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Start Blog Seite 1229

Auslese Kino

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Elysium_Hauptplakat_RZ_A3_30dpi_1400Elysium
USA 2013/Sony

Zwei Erkenntnisse hat das Filmjahr 2013 bereits gebracht. Nummer eins: Science Fiction ist wieder cool. Gerade in jenem Moment, in dem Genregrößen wie Cyberpunk-Meister William Gibson Zukunftsmüdigkeit für ihre Abkehr vom Kerngeschäft SciFi verantwortlich machen, schlägt in dieser Saison kaum ein Blockbuster ein, der nicht die SciFi-Flagge stolz vor sich her trägt: „Oblivion“, „Pacific Rim“, „Ender’s Game“, „World War Z“, „After Earth“, „Riddick“ um nur eine Auswahl zu nennen. Gerade angesichts dessen, dass Science Fiction bis vor zwei Jahren noch als reines Geek-Futter und gleichzeitiges Kassengift galt, verwundert diese plötzliche Kehrtwende der Filmindustrie doch gehörig. Erkenntnis Nummer zwei: Zumindest bis Alfonso Cuaróns „Gravity“ in die Kinos kommt, ist Neill Blomkamps düstere Dystopie „Elysium“ Anwärter auf den besten Genrebeitrag des Jahres. Dort, wo andere Kollegen ihre Zukunftsvision meist nur als Ausrede für den Einsatz zahlreicher High Tech-Gimmicks und Actionorgien missbrauchen, verfolgt Blomkamp weiterhin den Weg, den er mit seinem Debüt und Überraschungserfolg „District 9“ einschlug: Namentlich visuell bestechendes und actionreiches Unterhaltungskino mit einem doppelten Boden in der Form von klug vorgetragener Gesellschaftskritik zu bieten. Matt Damon spielt darin den todkranken Fabrikarbeiter Max, der gemeinsam mit Milliarden anderen Menschen auf der ordentlich abgewrackten Erde haust, während es sich die Elite in einer Luxusraumstation gut gehen lässt. Doch dieser trügerische Frieden wird durch Max bald empfindlich gestört, als dieser versucht, sich auf der Suche nach einem Heilmittel gewaltsam Zutritt zum Paradies zu verschaffen.

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The World’s End
GB 2013/Universal

Da ist das Ding! Sechs Jahre nachdem sie mit „Hot Fuzz“ den zweiten Teil ihrer Cornetto-Trilogie ablieferten, die 2004 mit „Shaun Of The Dead“ ihren Anfang genommen hatte, bringt das geniale Team aus Simon Pegg, Edgar Wright und Nick Frost die Reihe mit der „The World’s End“ zum Abschluss. Zwischen Parodie, Hommage und ultimativer Liebeserklärung an verschiedenste Genres planten Wright und Pegg ihre Trilogie als augenzwinkerndes Spiel mit Klischees und Konventionen, dem sie mit urbritischem Humor eine unverwechselbare Note verpassen. Nach Zombiereferenzreigen samt Romantik-komödie in „Shaun Of The Dead“ und der wohl absurdesten Buddy-Cop-Actionkomödie „Hot Fuzz“ taucht der letzte Teil der Reihe in die Untiefen der Science Fiction ab: Simon Pegg überzeugt darin eine Gruppe alter Freunde nach Jahren, endlich eine legendäre Kneipentour zu wiederholen, an der sie einst grandios scheiterten. Doch das große Saufgelage wird empfindlich gestört, als die Pläne außerirdischer Invasoren sich mit denen der alkoholisierten Kindsköpfe kreuzen. Prädikat: Besonders großartig!

9

Der Kongress
D/F/ISR 2013/Pandora

Sein halb-dokumentarischer Ani-mationsfilm „Waltz With Bashir“ über die traumatischen Erlebnisse einer Panzerbesatzung im Libanonkrieg von 1982 katapultierte den israelischen Filmemacher Ari Folman mit einem Schlag ins Rampenlicht des arthausigen Weltkinos. Angestachelt von derartigem Erfolg widmete sich Folman im Anschluss einem Projekt, dass man wohl ohne große Übertreibung als „höchst ambitioniert“ beschreiben kann: Die Adaption des Sci-Fi-Romans „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem. Zur Hälfte Realfilm, zur Hälfte psychedelisch sprudelndes Animationskino im Stil von „Yellow Submarine“ folgt Folmans Version der Geschichte von Schauspielerin Robin Wright Penn, die als Abgeordnete auf den mit faschistoider Symbolik versehenen Kongress eines Entertainment-Giganten eingeladen wird. Zumindest bis Aufständische die Luxusenklave angreifen und im Anschluss die Trennlinien zwischen Realität und Fiktion zunehmend verschwimmen. Als bitterböse Abrechnung mit der Konsensrealität Hollywoods und trippige Meditation über faserige Identität im Netzzeitalter, ist Folmans Opus ein fraglos einzigartiger Film. Sowohl optisch als auch inhaltlich.

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Upside Down
KAN/F 2012/Concorde

So geschickt 3D in den letzten Jahren von der Filmindustrie auch genutzt wurde, um Besuch-erzahlenrückgang und der harten Konkurrenz anderer Unter-haltungsangebote zu begegnen, wirklichen Mehrwert fürs Publikum bot die Technik nur in seltenen Fällen. Ein stichhaltiges Argument „Pro 3D“ liefert der argentinische Regisseur Juan Diego Solanas mit seiner Science Fiction-Romanze um zwei Liebende, die nicht zusammen sein dürfen. Adam (Jim Sturgess) und Eden (Kirsten Dunst) sind sich zwar Hals über Kopf verfallen, die Tatsache, dass sie sich auf zwei verschiedenen Planeten befinden, die sich Kopf an Kopf gegenüberstehen, macht ihre Beziehung aber zu einer physikalischen wie gesellschaftlichen Unmöglichkeit: Die Bewohner der Zwillingswelten dürfen sich nicht treffen. Mit fantastischen Bildern, die sich in 3D-Optik zu schwindelerregend schönen Traumwelten entfalten, ist Solanas romantisches Zukunftsmärchen sowohl ein fulminantes Zeugnis des brillanten Einsatzes der 3D-Technik als auch wunderbares Kinoerlebnis in seiner reinsten Form.

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Auslese Bücher

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He_King_Joyland_SUS+.inddStephen King
JOYLAND Heyne

Gänsehaut im Vergnügungspark.

Um Geld für sein Studium zu verdienen, arbeitet Devin Jones im Sommer 1973 im kleinen Vergnügungspark „Joyland“. Es ist der schönste und gleichzeitig schlimmste Sommer seines Lebens. Die Arbeit selbst macht ihm großen Spaß, er bedient das Riesenrad, spielt das Maskottchen „Howie The Happy Hound“ mit Hingabe und freundet sich schließlich mit einigen Schaustellern und Studenten an. Als ihm jedoch seine erste große Liebe Wendy per Post den Laufpass gibt, stürzt er in ein depressives Loch, hört traurige Lieder der Doors und sinniert über Selbstmord. Während ihn seine neuen Freunde immer weiter aus seinem Gefühlsloch ziehen, geschehen seltsame Dinge in „Joyland“. In der Geisterbahn soll es spuken, seitdem dort ein paar Jahre zuvor ein Mädchen grausam ermordet wurde. Dann gibt es da noch die schöne junge Frau mit ihrem behinderten Sohn, die er täglich auf dem Weg zur Arbeit sieht und die ein Geheimnis zu umgeben scheint. Devin begibt sich auf Spurensuche und entdeckt Schauerliches.

Stephen King zeigt in seinem neuesten Werk erneut, warum er immer noch der unangefochtene Meister der Gruselliteratur ist. Egal, wie viele Bücher man von ihm gelesen hat, es läuft einem immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken. Sein geschicktes Spiel mit den menschlichen Grund-ängsten lässt das Grauen, das im extremen Kontrast zur fröhlichen Umgebung des Freizeitparks steht, richtig real erscheinen. Sein Schreibstil, der immer wieder mit reichlich Humor und Sarkasmus durchzogen ist, ist flüssig und ansprechend, so dass man „Joyland“ nicht mehr aus der Hand legen möchte und es am besten in einem Rutsch verschlingt. Bei schummrigen Licht, versteht sich.

9

Dan Brown
INFERNO
Bastei Lübbe

Mit Dante durch die Hölle.

Nach einem Albtraum erwacht Robert Langdom in einem Krankenhaus in Florenz. Leider hat er keine Ahnung, wie er nach Italien gekommen ist, was ihn dorthin geführt hat und vor allem, woher die Schusswunde an seinem Kopf stammt. Alle Ereignisse der letzten zwei Tage sind aus seinem Gedächtnis verschwunden. Als eine in schwarzes Leder gekleidete Frau plötzlich auf der Intensivstation erscheint und den Professor erschießen will, verhilft ihm die junge Ärztin Sienna Brooks zur Flucht. Schon bald müssen sie feststellen, dass nicht nur eine geheime Organisation hinter ihnen her ist, sondern auch die Regierung der USA. Die Suche nach Antworten wird zu einer rasanten Hetzjagd durch Florenz, gesäumt von allerlei Rätseln und überraschenden Wen-dungen. Alle Hinweise deuten auf „Inferno“ aus Dante Alighieris Epos „Die göttliche Komödie“ hin, in der der Dichter seine grausame Reise durch die Hölle beschreibt.

