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Deer Tick: Nichts als die Wahrheit

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Die letzten Jahre waren so etwas wie ein einziges langes „Lost weekend“ für Deer Tick. Als das für seine wilden Live-Shows berühmte Indie-Folk-Quintett dann nach einer mörderisch langen Tournee endlich ins heimische Rhode Island zurückkehrte, stand vor allem Mastermind John McCauley vor einem Scherbenhaufen: Hochzeit abgesagt, Vater mit einem Fuß im Knast, Drogengebrauch außer Kontrolle.

 

Kein Wunder also, dass Deer Tick ihr nun erscheinendes fünftes Album NEGATIVITY getauft haben. Mit den neuen Songs blicken die Amerikaner zurück auf die vergangenen Jahre und schildern das böse Erwachen am „Morgen danach“ – ungeschminkt und ungeschönt. „John brauchte diese Platte auf jeden Fall, um seinen rauen Lebensstil der letzten ein, zwei Jahre zu verarbeiten“, erklärt McCauleys Co-Songwriter und Gitarrist Ian O’Neil im Gespräch mit CLASSIC ROCK. Tatsächlich geht der Frontmann auf der neuen Platte so offen und selbstkritisch mit sich ins Gericht wie nie zuvor. Egal, ob er seine in die Brüche gegangene Beziehung zu seiner Verlobten hinterfragt, über all die Familienfeste sinniert, die sein inzwischen verurteilter Vater im Gefängnis verpassen wird, die Eheprobleme seiner Eltern thematisiert oder sogar mit einem Song den dissonanten Soundtrack seiner Crack-Sucht abliefert – nie versteckt er sich hinter Metaphern. Anstatt Geschichten zu erzählen, die lediglich auf wahren Erlebnissen basieren, schildert er lieber gleich die ganze, reine Wahrheit. „Es ist immer besser, die Dinge offen auszusprechen, als sie unter den Teppich zu kehren“, ist O’Neil überzeugt. „Die letzten zwei Jahre waren gewissermaßen eine Realitätsflucht. Deshalb gefiel John die Idee, in den neuen Songs sehr ehrlich zu sein und die Probleme direkt anzusprechen.“ So düster viele Songs auch sind: Dass McCauleys Umfeld sehr positiv auf die Offenheit des Musikers reagierte, trug fraglos zur therapeutischen Wirkung bei, die das neue Album für die gesamte Band hatte. „Ich schaue jetzt viel zuversichtlicher in die Zukunft als vor den Aufnahmen“, bestätigt O’Neil.

Doch nicht nur textlich machen Deer Tick auf NEGATIVITY reinen Tisch. Nach dem viel gescholtenen Vorgängeralbum DIVINE PROVIDENCE aus dem Jahre 2010 positionieren sich die Amerikaner nun auch klanglich neu. Hatten sie zuletzt ihre wilde Seite und einen ausgelassenen, ungehobelten Country-Rock-Sound in den Mittelpunkt gerückt, klingt vieles auf der neuen Platte deutlich gedämpfter. Dennoch ging es der Band nicht ausschließlich um Reduktion. Gemeinsam mit Los-Lobos-Saxofonist Steve Berlin auf dem Produzentenstuhl wurden einzelne Songs durch Streicher und Bläser in unerwartete neue Richtungen geschubst. Weil McCauley das Piano als Instrument für sich entdeckte, rückt ›Just Friends‹ in die Nähe von Billy Joels 70s-Piano-Pop, während ›Trash‹ in Richtung Memphis-Soul schielt und ›The Dream’s In The Ditch‹ mit seiner hymnischen Hemdsärmeligkeit sogar etwas von Bruce Springsteen hat. Überhaupt scheint es bisweilen, als hätten Deer Tick den Übermut des letzten Albums mit der zerbrechlichen Intimität ihrer Frühwerke zusammengebracht. McCauley bezeichnete NEGATIVITY sogar bereits als „bösen Zwilling“ des hochgelobten Debütalbums WAR ELEPHANT von 2007. „Die Arrangements sollten dieses Mal fokussierter sein“, erklärt O’Neil. „Wir wollten nur noch dann spielen, wenn es wirklich nötig war. Wenn ein Song nicht dringend nach einem großspurigen Gitarrensolo verlangte, dann haben wir darauf verzichtet. Das heben wir uns für die Live-Shows auf. Die dürfen ruhig ein bisschen protziger sein, schließlich geht es da ums Entertainment!“

