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Dream Theater – Das ist Dream Theater!

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dream-theater-dream-theater-4749Gerade erst ist James LaBries Solowerk IMPERMANENT RESONANCE erschienen, da steht auch schon das neue Dream-Theater-Album in den Startlöchern, mit dem die nordamerikanischen Prog-Metal-Meister ihr erstes Dutzend vollmachen. Warum gerade jetzt der Selbsttitel kommt, was das Ganze mit Schokotorte und T-Bone-Steaks zu tun hat und welches Problem Steven Wilson mit der ganzen Sache hat, erörtern wir beim Kaffeeklatsch mit Sänger LaBrie und Gitarrenvirtuose John Petrucci.

Wo ist der Kaffee?!“ Bevor James LaBrie und John Petrucci auch nur daran denken können, an diesem freundlichen Augusttag in einem Berliner 5-Sterne-Hotel (wer kann, der kann) Interviewfragen zu beantworten, brauchen sie (legale) Aufputschmittel. „Wir sind noch auf Ostküstenzeit“, erklärt Gitarrist Petrucci, der erst am Vortag mit Sänger LaBrie aus den Staaten eingeflogen ist, um Rede und Antwort zum zwölften Dream-Theater-Album zu stehen, das den schlichten Titel DREAM THEATER trägt. Und auch wenn die Frage so offensichtlich ist wie das Ergebnis einer Dopingprobe im Radsport, muss sie gestellt werden: Warum ein selbstbetiteltes Album? Und warum jetzt? Wäre das Statement nicht stärker gewesen, wenn man es mit dem ersten Post-Portnoy-Album, sprich: dem Vorgänger A DRAMATIC TURN OF EVENTS von 2011 gebracht hätte? Mit ihrem abtrünnigen Ex-Drummer hat das alles jedoch gar nichts mehr zu tun – dieses Kapitel ist laut LaBrie und Petrucci seit dem programmatisch betitelten und therapeutischen „Übergangsalbum“ (LaBrie) abgehakt. Es geht um ein völlig anderes Statement. „Wir sind immer noch so euphorisch und leidenschaftlich wie früher – wenn nicht sogar noch mehr“, erklärt Petrucci, der ein paar Prozent frischer wirkt als Kollege LaBrie. „Bei diesem Album war es von Anfang an unser Ziel, das Beste abzuliefern, was wir drauf hatten. Das ist wie bei BMW – wenn du ein Modell entworfen hast, willst du beim Nachfolger auch darauf aufbauen und alles verbessern. Das Album einfach nach uns selbst zu benennen, sagt für mich genau das aus.“ Dream Theater: BMW des Prog-Metal?!

Ohnehin ist Petrucci ein großer Freund der gepflegten Metapher – in einem online veröffentlichten Studioreport zum neuen Album sagte er beispielsweise: „Die Gitarre muss wie ein saftiges Stück Schokotorte klingen.“ Mit diesem Zitat konfrontiert, brechen die langhaarigen Kaffeeschlürfer plötzlich in Gelächter aus. „Wenn es um Gitarren geht, kennt meine Fantasie keine Grenzen“, verspricht der Teufelsklampfer. „Die anderen machen sich immer darüber lustig, aber Gitarristen verstehen, was ich mit Aussagen wie ‚Mann, diese Note war richtig schön matschig und hatte dieses dunkle, flüssige Gefühl‘ meine.“ „Das war T-Bone, Mann!“, brüllt plötzlich von der anderen Ecke des Sofas LaBrie, bei dem das Koffein endlich im Schädel anzukommen scheint. „Genau!“, kontert Petrucci. „Das Riff klingt wie ein saftiges Stück Steak – ich liebe es, wenn man es am Hintern in Scheiben schneidet, als würde man mit einem Pfahl auf Beton dreschen! Das ist ein Gitarrencode, den kaum einer versteht. Mit der Schokoladentorte wollte ich einfach nur verbildlichen, dass es viele unterschiedliche Schichten haben soll.“ So oder so: Die wilde Back-Session im Dream-Theater-Labor war ein voller Erfolg – die einzelnen Songs selbst weisen viele Schichten mit irrsinnigen dynamischen Spannweiten auf, und auch zwischen den Tracks gibt es jede Menge Reibung und Spannung. Klingt ein Song wie ›The Bigger Picture‹ beispielsweise nach einer wunderbar süßen Marmeladenschicht, wird mit ›Surrender To Reason‹ gleich ein fleischiges Nackensteak darübergelegt. Und das wiederum wird mit dem zuckrigen Vanillepudding ›Along For The Ride‹ bestrichen. Was kulinarisch ziemlich eklig klingen mag, ist aus musikalischer Sicht eins der faszinierendsten Dream-Theater-Alben überhaupt.

Zurück zur Ausgangsfrage, denn so wirklich ist ehrlich gesagt immer noch nicht klar, inwiefern der Titel DREAM THEATER ausdrückt, dass dieses Album mit der Intention angegangen wurde, alles besser zu machen – ist das nicht immer bei jedem Album das Ziel, unabhängig von der Frage, ob man es letztlich auch erreicht? „Lass es mich so sagen“, erwidert Petrucci: „Wenn du Stärke zeigen willst, dann tust du das, indem du ein Statement machst. Wenn du jedoch etwas tust, das dieses schmälert oder verdünnt, dann ist es nicht mehr so stark. Unser Statement mit diesem Album ist: Das ist Dream Theater, stark und stolz. Wenn der Albumtitel komplizierter wäre, denkst du automatisch mehr darüber nach: A DRAMATIC TURN OF EVENTS – was ist das? Der Titel DREAM THEATER hingegen ist kraftvoll und sagt: Das ist es, worum es bei uns geht.“ Gut, nehmen wir es einfach so hin. Vielleicht passt es ja auch deswegen ganz gut, weil Portnoy-Nachfolger Mike Mangini diesmal zum ersten Mal aktiv in den kreativen Prozess der Albumentstehung eingebunden war. Mit ihrem selbstbetitelten Album stellen Dream Theater den Tacho also noch einmal auf null, schütteln die Vergangenheit endgültig ab und starten mit einer neuen fixen Besetzung und viel Schokotorte im Gepäck frisch durch.

Findet auch LaBrie, der DREAM THEATER als einen Neubeginn für die Band bezeichnet. „Mike diesmal von Anfang an dabei zu haben, war wirklich unglaublich cool“, erinnert er sich an die ersten kreativen Momente. „Und glücklicherweise war er auch überhaupt nicht zurückhaltend oder eingeschüchtert, als wir erstmals gemeinsam ins Studio gegangen sind. Ich denke, das lag daran, dass wir vorher eine ganze Tour zusammen gespielt haben und uns als Menschen und Musiker kennen lernen konnten. Beim Schreiben des neuen Albums hat er sich dann sofort ohne Hemmungen eingebracht und ist zu einem wahren rhythmischen Rückgrat dieser Band geworden. Der Typ ist ein verrückter und gleichzeitig sehr musikalischer Drummer.“ Auch Petrucci zeigt sich begeistert von Manginis Einfluss auf das neue Album und ist sich sicher, mit dem ehemaligen Annihilator- und Steve-Vai-Trommler die richtige Wahl getroffen zu haben. „Als wir das letzte Album schrieben, haben wir die Drums noch auf dem Computer programmiert. Diesmal haben wir uns alle hingestellt und mit einem voller Energie steckenden Drummer gejammt, der unsere Riffs weiterentwickelt und auf neue Levels geführt hat. Das war ein unglaubliches Glück für uns, denn es hätte ja auch passieren können, dass er ins Studio kommt und sagt ‚öh… ich habe gar keine Ideen!‘ – wir hatten den Kerl ja auch erst zwei Jahre vorher kennen gelernt. Aber er war unglaublich kreativ und spontan, hatte viele Ideen und Meinungen sowie tonnenweise Persönlichkeit.“ Indem sie den neuen Trommler über den grünen Klee loben, sagen Petrucci und LaBrie damit auch gleichzeitig etwas über den alten? Kann man vielleicht so sehen, muss man nach drei Jahren Trennung von Portnoy aber eigentlich auch nicht mehr. Portnoy ist Vergangenheit, Mangini die Gegenwart und Zukunft. Und dass er einen belebenden Einfluss auf die Band hatte, daran lässt das verspielte und frische DREAM THEATER ohnehin überhaupt keinen Zweifel.

Bei aller Spontaneität und Verspieltheit verfolgt die amerikanischen Prog-Meister jedoch von jeher auch der Ruf des Perfektionismus. Was bei etwas so Emotionalem wie Musik nicht immer nur positive Konnotationen hervorruft. „Zu einem gewissen Teil stimmt das mit dem Perfektionismus“, meint Petrucci. „Wenn wir etwas aufnehmen, das sehr technisch ist, dann wollen wir das natürlich so exakt wie möglich spielen und nicht einfach nur schlampig raushauen. Doch wenn wir herumspielen und schreiben, kommt alles aus dem Bauch heraus, dann sind wir alle sehr instinktiv. Unser Keyboarder Jordan ist zum Beispiel ein großartiger Improvisator. Als wir beim letzten Album-Track ›Illumination Theory‹ am Ende dieses Queen-artige Riff einbauten, sagte er einfach nur ‚lasst mich mal was ausprobieren‘ und hat dann spontan dieses fantastische Solo rausgehauen. Ich meinte nur: ‚Ich hasse dich!‘“ (lacht) Eins seiner Soli hat er sogar auf dem iPad gemacht, und wir sind durchgedreht: ‚Wie zur Hölle hast du das gemacht? Bist du überhaupt menschlich?‘ Auch er ist natürlich sehr technisch, aber wenn er ein Solo spielt, geht der Jimi Hendrix mit ihm durch. Ich denke, du brauchst diesen Rock‘n‘Roll-Spirit als Band und darfst nicht so klinisch an alles herangehen.“ Und nur weil Musiker wie John Petrucci oder Jordan Rudess solch außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten besitzen wie nur wenige ihrer Kollegen im Rock-Business, heißt das ja noch lange nicht, dass ihre eklektische, vielschichtige und überbordende Musik weniger Seele hätte. Doch wer viel kann, erntet nun mal oft viel Neid.

Und an dieser Stelle machen wir einfach mal ein Fass auf. Ein kleines, aber ein Fass: Als wir kürzlich bei einem Sommerfestival Prog-Autodidakt Steven Wilson im Interview hatten und die Sprache auf die Relevanz von musikalischer Erziehung kam, sagte er Folgendes: „Die Musiker, die aus Musikschulen kommen, gründen normalerweise eine Jazz-Fusion-Band oder Bands wie Dream Theater. So etwas machst du, wenn dir beigebracht wurde, Musik zu spielen, die beinahe mathematisch und technisch ist. Niemand will solche Musik hören.“
Vielleicht ist es nicht unbedingt nett, Petrucci und LaBrie nun mit dieser Aussage zu konfrontieren. Doch immerhin ist sie gefallen – und Wilson hätte den Namen Dream Theater ja auch nicht in den Mund nehmen müssen, sondern stattdessen schön neutral „eine technische Prog-Metal-Band“ sagen können. Hat er aber nicht. Petrucci nimmt die Kollegen-Kritik allerdings ziemlich lässig zur Kenntnis. „Das sehe ich natürlich völlig anders. Auch wenn jeder in unserer Band musikalisch ausgebildet ist, sind wir letztlich sehr intuitive Musiker. Mit diesem musiktheoretischen Wissen und der praktischen Erfahrung kannst du viel besser improvisieren, mit anderen zusammenspielen und dich wie ein Chamäleon auf musikalische Situationen einstellen. Du hast einfach einen viel größeren Sprachschatz. Für mich zieht das Argument nicht, dass die Musik keine Seele hat, wenn man technisch spielt und ein Perfektionist ist. Fuck that! Du kannst mit technischer Perfektion spielen und tonnenweise Seele und Unvollkommenheit in deiner Musik haben! Ich denke, dass unsere Fans genau deswegen eine Beziehung zu uns aufbauen können: Wie sind nicht klinisch, sondern ausdrucksvoll. Es kommt aus dem Bauch. Das Training verbessert nur deine Fertigkeiten, doch deine Identität als Musiker wird dadurch nicht beeinträchtigt. Das ist ja so, als würde man sagen: Jemand, der auf der Kochschule war, kann kein originelles und außergewöhnliches Essen zubereiten – nur weil er dort die Grundlagen gelernt hat. Es kommt alles auf dein Talent und deinen Ansatz an.“ Haut er jetzt mit Absicht wieder eine kulinarische Metapher raus? Man weiß es nicht. In jedem Fall wäre es mal interessant, Steven Wilson mit Dream Theater an einen Tisch zu setzen und über das Thema „Instinktmucker vs. ausgebildeter Musiker“ diskutieren zu lassen. Vermutlich sollte man einen Erstehilfekasten bereitlegen. Auch wenn LaBrie noch einmal betont, dass man mit Wilson eigentlich stets gut klar kam und er nicht verstehe, warum dieser so respektlos war, Dream Theater als Negativbeispiel einer übertechnisierten Band beim Namen zu nennen. Letztlich bloß eine Randbemerkung, die dem Briten vermutlich nur so rausgerutscht ist. Die aber auch zeigt, wie Dream Theater mit ihren exzessiven Soundkreationen mitunter wahrgenommen und mit allerlei Vorurteilen belegt werden. Und die Meinung, dass niemand „solche Musik“ hören wolle, hat Wilson zudem wohl auch ziemlich exklusiv.

