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Live: Alice Cooper

Alice Cooper 2Lichtenfels, Stadthalle

Rock‘n‘Roll Highschool

Golfclub Tambach in der Nähe von Coburg: ein Mann mit schwarz gefärbten Haaren, die er zu einem Zopf unter einer Kappe gebunden trägt, läuft samt Golfbag und einer weiteren langhaarigen Person über das Grün. Nebenbei beantworten sie fleißig Fragen der Lokalpresse. Der Ältere hört auf den Namen Vincent Damon Furnier, dessen Alterego keine 24 Stunden zuvor auf dem über 600 Kilometer entfernten Wacken Open Air enthauptet wurde. Von seinem Begleiter, Gitarrist Ryan Roxie war bisher nicht bekannt, dass er zusammen mit seinem Chef den Schläger schwingt. Ein recht kurioser Anblick, wenn man bedenkt, dass auf dem Platz sonst nur lokale Geschäftsleute, deren Gäste und vereinzelt Studenten zum Driver greifen. Szenenwechsel ins 25 Kilometer entfernte Lichtenfels: Vor der Stadthalle stehen einige verdutzte, weit angereiste Cooper Fans, die eigentlich ein Open Air des „God Of Shock Rock“ erwarteten und nun in einer über 40 Grad heißen Halle ihrem Meister huldigen müssen. Wie sie später erfahren, wurde die Verlegung wegen „extrem starker Unwetter“ einige Tage zuvor stündlich im Lokalradio verkündet. Von der drohenden Apokalypse ist an diesem Sonntag allerdings nichts zu sehen, denn am Himmel tummeln sich nur ein paar putzige Schäfchenwolken. Als sich die Pforten der Halle öffnen, bilden sich lange Schlangen an den Bierständen. Hier wird heute das „unbeliebteste Bier Frankens“ (entschärfter O-Ton eines Konzertbesuchers – Anm.d.A) gezapft. Zum Glück gibt es noch einen sehr feinen Cocktailstand, der Abhilfe verschafft. Während Neonfly aus England, die mit ihrem Sound, der irgendwo zwischen Firewind, deutschem Power Metal und eingängigen Dream Theater rangieren, die Bühne entern, steigt das Thermometer noch einmal gewaltig in die Höhe, denn die Stadthalle füllt sich nun merklich. Nach diesem mehr als soliden Gig beginnt ein hektisches Treiben vor den Augen der Zuschauer, denn die Spielzeuge von „The Coop“ werden in Position gebracht. Keine halbe Stunde später steht Rock‘n‘Roll Entertainment der Extraklasse auf dem Programm – alleine die Mitmusiker des Zeremonienmeisters sind eine Augenweide: Orianthi, die schon in der Backingband von Michael Jackson die Sechssaitge zupfte, verzaubert nicht nur durch ihr exquisites Gitarrenspiel sondern ist neben Golfkumpel Ryan Roxie der perfekte Sidekick für Cooper. Zur großen Freude seiner Fans hat Alice einen lange nicht mehr gespielten Klassiker im ersten Aufgebot der Setlist: ›House Of Fire‹ vom gewaltigen POISON wird so gnadenlos abgefeiert, dass man sich fast schon im Zugabenteil wägt. Danach reist die Stimmung nicht ab, denn es wird scharf nachgeschossen: ›No More Mr. Nice Guy‹, ›Hey Stoopid‹ und ›He‘s Back (The Man Behind The Mask)‹ bilden die Highlights der ersten Hälfte.

Beim von Zodiac Mindwarp komponierten ›Feed My Frankenstein‹ „verwandeln“ sich die „Leichenteile“ des zuvor feinsäuberlich zerlegten Alice – dank einer neuen, mit Blitzen betriebenen Maschine – in ein drei Meter großes Monster, welches einen besonderen Brass gegen Gitarrist Tommy Henriksen hegt. Nach dem Sieg über dieses Ungetüm beginnt eine Lehrstunde in Sachen „tote Rockstars“ – visualisiert durch Grabsteine auf und in Bannerform hinter der Bühne. Von The Doors über The Beatles und Jimi Hendrix bis zu The Who gedenkt Cooper mit grandios vorgetragenen Coverversionen seinen dahingeschiedenen Kollegen. Mit dem abschließenden Dreigespann aus ›I‘m Eighteen‹, dem Überhit ›Poison‹ und dem von Luftballons, Konfettiregen und Feuerwerk unterstützten ›School‘s Out‹ endet einer der heißesten aber besten Konzertabende 2013.

Text: Chris Franzkowiak

Auslese Neuauflagen (CR 24)

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martyn, johnNirvana
In Utero 20th Anniversary Edition
Geffen/Universal

Kurt Cobains Erbe an die Nachwelt: „Ich hasse mich selbst und möchte sterben.“

Bereits im Vorfeld als schwierig galt IN UTERO, als es ein halbes Jahr vor Kurt Cobains Selbstmord als drittes und finales Studiowerk der Überflieger des Grunge erschien. Schwierig deshalb, weil nach dem weltweit in 30 Millionen Kopien verkauften NEVERMIND die Erwartungen immens hoch gesteckt waren: Fans wie Plattenfirma erwarteten eine Fortsetzung des Hitkonzepts. Doch das mit Schlagzeuger Dave Grohl und Bassist Krist Novoselic komplettierte Trio dachte nicht im Traum daran, derartige Ansprüche zu erfüllen. Im Gegenteil. Für Nirvana lautete die Losung: Back To The Roots. Anstatt Produzent Butch Vig, der NEVERMIND auf Stromlinienform getrimmt hatte, engagierten Nirvana Steve Albini, der als ehemaliger Frontmann von Big Black einen einwandfreien Leumund vorweisen konnte. Doch die Aufnahmen zum hörbar raueren, stark ans Debüt BLEACH angelehnten IN UTERO, dessen prophetischer, von der Plattenfirma abgelehnter Urtitel „I Hate Myself And Want To Die“ lautete, erweisen sich als schwerfälliger als gedacht, wie diverse Demos auf der Jubiläumsausgabe (Standard CD, 2 CD Deluxe Edition, 3 LP Box, Limited Super Deluxe Edition mit DVD) unterstreichen. Wochen nach den Studioaufnahmen engagiert die Band Scott Litt, der signifikante Änderungen vornimmt und vor allem die einzigen für Singleauskoppelungen in Frage kommenden Songs (›Heart-Shaped Box‹, ›All Apologies‹) abmischt. Cobains Texte strotzen vor Sarkasmus. Besonders, wenn sie sich mit durchlebten Erfolgsmechanismen des Schaugeschäfts (›Serve The Servants‹, ›Radio Friendly Unit Shifter‹) auseinandersetzen. Zu entdecken gilt es heftig Verpunktes wie ›Tourette’s‹, › Milk It‹ und ›Pennyroyal Tea‹. › Rape Me‹ geht als milde Kopie von ›Smells Like Teen Spirit‹ durch. ›Scentless Apprentice‹ wiederum zeigt sich inspiriert von Patrick Süßkinds Buchbestseller „Das Parfüm“. Rares, Seltenes und Unveröffentlichtes findet sich auf sämtlichen Formaten. Besonders opulent aber auf der Limited Super Deluxe Edition mit dem Konzertfilm „Live & Loud: Live At Pier 48, Seattle, WA – 12/13/93“ samt Audioaufnahme sowie diversen Promoclips und TV-Shows.

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Climax Blues Band
STAMP
Esoteric/Cherry Red/Rough Trade

Soul, Jazz und Reggae statt Blues: Wie sich eine britische Formation in der Fremde assimiliert.

Nomen est omen: Zwar hatte die 1969 noch als The Climax Chicago Blues Band im britischen Stafford an den Start gegangene Band Mitte der 70er Jahre das Chicago längst aus dem Namen gestrichen und damit auch die Blues-Anteile radikal zurückgefahren. Doch tatsächlich war das Quintett in den Vereinigten Staaten angekommen. Nicht nur mittels der beiden erfolgreichen Vorgängeralben FM LIVE und SENSE OF DIRECTION, sondern auch physisch durch einen kollektiven transatlantischen Umzug. Colin Cooper (Gesang, Saxofon, Mundharmonika, Gitarre), Pete Haycock (Gesang, Gitarre, Bass), Derek Holt (Bass, Gitarre, Keyboards), John Cuffley (Schlagzeug) und Richard Jones (Bass, Keyboards) befinden sich 1975 noch ein Jahr von ihrem größten Erfolg entfernt: Dem Hitalbum GOLD PLATED samt Discothekenknüller ›Couldn’t Get It Right‹. STAMP weist mit neun Originalsongs schon in die gleiche Richtung: ›Using The Power‹ und ›Sky High‹ fungieren als attraktive Tanzflächenfüller, geschickt zwischen Reggae-Rhythmus und Blues vermittelt ›Mr. Goodtime‹. Jazz dominiert auf ›I Am Constant‹, ›Loosen Up‹ und ›Running Out Of Time‹. ›Rusty Nail/The Devil Knows‹ erinnert mit manischem Querflötenspiel und gephasetem Gesang seltsamerweise an Jethro Tull um 1970. In Gefilden, die eigentlich Hall & Oates zu jenem Zeitpunkt beackerten, wildert ›Spirit Returning‹. Für die Neuauflage wurden die Spezialisten vom britischen Label Cherry Red in Archiven fündig: Zwei BBC Radio One Sessions vom September 1974 und 1975 (›Before You Reach The Grave‹, ›Reaching Out‹) sowie vier Alternativversionen von STAMP ergänzen das Paket.

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Bob Dylan
BOOTLEG SERIES VOL. 10:
ANOTHER SELF PORTRAIT (1969 – 1971)
Columbia/Sony

Vom geschmähten Werk zum interessanten Rückblick aus ganz anderer Perspektive.

Keine Begeisterungsstürme, sondern das Gegenteil erntete der Maestro, als er 1970 sein zweites Doppelalbum SELF PORTRAIT veröffentlichte. Doch Ablehnung und Unmut über seine künstlerische Entwicklung war Bob Dylan ja schon gewohnt. Hatte der amerikanische Jahrhundertkomponist doch schon zweimal vorher einen mehr oder minder radikalen Stilschwenk exerziert: Vom akustischen Protestfolk über elektrifizierten Rhythm’n’Blues hin zum puristischen Country. Überrascht hat die Mischung der 24 in ein abstraktes Selbstporträt verpackten Songs allerdings schon: Verteilte sich auf vier Plattenseiten doch ein Mischmasch aus Coverversionen, Studioausschussware und Konzertmitschnitten. Vom Vorgänger NASHVILLE SKYLINE bis zurück zu den BASEMENT TAPES reichte das Sammelsurium, aufgelockert durch Ausschnitte vom 69er-Auftritt auf der Isle Of Wight, das aus Neugierde auf den „neuen Dylan“ drei Jahre nach seinem ominösen Motorradunfall selbst britische Rockprominenz wie die Beatles und Rolling Stones auf die Insel lockte. Ausgerechnet also jenes krude Werk, das selbstverständlich dann doch den einen oder anderen Liebhaber fand, gibt sich in der aktuellen 10. Ausgabe der losen Reihe BOOTLEG SERIES der Analyse preis: ANOTHER SELF PORTRAIT enthält 35 Songs – unveröffentlicht Gebliebenes oder Alternativversionen aus SELF PORTRAIT, aber auch vom Nachfolger NEW MORNING, an denen u.a. auch George Harrison mitwirkte. Einen Aufschrei der Entrüstung wie damals dürften weder die Standardausgabe mit zwei CDs, noch die mit zwei zusätzlichen Silberlingen bestückte Deluxe Edition (kompletter Mitschnitt von der ISLE OF WIGHT, 2013 Remaster vom originalen SELF PORTRAIT) verursachen. Neben gewiss manch Belangslosem wartet Hochkalibriges wie ›Alberta‹, ›Time Passes Slowly‹, ›Copper Kettle‹ und ›I Threw It All Away‹ auf die Dylan-Aficionados – die können ja ohnehin nicht genug von ihrem Abgott bekommen. Eine Anschaffung lohnt sich aber auch für Quereinsteiger. Dylans breites Stilspektrum, etwa ›Only A Hobo‹ von GREATEST HITS II oder ein Demo von ›When I Paint My Masterpiece‹, garantieren Hochgenuss. Exzellentes wie eine kammermusikalische Streicherversion von ›If Not For You‹, ein unorchestriertes ›Wigwam‹ oder das fabelhafte und unveröffentlicht gebliebene R’n’B-Stück ›Working On A Guru‹, Dylans sarkastischer Kommentar zur Indienwelle, runden die Werkschau ab.

