0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1214

Schweden Report

0

The Horsehead Union2 (by THHU-inc.)EINE REISE DURCH DIE SCHWEDISCHE ROCKSZENE

WHERE THE ACTION IS!

In den 80ern waren es die Nomads oder Union Carbide Production, die die Augen und Ohren vieler Rockfans gen Norden stehen ließ. Mitte der 90er explodierte die Szene mit Bands wie den Hellacopters, Soundtrack Of Our Lives oder The Hives und eine schwedische Herkunft wurde zum Qualitätssiegel für gute Rockmusik. Auch heute, 20 Jahre später, ist das Mekka der europäischen Rockmusik fernab der Ideenlosigkeit und zeigt mit Graveyard, Imperial State Electric, Witchcraft und vielen anderen tollen Bands sein lebhaftes Gesicht. Die „vielen anderen Bands“ haben uns sehr neugierig gemacht und uns zu einer kleinen Reise in den Norden bewegt.

Text: Ben Klein

Tag 1 – Göteborg

Im Vorfeld erklärte sich Jonas Mattsson, Gitarrist der Horsehead Union, bereit, uns am prächtigen Göteborger Bahnhof abzuholen und zum Konzert von Märvel und den Deadheads zu begleiten. Die Überraschung ist groß, als uns letztendlich die gesamte Band in Empfang nimmt. Das Jönköpinger Rock‘n‘Roll-Quintett lässt es sich nicht nehmen, bei der Show dabei zu sein und unterbricht die Aufnahmen für ihr neues Album. Dieses wird IN CONTROL heißen und im Frühjahr 2014 veröffentlicht. Sichtlich euphorisch berichten die Musiker über den aktuellen Stand der Aufnahmen und machen kein Geheimnis aus der Begeisterung für ihren neuen Sänger Erik Linder. „Erik ist eine unheimliche Bereicherung für die Band. Er weiß einfach, wie Rockmusik zu klingen hat“, schwärmt Bassist Kristian Rigo über den Schallplattenverkäufer und Krautrock-Fan. Jonas ergänzt: „Das neue Album wird viel fokussierter als das erste klingen. Purer Rock!“ Und tatsächlich bringt ›Gotta Choke‹, der erste veröffentlichte Song mit dem neuen Sänger, eine überzeugende Mischung aus den frühen Sewergrooves, kombiniert mit der Durchschlagskraft von Gluecife. Der Weg führt durch das abendliche Göteborg in einen Teil der Stadt, den die Band als gefährlichen Rotlichtbezirk beschreibt. Kuriositäten jeglicher Art bleiben uns allerdings verborgen.

Quartetts liegen deutlich im engen Dunstkreis der Hellacopters, doch gelingt es ihnen, entgegen vieler anderer Nachahmer, sich hier hauptsächlich von der immensen Energie der namhaften Schweden inspirieren und somit die Musik als höchst eigenständig wirken zu lassen. Das bleibt auch beim Publikum nicht unbemerkt und wird durch ausgelassenes Tanzen honoriert. Nach einigen Singles haben die Deadheads ihr erstes Album unter Dach und Fach gebracht und suchen nun nach einem geeigneten Label. Lange kann diese Suche nicht dauern.

Auch Märvel ziehen die versammelte Meute schnell in ihren Bann. Das High-Energy-Rock‘n‘Roll-Trio aus Linköping ist mit seinen elf Jahren Bandhistorie fast schon eine alte Dame in der Szene und hat einen Fanklub, der sich über den gesamten Erdball verteilt – die Märvel Army. Ähnlich wie bei den Deadheads gibt es auch hier gewisse Ähnlichkeiten zu den Hellacopters, jedoch steht bei den Maskierten mehr das filigrane Handwerk im Vordergrund und nicht das raue Tempo. Ihre Musik klingt nach einer schweißtreibenden Orgie zwischen den Hellacopters, Turbonegro und Electric Six — das alles unter einem großen Kiss-Banner. Auf der Bühne wirken die Herren losgelöst und genießen es, neben Hits wie ›I Wanna Know You‹ auch einige Songs des kommenden Albums darzubieten. Der WARHAWKS-OF-WAR-Nachfolger ist bereits in der Mache und soll durch eine Pledge-Kampagne verwirklicht werden. Auf die Unterstützer warten tolle Überraschungen.

Nach der Show geht es für alle an die Bar und es ergeben sich viele interessante Gespräche. ,,Nie war die Schwedische Rockszene stärker als heute. An allen Ecken schießen junge, talentierte Bands aus dem Erdboden. Das bringt natürlich auch Probleme mit sich, denn es sind einfach zu viele. Für meine eigenen Kombos muss ich sehr hart kämpfen, aber die anderen behandle ich trotzdem mit großem Respekt. Das ist die Art von Killer Cobra“, berichtet Björn „Papa Bear“ Rallare, Manager von Märvel und Inhaber von Killer Cobra Records. Bis in die frühen Morgenstunden wird geplaudert.

Tag 2 – Göteborg

Sind die Strapazen der vorangegangenen Nacht erst verdaut, geht es zu einer kleinen Wanderung durch Göteborgs Altstadt, den Hafen, vorbei an einigen Plattenläden und dem von Graveyard besungenen Stadtteil Hisingen. Ziel des Ausflugs ist das Lokal Pustervik im Herzen von Schwedens zweitgrößter Stadt.
Dort angekommen, werden wir sehr herzlich vom ehemaligen Doits Sänger/Gitarristen Altay Sagesen begrüßt und zu einer gemütlichen Sitzecke in der zweiten Etage führt. Altay hat vor einiger Zeit Stockholm verlassen und lebt nun in Göteborg. Mit seiner neuen Powerpop-Band The Last Tendrills hat er im vergangenen Jahr die erste Single ›Someone To Talk To‹ veröffentlicht. Leider ist er an diesem Abend sehr damit beschäftigt, dem Treiben im Laden nachzukommen und muss wieder zügig seiner Arbeit nachgehen.