Den Amis und ihrem „Canadian Bacon“ LaBrie kann es letztlich egal sein – sie müssen schon längst niemandem mehr etwas beweisen. Noch nicht mal Steven Wilson. Schöbe dieser das DREAM THEATER-Album in den Player, hörte er darauf nämlich eine Band, die auf dem Zenit ihres Könnens angelangt ist und, auf einer gut 25-jährigen Bandgeschichte aufbauend, ihren unverwechselbaren Stil einen weiteren Schritt in Richtung Perfektion geführt hat. Von Song zu Song hangelt sich das zwölfte Album der Prog-Aushängeschilder zwischen saftigen Rock-Riffs und melancholischen Momenten changierend zur finalen Klimax ›Illumination Theory‹ empor, die als Song-Mikrokosmos im Album-Makrokosmos in cineastischer Breite alles aufbietet, was diese Band musikalisch zu bieten hat – und dafür braucht es nun mal epische 22 Minuten. „Wir hatten ganz klare Vorstellungen, was wir alles auf dem Album haben wollen“, outet Petrucci die neue Scheibe dann doch noch ein bisschen als zumindest grob durchgeplantes Konstrukt. „Es sollte hart sein, ein Instrumental und ein Epos enthalten und eine klare Entwicklung haben, ein Crescendo. Auch vom Klang her ist es deutlich härter: Ob Gitarren, Drums oder Bass – alles ist mehr im Vordergrund als sonst. ‚Alles laut‘ war diesmal unser Motto.“

So sehr die Entstehung von DREAM THEATER auch von spontanen Momenten und epischen Jam-Sessions gezeichnet war, ist es also auch einem strikten Arbeitsplan entsprungen. Zuallererst traf sich die gesamte Band in den Cove City Sound Studios in Glen Cove auf Rhode Island, um Ideen zusammenzutragen und eine klare Richtung auszubaldowern. Auf ein gigantisches Board heftete man zig Post-its mit Ansätzen und Gedanken, die sich schließlich zu einem großen Ganzen verdichteten. „Ich finde es wichtig, dass man am Anfang gemeinsam in der Gruppe klarstellt, dass alle das gleiche Ziel verfolgen. Wenn du ein Schiff baust, kann es nicht sein, dass irgendwann jemand sagt: ‚Oh, wir bauen ein Schiff? Ich dachte, es wird eine Schaukel!‘ Jeder muss von Beginn an wissen, welche Art von Album wir machen wollen. Wenn das ausdiskutiert und durchgeplant ist, steigen wir in den kreativen Prozess ein – und ab da weiß man ohnehin nie, was passieren wird.“ Bemerkt? Petrucci hat mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung gefrönt und eine 1a-Metapher rausgehauen. Inzwischen ist übrigens auch LaBrie endgültig im Tag angekommen und möchte ebenfalls noch etwas zum neuen Album sagen. Aber gerne doch, lieber James! „Jedes Album in unserer Karriere hatte ein bestimmtes Ziel, es geht immer darum, einen Schritt nach vorne zu machen. Auch dieses Album ist wie eine Kristallkugel, es zeigt, was bei jedem von uns individuell und auch in der Band als Ganzes abging, als wir DREAM THEATER schrieben. Was in deinem Leben vor sich geht, hat einen starken Einfluss auf die Art und Weise, wie du dich ausdrückst. Es schmilzt in diesem Kessel zusammen und wird zu deiner Musik, zu deinem Ausdruck. Und jetzt freuen wir uns darauf, dieses Ergebnis zu unseren Fans zu bringen, ihre Reaktionen zu bekommen und es dann Nacht für Nacht live zu ihnen zu bringen. Das ist doch eine wunderschöne Realität. Und wenn wir am Ende denken ‚Yeah, wir haben es wieder geschafft!‘, dann werden wir das solange wie möglich weitermachen. Gebt mir einen Gehstock und einen Rollstuhl und ich mache es bis zum Schluss!“ Aber nur, wenn es genug Kaffee gibt.

Ben Foitzik

The Mission – Vergelt´s Goth

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TheMissionVeo_CoverAuf dem neuen Mission-Album THE BRIGHTEST LIGHT verkündet Mastermind Wayne Hussey, dass es nicht mehr das weiße Pulver sei, das ihn heute wach bleiben lassen. Stattdessen hat er offenbar den Glauben entdeckt und „ein Laster, dem ich vertrauen kann“. Womit wohl die Band gemeint ist, die er 2011 schon zum zweiten Mal nach Verkünden des endgültigen Endes wieder ins Leben zurückrief. Eine Sucht, die man uneingeschränkt gutheißen darf.

Wayne Hussey hat noch was vor heute: Apartment-Shopping. „In einer Stunde fahren wir in die Stadt, um uns eine Wohnung anzusehen.“ Mit „die Stadt“ meint er den Mega-Moloch São Paulo, denn seit mehr als einem Jahrzehnt lebt der Frontmann der britischen Rockinstitution in Brasilien auf einem Anwesen außerhalb der Metropole, die trotz des Wirtschaftswunders am Amazonas immer noch den Ruf hat, der Vorhof zur Hölle zu sein. „Alle schauen immer nur nach Rio de Janeiro“, so Hussey, „und das ist ja auch keine schlechte Stadt. Wir haben gerade erst wieder ein Wochenende dort verbracht und das war in Ordnung. Aber generell genieße ich Rio lieber aus der Ferne. Für São Paulo muss man dagegen eine Lanze brechen. Es ist nicht so glamourös, aber hier gibt es jede Menge Kultur und die Leute sind bodenständiger. Klar gibt es immer noch Stadtteile, in die man sich besser nicht verirren sollte, aber die gibt es anderswo auch. Ich finde es toll dort. Und da meine Frau Schauspielerin ist und sowieso viel Zeit für Filmarbeiten dort verbringt, macht es Sinn, dass wir uns da auch was zulegen, statt Geld für Miete aus dem Fenster zu werfen.“

Weise Worte von einem Mann, der sich offenbar Gedanken zum Thema Wirtschaft macht. „Es ist schon lustig. Als ich vor zwölf Jahren hierher zog, hatte ich kein Interesse an dem Thema. Ich habe einfach das Haus gekauft, weil es sich anbot, und wie sich heraus stellte, war das ein guter Schachzug. Ich hatte davor noch nie irgendwas als Investment betrachtet, aber in dem Fall ist es mir definitiv gelungen. Seitdem hat sich Brasilien ja enorm entwickelt und war als eines von ganz wenigen Ländern nicht von der großen Krise betroffen. Das sieht man. Vor zwölf Jahren war hier alles spottbillig, heute sind die Lebenshaltungskosten ziemlich hoch. Damals hatte niemand ein Auto, heute hat jeder eins, natürlich auf Pump. Es ist unvermeidlich, dass diese Blase mal platzen wird.“
Womit er vermutlich Recht behalten wird, auch wenn man den Prophezeiungen des Briten sonst vielleicht nicht so viel Glauben schenken sollte. Schließlich hat er nicht nur ein-, sondern gleich zweimal behauptet, The Mission seien Geschichte – 1996 und 2008 –, um sie dann jeweils drei Jahre später wieder zu exhumieren. „Na ja, was soll ich sagen…es ist wohl wie mit dem Rauchen. Das habe ich mir auch schon mehrmals abgewöhnt, nur um dann festzustellen, dass ich es eigentlich immer noch sehr gerne mag!“

Anlass der erneuten Wiedergeburt war eine Tour, mit der man das 25-jährige Jubiläum der Band feiern wollte, woraus schließlich mehr wurde. „Ich musste damals einfach eine Auszeit nehmen, ich konnte nicht mehr. Es war einfach zu ermüdend geworden, mich jeden Tag damit beschäftigen zu müssen. Ich brauchte das Gefühl, dass es nicht mehr omnipräsent in meinem Leben ist. Ich wollte nicht mehr jeden Morgen aufwachen und wissen, dass da mindestens 15 E-Mails auf mich warten, in denen es um The Mission geht.“

Die Band offiziell zu Grabe zu tragen, schien der einzige Ausweg, und der Neustart konnte nur unter bestimmten Bedingungen funktionieren, wie Wayne erklärt: „Ich hatte schon große Vorbehalte und war verdammt nervös, als wir dann doch wieder in den Proberaum gegangen sind. Wollte ich das wirklich wieder alles anleiern? Also wollte ich erst mal den Zeh ins Wasser halten und sehen, was daraus wird. Doch es stellte sich schnell heraus, dass wir wieder Spaß an der Sache hatten. Und wir wissen jetzt, wie wir es angehen müssen, um nicht wieder auszubrennen. Wir machen nur noch kurze Tourneen, mal zwei, drei Wochen hier, zwei, drei Wochen dort. So laufen wir nie Gefahr, einander auf die Nerven zu gehen. Letztlich sind wir älter und weiser, uns gefiel, was da entstand, und so führte irgendwann eins zum anderen und wir fragten uns bald: Wieso machen wir nicht gleich ein neues Album?“

Das erwies sich schon mal als logistisches Problem, da die Bandmitglieder über drei Kontinente verstreut leben, doch letztlich traf man sich in der britischen Heimat wieder, um das elfte The-Mission-Werk in Angriff zu nehmen. THE BRIGHTEST LIGHT mag schon im Titel verwirren, denn nach unbeschwertem Heile-Welt-Sound klingen Wayne & Co. auch 2013 nicht. Wer genau hinhört, wird jedoch feststellen, dass in jedem knarzigen Riff, in jedem rumpelnden Beat und jedem rauchigen Wolfsgeheul ein Augenzwinkern mitschwingt, das auf ›Born Under A Good Sign‹ wohl im unverhohlen poppigsten Stück in der 27-jährigen Geschichte der Band kulminiert. „Ich habe viel Blues gehört die letzten Jahre, vor allem Delta-Blues, und ich liebe es, mit diesen Klischees zu spielen und ihnen einen neuen Twist zu geben. Dazu kam aber, dass wir endlich mal einfangen wollten, wie die Band live klingt. Das hat eine ganz eigene Energie, die wir rüberbringen wollten. Außerdem habe ich am Anfang überhaupt nicht speziell an The Mission gedacht, als ich loslegte. Es ging ganz bestimmt nicht darum, zu reproduzieren, wie wir vor 20 Jahren geklungen haben. Ich habe einfach nur Songs geschrieben!“

Einfach nur Songs. In dieser Aussage schwingt zu einem nicht unwesentlichen Teil mit, dass The Mission seit Jahrzehnten an einem gewissen Wahrnehmungsproblem leiden. Klar, man weiß, dass Hussey einst mit Ober-Düsterling Andrew Eldritch bei den Sisters Of Mercy war, weswegen seiner Band bis heute ein gewisses Stigma anhängt, eine Kategorisierung, die man bis heute nicht mehr los geworden ist: Goth. Ein Begriff, mit dem sich der 55-Jährige zwar längst nicht mehr identifizieren kann, aber seinen Frieden geschlossen hat: „Es ist schon lustig, immer wieder so bezeichnet zu werden. Mein größter Einfluss in meiner Jugend waren T.Rex, dann war ich bei Dead Or Alive. Und dann eben Sisters Of Mercy. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich schon einen Haufen Songs für deren zweites Album geschrieben hatte, an dem ich dann aber bekanntlich nicht mehr beteiligt war. Also habe ich sie für unser Debüt verwendet. Das ist das einzige unser Alben, das man als Goth bezeichnen könnte, aber danach? Es war dann zwar nicht mehr zutreffend, aber unfair ist es auch nicht wirklich. Die Leute müssen Sachen halt in Schubladen stecken. Wirklich geärgert hat mich das nur, wenn uns manche Türen verschlossen blieben, weil wir falsch wahrgenommen wurden. Andererseits kann ich mich auch wirklich nicht beschweren: Obwohl wir uns über so viele Jahre die größte Mühe gegeben haben, sie loszuwerden, sind die Goth-Fans doch die absolut treuesten, die man nur haben kann.“

Matthias Jost

40 Jahre Kiss – Masken runter

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FRANCE-MUSIC-FESTIVALDas Make-up! Die Mythen und Märchen! Die Filme! Die geheime Geschichte von Kiss, von Gene & Paul.

Für eine der größten Kultbands des Rock’n’Roll aller Zeiten steht 2013 ein weiteres Jubiläum an: der 40. Jahrestag der Gründung von Kiss. „Wir erschufen Kiss als eine Band, die wir sehen wollten“, so Sänger und Gitarrist Paul Stanley. „Eine Band, die größer als das Leben war.“ Mit ihren komplett bemalten Gesichtern und extravaganten Kostümen wurden sie zum Rock-Äquivalent von Comic-Superhelden. „Wir wollten Superman, King Kong und der Weihnachtsmann sein“, so Bassist und Sänger Gene Simmons.