9

Robert Palmer
SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY & PRESSURE DROP / SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE & DOUBLE FUN / SECRETS & CLUES & MAYBE IT’S LIVE / PRIDE / RIPTIDE
Edsel/Soulfood

Schöner wohnen, ausgefeilter musizieren: das Erbe eines Bonvivants.

Seine ungeheure stilistische Bandbreite demonstriert der 2003 im Alter von 54 Jahren verstorbene Sänger und Komponist Robert Palmer schon, als er in The Alan Bown Set, Dada und Vinegar Joe noch sein künstlerisches Fundament zementiert. Bonvivant Palmers Vielseitigkeit, aber auch sein Savoir Vivre präsentieren auch seine neun zwischen 1974 und 1985 für das britische Label Island eingespielte Alben, die jeweils in Doppelkonstellation neu aufgelegt werden. Zwar hervorragende Kritiken, aber nur wenig Publikumsecho erhalten die beiden ersten Scheiben: Auf SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY (’74) lässt sich der smarte Frontmann in hochkarätiger Stilmixtur aus Funk, Soul und R’n’B von den fabelhaften The Meters und Little Feat-Gitarrist Lowell George begleiten. Mit Little Feats ›Sailin’ Shoes‹, dem zwölfminütigen ›Through It All There’s You‹ und Allen Toussaints Titelsong ein exzellenter Soloeinstieg. Noch einen Schritt weiter geht 1975 das gänzlich mit Little Feat eingespielte PRESSURE DROP: Zum ohnehin variablen Genre-Hopping gesellt sich mit dem Titelsong von Toots & The Maytals noch Reggae hinzu. Palmers Faible für maßgeschneiderte Anzüge spiegelt sich 1976 auf dem abermals mit Little Feat aufgezeichneten, ersten transatlantischen Charterfolg SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE wider: Die Singleauskopplung ›Man Smart, Woman Smarter‹ rotiert wie auch der Titelsong in einschlägigen Diskotheken. Noch wackerer schlägt sich zwei Jahre später sein mit Disco-Remix-Koryphäe Tom Moulton selbstproduziertes DOUBLE FUN: Ex-Free Andy Fraser verfasst den Hit ›Every Kinda People‹, Allen Toussaint das elegante ›Night People‹ und Palmer steuert das famose ›Best Of Both Worlds‹ bei. Um einiges erfolgreicher noch agiert SECRETS: Moon Martins knackig verrocktes ›Bad Case Of Loving You (Doctor, Doctor)‹, Todd Rundgrens balladeskes ›Can We Still Be Friends‹ und der selbstverfasste Tanzflächenfüller ›What’s It Take‹ operieren als erfolgreiche Single-Botschafter. CLUES vollzieht 1980 eine Abkehr vom bisherigen Stilspektrum. Anstatt weiterhin Mondänes zu liefern, halten mit ›Johnny And Mary‹, ›Looking For Clues‹ und Gary Numans ›I Dream Of Wires‹ der Zeitgeist von New Wave und Synthie Pop Einzug. Als Hybrid präsentiert sich 1982 MAYBE IT’S LIVE: Sechs Konzertmitschnitte von 1980 kontrastieren mit vier Studioaufnahmen, darunter auch ›Some Guys Have All The Luck‹, das sich auch der mittlerweile stilistisch ratlose Kollege Rod Stewart unter den Nagel reißt. PRIDE zeigt sich ein Jahr später ungewöhnlich unentschlossen und kompositorisch nicht ganz auf dem gewohnten Niveau. 1985 erreicht Palmer – mittlerweile auch als Frontmann von Power Station, Nebenprojekt von Duran Duran, im Geschäft – den Karrierezenit: RIPTIDE verkauft allein in den USA Doppelplatin, angeschoben vom Nummer-eins-Hit ›Addicted To Love‹ sowie den Singles ›I Didn’t Mean To Turn You On‹, ›Discipline Of Love‹, ›Hyperactive‹ sowie dem Titelsong.

SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY: 10
PRESSURE DROP: 10
SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE: 10
DOUBLE FUN: 9
SECRETS: 9
CLUES: 8
MAYBE IT’S LIVE:05
PRIDE: 6
RIPTIDE: 7

Rod Stewart
RARITIES: THE MERCURY ERA 1969 – 1974
Mercury/Universal

Stewart kompakt – das Allerbeste von Rod The Mod!

Jüngeren Generationen dürfte Rod Stewart vor allem als Interpret der bislang fünfteiligen Reihe AMERICAN SONGBOOK ein Begriff sein. Oder von seinem Weihnachtsspezial MERRY CHRISTMAS, BABY von 2012 mit erlauchten Gästen wie Michael Bublé und Mary J. Blige – gepflegte Langeweile für ein noch dickeres Bankkonto. Bevor Rod The Mod in der zweiten Hälfte der 70er erst seine fabelhafte Combo The Faces im Regen stehen ließ, um sich dann auch noch mit rhetorischer Frage ›Do You Think I’m Sexy?‹ peu à peu von seinen Wurzeln zu verabschieden, faszinierten ihn vor allem Folk, Rock, Soul, Country und Rhythm’n’Blues. Mit Blondine im Schlepptau, Champagnerglas in der einen und einem Ferrari-Schlüssel in der anderen Hand zog sich die Raspelstimme in seine abgesicherte Reichenresidenz Bel Air zurück. Auch die heutigen Rechteinhaber seiner ehemaligen Plattenfirma von 1969 bis 1974 haben längst erkannt, dass die künstlerische Essenz des in London geborenen Entertainers mit Ananasfrisur, Schottenschal und Satinanzug in ihren Archiven schlummert. Eine exzellente Aufarbeitung der ausgezeichneten Werke AN OLD RAINCOAT WON’T EVER LET YOU DOWN, GASOLINE ALLEY, EVERY PICTURE TELLS A STORY, NEVER A DULL MOMENT und SMILER lieferte vor Jahren das 3-CD-Set REASON TO BELIEVE: THE COMPLETE MERCURY STUDIO RECORDINGS. Die optimale Ergänzung folgt mit RARITIES: THE MERCURY ERA 1969 – 1974: 24 Raritäten auf zwei CDs, die bis auf einige wenige Ausnahmen bis dato unveröffentlicht geblieben sind. Mit der seltenen Single-Fassung von Bobby Womacks ›It’s All Over Now‹ startet die Werkschau, die in eine Ära zurückreicht, als Stewart nach dem Ausscheiden aus der Jeff Beck Group 1969 gleich drei Karrieren startete: Eine als Frontmann bei der Neuauflage der (Small) Faces, eine als Solokünstler und eine weitere als Hitkomponist, wahlweise mit Ron Wood oder Martin Quittenton als Koautoren. Wood und die restlichen Faces begleiten Stewart zumeist auch auf weiteren Archivausgrabungen: Aus einer BBC Radio 1 Performance von 1970 stammt Elton Johns ›Country Comfort‹. Faszinierende Early Versions finden sich von ›Italian Girls‹, ›You Wear It Well‹, ›Farewell‹, ›So Tired‹ sowie dem 71er Durchbruchshit ›Maggie May‹, der auch in einer BBC Version vertreten ist. Seinerzeit verworfene Alternativtakes gibt es von Theodore Andersons ›Seems Like A Long Time‹, Bob Dylans ›Girl From The North Country‹, Aretha Franklins ›(You Make Me Feel Like) A Natural Man‹, Etta James’ ›I’d Rather Go Blind‹ und ›Angel‹ von Jimi Hendrix. Überbleibsel aus den Sessions für das 74er SMILER sind ›Missed You‹, ›So Tired‹, ›Every Time We Say Goodbye‹, ›You Put Something Better Inside Me‹ und ›Crying Laughing Loving Lying‹. Philly Soul schimmert durch in ›Oh! No Not My Baby‹. In konzertanter Version brilliert Stewart bei The Whos ›Pinball Wizard‹. Fabelhaft auch die Interpretation von Jerry Lee Lewis’ Trinkerballade ›What’s Made Milwaukee Famous (Has Made A Loser Out Of Me)‹.

10

Various
MONTEREY POP FESTIVAL 1967
Salvo/Soulfood

Die Mutter aller Festivals: das bessere Woodstock.

Mag auch Woodstock durch cleveres Marketing (Film, Buch und Triple-LP) zum Synonym für das ultimative Festivalerlebnis der späten 60er Jahre avanciert sein. Als Meilenstein im „Summer Of Love“ versprüht das MONTEREY POP FESTIVAL 1967 allemal mehr Flair, Esprit und Innovation. Und das aus gleich mehreren Gründen: Präsentierten sich doch auf dem von Lou Adler, John Phillips, Alan Pariser und Derek Taylor organisierten Freiluftdebüt in der Bay Area gleich mehrere spätere Rockgiganten erstmals vor ganz großem Publikum: Canned Heat, The Byrds, The Steve Miller Band, Jefferson Airplane, Eric Burdon & The New Animals und der tragisch noch im gleichen Jahr bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommene Otis Redding legten allesamt fantastische Auftritte hin und begründeten damit Weltkarrieren. Regelrecht eine Sternstunde erlebten die von Rolling Stone Brian Jones angekündigte Jimi Hendrix Experience sowie Big Brother & The Holding Company feat. Janis Joplin. Festgehalten in Bild und Ton von D.A. Pennebaker liegt ein seit Jahren gestrichenes 4-CD-Set nun neu auf – zwar weit davon entfernt, einen kompletten Einblick in das Fest vom 16. bis 18. Juni 1967 zu liefern, dennoch in erstaunlich brillanter Klangqualität, wenn man bedenkt, dass in jener Ära weder Bühnen-Equipment noch Aufnahmetechnik ausgeklügelt waren. Einen eher zwiespältigen Auftritt legten The Who hin: Roger Daltrey singt schräg, Pete Townshends Gitarre tönt verstimmt – es kracht einfach nicht so harmonisch, wie sonst bei den Briten gewohnt. Auch The Mamas & The Papas, deren Leiter Phillips ja zu den Organisatoren zählte, konnten ihren vierstimmigen Gesang schon mal perfekter intonieren. Was auch auf den Hitüberflieger des Jahres zutrifft: Scott McKenzie mit der ultimativen Blumenkinderhymne ›San Francisco (Be Sure To Wear Flowers In Your Hair)‹. Um Lichtjahre besser funktionieren amerikanische Formationen, die heutzutage in den Rock-Annalen nur noch eine Fußnote wert sind: The Blues Project und The Electric Flag kulminieren feurig und mit Blick in die Zukunft zwischen Jazz, Blues und Rock. Der Inder Ravi Shankar versetzt mit hypnotischen Sitarmeditationen das Publikum in Transzendenz. Gleiches gilt für den Afro-Jazz des afrikanischen Gegenstücks zu Miles Davis: Hugh Masekela. Lou Rawls wiederum galt in jener Ära als Leichtgewichtsentertainer, überrascht aber mit stringentem Soul-Set. Booker T. & The MG’s swingen virtuos instrumental zwischen Soul, Jazz und R & B. Seltsamerweise gelangten aus vertragsrechtlichen Gründen weitere Festivalprotagonisten wie Simon & Garfunkel, Moby Grape, Laura Nyro, Al Kooper, Buffalo Springfield und The Grateful Dead weder in den Kinofilm noch Jahre später auf den Tonträger. Schade.

8

Various
THE DAWN OF PSYCHEDELIA
Cherry Red/Rough Trade

Woher sie kamen, wohin sie gingen: die Inspirationen zur ersten psychedelischen Welle.