Thomas Jäger und Esben Willems sind die ersten, die sich an unseren Tisch gesellen. Einen Namen in der Szene machten sich die beiden durch ihre 2007 gegründet Boogie-Rock‘n‘Roll-Band Marulk (schwedisches Wort für Seeteufel). Dieser Seeteufel ist allerdings vorerst auf Eis gelegt. Mit funkelnden Augen berichten die beiden über ihr neues Projekt namens Monolord und lassen prompt einige Hörproben aus dem Mobiltelefon erklingen. Schwere Kost. Der Boogie ist dem Doom gewichen. Die bereits fertigen Songs haben jeweils eine Spielzeit von mindestens acht Minuten und bringen den Handy-Lautsprecher schnell an seine Grenzen. Die sehr dichten Songstrukturen bleiben allerdings nicht verborgen und gehen direkt ins Ohr.

Dann wird die Runde von David Henriksson und Thomas Windholm von The Movements ergänzt. Die Göteborger sind seit über zehn Jahren im Geschäft und ein fester Eckpfeiler der europäischen Garagen-Rock- Szene. Gerade eben erschien ihr Album LIKE ELEPHANTS I, auf dem sie sich eindringlich mit der psychedelischen Farbenpracht der 60er Jahre befassen. Getränke werden gereicht, der Gesprächsstart fällt nicht schwer und schnell tauscht man sich über die neuen vielversprechenden Bands aus. Esben Willems erwähnt die ebenso aus Göteborg kommenden Senkrechtstarter von Bombus und erntet damit Zustimmung aller bisher versammelten Musiker. „Die könnten das nächste große Ding werden. Im Moment ist es Graveyard, aber danach wird wieder etwas Neues kommen. Da es sehr wahrscheinlich nichts wirklich Neues sein wird, kann ich mir gut vorstellen, dass irgendein Crossover den nächsten Trend bilden wird. Und da sind Bombus schon auf dem richtigen Weg“, ergänzt der Movements-Sänger. Auch Oskar Öberg von Molior Superum hat sich mittlerweile zu uns gesetzt und weist darauf hin, dass man Horisont nicht vergessen darf. Seine eigene Band ist noch recht frisch im Geschäft und spielt schweren bluesgetränkten 70er-Rock. Molior Superum sind mit ihrem Sound nicht alleine auf dem Markt, dennoch wird jegliche Art des Wettbewerbs verneint. „Es wird immer schwerer, an gescheite Auftritte zu kommen. Deshalb unterstützt man sich untereinander so gut es geht.“ David ergänzt: „Ich denke, generell ist dieses Wettbewerbsdenken in der schwedischen Mentalität nicht sehr stark.“

Neue Getränke werden gereicht und Kalle Lilja von Långfinger schnappt sich den letzten freien Stuhl. Der Gitarrist der energiegeladenen 70er- Rock-Band brauch nicht lange, um ins Gespräch zu finden: „In Schweden leben nicht sonderlich viele Menschen und die Städte sind sehr klein. Wahrscheinlich lernt man sich deshalb untereinander einfacher kennen und hilft sich so gut es geht.“ Auch der Staat und die Kommunen bieten finanzielle Unterstützung. Bands können Gelder beantragen, um ihren Proberaum zu finanzieren. Musiker, die bereits eine einschlägige Karriere vorweisen können, haben die Chance auf eine deutlich gehaltvollere Finanzspritze. Dazu muss laut Thomas Windholm „ein langer Papierkrieg bestritten werden und selbst dann sind es nur sehr wenige, die davon letztendlich profitieren. Auf dem Papier liest es sich eindeutig besser, als es in Wahrheit ist.“ Der schwedischen Rockszene geht es nicht schlecht, aber auch lange nicht so gut, wie es häufig von außen wahrgenommen wird.