In den 70ern erlangten Kiss als die selbsterklärte „Heißeste Band der Welt“ Legendenstatus. In den 80ern taten sie das Unvorstellbare, zeigten sich ohne Make-up – und hatten immer noch Hits. Und heute, 17 Jahre, nachdem sie das Make-up wieder aufgetragen haben, sind sie immer noch einer der größten Rock-Acts der Welt. Doch in diesen 40 Jahren gab es gute und schlechte Zeiten. Hier erzählen Paul Stanley und Gene Simmons, die verbliebenen Gründungsmitglieder, offen und ehrlich von den größten Herausforderungen und den härtesten Zeiten in der Karriere der Band: die geheime Geschichte von Kiss. „Du kannst die Bestie verwunden“, so Stanley, „aber du kannst sie nicht töten.“

„WIR HATTEN ANGST“

Kiss fingen 1976 mit DESTROYER an, dem ambitioniertesten Album ihrer Karriere, aufwendig produziert von Bob Ezrin. Im Gegensatz dazu war ROCK AND ROLL OVER – acht Monate später veröffentlicht – ein Hardrockalbum ohne Sperenzchen. Dieser Zurück-zu-den-Wurzeln-Ansatz wurde nicht nur aus der Notwendigkeit geboren, sondern auch aus Angst…

Paul Stanley: Ehrlich gesagt hatten wir so richtig Schiss. Und zwar davor, wo wir mit DESTROYER gelandet waren. Wir hatten die Rauheit von Kiss gegen einen viel höheren Anspruch getauscht. Bob Ezrin war ein Visionär. Ohne ihn hätten wir wieder etwas innerhalb unserer Grenzen erschaffen. ROCK AND ROLL OVER war unsere Kehrtwende zurück zum Live-Sound der Band. Das war keine Astrophysik. Der Gedanke war es, die primitive Qualität von KISS ALIVE! [das Live-Album, mit dem Kiss 1975 ihren großen Durchbruch hatten] zu reproduzieren. Also nahmen wir in einem verlassenen Theater auf. Eddie Kramer, der Produzent, fand das Star Theatre in Nanuet, New York. Ein rundes Auditorium mit ungefähr 2000 Plätzen, aber es war bankrott gegangen. Eddie dachte, dass wir dort dieselben akustischen Begebenheiten wie bei einem Gig hätten. Im Theater probten wir, doch bei den Aufnahmen waren wir nicht im selben Raum. Petes Schlagzeug stand in einer Toilette im oberen Stockwerk und wir wiesen ihn per Videokamera an. Der Live-Vibe hatte mehr mit der Akustik zu tun als damit, im selben Raum zu sein.

Ich war allerdings enttäuscht von dem Album. Ich denke nicht, dass Eddie das lieferte, worum es bei der Band ging. Die Songs waren großartig, aber das Album klang schlechter als das anderer Bands da draußen, was letztlich auf den Toningenieur zurückfällt – und das war Eddie, auch wenn er als Produzent genannt wird. Fans haben diese Vorstellung von uns allen im Studio, wie wir einander in den Armen liegen, unsere Kameradschaft genießen und Musik spielen. Das ist schön, aber das trifft nicht wirklich zu.

„ICH HABE NIE EINEN CENT VON VAN HALEN GENOMMEN“

1977 sah Gene Simmons die Zukunft des Rock’n’Roll in einer Band aus den Clubs von L.A. namens Van Halen. Kiss-Manager Bill Aucoin lehnte sie ab. Fünf Jahre später wollte Eddie Van Halen bei Kiss einsteigen…
Gene Simmons: Ich entdeckte Van Halen. 1977 wurde ich eingeladen, in einem Club in Los Angeles namens Starwood eine Band namens The Boyzz anzusehen. Mein Date war [die Szenegängerin] Bebe Buell. Rodney Bingenheimer, ein DJ und Clubbesitzer, sagte zu mir: „Komm früh vorbei, da gibt es eine Vorgruppe, die du sehen solltest – Van Halen.“ Ich sagte: „Was für ein Name soll das denn bitte sein?“.

Im Starwood war ich auf der Toilette gewesen – du kannst dir vorstellen, was da passiert ist – und kam genau rechtzeitig zurück, um Van Halen auf die Bühne gehen zu sehen. Ich war überwältigt. Ich hatte noch nie einen Gitarristen wie Eddie Van Halen gehört – Edward, wie er es bevorzugt, genannt zu werden. Schon nach drei Stücken wartete ich backstage auf sie. Ich stellte mich vor und sie sagten mehr oder weniger „Hey Mann, danke, dass du die Band magst blablabla…“. Und sie sagten: „Wir haben einen Investor, einen Joghurthersteller“. Ich nahm sie beiseite und sagte, „Nehmt bitte nicht sein Geld. Ihr werdet keinen Penny verdienen. Ich nehme euch unter meine Fittiche, wir machen Demos, ich besorge euch einen Plattenvertrag…“. Also taten sie das.

Sie unterschrieben bei meiner Produktionsfirma, ich flog sie nach New York, verfrachtete sie in die Electric-Lady-Studios und kaufte Dave Lee Roth hochhackige Stiefel und Lederhosen. Wir nahmen 15 Stücke auf – man kann sie als Bootleg bekommen. Das sind eindeutig Van Halen. Ich habe sie nicht erfunden. Ich wollte, dass sie von unserem Manager Bill Aucoin gesignt werden, dass sie unter unsere Fittiche kommen. Aber von Bill Aucoin zu Paul Stanley dachten alle, dass das lächerlich sei. Sie hörten es nicht. Ich sagte: „Ihr werdet das noch bereuen“. Aber ich zerriss ihren Vertrag. Ich habe nie einen Cent von ihnen genommen. Ich hatte es nicht nötig. Aber ich hatte Recht und ihr hattet alle Unrecht, ihr Idioten!

Jahre später nahmen wir CREATURES OF THE NIGHT auf und Eddie kam im Studio vorbei. Wir aßen gegenüber zu Mittag und Edward sagte, dass Roth ihn wahnsinnig machte und er die Band verlassen werde. „Nun, wo willst du hin?“ „Ich will bei Kiss einsteigen.“ Ich sagte zu ihm: „Mach mal langsam. Wenn du bei Kiss Gitarre spielst, wie würde es dir gefallen, wenn Paul oder ich dir sagen würden, ’nein, nein, spiel das Solo anders‘?“ Dann traf er Paul und sagte, „Was hältst du von diesem Song, an dem ich arbeite?“. Er legte ein Demo ein und es fing mit einem Keyboard-Riff an. Ich sagte, „Das ist interessant – wo kommt der Gitarrenpart hin?“. Er sagte, „Nein, das war’s“. Das kann doch nicht wahr sein. „Edward, du bist als Gitarrist bekannt. Das ist Eurodisco.“ Und er sagte, „Nein, das ist cool. Ich werde es ›Jump‹ nennen“.

Also kehrte er zur Band zurück und die Streitereien gingen weiter, die Aufs und Abs, aber ich habe ein reines Gewissen. Ich habe das Richtige gesagt. Du solltest auf der Straße bleiben als der, der du bist, und nicht auf die Straße eines anderen abbiegen.

GRÖSSER ALS DIE BEATLES

Als Kiss im März 1977 zum ersten mal in Japan tourten, erlebten sie Fan-Hysterie im Maßstab der Beatlemania und den Kulturschock einer Gesellschaft, in der Fans bei Rockkonzerten mit einem bizarren Ampelsystem kontrolliert wurden…

Paul Stanley: Wir wussten, dass die japanischen Fans am Flughafen von Tokio auf uns warten würden, also trugen wir im Flugzeug unser Make-up auf und zogen unsere Kostüme an. Aber als wir zur Passkontrolle kamen, mussten wir das Make-up wieder abwischen, damit sie unsere Gesichter mit unseren Passfotos vergleichen konnten. Es war ganz schön nervig, es abzuwischen und dann wieder auftragen zu müssen, aber wir taten es in Rekordzeit und kamen heraus, um uns den Massen zu stellen. Es war das erste Mal, dass wir Amerika verlassen hatten und wussten, dass wir woanders riesig waren, aber nichts hätte uns auf das vorbereiten können, was dann passierte. Im Budokan in Tokio brachen wir den Zuschauerrekord der Beatles. Der Empfang, den wir erhielten, war wie aus einem Film – und das wäre wohl ein Beatles-Film gewesen. Ich sah den Film, aber spielte auch darin mit.

Doch die Geschichte und Tradition in Japan sind von viel Kontrolle geprägt. Diese Gesellschaft war nicht darauf aufgebaut, dass man einfach mal die Sau rauslässt. Es war also etwas seltsam für uns, Konzerte zu geben, bei denen es Ampeln gab, die dem Publikum Signale gaben. Grün bedeutete, dass alles in Ordnung war, Gelb bedeutete, dass die Sache etwas zu wild wurde, und Rot bedeutete, dass man Ärger bekommt. Die Fans wollten unbedingt von ihren Plätzen aufspringen und enthusiastischer reagieren, als es ihnen gestattet war, aber wenn sie aufstanden und ein bisschen ausflippten, war da sofort jemand zur Stelle, der sie anwies, sich wieder zu setzen.

Ace und Peter waren immer geladene Kanonen, also musste man immer ein bisschen auf sie aufpassen. Als Gast in einem fremden Land muss man sich auch entsprechend benehmen. Die meiste Zeit waren wir in unserem Hotel weggesperrt. Aber ich erinnere mich daran, Shoppen zu gehen und es lustig zu finden, dass ich die anderen auf einen Block Entfernung sehen konnte, wenn sie dabei waren. Unsere Köpfe waren sozusagen in den Wolken. Außerdem trug ich abseits der Bühne eigentlich dieselben Schuhe wie auf der Bühne. Dadurch bewegte ich mich schon in einer Höhe, wo die Luft dünn wurde. Wenn man auf der Bühne und abseits davon gleich aussieht, kann man sich nun mal nicht wirklich verstecken.
DIE PHANTOM-BEDROHUNG

1978 spielten Kiss in dem Film „Kiss Meets The Phantom Of The Park“, einem flachgeistigen „Gut-gegen-Böse“-Streifen. Für Schlagzeuger Peter Criss war es der Anfang vom Ende…

Gene Simmons: Peter und Ace waren damals unerträglich geworden. Am Anfang waren sie genauso wichtig wie Paul und ich gewesen, aber 1978 spielte Ace schon nicht mehr auf einigen der Platten und Peter hatte immer eine dunkle Wolke über seinem Kopf hängen.

Bei den Dreharbeiten zu „Kiss Meets The Phantom“ tauchten sie manchmal nicht am Set auf. Es wurde so schlimm, dass ein Double Peter spielte, der beschlossen hatte, dass der Film gegessen war, und sich verabschiedete. Deshalb gibt es einige Szenen, in denen man Nahaufnahmen von Peters Kopf von hinten sieht, aber es ist nicht er. Und Peter sprach so unverständlich, weil man seinen starken Brooklyn-Akzent nicht entschlüsseln konnte. Ein Schauspieler musste seine gesamten Sprechparts übernehmen. Und das machte ihn natürlich ziemlich wütend.
Peter stürzte in einen Abgrund und fing an, Drogen zu nehmen. Als wir den Promotion-Film für die 1979er Tour drehten, wurde es wirklich übel. Das war eine große Kampagne: die Rückkehr von Kiss. Wir mussten einfach nur auf die Kamera zugehen – wir vier in einer Linie. Aber Peter wurde sehr wütend, ging zu einem Glastisch rüber und zertrümmerte ihn mit der Faust. Natürlich waren seine Sehnen hinüber. Wir mussten sechs Monate der Tour absagen, während das heilte.

Sowohl Peter als auch Ace waren Unfälle, die nur darauf warteten, zu passieren. Einmal hielt Ace ein paar Feuerwerkskörper in seiner Faust, schloss sie, steckte eine Zigarette hinein und natürlich explodierte sie. Man wusste einfach nie, was sie als Nächstes tun würden.

„ICH WOLLTE LASSIE AUF MEINEM SOLOALBUM!“

Am 18. September 1978 wurden die Soloalben aller vier Kiss-Mitglieder veröffentlicht. Es war eine nie dagewesene Leistung für eine Rockband – und ein verzweifelter Versuch, Kiss zusammenzuhalten.

Gene Simmons: Ace und Peter waren so unglücklich über die Band, sich selbst, die Drogen, das Saufen und all das, dass sie drohten, die Band zu verlassen. Bill Aucoin berief ein Treffen ein. Das war wie die Konferenz von Jalta, wo Churchill, Roosevelt und Stalin zusammenkamen, um zu diskutieren, wie die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg aussehen würde. Ace war unzufrieden. Er war wie George Harrison bei den Beatles: „Ihr spielt nicht genug meiner Songs“. Also sagte Bill: „Willst du ein Soloalbum machen? Wieso macht ihr nicht alle Soloalben?“ Das war ihm gerade eingefallen. Und Neil Bogart [Chef von Casablanca Records] liebte immer die großen Ideen, also beschloss er, alle vier Soloalben am selben Tag zu veröffentlichen, mit dem Kiss-Logo in der oberen linken Ecke.

Paul Stanley: An sich war das keine schlechte Idee, aber sie löste das Problem nicht. Wir sprachen nicht mehr miteinander. Wir haben uns nicht geküsst, umarmt und gesagt: „Viel Glück mit deinem Album“. Zum Teil machten wir diese Alben, um zu zeigen, wie wichtig jede Person in der Band war. Aber ich machte mir Sorgen, wie die anderen Alben wohl werden würden. Ich dachte, dass ein Versagen sich negativ auf die Band auswirken könnte. Aber es wäre unehrlich, zu sagen, dass ich nicht wollte, das meins besser als die der anderen wird. Und wenn jemand anderes nicht dasselbe sagt, lügt er.

Gene Simmons: Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Seele an Hollywood verkauft. Ich zog bei Cher ein und wir hatten genug Geld, um zu tun, was auch immer wir wollten. Also tat ich das, und wie. Ich stellte eine Gruppe aus Musikern aus L.A. zusammen und flog sie mit der Concorde nach England in die Manor Studios in Oxford. Ich beschloss, nicht Bass zu spielen – ich spielte Gitarre. Und ich wollte alle auf dieser Platte. Ich lud Jerry Lee Lewis ein, der tatsächlich mit seinem Flugzeug kam, aber zu spät eintraf. Ich lud Lennon und McCartney ein und erhielt Nachrichten von ihren Büros, dass sie eventuell interessiert wären, doch dazu kam es nicht, also nahm ich Leute von einer Beatles-Tribute-Band, die für diesen Sound sorgten. Und wir hatten Joe Perry und Rick Nielsen und Cher und Donna Summer und Grace Slick und Bob Seger – absolut alle. Ich wollte Lassie auf dem Ding! Ich wollte alle Regeln brechen.