Als die Beatles 1965 auf ›Norwegian Wood (This Bird Has Flown)‹ und die Rolling Stones im Jahr darauf bei ›Paint It Black‹ das indische Traditionsinstrument Sitar zum Einsatz brachten, war das für aufmerksame Musikkenner eigentlich schon ein recht alter Hut. Abgesehen davon, dass die Sitar ja ohnehin schon seit Jahrhunderten vor- und hinterasiatische Folklore bereicherte, tourte der später durch seine Freundschaft mit George Harrison mit den Beatles assoziierte Ravi Shankar schon Mitte der 50er Jahre durch die Bundesrepublik. Woher britische wie amerikanische Formationen der ersten psychedelischen Welle ihre Inspirationen nahmen, diese Wissenslücke versucht die Doppel-CD THE DAWN OF PSYCHEDELIA zu schließen: Mit zu den Urquellen zählt sicherlich der schon erwähnte Shankar mit seinem meditativem ›Raga Jinjhoti‹. Fündig wird man aber auch bei seinen Kollegen Ustad Vilayat Khan (›Raga Miya Ki Malhar‹) Ustad Ali Akbar Khan ›Raga Yaman Kalyan: Teen Tala‹ sowie Sharan Rani ›Raga Kausi-Kanada‹. Weitere sichere Kandidaten für früh Bewusstseinserweiterndes sind die unorthodoxen Jazzer Gabor Szabo (›El Toro‹, ›Lady Gabor‹), Sun Ra (›Ancient Aiethopia‹) und Yusef Lateef (›The Plum Blossom‹). Herbie Manns Version von ›It Ain’t Necessarily So‹ aus PORGY & BESS dürfte ebenso Denkanstösse vermittelt haben wie Frank Zappas Favorit Edgar Varese mit ›Integrales‹. Nicht zu vergessen ›Missa Luba‹, eine in Latein gesungene Messe von Les Troubadours Du Roi Baudouin aus dem Kongo, die Jimmy Page immer in höchsten Tönen lobt, wenn er nach früher Inspiration befragt wird. Autorin Alice B. Toklas, Lebensgefährtin und Sekretärin von Gertrude Stein, liefert ihr legendäres ›Recipe For Hashish Fudge‹. Aldous Huxley schließlich, Autor von „Schöne neue Welt“ und „Die Pforten der Wahrnehmung“, beantwortet die wichtigste Frage überhaupt: ›How Often Have You Taken Mescalin Yourself?‹.

10

Various
THE ROCKY HORROR SHOW
Salvo/Soulfood

In Netzstrümpfen, Spitzenstrapsen und Korsage – ein Kult feiert 40. Geburtstag.

Am 19. Juni 1973 ging die Welturaufführung des urigen Musicals THE ROCKY HORROR SHOW im kleinen Londoner Royal Court Theatre am Sloane Square über die Bühne. Wenig später zog die bizarre Schauspieltruppe erst ins größere Chelsea Classic Cinema, dann ins noch geräumigere King’s Road Theatre um, wo die Show bis 1979 vor Anker ging. Richard O’Briens Konzept um die höchst irdischen Eskapaden eines exzentrischen außerirdischen Wissenschaftlers namens Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transsylvania rannte nicht nur beim Metropolenpublikum offene Türen ein: Zählten doch seinerzeit sowohl auf der Insel als auch in Resteuropa David Bowie, T. Rex, Roxy Music, Sweet und Slade zu den absoluten Fanfavoriten der Post-Beatles-Generation. Nicht nur die mit dem plakativ-platten Genre-Kürzel Glam Rock etikettierte und geschlechtlich nicht immer eindeutige junge Künstlergarde provozierte mit Tabuthemen wie Bi-, Homo- und Transsexualität sowie der Ablehnung überkommener Geschlechterrollen. Auch das turbulente Aktionstheater THE ROCKY HORROR SHOW griff, kokett in Netzstrümpfe, Spitzenstrapse und Korsagen gehüllt, zum Zeitgeist als Transportmittel. Binnen zwei Jahren verfilmte Hollywood mit der Londoner Theatercrew eine noch griffigere Version, die am 50er-Rock’n’Roll und Glam ausgerichtete Ohrwürmer wie ›Science Fiction/Double Feature‹, ›Sweet Transvestite‹, ›The Time Warp‹ und ›Hot Patootie – Bless My Soul‹ endgültig zu Hymnen erhob und bis heute in Programmkinos für Ausnahmezustände sorgt – partizipiert doch das Publikum aktiv am Filmgeschehen mit. Zum 40. Geburtstag präsentiert sich in handlich quadratischem 4-CD-Box-Set ein Jubiläumspaket, das mit gleichem Inhalt zuletzt vor 20 Jahren erhältlich war: Enthalten sind sowohl der Soundtrack der 75er Kinoversion THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW mit Bonustiteln, als auch die 74er Theaterversion aus dem Roxy in Los Angeles – bei beiden wirkt der unnachahmliche Tim Curry als Frank N. Furter mit. Raritäten rund um das Phänomen liefert die dritte Scheibe: „Little Nell“ Campbell alias Columbia quietscht sich durch Pop-Trash wie ›See You ’Round Like A Record‹, ›Do The Swim‹, ›Fever‹ und ›Beauty Queen‹. Richard O’Brien alias Riff-Raff serviert Auszüge aus dem Nachfolgeprojekt SHOCK TREATMENT. Doch einmal mehr überstrahlt Tim Curry mit ›Baby Love‹, ›Just 14‹ und ›We Went As Far As We Felt Like Going‹ seine Kollegen. Auf Disc 4 widmen sich 17 Tracks diversen Aufführungen der ROCKY HORROR SHOW aus aller Welt – mitunter ein wenig zu exotisch.

10

» Zusammengestellt von Michael Köhler

Werkschau: Ted Nugent

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nugent, tedSubtil ist absolut nichts am „Motor City Madman“, der seine Musik in den 70ern perfekt zusammenfasste: „Ist sie zu laut, bist du zu alt!“

Kaum eine Figur im Rock‘n‘Roll – falls überhaupt eine – teilt die Meinungen so sehr wie Ted Nugent: lauter, stolzer, durch und durch amerikanischer Rockstar und Gitarrenheld, Jäger und Sprecher der Waffenlobby, Fluch aller Liberalen und Feministen, politisch rechts gerichteter Patriot und Unterstützer von Sarah Palin.
Man kann davon halten, was man will, aber er ist egoistisch, starrsinnig, konfrontativ, kontrovers und völlig frei von jeglichen Selbstzweifeln. Und es ist diese Persönlichkeit – „larger than life“, eine Naturgewalt –, die seine beste Musik formt. „Ich wurde dazu erzogen, maximal Arsch zu treten“, sagt er.

Er wurde am 13. Dezember 1948 in Redford, Michigan, einem Vorort von Detroit, unter dem Namen Theodore Anthony Nugent geboren und machte sich in den späten 60ern einen Namen als Gitarrist und Sänger der Amboy Dukes. Als deren 1974er Album TOOTH, FANG & CLAW aber als „Ted Nugent‘s Amboy Dukes“ veröffentlicht wurde, war klar, dass er über sie hinaus gewachsen war.

1975 unterschrieb er mit 26 bei Epic Records als Solokünstler. Sein schlicht TED NUGENT betiteltes Debüt war ein großer Hit in den USA, verkaufte sich zwei Millionen mal und etablierte den sogenannten „Motor City Madman“ sowohl als echten Star als auch als einen der größten Gitarristen seiner Generation.

Es folgte eine Reihe von testosteronschwangeren Hardrock-Klassikern, inklusive CAT SCRATCH FEVER und das legendäre DOUBLE LIVE GONZO!, doch in den 80ern verlor er mit einigen schwachbrüstigen Pop-Metal-Werken den Faden sowie seine Eier. Am Ende dieses Jahrzehnts hatte er aber als Mitglied der Supergroup Damn Yankees wieder riesigen Erfolg. Seitdem ist er wieder zu dem raueren Rock‘n‘Roll-Stil zurückgekehrt, der seinen Ruf begründete.
Heute, mit 64, ist „Uncle Ted“ für seinen Lebenswandel und seine politischen Ansichten ebenso berühmt – oder berüchtigt – wie für seine Musik. Sein Talent als Jäger von Format bewies er schon 1974, als er einen landesweiten Wettbewerb im Eichhörnchenschießen per Pfeil und Bogen gewann. Er sagte mal, dass das Töten wilder Tiere ihm eine „totale, spirituelle Raubtier-Erektion“ gebe. Und als Mitglied der National Rifle Association, dem einflussreichen Verband der Waffennarren, hat er den zweiten Zusatzartikel der amerikanische Verfassung – das Recht, eine Waffe zu besitzen und zu tragen – selbst nach mehreren Amokläufen in letzter Zeit verteidigt.
Ob man ihn liebt oder hasst, Ted Nugent ist die lebende Personifizierung des alten amerikanischen Pioniergeistes. Und was er in den 70ern über seine Musik sagte, ist immer noch wahr: „Ist sie zu laut, bist du zu alt!“

Text: Paul Elliott

Unverzichtbar:

TED NUGENT
EPIC, 1975

Über die gesamten 70er wurde der US-Hardrock von einigen selbstbetitelten und epochalen Debütalben definiert, und dies war eines davon. Inspiriert von Chuck Berry und James Brown, erschuf Nugent hier einen Sound, der gleichermaßen funky wie heavy war. Mit seiner typischen Gibson Byrdland spielte er hart, schnell und aus dem Bauch. Und er hatte eine umwerfende Backing-Band mit Bassist Rob Grange, Schlagzeuger Cliff Davies und Gitarrist/Sänger Derek St. Holmes. Auf diesem Alltime-Klassiker des Hardrock finden sich gleich fünf der besten Stücke Nugents gesamter Karriere: ›Stormtroopin‘‹, ›Just What The Doctor Ordered‹, ›Hey Baby‹, ›Motor City Madhouse‹ und das grandiose ›Stranglehold‹.

DOUBLE
LIVE GONZO!
EPIC, 1978

Das mit Abstand beste der vielen Live-Alben des Meisters. Es entstand 1976 und 1977, als er zu Amerikas größten Live-Acts zählte. Sein Keine-Gefangenen-Ethos brachte er in einer einfachen Ansage auf den Punkt: „Wer einen Gang runterschalten will…nun, der soll sich fucking verpissen!“ Neben frischgebackenen Hymen wie ›Cat Scratch Fever‹ fanden sich auch klassische Amboy-Dukes-Nummern wie ›Hibernation‹, gestreckt auf 16 unfassbare Minuten. In einem Jahr vieler großartiger Live-Werke – von AC/DC, Thin Lizzy, den Scorpions und anderen – lieferte Nugent ein echtes Meisterwerk ab.

Wunderbar:

CAT SCRATCH FEVER
EPIC, 1977

In Nugents berühmtesten Lied, dem Titelstück seines dritten Soloalbums, geht es um das, was er als „die Krankheit der Jungs, Mächen zu wollen“ nennt. Angetrieben von einem passend dreckig pumpenden Riff, wurde es zu seiner einzigen US-Top-30-Single. Der laszive Ton zeichnet auch den zweitbeliebtesten Song darauf aus: ›Wang Dang Sweet Poontang‹. Doch es fand sich auch subtileres Material, vor allem ›Home Bound‹, ein lieblich melodisches Instrumental im Stil von ›Hibernation‹, das 1992 von den Beastie Boys auf ›The Biz Vs. The Nuge‹ gesamplet wurde.

FREE-FOR-ALL
EPIC, 1976

Nach dem Erfolg des Debüts waren die Erwartungen an den Nachfolger hoch. Der Druck erhöhte sich, als Derek St. Holmes sich mit dem Boss zerstritt und nach der Hälfte der Aufnahmen ausstieg. Nugent verfiel nicht in Panik, sondern spielte Stücke mit einem unbekannten Sänger ein, der bald selbst ein Superstar werden sollte: Meat Loaf. Er sang kraftvoll auf ›Street Rats‹, während Nugent beim funkigen Titel-stück selbst ans Mikro trat. St. Holmes wiederum klang auf ›Dog Eat Dog‹ so cool, dass er bald wieder ins Boot geholt wurde. FREE-FOR-ALL hätte ein Desaster werden können, doch stattdessen wurde es ein großartiges Album.