Das neue Abenteuer um Symbolforscher Robert Langdon ist gewohnt spannend und packend inszeniert. Die kunsthistorischen und geschichtlichen Abhandlungen sind interessant und verständlich. Der für Brown typische Perspektivenwechsel zwischen Protagonisten und Gegenspielern lässt die Handlung zügig fortschreiten, so dass selten Längen entstehen. Allerdings schafft er es nicht, an die Qualität und Faszination von „Illuminati“ oder „Das Sakrileg“ heranzukommen. Denn wer seinen Stil kennt, durchschaut einige seiner Tricks recht schnell, was dem Roman ein wenig die Spannung nimmt. Doch Fans von Robert Langdon werden auf jeden Fall zufrieden sein.

7

John van Hamersveld
50 YEARS OF VISUAL ART
Ginkgo Press

Fabelhafte Retrospektive des Illustrators.

Kaum jemand prägte die Optik der Musikwelt der 60er und 70er Jahre mehr als John Van Hamersveld. Der 1941 in Baltimore, Maryland, geborene Grafiker schaffte seinen Durchbruch mit dem legendären Cover zur Surf-Doku „The Endless Summer“ von 1966. Schnell wurde Brown Meggs, der Vize-Präsident von Capitol Records, auf ihn aufmerksam und engagierte ihn für die Werbekampagne zu SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND der Beatles. Auch das Cover ihres Albums MAGICAL MYSTERY TOUR stammt von ihm. Es folgten Poster für Jimi Hendrix, The Who und Pink Floyd. Mick Jagger entwickelte mit ihm zusammen das Artwork zu EXILE ON MAIN STREET, van Hamersveld entwickelte Artworks für Blondie (EAT TO THE BEAT) und die Grateful Dead (SKELETONS FROM THE CLOSET). In „50 Years Of Visual Art“ findet man auf über 300 Seiten all diese Kunststücke und noch einige mehr. Zusätzlich hat van Hamersveld seine Erinnerungen niedergeschrieben und erzählt so manchen Schwank aus der Goldenen Ära des Rock’n’Roll. Somit ist dieses Buch nicht nur eine unglaublich schöne Bildsammlung, sondern auch ein sehr persönlicher Blick auf die letzten 50 Jahre Rockmusik. Dabei verrät der Autor auch, was ihn bis heute antreibt: Die Suche nach dem perfekten Bild, das er immer noch nicht gefunden hat.

8

Martin Popoff
RUSH – THE ILLUSTRATED HISTORY
Omnibus Press

Schönes „Bilderbuch“ für Fans.

Natürlich ist dieses Buch nicht die erste Biographie der kanadischen Prog Rocker. Der Autor selbst hat schon das ein oder andere Werk über seine Helden verfasst. Dennoch ist RUSH – THE ILLUSTRATED HISTORY keine vergebliche Liebesmüh. Denn neben einer Zusammenfassung der Bandgeschichte beinhaltet dieses Buch allerhand zum Teil bislang ungesehenes Bildmaterial. Neben Fotos aus den unterschiedlichen Schaffens-perioden präsentiert es Comics über die Band, Tourplakate, Eintrittskarten, Patches, Sticker, Merchandise-Artikel und allerlei Artworks. Fans wissen, dass Geddy Lee, Alex Lifeson und Neil Peart schon immer viel Wert auf die optische Ausrichtung der Band gelegt haben. Wer einmal ein Konzert der Kanadier gesehen oder bewusst ihre Albumcover betrachtet hat, weiß um ihre künstlerischen Ambitionen. Popoffs Bild-Biographie fängt all diese optischen Aspekte ein und stellt sie in einen historischen Zusammenhang. Interessant und witzig, in Schrift und Bild.

8

 

Auslese Vinyl

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Faith No MoreFaith No More
ANGEL DUST
Music On Vinyl/Cargo

Engelsstaub im Getriebe: Koffein, Kindergarten und Midlife Crisis.

Maßgeblichen Anteil an der weltweiten Ausbreitung des Crossover-Virus hat das 1981 in San Francisco gegründete Quintett. Vom Urkeim in kleinen schwitzigen Clubs bis zur Pandemie in gigantische Arenen deklinierten Faith No More jede mögliche Stufe. Als finanziell rentabel erweist sich das gewagte Konzept aus Metal, Funk, Rock, Rap und Experiment aber erst, als 1989 für Album Nummer drei, visionär THE REAL THING betitelt, statt Chuck Mosley Mike Patton am Mikrofonständer steht, um parallel zu signifikanten Vokalexzessen auch noch exzentrische Faxen als Frontmann zu inszenieren. Platin in den USA kassiert der Fünfer dafür. Und macht auch auf dem Nachfolger ANGEL DUST 1992 prinzipiell nichts verkehrt – außer, dass es im Heimatland diesmal nur für Gold reicht. Mit „Engelsstaub“ jedenfalls gelingt es Faith No More vor allem in Übersee, ihre respektable Reputation zu vertiefen: Bis heute bleibt Longplayer Nummer vier das bestverkaufte Werk außerhalb der USA. Ad acta legt die mit Bassist Billy Gould, Schlagzeuger Mike Bordin, Keyboarder Roddy Bottum und dem letztmalig zur Gitarre greifenden Jim Martin besetzte Truppe alsbald das Image wild-wütender Aggro-Kids – auch wenn sich ein Song wie ›Be Aggressive‹ mit in AIDS-Zeiten heikel besungenen Sexualpraktiken („I Swallow“) im Repertoire tummelt.

Stattdessen empfiehlt sie sich mit Launigem wie ›Caffeine‹, ›Kindergarten‹ und ›Midlife Crisis‹ als clever hintersinnige Hofnarren des Alternative Rock. ›A Small Victory‹ und das vom gleichnamigen Kinokultfilm inspirierte ›Midnight Cowboy‹ lassen sich gar als stubenreiner Pop identifizieren. Erst in der CD-Neuauflage hinzugefügt wurde die unglaublich lässige Version von Lionel Richies ›Easy‹, ein weltweiter Hit, der auch Papa. Mama, Oma, Opa, Onkel und Tanten gefällt, fortan als Markenzeichen fungiert und an dem Faith No More seither ungerechterweise gemessen werden. Doch ausgerechnet die „unglaubliche Leichtigkeit des Seins“ fehlt auf der Vinyl-Edition im Doppelformat.

9

Blind Faith
BLIND FAITH
Music On Vinyl/Cargo

Tu, was du willst: einziges Werk der kurzlebigen Blind Faith.

Eliten unter sich: Als Ausgleich zu ihren Verpflichtungen bei Cream und Traffic vergnügen sich Eric Clapton und Steve Winwood im Sommer 1968 gerne bei gelegentlichen Jams. Statt finden die Begegnungen in Claptons Landhaus in Surrey. Ein zwei Jahre zuvor auf Betreiben von Elektra-Chef Jac Holzman anvisiertes Projekt namens Powerhouse der beiden war schon in Ansätzen gescheitert. Anfang 1969 nach Auflösung von Cream und Traffic nimmt der zweite Anlauf Gestalt an. Doch die als künstlerischer wie geschäftlicher Befreiungsschlag geplanten, mit Schlagzeuger Ginger Baker und Multiinstrumentalist Ric Grech komplettierten Blind Faith sind binnen Monaten ebenfalls Geschichte. Im Langzeitgedächtnis haften geblieben ist die „Supergroup“ allerdings nicht nur durch die Gewinnmaximierung der gewieften Manager Robert Stigwood und Chris Blackwell, des ersten Joint Ventures der Rockgeschichte. Denn das Quartett leistete 1969 mit seinem selbstbetitelten und von Jimmy Miller (u.a. Rolling Stones) kristallklar produzierten Debüt im kontroversen Cover von Bob Seidemann exzellente Überzeugungsarbeit: Stark jazzinfiziert geriet der Auftakt mit ›Had To Cry Today‹, gefolgt vom verspielten Akustikfolk von ›Can’t Find My Way Home‹. Deutlich vom ursprünglichen Original unterscheidet sich das Buddy-Holly-Cover ›Well All Right‹. Der Absicht, ein britisches Gegenstück zu The Bands MUSIC FROM BIG PINK zu kreieren, kommt die einzige Komposition Claptons wohl am nächsten: ›Presence Of The Lord‹. Einmal mehr am Jazz orientiert sich ›Sea Of Joy‹, ›Do What You Like‹ schließlich, Ginger Bakers 15-minütige Hommage an Kollege Graham Bonds Faible für den Satanisten Aleister Crowley, tönt wie ein Echo von Dave Brubecks ›Take Five‹. Wie schon in der Neuauflage der Deluxe Edition CD von 2001 finden sich auf der doppelten Vinylausgabe fünf Archivfunde rund um die Entstehungszeit von BLIND FAITH: Darunter die Electric Version von ›Can’t Find My Way Home‹, ›Time Winds‹ und der knapp 16-minütige ›Acoustic Jam‹.

10

Donovan
MELLOW YELLOW MONO EDITION /
WEAR YOUR LOVE LIKE HEAVEN MONO EDITION / THE HURDY GURDY
MAN MONO EDITION

Sundazed

Donovans Metamorphose: vom rustikalen Ostermarschierer zum samtenen.