Ich nahm ›When You Wish Upon A Star‹ auf, ein wichtiges Stück für mich, egal, was die Kritiker sagen. Als junges Einwandererkind in Amerika hatte ich „Pinocchio“ gesehen. Ich weiß noch, wie Jiminy Cricket es sang und dachte, er singt es nur für mich: „Makes no difference who you are…your dreams come true“ (Egal, wer du bist…deine Träume werden wahr). Oh mein Gott! Das war inspirierender als jede religiöse Predigt. Ich weinte, als ich dieses Lied sang. Man kann hören, wie meine Stimme bricht.

Paul Stanley: Ich hielt nicht viel von Genes Album. Es hatte mehr Stil als Substanz. Ich dachte, es ging mehr darum, wen er alles darauf als Gast bekommen konnte. Es interessiert mich einen Scheißdreck, ob ich ein sprechendes Erdhörnchen auf einem Album habe. Er verkaufte sich unter Wert, indem er versuchte, die Leute zu schockieren. Ich hörte mir alle Alben allein in Bill Aucoins Büro an. Aces Album war eine große Überraschung für mich. Ich hatte in meinem ganzen Leben keine faulere Person getroffen. Aber er schien energiegeladen und aufgeregt darüber, ein Soloalbum zu machen. Ich war überrascht, aber glücklich. Ich erinnere mich, wie ich ›Rip It Out‹ hörte und dachte, das ist echt cool. Es war Ace in Bestform. Peters Album fand ich dagegen entsetzlich. Das war ein Typ, der echt nicht viel zu bieten hatte – und es zeigte! Das erste Mal, dass ich Peters Album hörte, war auch das letzte Mal.

Gene Simmons: In den Geschichtsbüchern – die immer von den schlechten Geschichten fasziniert sind – gelten die Soloalben als Fehlschläge. Ich dachte, sie waren ein Riesenerfolg. Vier Soloalben, am selben Tag veröffentlicht – das hatte noch niemand zuvor getan und auch seitdem nicht, von keiner Band, die je existiert hat. Fünf Millionen Stück dieser Alben wurden am selben Tag ausgeliefert. Und etwa eine Million kam zurück. Aber letztendlich verkaufte sich jedes davon mindestens eine Million mal in den USA. Es war ein großes Experiment und es war nötig, um die Band noch ein paar Jahre zusammenzuhalten.

„DIE BAND HATTE SICH AUFGEGEBEN“

An der Schwelle zu den 80ern waren Kiss in Amerika böse abgestürzt, nachdem der Disco-Sellout ›I Was Made For Lovin‘ You‹ die Rockfans entfremdet hatte. Vom hohen Ross gerissen, versuchten sie, ihre Karriere wieder aufzubauen.

Paul Stanley: Das Interessante am Scheitern ist, dass man sich seines eigenen Anteils daran nicht bewusst ist. Wir blickten um uns und dachten: „Was passiert hier? Und wie kann das nur passieren?“ Aber wir hatten uns verrannt. Wir hatten uns in die Annehmlichkeiten des Erfolg gestürzt und hatten keinen Plan. Die Leute hatten Recht, als sie die Band aufgaben. Die Band hatte sich selbst aufgegeben.

Vini Poncia hatte DYNASTY (1979) und UNMASKED (1980) produziert. So sehr Vini ein Freund war, so falsch war sein Ansatz für die Band. Auf diesen Alben waren tolle Stücke – Gitarrensongs wie ›Magic Touch‹ und ›Tomorrow‹ –, aber bei der Produktion war etwas verloren gegangen. Ich bin da auch nicht unschuldig. Ich war da, als diese Stücke aufgenommen und abgemischt wurden. Letztlich können wir niemand außer uns selbst die Schuld geben. Natürlich hätten wir uns den Titel UNMASKED aufheben sollen, bis wir das Make-up aufgaben. Aber Gene hatte eine Idee für das Cover und leider war es ein peinlicher Akt der Verzweiflung.

Gene Simmons: Es war meine Schuld. Ich fand, wir sollten ein Comic-Cover haben: Eine Geschichte über die Band, die das Make-up abwischt, und darunter ist…das Make-up! Das ist zu verkopft. Kiss sind gewissermaßen gegen das Denken. „Was bedeutet das alles?“ Ist mir scheißegal. Bedeutung ist ex-trem überbewertet. Kiss waren immer einfach gestrickt. Ich nehme die Schuld auf mich.

Paul Stanley: Letztlich hatten wir Glück. Als unser Erfolg in Amerika nachließ, explodierten wir in anderen Märkten. Da war nichts kalkuliert, es hatte nichts damit zu tun, dass wir etwas anders machten – es riefen einfach andere Länder. Auf der UNMASKED-Tour fuhren wir nach Australien, wo wir etwas erlebten, was die Medien als „KISSTERIE“ bezeichneten. Sowas hatten sie noch nie gesehen und sowas hatten wir noch nie gesehen. Wir flogen im Hubschrauber zu Stadionshows. Es war spektakulär.

„ES WAR EINE ENTSCHUL-DIGUNG AN DIE FANS“

CREATURES OF THE NIGHT von 1982 ist das härteste Album, das Kiss je machten. Das musste es auch sein. Nach dem exzentrischen Konzeptalbum MUSIC FROM „THE ELDER“ kämpften Kiss, um ihre Karriere zu retten.

Paul Stanley: CREATURES OF THE NIGHT war eine Entschuldigung an die Fans. Wir sagten damit: „Was zum Teufel haben wir nur getan? Wo sind wir und wie sind wir hier gelandet?“ Und die Antwort war: Wir waren selbst am Steuer gesessen. CREATURES war also eine Deklaration – eine Rückbesinnung auf das Fundament von dem, als was wir angefangen hatten und warum wir diese Band gegründet hatten.

Gene Simmons: Michael James Jackson war unser Produzent. Er nannte sich einfach nur Michael Jackson. Verzeihung, aber ich wollte nicht mit Michael Jackson arbeiten. Ich sagte, „Der Name ist schon vergeben. Adolf Hitler und Fidel Castro sind auch schon vergeben. Du kannst nicht Michael Jackson sein. Stell verfickt noch mal James in die Mitte“.

Während der Aufnahmen zu CREATURES suchten wir immer noch nach einem Gitarristen – Ace hatte uns gesagt, dass er aussteigen werde. Beim Vorspielen hatten wir Richie Sambora und Punky Meadows von Angel – jeder wollte dabei sein, inklusive Eddie Van Halen. Wenn du dir das Album anhörst, hörst du alle möglichen Gitarristen darauf. Ich schrieb ein paar Songs mit Vinnie Vincent, einem talentierten Schreiber und Gitarristen. Und aufgrund seiner Beharrlichkeit und seines Talents als Songwriter wurde er schließlich Gitarrist bei Kiss.

Paul Stanley: Ehrlich gesagt sahen wir Vinnie nie als den Richtigen für die Band an. Er passte äußerlich nicht. Er war einzig ein Songwriter, und ein sehr guter. Letztlich ging es darum, dass wir keine Alternative hatten. Als wir beschlossen, ob wir Vinnie in die Band holen, sagte ich zu Gene: „Das ist ein großer Fehler und wir werden das noch bereuen.“ Und ich sollte Recht behalten.

Gene Simmons: Wir waren so besorgt darüber, dass die Fans von einem neuen Gesicht verstört sein könnten, dass wir Ace fragten, ob es okay wäre, wenn wir ihn aufs Cover tun, obwohl er absolut nichts mit der Platte zu tun hatte. Als wir das Video zu ›I Love It Loud‹ drehten, flog Ace ein und spielte mit.

Als CREATURES OF THE NIGHT erschien, änderte sich die Musikwelt in Amerika. Wir waren in einem Zeitsprung gefangen und fühlten uns überholt. Amerika war ein Desaster, aber zur gleichen Zeit spielten wir in Brasilien die größten Shows aller Zeiten: bis zu 200.000 Zuschauer im größten Stadion der Welt, dem Maracanã.
Paul Stanley: Ich wollte für CREATURES das Make-up abnehmen, aber das passierte nicht. Genes Figur war aber sehr definiert und sehr stark, also war es für ihn furchteinflößender und schwerer.

Gene Simmons: In den 80ern ohne Make-up fühlte ich mich wie eine Prostituierte. Sie wird dich ficken, aber du wirst nichts spüren. Aber für LICK IT UP (1983) waren wir uns irgendwie alle einig: „Lasst uns eine Fotosession ohne Make-up machen. Mal sehen, wie das aussieht…“ Ich war verloren. Ich fand, wir verwässerten, wer wir waren. Für mich war die Magie verschwunden.

„ER WAR DER NETTESTE TYP IN DER BAND“

1980 ersetzte Eric Carr Peter Criss am Schlagzeug. Am 24. November 1991 starb er an Krebs. Die Band wurde dafür kritisiert, ohne ihn weiterzumachen.

Gene Simmons: Das erste Mal, das wir von Erics Krebs erfuhren, war, als er anrief und sagte: „Ich fühle mich wirklich schlecht, ich weiß nicht, was los ist…ich habe Blut gehustet“. Wir waren geschockt. Ich sagte: „Du musst sofort zum Arzt“. Und natürlich fanden die Ärzte innerhalb von ein paar Wochen heraus, dass er bösartigen Krebs hatte. Aus dem Nichts, ganz schnell. Er wurde sofort auf die Intensivstation gebracht.

Paul und ich flogen sofort von L.A. ein, um im Krankenhaus in New York bei ihm zu sein. Er hatte abgenommen und beschwerte sich über das Krankenhausessen. Wir sagten, „Sag bloß den Ärzten nichts, aber was sollen wir dir bringen?“ Er ernährte sich von McDonalds, also brachten wir ihm Big Macs und Pommes.

Wir kehrten nach L.A. zurück und Eric ging es schlechter. Wir unterstützten ihn emotional und finanziell, so viel wir konnten. Er wollte unbedingt aus dem Krankenhaus und mit uns proben, weil wir GOD GAVE ROCK’N’ROLL TO YOU II aufnahmen. Tatsächlich nahmen wir es mit [dem aktuellen Kiss-Drummer] Eric Singer auf, der in Pauls Soloband gespielt hatte.

Dann ging es daran, das Video zu drehen und wir bekamen einen Anruf von Eric Carr, der uns anflehte: „Bitte, ich muss in diesem Video sein, ihr versteht nicht, wie wichtig mir das ist“. In dem Video spielt Eric Carr also ein letztes Mal mit uns. Man konnte nicht sehen, dass er Krebs hatte – er gab noch mal absolut alles. Er muss körperlich am Ende gewesen sein, aber er spielte durch den Schmerz. Bald darauf starb er.

Einige Fans – es gibt immer ein paar – fanden, dass wir pietätlos waren. „Wie konnte die Band weitermachen?“ „Habt ihr ihn nicht geliebt?“ Aber sie waren nicht dabei. Sie sind nicht qualifiziert, das zu beurteilen.
Es war herzzerreißend. Ich war so sauer auf Gott, denn wenn es irgendeine Gerechtigkeit im Universum gibt, gibt es einfach keine Entschuldigung für das, was Eric zugestoßen ist. Er war netteste Typ, der je in der Band war. Er hat nie irgendjemand etwas Böses getan. Ich habe jede Menge Mist über alle möglichen Leute gesagt, und ausgerechnet Eric wurde krank. Letztendlich geht es nur um Gesundheit und Glücklichsein – in der Reihenfolge. Du kannst ein reicher Hurensohn sein, aber wenn du krank bist, bedeutet das nichts.

Paul Elliott

The Answer

the answer @ Gregor SchummSind wir denn wieder in den Siebzigern? Auf dem Papier schon: Das neue The Answer-Werk NEW HORIZON wurde nicht nur live eingespielt, es enthält auch das letzte Artwork des kürzlich verstorbenen Großmeisters Storm Thorgerson. Musikalisch gibt es allerdings genau den kraftstrotzenden, bluesigen Hard Rock, der die Nordiren schon mit AC/DC auf die Bühne brachte – und auf dem vierten Album eindrucksvoll
alle Register ziehen.

The Answer sind die Antwort auf all die Fragen, die sich die Rockwelt gerne mal stellt: Wieso sind nicht alle Bands derart voller Energie? Oder: Wieso gelingt es nicht allen Bands, perfekte Unterhaltung auf konstant hohem Niveau zu liefern? NEW HORIZON, die starke vierte CD der Nordiren, hat noch mehr Antworten parat, wirft aber auch neue Fragen auf. Gut, dass Cormac Neeson alle Zeit der Welt zu haben scheint, als wir uns mit dem Sänger aus Belfast kurzschließen. „The Answer sind sehr gut darin, die Live-Energie unserer vielen spontanen Jams einzufangen“, versucht er sich an der Beantwortung obiger Fragen. „Wir sind immer dann am glücklichsten, wenn wir zusammen spielen, und wenn das im richtigen Moment eingefangen wird, bekommt das auch der Hörer zu spüren.“ Und das von Kopf bis Fuß: Die Stücke wollen es wissen, haben bei aller Melodik genügend Biss, um Balken zu biegen und Nacken zu quälen. Dass der in der Vergangenheit beinahe gleichberechtigte Blues Rock diesmal zugunsten kernigen Hard Rocks ein wenig das Feld räumen musste, erklärt Cormac beinahe allegorisch: „In der heutigen Musikindustrie kämpft eine Band ständig ums Überleben. Wir bilden da keine Ausnahme – und genau diese Intensität und der Überlebenswille sind es, die unser Songwriting auf diesem Album nährten. Was wir wollten, war ein Album, das dich aus den Latschen haut, wenn du es laut genug hörst. Ein Zehn-Song-Rock‘n‘Roll-Album, das groovt wie ein Bastard und den Hörer nach mehr schreien lässt.“ Scheint so, als müssten wir ganz froh um die schwierigen Zeiten der Musikindustrie sein. Veröffentlichungen wie NEW HORIZON jedenfalls machen die Krise zu einem absoluten Glücksfall.