Tag 3 – Stockholm

Begleitet von Jermey Irons & The Ratgang Malibus (JIRM) Gitarrist Micke Pettersson erreichen wir Nostalgiplatset, den beeindruckendsten Plattenladen der Hauptstadt. Hier gibt es neben Bergen von Tonträgern aus den letzten 60 Jahren, alte Poster, Magazine und jede Menge Schätze, die das Sammlerherz höher schlagen lassen. Micke witzelt: „In einigen Jahren werden hier auch unsere Platten als Raritäten angeboten.“ Seine Band kann man grob dem Retro-Rock zuordnen, doch spielen sich JIRM mit ihrer fesselnden Mixtur aus klassischem Rock und psychedelischen Elementen deutlich aus der großen Masse hervor. Es ist die Intensität ihrer Songs, die den Unter- schied zu vielen anderen Gruppen bildet. Das Quartett beweist eine Menge Feingefühl, wenn es darum geht, fesselnde Atmosphären zu erschaffen und diese letztendlich in atemberaubenden Melodien explodieren zu lassen. Beide Hände tief in einer Plattenkiste versenkt, merkt Micke an, dass JIRM im April 2014 ihr drittes Album veröffentlichen und wieder auf Tour gehen werden. Deutschland steht auch auf dem Plan. Eine gute Stunde später und etliche Kronen leichter verlassen wir das Plattenparadies und finden nur wenige Schritte die Straße hinauf King Carlos Tattoo. Hier treffen wir auf Maria Eriksson von Beast. Maria ist nicht zufällig hier. Die Sängerin der Hardrock-Band ist Tätowiererin und der sehr gemütlich dekorierte Laden ihr Arbeitsplatz. Mit ihrer Band hat sie gerade eben das Debüt DEAD OR ALIVE veröffentlicht und von vielen Seiten Beifall eingeheimst. Ehrlich bedauernd berichtet sie uns, dass vor gar nicht langer Zeit das „Debaser Slussen“ geschlossen wurde. Dieser traditionelle Live-Klub war für sie und viele andere Stockholmer Musiker einer der wichtigsten Orte, um Konzerte zu geben oder andere Bands zu sehen. Viel Zeit, diesen Plausch auszudehnen bleibt leider nicht, da sich bereits ein Kunde auf der Liege befindet und Maria etwas ängstlich seinen Arm entgegenstreckt.
Weiter geht es nach Södermalm. Der Stadtteil mit den vielen Bars und Klubs ist der angesagteste in Stockholm. Ein wenig abseits der Menschenmassen, in einer kleinen Seitenstraße, betreten wir einen weiteren Tattoo- Shop. Auch hier lassen wir die Nadel nicht unter unsere Haut, sondern besuchen den ehemaligen Hellacopters-Bassisten Kenny Håkansson. Der sympathische Mann besitzt einen Buchladen im Inneren des Tattoo- Shops. Den kleinsten Buch- laden der Welt, wie er grinsend betont. Hier verkauft er Bücher über Alchemie, Kräuterkunde, Dämonologie, Hexenkunst, Psychedelik und allerhand interessante Kuriositäten. „Ich spiele wieder in einer Band“, berichtet Kenny und präsentiert uns dabei ein breites Grinsen. „Mary‘s Kids haben vor wenigen Wochen bei mir angerufen und drei Tage später saß ich bereits mit ihnen zusammen im Tonstudio und habe die ersten Songs aufgenommen. Es geht alles ziemlich schnell, aber das gefällt mir.“ Der 41-Jährige strahlt eine enorme Herzlichkeit aus, die dem kurzen Besuch einen besonderen Nachdruck verleiht.

Solna ist der letzte Halt unserer Reise. In einer ehemaligen Schule auf einem kleinen Hügel inmitten des sehr sportbegeisterten Stadtteils begegnen wir Martin Taranger, dem Gründer und Leiter des „Black Sheep“. Als der ehemalige Koch von den Plänen zum Abriss der Schule erfuhr, nahm er Kontakt zu den lokalen Politikern auf und unterbreitete ihnen seine Idee einer Art Jugendzentrum mit dem Schwerpunkt Rockmusik. „Es war ein langer und harter Kampf. Jeder hier interessiert sich für Sport und dann kommt auf einmal ein junger Typ wie ich und will aus dem Gebäude einen Ort machen, an dem sich Jugendliche treffen und mit ihren Bands proben können.“ Sein hartnäckiges Bombardieren mit Emails zeigte Wirkung und die lokalen Politiker gaben ihm einen Raum des Gebäudes. „Wir überlegten uns, wie wir auf uns Aufmerksamkeit machen könnten und bewarben das ‚Black Sheep‘ zunächst als Jugendzentrum, in dem niemand willkommen ist.“ Dieser Slogan sprach sich schnell herum und zur Eröffnung 2006 kamen etliche Kids aus ganz Stockholm. Heute füllt das „Black Sheep“ die gesamte Schule und bietet Proberäume für 40 Bands. Das bedeutet über 200 musizierende junge Stockholmerinnen und Stockholmer. Spielekonsolen oder große Fernseher sucht man hier vergebens. Stattdessen stehen auf den Fluren viele unterschiedliche Gitarren, Bässe und weitere Musikinstrumente bereit, an denen sich die jungen Musiker bedienen können. Schlagzeuge und Verstärker befinden sich in den Proberäumen.

„Die Kids zahlen minimale Mieten, die wiederum komplett zurück in die Jugendarbeit fließen“, erklärt uns der heute 33-jährige passionierte Hellacopters-Fan. „Mittlerweile haben wir auch einen Teil, in dem die Erwachsenen proben. Die zahlen natürlich mehr für ihre Räume. Entombed üben hier und das Gutterview Studio von Nicke Andersson, Fred Estby und Dolf de Borst findest du im zweiten Stock. Der Schwerpunkt liegt aber weiterhin auf den Jugendlichen. Wir geben den Kids die Möglichkeit, Musik zu entdecken, zu proben und sich weiterzuentwickeln.“ Unterstützung bekommen die Jugendlichen unter anderem vom ehemaligen Hellacopters-Schlagzeuger Robert Eriksson und Robert Pehrsson (Humbucker, Death Breath u.v.m.), die jeweils 20 Stunden in der Woche vor Ort sind, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Frage, warum es in Schweden so viele gute Rockbands gibt, konnten wir in den vergangenen Tagen nicht klären. Wo allerdings der Nachschub für die Zukunft heranwächst, liegt nun auf der Hand.

Begleitet von Erinnerungen an spannende Gespräche, vielen neuen Bands und Martin Tarangers inspirierender Arbeit mit seinem „Black Sheep“, begeben wir uns auf den Heimweg. Die Reise endet hier, aber es wird gewiss nicht die letzte gewesen sein.

A PERFECT CIRCLE – Kreis, Klasse

0

????????????????????????????????????????????

Wer dachte, das Bandprojekt um Tool-Frontmann Maynard James Keenan und Gitarrist Billy Howerdale sei sanft entschlafen, darf endlich wieder Hoffnung schöpfen: Mit einem Best of und einem Live-Boxset melden sich A PERFECT CIRCLE zurück.