WEEKEND WARRIORS
EPIC, 1978

Als ob es nicht schwer genug gewesen wäre, DOUBLE LIVE GONZO! zu toppen, wurde es noch diffiziler, als Derek St. Holmes erneut das Weite suchte und Bassist Rob Grange es ihm gleichtat. Nugent war Mann genug, sich dieser Herausforde-rung zu stellen. Wie das Cover von WEEKEND WARRIORS zeigt, feuerte er aus allen Rohren. Mit dem Detroit-Rock-Veteran Charlie Huhn an Rhythmusgitarre und Lead-Vocals sowie zwei anderen Bassisten lieferte Nugent ungehobelte Hardrockstücke wie ›Smokescreen‹, ›Need You Bad‹ und die Säuferhymne ›Good Friends And A Bottle Of Wine‹ ab.

SCREAM DREAM
EPIC, 1980

Nach der Enttäuschung von STATE OF SCHOCK (1979), auf dem sich mit ›Paralyzed‹ nur ein Killertrack befand, startete Nugent im Angriffsmodus ins neue Jahrzehnt. Das frenetische ›Wango Tango‹ ist vielleicht das verrückteste Stück, das er je aufnahm, das Titellied ist ähnlich manisch. Zwei Überraschungen finden sich ebenfalls: ›Flesh & Blood‹ mit den stark verzerrten Vocals, die zum Markenzeichen des Industrial Metal werden sollten, und ›Terminus Eldorado‹ mit der funky Tex-Mex-Seltsamkeit von ZZ Top. Doch dieses Album sollte das Ende seiner genialen Phase markieren.

Anhörbar:

Ted Nugent’s Amboy Dukes
TOOTH FANG & CLAW
DISCREET 1974

Die Amboy Dukes, im Grunde eine bluesbasierte Heavy-Rock-Band, hatten 1968 mit dem psychedelischen ›Journey To The Center Of The Mind‹ einen kleineren Hit. Der verdrogte Text fiel Nugent offenbar nicht auf, denn er war und ist bis heute streng gegen Drogen. Fünf Alben später war nur noch er vom 1968er Line-up übrig und hatte bei TOOTH FANG & CLAW das alleinige Kommando. Zwei Songs stechen heraus: ›Great White Buffalo‹, ein wütendes Umweltkrieger-Protestlied, und ›Hibernation‹, ein langer, brillanter Instrumental-Jam. Beide waren jahrelang Teil seines Live-Sets.

Damn Yankees
DAMN YANKEES
WARNER BROS., 1990

Auf den ersten Blick schien es nicht zu passen: der Motor City Madman in einer Supergroup mit zwei relativen Leichtgewichten, dem Schönling Tommy Shaw von Styx und Night-Ranger-Bassist/Sänger Jack Blades. Doch überraschenderweise funktionerte er gut als Team Player, und nach einem Jahrzehnt in kommerziellem Sinkflug hatte er endlich wieder einen Hit, als dieses Album zwei Millionen Käufer fand. Die Damn Yankees ritten mit gelungenem Arena-Rock wie ›Coming Of Age‹ und der Powerballade ›High Enough‹ auf der letzten Welle der Hair-Metal-Jahre. Eine Reunion hat Nugent nicht ausgeschlossen.

SPIRIT OF THE WILD
ATLANTIC, 1995

Zwei Jahre nach dem Ende der Damn Yankees kehrte Nugent zu seinen Wurzeln zurück. Er tat sich wieder mit St. Holmes zusammen, mit dem er zuletzt 1982 gearbeitet hatte, und machte ein Album im Stil seiner klassischen 70s-Werke. Er wählte einen symbolischen Titel, der CALL OF THE WILD von den Amboy Dukes aufgriff und benannte sogar einen Song ›Tooth Fang & Claw‹. ›Thighra-ceous‹ hat ein Zeppelin-inspi-riertes Riff, ›Fred Bear‹ ist eine emotionale Hommage an den legendären Bogenjäger, und mit ›Kiss My Ass‹ bewies Nugent, dass er auch im Alter nicht mild geworden war.

Sonderbar:

LITTLE MISS DANGEROUS
ATLANTIC, 1986

Diverse Rockstars der 70er hatten sich in den 80ern erfolgreich neu erfunden: Aerosmith, Heart, David Coverdale. Ted Nugent gehörte nicht dazu. 1986, als Bon Jovi, Poison und Cinderella groß wurden, versuchte er mit LITTLE MISS DANGEROUS, auf den Hair-Metal-Zug aufzuspringen. In dem verzweifelten Versuch, den Trend mitzumachen, wurde der Wilde zur Pussy. Das Album klingt entsetzlich und die Songs sind beschämend schlecht. Das Titelstück ist ein schwacher Billy-Idol-Verschnitt, ›Savage Dancer‹ könnte von jeder zweitklassigen Sunset-Strip-Glam-Band jener Zeit sein. Zweifellos der Tiefpunkt von The Nuge.

Traumsampler:

›Great White Buffalo‹
TOOTH FANG & CLAW

›Stranglehold‹
TED NUGENT

›Just What The Doctor Ordered‹
TED NUGENT

›Stormtroopin’‹
TED NUGENT

›Hey Baby‹
TED NUGENT

›Free-For-All‹
FREE-FOR-ALL

›Dog Eat Dog‹
FREE-FOR-ALL

›Cat Scratch Fever‹
CAT SCRATCH FEVER

›Wang Dang Sweet Poontang‹
CAT SCRATCH FEVER

›Hibernation‹
DOUBLE LIVE GONZO!

›Motor City Madhouse‹
DOUBLE LIVE GONZO!

›Good Friends And A Bottle Of Wine‹
WEEKEND WARRIORS

›Paralyzed‹
STATE OF SHOCK

›Wango Tango‹
SCREAM DREAM

›Terminus Eldorado‹
SCREAM DREAM

Krautrock-Special Volume 6 1975

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MIG_00452_Karthago_Rock_n_Roll_Testament_DigiPac_Version_4.inddBenannt nach dem deutschen Romantik-Lyriker Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843), waren die Wuppertaler Hölderlin laut BRAVO „Deutschlands Top-Gruppe des Romantik-Rock“. Besonders romantisch benahmen sich die Bandmitglieder gegenüber den Medien allerdings nicht. Vor allem Gitarrist Christian Grumbkow, wie sein Bruder Jochen an Cello und Trompete ausgebildet, war auf die deutsche Journaille nicht gut zu sprechen. „In der ganzen Presse wird sowieso nur Gewäsch zitiert“, schimpfte er lauthals, „es kann sich eben keiner vorstellen, was es bedeutet, in Deutschland Rockmusik zu machen. Es geht denen eigentlich immer nur um Hyper-Stories, übertriebene Ge-schichten also. Wie toll einer ficken kann, und wie lang der Schwanz von einem Smokie ist.“ Der Be-griff „Ficken“ gehörte dabei offensichtlich zu seinem Lieblingsvokabular, etwa wenn es darum ging, die Wirkungsweise seiner Kompositionen zu veranschaulichen: Die Musik Hölderlins sei das pure Ge-genteil eines wissenschaftlichen An-spruchs, erklärte er, sondern vielmehr ein „notwendiges Ventil und gute Unterhaltung, und das ist das Wichtigste, was es neben dem Ficken gibt.“

Ganz so derbe agierte seine Band auf der Bühne indes nicht. Hölderlin arbeiteten mit Verkleidung und Pantomime, zitierten neben der Prosa ihres Namensgebers auch Erich Fried und Bertholt Brecht, pflegten aber zunächst ein eher verträumtes Konglomerat aus Klassik, Folklore und Rock. Auf ihrem Debüt HÖLDERLINS TRAUM mischte die Gruppe deutsche Texte mit klassischen Instrumenten wie Cello, Geige, Querflöte, Gitarre, Klavier und Flügel. 1975 erschien ihr zweites Album HÖLDERLIN und zeigte eine deutlich rockigere Gangart, die sich dann ein Jahr später auf CLOWNS AND CLOUDS fortsetzte. Im Winter 1977 verausgabte sich die Band auf einer 130 Konzerte-Tournee durch Deutschland und Skandinavien physisch wie psychisch und stand kurz vor dem Aus, auch wenn ihr viertes Album RARE BIRDS noch einmal vielversprechend klang. Doch speziell bei Grumbkow war die große Euphorie bereits erloschen: „Wenn jemand, der sonst den ganzen Tag im Friseurladen steht, den Veranstalter spielt und den Musikern, die sich doch wohlfühlen müssen, dann drei Flaschen Aldi-Orangensaft, irgendeine lauwarme Cola und einen halben Kasten Flaschenbier in die lausige Garderobe stellt, wo schon bei drei Flaschen oben die Zinken aus dem Hals raus sind, und man sich daran die Lippen blutig reißt, wenn dann alles so lieblos und amateurhaft organisiert ist, bekommt der Veranstalter meistens auch lieblose Konzerte geliefert“, resümierte er frustriert. Im Frühjahr 1980 war seine Aufopferungsbereitschaft aufgebraucht, Hölderlin schlossen mit FATA MORGANA ihre Pforten. Grumbkows einstmals ehrgeiziger Anspruch („ich möchte, dass die Leute aufhören, jeden Mist zu kaufen, der aus England oder Amerika kommt. Sie sollen sich erst einmal umhören, was im eigenen Land passiert“) war beendet.

Von derlei Unwägbarkeiten ließen sich Grobschnitt nicht entmutigen. Ihr größter Trumpf war ihre bis zu vierstündige Mammut-Show, aus der ein allabendliches einstündiges Bühnenspektakel namens ›Solar Music‹ mit Froschmännern, überdimensionalen Drachen, Trockennebel und Pyro-Krachern herausragte. Die Geburtsstunde der Band datiert aus dem Jahr 1971, die Hagener Formation gehörte ebenso wie Jane oder Neu! zu den ersten Bands, die auf dem neu gegründeten Brain-Label einen langjährigen Vertrag bekamen. Grobschnitt waren von Beginn an eine atemberaubende Live-Band, deren Show viele Kabarett- und Nonsens-Anteile enthielt. Zudem gaben sich die Musiker Phantasienamen wie Eroc, Lupo, Mist oder Wildschwein, ihre im Programm involvierten Roadies/Schauspieler nannten sich Toni Moff-Mollo oder John McPorneaux. Ihren ersten kommerziellen Höhepunkt landete die Band 1975 mit dem dritten Album JUMBO, das sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Die Nachfolger ROCKPOMMELS LAND (1977), SOLAR MUSIC LIVE (1978) und MERRY GO ROUND (1979) waren stilistisch, ähnlich wie JUMBO, progressiver Deutschrock, geprägt vom Organisten Volker „Mist“ Kahrs, mit langen, verträumten Soli, sphärisch anmutenden Grundstimmungen und sich oftmals um Phantasiegeschichten drehenden Klangwelten. Obwohl die Presse immer wieder nörgelte, dass sich „ihr auf der Bühne witziger und origineller Klamauk-Rock schwer auf Platte pressen lässt“, konnten von ROCKPOMMELS LAND und SOLAR MUSIC jeweils über 100.000 Exemplare verkauft werden, ein für deutsche Bands absoluter Spitzenwert. 1978 schafften es Grobschnitt sogar zu einem einstündigen Auftritt im WDR-Rockpalast, Anfang der 80er Jahre änderte sich jedoch ihr Musikkonzept, auch beeinflusst vom Einsetzen der Neuen Deutschen Welle. Grobschnitt nahmen Abschied von den ausladenden Märchen-Arien, strafften die Arrangements ihrer Songs und gaben sich auch in der Wahl ihrer Titel fortschrittlicher. ILLEGAL (1981) und RAZZIA (1982) stellten unverkennbar ein anderes Musikverständnis dar und orientierten sich stärker als in den vorangegangenen Jahren am Zeitgeist.