Hinterm Horizont

Ähnlich im Glück dürfte die Band auch gewesen sein, als sich Storm Thorgerson bereit erklärte, das fantastische Cover zu gestalten. Pink Floyd, Led Zeppelin, Black Sabbath, Muse… und jetzt The Answer. „Den Genius dieses Mannes und seines Teams zu beobachten war ein einziges Vergnügen. Außerdem ist es ein Zeugnis für Storms Größe, dass er sich dieses Projekts trotz seiner Krankheit annahm und letztlich ein weiteres ikonisches Cover erschuf.“ Ikonisch ist es in der Tat geworden: Thorgerson setzte den neuen Albumtitel symbolbeladen um, montierte eine Collage, in der ein geöffneter Vogelkäfig den Kopf eines Mannes ersetzt. Die daraus in die Freiheit fliegenden Vögel stehen für den neuen Horizont, den ein jeder von uns suchen sollte. Ständig. Immer wieder. Cormac Neeson hat ganz eigene Vorstellungen davon, was nötig ist, um diesen neuen Horizont zu erreichen. „Der Wille, aus deiner Komfortzone auszubrechen und der Mut, dich all den Herausforderungen zu stellen, die dieser Sprung ins Bodenlose unweigerlich mit sich bringt. Das – und ein Kräuterheilmittel, das hier in Nordirland sehr beliebt ist.“ Da ist er wieder, der besondere Humor Nordirlands. Eine ganze Spur trockener als der seiner englischen Kollegen ist er, leise und nicht immer sofort als Humor erkennbar. Manchmal schmunzelt Cormac dann aber fairerweise, und man fragt sich insgeheim, warum wir eigentlich nicht gerade in einem schummrigen Pub in Belfast sitzen. Wenn er nämlich erst mal in Schwung kommt, ist der Sänger der geborene Erzähler. „Die Musik war zuerst da und diente Storm als Hauptinspiration“, erinnert er sich an die Entstehung des Covers. „Nachdem er sich die Songs diverse Male angehört und mit jedem einzelnen Bandmitglied gesprochen hatte, sandte er uns zehn Skizzen, die alle für sich einzigartig waren und dennoch sowohl die Musik als auch die einzelnen Bandmitglieder äußerst originell widerspiegelten. Dieser Vogelmann war allerdings von Anfang an meine erste Wahl.“

The Answer suchen nicht nur mit dem Covermotiv neue Horizonte. Vielmehr wird die gesamte Historie der Band von dem elementaren Wunsch überspannt, stets nach vorn, stets nach oben zu marschieren. „An unserem neuen Horizont wirst du bis in alle Ewigkeit dieselben Dinge schimmern sehen: Inspiration und neue Ideen, um einen unstillbaren Appetit zu stillen.“ Dieser Appetit ist es, der auf NEW HORIZON in starke, leidenschaftliche Rocksongs gegossen wird. Und was für einen Moment Befriedigung verschafft hat, dürfte sich heute längst in den Drang aufgelöst haben, das nächste Mal noch mehr zu geben, noch besser zu spielen, noch weiter auszuholen. The Answer als Statement gegen Stagnation? Cormac nickt: „Wir glauben, dass es essentiell ist, sich als Band wie auch als Mensch ständig weiterzuentwickeln. Deshalb klingt keine unserer Platten wie die vorige, deshalb werden wir auch auf ewig hungrig bleiben. Der Tag, an dem bei uns die Stagnation einsetzt, ist der Tag, an dem wir uns nur noch der Gartenarbeit widmen werden.“ Die Frage, ob die Nordiren künftig Tomaten und Petersilie oder doch lieber ihren unverfälscht-bluesigen Hard Rock exportieren sollen, muss hier wohl nicht beantwortet werden. Dennoch steckt hinter Cormacs Vergleich mit der Gartenarbeit mehr als ein amüsantes Extrem: Ähnlich wie der Gärtner beim Säen und Jäten, braucht auch er eine gewisse Ruhe und Gelassenheit, um den The Answer-Trubel zu kontrastieren. „Wenn man aus Nordirland kommt, ist das aber überhaupt kein Problem“, weiß Bier- und Whisky-Fan Cormac. „Ich lebe noch immer in Belfast, unser Proberaum ist noch immer der, in dem die Band gegründet wurde. Das Leben hier ist langsam und gemächlich, und ich finde es essentiell, dass man weiß, wo man herkommt, wenn es einen in die Welt hinauszieht. Das bringt eine gewisse Ruhe in alles – eine Ruhe, die das Leben nicht einfach vorüberziehen lässt.“

Über den Tellerrandd

Hier scheint der Schlüssel zur Besonderheit von The Answer zu liegen. Auf der einen Seite Konzerte auf der ganzen Welt, weit über hunderttausend verkaufte Platten und eine Support-Tour für AC/DC, auf der anderen das beschauliche Leben in Nordirland. Entsprechend konnte die Band eine Menge Kraft tanken und auf NEW HORIZON abermals zum selbigen aufbrechen. „Unseren neuen Horizont fanden wir diesmal im Songwriting und bei den Aufnahmen“, führt die Stimme aus. „Wir schrieben die Stücke mit einigen alten Freunden und holten dafür erstmals auch unseren Produzenten Toby Jepson ins Boot. Er hat ein Talent dafür, unsere Konzentration am Laufen zu halten, damit wir mit diesem Album ein klares und aussagekräftiges Statement abliefern konnten. Außerdem bestand er darauf, dass wir so viel wie möglich live aufnehmen. Das bedeutete, dass wir jeden Song bis zu dreißig Mal spielen mussten und uns dann für die beste Aufnahme entschieden.“ Wie in der guten alten Zeit eben, als Led Zeppelin ebenfalls mit Storm Thorgerson zusammenarbeiteten und ihre Stücke live einzimmerten. Wie es der Zufall so will, ist Led Zeps früherer Gitarrist Jimmy Page ein großer Fan der Band, der sich zweifellos längst an den neuen Stücken erfreut.

Die erwähnte Zusammenarbeit mit einigen anderen Freunden führte The Answer auch dazu, den Song ›Baby Kill Me‹ gemeinsam mit Singer/Songwriter Cosmo Jarvis zu schreiben, der sonst eher im Indie-Bereich zwischen Röhrenjeans und Stofftasche zuhause ist. Cormac erinnert sich gern an diese Zusammenarbeit: „Das war ein interessanter Prozess. Cosmo ist das, was man einen Charaktertypen nennt, und außerdem ein wahnsinnig guter Songwriter. Er sorgte dafür, dass wir einen Song mal von einer ganz anderen Seite angingen – und genau danach haben wir gesucht.“ Nach kurzer Überlegung führt er an: „Außerdem ist er im Herzen genau so ein großer Rocker wie wir.“ Gekauft, spätestens der Song beweist es. Eben jene Vielfältigkeit zeichnet die Nordiren aus. Es scheint, als wollen die vier Musiker möglichst viele Einflüsse auf ihrem Weg aufschnappen, um sie in ihre Musik einfließen zu lassen. „Wir saugen jede Erfahrung auf und lassen alles, was wir lernen, direkt auf die Band wirken“, nickt er entschlossen. „Songs schreiben, live spielen, im Studio aufnehmen oder was auch immer: Sobald uns jemand inspiriert, werden wir besser in dem, was wir tun. Hoffen wir zumindest.“

Auch seine Herkunft selbst ist natürlich nicht ganz unschuldig an dem, was aus seiner Band geworden ist. Schippern The Answer aus musikalischer Sicht eher in amerikanischen Gefilden, schlägt sich der Einfluss des kleinen Landes insbesondere in seinen Texten nieder. „Meine Lyrics werden natürlich von meinem Leben in Nordirland und meinen Freunden hier geprägt“, kann er bestätigen, hat aber keineswegs eine rosarote Brille auf. „Dieses Land kann sehr farbenfroh, aber auch ein Labyrinth der Widersprüche sein. In welche Richtung ich also blicke, sehe ich Inspiration in Hülle und Fülle.“ Dennoch lebt er gern in dem Land mit kaum zwei Millionen Einwohnern, sieht es eher als Segen denn als Fluch, eine der wenigen bekannten Rockbands aus diesem Flecken Erde zu sein. „Ich bin überzeugt davon, dass uns als Nordiren gerade deswegen eine Ausnahmestellung in der Rockwelt zukommt. Die Szene hier in Belfast hat aber nichtsdestotrotz eine Menge talentierter Rockbands zu bieten.“ Und eine Menge schöner Pubs. In denen trifft man Cormac und seine Gang aber am ehesten abends an. Tagsüber verschanzen sie sich gern im Proberaum, um bei literweise Kaffee an neuen Stücken zu feilen oder der Improvisation freien Lauf zu lassen. Der Sänger über die Entstehung neuer Songs: „Manchmal hat jemand eine relativ weit entwickelte Songidee und braucht dafür nur noch ein paar Textzeilen und etwas Politur, bevor er fertig ist. Sehr oft haut uns aber auch in unseren Jams ein Killerriff derart vom Hocker, dass wir den Rest des Tages damit verbringen, daraus einen Song zu schmieden – und uns dann am Abend ein paar kühle Belohnungen zu genehmigen.“

Angriffslustig

Was in diesem Gespräch so harmonisch, so wolkenlos klingt, war nicht immer so. Tatsächlich stand es vor nicht allzu langer Zeit alles andere als rosig um die Band, Querelen mit Labels, Management und weiteren Parteien aus dem Musikbusiness verleideten es den Nordiren einige Zeit ganz gehörig. „Da war wirklich eine ganze Menge los.“ Cormac wirkt urplötzlich ernst, diese Periode hat eindeutig ihre Spuren hinterlassen. „Wir wechselten Labels, Management und Agenten – alles innerhalb von zwei Wochen! Das war eine wahrhaft traumatische Zeit. Jetzt sind wir aber am anderen Ende herausgekommen und gewillter denn je. Die Band war immer schon stark, und das wird sich nie ändern. Doch auf unserem künftigen Weg werden wir ab sofort keinerlei Kompromisse mehr eingehen.“ Ein unverbesserlicher Optimist, dieser Cormac. Selbst aus diesen schwierigen Zeiten konnte er Inspiration für NEW HORIZON schöpfen. „Das Beste, was einer Band passieren kann, ist, wenn sie beim Schreiben eines Albums mit persönlichen Schwierigkeiten oder sogar Kämpfen fertig werden muss. Ein besseres Energiereservoir kann es gar nicht geben.“

Entsprechend angriffslustig oder abrechnend sind einige der Texte auf der neuen Platte geworden, vieles musste gesagt werden, um verarbeitet zu werden. Für den Vokalisten mehr als purer Exorzismus: „Jeder Sänger glaubt doch daran, dass seine Worte wertvoll sind. Deshalb haben wir alle auch so große Egos.“ Nordirischer Humor, die nächste. Dann wird er wieder ernst: „Ich versuche mit meinen Texten eine Verbindung zu unseren Hörern herzustellen. Ich schreibe für mich, doch vielleicht erscheint manchem Zuhörer das, wovon ich singe, auch sinnvoll für sein Leben, weil er ähnliche Erfahrungen gemacht oder ähnlich gefühlt hat.“ Dessen kann sich Mister Neeson sicher sein. Das Gefühl, unverdient leer auszugehen, sitzengelassen zu werden oder sich freischwimmen zu müssen ist vielen mit Sicherheit nicht unbekannt. Dennoch transportiert NEW HORIZON noch ein anderes, ungleich wichtigeres Gefühl: Genau das Richtige getan und alles gegeben zu haben. Entsprechend euphorisch fällt Cormacs Antwort auf die abschließende Frage aus, was das Beste an seiner Rolle in The Answer ist. „Ich mache das, das ich wahrhaftig liebe. So einfach ist das.“

Text: Björn Springorum

Ugly Kid Joe – Die guten neuen Zeiten

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Einen kurzen Moment lang gehörte ihnen die Welt: Mehrfachplatin, Dauerbombardement auf MTV, die größten Hallen auf dem Tourplan. Doch so schnell, wie der Ruhm kam, war er auch schon wieder zwischen den Fingern zerronnen. Fast 20 Jahre später ist diese Zeit für Frontmann Whitfield Crane eine nette Erinnerung – die Gegenwart allerdings findet er weitaus aufregender.

