sänger Todd La Torre zu preisen. Erste Songs für ein weiteres neues Werk seien bereits geschrieben. Währenddes- sen blicken alle auf den 18. November, den Tag, an dem Richterin Carol A. Schapira die entscheidende Frage zu beurteilen hat: Wer sind die waren Queensryche?.

Huntress – Zu den Sternen gehen wir

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Huntress-BandLargeHuntress greifen nach den Sternen. Nur ein Jahr nach ihrem Sensationsdebüt SPELL EATER legen die okkulten Metaller um Frontmagierin Jill Janus mit STARBOUND BEAST noch eine Schippe drauf und tauchen darauf in den Kosmos ein.

Es gibt sie immer wieder diese Bands, die zur rechten Zeit mit dem rechten Album am rechten Ort sind. Im April 2012 waren das ohne jeden Zweifel Huntress, die die schwarze Hexenküche des Okkulten mit klassisch-barbarischem Heavy Metal und jeder Menge Sex zu einem wahrhaftigen Hexensabbat verbanden. Die Szene war begeistert, Tourneen und Festivalkonzerte folgten am laufenden Band, zwischendrin fand die praktizierende Hexe sogar genug Zeit, das Zweitwerk STARBOUND BEAST zu komponieren. Ein Schnellschuss ist es deswegen nicht geworden. Die Sängerin erklärt, warum: „Huntress haben eine kristallklare Vision. Wir haben beschlossen, jedes Jahr ein Album zu veröffentlichen.“ Der kurvige Blickfang sieht in den ausgiebigen Touraktivitäten sogar einen Vorteil. „Wir sind alle deutlich selbstbewusster geworden in unseren Rollen als Bühnenkünstler, Musiker und Songwriter“, erklärt sie. „Diese Sicherheit ist jetzt in STARBOUND BEAST gesickert.“

Neben der neu gewonnenen Sicherheit floss vor allem jede Menge Magie in die neuen Stücke. Jill Janus ist eine sehr spirituelle Person, deren ganzes Dasein ein einziges Ritual ist. „Jeder Tag ist verzaubert“, stellt sie mit einem leichten Lächeln fest. „Die Hexerei führt mich in allen Bereichen meines Lebens, ich feiere die heidnischen Sabbate und Rituale.“ Einem Kult gehört sie nicht an, Huntress ist sozusagen ihr eigener Kult. Jill nickt. „Deshalb wird der, der nach Geheimnissen sucht, auch in unseren Songs fündig wer- den.“ Der, der nach klassischem, düsterem Heavy Metal mit Doom-Eischlag sucht, natürlich auch. Für die Frontfrau ist dieser musikalische Ausdruck am besten für ihre Visionen geeignet. „Unsere Musik ist ebenso organisch und natürlich wie unsere Inhalte.“ Es ist schon alles sehr durchdacht bei Huntress. Dass STARBOUND BEAST nicht statisch klingt, liegt insbesondere an der Hingabe, mit der Huntress die Sterne anrufen. „Obwohl wir wenig Zeit für das Album hatten und uns deswegen keine Fehler leisten konnten, waren die Arbeiten daran ein Wirbelwind.“ Das Ergebnis übrigens auch.

Entsprechend stolz sind die Amerikaner auf ein Album, das alles Irdene hinter sich lässt und nach den Sternen und der Ferne des Alls greift. „Vor einiger Zeit ereilten mich Botschaften und Lyrics aus der Tiefe des Alls“, gesteht sie. „Immer, wenn das passiert, falle ich in eine tiefe Trance.“ Dann wird aus Jill Janus, der blonden Sängerin, das titelgebende STARBOUND BEAST, dann sucht sie nach Antworten auf dem Stern Aldebaran. Diese Suche ist noch lange nicht beendet: „Huntress wird sich immer weiter entwickeln und die Erde hinter sich lassen. Die Botschaften aus dem All werden mich auch weiterhin auf meinem Weg führen.“ Seit seiner Kindheit sieht sich das ehemalige Playmate als Mittler zwischen unserer Welt und dem Jenseits, kommt aber ohne Erziehungsauftrag oder Missionierungsgedanken zu uns. Ihr abschließendes Statement fällt deswegen auch unerwartet menschlich aus. „Ich bin nicht hier, um die Welt zu verändern. Ich wurde nur für einen Zweck geboren: Ich wurde geboren, um Heavy Metal zu singen.“