Von den Medien als „britischer Bob Dylan“ apostrophiert, hievt der Schotte Donovan Leitch 1965/66 akustische Ostermarschiererhymnen wie ›Colours‹, ›Catch The Wind‹ und ›The Universal Soldier‹ in die Charts. Nach alter Woody-Guthrie-Tradition steht auf seinem Gitarrenkoffer „This Machine Kills!“. Wenig später vollzieht der gerade 20-Jährige unter Anleitung des südafrikanischen Popproduzenten Mickie Most in London eine künstlerische Metamorphose, wechselt vom Label Pye zu Epic, darf aber aus vertraglichen Gründen bis 1970 in Großbritannien kein Album veröffentlichen. Anstatt provokanter Pazifismusoden stilisiert sich Donovan als blumenumkränzter ›Sunshine Superman‹ im seidenen Kaftan, hautengen Samthosen und flippiger Pelzweste. MELLOW YELLOW, viertes Album in zwei Jahren, lenkt 1967 mit Arrangements von John Paul Jones (wenig später bei Led Zeppelin) den fernöstlichen Sitar-Trip des LP-Vorgängers SUNSHINE SUPERMAN zurück auf die britische Insel. Akustischer Celtic-Folk (›Writer In The Sun‹, ›Sand & Foam‹), deftig Verjazztes (›The Observation‹, ›Bleak City Woman‹) und mit Streicher veredelter Barock-Pop (›Hampstead Incident‹, ›Sunny South Kensington‹) sorgen für Abwechslung. Eine Hommage (›House Of Jansch‹) an sein großes Vorbild, Akustikgitarrenvirtuose Bert Jansch, darf nicht fehlen. Noch tiefer vor ins Hippie-Epizentrum dringt WEAR YOUR LOVE LIKE HEAVEN, ursprünglich erster Teil eines als Doppelalbum vertriebenen Konzeptwerks namens A GIFT FROM A FLOWER TO A GARDEN: Stark inspiriert von der Transzendentalen Meditation des Maharishi Magesh Yogi, funktionieren die zehn Songs im kleinen Jazz-Combo-Modus, besitzen aber im Gegensatz zu den Vorgängern weniger signifikante Melodien. Als Kleinodien des britischen Acid-Pop leisten ›Mad John’s Escape‹, ›Skip-Along Sam‹, ›Someone Singing‹ und das von keinem Geringeren als William Shakespeare getextete ›Under The Greenwood Tree‹ trotzdem Überzeugungsarbeit. Kreativ frisch aufgetankt kehrt Donovan 1968 vom mehrmonatigen Aufenthalt mit den Beatles aus Indien zurück: HURDY GURDY MAN reflektiert nicht nur Psychedelisches, sondern operiert auch in Art-Rock-Gefilden. Alan Parker dominiert mit seiner auf Blues-Rock geeichten Gitarre den famosen Titelsong, der sich, wie auch das liebliche ›Jennifer Juniper‹, wenig später in den Singlecharts tummelt. Auf ›Peregrine‹, ›The River Song‹ und ›Tangier‹ dröhnt es abermals hypnotisch zwischen Orient und Fernost, ›West Indian Lady‹ empfiehlt sich als Calypso.

MELLOW YELLOW MONO EDITION:
8
WEAR YOUR LOVE LIKE HEAVEN MONO EDITION:
6
THE HURDY GURDY MAN MONO EDITION:
9

Free
FIRE AND WATER
Music On Vinyl/Cargo

Wie Feuer und Wasser: Durchbruch beiderseits des Atlantiks dank ›All Right Now‹.

Mit einem Durchschnittsalter von gerade mal 17 Jahren zählen die 1968 in London gegründeten und von Mentor Alexis Korner intensiv geförderten Free sicherlich zu den erstaunlichsten Errungenschaften rund um die zweite Division der British Blues Invasion. Auf zwei Vorgängeralben, dem Debüt TONS OF SOBS und dem Nachfolger FREE (beide 1969), zeigt die mit Sänger Paul Rodgers, Gitarrist Paul Kossoff, Bassist Andy Fraser und Schlagzeuger Simon Kirke besetzte Formation für ihr jugendliches Alter schlicht begnadete Virtuosität. Doch nach zwei Alben treten Free ein wenig auf der Stelle. Guter Rat kommt von den beiden Koproduzenten John Kelly und Roy Thomas Baker (wenig später Klanghexenmeister bei Queen), die gemeinsam im Gespann mit Free die Klangregler steuern: „Wie wäre es, anstatt weiterhin die Faszination für Mississippi Delta und Chicago Blues puristisch fortzusetzen, wenn sich Einflüsse aus Soul und Hard Rock intensivieren würden?“. Gesagt, getan! Exemplarisch festgehalten und zusammengefasst ist diese stilistische Metamorphose von FIRE AND WATER in der verkürzt editierten Singleauskopplung ›All Right Now‹ – dem Überhit des Jahres 1970, der in den Jahren 1973, 1978, 1982 und 1991 jeweils erfolgreich wiederveröffentlicht wurde und zu einem der Rockklassiker schlechthin avancierte.

Ironischerweise ähneln Free im Titelsong oder in den balladeskeren Momenten auf ›Oh I Wept‹ und ›Heavy Load‹ schon erstaunlich dem ohnehin nicht allzu weit entfernten Konzept der Nachfolgegruppe Bad Company. In einschlägigen Diskotheken funktioniert parallel zur langen Fassung von ›All Right Now‹ auch noch das subtile Funk-Epos ›Mr Big‹. Doch vor allem profitiert FIRE AND WATER von glasklarer, dreidimensionaler Produktion. 43 Jahre später versetzen Kossoffs brillante, auf mehrere Aufnahmespuren konservierte Sechssaiten-exkursionen, Rodgers signifikante Vokalexpertise sowie die präzise Rhythmussektion von Kirke und Fraser nachgewachsene Hörergeneration noch immer in Erstaunen.

10

Lee Hazlewood
TROUBLE IS A LONESOME TOWN
Light In The Attic

Lee Hazlewoods fabelhaftes Debüt von 1963 mit ausführlichem Begleitheft.

Vielfalt lautet die Losung: Lee Hazlewood auf die Berufsbezeichnung Produzent festzulegen hieße, seine zahllosen anderen Talente sträflichst zu vernachlässigen. Nach Anerkennung als Mentor, Studiokoryphäe und Komponist von Gitarrenvirtuose Duane Eddy und The Shacklefords demonstriert Hazlewood auf seinem lange schon vergriffenen Solodebüt von 1963 weitere Talentfacetten. Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit: Unter dem Pseudonym Mark Robinson hatte der Hüne mit dem signifikantem Bariton schon zuvor als Vokalist debütiert. TROUBLE IS A LONESOME TOWN, unter Sammlern eine gesuchte Rarität, deren gut erhaltene Exemplare astronomische Summen erzielen, darf sich aber das Attribut an die Brust heften, erstes Werk unter eigenem Namen zu sein. Ein Opus, das noch nichts mit „Sommerwein“, „Wanderstiefeln“ und „Samtmorgen“ zu tun hat. Als kitschige Lagerfeuerromantik mit Cowboy-Touch ließen sich die zehn Originalsongs abtun. Doch die Abenteuergeschichten, die Hazlewood auf den spartanisch arrangierten Oden ›Long Black Train‹, ›Son Of A Gun‹ und ›The Railroad‹ erzählt, ziehen eine direkte rote Linie von den Pionieren Woody Guthrie und Hank Williams zu Nachfolgern-im-Geiste wie Waylon Jennings und Steve Earl. Aufgefüllt wird das Doppelalbum mit zum Teil unveröffentlichten Aufnahmen von 1955/56, darunter ›It’s An Actuality‹, ›I Guess It’s Love‹ und ›Fort Worth‹. Ferner finden sich auch noch jene Songvignetten, die Hazlewood als Mark Robinson einspielte: ›Pretty Jane‹, ›Want Me‹, ›Can’t Let Her See Me Cry‹ und › I’ve Made Enough Mistakes Today‹. Unbedingt hörenswert ist auch die dramatische Amnestiehymne ›The Girl On Death Row‹ und das skeptische Bekenntnis ›Words Mean Nothing‹. Als Bonbon obendrauf gibt es in sechs Kapiteln die vom Meister höchstpersönlich in unnachahmlichen Timbre gelesene „Lee Hazlewood Autobiography“.

10

Kings Of Leon
COME AROUND SUNDOWN
Music On Vinyl/Cargo

Warten auf den mechanischen Bullen: Quo vadis Caleb, Nathan, Jared und Matthew?