„Es fühlt sich super an, wieder da zu sein, vor allem, weil wir überhaupt nicht wussten, was uns erwarten würde. Aber die Reaktionen sind überwältigend positiv. Und die Leute sind immer noch dieselben wie damals: die Roadies, die Techniker…als wäre es ein großes Familientreffen. Das ist wundervoll!“ Whitfield Crane ist am Telefon aus Polen, wo er kurz darauf beim dortigen Woodstock auftreten wird – einem der größten Festivals Europas. Ein Comeback, das nicht nur viele Fans überrascht hat, denn auch Crane trug sich keinesfalls mit dem Gedanken an eine Wiederbelebung seiner alten Band, als 2009 plötzlich das Telefon bei ihm klingelte. „Unser Drummer Shannon Larkin, der in der Zwischenzeit zu einem äußerst guten Produzenten geworden ist, und Gitarrist Dave Fortman waren im Studio, wo sie zusammen an Godsmack-Material arbeiteten. Eines Abends waren sie noch da, nachdem alle anderen nach Hause gegangen waren, und jammten rum. Da beschloss Shannon offenbar aus einer spontanen Laune heraus, mich anzurufen, und lud mich ein, vorbeizuschauen. Das war die Geburtsstunde für die Rückkehr von Ugly Kid Joe. Wir waren ja größtenteils getrennte Wege gegangen seit dem Ende der Band, hatten uns kaum noch gesehen. Nach so langer Zeit wieder mit diesen Jungs in einem Studio zu stehen, war dann der Hammer. Wir waren alle total glücklich, wieder zusammen zu sein, und dachten uns nur: Fuck, das hätten wir schon vor zehn Jahren tun sollen.“
Dabei hätte zur Jahrtausendwende wohl wirklich kein Hahn danach gekräht, neue Musik von Ugly Kid Joe zu hören. Nach der überaus erfolgreichen EP AS UGLY AS THEY WANNA BE und dem nicht minder edelmetallenen AMERICA‘S LEAST WANTED hatte die Karrierekurve steil bergab gezeigt. MENACE TO SOBRIETY konnte noch ein paar mittelmäßige Chart-Entries verbuchen, während das finale Werk MOTEL CALIFORNIA allenfalls noch mit dem reichlich verzweifelten Provokationsversuch der Lead-Single ›Sandwich‹ mit der wenig denkwürdigen Zeile „she was a good witch, she was a bad witch, but all I really wanted was a motherfuckin‘ sandwich“ Augenbrauen hob. Die Band war mausetot, was vielleicht nicht unwesentlich daran lag, dass der Proll-Humor-Faktor von Anfang an die musikalischen Qualitäten der Truppe überschattete. „Ja, das konnte schon nerven. Klar waren wir eine lustige Band, daraus haben wir auch jede Menge Kapital geschlagen. Der Grunge hat diesbezüglich ziemlich viel kaputt gemacht, es war, als seien wir die letzten Spaßvögel gewesen, die es noch durch die Tür schafften, bevor man nicht mehr lachen durfte. Aber es ging eben nicht nur um Gags. Es gab da diese Oberfläche, aber darunter befand sich auch eine Menge Substanz. Dass diese nicht immer wahrgenommen wurde, hat uns vor allem gegen Ende echt gestresst.“

Immerhin hatte der größte Hit ›Cat‘s In The Cradle‹ nichts mit Schuljungenhumor zu tun, sondern gab Harry Chaplins 70s-Hit ein modernes, äußerst effektives Gewand, was Ugly Kid Joe weltweit in die Stratosphäre katapultierte. Whitfield erinnert sich gerne an diese Zeit: „Das war schon ziemlich cool. Die großen Shows, der Rummel auf MTV – klar ist es super, Millionen von Platten zu verkaufen und um die Welt zu jetten. Aber dann…erst spielten wir mit Bon Jovi in den größten Stadien, und dann war plötzlich alles vorbei. Schon heftig, wie dich das Leben so herausfordern kann.“

Eine Herausforderung, die der heute 45-Jährige mit großem Fleiß anging. Zunächst stieg er bei Life Of Agony für den vorübergehend ausgestiegenen Keith Caputo ein, dann versuchte er sich in Bands wie Medication und Another Animal, gastierte bei Motörhead und war mit einer Tribute-Band aktiv. „Alles wichtige Erfahrungen“, resümiert er, „denn auch wenn nichts davon riesigen Erfolg hatte, habe ich viel dabei gelernt, vor allem, was meinen Gesang betrifft. In der Hinsicht bin ich durch diese Projekte enorm gewachsen.“ Von dieser neugewonnenen stimmlichen Reife kann man sich nun auf STAIRWAY TO HELL überzeugen, dem jüngsten Release des reformierten Quintetts, auf dem sich sechs neue Stücke finden. Gut abgehangener Riff-Rock, zu dem man zwar genauso bierselig abgehen kann wie in den 90ern und der immer noch das eine oder andere Schmunzeln parat hat, doch wer es damals noch nicht einsehen wollte, wird es spätestens jetzt begreifen: Ugly Kid Joe sind erwachsen geworden und ernsthafte Musiker von Format.

Was sich auch in der Philosophie des überaus sympathischen Sängers niederschlägt, der nur mit größter Begeisterung über sein Leben spricht: „Klar, die fetten Jahre sind vorbei, aber wieso sollte ich darüber verbittert sein? Das wäre doch nur traurig, denn ändern kann ich sowieso nichts. Und ich glaube nicht, dass wir damit klar gekommen wären, wenn der Erfolg damals unvermindert angehalten hätte. Ich beschwere mich absolut nicht. Mann, vor 20 Jahren konnte ich es schon nicht fassen, als wir das erste Mal aus Kalifornien rausgekommen sind und in Nevada spielten. Und jetzt spreche ich aus Polen mit dir – und das alles nur, weil ich singe! Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Musik zu machen und sie zu spielen. Andere jammern über das Touren, ich liebe es, jeden Abend da raus zu gehen und eine Party zu feiern. Und es ist toll, Herr über mein eigenes Schicksal zu sein. Ich manage die Band heute auch, und viele Dinge, für die man früher dicke Produktionsbudgets brauchte, kann man heute selbst erledigen. Wir sind heute voll in der Matrix, dude! Da hat sich einiges verändert. Und klar, man kann jetzt nicht mehr so viel Geld verdienen wie einst, aber dafür gibt es jetzt auch viel weniger Bullshit in diesem Business. Das Beste daran ist, dass die Leute, die heute immer noch dabei sind, es nicht tun, um reich zu werden, sondern weil sie es wirklich lieben. Ich bin mir jedenfalls absolut sicher, dass ich genau auf dem Weg bin, auf dem ich sein sollte. Was will ich mehr?“

Text: Matthias Jost

Avenged Sevenfold – Cineastischer Breitwand-Metal

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Bislang waren Avenged Sevenfold ein rein amerikanisches Phänomen: Eine Band aus Huntington Beach, die ganz ungeniert auf den Spuren altgedienter Hardrockgötter wandelt und damit Millionen von Alben verkauft. Doch jetzt nehmen Sänger M. Shadows und Co. auch den deutschen Markt ins Visier. Im Gepäck: Ein Epos, das ebenso größenwahnsinnig wie revolutionär anmutet – cineastischer Breitwand-Metal für Fortgeschrittene.

Treffpunkt Berlin. M. Shadows alias Matthew Charles Sanders betritt die Interview-Suite am Potsdamer Platz – und wirkt in dem mondänen 450-Euro-Ambiente so deplatziert wie Stoiber beim Christopher Street Day: Der 32-Jährige trägt Turnschuhe, Blue Jeans, Metallica-T-Shirt und Baseballkappe zu bunten Tattoos und schulterlanger Metal-Mähne. Eben Wayne‘s World 2013 – und das exakte Gegenteil seines bisherigen Rockstar-Looks aus kurzen, gegelten Haaren, Goldbeißerchen und angewachsener Easy Rider-Brille. „Ganz ehrlich? Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass das nicht echt ist, dass ich wie ein Klischee wirke und mich vielleicht sogar ein bisschen dahinter verstecke“, setzt er in einem Anfall von Selbstreflektion an. „Jetzt verkörpere ich, was ich bin – ein großes Metal-Kid.“

Wobei das „groß“ wörtlich zu nehmen ist: Zumindest in den USA ist der Mann von der kalifornischen Westküste bestens im Geschäft. In den letzten 15 Jahren hat er nicht weniger als acht Millionen Tonträger verkauft und den etablierten alten Herren (Guns N‘ Roses, Judas Priest, Iron Maiden und Co.) gewaltig das Wasser abgegraben. Einfach, weil man durch sein Gothic-Image (Totenköpfe, Fledermäuse, etc.) ein junges, visuell orientiertes Publikum anlockt. Weil man sich fanorientiert gibt und ohne divenhafte Allüren auskommt. Sprich: A7X – wie sie gerne genannt werden – bilden eine leichte Identifikationsfläche, verkörpern die Maxime „von Fans für Fans“ und leben nicht nur von ihrem Backkatalog, sondern schreiben moderne, harte Rockmusik mit klassischem Touch. Sprich: Sie folgen ihren Helden, ohne sich jedoch des Plagiats schuldig zu machen. „Ich bin ein fanatischer Metallica-Fan“, gesteht M. Shadows. „Doch obwohl ihre Art des Songwritings fest in meinem Unterbewusstsein verankert ist: Ich käme niemals auf die Idee, sie 1:1 zu kopieren.“

Klangwunder

Eine Theorie, die er mit seinem sechsten Studio-Epos HAIL TO THE KING unterstreicht. Ein Werk, das allein klangliche Maßstäbe setzt – als eines der bestproduzierten Hard‘n‘Heavy-Alben aller Zeiten. Denn was Studio-Crack Mike Elizondo (u.a. Mastodon, Switchfoot) hier auftischt, ist ein cineastischer Breitwand-Sound, der an Hollywood-Scores von John Williams, Danny Elfman oder Hans Zimmer erinnert: Voll orchestriert (Bläser, Streicher, Chöre) und so bombastisch, dass gesträubte Nackenhaare garantiert sind. Eben ein richtiges Metal-Hörspiel, das zudem Anleihen bei Blues, Jazz und klassischer Musik aufweist sowie von handwerklicher Raffinesse bzw. hohem künstlerischen Anspruch zeugt. Kein Zufall, wie M. anführt: „Wir wollten etwas anderes machen als das, was gerade Usus ist. Also ein Album, das herausragt, statt sich anzupassen. Und das einen starken Drumsound hat. Was sich zum Beispiel am Song ›Planets‹ festmachen lässt – an diesem Marschmusikrhythmus. Zudem haben wir uns von all den süßen kleinen Sachen getrennt, die in der Vergangenheit immer ein bisschen kitschig rüberkamen. Wie die betont melodischen Parts, aber auch die duellierenden Gitarrenriffs. Die haben wir durch eine kräftige Portion Blues und coole klassische Arrangements ersetzt.“

Ein Hauch von Freddie

Womit sich der gutgelaunte Frontmann als echter Wolf im Schafspelz outet. Eben als ehrgeiziger Musiker, dem es nicht reicht, in einer Sparte erfolgreich zu sein. Was sich auf HAIL TO THE KING gleich an mehreren Stellen festmachen lässt. Etwa an ›Requiem‹, das Queens ›Bohemian Rhapsody‹ in Nichts nachsteht, mit einem mehrstimmigen Choral aufwartet und zudem in waschechtem Latein gehalten ist. „Das war das Härteste, was ich je gemacht habe“, lacht unser Gegenüber. „Wir haben extra einen Linguisten von der UCLA verpflichtet, der im Studio aufgepasst hat, dass ich jedes einzelne Wort richtig betone. Denn es war mir wichtig, da nicht irgendeinen Blödsinn zu machen. Im Sinne von: Die Worte ergeben keinen Sinn, oder die Aussprache bzw. die Betonung sind falsch. Wenn man sowas tut, dann darf man sich keine Blöße geben. Wobei ich keine Ahnung habe, wie wir das live umsetzen sollen. Also ich werde das jedenfalls nicht singen – weil ich nicht Freddie Mercury bin. Sollen sich doch die anderen dabei blamieren.“

Moderne Teufel

Dabei standen nicht nur Queen bei den zehn ausufernden Songs Pate, sondern auch Led Zeppelin, die das Spiel von Ausnahmegitarrist Synyster Gates prägen, sowie die Rolling Stones, deren ›Sympathy For The Devil‹ die lyrische Vorlage zum Opener ›Shepherd Of Fire‹ liefert. „Ich finde die Stones haben großartige Stücke geschrieben, gerade in den späten 60ern und frühen 70ern. Und ich mag die Art, wie sie den Teufel beschreiben. Eben nicht als Monster mit Hörnern und Pferdefuß, sondern als unauffälligen Anzugträger, der seine Opfer mit unmoralischen Angeboten ködert. Eben: ,Wie wäre es hiermit oder damit? Dafür musst du mir nur deine Seele geben.‘ Und das Tolle an ›Sympathy For The Devil‹ ist, dass der Teufel über sich selbst spricht, und dir seine Sicht der Dinge schildert. Was etwas Faszinierendes hat. Etwas, das dich zum Nachdenken bringt. Das haben wir nur zu gerne aufgegriffen.“ Schließlich, so fügt er hinzu, seien solche diabolischen Figuren im modernen Amerika an der Tagesordnung, weil „sich alles nur noch ums Geld dreht.“ Weil Moral, Skrupel und Ethik wie Begriffe aus einer anderen Zeit wirken. Und weil das Gesetz des Stärkeren gilt.