Carsten Wohlfeld

Headstones – Wie ein Keulenschlag

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Von Fans finanziert, von Mitgliedern produziert, nehmen die Headstones nach elf Jahren Pause das beste Album ihrer Karriere auf. Knurrer Hugh Dillon, inzwischen erfolgreicher Filmschauspieler, betont: „Ich will ehrlich und prägnant klingen!“

Sie überfallen den Hörer förmlich, die Riffs und Rhythmen des neuen Headstones-Albums. Die Songs der Kanadier sind wie Unwetter, die urplötzlich über den Hörer herein brechen. In den 90ern war das Quartett aus Kingston eine der populärsten Punk‘n‘Roll-Bands des Landes, seine Platten wurden mit Gold und Platin prämiert. Doch eine Scheibe von der Qualität der neuen, passend betitelten LOVE+FURY war nicht darunter. Vergleiche mit Namen wie MC5, Social Distortion, Iggy Pop und ihren Landsleuten Danko Jones sind angebracht. „Wir haben diese Platte selber gemacht, es gab keinen Einfluss von Produzenten. Ich weiß wie diese Band spielt, ich weiß, was ich will. Ich will ehrlich und prägnant klingen!“, unterstreicht Hugh Dillon während des Interviews ein ums andere Mal. „In den 90ern haben wir auf Plattenfirmen und Produzenten gehört und unseren Sound verändern lassen. Das war der Fehler.“

Dillon ist die Entschlossenheit anzumerken, sich nicht vom rechten Weg abbringen zu lassen. Die Headstones hatten sich 1987 gegründet und 2002 aufgelöst. Der Knurrer verfiel Alkohol und Heroin, er musste ins Trockendock. Darauf startete das Multi-Talent eine Filmkarriere, die äußerst erfolgreich verlief. Er spielte in diversen TV-Serien und Kinofilmen alle möglichen Rollen, vom Punk bis zum Polizisten. Auf die Frage, wie sich Kino- und Musikgeschäft unterscheiden, antwortet er: „Vor der Kamera bin ich ein gemietetes Gesicht, das anderer Leute Stories wiedergibt. Aber ich mag meine Rocksongs, weil sie meine eigene Geschichte erzählen.“ Es spricht für Dillon, dass er erst Musiker und später Schauspieler wurde. Seine Lieder überzeugen. Das ist der Unterschied zu Schauspielern, die eine Platte aufnehmen und den Gesang lediglich als eine von vielen Rollen betrachten. „Du hast völlig recht“, pflichtet Dillon bei. „Auf die Idee zur Schauspielerei kam ich, weil ich Iggy Pop und Tom Waits schauspielen sah. Sie kamen von der Musik.“

Ein selbstbestimmtes, authentisches Stück Rock wie LOVE+FURY wurde möglich, weil 1.597 Head-stones-Fans ihren Worten Taten folgen ließen. Per pledgemusic.com spendeten sie harte Dollars für die Albumproduktion, in kürzester Zeit hatten Hugh Dillon & Co. weit mehr Geld als veranschlagt zusammen. „Wir machten dieses Album für uns selbst, wir erwarteten nicht, das es sich verkaufen würde. Es war nie als Goldesel gedacht, genau wie unsere frühen Indie-Platten. Wir machten LOVE+FURY mit Fans, die uns Geld gaben, obwohl sie nur den Song ›Binthatwayforyears‹ kannten. In kürzester Zeit gingen die Spenden durch die Decke.“ Die Scheibe erreichte Platz Sieben in Kanada, inzwischen haben sich mehrere Labels eingeklinkt, der Dreher wurde in den USA und Europa veröffentlicht. Einer der großartigsten Songs der Platte ist ›Dontfollowtheleader‹, ein Song, der mit seiner Unmittelbarkeit und Dynamik ins Schwarze trifft. „Der Text entstand in 15 Minuten“, berichtet Hugh. „Du musst für dich selber denken und handeln, sonst hat dein Leben keine Bedeutung. Andernfalls lebst du es für andere Leute und deren Gründe.“