„This could be the end“, raunt Caleb Followill im Auftaktsong zum fünften Werk COME AROUND SUNDOWN – und vielleicht meint er ja tatsächlich, was er singt? Wer jedenfalls Konzerte der beiden letzten Tourneen besucht und auch mal genauer hingeschaut hat, weiß: Der Vokalist, Gitarrist und Damenschwarm, auf den zuhause Modelgattin Lily Aldridge wartet, dürfte ein Suchtproblem zumindest mit Hochprozentigem haben. Zumal es ja auch jenes Debakel 2011 in Dallas gab, als es zumindest für den Augenblick so aussah, als hätte das letzte Stündlein der Kings Of Leon geschlagen. Doch Calebs abrupter Bühnenabgang steht in bester Tradition von Axl Rose – so etwas ist ja heutzutage kaum der Rede wert, da der Exzess längst gesellschaftlich akzeptiert ist und vor allem untrennbar zum Berufsbild eines Rock’n’Rollers zählt. Auch COME AROUND SUNDOWN liefert keine schlüssige Kernaussage, wie es weitergehen wird mit dem Familienclan – sowohl künstlerisch als Band wie auch als menschliche Individuen. Da muss der geneigte Fan auf das für Ende September 2013 geplante aktuelle Werk MECHANICAL BULL warten. COME AROUND SUNDOWN jedenfalls, das 2010 den eklektischen Diskurs des Multiplatinvorgängerwerks ONLY BY THE NIGHT fortsetzte, geht mit hymnisch Griffigem wie ›Radioactive‹, ›The End‹ und ›Beach Side‹ in die Tiefe, anstatt sich neue Horizonte zu suchen. In Deutschland platzierte sich das nun auch als Vinyl-Doppel im Klappcover erhältliche Album mit hübschen Retronummern wie ›Back Down South‹ und ›Mary‹ als erster Tonträger der King Of Leons auf der begehrten Pole Position. Weltweit indes ließen sich die Absatzzahlen des Vorgängers nicht wiederholen.

8

Lynyrd Skynyrd
SECOND HELPING / NUTHIN’ FANCY
Quality Records, Analogue Productions / MCA

200 Gramm Qualitätspressungen zweier Klassiker im ausklappbaren Deluxe-Cover.

Glück muss der Mensch haben: Al Kooper, Gründungsmitglied von Blood, Sweat & Tears, Solointerpret, Komponist, Dylan-Intimus, Multiinstru-mentalist, Freigeist und Produzent, entdeckt 1972 zufällig eine Band in Atlanta und nimmt sie für sein junges Label Sounds Of The South unter Vertrag: Aus den Lokalmatadoren von Jacksonville, Florida namens Leonard Skinner – benannt nach einem verhasstem Lehrer an der Highschool – wird wenig später Lynyrd Skynyrd. Koopers Produktion des Debüts mit den Hits ›Free Bird‹ und ›Gimme Three Steps‹ lässt schon erahnen: Da steckt noch mehr Potenzial drin. Auch 1974 beim zweiten Longplayer SECOND HELPING sitzt Kooper mit seiner Expertise an den Klangreglern. Auf sein Anraten wird der Eröffnungssong ›Sweet Home Alabama‹, ein im direkten Vergleich mit den restlichen sieben Songs unglaublich eingängiger Rockohrwurm, der recht nassforsch auf Neil Youngs Songs ›Alabama‹ und ›Southern Man‹ antwortet, als Singleauskopplung ausgewählt – und etabliert das Septett um Frontmann Ronnie van Zant binnen Monaten weltweit. Doch SECOND HELPING repräsentiert wesentlich mehr, kommt doch zum ersten Mal das dynamische Gitarrentrio Gary Rossington auf Gibson Les Paul, Allen Collins auf Gibson Firebird und Ed King auf Fender Stratocaster voll zum Einsatz. Melancholischer Blues im Zeitlupenstil liefert ›I Need You‹. Ironisch ihr Label auf die Schippe nimmt die Südstaatentruppe im hart gerockten wie mit famosen E-Piano ausgestatteten ›Workin’ For The MCA‹. Rustikal erdig mit Slide-Gitarre funktioniert ›The Ballad Of Curtis Lowe‹. J.J. Cale gefallen haben dürfte der flotte Shuffle ›Swamp Music‹ – zumal sich auch noch Cales Komposition ›Call Me The Breeze‹ zum Ausklang findet. Prinzipiell im gleichen Modus weiter geht es 1975 mit Kooper und seinen trinkfesten Halbstarken auch auf NUTHIN’ FANCY: ›Saturday Night Special‹, ›On The Hunt‹ und ›Whiskey Rock-A-Roller‹ rocken und rollen deftig. ›Railroad Song‹ baut sich um eine unwiderstehliche Bluesmundharmonika auf. ›I’m A Country Boy‹ beteuert trotzig einmal mehr die Verwandtschaft zu Free. Hinter den sensationellen US-Verkauferfolgen der beiden Vorgänger mit jeweils Doppelplatin bleibt das bis dato nur mit Einfachplatin ausgezeichnete NUTHIN’ FANCY auch in Sachen Kreativität ein wenig zurück.

SECOND HELPING:
10
NUTHIN’ FANCY:
7

Iggy Pop
INSTINCT
Music On Vinyl/Cargo

Ein Rocktier mit Instinkt: Iggy Pops fabelhaftes Metal-Werk von 1988.

Wie man im Rockbusiness trotz zumeist unerheblicher Verkaufs-zahlen und, zumindest in jungen Jahren, unglaublichem Appetit auf radikale Selbstzerstörung stolze 66 Jahre alt wird, macht nonchalant mit einem Augenzwinkern Iggy Pop vor. Auch in seiner erklecklichen Diskografie demonstriert Mr. Pop alias James Osterberg Eloquenz: Zwar zeichnet sich Pop durch künstlerische Sprunghaftigkeit aus, doch im Gegensatz zum zeitweiligen Kumpanen David Bowie, der vor allem in den 80er Jahren weit unter seinem Niveau produzierte, hat der in einem Trailerpark in Ann Arbor aufgewachsene Vokalist, Komponist und Performer keinerlei Luschen hinterlasen. Seiner zweiten Zusammenarbeit mit Bowie auf dem kommerziell ausgerichteten BLAH BLAH BLAH (1986) lässt der zeitweilige Solist aber auch Wiederfrontmann von The Stooges 1988 das mit dem ehemaligen Sex Pistol Steve Jones zumindest in Teilen co-komponierte INSTINCT folgen: Jones darf richtig hartmetallisch in die Saiten greifen bei den glücklicherweise von Produzent Bill Laswell nicht am pompös blechernen Achtzigerzeitgeist ausgerichteten zehn Tracks, die wie eine Fortsetzung der ersten drei Stooges-Alben anmuten. Voll auf die Zwölf geben Iggy und Kohorten in jedem Song und sind sich gewiss: Mit ›Tuff Baby‹, ›Squarehead‹ und noch superberem Titelsong findet sich ein klassisches Haudrauf-Triptychon, das in den vergangenen 25 Jahren nichts von seinen animalischen Reizen eingebüßt hat. Schon der Einstand ›Cold Metal‹ demonstriert, wo es die nächsten 44 Minuten lang geht: Archaischer, hartmetallischer Riffrock, garniert mit Iggys unnachahmlichem und jederzeit sofort erkennbarem Timbre sowie griffiger Überlebensprosa.

9

Uriah Heep
SALISBURY
Music On Vinyl/Cargo

Dame in Schwarz: Uriah Heep spielen sich in die Herzen des deutschen Publikums.

Wer um 1970 affin mit Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin war, der konnte sich zumeist auch für Uriah Heep erwärmen. Doch im Gegensatz zum heute noch weltweit wohlgelittenen Triumvirat, hat das nach einer Figur aus Charles Dickens’ Romanklassiker „David Copperfield“ benannte Londoner Quintett vom einstigen Nimbus so einiges eingebüßt. Als 1971 das zweite Werk SALISBURY die Runde in einschlägigen Fanzirkeln machte, war das Erstaunen groß: Wer sich im Vorjahr schon am Debüt VERY ’EAVY… VERY ’UMBLE und vor allem am progressiven Diskothekenrenner ›Gypsy‹ delektiert hatte, lauschte mit ungläubigem Blick dem knapp 17-minütigen Titelsong, einer mit 24-köpfigem Orchester nach allen Regeln der Klassikkunst inszenierten Suite. Klar, da hatten Uriah Heep mal eben im Kollegenkreis nach rechts und links geschaut, um sich Deep Purples CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA und Pink Floyds ATOM HEART MOTHER zum Vorbild zu nehmen. Üppige Bläserarrangements liefern sich mit Ken Hensleys verjazzten Hammond-Orgel-Passagen und irrwitzigen Soloeskapaden von Gitarrist Mick Box deftige Verfolgungsjagden. Zwischendurch ertönt eine einsame Querflöte, während der ausgezeichnete Vokalist David Byron in ebenso ungeahnte Höhen vorzudringen versteht wie Ozzy Osbourne, Ian Gillan und Robert Plant. Dabei war den Fans doch eher nach dieser satten Mixtur aus Heavy Blues Metal und Art Rock, wie sie etwa die Eröffnungshymne ›Bird Of Prey‹ oder ›Time To Live‹ transportierten. Akzeptanz erzielte auch das sphärisch-balladeske ›The Park‹. Eine ganze Spur zu kommerziell geraten schien indes die grazile ›High Priestess‹ zu sein. In die düster-melancholische ›Lady In Black‹ hingegen zeigte sich vor allem das hiesige Publikum regelrecht vernarrt – in verkürzter Edition damals immerhin ein erstaunlicher Platz 5 in den deutschen Singlecharts. Erweitert um eine zweite Vinylscheibe sowie sieben Archivnovitäten (u.a. ›Simon The Bullet Freak‹, ›Here Am I‹) liegt SALISBURY in der ursprünglichen Vertigo-Version mit ausklappbarem Cover vor.