West Memphis Three

Eine Form von Gesellschaftskritik, die man A7X kaum zugetraut hätte, und die ihren Höhepunkt im Song ›Heretic‹ erreicht. Nämlich in einem mutigen Vergleich des vieldiskutierten Verfahrens gegen die „West Memphis Three“ (drei zu unrecht als Mörder verurteilte Teenager) mit den historischen Hexenverbrennungen von Salem. Eine nonchalante Abrechnung mit der US-Justiz und mit staatlicher Willkür: „Es ist ein Unding, das so etwas bis heute passiert. Dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer religiösen Überzeugung, ihrer Kleidung, ihrer Frisur oder ihrer musikalischen Vorlieben beurteilt werden. Das ist eine moderne Form der Hexenjagd – in einem Land, das sich als Rechtsstaat versteht. Und als die Jungs nach 18 Jahren freikamen, weil sich ihre Unschuld nicht länger leugnen ließ, haben sie nicht einen Cent als Entschädigung erhalten. Das ist wirklich ein Skandal.“

The Rev

Deutliche Worte von einem Mann, der um einiges smarter ist, als es seine Profession und sein Lifestyle vermuten lassen. Denn natürlich haben M. und seine Jungs den Aufstieg der letzten Dekade, in der die Schülerband aus der Punk/Skater-Szene zum millionenschweren Rock-Act gereift ist, auch entsprechend gefeiert. In einem Ausmaß, dass Drummer James Sullivan, genannt „The Rev“, am 28. Dezember 2009 im Alter von gerade Mal 28 Jahren starb. Laut M. der Auftakt zum radikalen Umdenken innerhalb der Band. „Ganz ehrlich: Es war mehr als ein Warnschuss. Es war so, als würde man uns eine Pistole an die Schläfe halten und sagen: ,Werdet endlich erwachsen – und zwar sofort. Hört endlich auf damit, euch wie kleine Jungs zu benehmen.‘ Das haben wir getan und wirklich ein paar Gänge zurückgeschaltet.“

Was sich z.B. darin äußert, dass er Ex-Tourmanagerin Valary DiBenedetto geheiratet hat und seit Sommer 2012 stolzer Vater eines kleinen Jungen namens River ist, der auch für den Albumtitel verantwortlich ist: „Als wir irgendwann in gemütlicher Runde zusammen saßen, habe ich ihn in die Luft gehalten und gebrüllt: ,Hail To The King!‘ Was dann hängen geblieben ist – weil es alle toll fanden. Außerdem ist es eine Hommage an The Rev, der ebenfalls ein verdammter König war, und den wir schmerzlich vermissen.“

Selbst wenn Nachfolger Richard Arin Ilejay (Ex-Confide), der sämtliche Tracks des neuen Albums eingespielt hat, scheinbar ein würdiger Ersatz ist: „Natürlich hat das Schreiben diesmal länger gedauert. Denn wir mussten Arin erst einmal verständlich machen, was wir wollen. Nämlich jede Menge Groove, aber gleichzeitig ein sehr technisches, präzises Spiel. Ohne Schnickschnack und direkt auf den Punkt. Was er auch hinbekommen hat, selbst wenn die Aufnahmen – das gebe ich offen zu – anfangs eine ziemliche Tortur waren. Einfach wegen der hohen Erwartungen.“

Der letzte Mohikaner

Schließlich hoffen A7X mit HAIL TO THE KING auch endlich den deutschen Markt zu knacken. Denn während sich Großbritannien und Skandinavien als Selbstläufer erwiesen, genießen sie hierzulande immer noch reinen Insider- und Kultstatus. Einfach, weil sie nie so viel Arbeit in Live-Konzerte und Interviews investiert haben, wie in ihrer Heimat, sondern sich lediglich auf Auftritte bei Rock am Ring/Rock im Park beschränkten. „Deutschland ist für uns so etwas wie der letzte Mohikaner“, lacht denn auch M. und zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, woran das liegt. Aber ich habe das Gefühl, dass man uns hier nie richtig verstanden hat, dass man nicht weiß, wie man uns einordnen soll und ob wir nicht nur ein Haufen Poser sind. Da kann ich nur sagen: Wir nehmen das, was wir machen, verdammt ernst. Wir spielen die Musik, die wir lieben. Und nur, weil andere Bands schon 30 Jahre dabei sind, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie besser sind als wir. Ich finde, die Leute müssen sich auch mal für neue Sachen öffnen. Eben für Bands wie uns, die der Szene frische Impulse geben wollen.“

Heißer Herbst

Wobei M. alle Hoffnung auf die Herbsttournee legt. Denn da hat der Fünfer zum ersten Mal seine komplette US-Produktion dabei. Mit gigantischer Lightshow und jeder Menge Pyrotechnik, die Unsummen verschlingt. „Wir werden draufzahlen, keine Frage“, sinniert der Sänger. „Was aber nicht weiter schlimm ist. Ich sehe das als Investition in die Zukunft. Eben in einen Markt, den wir bislang sträflich vernachlässigt haben, der aber jetzt ganz oben auf unserer Liste steht. Einfach, weil uns klar geworden ist, dass wir hier ein bisschen mehr investieren müssen, als woanders. Und dazu sind wir bereit. Wir sind eine Band, die gerne hart arbeitet, Mann.“ Der kräftige Händedruck zum Abschied spricht Bände…

Treffpunkt Berlin. M. Shadows alias Matthew Charles Sanders betritt die Interview-Suite am Potsdamer Platz – und wirkt in dem mondänen 450-Euro-Ambiente so deplatziert wie Stoiber beim Christopher Street Day: Der 32-Jährige trägt Turnschuhe, Blue Jeans, Metallica-T-Shirt und Baseballkappe zu bunten Tattoos und schulterlanger Metal-Mähne. Eben Wayne‘s World 2013 – und das exakte Gegenteil seines bisherigen Rockstar-Looks aus kurzen, gegelten Haaren, Goldbeißerchen und angewachsener Easy Rider-Brille. „Ganz ehrlich? Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass das nicht echt ist, dass ich wie ein Klischee wirke und mich vielleicht sogar ein bisschen dahinter verstecke“, setzt er in einem Anfall von Selbstreflektion an. „Jetzt verkörpere ich, was ich bin – ein großes Metal-Kid.“
Wobei das „groß“ wörtlich zu nehmen ist: Zumindest in den USA ist der Mann von der kalifornischen Westküste bestens im Geschäft. In den letzten 15 Jahren hat er nicht weniger als acht Millionen Tonträger verkauft und den etablierten alten Herren (Guns N‘ Roses, Judas Priest, Iron Maiden und Co.) gewaltig das Wasser abgegraben. Einfach, weil man durch sein Gothic-Image (Totenköpfe, Fledermäuse, etc.) ein junges, visuell orientiertes Publikum anlockt. Weil man sich fanorientiert gibt und ohne divenhafte Allüren auskommt. Sprich: A7X – wie sie gerne genannt werden – bilden eine leichte Identifikationsfläche, verkörpern die Maxime „von Fans für Fans“ und leben nicht nur von ihrem Backkatalog, sondern schreiben moderne, harte Rockmusik mit klassischem Touch. Sprich: Sie folgen ihren Helden, ohne sich jedoch des Plagiats schuldig zu machen. „Ich bin ein fanatischer Metallica-Fan“, gesteht M. Shadows. „Doch obwohl ihre Art des Songwritings fest in meinem Unterbewusstsein verankert ist: Ich käme niemals auf die Idee, sie 1:1 zu kopieren.“

Klangwunder

Eine Theorie, die er mit seinem sechsten Studio-Epos HAIL TO THE KING unterstreicht. Ein Werk, das allein klangliche Maßstäbe setzt – als eines der bestproduzierten Hard‘n‘Heavy-Alben aller Zeiten. Denn was Studio-Crack Mike Elizondo (u.a. Mastodon, Switchfoot) hier auftischt, ist ein cineastischer Breitwand-Sound, der an Hollywood-Scores von John Williams, Danny Elfman oder Hans Zimmer erinnert: Voll orchestriert (Bläser, Streicher, Chöre) und so bombastisch, dass gesträubte Nackenhaare garantiert sind. Eben ein richtiges Metal-Hörspiel, das zudem Anleihen bei Blues, Jazz und klassischer Musik aufweist sowie von handwerklicher Raffinesse bzw. hohem künstlerischen Anspruch zeugt. Kein Zufall, wie M. anführt: „Wir wollten etwas anderes machen als das, was gerade Usus ist. Also ein Album, das herausragt, statt sich anzupassen. Und das einen starken Drumsound hat. Was sich zum Beispiel am Song ›Planets‹ festmachen lässt – an diesem Marschmusikrhythmus. Zudem haben wir uns von all den süßen kleinen Sachen getrennt, die in der Vergangenheit immer ein bisschen kitschig rüberkamen. Wie die betont melodischen Parts, aber auch die duellierenden Gitarrenriffs. Die haben wir durch eine kräftige Portion Blues und coole klassische Arrangements ersetzt.“

Ein Hauch von Freddie

Womit sich der gutgelaunte Frontmann als echter Wolf im Schafspelz outet. Eben als ehrgeiziger Musiker, dem es nicht reicht, in einer Sparte erfolgreich zu sein. Was sich auf HAIL TO THE KING gleich an mehreren Stellen festmachen lässt. Etwa an ›Requiem‹, das Queens ›Bohemian Rhapsody‹ in Nichts nachsteht, mit einem mehrstimmigen Choral aufwartet und zudem in waschechtem Latein gehalten ist. „Das war das Härteste, was ich je gemacht habe“, lacht unser Gegenüber. „Wir haben extra einen Linguisten von der UCLA verpflichtet, der im Studio aufgepasst hat, dass ich jedes einzelne Wort richtig betone. Denn es war mir wichtig, da nicht irgendeinen Blödsinn zu machen. Im Sinne von: Die Worte ergeben keinen Sinn, oder die Aussprache bzw. die Betonung sind falsch. Wenn man sowas tut, dann darf man sich keine Blöße geben. Wobei ich keine Ahnung habe, wie wir das live umsetzen sollen. Also ich werde das jedenfalls nicht singen – weil ich nicht Freddie Mercury bin. Sollen sich doch die anderen dabei blamieren.“

Moderne Teufel

Dabei standen nicht nur Queen bei den zehn ausufernden Songs Pate, sondern auch Led Zeppelin, die das Spiel von Ausnahmegitarrist Synyster Gates prägen, sowie die Rolling Stones, deren ›Sympathy For The Devil‹ die lyrische Vorlage zum Opener ›Shepherd Of Fire‹ liefert. „Ich finde die Stones haben großartige Stücke geschrieben, gerade in den späten 60ern und frühen 70ern. Und ich mag die Art, wie sie den Teufel beschreiben. Eben nicht als Monster mit Hörnern und Pferdefuß, sondern als unauffälligen Anzugträger, der seine Opfer mit unmoralischen Angeboten ködert. Eben: ,Wie wäre es hiermit oder damit? Dafür musst du mir nur deine Seele geben.‘ Und das Tolle an ›Sympathy For The Devil‹ ist, dass der Teufel über sich selbst spricht, und dir seine Sicht der Dinge schildert. Was etwas Faszinierendes hat. Etwas, das dich zum Nachdenken bringt. Das haben wir nur zu gerne aufgegriffen.“ Schließlich, so fügt er hinzu, seien solche diabolischen Figuren im modernen Amerika an der Tagesordnung, weil „sich alles nur noch ums Geld dreht.“ Weil Moral, Skrupel und Ethik wie Begriffe aus einer anderen Zeit wirken. Und weil das Gesetz des Stärkeren gilt.

West Memphis Three

Eine Form von Gesellschaftskritik, die man A7X kaum zugetraut hätte, und die ihren Höhepunkt im Song ›Heretic‹ erreicht. Nämlich in einem mutigen Vergleich des vieldiskutierten Verfahrens gegen die „West Memphis Three“ (drei zu unrecht als Mörder verurteilte Teenager) mit den historischen Hexenverbrennungen von Salem. Eine nonchalante Abrechnung mit der US-Justiz und mit staatlicher Willkür: „Es ist ein Unding, das so etwas bis heute passiert. Dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer religiösen Überzeugung, ihrer Kleidung, ihrer Frisur oder ihrer musikalischen Vorlieben beurteilt werden. Das ist eine moderne Form der Hexenjagd – in einem Land, das sich als Rechtsstaat versteht. Und als die Jungs nach 18 Jahren freikamen, weil sich ihre Unschuld nicht länger leugnen ließ, haben sie nicht einen Cent als Entschädigung erhalten. Das ist wirklich ein Skandal.“

The Rev

Deutliche Worte von einem Mann, der um einiges smarter ist, als es seine Profession und sein Lifestyle vermuten lassen. Denn natürlich haben M. und seine Jungs den Aufstieg der letzten Dekade, in der die Schülerband aus der Punk/Skater-Szene zum millionenschweren Rock-Act gereift ist, auch entsprechend gefeiert. In einem Ausmaß, dass Drummer James Sullivan, genannt „The Rev“, am 28. Dezember 2009 im Alter von gerade Mal 28 Jahren starb. Laut M. der Auftakt zum radikalen Umdenken innerhalb der Band. „Ganz ehrlich: Es war mehr als ein Warnschuss. Es war so, als würde man uns eine Pistole an die Schläfe halten und sagen: ,Werdet endlich erwachsen – und zwar sofort. Hört endlich auf damit, euch wie kleine Jungs zu benehmen.‘ Das haben wir getan und wirklich ein paar Gänge zurückgeschaltet.“

Was sich z.B. darin äußert, dass er Ex-Tourmanagerin Valary DiBenedetto geheiratet hat und seit Sommer 2012 stolzer Vater eines kleinen Jungen namens River ist, der auch für den Albumtitel verantwortlich ist: „Als wir irgendwann in gemütlicher Runde zusammen saßen, habe ich ihn in die Luft gehalten und gebrüllt: ,Hail To The King!‘ Was dann hängen geblieben ist – weil es alle toll fanden. Außerdem ist es eine Hommage an The Rev, der ebenfalls ein verdammter König war, und den wir schmerzlich vermissen.“
Selbst wenn Nachfolger Richard Arin Ilejay (Ex-Confide), der sämtliche Tracks des neuen Albums eingespielt hat, scheinbar ein würdiger Ersatz ist: „Natürlich hat das Schreiben diesmal länger gedauert. Denn wir mussten Arin erst einmal verständlich machen, was wir wollen. Nämlich jede Menge Groove, aber gleichzeitig ein sehr technisches, präzises Spiel. Ohne Schnickschnack und direkt auf den Punkt. Was er auch hinbekommen hat, selbst wenn die Aufnahmen – das gebe ich offen zu – anfangs eine ziemliche Tortur waren. Einfach wegen der hohen Erwartungen.“

Der letzte Mohikaner

Schließlich hoffen A7X mit HAIL TO THE KING auch endlich den deutschen Markt zu knacken. Denn während sich Großbritannien und Skandinavien als Selbstläufer erwiesen, genießen sie hierzulande immer noch reinen Insider- und Kultstatus. Einfach, weil sie nie so viel Arbeit in Live-Konzerte und Interviews investiert haben, wie in ihrer Heimat, sondern sich lediglich auf Auftritte bei Rock am Ring/Rock im Park beschränkten. „Deutschland ist für uns so etwas wie der letzte Mohikaner“, lacht denn auch M. und zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, woran das liegt. Aber ich habe das Gefühl, dass man uns hier nie richtig verstanden hat, dass man nicht weiß, wie man uns einordnen soll und ob wir nicht nur ein Haufen Poser sind. Da kann ich nur sagen: Wir nehmen das, was wir machen, verdammt ernst. Wir spielen die Musik, die wir lieben. Und nur, weil andere Bands schon 30 Jahre dabei sind, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie besser sind als wir. Ich finde, die Leute müssen sich auch mal für neue Sachen öffnen. Eben für Bands wie uns, die der Szene frische Impulse geben wollen.“

Heißer Herbst

Wobei M. alle Hoffnung auf die Herbsttournee legt. Denn da hat der Fünfer zum ersten Mal seine komplette US-Produktion dabei. Mit gigantischer Lightshow und jeder Menge Pyrotechnik, die Unsummen verschlingt. „Wir werden draufzahlen, keine Frage“, sinniert der Sänger. „Was aber nicht weiter schlimm ist. Ich sehe das als Investition in die Zukunft. Eben in einen Markt, den wir bislang sträflich vernachlässigt haben, der aber jetzt ganz oben auf unserer Liste steht. Einfach, weil uns klar geworden ist, dass wir hier ein bisschen mehr investieren müssen, als woanders. Und dazu sind wir bereit. Wir sind eine Band, die gerne hart arbeitet, Mann.“ Der kräftige Händedruck zum Abschied spricht Bände…

Text: Marcel Anders

Dave Stewart: Die Magie des Moments

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Dave Stewart
Mit seinem Medienunternehmen „Weapons Of Mass Entertainment“ hat der britische Tausendsassa in seiner Wahlheimat Los Angeles eine Ideenschmiede geschaffen, die kreative Lösungen für Musik, Film, TV, Buch, Theater, Medien und IT anbietet. Kaum zu glauben, dass er für seine Soloalben nach Nashville düst, um dort ganz altmodisch zu arbeiten.