Letzte Fragen an den 50-Jährigen im zweiten Frühling: Kann man als Rock‘n‘Roller würdevoll altern? „In Kingston ging ich in diesen Club, um Luther „Guitar“ Johnson zu sehen, der mit Muddy Waters gespielt hatte. Er war siebzig Jahre alt, wir rauchten Pot zusammen. Ich liebte seinen Blues! Der Blues hat nichts mit Alter zu tun, aber sehr viel mit Geschichtenerzählen, Leidenschaft und wie du dein Leben lebst“, antwortet Dillon und setzt hinzu, „ich liebe die Kunstform des dreiminütigen Rock‘n‘Roll-Songs, denn sie inspiriert und gibt Hoffnung.“

Henning Richter

Manic Street Preachers: Zweifel im zweiten Leben

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Manci Street Preachers 2013@ ALEX_LAKE (2)Die Manic Street Preachers sind legendär für ihre bittersüßen Hymnen, jetzt legen sie ein melancholisches Album vor, das den Verlust von Idealen und geliebten Menschen betrauert.

Nicky Wire ist ein Typ mit vielen Interessen. Der Vater zweier Kinder hat ein Politikstudium an der Universität Swansea abgeschlossen, er spielte in der walisischen Fußballjugendnationalmannschaft und brachte es bis zum Probetraining bei Tottenham Hotspurs und Arsenal. Daneben ist der Bassist, Texter und Gelegenheitssänger glühender Popfan, der Musikzeitschriften verschlingt und gelegentlich gleichnishaft Ikonen wie Ramones, Iggy Pop, Sex Pistols und Clash heranzieht, um seine Standpunkte zu verdeutlichen.

Als sich die Manic Street Preachers 1986 gründeten, waren die Waliser eine sehr politische Band. „Wir wuchsen in einer grimmigen Ära auf, Thatcher war an der Regierung, wir wohnten in Süd-Wales, wo die Bergarbeiter lebten, es gab viele Streiks und große Arbeitslosigkeit. Eine vormals stolze Gemeinschaft wurde vom Thatcherismus zerstört“, sagt Wire bitter. „Politik interessiert mich bis zu diesem Tage. Das schlägt sich natürlich in den Texten nieder.“ Inzwischen sind ihm allerdings Zweifel gekommen. „Ich bin nicht mehr sicher, ob Politik und Rock‘n‘Roll zusammenpassen. Jetzt bin ich 44 Jahre alt, wir bringen unser elftes Studioalbum heraus und sind immer noch motiviert, über Situationen um uns herum zu schreiben, aber du fragst dich, ist das noch relevant?“ rätselt er. „Wir fühlen uns mit dem Politikinteresse ziemlich isoliert, neben uns gibt es nur noch Billy Bragg.“ Lachend erinnert er sich an eine Woche, in der die Manics Kylie Minogue, den linken Bergarbeiterführer Arthur Scargill und Fidel Castro trafen, „ein verrückter Mix aus Pop und Kommunismus“. Inzwischen sei er sicher, dass der Marxismus die Welt nicht retten könne, überhaupt sei er „Existentialist, für den Camus und Sartre wichtiger sind als Marx und Lenin.“

Wir sitzen in der Lobby eines zentralen Berliner Nobelhotels, unweit der Hansa Studios, wo ein Teil der Titel des neuen Album REWIND THE FILM aufgenommen wurde. „Es ist ein trauriges Album, abgesehen von ›Show Me The Wonder‹ handelt es von Sterblichkeit. Es steht für das zweite Leben der Manics“, fasst Nicky zusammen. Generell zweifle er am Sinn und Zweck des Musikerdaseins. „Das durchgängige Thema ist der Verlust von Leben und Idealen.“ Natürlich spielt Wire damit auch auf den Selbstmord ihres Gitarristen Richey Edwards an, dazu sind eine Menge liebenswerter Freunde und Verwandte gestorben.

Für die dunklen Lieder wählten die Manics in der Hauptsache akustische Instrumente, in den Hansa Studios wurden u.a. Cello-Parts aufgenommen. „Wir lieben Springsteens NEBRASKA und die Lieder von Leonard Cohen aus den Siebzigern.“ ›Your Sullen Welsh Heart‹ ist so ein trauriger Song. „Die Idee dahinter ist: Ich habe ein gutes Herz und ein schlechtes Herz, beide Seiten kämpfen andauernd. Die eine Person ist würdig und gut, aber ich bin auch der 22-Jährige, der keinen Sex hat und weltweit Amok läuft. Er ist frech, denn wenn du jung bist, trägst du keine Verantwortung.“