8

Frank Zappa
FREAK OUT! / OVER-NITE SENSATION
Barking Pumpkin Records

Zwei auf einen Streich: Album Nummer eins und 17.

Man stelle sich das mal vor: Den Kulturschock, den erst Elvis Presley, dann die Beatles auslösten, hatte die nach wie vor konservativ aufgestellte westliche Welt 1966 einigermaßen verdaut – da stand schon die nächste Generation vor der Tür: Mothers Of Invention nennt sich der von Frank Zappa angeführte, wüste Haufen aus Los Angeles mit dem Schlachtruf FREAK OUT! im Imperativ. So betitelt Chefideologe Zappa das nach Bob Dylans BLONDE ON BLONDE zweite Doppelalbum der Rockhistorie. Unter Produktionsägide von Tom Wilson rüttelt FREAK OUT!, angefüllt mit Collagen, Parodien und jeder Menge Gesellschaftskritik, nicht nur die etablierte angloamerikanische Musikszene wach. ›Who Are The Brain Police?‹, fragen The Mothers Of Invention, Beat, Rock, Blues, Jazz, Doo Wop und R&B dienen als Puzzleteile für harsche Kritik am American Way Of Life. Gegen tradierte Hörgewohnheiten gehen auch die drei letzten Songs in Überlänge an: ›Trouble Every Day‹, ›Help I’m A Rock (Suite In Three Movements)‹ und › The Return Of The Son Of Monster Magnet (Unfinished Ballet in Two Tableaux)‹. Als im September 1973 mit OVER-NITE SENSATION Zappas 17. Album in gerade mal sieben Jahren erscheint, ist von der ursprünglichen Besetzung keiner mehr übrig – dafür aber singen The Ikettes inklusive Tina Turner als nicht genannter Chor mit. Wie auf den vorangegangenen Alben WAKA/JAWAKA und THE GRAND WAZOO loten Zappa und seine kompetent besetzten Mothers weitschweifig verkopften Rock und Jazz Fusion aus: Der Auftakt ›Camarillo Brillo‹ tönt erstaunlicherweise wie die noch gar nicht existenten Dire Straits. Vor Gehirnwäsche per Fernsehen warnt das lässig in Zeitlupe gerappte ›I’m The Slime‹, ›Dirty Love‹ porträtiert eine Dame mit erotischem Verhältnis zu ihrem Pudel. Auch ›Dinah-Moe Humm‹, eine Satire auf die seinerzeit im US-TV unglaublich populäre Talkshowgastgeberin Dinah Shore, spielt explizit auf sexuelle Aktivitäten an. Noch absurder gestaltet sich der Inhalt von ›Montana‹. Lautet doch die Botschaft: Zieht nach Montana, um Zahnseide zu züchten und damit reich zu werden. Extrapunkte verdienen beide Artworks: Psychedelisch verspielt geriert sich die Fotografie von FREAK OUT!. Wie ein surreales Gemälde von Salvador Dali gestaltet sich das von OVER-NITE SENSATION.

FREAK OUT!:
10
OVER-NITE SENSATION:
10

 

Auslese DVDs

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RainbowRitchie Blackmore’s Rainbow
BLACK MASQUERADE
Eagle Vision/Edel

Live aus Düsseldorf, eingespielt 1995.

Rainbow war immer eine Art Katalysator für Ritchie Blackmore, wenn es im Hause Deep Purple einmal wieder rund ging. Als er die Band 1975 gründete, war er gerade bei Purple ausgestiegen und bewies, dass er auch aus eigener Kraft große Erfolge feiern kann. Mitte der 80er kehrte er zu seinem früheren Arbeitgeber zurück, was jedoch nur bis 1993 gut ging. Danach war es wieder an der Zeit, Rainbow neu zu aktivieren. In komplett neuer Besetzung nahmen sie das Album STRANGER IN US ALL auf und begaben sich anschließend auf eine ausgedehnte Tour. Die führte die Briten 1995 auch nach Düsseldorf, wo eine Show für die legendäre Fernsehserie „Rockpalast“ aufgenommen wurde. Dieses Konzert erscheint nun erstmals als DVD und Doppel-CD. Schon beim Einblender des „Rockpalast“-Schriftzuges wird man nostalgisch. Die Bühne liegt zunächst im Dunkeln, es ertönt ein Ausschnitt aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ als Einleitung zum „Regenbogen“. Danach legen die Musiker sofort mit ›Spotlight Kid‹ aus DIFFICULT TO CURE (1981) los. Es folgen weitere Rainbow-Hits wie ›Long Live Rock’n’Roll‹, ›Black Masquerade‹ und ›Man On The Silver Mountain‹ sowie die Deep Purple-Klassiker ›Perfect Strangers‹, ›Hall Of The Mountain King‹ und natürlich ›Smoke On The Water‹. Die Musiker präsentieren sich in Bestform. Ritchie Blackmore selbst wirkt bei seinen Soli wie in Trance, zupft seine extrem schnellen Tonfolgen meist mit geschlossenen Augen. Auch der neue Mann am Mikro, Doogie White (heute bei Michael Schenker) setzt die Songs sehr gut um, auch wenn er bei dem ein oder anderen Lied nicht an Ronnie James Dios Stimmvolumen herankommt. Die Bild- und Tonqualität ist gut. Natürlich kann die Aufnahme nicht mit aktuellen Aufzeichnungen mithalten, doch das kann man von älterem Material kaum erwarten. Zudem: Wir befinden uns in den Neunzigern und diese wollen wir auch in Bild und Ton erleben. Nach guten 100 Minuten und 18 grandios präsentierten Songs verlassen die Musiker unter tosendem Applaus die bis ins letzte Eck vollgestopfte Halle und beenden damit ein schönes nostalgisches Konzerterlebnis.

8

Simone Bösch

Jimi Hendrix
HENDRIX – GUITAR HERO
Universal

Held der Helden.

Hendrix ist jetzt schon seit fast 43 Jahren tot und sogar Guido Knopp mit seiner berüchtigten musikhistorischen Findigkeit hat sich schon dem Thema Jimi Hendrix gewidmet. Brauchen wir da wirklich noch eine DVD über den Vereinspräsidenten des „Club 27“? Nun, der vollständige Name, welcher HENDRIX THE GUITAR HERO CELEBRATED BY LEGENDS OF ROCK lautet, lässt da doch noch etwas Interesse aufkeimen und beim Blick auf die Liste dieser „Rock-Legenden“ wird einem klar, dass man die Geschichte von Hendrix natürlich schon kennt, sie aber noch nie durch diese Augen betrachtet und aus diesen Mündern erzählt bekommen hat: In ausgiebigen Interviews kommen hier Musiker wie Mick Taylor (The Rolling Stones), Micky Dolenz (The Monkees), Eric Burdon (The Animals), Stephen Stills (Crosby, Stills and Nash), Lemmy Kilmister (Motörhead) und Dave Mason (Traffic), sowie Jimis Bruder Leon und Slash (Guns N‘ Roses / Velvet Revolver) zu Wort und ehren ihr Idol. Dabei erzählen sie von ihren persönlichen Erlebnissen mit Hendrix und im Besonderen von der Bedeutung, die seine Musik für sie und ihr Schaffen hat. Slash übernimmt bei der Doku-mentation zudem die Rolle des Sprechers. Das mehrstündige Bonusmaterial umfasst neben ungekürzten Fassungen der Interviews einige bislang unveröffentlichte Filmaufnahmen, sowie die stummen 8mm-Aufnahmen von Rockfotograf Henry Diltz, die dieser während Hendrix‘ Tour mit den Monkees gedreht hat.

Natürlich deckt dieser Film keine Geheimnisse auf, dennoch dürfte HENDRIX – GUITAR HERO sowohl für Hendrix-Liebhaber als auch für Fans der interviewten Künstler gleichermaßen unterhaltsam und interessant sein.

7

Paul Schmitz

Santana & McLaughlin
INVITATION TO ILLUMINATION –
LIVE AT MONTREUX 2011
Eagle Vision/Edel

Vier Hände, zwölf Saiten und ein Hallelujah!

Für Gitarristen mit ausgeprägter Mucker-Attitüde, also solche, die sich abendfüllend und detailverliebt über Arpeggien, das einzig richtige Kabel und die Vorzüge diverser Verstärkereinstellungen austauschen können, ist das hier vermutlich wie Weihnachten, Geburtstag und 1. Mai zusammen: Zwei ausgewiesene Meister ihre Faches, namentlich Carlos Santana und John McLaughlin, zelebrieren auf der Bühne in Montreux beträchtliche Teile ihres gemeinsamen 73er-Werkes LOVE DEVOTION SURRENDER, also eines Klassikers des spirituell erleuchteten Jazzrocks. Und zitieren dabei auch noch Fremdkompositionen wie Bob Dylans ›A Hard Rain Is Gonna Fall‹, Led Zeppelins Gassenhauer ›Stairway To Heaven‹ und – ganz im Sinne des befreiten Egos – die ›Marseillaise‹. So weit, so gut, zumal kompetente Mitstreiter wie u.a. Schlagzeuger Dennis Chambers, Bassist Etienne M’Bappé und Keyboarder David K. Mathews für das passende Umfeld sorgen, in dem die Virtuosen ihre Trümpfe unbehindert ausspielen können. Aufgenommen in HD und klanglich top. Hier gibt’s also viel solistische Glanzarbeit zu bestaunen, doch irgendwie ist derartiger Jazzrock mittlerweile auch ein wenig aus der Zeit gefallen. 1973 konnten sich auch Nicht-Musiker für derlei Experimente erwärmen, heute ist das vermutlich nicht mehr der Fall, denn die 136 Minuten Hochleistungsgitarre haben zweifellos ihre Längen.