Eine Glückszahl? Hat Dave Stewart nicht. Doch wer sein Album LUCKY NUMBERS nennt, muss mit Fragen zu Zahlenmystik, Aberglauben und Spieltrieb rechnen. Und so referiert der eloquente Brite über das Leben in Metaphern. „Das Leben ist wie eine Lotterie und ich finde es spannend zu erleben was passiert, wenn ich eine Karte ausspiele“, sagt der 61-jährige Musikveteran vieldeutig. „Aber im realen Leben gehe ich nicht in Casinos oder spiele um Geld. Ich habe auch nie Musik gemacht, um damit möglichst viel zu verdienen. Ich erschaffe einfach Dinge, die ich mag: Musik, Fotos, Essays, Filme. Und glücklicherweise gefällt das anderen Menschen.“

Und nicht gerade Wenigen. Geschätzte 100 Millionen Alben hat der Mann aus dem nord-englischen Sunderland verkauft, die meisten mit Counterpart Annie Lennox als Pop-Rock Duo Eurythmics. Auch als Studiomusiker und Produzent ist seine Vita beachtlich: Acts wie die Ramones und Bon Jovi, Aretha Franklin und Tom Petty nahmen seine Dienste in Anspruch. Er schreibt Hits am Fließband für Katy Perry und Gwen Stefani und ist selbst Teil der Supergroup SuperHeavy um Mick Jagger. Damit nicht genug. Stewart entwickelt TV-Konzepte und dreht Filmdokumentationen, macht Fotoausstellungen und schreibt auch schon mal ein Musical mit Ringo Starr. Mit dem Hospital Club hat er unter dem Motto „Create, Connect and Collaborate“ ein Kreativzentrum in London gegründet. „Es ist eine Frage wie viel Energie man in sich trägt“, antwortet Stewart lächelnd auf die Frage wie er all diese Aktivitäten geregelt kriegt. „Ich bin einfach verdammt schnell. Manche Menschen halten sich mit unnützen Dingen auf. Sie verplempern ihre Zeit. Manche Menschen können sich auch nur auf eine Sache konzentrieren, aber ich mache am liebsten alles auf einmal.“

Gelegentlich auch Musik. Inzwischen nur für sich selbst, „zur Entspannung“ wie er behauptet. Und nicht für irgendwelche Erwartungshaltungen. So inspiriert ihn 2011 der Fund einer alten Gretsch-Gitarre in einem Londoner Second-Hand-Laden zum Album BLACKBIRD DIARIES. Als Stewart herausfindet, dass der Sechssaiter einst dem Country-Musiker Red River Dave gehörte, reist er nach Nashville und schreibt ein Album auf dieser Gitarre. Davon beflügelt, nimmt er im Jahr darauf gleich noch den Nachfolger THE RINGMASTER GENERAL auf. LUCKY NUMBERS beschließt nun die Trilogie dieser Roots-Music-Alben, die Stewart rein nach dem Lustprinzip einspielte. Denn der passionierte Hutträger ist bekanntlich ein leidenschaftlicher Liebhaber alter Instrumente, Mikrofone und Verstärker und fand in den Blackbird Studios von Nashville sein Spielzeugland. „Der Besitzer John McBride ist berühmt für seine Sammlung von altem Equipment, er besitzt mehr als tausend Mikrofone und hunderte alter Instrumente und Verstärker aller Dekaden. Und obendrein die wohl umfangreichste Sammlung aller Beatles-Singles dieser Welt“, schwärmt Stewart. Nicht umsonst gastierten hier bereits Songwriter-Ikonen wie Bruce Springsteen und Emmylou Harris oder Rock-Acts wie die Kings Of Leon und die White Stripes.

Natürlich hat Stewart wieder eine Menge Sängerinnen an seiner Seite, diesmal unter anderem Vanessa Amorosi, Laura Michelle Kelly, Ann Marie Calhoun und Karen Elson. „Das ist das weit größere Geheimnis als die Zahlenmystik“, witzelt Stewart. „Wie lernt dieser Kerl bloß all die wundervollen Sängerinnen kennen? Die Antwort lautet: Es passiert einfach! Die Damen tauchen einfach in meinem Leben auf, schreiben mir oder schicken mir Songs. Ich wiederum fühle mich zu bestimmten Stimmen und Charakteren hingezogen, zu Sängerinnen mit einer gewissen Ausstrahlung und einem eigenen Stil. Die Gänsehaut entscheidet letztlich, wen ich kontaktiere.“ Böse Stimmen indes behaupten, ohne weiblichen Counterpart sei Stewart ohnehin völlig geliefert. Der winkt müde lächelnd ab. „Ich sage dir, warum ich so gerne mit Frauen arbeite: Sie sind zuverlässig, zielstrebig und haben so gut wie nie einen Kater.“

Rekordverdächtige fünf Tage hat der Gentleman, der für seinen Perfektionismus gefürchtet ist und Tontechniker und Produzenten reihenweise in den Wahnsinn trieb, für LUCKY NUMBERS gebraucht. Doch Stewart ist weder altersmilde, noch nachlässig. Sein Arbeitsansatz hat sich verändert. Der Kitzel der Spontaneität und die Lust der ersten Aufnahme geben dem Studioveteran heute den Kick. Nicht die klangliche Perfektion einer Bassdrum. „Du gibst jedem Song etwa drei, vier Stunden“, erklärt er seine Arbeitsweise, „dabei sind alle Musiker und Sänger im Raum anwesend. Ich gehe die Nummer ein, zwei Mal mit allen durch und wir proben einzelne Parts. Dann nehmen wir sofort auf. So zu arbeiten habe ich vor drei, vier Jahren wieder entdeckt und es fasziniert mich. Ich habe in so vielen Studios mit modernsten Produktionsmitteln gearbeitet, das reizt mich einfach nicht mehr. Ich will zurück zum Ursprung. So wie alles begonnen hat. Nur wenn du mit anderen Leuten spontan und live spielst, fängst du die Magie des Moments ein.“

So birgt der Schlussstein seiner Nashville-Trilogie akustisch gefärbten Roots Rock, was nicht zuletzt an so legendären Studiogitarristen wie Tom Bukovac und Dan Dugmore liegt. Pop-Fans indes drehen sich vermutlich eher ermüdet ab und fragen sich, ob die Zeiten des glamourösen Pop ihres Idols endgültig vorüber sind. „Ich habe meine Musik nie als glamourösen Pop betrachtet“, gibt sich Stewart entrüstet, „meine Spiritual Cowboys vielleicht, die hatten etwas von diesem Flair, das gebe ich zu. Aber dann habe ich experimentelle Alben wie GREETINGS FROM THE GUTTER gemacht, mit Bootsy Collins und Lou Reed. Ich mag dieses Pop-Kriterium irgendwie nicht.“

Natürlich kann nicht jedes seiner Alben die Charts erstürmen, wie er das einst mit den Eurythmics schaffte. Unlängst floppte die von Stewart produzierte TV-Sitcom „Malibu Country“ und wurde vom US-Sender ABC abgesetzt. Doch wie ein Profispieler versteht es der ehrgeizige Elder Statesman inzwischen auch, mit Niederlagen umzugehen. „Als Engländer eine TV-Serie in Amerika zu etablieren ist so gut wie unmöglich. Mir ist schon klar, dass nicht alle meine Konzepte erfolgreich sein können. Aber das wäre ja auch furchtbar langweilig.“ So wie eine Glückszahl, die immer funktioniert.

Stefan Woldach

Auf Augenhöhe mit den Stars – Dawes

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Robbie Robertson, Jackson Browne, John Fogerty – wenn die Heroen des amerikanischen Musikgeschäfts eine begnadete Begleitband suchen, dann ist das Indie-Folk-Quartett Dawes erste Wahl. Dass sie mehr sind, beweisen die Kalifornier nun mit ihrem dritten Album, STORIES DON’T END. Dabei hatte die Bandgründung vor vier Jahren so gar nichts Heroisches.

„Dawes zu starten geschah aus reiner Verzweiflung“, gesteht Frontmann Taylor Goldsmith im CLASSIC-ROCK-Interview. „Ich hatte keine andere Wahl, denn ich kann nichts anderes. Ich bin damit aufgewachsen, zu singen und Instrumente zu erlernen.“ Mit seinem Faible für die klassischen Werte des Laurel-Canyon-Singer/Songwritertums weckte er schnell das Interesse von Produzent Jonathan Wilson, der Dawes früh unter seine Fittiche nahm und die Band zu informellen Jam-Sessions mit Größen wie Conor Oberst, Chris Robinson und Benmont Tench einlud. „Wir wussten von Anfang an, dass wir nicht als Fans rüberkommen durften“, erinnert sich Goldsmith. „Wir mussten uns als echte Profis präsentieren, wenn wir auch in Zukunft zusammen mit Leuten spielen wollten, die wir respektieren.“ Auch den Könnern, denen sie seitdem zur Seite standen, näherte sich die Band stets auf Augenhöhe. „Wenn wir zu Robbie Robertson, Jackson Browne oder John Fogerty gegangen wären und gleich gesagt hätten: ‚Oh, es gibt da einen Song von dir, den finde ich sooo toll!‘, hätte das nicht funktioniert“, ist sich der Dawes-Vordenker sicher. „Zunächst war es wichtig, dass sie sich mit uns wohlfühlen und uns vertrauen konnten.“

Nicht zuletzt, weil die ersten beiden Dawes-Alben unter fast identischen Vorzeichen entstanden, könnte man NORTH HILLS und NOTHING IS WRONG rückblickend als Eckpunkte der Entwicklungsjahre der Band bezeichnen. „Das kann man tatsächlich so sagen, da sie sich gewissermaßen gegenseitig bedingen“, stimmt Goldsmith zu. „Die erste Platte romantisiert den Wunsch, auf Tour zu gehen und die Welt zu entdecken. Die zweite handelt eher davon, was passiert, nachdem das Ersehnte eingetreten ist und du praktisch auf der Straße zu Hause bist.“

Bei STORIES DON’T END gab es nun gleich eine ganze Reihe Veränderungen. Die wichtigste: Die Band arbeitete mit Neu-Produzent Jacquire King (Kings Of Leon, Tom Waits) erstmals nicht daheim in L.A., sondern in der Abgeschiedenheit North Carolinas und komprimierte so das bisherige Schaffen. „An einem Ort aufzunehmen, an dem du niemanden kennst, bedeutet, morgens aufzustehen und sofort fokussiert an nichts anderes als Musik zu denken“, sagt Goldsmith über das gelungene Experiment. In den detailverliebten, literarisch angehauchten Texten der neuen Platte beschreibt er Situationen, „die andere Menschen auch durchleben, aber danach nicht in Worte fassen würden“, wie er selbst sagt. Gleichzeitig gelang es der Band, ihrem ehrlich-handgemachten, vom 70s-Westcoast-Folk-Rock geprägten Sound einen moderneren Anstrich zu verpassen. Zuvor hatten Fans und Kritiker gerne das Schlagwort „vintage“ benutzt. „Dass die Leute unseren Sound als altmodisch und traditionell bezeichnet haben, das war nicht deren, sondern unser Problem“, glaubt der Bandkopf. „Schließlich war es unsere Musik, die diese Assoziation ausgelöst hat, also mussten wir etwas dagegen unternehmen.“ Dennoch ging es der Band bei der neuen Platte nicht unbedingt darum, zeitgeistiger zu klingen. „Wir wollten schon noch wie wir klingen. Es ging darum, uns eine eigene Identität zu erschaffen“, sagt Goldsmith bestimmt. „Die Leute sollen über die neue Platte nicht sagen: ‚Dawes klingen jetzt wie eine neue Band.‘ Sie sollen sagen: ‚Dawes klingen wie Dawes.‘“

Carsten Wohlfeld