Apropos Zeitgeist: 1975 erschien mit NEU! 75 eine der wichtigsten Veröffentlichungen der gesamten Siebziger: „David Bowie ließ sich von diesem Album inspirieren, das zu den Meilensteinen der Rockmusik zählt. Es enthält Musik, wie sie die Rolling Stones nach 1977 gemacht haben sollten“, jubelte der englische „New Musical Express“ und erklärte Neu! zum Inbegriff des musikalischen Fortschritts. Neu! waren mehr oder minder ein Kraftwerk-Ableger und bestanden aus Klaus Dinger und Michael Rother. Rother war 1971 eher durch Zufall zu Kraftwerk gestoßen, auf deren Platten er zwar nie zu hören war, mit denen er aber eine Reihe von Konzerten gab, u.a. im Beat Club von Radio Bremen. 1972 bereits verabschiedete er sich und gründete mit dem ebenfalls kurzzeitig bei Kraftwerk involvierten Klaus Dinger die „Neu(e)!“ Gruppe. Gerade einmal acht Auftritte absolvierte die Formation, die nach Klaus Dingers Aussagen nur „in Studios und auf Schallplatten, kaum aber live existieren wird, weil wir dann das Konzept ändern müssten.“ Neu! brachten drei Alben an die Öffentlichkeit (NEU!, NEU! 2 & NEU! 75), überwiegend bestückt mit melancholischen Elektronik-Epen voll monotoner, oft Stakkato-hafter Rhythmen und hypnotisierender Klangcollagen. Legendär ist ihr Soundtrack ›Hallogallo‹ zum TV-Werbeclip der Photokina-Firma Rollei. Doch bereits 1976 waren Neu! am Ende, Klaus Dinger gründete La Düsseldorf, Michael Rother machte nach einem kurzen Intermezzo bei Cluster bzw. Harmonia erfolgreich als Solokünstler weiter (Stichwort: FLAMMENDE HERZEN, mehr dazu in einer der kommenden Folgen).

Zeitzeugen

EROC (GROBSCHNITT)

Joachim H. Ehrig, kurz Eroc genannt, war von 1971 bis 1983 nicht nur Schlagzeuger und Texter bei Grobschnitt, sondern auch einer der kreativen Köpfe der Band und sozusagen ihr Tonmeister. Er entwickelte Equipment und sorgte in den Shows für Einspielungen und Klangcollagen. Nach seinem Ausstieg war Eroc von 1983 bis 1999 im Woodhouse-Studio als Toningenieur, Produzent und Studiomusiker involviert, gründete anschließend seine Mastering-Ranch und hat sich seitdem weltweit einen Namen als Masterer und Remasterer gemacht.

Wie hat sich das Konzept eurer imposanten Bühnenshow entwickelt?
Grobschnitt fanden 1971 zusammen, zuvor gab es uns bereits als The Crew, eine Beat-, Soul- und Underground-Band, die von 1966 bis 1969 Hagen und Umgebung unsicher machte. In dieser Zeit entstanden skurrile Showeinlagen, das reichte von künstlichem Nebel über die erste bedienbare Lichtanlage bis hin zu Diaprojektionen. Die Show wuchs mit der Zeit und wurde zu einem festen Standbein des Bühnenkonzepts. Irgendwann kamen Kostüme und Utensilien ins Spiel und schließlich wünschten wir uns sogar, dass die Gitarristen möglichst lange ihr Instrument stimmen, damit wir mehr Zeit für die Zwischenspiele hatten.

›Solar Music‹ war das Kernstück eurer Live-Show. Weshalb gerade dieser Song?
Gegen Ende der Sechziger kamen sogenannte Sessions auf: Die Säle wurden ausgeräumt, die Leute setzten sich auf den Fußboden und erwarteten, dass auf der Bühne etwas passierte. Eine unserer Eigenkompositionen namens ›Suntrip‹ war vorwiegend auf Improvisation ausgerichtet und quasi der Grundstein von ›Solar Music‹. Weil in der ersten Konzerthälfte Stücke wie ›Sunny Sunday’s Sunset‹, ›Vater Schmidt‹ und ›Rockpommels Land‹ wegen der ausgefeilten Parts anstrengend zu spielen waren, freute sich jeder auf die zweite Hälfte mit ›Solar Music‹, wo man dann richtig die Sau raus lassen konnte.

Wie war in der Band die Aufgabenverteilung?
Aus der Zeit von 1966 bis 1969, als es Roadies in diesem Sinne noch nicht gab, waren wir mit dem Auf- und Abbau der Anlagen vertraut, was dazu führte, dass ich eine Art „Cheftechniker” wurde. Die ersten Boxen und Verstärker bei der Crew und auch bei Grobschnitt baute ich selbst. Die Aufnahmetechnik beherrschte ich sowieso, also kümmerte ich mich um Einspielungen für die Bühnenshow, elektronische Klangeffekte und Assistenz bei Studioaufnahmen. Lupo war durch seine kaufmännische Ausbildung für die Geschäftsführung und das Management prädestiniert und führt bis heute die geschäftliche Seite. Wildschwein machte eine Ausbildung beim Finanzamt und konnte Lupo bei der Buchführung unterstützen. Unser Keyboarder Volker Mist nahm als ausgebildeter Pianist entscheidenden Einfluss auf die Stilrichtung der Band, wichtige Bausteine für die Alben JUMBO und ROCKPOMMELS LAND kamen aus seiner Feder. Auf ihn gehen auch viele Ideen für die Bühnendeko und die Kostüme zurück, die er teilweise mit seiner Freundin Sabine herstellte. Sabine war die Kostümfrau und Gruppenmutti, sie verwaltete den Fundus und half hinter der Bühne beim Umziehen.

Weshalb wurde JUMBO zweisprachig veröffentlicht?
JUMBO wurde zunächst 1975 in Englisch aufgenommen. Angeregt durch andere deutsche Veröffentlichungen, vorwiegend aus der DDR, dachten wir auch über deutsche Texte nach. Das Album war bereits auf dem Markt, es verkaufte sich gut, also konnte nicht viel schief gehen, als wir ein Jahr später die deutsche Ausgabe nachlegten. Zunächst war es eine enorme Umstellung, gerade für Sänger Wildschwein. Deutsch war schwieriger zu singen, plötzlich verstand man alles und musste sich viel mehr mit den Texten auseinandersetzen. Für mich als Autor war es ein Sprung ins kalte Wasser: Alles war verständlich und musste originell und sinnvoll daherkommen.

War ROCKPOMMELS LAND der Höhepunkt der Band?
ROCKPOMMELS LAND war ein Höhepunkt, ein zweiter war SOLAR MUSIC. Allerdings: Als wir RPL 1977 erstmalig aufführten, gab es meist nur Höflichkeitsapplaus, die Leute guckten gelangweilt, es war ihnen zu kompliziert und umfangreich. Deswegen spielten wir schon fast mit dem Gedanken, RPL wieder aus dem Programm zu schmeißen. Aber mit der Zeit verlangte das Publikum dann doch immer mehr danach und wir einigten uns schließlich auf die Zusammenfassung der wichtigsten Teile, die wir viele Jahre lang aufführten.

Warum war 1983 für dich Schluss bei Grobschnitt?
Es gab drei Auslöser: Zum einen hatten wir alles erreicht, wovon ich geträumt hatte, also etliche Langspielplatten, Tourneen und Auftritte in den größten Hallen, Radio, Fernsehen und so weiter. Ich hatte das Gefühl, der Zenit sei erreicht. Zum anderen war ein Jahr zuvor unser Keyboarder Volker Mist ausgeschieden, der einen großen künstlerischen Einfluss auf die Gruppe hatte. Ohne Volker Mist fehlte mir sozusagen mein dritter und vierter Arm. Der dritte Grund war eine musikalische Ratlosigkeit in der Band. Das Album RAZZIA, für das ich mich ungeheuer engagiert hatte, stieß bei unseren Fans und auch in der Band selbst auf geteilte Meinungen. Als mir ein Bandmitglied unter vier Augen versicherte, er könne kotzen, wenn er nur das Titelstück höre, war für mich der Fall klar.

Diskografie

HÖLDERLIN

Hölderlins Traum (1972)
Hoelderlin (1975)
Clowns & Clouds (1976)
Rare Birds (1977)
Hoelderlin Live /
Traumstadt (1978)
New Faces (1979)
Fata Morgana (1981)
*(eine weitere CD erschien 2007)

GROBSCHNITT

Grobschnitt (1972)
Ballermann (1974)
Jumbo (englische Fassung, 1975)
Jumbo (deutsche Fassung, 1976)
Rockpommels Land (1977)
Solar Music – Live (1978)
Merry-Go-Round (1979)
Volle Molle (1980)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

NEU!

Neu! (1972)
Neu! 2 (1973)
Neu! 75 (1975)

Matthias Mineur

Rückblende Gimme Shelter: The Rolling Stones

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Geschrieben in düsteren und aufgenommen in schwierigen Zeiten, fing der Opener LET IT BLEED den Tod der 60er ein, als Peace’n’Love zu Vergewaltigung und Mord wurden…

Manchmal hat man Glück“, sagt Keith Richards über ›Gimme Shelter‹, das beste Stück, das er je geschrieben hat. „Es war ein Scheißtag. Ich hatte nichts Besseres zu tun.“

Es mag leichtfüßig, fast schon lachhaft klingen, doch es entstand in extrem schwermütiger Stimmung. Die Rolling Stones versuchten immer noch, aus dem Karrieregrab zu steigen, in dem sie das von der Kritik verlachte Album THEIR SATANIC MAJESTIES REQUEST von 1967 zurückgelassen hatte, während der rapide körperliche wie emotionale Zerfall ihres Gitarristen und Mitgründers Brian Jones immer wieder ihre Pläne durchkreuzte.

BEGGARS BANQUET, der Nachfolger von 1968, größtenteils nur mit Keith an der Gitarre aufgenommen, war ein Klassiker, aber ihr letzter Hit mit Jones, ›Jumpin‘ Jack Flash‹, war ihre einzige Chart-Single in Großbritannien in 18 Monaten gewesen. Und jetzt, wo Keiths Gattin – Anita Pallenberg, die er im Jahr zuvor Jones ausgespannt hatte – mit Mick Jagger Sexszenen für dessen Filmdebüt in „Performance“ drehte, war Richards absolut niedergeschlagen, als er an einem stürmischen Herbsttag in der Wohnung des Galeriebesitzers Robert Fraser in Mayfair saß und Koks und Heroin schnupfte.

Wie er so mit seiner Gitarre in einem Zimmer herumlag, das mit tibetischen Schädeln, tantrischer Kunst und marokkanischen Wandteppichen dekoriert war, kettenrauchend und deprimiert ob der Vorstellung, dass Anita bei Mick war, fing Keith an, zu schrammeln, während Blitze den Himmel über London erleuchteten.

„Es war einfach ein fucking furchtbarer Tag“, erinnert er sich in seinen Memoiren „Life“. „Dieser unglaubliche Sturm über London. Also versetzte ich mich in diese Stimmung – ich sah all diese Leute…die um ihr Leben liefen.“ Über dieselben offenen Akkorde, die sein Markenzeichen geworden waren, sang er, „Oh, a storm is threatening, my very life today“. Es klang gut. Er schrammelte weiter, fügte eine Zeile hinzu: „If I don‘t get some shelter, oh yeah, I‘m gonna fade away…“

Als die Stones sich sechs Monate später wieder trafen, um mit der Arbeit an ihrem nächsten Album LET IT BLEED zu beginnen, war dieses Lied über das ultimative Verderben, das Keith an jenem stürmischen Tag angefangen hatte, nunmehr ›Gimme Shelter‹ betitelt, unter den ersten, die er und Jagger mit Produzent Jimmy Miller in Angriff nahmen. Es sollten sich auf dem Album noch weitere monumentale Momente finden, nicht zuletzt Jaggers ›You Can‘t Always Get What You Want‹. Doch alles, was die Stones noch werden würden, alles, wofür man sie vergöttern würde – die größte, legendärste, wagemutigste, ausgefeilteste, dunkelste, böseste, sexieste und coolste Rock‘n‘Roll-Band der Welt –, sollte im apokalyptischen ›Gimme Shelter‹, dem Opener des Albums, auf den Punkt gebracht werden.