6

Uwe Schleifenbaum

Smashing Pumpkins
OCEANIA – LIVE IN NYC 3D
UNIVERSAL

Optisch hui, musikalisch…äh, Geschmackssache.

Zwei Alben lang regierten sie Mitte der 90er unangefochten den Alternative-Rock, setzten den verkopfteren Kontrapunkt zum Grunge, führten das Selbstmitleid vom Flannell-Look auf die Psychiater-Couch, bis durwachsenes Material und Billy Corgans Ego allmählich alles erodierten, was man sich aufgebaut hatte. Ein Image-Tief, aus dem der Exzentriker aus Chicago (mittlerweile das einzige verbliebene Gründungsmitglied) noch immer nicht herausgefunden hat, wenngleich mit dem Album OCEANIA 2012 wieder wohlwollendere Kritiken zu lesen waren. Hier nun die Live-Umsetzung des selbigen, die optisch definitiv beeindruckt. Simpler Bühnenaufbau, reduzierte Lightshow, einzig eine kreisrunde Projektionsfläche sorgt für Akzente, das dafür aber in grandiosem Stil. Was spielt sich davor ab? Erstmal OCEANIA in kompletter Länge, höflich bis milde begeistert aufgenommen, bis dann doch noch mal ein paar alte Hits für echte Stimmung sorgen. Dabei muss man feststellen, dass Corgan zwar a) nie hohe Sympathiewerte erreichen wird und b) immer noch nicht singen kann, dafür aber an der Gitarre brilliert, hervorragende Mitmusiker um sich geschart hat und als Zeremonienmeister trotz minimaler Kom-munikation mit dem Publikum über einen nicht zu leugnenden Magnetismus verfügt. Um dieses Live-Opus zu genießen, muss man aber eindeutig ein Fan des letzten Albums sein, und das ist nun mal weiß Gott nicht jeder…

6

Matthias Jost

Bruce Springsteen
Springsteen & I
Black Dog Films

Cineastische Heiligsprechung.

So geht Kino 2013: Man lässt Fans aus aller Welt kurze Clips mit persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen und Gedanken zum Thema Springsteen einreichen und verwurstet das Ganze mit ein bisschen Musik zu einem Abend füllenden Film. Ein Ansatz, der sich ungeniert bei „Life In A Day“ bedient, und von Produzent Ridley Scott (Alien, Blade Runner) sowie dem weitestgehend unbekannten Regisseur Baillie Walsh derart emotional angelegt wird, dass er eigentlich mit einer Gratispackung Taschentücher daherkommen müsste. Denn der Boss ist hier ein echter Gott: Ein Seelentröster in allen Lebenslagen, der über persönliche Schicksalsschläge hinweghilft, den Partner fürs Leben beschert, für ein spirituelles Konzerterlebnis (oder auch mehrere) sorgt, Mut, Zuversicht und Lebenskraft spendet und gleichzeitig ein ganz bescheidener, normaler Familienvater aus New Jersey ist. Also Stoff, der kräftig auf die Tränendrüse drückt, so spannend wie Erbsensuppe mit Bockwurst ist und einen typisch amerikanischen Hang zur Verklärung aufweist. Wären da nicht exklusive Live-Mitschnitte aus allen Perioden der Springsteenschen Schaffensphase – dieser Streifen könnte auch als Bewerbung zur Heiligsprechung durchgehen. Hallelujah!
nnnnnnnnnn
Marcel Anders

V.A.
LEGENDS OF THE CANYON
Universal

Die Geburt des Westcoast-Sounds.

LEGENDS OF THE CANYON erzählt die Geschichte der Musiker-Community im Laurel Canyon in den Hügeln nahe Los Angeles – Geburtsort des autobiografisch orientierten Singer-Songwriters und des entspannten Westküstenrocksounds. Der historische Bogen, der auf LEGENDS OF THE CANYON gespannt wird, reicht von der Ermordung John F. Kennedys, die hier als Initialzündung der Studentenproteste und der Hippie-Bewegung beschrieben wird, bis zu den Manson-Morden und Altamont, die das Ende des Hippie-Traums markieren. Grundlage sind die Fotos und Super-8-Filme, die Henry Diltz, so etwas wie der Hausfotograf der Szene, gedreht und geschossen hat. Er ist auch einer der Hauptinterviewpartner des Regisseurs Jon Brewer. Als ehemaliger Musiker, der die radikalen musikalischen und politischen Umwälzungen der Zeit selbst miterlebt hat und die zentralen Figuren persönlich kannte, ist er ein guter Führer durch die Szene. Neben Stars wie Stephen Stills, David Crosby, Graham Nash und Michelle Phillips von The Mamas & The Papas kommen Produzenten und Manager wie Van Dyke Parks, Lenny Waronker und Ron Stone zu Wort. Weder Joni Mitchell noch Neil Young standen für Interviews zur Verfügung, Neil Young hat offensichtlich nicht einmal Songs freigegeben. Der Fokus liegt auf Crosby, Stills, Nash („and sometimes Young“, wie Crosby süffisant anmerkt). Buffalo Springfield (als Vorläufer von CSN&Y) und Cass „Mama“ Elliott als zentraler Figur, ja Mutter der Szene wird noch etwas größerer Raum zugestanden. Diese DVD ist also vor allem für CS&N-Fans interessant. Der Verfall der Band in Kokain-befeuerten Ego-Trips wird eher heruntergespielt (Nachzulesen in Barney Hoskyns „Hotel California“, dem Referenzwerk zur Szene). Der Ton der Doku ist eher nostalgisch, den Differenzen zwischen den Protagonisten und ihren Erinnerungen wird aber durchaus Raum gegeben.

7

Dieter Wiene

Neuigkeiten zu: Kiss

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Die spinnen doch – weltweit!

Kiss feiern ihr 40-Jähriges mit einem arachniden Bühnenbild.

Wie würden die meisten Menschen vier Jahrzehnte im Showbiz begehen? Mit einem Kuchen? Einer Party? Einer schönen Kreuzfahrt durch die Karibik? Nicht, wenn man Kiss ist. Oh nein, bei Paul Stanley und Gene Simmons müssen es schon eine gigantische, flammenwerfende Spinne, 20-Meter-Bildschirme und genug Pyrotechnik sein, um ein mittelgroßes Gebäude glattzumachen.

Beim Auftakt ihrer „40th Anniversary“-Tour in Stockholm stellten die New Yorker ihre brandneue Bühnenshow vor: einen 15 Meter hohen Robo-Achtbeiner. Der spuckte mal Feuerbälle oder trug Simmons und Gitarrist Tommy Thayer über die Köpfe des Publikums. „Das Ding ist jenseits von allem, was ihr je gesehen habt. Es kann fast bis an den Bühnenrand laufen“, so Simmons. Ziemlich beeindruckend, auch wenn dieser Superarachnid leider nur einmal auf deutschem Boden zu sehen war.

Nächsten Monat werden Stanley und Simmons auf die Höhe- und Tiefpunkte ihrer 40-jährigen zurückblicken, etwa den gefloppten Film „Phantom Of The Park“, die Entscheidung, vier Soloalben am selben Tag zu veröffentlichen, oder jenen Moment, als Eddie Van Halen anbot, bei Kiss einzusteigen. „Wir nahmen gerade CREATURES OF THE NIGHT auf und Eddie kam im Studio vorbei“, erinnert sich Simmons. „Er sagte, dass [David Lee] Roth ihn wahnsinnig mache und dass er die Band verlassen wolle. Ich sagte: ‚Und wo willst du hin?‘ ‚Ich will bei Kiss einsteigen.‘ Ich sagte zu ihm: ‚Immer mal langsam. Wie würde es dir gefallen, wenn Paul oder ich dir sagen würden, ‚nein, nein, spiel dieses Solo anders‘? Also blieb er bei Van Halen und der Streit ging weiter. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich hatte das Richtige gesagt.“

Mehr dazu im nächsten Heft!

Neuigkeiten zu: Billy Gibbons

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billy gibbonsDer ZZ-Top-Mann belebt die 60s-Band wieder – und verspricht neues Material.

Billy Gibbons nahm letzten Monat an der Neugründung seiner Prä-ZZ-Top-Band Moving Sidewalks teil und spielte einen Gig in New York, bevor sie als Headliner beim Austin Psych Fest aufraten und dann ins Studio gingen, um neue Stücke einzuspielen. Laut Gib- bons haben sie fünf alte Songs neu aufgenommen „in einem zeitgemäßeren Arrangement“ und fünf neue Tracks. Die Reunion bedeutet nicht das Ende von ZZ Top, die in den kommenden Monaten in den USA und Europa touren werden, doch weitere Sidewalks-Konzerte sind nicht ausgeschlossen. „Na ja“, raunt Gibbons, „ein Geschäftsmodell gibt es hierfür nicht.“

Die Moving Sidewalks wurden Mitte der 60er in Houston gegründet und fingen als R&B-Band an, bevor sie sich dem psychedelischen Rock verschrieben, inspiriert von den 13th Floor Elevators und der Jimi Hendrix Experience. Sie nahmen nur zwei Stunden Musik auf und veröffentlichten ein Album, FLASH, bevor sie sich 1969 auflösten, als Bassist Don Summers und Organist Tom Moore eingezogen wurden, um in Vietnam zu kämpfen.