Text: Matthias Jost

Mit gerade mal vier Alben zwischen 1993 und 2006 haben Tool aus geringer Produktivität sicher ein Maximum an Status und Erfolg herausgeholt. A Perfect Circle brauchten dagegen nur vier Jahre, um ihre drei Alben MERDE NOMS (2000), THIRTEENTH STEP (2003) und EMOTIVE (2004) zu veröffentlichen, die ebenfalls Edelmetall und fanatische Fanvereh- rung genossen. Weniger genussvoll ist dagegen die vorherrschende Meinung, die Band sei ein Nebenprojekt von Maynard James Keenan – zumindest für Billy Howerdel. A Perfect Circle sind nämlich sein Baby, er fungiert als Hauptsongwriter, während Keenan erst dazustieß, als er das erste Material gehört hatte.
„Ich habe keine Illusionen darüber, wie die Wahrnehmung des Publikums funktioniert“, gibt sich Billy heute gelassen. „Klar, er ist berühmter als ich, und als Frontmann zieht man eben die ganze Aufmerksamkeit auf sich. So ist nun mal die Hackordnung. Da ist es kein Wunder, dass viele glauben, das sei sein Ding, aber damit ich gut leben.“ Das Leben im Schatten großer Stars ist der Kreativkopf nämlich schon länger gewohnt gewesen, begann er seine Karriere doch als Gitarrenroadie. So lernte er nicht nur Keenan kennen, mit dem er sich dann anfreundete, auch bei Größen wie Trent Reznor, Billy Corgan und David Bowie war er für funktionierende Technik verantwortlich.

Für ihn eine unverzichtbare Lehre: „Ich habe durch diese Arbeit eine Menge darüber gelernt, was man tun und was man bleiben lassen sollte, ich ging also besser vorbereitet in das Musik machen als manch anderer. Vor allem aber war es sehr inspirierend, mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich habe immer den Kontakt zu solchen Künstlern gesucht, die eine echte Vision haben und diese mit größtem Einsatz und absoluter Hingabe verfolgen. Mit Trent Reznor zum Beispiel hatte ich auf menschlicher Ebene nie viel zu tun, aber was den Job betraf, erwartete er nie mehr, als er selber zu geben bereit war – und das war fucking viel. Dann war da die Arbeit an CHINESE DEMOCRACY mit Guns N‘ Roses. Da habe ich eigentlich am meisten gelernt darüber, wie man überhaupt Platten macht. Ein Albumprojekt mit unbegrenztem Budget, wo hochkarätigste Musiker ständig ein und aus gingen.“

Eine Liste von Künstlern, die nahelegt, Howerdel habe eine leicht masochistische Neigung dazu, mit Egomanen zu arbeiten. Ein Anflug von einem Lachen, doch ganz leugnen kann er es nicht: „In erster Linie bin ich stolz darauf, mit so großen Musikern gearbeitet zu haben. Aber es stimmt, auch der Umgang mit schwierigen Persönlichkeiten gehört dazu, und darauf bin ich ebenfalls stolz. Schwierige Gitarren-Rigs übrigens auch, denn ich bin ein ziemlicher Technik-Nerd. Aber letztlich ging es immer nur darum, etwas Relevantes zu erschaffen. Ich habe weder das Aussehen noch die Eier, um das Rockstarding durchzuziehen, die Drogen und das Rumvögeln waren für mich nie interessant.“

Das Resultat dieses Ethos kann man nun in aller Ausführlichkeit begutachten, denn gerade erschien THREE SIXTY das höchst passend betitelte Greatest-Hits-Album von A Perfect Cir- cle. Darauf finden sich nicht nur die Klassiker wie ›3 Libras‹, ›Judith‹, ›When The Levee Breaks‹, das John-Lennon-Cover ›Imagine‹ oder ›Passive‹, sondern – in der Deluxe-Version – auch diverse Live-Fassungen. Vor allem aber wird die Fans erfreuen, dass mit ›By And Down‹ das erste neue Lied der Band seit 2004 zu finden ist. Deutet die Veröffentlichung ausgerechnet jetzt vielleicht an, dass der Kreis sich nicht nur schließt, sondern sogar wieder öffnen könnte? „Also, erstens mal war A Perfect Circle für mich nie vorbei, ich habe immer weiter daran gearbeitet. 2010 waren wir dann soweit, die Spinnweben wegzublasen und wieder Kontrolle über unsere Musik zu gewinnen. Da gaben wir diese Konzerte in Kalifornien, wo wir jeden Abend eines der drei Alben komplett spielten. Wir hatten eine Weile daran gearbeitet, das zu veröffentlichen, und das schien nun die passende Gelegenheit, so eine Best Of dazu abzuliefern, was uns die Chance bot, ›By And Down‹ offiziell herauszubringen. Ein spezifische Message wollen mir mit diesem Release allerdings nicht senden.“ Klingt diplomatisch, doch auf ein bisschen Nachbohren lässt Billy die ganze Wahrheit raus: „Es gibt wohl keinen politisch korrekten Weg, es zu formulieren, also sage ich es einfach. Ich habe schon genug solides Material zusammen, um ein komplett neues Album zu machen. Das wird allerdings erst dann geschehen, wenn Maynard Zeit hat, und der ist im Moment wieder ziemlich intensiv mit Tool beschäftigt, es soll aber niemand glauben, ich würde nur frustriert darauf warten, dass er sich dazu herablässt, etwas mit mir zu machen. Ich habe auch ein neues Ashes- Divide-Album am Start, mit dem ich nächstes Jahr Touren werde. Wir haben eben beide auch noch andere Eisen im Feuer, nur dauert es bei A Perfect Circle immer etwas länger, um den Ball ins Rollen zu bringen. Ich werde aber nicht aufhören, es zu versuchen.“