Es dauerte allerdings noch sechs Monate, bis sie damit fertig wurden. In der Zwischenzeit erlebten die Stones künstlerisch, persönlich und kommerziell die turbulenteste Phase ihrer Karriere. Nachdem Jones, der im Juni 1969 offiziell aus der Band geworfen worden war, nur drei Wochen später tot in seinem Pool gefunden wurde, spielten sie dennoch ihr kostenloses Konzert im Hyde Park mit dem neuen Gitarristen Mick Taylor. Sie kündigten auch ihre erste US-Tour seit drei Jahren an, die im November beginnen würde. Zuerst mussten sie allerdings das Album fertigstellen.

Miller fand, dass ›Gimme Shelter‹ irgendetwas fehlte, etwas, das gut zu großartig machen würde. Sie fanden das, was sie suchten, in der 20-jährigen Merry Clayton. Vorgeschlagen vom Produzenten und langjährigen Stones-Begleiter Jack Nitzsche, hatte sie sich mit Duetten und Backing-Vocals für u.a. Ray Charles, Burt Bacharach und Elvis Presley einen Namen gemacht. Sie erinnert sich lachend daran, wie sie gerade ins Bett gehen wollte, als sie Nitzsches Anruf erhielt: „Es war fast schon Mitternacht. Ich war damals schwanger und dachte, dass ich auf gar keinen Fall wieder aufstehen würde, um mitten in der Nacht in irgendein Studio zu fahren.“

Ihr Mann, Jazzsaxofonist Curtis Amy, überredete sie aber doch noch. „Ich trug diesen wunderschönen rosa Pyjama und hatte Lockenwickler im Haar. Aber ich nahm diesen Chanel-Schal, schlug ihn um die Wickler, damit es richtig süß aussah, ging ins Bad und trug etwas Lip Blush auf – es kommt schließlich nicht in Frage, dass ich ins Studio gehe und nicht toll aussehe!“ Mit einem Pelzmantel über den Schultern traf sie letztlich im Studio ein und war „bereit, um zu arbeiten“. Sie gibt zu, dass sie etwas verblüfft war, als sie den Text las, den Jagger ihr gegeben hatte. „Ich sagte, Vergewaltigung, Mord…? Süßer, bist du sicher, dass ich das singen soll? Er lachte einfach nur. Er und Keith.“

Sie fingen die Session an und der Effekt trat sofort ein. „Auf dem Originalband hört man, wie Mick im Hintergrund schreit und plärrt“, so Merry.

Natürlich sollte die Geschichte von ›Gimme Shelter‹ ein düsteres Postscriptum erhalten. Während es zum gefeiertsten Lied des Stones-Kanons wurde, das nie als Single ausgekoppelt wurde – „das cleverste Amalgam kraftvoller Klänge, das die Stones je erschaffen haben“, befand die „International Times“; „ekstatisch, ironisch, übermächtig, ein erotischer Exorzismus für ein dem Untergang geweihtes Jahrzehnt“, behauptete „Newsweek“ –, wurde es auch zu einem Symbol für den Moment, als der Traum der 60er in den Alptraum der 70er umschlug.

›Gimme Shelter‹ erschien am selben Tag im Dezember 1969, an dem die Stones ihren tragischen, von schlechtem LSD und billigem Wein befeuerten Auftritt auf dem Altamont Speedway in Nordkalifornien absolvierten, bei dem der Teenager Meredith Hunter von Hell‘s Angels erstochen wurde. Der Dokumentarfilm der Gebrüder Maysles über dieses Debakel wurde nur zu passend nach dem Lied benannt – es sollte der Moment werden, in dem die Musik der Stones zu einer mythischen Kraft wurde. Oder wie Albert Goldman es formulierte: „Ein obsessiv schönes Beispiel von Tribal-Rock…Regenmacher-Musik, die sich zu einem endlosen Dröhnen wiederholt, bis sie deine Seele durchtränkt hat.“

Narrengold
„Sie geben mir den Text, ich sehe ihn mir an und denke, ‚Vergewaltigung? Mord? Ich arbeite mit einem Haufen Narren!‘“ Merry Clayton war auf ›Gimme Shelter‹ nicht nur eine Backing-Sängerin, sondern fast schon eine Duettpartnerin für Jagger. „Ich weiß noch, wie ich zu den Jungs [Jagger und Richards] sagte: ‚Ich hoffe, das dauert nicht die ganze Nacht. Ich brauche schließlich meinen Schönheitsschlaf‘“, kichert sie heute. „Aber dieses Lied wurde zum Beginn eines neuen Lebens für mich.“

In der Tat sang Merry in den 70ern für Lynyrd Skynyrd (›Sweet Home Alabama‹), The Who (als die originale Acid Queen in der 1972er Bühenproduktion von TOMMY), Neil Young und zahllose andere. ›Gimme Shelter‹ sollte jedoch zu ihrem Markenzeichen – und dem Titel ihres Solo-Debütalbums von 1970 – werden.

2013 kann man sie in dem Dokumentarfilm „20 Feet From Stardom“ sehen und hören, wo sie und viele andere wichtige Backing-Sänger die Geschichten hinter einem Leben voller Hits und Klassiker enthüllen. „Schätzchen, wir haben alles gesehen“, schnurrt sie, „nur durften wir nie ein Wort darüber verlieren – bis jetzt!“

Mick Wall

Neuigkeiten zu: Metallica

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metallica Beer @ Bill Hale»Es ist eine surrealistische Reise zur Musik von Metallica!«

Der 3D-Film der Band feiert Premiere, und ein neues Album ist in der Mache.

Als Metallica Anfang 2012 ankündigten, dass sie an einem 3D-Film arbeiten, flammte das Internet auf. War es ein Konzertmitschnitt? Ein Actionfilm? Ihre Version von „The Song Remains The Same“?
Viele Monate später wissen wir: Es ist ein bisschen von allem. „Through The Never“ enthält in der Tat spektakuläre Aufnahmen von drei Konzerten in Kanada vom August 2012, wo die Band auf einer riesigen Bühne spielte, die mit Requisiten aus allen Phasen ihrer Karriere ausgestattet war. Darin verwoben ist eine explosive Actiongeschichte mit dem aufstrebenden Schauspieler Dane DeHaan als ein Roadie namens Trip.

„Der Film war über die letzten 20 Jahre immer mal wieder in der Mache“, so Bassist Rob Trujillo, „aber er war einfach zu teuer. Es geht um die Tourneen und Bühnenproduktionen der Vergangenheit, in eine aufwendige Show geworfen – das ist die größte Bühne, die je in einer Halle stand. Und dann kam der Gedanke: ‚Lasst uns doch eine Geschichte reinbringen, um es noch interessanter zu machen‘.“

Was ist also nun „Through The Never“ ? Ein Konzertfilm? Ein Actionstreifen? Ein langes Video?
Es ist eine surrealistische Reise zur Musik von Metallica. Die Hauptfigur Trip ist ein Produktionsassistent, der für seine Lieblingsband, also Metallica, arbeitet. Dann wird er für eine Besorgung losgeschickt. Er geht raus in die reale Welt und daraus wird dieses „Mad Max“-Abenteuer. Ich sehe es so: Der Gig scheint immer in dieser abgeschotteten Umgebung stattzufinden, die sich völlig sicher anfühlt. Aber sobald man sich jenseits dieser Mauern begibt, kann alles passieren. Es ist verdammt verrückt da draußen.

Welche Filme waren die Referenzpunkte?
Natürlich waren wir von einigen der großen Musikfilme der Vergangenheit beeinflusst – „The Song Remains The Same“, oder was Pink Floyd aus „The Wall“ machten. Aber das ist ziemlich einzigartig. Es ist wie eine Mischung aus „Mad Max“ und „The Twilight Zone“. Aber es gibt keine Dialoge, die Musik ist der Dialog.

Musstest du schauspielen?
Hier und da. Größtenteils sind wir einfach nur wir selbst. Der Dialog ist minimal.

Sind alle in der Band so große Fans davon wie du? Sogar James Hetfield?
Ich glaube, dass jeder total drauf steht. Zuerst gab es ein paar Schnittfassungen, wo wir sagten, „das ist noch nicht fertig“. Aber wann immer man an so einem Projekt arbeitet, wird es verschiedene Meinungen geben. Das ist nie eine einfache Reise, aber wir sind alle zufrieden mit dem Endergebnis, definitiv.

Metallica-Fans kann man es mitunter schwer recht machen. Seid ihr für den unvermeidlichen Backlash bereit?
Schlimmer als bei dem Lou-Reed-Album kann‘s nicht werden! Irgendwas ist immer. Man muss eben etwas riskieren, um sich glücklich zu machen. Wenn es ihnen gefällt, super, wenn nicht, treffen wir uns anderswo wieder. Ich habe das Gefühl, dass sie es lieben werden. Und sie bekommen innerhalb des nächsten Jahres oder so ihr neues Album.

Wie weit seid ihr damit?
Vor dem ganzen Filmding waren wir schon am Jammen mit diesen Ideen und hatten viel Spaß, aber dann wurden wir abgelenkt. 2014 wird es nur darum gehen, neue Musik zu machen, ohne Unterbrechung. Hoffentlich.

Gibt es schon fertige Stücke?
Nein, dafür ist es noch zu früh. Wir haben viele Jams. Es fühlt sich an, als sei DEATH MAGNETIC das Sprungbrett gewesen – die Einführung zu dem, was wir jetzt haben. Dies wird die nächste Phase davon sein.

Wie hättest du die neuen Songs am liebsten? Kürzer? Schneller?
Genau so. Auf dem letzten Album hatten wir ja viele lange Stücke. Das hat mir gefallen, aber ich mag die kurzen Sachen auch, wo man auf den Punkt kommt. ›My Apocalypse‹ war ein cooles Lied. Es war schnell, es hatte das Thrash-Element aus der Vergangenheit. Das ist eine Sache, die ich aufregend finde – dass dieses Thrash-Element wieder da ist. Das war ein bisschen verloren gegangen. Ich mag auch den Groove-Faktor. Es ist sehr wichtig, diesen schweren Groove zu haben. Aber im Moment ist alles noch total offen. Wir stellen keinerlei Regeln für uns auf.

Alter Bridge – Bollwerk des Erfolgs

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alter_bridge_DVDWas sich nach der Auflösung von Creed vor beinahe zehn Jahren bis heute entwickelt hat, konnte wohl kaum jemand ahnen. Damals standen die Zeichen nicht gerade gut für die nach dem Weggang ihres Sängers Scott Stapp verbliebenen Bandmitglieder. Gitarrist Mark Tremonti, Bassist Brian Marshall und Drummer Scott Phillips, einst Instrumentalisten einer der kommerziell erfolgreichsten Bands des vergangenen Jahrzehnts, mussten 2004 erneut von vorne anfangen. Zusammen mit Ausnahmevokalist Myles Kennedy gründeten sie ihre eigene Gruppe Alter Bridge. Mit jedem Jahr, jeder Platte und jeder Tour wuchs die Anhängerschaft der Hard Rocker aus Orlando. Nun veröffentlichen sie ihr bereits viertes Studioalbum FORTRESS und können mit Fug und Recht behaupten, dass sie es geschafft haben. Dementsprechend freudig und optimistisch gaben sich die Chefs Kennedy und Tremonti im Interview mit CLASSIC ROCK.

„Wir sind alle super aufgeregt“, platzt es aus Myles Kennedy heraus. „Dieser alte Vergleich vom Baby, das man endlich zur Welt bringt, ist wirklich noch immer am treffendsten“, fährt der Sänger mit dem enormen Stimmumfang fort. „Ich denke, dass FORTRESS die natürliche Weiterentwicklung dieser Band ist und die Reaktionen darauf sind bis jetzt überwältigend. Dass allein die Single schon so gut ankommt, habe ich noch nie erlebt“, stimmt Mark Tremonti ähnlich gut gelaunt mit ein.