Daneben enthält REWIND THE FILM Soul, beeinflusst von Van Morrison und Dexy‘s Midnight Runners sowie Lieder im Stil von Singer/Songwritern. Den Titelsong singt Richard Hawley, ein guter Freund von Gitarrist James Dean Bradfield. Dagegen ist ›30 Year War‹ ein Vorgeschmack aufs kommende Werk, das rockiger und kämpferischer ausfallen wird, wie Wire ankündigt. „Song und Text sind viel wütender. In den letzten dreißig Jahren wurde die Arbeiterklasse zerstört. Seither gibt es keine vereinte Opposition zu irgendeinem Thema. Wir haben eine virtuelle, digitale Scheindemokratie, Demokratie existiert nicht“, lautet seine Anklage. „Großbritannien ist ein extremes Beispiel von postmodernem Kapitalismus. Ich hoffe, der Rest der Welt wird dem widerstehen, aber es sieht nicht so aus…“

Henning Richter

SpiralArms: Freiheitsgefühle

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Als Gründer von Forbidden genießt Craig Locicero Thrash-Metal-Ikonenstatus. Mit SpiralArms zeigt der Gitarrist seit 2004 sein zweites Gesicht: Die von ehemaligen Systematic-, Vicious-Rumors- und Esseness-Mitgliedern komplettierte Heavy-Rock-Band fühlt sich zwischen den 70ern und der Moderne, zwischen Black Sabbath, Bad Company, Free, Led Zeppelin, Alice In Chains, Soundgarden und Down pudelwohl.

Hatten SpiralArms ihr Debüt HIGHEST SOCIETY (2010) noch über vier Jahre hinweg in unregelmäßigen Abständen zusammengebastelt, entstand der FREEDOM betitelte Nachfolger in einem kürzeren, in sich geschlossenen Zeitrahmen. „Weil ich 2010 und 2011 ständig mit Forbidden unterwegs war, stammt das meiste FREEDOM-Material aus Tims Herz und Seele: Er hatte eine Vision, der er folgte“, verweist Craig auf Sänger, Produzent und Jugendfreund Tim Narducci. „Dass ich nicht so oft im Proberaum sein konnte, war für mich und die anderen Jungs schwierig. Doch als wir ins Studio gingen, waren wir alle umso besser vorbereitet, hatten präzise Vorstellungen und knieten uns mit vollem Enthusiasmus in die Aufnahmen.“

Die aus der Not geborene Vorgehensweise schlägt sich positiv auf FREEDOM nieder: Das Album wirkt in sich stimmiger als sein Vorgänger, verfügt über einen fokussierteren Grundcharakter. „In erster Linie wollte ich fernab jeglicher Komfortzonen komponieren und die Musik in der Tradition alter Blues-Platten so naturbelassen wie nur möglich anlegen“, klinkt sich Narducci ein. „Ich strebte Simplizität an. Die größte Hürde bestand darin, nicht zu überanalysieren.“

Um diese Gefahr zu vermeiden, griffen die Kalifornier auf süßlich duftende Hilfsmittel zurück – der Songtitel ›Drugs & Alcohol‹ sowie die FREEDOM umhüllenden Stoner-Rauchschwaden kommen nicht von ungefähr. „Es klingt vielleicht ein wenig bescheuert, doch wir bringen unsere rechten Gehirnhälften gerne mit ein wenig THC auf Trab. Fast alle meiner Stücke entstanden in diesem Geisteszustand“, gibt Craig grinsend zu. „Nicht als Buchhalter zu arbeiten, sondern Rock‘n‘Roll zu spielen, kann eben auch kleine Vorteile mit sich bringen.“

Zu dieser Geisteshaltung passt auch der unpolierte, erdige 70er-Klang der Platte. Der Trick: SpiralArms spielten die FREEDOM-Basisspuren gemeinsam in nur 16 Stunden ein. „Ich denke, viele Leute fühlen sich gelangweilt von den vermeintlich makellos klingenden Produktionen der Gegenwart. In 99 Prozent aller Fälle ist es menschlich nicht einmal möglich, so unglaublich perfekt zu spielen“, findet Narducci. „Einige der besten Momente der Musikgeschichte basieren auf Unvollkommenheiten, auf Situationen, in denen das Gefühl über Technik siegte. Man denke nur an kleine Bruchstellen in Robert Plants Stimme oder Keith Richards’ verstimmte Gitarre. So etwas hört man auf heutigen Veröffentlichungen nicht mehr.“