Klingt vielversprechend, auch wenn eine gewisse Uneinigkeit darüber zu herrschen scheint, wie es weitergehen könnte, denn Keenan hatte mehrmals erklärt, das Albumformat mache derzeit keinen Sinn mehr. „Es ist insgesamt eine große Herausforderung, den besten Weg zu finden, überhaupt Musik zu veröffentlichen in einer Welt, in der es die meisten Menschen als völlig in Ordnung erachten, sie zu stehlen. Ich bin in der Hinsicht allerdings ein Dinosaurier. Ich höre mir gerne Alben an, ich mag es, wenn man eine ganze Sammlung von Songs präsentiert bekommt, die einen Schnappschuss davon darstellen, wo eine Band gerade steht.“ Bei aller Meinungsverschiedenheit kommt die Suche nach einem anderem Frontmann für Billy jedoch nicht in Frage: „Absolut nicht. Er ist nicht nur ein Freund, der mich immer unterstützt und an mich geglaubt hat, sondern auch einer der grandiosesten Sänger überhaupt, sowohl als Performer wie auch stimmlich und als Texter. Ohne ihn wird es keine A PERFECT CIRCLE geben.’’

Titelstory: The Beatles- zu Besuch bei der alten Tante

Beatles (24)

ZU BESUCH BEI DER ALTEN TANTE

Vor 19 Jahren erschien LIVE AT THE BBC, ein Zusammenschnitt aus 68 Tracks, Musik und Interviews, bunt gemischt. Nimmersatte Beatles-Fans fragten sich schon damals: Gibt’s da noch mehr? Gibt es. ON AIR – LIVE AT THE BBC VOLUME 2 ist das in gleicher Machart gestrickte Sequel. Mit 63 Tracks, klanglich aufgearbeitet und für wahre Fans natürlich Pflichtprogramm.

Lang lebe die britische Musikergewerkschaft! Denn immerhin war es diese einst äußerst selbstbewusst auftretende Institution, der wir heute jede Menge Live-Mitschnitte aus dem BBC- Radioprogramm verdanken. Aufgenommen unter professionellen Bedingungen und daher auch klanglich meist auf erfreulichem Niveau. Und das kam so: Die „Musicians’ Union“ setzte durch, dass die BBC – damals noch Monopolist in Sachen Inselfunk – ihr „leichtes Unterhaltungsprogramm“ höchstens fünf Stunden pro Tag mit Schallplattenmusik bestreiten durfte – der so genannten „needle time“. Der Rest musste mit Live-Aufnahmen aufgefüllt werden, damit der britische Musikant auch ja in den Genuss regelmäßiger, natürlich gesetzlich festgeschriebener Einkünfte kam. Wobei „live“ nicht zwangsläufig „in Echtzeit“ bedeutete: Die BBC bat in der Regel zu Aufnahmen ins Studio, die dann ein paar Tage später ausgestrahlt wurden, meist ergänzt durch launige Interviews mit den Künstlern. Und da diese Live- Aufnahmen zumeist absolut werktreue Interpretationen bekannter Hits waren, sprach auch nichts gegen häufige Wiederholungen. Für junge Bands war eine Einladung der „alten Tante“ BBC logischerweise Adelsschlag und kommerzielle Chance zugleich. Auch der Aufstieg der Beatles vom lokalen zum landesweiten Phänomen wurde durch ihre Präsenz im britischen Rundfunk entscheidend befeuert, denn die BBC erreichte naturgemäß auch abgelegene Landesteile, die nur selten in den Genuss von Live-Shows angesagter Künstler kamen.

Was hat ON AIR – LIVE AT THE BBC VOLUME 2 denn nun zu bieten? Gleiches, was auch schon der Vorgänger bot: Songs aus der Frühzeit der Beatles, ergänzt um Cover-Versionen wie ›Lucille‹ und ›I Got A Woman‹, sowie jede Menge – zum Teil ausnehmend witzige – Studiodialoge. Was erneut auffällt: Diese BBC-Takes haben einen ganz eigenen Charakter, denn es handelt sich eben nicht um Live-Mitschnitte im herkömmlichen Sinne, also mit Publikumslärm und ausgewiesener Hallenakustik, sondern um intime kleine Aufnahmen, ganz ohne kreischende Mädels. Etwas rauer als die jeweiligen Studioversionen, klingen sie vermutlich genau so, als ob einem die Beatles um 1964 ein Privatkonzert im heimischen Wohnzimmer gewährt hätten – was ja nun eine ziemlich atemberaubende Vorstellung ist. Ebenfalls auffallend: Drei Mikrofone, zwei Gitarren, ein Bass und ein Schlagzeug reichten völlig, um all das zu transportieren. Festgehalten auf einem zeitgenössischen Tonbandgerät, keine Effekte, keine Overdubs, kein Bullshit. Dafür drei Typen, die auch ohne ausgefeiltes InEar-Monitoring perfekte Harmoniegesänge zustande brachten. Chapeau.

Doch nichts währt bekanntlich ewig, und auch die Liebe der Beatles zu den BBC-Sessions erkaltete bedauerlicherweise im Laufe der Jahre. Zunächst, weil der immer vollere Terminkalender statt dessen Tourneen rund um den Erdball diktierte. Auch Japan, Australien und die Philippinen wollten schließlich von den Fab Four bespaßt werden, von den stets hungrigen USA ganz zu schweigen, und die sind nun mal ein ziemlich großes Land. Warum also im Radiostudio in Maida Vale herumkaspern, wenn man stattdessen in ausverkauften Football-Stadien 30.000 enthusiasmierte Amerikaner in den Wahnsinn treiben und anschließend einen Sack voll Dollars mit nach Hause nehmen kann?