Die beiden scheinen überaus zufrieden mit dem neuen Material, das sie selbst als die experimentierfreudigsten Stücke ihrer Laufbahn bezeichnen. Um dieses Ergebnis zu erreichen, so verrät Kennedy, gingen sie anders vor als bei früheren Produktionen. „Wir wollten uns diesmal nicht zu sehr die Köpfe über die Arrangements zerbrechen. Als ich mit Slash unterwegs war ging ich nach der Show immer in den Bus und schrieb an den Songs. Genauso hat es Mark gemacht. Dann trafen wir uns und arbeiteten nicht länger als zwei Wochen an den Songstrukturen. Für unsere Verhältnisse war das richtig schnell. Bei BLACKBIRD saßen wir alleine an diesem Schritt über zwei Jahre“, so Myles über den neuen Workflow bei Alter Bridge. „Das war eine spaßige Herausforderung, denn dadurch ist ein aufregenderes und überraschenderes Album entstanden. Das hat bewirkt, dass einige Lieder richtig groß und episch wurden, weil wir gar keine Zeit hatten, sechsminütige Kompositionen zu kürzen“, fügt Tremonti hinzu. Auch dadurch haben die vier es wieder einmal geschafft, ihren Stil, der sich bei Alter Bridge traditionell mit jedem Langspieler weiterentwickelt, erneut zu verändern. „Ich würde sagen, dass diese Platte bei weitem nicht so finster wie ABIII geworden ist. Das war aber nie ein erklärtes Ziel.Was wir uns vorgenommen hatten, war, dass wir die neuen Songs gut live umsetzen können. Touren ist das wichtigste für uns, also war uns klar, dass wir diese Nummern auch auf der Bühne mit Freude spielen können müssen“, meint Tremonti. „Ja, das stimmt. Es ist auch nicht unbedingt unser härtestes Album. Zum ersten Mal haben wir aber sehr viele richtig aggressive Up-Tempo-Stücke auf einem Album. FORTRESS unterscheidet sich also schon stark von unseren früheren, doch meist melancholischen Platten“, erklärt Myles.

Alter Bridge, die betont darauf aus sind, ihre Grenzen voranzutreiben, sind nun an einem Punkt angekommen, an dem sie sich auch an durchaus drastische Experimente wagen, um der Hörerschaft etwas neues zu bieten. So durfte Mark Tremonti, der bislang bei AB lediglich Chef der Gitarren war, bei dem Stück ›The Waters Rise‹ die Lead Vocals übernehmen. „Myles wurde nicht so recht mit dem Song warm. Also nahm ich die Herausforderung an. Ich bin sehr zufrieden damit und mag besonders die Tatsache, dass Myles auch ein wenig mitsingt und wir das gemeinsam gemacht haben“, erklärt er seinen mutigen Schritt ans Mikrofon. „Nachdem ich Marks Gesang auf seinem Soloalbum gehört habe, war es eine leichte Entscheidung. Ich dachte mir: Hey, wir haben hier eine Geheimwaffe! Warum nutzen wir sie nicht?“, so Myles, der beinahe ein wenig stolz auf Mark zu sein scheint.

Was genau das Duumvirat denn so auf FORTRESS singt, weiß Myles, der seine Inspiration für seine Texte aus den Geschehnissen in seinem näheren Umfeld zieht, zusammenzufassen. „Das Album heißt FORTRESS wegen des Bildes, das eine Festung in uns weckt. Sie ist etwas uneinnehmbares, unerschütterliches und sicheres. Wenn du jünger bist, glaubst du, dass vieles um dich herum unzerstörbar und ewig ist. Das kann alles Mögliche sein: Institutionen wie die Ehe, Religion und so weiter. Doch die Jahre vergehen, du wirst erwachsen und merkst, dass alle Dinge irgendwann in sich zusammenfallen. Nichts hält für die Ewigkeit. Das ist mein zentrales Motiv auf dem Album, um das ich weitere Themen wie Betrug und Gier behandle“, so Myles. Doch Kennedy, der auf FORTRESS seine ernüchternden Erkenntnisse verarbeitet, findet hie und da auch einige positive Töne. Vor allem die Ballade ›All Ends Well‹, die Myles besonders am Herzen liegt, ist ein Mutmacher. „Als ich ein Kind war, hatte ich viele Frage über das Leben und darüber, wie alles werden würde. Ich hatte viele Zweifel. Meine Mutter versicherte mir immer, dass schon alles gut ausgehen würde. Alles wird gut! Daraus konnte ich immer Kraft schöpfen. Nach Jahren blicke ich zurück und sie hatte Recht! Ich freue mich schon, Mom das Lied vorzuspielen, denn noch hat sie es nicht gehört“, meint Myles stolz.

Dass sich bei den beiden alles so entwickelt hat, ist allerdings gewiss nicht nur das Verdienst ihres Schicksals. Viel mehr erarbeiten sich Tremonti und Kennedy ihr Rockstar-Glück jeden Tag aufs Neue. Zumal es beiden nicht reicht, in nur einer Band aktiv zu sein. So ist Tremonti seit einigen Jahren erneut mit den wiedervereinten Creed unterwegs und hat unlängst sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Myles vertreibt sich währenddessen die Zeit mit den Arbeiten an seinem eigenen Solowerk und ist fester Frontmann in der Band von Ex-Guns N‘ Roses-Legende Slash. „Das alles fordert schon sehr viel Opferbereitschaft und es zehrt an deinen Kräften. Aber noch läuft mein Motor auf allen Zylindern“, gibt Myles etwas aufgedreht Entwarnung. Die Kräfte für die Veröffentlichung von FORTRESS und die darauf folgende Tour durch Deutschland scheinen also vorhanden zu sein und Tremonti, der bereits vor Jahren einen Grammy mit Creed gewann, weiß, welches offenbar bescheidenes Ziel er verfolgen will: „Ob wir damit irgendetwas gewinnen, ist nicht von Bedeutung. Wir wollen unsere Fans glücklich machen und uns selbst künstlerisch zufriedenstellen. Es bringt dir nichts, die größte Band der Welt zu sein, wenn du nicht glücklich mit deiner Musik bist.

Paul Schmitz

Kings of Leon – Was ist schon normal?

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Kings Of LeonStreits, Schlägereien, Alkoholeskapaden, Abbruch der Tournee. Im Herbst 2011 sah es nicht gut aus um die Zukunft der Kings Of Leon. Doch mit ihrem sechsten Album MECHANICAL BULL zeigt Familie Followill, dass eine Trennung auf Zeit funktionieren kann.

Kürzlich habe ich auf einer Hochzeit einen Amerikaner kennen gelernt, Steve. Steve ist in Iowa unter Mennoniten groß geworden, hat das alles hinter sich gelassen, ist nach Europa regelrecht geflohen. „Das schlimmste sind die Revival-Wochen“ schaudert er. „Einmal im Jahr kommt der Revival-Priester. In dieser Woche versammelt sich der ganze Ort im großen Zelt zum täglichen Gottesdienst. Man muss sich von den Sünden eines ganzen Jahres reinigen. Intensive Rituale.“ Ihm fällt etwas ein. „Unser Revival-Priester war immer mit seinen kleinen Söhnen unterwegs. Die spielten im Gottesdienst dann Gitarre. Das waren die kleinen Kings Of Leon. Hundertpro.“ „Sowas – die habe ich neulich erst interviewt!“ erzähle ich. „Echt? Oh Mann, wenn du sie das nächste Mal sprichst, MUSST du sie nach ihrem Vater fragen! Das war ja nicht nur irgendein Wanderprediger – er war der verdammte REVIVAL PRIEST, Mann!! Der große Zampano! Mann, es muss einen ja völlig kaputt machen, so aufzuwachsen! Aber er wurde exkommuniziert, weißt du?“ (Ivan Leon Followill wurde von der United Pentecoastal Church tatsächlich auch bei Mennoniten im ländlichen Minnesota als Revival-Priester eingesetzt.)

Wissen wir. Die Geschichte der Kings Of Leon ist schließlich so unglaublich, dass sie wieder und wieder erzählt wurde, seit das Quartett 2003 auf der Bildfläche des Rock erschien. Sollen wir das alles noch mal rauskramen? Doch, wir tun‘s. Die Story ist so einzigartig. Und sie erklärt uns, wo die Kings Of Leon heute stehen. Warum ihr taufrisches sechstes Album MECHANICAL BULL so klingt, wie es klingt. Nathan Followill, mit 33 Bändältester, Sprachrohr und Drummer der Vier, war unser Gesprächspartner zu dem Thema. Doch streiften wir natürlich auch Entwicklung und Vergangenheit. Also los.

Vier kleine Südstaaten-Boys also, die drei Brüder Nathan, Caleb und Jared sowie ihr Cousin Matthew Followill, werden in den 90ern in der abgeschirmten Welt der United Pentecoastal Church groß. Mit ihrem Dad ziehen sie von Revival zu Revival durch die Örtchen des mittleren Westens. Bis Pappa aus der Kirche verstoßen wird – er war entgegen seiner Predigten weder Wein noch Weib abgeneigt. So finden sich die vier als Teenager plötzlich im weltlichen Leben wieder. Erstmals hören sie auch Rock‘n‘Roll – bis vor kurzem hatte man sie vor solchem Satanswerk noch bewahrt. Die großen Brüder Caleb und Nathan werfen sich begeistert mitten rein. Sie schreiben erste Songs, so rau und so unmittelbar, wie sie nur der eben geborene, unschuldige Enthusiasmus schreiben kann. Ohne Angst und Scheuklappen prallt in ihren Liedern Südstaatenrocktradition auf Indierock-Biss – für sie ist beides gleich neu. Nashville-Veteran Angelo Petraglia mischt sich ein und schon winkt ein Label mit einem Plattenvertrag. Also müssen der kleine Bruder Jared (16) und Cousin Matthew (17) Gitarre und Bass lernen, um eine Band zu komplettieren. Die vier nennen sich Kings Of Leon. Nach ihrem immer noch prägendsten Einfluss: Vater Ivan Leon Followill, dem gefallenen Priester.

Auf ihrer ersten EP HOLLY ROLLER NOVOCAINE sowie dem Debütalbum YOUTH AND YOUNG MANHOOD klingen die Frischlinge kernig, dirty, erdig. Wie ein Pixies Clearwater Revival. In den Staaten nimmt noch niemand Notiz, doch die Hype-Maschine Grossbritanniens schaltet sofort auf Overdrive. „Auf unserer ersten Show in den USA waren acht Typen mit Cowboyhüten“ erinnert sich Nathan in unserem Gespräch. Die erste Show auf der Insel dagegen: „Der Laden war bei Tag ein Stripclub und bei Nacht ein Rockclub. Als wir ankamen, mussten wir erst mal draußen warten, weil die Girls in unserer Garderobe noch Lapdances gaben! Aber die Show war Wahnsinn. Irgendwie hatte man 200 Kids in ein Venue gepresst, der vielleicht für 40 geeignet war.“

Ein passendes Setting für das, was kommen sollte. Die Band geht auf der Insel sofort durch die Decke. Nathan: „Ich schätze mal, es kam für die Briten als erfrischend rüber, dass Jungs einfach nur ihre Gitarre umschnallen, verschwitzte Zweieinhalb-Minuten-Rocksongs spielen und nach 40 Minuten alles vorbei ist. Dass so was überhaupt noch gemacht wurde.“ So ist‘s. Alles reißt sich um die bärtigen Boys (ihr uriger, aus der Zeit gefallener Look fiel den stylebesessenen Insulanern natürlich als erstes auf) und schon sind sie mittendrin, im Sündenpfuhl. Nathan: „Klar, zu Beginn unserer Karriere, da wurden all diese Verbindungen gezogen: ‚Die Priestersöhne machen jetzt das Werk des Teufels.’ Aber hey, ob Christ oder kein Christ, der Hintergrund ist doch egal. Wenn du vier Teenager nimmst und ihnen alles gibst, was sie wollen, zum ersten Mal in ihrem Leben – wenn du sie in ein Land bringst, wo sie trinken dürfen und wo sich ihnen die Mädels an den Hals werfen, Nacht für Nacht – da würde doch jedes Kid so reagieren, wie wir es taten. Ich werde es offen sagen: Wir waren so richtig dreckige Sünder. Aber ich würde im Nachhinein nichts dran ändern wollen. Wir hatten einen solchen Spaß!“