Das authentische Äußere steht nicht nur den neun eigenen Kompositionen, sondern auch der süffigen Black-Sabbath-Interpretation ›Tomorrow’s Dream‹ bestens zu Gesicht. „Es besteht kein Zweifel: Sabbath üben von jeher riesigen Einfluss auf harte Musik jeglicher Couleur aus“, weiß Craig nur allzu gut. „›Tomorrow‘s Dream‹ prägte unser heutiges Tun maßgeblich: Der Song ist simpel, hart, melodisch, authentisch und bietet schlichtweg ein überwältigendes Hörerlebnis. Die von unserem Keyboarder Brad eingeflochtene Klavierpassage klingt typisch nach SpiralArms. Gleichzeitig erhielten wir den Geist des Originals zu hundert Prozent. Es ist einfach ein verdammt großartiges Lied.“

Dominik Winter

Subsignal: Mehrschichtig

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Zwei Jahre nach TOUCHSTONES präsentieren Subsignal wieder neues Material und zeigen sich auf PARAÍSO so vielseitig wie noch nie.

Den Vergleich zu Yes hören sie nicht gerne, indes: Wer dem neuen Album PARAÍSO der deutschen Band Subsignal lauscht, wird fast automatisch an 90125 erinnert, den Yes-Klassiker des Jahres 1983. Der Satzgesang, die hohe Stimme, die wunderbaren Sounds, die Mischung aus Prog, Pop und Rock – die britische Legende scheint, wenn auch unbewusst, an so mancher Stelle Pate gestanden zu haben. „Wir alle sind keine besonders großen Yes-Fans“, widerspricht Gitarrist Markus Steffen diesem Vergleich energisch. „Natürlich sind Yes eine tolle Band, aber wir waren nie Fans. Und schon gar nicht Arno, der die Verweise auf Jon Anderson nicht gerne hört. Aber die Satzgesänge rufen diese Assoziationen natürlich immer wieder hervor. Diese Parallelen sind durchaus vorhanden, beruhen aber vielmehr auf Arnos Vorliebe für AOR-Musik. Seine Helden sind Leute wie John Farnham oder auch Steve Walsh von Kansas.“

Besagter Arno Menses ist Sänger bei Subsignal und teilt sich Bühne, Studio und Proberaum mit Steffen seit den Tagen ihrer gemeinsamen Band Sieges Even. 1986 entstand eine der ersten wirklich wichtigen Prog Rock-Formationen der Post-NDW-Ära. Steffen und Menses waren die federführenden Musiker, die sich ab 2007 jedoch zunehmend stärker auf ihr Nebenprojekt Subsignal konzentrierten. Seit fünf Jahren ist Schluss mit Sieges Even, seither haben Subsignal den Projektcharakter endgültig verloren und den einer echten Band gewonnen, zumal diese Gruppe häufiger als früher auch auf der Bühne stattfindet: „Wir lieben es, auf Tour zu sein. Studio und Livespielen sind für uns gleich wichtig“, erklärt Steffen. „Wir haben ja schon viele Konzerte hinter uns, sowohl als Headliner als auch als Support. Ich denke, dass wir im Laufe der Jahre auf der Bühne zu einer richtig guten Einheit geworden sind, das heißt: Wir verstehen uns blind und jeder vertraut dem anderen. Und mittlerweile sieht es auch hinsichtlich der Zuschauerzahlen richtig gut aus.“

Ihr neues Album heißt PARAÍSO und ist ein Paradebeispiel des guten Geschmacks, mit griffigen Songs, tadellosem Sound und so mancher Überraschung. Eine davon heißt Marcela Bovio, sang bei Ayreon und Stream Of Passion und setzt in der Nummer ›The Blueprint Of A Winter‹ frische Farbpunkte. Steffen: „Ich bin mit Marcela über Facebook befreundet. Als die Frage aufkam, welche weibliche Stimme zu dem Song passen könnte, war es naheliegend, sie einmal zu fragen und ihr das Stück zu präsentieren. Marcela hat sofort zugesagt.“