Zudem: Spätestens ab 1967 wären die immer komplexer werdenden Songs im BBC-Studio kaum noch mit vertretbarem Aufwand realisierbar gewesen. Ein Stück wie ›I Want To Hold Your Hand‹ bereitete 1963 naturgemäß überhaupt keine Probleme. Das deutlich anspruchsvollere ›Paperback Writer‹ fand 1966 zwar noch den Weg ins Live-Programm der Band, doch dessen absolut exakte Intonation einfordernder A-Capella-Part sorgte in Verbindung mit Ohrenbetäubendem Publikumslärm und in Ermangelung brauchbarer Monitoranlagen für zunehmend schlechte Laune im Beatles-Camp. Wenn’s ganz arg kam, griff man zu einem einfachen Trick: Eine kleine, neckische Tanzbewegung zum richtigen Zeitpunkt reichte völlig aus, um das ohnehin hysterische Publikum gleich noch ein paar Dezibel lauter schreien zu lassen – womit man heikle Passagen halbwegs elegant überspielen konnte. Eine Notlösung, für Musiker, die ihren Job ernst nehmen, aber keine wirklich ehrenhafte Option. Weshalb die Beatles noch im gleichen Jahr den Entschluss fassten, Live-Performances generell aufzugeben.

Was auch die Radio-Sessions betraf. Besagtes ›Paperback Writer‹ hätten sie im BBC-Studio ganz sicher noch hinbekommen. Aber ›I’m The Walrus‹? Oder gar ›A Day In The Life‹? Völlig undenkbar, die Technik war noch nicht so weit. Ein schlichter Unplugged-Ansatz hätte sich als Lösung angeboten, doch der war leider noch nicht erfunden. Und auch nicht unbedingt erwünscht: Radiomacher und hörer legten damals großen Wert darauf, dass die Stücke möglichst genauso klangen wie auf Platte, und nicht anders. Ein weiterer, ganz profaner Grund für die Session-Abstinenz nach 1965 dürfte auch nicht eben unerheblich gewesen sein: The Beatles waren Mitte der 60er Jahre so groß, dass die BBC ihre Songs ohnehin spielte – spielen musste, wenn man so will, notfalls eben während der „needle time“. Und dass die gewerkschaftlich festgelegten Honorarsätze für Radioaufnahmen die frischgebackenen Millionäre wirklich beeindruckt hätten, darf dann doch bezweifelt werden. Auf den Punkt gebracht: Die Beatles hatten es nicht mehr nötig. Interviews gaben sie der BBC natürlich auch weiterhin, doch mit der Live-Musik war seit 1965 Schluss. Schade. Aber freuen wir uns über das, was wir kriegen können: Das aktuell remasterte Doppelalbum LIVE AT THE BBC und die Fortsetzung ON AIR – LIVE AT THE BBC VOLUME 2. Womit das Glas halbvoll ist, und ganz gewiss nicht halbleer.

Text: Uwe Schleifenbaum

Neuigkeiten zu: The Lone Crows

0

The Lone Crows

Einfach, ursprünglich, ehrlich

Wir erwischen Tim Barbeau bei der Arbeit. Der Sänger und Gitarrist ist in einem Café nahe der Universität seiner Heimatstadt Minneapolis tätig, aber zum Glück gibt es gerade nicht viel Kundschaft und er hat Zeit, gemeinsam mit CLASSIC ROCK von einem Leben als Rockstar zu träumen. Die Chancen für einen Karriereschub stehen nicht schlecht, denn seine Band The Lone Crows hat mit ihrem just auch hierzulande veröffentlichten selbstbetitelten Debütalbum bereits einigen Staub aufwirbeln können, eine erste Deutschland-Tournee ist derzeit für Mai 2014 rund ums Freak Valley Festival im Siegerland in Planung.

Mit ihrem urwüchsigen Blues-Rock-Sound haken sich die amerikanischen Jungspunde bei den Genregrößen der späten 60er und frühen 70er ein, dabei hatten sich Tim und seine drei Mitstreiter zuvor dem Thrash Metal verschrieben. „Die Musik, die wir jetzt spielen, wollte ich schon machen, seit mir mein Vater Robin Trowers Album BRIDGE OF SIGHS gegeben hat, ich Hendrix‘ ›Voodoo Child‹ zum ersten Mal (auf Vinyl!) gehört und B.B. King live in der Orchestra Hall gesehen habe“, erklärt der Frontmann den musikalischen Sinneswandel. „Ich liebe den übersinnlichen, funkigen, schweren und bösen Blues-Rock-Sound einfach! Als Gitarrist fühlte ich mich schon immer von den Classic-Rock-Saiten- meistern angezogen – alles, was du hörst, wurde von ihnen beeinflusst. Diese Soundpalette wollte ich dann mit all unseren anderen Einflüssen aus Grunge, Jazz, Reggae und Funk und eben auch Thrash Metal erweitern.“ Dass sich eine junge Band wie The Lone Crows heute Bluesgetränkten Klängen zuwendet, liegt nicht zuletzt daran, dass es vielen anderen Stilen heutzutage an Gefühl fehlt. „In unseren modernen Zeiten hat man ja die Möglichkeit, mathematisch perfekte und kompositorisch ungemein dichte Werke zu erschaffen, aber dabei geht die Wertschätzung echter Performance verloren“, bedauert Tim. „Wir wollen nicht perfekt sein, wir wollen etwas ausdrücken! Am Blues mag ich, dass er einfach, ursprünglich und ehrlich ist. Der 12-Takt-I-IV-V- Standard ist so simpel, dass du nicht mehr darüber nachdenken musst, wenn du ihn eine Zeit lang gespielt hast.“ Das ist der Punkt, an dem für Tim die Musik ein echtes Eigenleben, echte Transparenz entwickelt. Stand für die Lone Crows beim Erstling noch der Wunsch im Vordergrund, die unbändige Energie ihres Live-Sounds ungefiltert einzufangen, soll das zweite Album, das gerade entsteht, breiter angelegt ein. „Die nächste Platte wird leiser und lauter, schwerer und leichter, schneller und langsamer sein und unseren musikalischen Background stärker widerspiegeln“, prognostiziert Tim. „Bei Musik geht es immer um Veränderungen, und die wird es auch bei uns geben!“

Carsten Wohlfeld

Was machen eigentlich: The Church?