Obwohl Ruhm und Reichtum in greifbarer Nähe lagen und Gibbons von Hendrix als einer von Ameri- kas besten Gitarristen gelobt wurde, war er nur ein junger Typ, der endlich einen Plattenvertrag an Land gezogen hatte. Nach dem Split war er am Boden zer- stört. „Es war ein abruptes Ende. Aber das Gute an der Geschichte ist, dass wir alle über die vergangenen vier Jahrzehnte weiter Musik machten und immer besser wurden.“

Die Reunion war die Idee von Jon Weiss, einem New Yorker Promoter, der sich in den letzten 15 Jahren darauf spezialisiert hat, für seinen „Cavestomp!“- Abend obskure Garagen-Acts der 60er wiederzube- leben (frühere Erfolge waren u.a. The Sonics, ? And The Mysterians, The Blues Magoos). „Nur wenige Mitglieder von Garagenbands der 60er wurden zu echten Rockstars“, so Weiss. „Die Moving Sidewalks sind die seltene Ausnahme. Hoch angesehen und sehr talentiert, konnten sie auf denselben Bühnen wie The Doors, die Jeff Beck Group und Hendrix mithalten, ihr Lied ›99th Floor‹ war ein regionaler Nr.1-Hit. Aber die Moving Sidewalks waren auch Billy Gib- bons‘ Sprungbrett zum Superstar-Status.

Weiss empfiehlt, dass die „Cavestomp!“-Bands ihrem Original-Sound möglichst treu bleiben, statt ihn für das 21. Jahrhundert zu modernisieren was für Gibbons ein seltsamer Schritt zu sein scheint. Schließlich sind ZZ Top berühmt für ihre fortschrittliche Herangehensweise, in den 80ern setzten sie auf Synthies, programmierte Drums und digitale Aufnahmen. Da ist es keine Überraschung, dass die Sidewalks nicht auf Teufel komm raus versuchen werden, ihren Sound aus den 60ern zu reproduzieren.

„Es wäre beinahe unmöglich, den Stil von Teenagern nachzuempfinden“, kichert Gibbons, „aber wir dachten: ‚Wieso gehen wir nicht ins Studio und finden heraus, ob wir wieder die Zauberformel entdecken?‘ Ich finde, eine neue Veröffentlichung gibt dem Ganzen noch ein gewisses Maß an Legitimität.“

Über den ersten Gig der frisch wiedervereinten Band beim „Cavestomp!“ in New York sagt Gibbons: „Wir erlebten eine Zeitreise in ihrer schönsten Form!

Wir machten da weiter, wo wir 1969 aufgehört hatten.“ Das sah man auch letzten Monat in Texas, wo die Moving Sidewalks als Headliner des Austin Psych Fests triumphierten. Kaum bekannte Originale wie ›Joe Blues‹ und ›99th Floor‹ klangen wie alte Klassiker, während ›You Don‘t Know The Life‹ mit subtiler Eleganz swingte. Selbst ihrem einstigen Tourkollegen Hendrix erwiesen sie mit zwei Covers von ›Red House‹ und ›Foxy Lady‹ ihre Reverenz.

„Ich weiß noch, wie ich mal in einem Hotel im Zimmer gegenüber von Hendrix untergebracht war“, so Gibbons. „Er hatte sich einen Plattenspieler aufs Zimmer bringen lassen, winkte mir zu und sagte, ‚C‘mon, ich will dir was vorspielen.‘ Und er hörte sich das erste Soloalbum von Jeff Beck an, TRUTH. Nun, ich hatte Jeff Beck getroffen wir hatten sogar ein paar Konzerte mit der Jeff Beck Group in Texas gespielt – und er sagte: ‚Wie glaubst du denn, dass er das macht?‘ Und er machte den Stil von Jeff Beck nach, aber als es aus seiner Hand kam, war es natürlich ungleich abgehobener. Er machte Dinge mit einer Gitarre, von denen ihre Schöpfer nie auch nur geträumt hatten.“ Und wie fühlte es sich an, als er später sagte, du seist der vielversprechendste junge Gitarrist der USA? „Ich musste mich reinknien und zu lernen beginnen!“

Texas war eines der Zentren für Psychedelic in den USA die Moving Sidewalks aus Houston folgten den Fußstapfen der 13th Floor Elevators aus Austin, Bubble Puppy und Red Crayola. „Unsere guten Freunde von den 13th Floor Elevators machten definitiv den Weg frei“, sagt Gibbons. „Ich schätze, Texaner sind sowie- so schon ziemlich mutig und experimentieren gerne. Es gibt immer noch diese Revolverheldenmentalität: ‚Wir kommen jetzt rein! Wir machen es so oder so!‘“

Sowohl die Elevators als auch die Sidewalks fingen mit R&B an und erforschten schnell exaltiertere Gefil- de. „Sie hatten ihre Hausaufgaben wirklich gemacht“, so Gibbons, „und dann brachten sie den Blues auf den Planeten Mars.“ Und der Raketentreibstoff, der beide Bands dorthin beförderte, waren psychedelische Drogen? „Das war gewissermaßen das Additiv. Was umso ungewöhnlicher war, als Texas absolut strikt gegen alles war, was halluzinogen oder bewusstseinserweiternd war. Man musste wirklich tapfer sein, um lange Haare zu haben und durch die Seitenstraßen zu schleichen, um ein bisschen von dem Zaubertrank zu finden, der deinen Geist beflügeln würde. Als es sich in der Gesellschaft etablierte, standen aber alle Türen offen. Peyote, Meskalin all das verrückte Zeug. Man wusste nie genau, was man da bekam, hahaha!“

Die Sidewalks legten nicht nur den Grundstein für ZZ Top, sondern erfanden auch ein paar Dinge, die heute synonymisch für die Tres Hombres stehen. Sidewalks-Bassist Don Summers war es, der die drehbare Gitarre entwickelte, die später von ZZ berühmt gemacht wurde. Summers überzog auch eine Gitarre mit Fell und schenkte sie Gibbons. „Summers ist einer dieser neugierigen Mechaniker“, sagt Gibbons liebevoll. „Wenn es sich dreht, Lärm macht und Gänge hat, ist er dabei.“ Summers hatte auch die Idee, die psychedelische Lightshow von damals für die Reunion zu modernisieren – und brachte Mini-iPads mit „psychedelischem Content“ unter den Gitarrensaiten an. Abgefahren…

OLIVA – Herzenswunsch

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Oliva 2013 (1)Nach 30 Jahren im Geschäft veröffentlicht Jon Oliva sein erstes Soloalbum. Statt Savatage-Bombast und Trans-Siberian Orchestra-Fabeln gibt es auf RAISE THE CURTAIN melodischen Rock mit Prog-Schlagseite und die letzte unveröffentlichte Musik von Jons 1993 verstorbenem Bruder Criss.

Es ist ein Album für die Toten. Ein Geisteralbum. Geschrieben für einen Verstorbenen mit unveröffentlichter Musik aus der Feder eines Verstorbenen. Von morbider Todeskunst kann dennoch keine Rede sein: Was Jon Oliva auf seinem ersten Soloalbum RAISE THE CURTAIN vom Stapel lässt, ist klassischer, melodischer Rock zwischen Siebziger-Magie, Prog-Kunst und metallischem Schneid. Bei der Ensttehungsge- schichte mutet das durchaus als kleines Wunder an: Nach dem Tod seines bei Jon Oliva‘s Pain tätigen Bandkollegen Matt Laporte fiel Jon Oliva 2011 in eine tiefe Depression. Albträume, Schlaflosigkeit, Trauer. Wie so oft, war es letztlich die Musik, die ihm wieder auf die Beine half: Mit dem gemeinsamen Freund Dan Fasciano sprach er über ihren Verlust, schnell wurde daraus ein gemeinsames Musizieren, ein tägliches Ritual, bei dem letztlich 60 neue Songs entstanden: Eine musikalische Therapie allererster Güte. „Ich fuhr jeden Morgen zu Dan, um mit ihm Songs zu schreiben. Wir kochten Kaffee, sprachen miteinander und schrieben neue Stücke. Es half uns beiden, aus diesem tiefen Loch herauszukommen, in das wir 2011 gefallen waren“, erinnert sich Jon an die dunkle Zeit. Dass sein erster Soloausflug RAISE THE CURTAIN einzig Matts Vermächtnis ist, ist allerdings nur die halbe Wahrheit. „Dieses Album enthält die letzte unveröffentlichte Musik meines Bruders Criss“, verkündet er die Sensation. „Und darunter die ersten Songs, die wir als Teenager geschrieben haben. Ich wollte zeigen, wo wir her- kommen, und das mit dem Hier und Jetzt verbinden.“ Der Kreis schließt sich: Criss Olivas letzter Vorhang auf einem Album, das durchaus als Neuanfang für Jon bezeichnet werden darf als „Jung- brunnen“, wie er schmunzelnd anfügt.