Die Arbeit ging zeitgemäß und völlig problemlos über die Bühne: Subsignal schickten Bovio den Track via Internet, und die Mexikanerin realisierte ihre Gesangsaufnahmen zu Hause in ihrer Wahlheimat Holland. Moderne Cyberspace-Kommunikation also, trotzdem hoffen Subsignal auf eine lebendige Zusammenarbeit mit der Südamerikanerin: „Vielleicht schaffen wir es einmal, den Song zusammen mit ihr in einem Konzert zu spielen.“
Auch ohne direkten Kontakt zu ihrer Gastmusikerin sind Subsignal dennoch mächtig stolz auf PARAÍSO: „Ich würde sagen, dass dies unser bisher kompaktestes Album ist“, behauptet Steffen. „Abgesehen von der Gesamtlänge – wir wollten dieses Mal definitiv unter einer Stunde Spielzeit bleiben – war dies allerdings nicht unbedingt geplant. Das Songwriting entwickelt bei uns meist eine schwer kontrollierbare Eigendynamik, und irgendwie wurden die Songs auf PARAÍSO kürzer als die auf TOUCHSTONES. Innerhalb der Tracks passiert dieses Mal jedoch viel mehr, alles gleichzeitig und auf unterschiedlichen Ebenen.“

Matthias Mineur

New Model Army – Mit den Geistern im Gespräch

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Schon immer benutzten Menschen Schlagwerkzeuge zum Feiern, Tanzen, Trauern und Heilen. Für ihre urwüchsigen Lieder über Geister, Wölfe, weite Landschaften und dramatisches Wetter setzen New Model Army dieses Mal ganze Batterien von Trommeln ein.

„In der Dämmerung kann man kaum erkennen, ob diese Silhouette dein Jagdhund oder ein Wolf ist“, erklärt Justin Sullivan den mystischen Albumtitel BETWEEN DOG AND WOLF. „Zwischen Hund und Wolf“ ist ein mittelalterliches, französisches Sprichwort, es illustriert das Gefühl der Unsicherheit. Es ist auch eine gute Beschreibung für die Band.“ Der Kopf von New Model Army erinnert an die allererste Single, welche die Band 1983 aufnahm, ›Bitter Sweet‹. „Damals schrieb ein Kritiker: ,Das ist eine Band, die sich nicht entscheiden kann, ob sie zu den Guten oder Bösen gehören will‘“, lacht Sullivan, „das ist heute noch so.“

Inzwischen ist Justin Sullivan das letzte Gründungsmitglied der Folkrock-Bastion aus dem englischen Bradford. „Anfangs planten wir nur einen Kneipen-Gig. Daraus sind jetzt 33 Jahre geworden“, staunt der Rockpoet. „Über den Namen haben wir nicht lange nachgedacht, er tauchte im Geschichtsunterricht auf. Ich hatte zum Glück einen guten Lehrer.“ Die New Model Army war die Streitmacht des englischen Heerführers Oliver Cromwell, eines puritanischen Erneuerers, der 1646 den englischen König Karl I. stürzte. „Die historische New Model Army endete übrigens als Herrschaftsinstrument einer Diktatur – wie alle revolutionären Armeen“, sagt Sullivan, der sich brennend für Dinge wie Politik, Religion, Reisen, weite Landschaften und dramatisches Wetter interessiert.

Wer ein New-Model-Army-Konzert besucht, spürt die Nähe und Verbundenheit der Fans untereinander. Es herrscht eine Vertrautheit, die es nur selten gibt, fast wie bei einem Stammestreffen. Umso passender erscheint es, dass das neue Album vielfach auf Trommeln beruht. Immer wieder erschallen wuchtige Kesselpassagen, zu denen die Mitglieder singen wie Medizinmänner beim Powwow nordamerikanischer Ureinwohner. Darüber erklingen mächtige, oft melancholische Gitarren und ein satter Bass. Apropos Bass, nach 22 Jahren hat Bassist Nelson die Band verlassen und wurde durch Ceri Monger ersetzt. „Zum Glück spielt Ceri gerne Schlagzeug, er kam zur richtigen Zeit. Ceri stammt aus einer musikalischen Hippie-Familie. Sein Bruder Barney Monger etwa ist Schlagzeuger bei Extreme Noise Terror“, berichtet Justin.