0

Drew_Reynolds_ChurchVon wegen One-Hit-Wonder: Auch wenn die Australier nur einmal die Charts eroberten, sind sie bis heute ziemlich fleißig.

Gegründet 1980 in Australiens Hauptstadt Canberra, war die Karriere der Band nach – vor allem in der Heimat – anfänglichen Achtungserfolgen nicht wirklich in die Gänge gekommen. Wo man heute nach einem zweiten Album unterhalb der Platinmarke sofort aufs Abstellgleis geschoben würde, boten die 80er noch mehr Zeit und Raum zur Entwicklung. Die Geduld sollte sich auszahlen, als 1988 mit dem beschwingten ›Under The Milky Way‹ doch noch der Durchbruch gelang. Hohe Chartpositionen zu Hause wie in den USA sorgten für stolze Verkaufszahlen des Albums STARFISH, der psychedelisch angehauchte Neo-Prog- Alternative hatte Fuß gefasst.

Ähnliche Erfolge sollten sich später zwar nicht mehr einstellen, doch ganz in der Versenkung verschwanden The Church seither nie mehr. Einen ordentlichen Popularitätsschub erlebten sie des Weiteren, als besagtes Lied 2001 durch den gefeierten Kultfilm „Donnie Darko“ noch mal einer breiteren Öffentlichkeit und neuen Generation bekannt wurde, wodurch auch dem Spätwerk größere Aufmerksamkei zuteil wurde. Das enthielt mit FORGET YOURSELF (2003), BACK WITH TWO BEASTS (2005) und UNTITLED #23 (2009) mindestens drei äußerst hörenswerte Alben, die eine überschaubare, aber sehr treue Fanbase erfreuten. 2010 wurden The Church schließlich in die Hall Of Fame der australischen Musikindustrie aufgenommen. Seither waren sie immer wieder live zu sehen, während Frontmann Steve Kilbey diverse Solo- und Kollaborationsalben mit Martin Kennedy und anderen veröffentlichte und sich auch als Maler erfolgreich etabliert hat. Gitarrist Marty Willson-Piper war ebenfalls solo und mit Nocturnum aktiv.

Ende 2014 ist nun in Australien mit FURTHER/DEEPER ein neues Studiowerk der Band erschienen. Anfang Juni kommt die Platte dann auch bei uns raus.

Neuigkeiten zu: Coroded

0

Wie einst Caligula

„Unser Stil ist ein Mix aus Metal und Grunge“, beschreibt Jens Westin den Sound seiner Band Corroded. Es dauert nicht lange, bis fast zwingend das Stichwort Nickelback fällt. „Ich hätte nichts dagegen, so viele Platten und Tickets zu verkaufen wie Nickelback“, lacht der Schwede. „Ihre schwereren Songs haben wirklich gute Riffs, aber das ist keine Band, die wir hören. Sicher würden wir gerne das Geld verdienen, das sie machen, davon abgesehen sind wir keine Fans von ihnen.“ Immerhin hatten Corroded bereits zwei Alben in den schwedischen Top Ten, darunter auch das aktuelle State Of Disgrace. „Allerdings ist Schweden ein kleines Land, was man besonders an den Tourneen merkt. Von den paar Kon- zerten können wir nicht leben“, rechnet Westin leicht frustriert vor.

Der Frontmann nennt Black Sabbath und Soundgarden als Haupteinflüsse seiner Kapelle. „Wir sind altersmäßig in unseren Vierzigern, das heißt, wir haben den Heavy Metal noch erlebt, der dann vom Grunge weggespült wurde.“ Corroded machen einen guten Job, ihre dunklen Heavy Rocker haben Grooves und Melodien, die hängen bleiben. Genauso düster wie die Musik sind die Texte von Jens Westin, der im Alltag sein Geld als Musiklehrer verdient. Etwa die Zeilen von ›Let Them Hate As Long As They Fear‹, das seinen Titel von einem Satz des römischen Poeten Lucius Accius übernahm, der später zum Motto des Skandal-Kaisers Caligula wurde. „Das ist ein Song über Regierungen oder Personen, die andere dominieren“, erklärt Jens. „Diese Zeilen gelten auch für Schweden, wo Individualität zugunsten des Gleichheitsgedankens unterdrückt wird. Als wir aufwuchsen, mussten alle die gleichen Anzüge tragen, jeder sollte das gleiche haben. Andere entscheiden wie du leben sollst, aber das funktioniert nicht, wie wir im Osten Europas gesehen haben.“

Ebenfalls schwermütig ist ›Beautiful Revolution‹, eine gewichtige Halbballade. „Jeder ist schon eines Sonntags aufgewacht und konnte nicht ertragen, was er da im Spiegel sieht“, erklärt der Autor. „Du kannst dich selber nicht ausstehen. In dem Text geht es darum, mit sich selbst klar zu kommen.“ In den nächsten Wochen stehen für Corroded einige Konzerte im Vorprogramm von Airbourne an, von denen sich die Schweden eine Erweiterung ihres Publikums versprechen. Noch einmal Jens Westin: „Der Vergleich von Corroded und Nickelback zeigt immerhin, dass es für unsere Art Musik Massen von Fans da draußen gibt.“