Und weil die Staaten weiterhin schlummern oder dem Braten nicht trauen (von Dave Grohl ist das Zitat überliefert „Wenn deine Band ausschaut, als sei sie dem Film ‚Almost Famous’ entsprungen, werde ich sie verdächtig finden“), stehen die ersten Jahre der Kings Of Leon ganz im Zeichen Großbritanniens. „Mann, wir haben so viele Shows gespielt! Die Acts, die groß waren, als wir damals in Europa waren, das waren Bands wie The Strokes, The Datsuns, The Libertines, Franz Ferdinand, My Morning Jacket, Interpol. Und wir als die Neulinge, wir haben das unterbewusst aufgesogen wie Schwämme. Als die Zeit kam, die zweite Platte zu machen, da waren wir zweifellos von diesen Bands beeinflusst. Wir wussten jetzt: ‚Mann, es gibt noch so viel mehr, was wir aus unseren Instrumenten raus holen können! Musik kann aus mehr als zwei Akkorden bestehen, die man so schnell und hart wie möglich spielt!’ So haben wir auch die Melodien entdeckt.“

Die zweite Platte AHA SHAKE HEARTBREAK erscheint schon 2004 und zeigt direkt die erstaunliche Entwicklung – die Energie und das Traditionelle des Debüts werden mit echter Experimentierfreude und zackiger Indierhythmik aufgepeppt. Der Erfolg der Followills in Europa festigt sich, breitet sich aus. In den USA bleibt es still. Die Kings Of Leon leben jetzt in zwei Welten. In Nashville, wo man sich niedergelassen hat, ungestört, unerkannt. Ein Flug nach London dagegen bedeutet einen Trip nach Sodom und Gomorrha.

Album drei, BECAUSE OF THE TIMES, 2006. Die Hallen in Europa werden immer größer, auf der Insel sind es schon Stadien. Der Sound wird raumgreifender. In den USA wird aufgehorcht.

Und dann, 2008: ONLY BY THE NIGHT. Stadionrock. ›Sex On Fire‹. Bombastische Balladen. ›Use Somebody‹. ›Notion‹. Über 6 Millionen weltweit verkaufte Alben, ein Drittel davon auch in den Staaten. Die sind fortan kein Rückzugsgebiet mehr, auch hier können Caleb, Nathan, Jared und Matthew nicht mehr unerkannt vor die Tür. Die Kings Of Leon sind jetzt eine der größten Bands der Welt – inklusive der Vereinnahmung durch den Mainstream, die das zwangsweise bedeutet. In Europa beginnt damit die Übersättigung. Frühe Fans erkennen ihre Lieblingsband nicht mehr wieder – was hat dieser Wildwest-U2-Sound noch mit den schroffen Wadenbeißern des Debüts gemein?
Unter diesen Voraussetzungen folgt im Herbst 2010 COME AROUND SUNDOWN. Nathan: „Im Nachhinein herrschte schon ein ganz schöner Druck auf uns. Man denkt, das prallt an einem ab – aber dieses ewige ‚Werdet ihr den Erfolgslevel von der letzten Platte halten können?’, das hat uns unterbewusst wohl doch sehr zugesetzt.“

Die Fünfte ist keine schlechte Platte, aber ihre gleichförmigste. Auch ihre langsamste, es dominieren fast ausschließlich die breitflächigen Schleicher. Respektable zwei Millionen Alben gehen wieder über die Ladentische, aber nach 13 Monaten auf Tour ist die Stimmung in der Band am Boden. Nathan: „Touren ist kein Zuckerschlecken. Man wird müde und einsam, man hat die Schnauze voll voneinander. Die Leute denken, ‚Oh, du spielst eine Stunde lang in einem Stadion und hast den ganzen Tag sonst für Dich!’ Nein! Du steigst nach dem Gig um zwei Uhr früh in den Tourbus, du erreichst das Hotel in der neuen Stadt irgendwann am Morgen, du schläfst bis halb zwei, kommst im Stadion schon zu spät für den Soundcheck an und am Ende merkst du: ‚Scheiße, mein ganzer Tag in Barcelona, und ich habe ihn verpennt!’“

Wer selbst Geschwister hat, weiß: Unter Brüdern herrscht keine Höflichkeit. Wenn gestritten wird, wird GESTRITTEN. Dass es im Camp Followill auch zu Prügeleien kommt, dass Alkohol und Egos außer Kontrolle geraten, lässt sich nicht verheimlichen.

Am 27. Juli 2011 die Eskalation in Dallas: Ein schon zu Konzertbeginn sichtlich angeschlagener Caleb verabschiedet sich mitten in der Show, „um mal eben zu kotzen“, und wird nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag wird die Tour abgebrochen. Die Gerüchteküche kocht über. Sind die Kings of Leon am Ende? Zerstritten, zerrüttet, künstlerisch ausgelaugt?

Und damit sind wir angekommen bei MECHANICAL BULL, dem sechsten Album. Bei Nathan Followill, der entspannt auf all das zurück blicken kann. In dem Wissen, alles richtig gemacht zu haben, als man spontan die Vollbremsung reinhaute.

Nicht, dass das Management dem Frieden traut. Eigentlich soll unser Gespräch vor dem KoL-Konzert in den Katakomben der Festhalle Frankfurt stattfinden, doch die Band erlaubt sich eine mehrstündige Verspätung. Erst, als der support The Weeks schon auf der Bühne steht, kommt die Nachricht: „Sie sind da!“ Dann auch die Zusage für ein kurzes Treffen. Ein muskelbepackter, böse drein blickender Bodyguard bewacht die Tür, hinter der Nathan und Caleb warten. Völlig angespannt, vermutlich. Bei der ersten falschen Bemerkung werden sie mit dem Silberbesteck auf uns losgehen. Dieser Eindruck wird geweckt. Als würden da zwei zähnefletschende Pitbulls bewacht.

Aber die Tür geht auf und zwei Sonnenscheinchen lächeln einen an. Gelöst stören sich Sänger und Schlagzeuger auch nicht an den banalsten Fragen der Kollegin vom Rundfunk. „Welchen Ratschlag gebt Ihr Robbie Williams, auch der ist doch jetzt Papa?“ Antwort: „Bring a Nanny“. Wir erfahren so: Die vier haben während der Europatournee ihre Zentrale in London aufgeschlagen, wo sie mit Ehefrauen und Kindern (alle vier sind inzwischen verheiratet, Matthew, Nathan und Caleb Väter) im Hotel residieren. Sie spielen nur jeden zweiten Tag, dazwischen geht‘s zur Familie. Man hat gelernt aus der früheren Unrast auf Tour. Sich einen Ankerplatz geschaffen, wo Tour-Hektik und Überdruss sofort entladen werden können.

Warum, wenn die Band selbst gerade so relaxed ist, dann das übervorsichtige Auftreten des Umfelds backstage? Wo penibel darauf geachtet wird, dass nichts, aber auch gar nichts bei einem der Kings auch nur das minimalste Missfallen erregen könnte? Ist es überhaupt korrekt, vier erwachsene Männer wie rohe Eier zu behandeln? Alles von ihnen abzuschirmen? Verzieht man sie damit nicht erst recht?

Vermutlich ja. Andererseits: Das Management hat die Jungs ja auch schon wiederholt explodieren sehen. Daher ein Vergleich: Diese Jungs sind Nitroglyzerin. Detonieren sollen sie im kontrollierten Rahmen, Abend für Abend auf der Bühne. Aber nur dann. Im falschen Moment aber kann der kleinste Anstoß alles hoch gehen lassen. So werden die Followills vom Management jedenfalls gehandhabt. Weswegen unser Gespräch mit Nathan auf den nächsten Tag gelegt wird und am Telefon stattfindet.

„Wir sind eine Familie, als solche werden wir immer beieinander bleiben“, das stellt Nathan vom Hotelzimmer aus klar. Die Entscheidung, nach dem Tour-abbruch für sechs Monate der Musik, der Band, dem Business völlig zu entsagen, sich um Ehefrauen und Kinder zu kümmern, richtete sich nicht gegen die Geschwister. Man traf sich ja weiterhin. „Aber es war gut, mal wieder von Bruder zu Bruder abzuhängen. Nicht als Sänger, Drummer und Bassist essen zu gehen oder so.“

Als man sich dann wieder an die Musik machte, kapselte man sich ab. „Wir haben uns ein Gebäude in Nashville gekauft und in ein Aufnahmestudio umgewandelt. Und nachdem wir dann so lange keine Instrumente angefasst hatten, war es einfach super angenehm, so ein Clubhaus / Proberaum / Studio zu haben. Denn so haben wir das behandelt. Es war komplett unser eigener Freiraum. Da gab es keine Leute von der Plattenfirma, die uns über die Schulter gelinst haben und Songs hören wollten. Da waren keine Manager unterwegs, da war niemand außer der Band. Wir konnten uns so viel Zeit nehmen, wie wir brauchten und wir haben wirklich gesagt: Das ist UNSERE Platte. Die machen wir, wie wir sie wollen. Wenn man jetzt zurück guckt, lastete sehr wohl eine Menge Druck auf dieser Platte, aber ich glaube, wenn wir diesen Druck an uns ran gelassen hätten, hätte es ein anderes Ergebnis gegeben. So aber ist das Resultat einfach eine Platte, die Spaß macht.“

Hier darf man dem Schlagzeuger Recht geben. Auf MECHANICAL BULL finden sich tatsächlich wieder so einige Brecher wie ›It Don‘t Matter‹ und ›Temples‹, die das Tempo und den Biss der ersten KoL-Alben aufgreifen. Experimentiert wurde auch: Das groovige ›Family Tree‹ und der Krautrock-Beat von ›Coming Back‹ zeigen Seiten, die wir von der Band bisher noch nicht gehört haben. ›Use Somebody‹-eske alt.Country-Balladen wie ›On The Chin‹ oder ›Beautiful War‹ fehlen natürlich dennoch nicht.

„Wenn wir später mal auf dieses Album zurück schauen, werden wir sagen: ,Das war die erste aus dem eigenen Studio‘“ hofft Nathan, eine Tradition zu begründen. „Wir haben jetzt ja auch unsere eigene Plattenfirma (,Serpents And Snakes‘) und ich bin mir ziemlich sicher, dass das letztlich so etwas wie das Label-Aufnahmestudio wird. Wir werden auch die anderen Bands (The Weeks, The Features u.a.) dort aufnehmen lassen, klar.“ Wenn London also auf Tour der Ankerplatz ist, sollen Studio und Nashville der sichere Heimathafen sein. „Nashville ist ein Glücksfall für uns. Wenn du in einer Stadt lebst, in der es völlig normal ist, beim Gemüsekauf einen Country-Sänger zu treffen, dann geht das in die Kultur der Stadt über. Dann lässt man dich in Ruhe. Dann will keiner ein Autogramm“, freut sich der Drummer und klingt fast stolz, wenn er sagt. „Für die Leute in Nashville bin ich einfach nur Nathan, der zwei mal die Woche in den 12 South Taproom geht und seine Wings und sein Bier bestellt.“

Sieh an. So ist das, was wir als Kernaussage aus dem Gespräch mitnehmen: Die Kings Of Leon, diese vier mit der kurzen Zündschnur und der schrägsten aller Vergangenheiten, die früher von Erweckungserlebnis zu Erweckungserlebnis reisten und die nun, quasi in ihres Vaters Fußstapfen folgend, ganze Hallen und Stadien in Ekstase versetzen – auch sie wünschen sich ganz banal nur eins: Normalität. Keinen Druck, Ruhe. Schauen wir mal, wie lange Familie Followill den Zustand beibehalten kann. Die nächste Detonation bleibt nicht ausgeschlossen.

Henning Furbach