Justin Sullivan hingegen wuchs in einer Quäker-Familie auf. Obwohl er sich als Heide bezeichnet, spielen biblische Gleichnisse in seinen Texten bis heute eine Rolle. Auf der neuen CD tauchen etwa Kain und Abel auf (›Seven Times‹), wird vor der Apokalypse gewarnt (›Horsemen‹), verwandeln sich Wasser in Wein und Wein in Blut (›Between Dog And Wolf‹). „Von allen fiktionalen Büchern der Weltliteratur ist das Alte Testament das gewalttätigste, rassistische und grausamste.“ Der Gott der Bibel reagiere oft unberechenbar und willkürlich. „Vielleicht ist das ganz passend, weil Menschen eine Erklärung für die Launen der Natur brauchen. Die Wetterkatastrophen passieren zufällig und du weißt auch nicht, was in deinem Körper passiert…“ Erkenntnisse wie diese finden sich reihenweise auf den zwölf Studioalben dieser urtümlichen, archaischen Band. Im neuen Track ›Ghosts‹ beschreibt Sullivan, wie Menschen mit Geistern reden. „Wir reden mit unseren verstorbenen Eltern, Freunden, Verwandten, Kollegen und anderen. Die Toten werden ein Teil von uns, so funktionieren Geister. Wenn Menschen, denen du nahe stehst, sterben, übernimmst du etwas von ihrem Geist und das ist immer da. Das fühle ich besonders mit Robert (Heaton, der verstorbene NMA-Schlagzeuger, -Komponist und -Texter). Wir waren keine Freunde, aber wir standen uns nah.“

Henning Richter

Everlast: Forever Unplugged – Last

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EverlastEin Rapper im CLASSIC ROCK ist schon mehr als eine Seltenheit. Genauso außergewöhnlich ist aber auch Everlasts musikalischer Werdegang. Begann er vor über 20 Jahren als Mitglied der Hardcore Rap-Gruppe House Of Pain und landete damit den kommerziellen Hit ›Jump Around‹, ist Whitey Ford heute den meisten durch seine Solowerke bekannt. Stücke wie ›What It‘s Like‹ und das mit einem Rock-Grammy ausgezeichnete ›Put Your Lights On‹, das ihn mit Gitarren-Latino Carlos Santana an der Seite auf den Höhepunkt seiner Karriere geschossen hat, sind es, die ihn auch als Country-, Blues- und Rockmusiker etabliert haben. Nun setzt Everlast noch einen drauf und veröffentlicht mit THE LIFE ACOUSTIC eine Platte mit reinen Unplugged-Versionen einiger seiner früheren Songs und folgt damit zahlreichen Rockern und Bluesern.

Nach einer Akustik-Tour kommt jetzt auch noch ein ganzes Unplugged-Album von Everlast heraus. Wie kam es zu diesem doch recht radikalen Stilwechsel?
Angefangen hat das mit dem Podcast meines Kumpels Joe Rogan. Dort habe ich einige Akustik-Nummern gespielt. Die Reaktionen darauf waren sehr positiv und die Leute fragten, ob ich nicht mal auf eine rein akustische Tour gehen wollte. Das tat ich und so kam die Frage nach einem Album auf. Um ehrlich zu sein, diese Platte zu machen war wirklich leicht. Es gab nur mich, meine Gitarre und ein Mikrofon. Genauso klingen alle meine Songs bevor ich damit ins Studio gehe, denn so schreibe ich sie. Das ist die pure Essenz meiner Stücke.

Das klingt beinahe so, als hätte sich dieses Album von selbst aufgenommen.
Klar habe ich hart daran gearbeitet, aber die Songs waren ja schon geschrieben und ich musste nur noch die Lieder auswählen, die ich aufnehmen wollte. Wir gingen ins Studio und dann habe ich die Stücke komplett in ein, zwei Wochen eingespielt. Ich hatte das Gefühl, dass die Stücke hie und da noch ein Piano vertragen könnten. Deshalb ist ein Keyboard das einzige zusätzliche Instrument auf diesem Album. Nur auf einer Nummer haben wir Drums eingespielt. Das ist meine neue Version von ›Jump Around‹.

Wie ernst meinst du diese Neufassung eigentlich? Es scheint ein wenig, als würdest du dich über die Nummer lustig machen.
Weißt du, auf jedem meiner Akustik-Konzerte gab es einen im Publikum, der schrie: „Wir wollen ›Jump Around‹!“ Also fragte ich mich eher aus einem Scherz heraus, wie das wohl klingen würde und so ist es jetzt auf THE LIFE ACOUSTIC zu hören. Es ist wirklich nur ein Witz.