Henning Richter

Neuigkeiten zu: Robert Pehrsson Humbucker

0

Robert Pehrsson's Humbucker

„Ich mag die Vorstellung, mit meinen Songs nicht nur die Fans eines Genres zu erreichen.“

Robert Pehrsson sitzt auf einer weißen Couch im Gutterview Studio und stellt fest, dass er auf jeder der bisher hier aufgenommenen Platten zu hören ist. Protzig wirkt der Gitarrist dabei keineswegs. In seinen Augen schimmert Dankbarkeit, Leidenschaft und die Vorfreude darauf, sein Album endlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In seinen Songs geht es um Liebe, Einsamkeit, dem Gefühl fremd und auf der Suche zu sein. „Mir wird eine gewisse Romantik nachgesagt”, klärt uns Robert breit grinsend auf. „Nicht alle meine Texte basieren auf persönlichen Erfahrungen, aber die Tatsache, dass ich sie alle selbst geschrieben und mich mit ihnen beschäftigt habe, macht sie letztendlich doch alle sehr persönlich.“ Das Schreiben von Texten war für den vielbeschäftigten Gitarristen eine neue Erfahrung. „Ich musste mich wirklich überwinden. Ich hatte Angst, manche Zeilen könnten zu kitschig sein, aber dann habe ich mir die Texte von Paul Stanley bewusst angehört und festgestellt, dass seine viel schnulziger sind.” Beim Schreiben lässt sich der Schwede von den Musikern inspirieren, die ihn schon eine lange Zeit begleiten. „Ich bewundere Tom Petty und Neil Young für ihre Songs und ich versuche, von ihnen zu lernen. Musikalisch betrachtet, findest du in meinen Songs all die anderen Bands, die ich mein Leben lang höre, z.B. Thin Lizzy, Kiss, The Doors und ich denke auch neuere Sachen wie etwa Nirvana oder Dinsaur JR.” Gern erinnert sich Robert an die Tage zurück, als er durch seinen Vater und dessen Brüder Led Zeppelin, The Who und ZZ Top entdeckte. Seine erste eigene Schallplatte war allerdings Ennio Morricones Soundtrack zu THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY. Pehrssons Musik zielt nicht darauf ab schneller, härter oder lauter als die der anderen zu sein. Es geht ihm allein um die Songs, in denen er sich zu Hause fühlt. Das Resultat ist sehr radiotauglich, ohne dabei in die Belanglosigkeit abzudriften. Ein wirklich besonderer Alleingang.

Ben Klein

Neuigkeiten zu: Moves like Jagger

0

mick jagger

ZEITZEICHEN

Moves like Jagger

Der bayerische Regisseur Werner Her- zog steckte mitten in den Vorbereitungen zum Film „Fitzcarraldo“ und Mick Jagger sollte den Gehilfen spielen, der assistiert, um im Urwald ein Opernhaus zu errichten. Außerdem war in der ersten Fassung Mario Adorf für die Rolle des Kapitäns engagiert worden. In Iquitos, mitten in Peru, starteten die Dreharbeiten am 1. Januar 1981. Jagger erreicht das Set in Begleitung seiner damaligen Freundin, dem Model Jerry Hall. „Zwei seiner Koffer sind nicht angekommen“, so schreibt Herzog in seinem Buch „Eroberung des Nutzlosen“, „doch Mick fuhr mit einem Taxi zu uns heraus, und weil der Fahrer ihn nicht die letzten hundert Meter durch die Schlammlöcher befördern wollte, fand ich ihn in der Dunkelheit in Smoking und Turnschuhen, wie er sich den Weg ertastete. Jagger erzählte, von Lachen geschüttelt, dass Schauspieler Jason Robards und Adorf ihm anvertraut hatten, sie hätten beide ihr Testament geschrieben, weil sie im Urwald arbeiten würden.“ Der halbe Film wurde mit diesen drei Hauptakteuren gedreht, auch wenn sich zu diesem frühen Produktions- Zeitpunkt schon die Widrigkeiten mehrten. Die südamerikanischen Mitarbeiter streikten, die Flüsse stiegen über die Ufer und das Regenwetter war fürchterlich. „Das Wasser stieg so hoch“, so Herzog weiter in seinen Arbeitsnotizen, „dass es durch die Bodenplattform meiner Hütte drang. Morgens, als ich in die klamme Hose fuhr, drehte ich ein Hosenbein um und ein Frosch sprang raus.“ Als die Tonleute irgendwo in Brasilien strandeten, half Jagger sogar als Chauffeur mit seinem Mietwagen aus, um die Schauspieler, die für die Nebenrollen besetzt waren, ins Hotel zu bringen. Außerdem waren Unfälle wie Schlangen- oder Moskitobisse beim Filmteam an der Tagesordnung. Doch es kam noch schlimmer. Nachdem Robards die Dreharbeiten wegen einer Lungenentzündung abbrechen musste, war guter Rat teuer. Als dann auch noch Adorf das Set verließ, weil er ein Anschluss-Engagement bei Rainer Werner Fassbinder für den Film „Lola“ hatte, musste ausgerechnet auch noch Mick Jagger weichen. Für ihn standen Tour- Verpflichtungen mit den Rolling Stones auf dem Plan. Doch die Losung „It’s only Fitzcarraldo, but I like it“ stand für Werner Herzog unverrückbar an erster Stelle. Er gab Klaus Kinski die Hauptrolle, strich den Jagger-Part aus dem Drehbuch und drehte noch mal von vorn. Dank der grenzenlosen Exzentrik von Kinski mehrten sich die Widrigkeiten in der zweiten Version dann noch einmal um ein Vielfaches.

Peter Hesse