Die Hintergrundgeschichte des unveröffentlichten Materials mutet dabei ein wenig wie eine der märchenhaften Legenden an, mit denen das Trans-Siberian Orchestra in Erscheinung tritt: 2002 fand Jons Frau beim Umzug in einer Kiste mit alten Bühnenklamotten zufällig einen zugeklebten Schuhkarton, in dem sich haufenweise alte Tapes befanden. Jon muss es vorgekommen sein wie eine Stimme aus der Geisterwelt, als er lang verschollene und vergessene Aufnahmen seines rund zehn Jahre zuvor verstorbenen Bruders wieder hörte. „Es war ein ungemein emotionaler Moment, als ich diesen alten Tapes lauschte“, blickt er zurück. „Das Anfangsriff von ›Father Time‹ auf meinem neuen Album war beispielsweise das zweite Riff, das er jemals geschrieben hat. Er war damals erst 16!“ Nostalgie und Wehmut sind Jon bei diesen Erinnerungen deutlich anzuhören. Bevor er sich dazu entschloss, sein Soloalbum mit diesen letzten unveröffentlichten Aufnahmen seines Bruders zu krönen, musste er tonnenweise Zweifel aus der Welt räumen und manch durchwachte Nacht durchstehen. „Tief in mir wusste ich aber, dass ich es tun musste. Für Criss und für mich. Unsere Fans werden das zu schätzen wissen niemand sonst war bisher im Besitz dieser Aufnahmen.“ Was Jon beim Hören neben der Flut an Erinnerungen durch den Kopf schoss, war vor allem eines: „Dass ich viel besser geworden bin. Ich war damals sehr langsam und bluesig unterwegs, Chris war immer deutlich schneller.“

Typisch für ein Soloalbum ist an RAISE THE CURTAIN die Frische und Freiheit, mit der der 52-Jährige zu Werk geht. Die musikalische Hinwendung zu proggigem Rock, der Einsatz von Bläsern und die stimmungsvollen Metal-Zitate zeigen ein neues Gesicht des Savatage-Gründers. „Nach so vielen Metal-Alben war es höchste Zeit für etwas anderes“, bekennt er. „Klar gibt es einige Metal-Songs auf der Platte, vor allem aber ist es ein ehrliches Rockalbum, auf dem ich endlich mal als Lead- Gitarrist in Erscheinung trete. Und das wollte ich immer schon mal“, lacht er. Ein erfüllter Traum ist sein Solodebüt also gleich in mehrerlei Hinsicht und ein nostalgischer Spaziergang durch seine gesamte Karriere. „›Can‘t Get Away‹ ist der erste Song, den Criss und ich je zusammen geschrieben haben 1979, im Keller unserer Großmutter.“ Andere Fragmente des Albums entstanden, als die beiden mit den Eltern im Badeurlaub waren und beim Sonnenuntergang am Strand auf billigen 70-Dollar-Akustikgitarren herumzupften, das Anfangsriff von ›The Witch‹ entstand auf einer zweihalsigen Gitarre, für die sich die jungen und unerfahrenen Gebrüder Oliva erst jemandem zum Stimmen suchen mussten. Aller Anfang ist eben schwer. Jon wob all diese alten Riffs und Songfragmente in die neuen Stücke ein, immer wieder blitzt auf RAISE THE CURTAIN die Vergangenheit durch. „Gut die Hälfte der Songs entstand aus dem alten Material“, verrät er. „Ich nahm ein Riff von Criss und überlegte, was man daraus erschaffen könnte. Manchmal fühlte sich das so an, als würde Criss im Nebenraum spielen.“

Textlich hingegen weilt das Werk nicht nur in der Vergangenheit. Autobiograf ische Momente blitzen bei ›10 Years‹ auf, in dem sich Oliva über das allzu schnelle Verstreichen der Lebenszeit auslässt, ›Big Brother‹ nimmt die Waffengesetze Amerikas aufs Korn. „Dann gibt es Lyrics über Horrorfilme, das Ende der Welt oder Soldaten an der Front.“ Auch hier wollte einiges erzählt werden, wie es scheint. Ob nun, da all dies in jener ganz intimen Form der Therapie herausgelassen wurde, noch ein weiteres Soloalbum nachfolgt, will Jon allerdings nicht bestätigen. Noch nicht. „Ich würde gern noch eins machen, doch das Wichtigste war, dieses Album fertigzustellen. Als nächstes kommt erst mal die nächste Jon Oliva‘s Pain-Platte. Und die wird das härteste, was je unter meinem Namen veröffentlicht wurde.“ Die Therapie geht weiter…

BOSNIAN RAINBOWS – Kreativität im Überfluss

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BR2013Mar16MC5771V2_SMALLER_by_Robin_Laananen aDer ehemalige Mars-Volta-Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez hat mal wieder eine neue Band gegründet. Sie heißt Bosnian Rainbows und klingt eingängiger als alles, was der Amerikaner zuvor gemacht hat.

Die besten Dinge entstehen bekanntlich oft zufällig. Omar Rodriguez-Lopez, ehemals Gitarrist der Anfang des Jahres aufgelösten Progressive-Rock-Band The Mars Volta, kann das nur bestätigen. Im Herbst letzten Jahres sollte er eigentlich unter dem Namen Omar Rodriguez-Lopez Group auf Solo-Tour gehen. Er trommelte Le-Butcherettes-Sängerin Teri Gender Bender, Mars-Volta-Schlagzeuger Deantoni Parks und dessen Musiker-Kumpel Nicci Kasper zusammen, um in dem Hamburger Studio „Clouds Hill“ die Songs seines aktuellen Albums zu proben doch dazu kamen die vier gar nicht erst. „Wir kennen uns schon lange und wussten immer, dass wir eine besondere Chemie haben“, sagt Rodriguez-Lopez. „Irgendwie schien es dann Sinn zu machen, sofort etwas Neues zu beginnen.“

Dieses Neue trägt nun auch einen Namen: Bosnian Rainbows. Das selbstbetitelte Debütalbum der Band ist ohne Zweifel zugänglicher als alles, was Omar Rodriguez-Lopez in seiner bisherigen Karriere gemacht hat. „Der Sound dieser Platte ist der Sound unserer Zusammengehörigkeit und unserer Chemie“, erklärt Rodriguez-Lopez. „Dass es so direkt klingt, liegt daran, dass unsere Beziehung sehr direkt ist. Wenn wir etwas nicht mögen, sagen wir das auch. Wir sind sehr ehrlich miteinander, alle Emotionen sind unheimlich intensiv und leidenschaftlich. Die Musik ist nur ein Nebenprodukt dieses Prozesses.“ Wie genau BOSNIAN RAIN- BOWS klingt? Alternative-Rock mischt das Quartett mit Punk-Einflüssen. Dissonante Gitarren, experimentelle, elektronische Elemente und Keyboards treffen auf eingängige Hooks und die tollen Gesangsmelodien von Teri Gender Bender. Can nennt Omar Rodriguez-Lopez für diesen Sound genauso als Inspiration wie Siouxsie And The Banshees, Gang Of Four und Led Zeppelin.

Um das Album aufzunehmen, kehrten Bosnian Rainbows erneut nach Hamburg ins „Clouds Hill“-Studio zurück. Mit Studiobesitzer Johann Scheerer pflegt Rodriguez-Lopez seit Jahren eine enge Freundschaft, weshalb er das Album auch produzierte. Genau genommen waren die gemeinsamen Sessions so produktiv, dass Bosnian Rainbows noch vor Veröffentlichung ihres Debüts genug Material für den Nachfolger aufgenommen haben. „Ich finde das ganz und gar nicht verrückt. Ich finde es eher verrückt, dass andere Bands drei Jahre brauchen, um ein neues Album zu machen“, so Rodriguez-Lopez. „In jedem anderen Job würde man mit so einer Einstellung gefeuert werden. Die Leute fragen mich immer, wie ich so viel Musik schreiben kann und ob mir nicht irgendwann die Ideen aus- gehen werden. Aber wenn man morgens aufwacht, denkt man ja auch nicht übers Denken nach. Man wacht einfach auf und hat eine Million Gedanken im Kopf. Genauso ist es mit Musik und Kreativität!“

Wie erfüllend Bosnian Rainbows für die vier Musiker ist, wird jedoch am besten deutlich, wenn sie gemeinsam auf der Bühne stehen. Zusammengepfercht auf wenige Quadratmeter, weil Keyboards und Schlagzeug fest mit- einander verbunden sind, vermitteln sie eine beeindruckende Energie und Intensität. Teri Gender Bender, eigentlich ein zierliches, niedliches Persönchen, schreitet wie in Trance über die Bühne und stößt immer wieder plötzliche Schreie aus. Ein Kontrast, mit dem sie bewusst spielt? „Bei Le Butcherettes ging es mir tatsächlich darum, die Leute zu provozieren“, sagt sie. „Aber wenn ich mit Bosnian Rainbows auf der Bühne stehe, schalte ich gedanklich komplett ab. In dem Moment ist es mir egal, was die Leute denken. Es fühlt sich an, als könnte niemand uns verurteilen, weil wir eine so starke Einheit sind.“ Recht hat sie. Bosnian Rainbows mögen zufällig entstanden sein, aber die Band hat schon jetzt etwas Besonderes.