Du hast einmal gesagt, dass für dich kein großer Unterschied zwischen HipHop und Blues bestehe. Diese Ansicht könnte einige Fans des jeweiligen Lagers verärgern.
Oh, eigentlich haben diese Stile viel gemein. Beide entstanden aus einem unterdrückten und verarmten Umfeld. In beiden Fällen war die Musik der einzige Weg für die Menschen sich auszudrücken. HipHop wurde von Leuten erfunden, die sich keine Instrumente leisten konnten. Sie benutzten, was sie hatten. Plattenspieler, Platten und Lautsprecher. Genau wie der Blues zählt HipHop zu den amerikanischsten aller Musikrichtungen. Gleichzeitig werden beide Genres auf der ganzen Welt geliebt.

Wirst du jetzt für immer auf der akustischen Seite der Musik bleiben?
Schon nächste Woche stehen für mich Shows mit meiner Band auf dem Programm. Trotzdem werde ich wohl auch mit den Akustiksachen nicht mehr aufhören. Ich liebe beides. Und werde ich wieder so ein Abum machen? Keine Ahnung, vielleicht! Das ist das Schöne an THE LIFE ACOUSTIC. Es wäre jederzeit möglich! Sicher kann es noch einen zweiten und sogar dritten Teil geben! Immerhin ist auf der aktuellen Platte kein einziger Song von meinem letzten Album SONGS OF THE UNGRATEFUL LIVING. Da ist also noch Stoff für Fortsetzungen.

Paul Schmitz

Neuigkeiten zu: Tony Joe White

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TonyJoeWhite 117 (credit Anne Goetze)

Elvis Presley, Ray Charles, Dusty Springfield und Tina Turner sind nur einige der unzähligen Künstler, die seine Songs in den letzten 50 Jahren interpretiert haben, doch für Swamp-Rock-Erfinder Tony Joe White wird die erste Coverversion immer die schönste sein. „Mein Freund Donnie Fritts aus Muscle Shoals, unten in Alabama, hatte mich um eine Kopie meiner Aufnahme von ›Rainy Night In Georgia‹ gebeten“, erinnert sich der aus Louisiana stammende alte Haudegen bei unserem Gespräch. „Acht Monate später schickte mir der Produzent Jerry Wexler eine Single, auf der Brook Benton meinen Song sang. Ich war sprachlos! Ich glaube, ich hab mir das Ding fünfzigmal hintereinander angehört.“ Dass sein Talent als Songwriter zeitlebens mehr Beachtung fand als sein Können als Interpret, stört den inzwischen 70-jährigen Amerikaner keinesfalls. „Es gibt nichts Cooleres, als jemand anders deine Worte mit ganzem Herzen singen zu hören“, sagt er mit Nachdruck.

Herzensangelegenheiten waren Whites Songs schon immer. Von jeher schreibt er über Dinge und Menschen aus seinem Südstaaten-Umfeld. „Die meisten Charaktere in meinen Songs sind echt: Willie und Laura May Jones oder Polk Salad Annie – die gibt es wirklich“, bestätigt er. „Die Flut in Nashville vor drei Jahren war genauso real.“ White wurde auf dem Rückweg von einer Show in Memphis von der katastrophalen Überschwemmung in seiner Wahlheimat überrascht, die er nun auf seinem neuen Album HOODOO im Song ›The Flood‹ thematisiert. „Für gewöhnlich dauert die Fahrt vier Stunden, an dem Tag brauchten wir 14“, erinnert er sich. „Als wir endlich ankamen, sahen wir Gitarren im Wasser schwimmen und ans Ufer gespülte, schlammverdreckte Schlagzeug-Teile.“ Die Instrumente stammten aus den Lagerhäusern entlang des Flusses, in denen viele von Whites Musikerkollegen ihre Habseligkeiten untergebracht hatten. Er selbst hatte Glück: Sein etwas außerhalb von Nashville gelegenes Kellerstudio wurde von den Fluten weniger stark in Mitleidenschaft gezogen.

Dort entstand auch HOODOO, das anders als Whites letzte Werke vor allem mit Dringlichkeit und Direktheit punkten kann. Aufgenommen wurde es mit kleiner Besetzung live auf Tonband, und nicht selten war das erste bereits auch das finale Take. „Ich sagte meinem Drummer und meinem Bassisten: ‚Spielt einfach das, was ihr in eurem Herzen fühlt!‘ Oft kommen dabei Sachen heraus, die man selbst mit viel, viel Proben nicht besser hätte hinbekommen können“, sagt der Mann mit der markanten Grummelstimme über das Erfolgsrezept der neuen Platte. „Spontaneität ist das, was die meisten Songs angetrieben hat.“

Carsten Wohlfeld