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Start Blog Seite 1212

Auslese Kino

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only lovers left alive
Only Lovers Left Alive
Pandora/Start: 25.12.

Es bedarf keiner langen Vorrede, denn es sollte hinlänglich klar sein: Wenn Regisseur Jim Jarmusch sich den zuletzt breitenwirksam als Hämoglobin-Emos stilisierten Gruselgestalten der Vampire widmet, kommt dabei alles heraus, nur eben kein typischer Vampirfilm. Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) leben als Vertreter ihrer lichtscheuen Spezies bereits seit einigen Jahrhunderten unter den Menschen, denen sie keine große Achtung entgegenbringen. Zu hektisch, zu kopflos, zu laut und ungestüm empfindet das Paar sämtliche Vertreter der Spezies, deren Leben nur einen Wimpernschlag lang dauert, aber ausreicht, um den Niedergang aller guten und schönen Dinge dieser Welt voranzutreiben. Das Verhältnis seiner beiden Figuren zu Unsterblichkeit und Zeit verpackt Jarmusch in einen entsprechend bedächtigen und mäandernden Erzählfluß, mit dem er den Zustand schwerelosen Stillstands inmitten einer sich beschleunigenden Welt stimmig einfängt. Denn Adam und Eve sind zwar elegante, androgyne Gestalten der Nacht, sie wirken mit ihren Anspielungen auf verstorbene Literaten, Komponisten und Künstler jedoch wie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Da passt es vortrefflich, dass der introvertierte Adam seine Existenz als zurückgezogener und depressiver Rockmusiker fristet, während seine lebenshungrige Liebe Eve seine Einsamkeit spürt und zu ihm in die Staaten zurückkehrt. Gemächlich in seinem Erzähltempo, manchmal etwas platt in den augenzwinkernden Literaturreferenzen, dafür atmosphärisch in seinem lakonischen Jarmusch-Tonfall, entfaltet „Only Lovers left Alive“ besonders in der Dunkelheit eines Kinosaals seinen hypnotischen Reiz.

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Blau ist eine warme Farbe
Alamode/Start: 19.12.

Die Gefahr, dass man beim Kinobesuch dieses von allen Seiten gepriesenen Liebesdramas bereits im Kassenbereich auf einige schamesgerötete Bildungsbürger trifft, ist gegeben. Schließlich fährt die Geschichte der beiden jungen Frauen Adèle und Emma einige explizite Liebesszenen auf, die prüdere Zeitgenossen tief im Kinosessel versinken lassen. Doch Schockfaktor und Freizügigkeit der Freizügigkeit willen sucht man hier vergebens, denn Regisseur Kechiche geht es weniger um körperliche Enthüllung als um einen Seelenstriptease: Die universelle Anatomie der Liebe von erstem Begehren über Gefühls-High bis tiefem Schmerz wird seziert. Dass die Zeit dabei trotz einer Filmlänge von knapp drei Stunden immer noch zu kurz scheint und „Blau ist eine warme Farbe“ berauscht in die Nacht entlässt, ist eines der untrüglichen Zeichen großen Kinos. Dank Kechiches Tieftauchgang in die emotionalen Welten seiner Figuren und seinen zwei superben Darstellerinnen, ein absoluter Tipp!
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Beware Of Mr. Baker
NFP/Start: 19.12.

Sind die großen Mythen des Rock’n’Roll eben nur Mythen? Gut erfunden, lange ausgeschmückt und letztendlich nur eine aufgeblasene Version der tatsächlichen Ereignisse? Eric Clapton behauptet in der Dokumentation zum fabelhaften Mr. Baker, dass zumindest die Rocklegenden rund um den Ausnahmedrummer keinerlei Ausschmückungen bedürfen: Der gute Mann war halt einfach extremst auf der Trennlinie zwischen Genie und Wahnsinn geparkt. Diese Versprechungen eines Porträts des Skandalmusikers, der auf der Bühne und privat von unzügelbarer Energie getrieben schien, erfüllt die Dokumentation dann mit entsprechendem Verve. Zwischen künstlerischem Exzess bis privatem Scheitern reicht das umfassende Porträt des Cream-Schlagzeugers und zerrt dabei – wie so oft im Musik-Doku-Bereich – jede Menge Weggefährten für Kommentare vor die Kamera. Was schnell in einer ermüdenden Lobhudelei hätte münden können, zeigt sich erstaunlich intim und kritisch und fängt damit dessen bewegte Karriere packend ein, so dass selbst fachunkundige Zuschauer bestens unterhalten werden.

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A Touch Of Sin
Rapid Eye Movies/Start: 16.01.

Das große chinesisches Experiment der Deregulierung und des Turbokapitalimus samt Tempomat sind – wenn man den Film von Regisseur Jiang Zhangke so deuten darf – grandios gescheitert: Korruption, Gewalt, Hoffnungslosigkeit und die wachsende Kluft zwischen Zentrum und Peripherie bilden die thematischen Mittelpunkte der hier gezeigten Schicksale. Elektrisierend in seinen Bildern, komplex bis gewollt widersprüchlich in seiner Bestandsaufnahme, ist Zhangkes Blick der bis dato unverblümteste auf die aktuellen Verwerfungen im modernen China. Die Deutlichkeit, mit der Zhangke seine Kritik an den Zuständen eben nicht in vage Metaphern und Allegorien packt, sondern reale Schlagzeilen aus den Zeitungen als Ausgangspunkt seines Episodendramas nimmt, überrascht dann aber doch. Denn die Empörung und Wut des Filmemachers sind deutlich zu spüren, wenn er seine scharfe Kritik am spirituellen Ausverkauf des Landes in die Form eines fulminanten, mitreißenden modernen Epos bringt.

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Zusammengestellt von Gerhard Maier

Auslese Bücher

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Arno Frank Eser & Herbert Hauke
MANEGE FREI FÜR ROCK’N’ROLL: LEGENDÄRE ROCKGESCHICHTEN AUS DEM CIRCUS KRONE
Münchenverlag

Menschen, Tiere, Sensationen: der wahre Rock’n’Roll-Circus.

Wer am Mehrzweckhallencharme so vieler Rockkonzerte leidet, der sollte früher oder später dann doch mal ein Ticket nach München lösen, um seine Lieblinge in einzigartigem Ambiente zu erleben: im Circus-Krone-Bau. Der ist nicht nur schön, sondern auch noch von pophistorischem Odem umweht, denn hier haben sie alle gespielt, die Großen, Wichtigen und Legendären, ob The Beatles oder Led Zeppelin, The Rolling Stones, Pink Floyd oder Bob Marley. 1962 neu aufgebaut, dröhnte schon ein Jahr später erstmals Rock’n’Roll durchs Rund, dank Tony Sheridan und Chubby Checker, ein Ende ist erfreulicherweise nicht abzusehen. Doch nach rund 50 Jahren darf man Zwischenbilanz ziehen, und genau das tun die Autoren Arno Frank Eser und Herbert Hauke in ihrer 150-seitigen Anekdoten- und Bildersammlung. Die ist historisch wertvoll, unterhaltsam und mit Liebe zum Detail zusammengestellt: eine wahre Fundgrube, die auch die notorisch schwer zu beeindruckende „Seen-it-all“-Fraktion begeistern dürfte. Einziger kleiner Kritikpunkt: Die Auflistung zum Schluss ist nicht ganz komplett, Rory Gallagher wird ebenso unterschlagen wie Johnny Winter. Die waren aber beide zu Gast im Rock’n’Roll-Circus. Ich schwöre!

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Uwe Schleifenbaum

Mick Wall
BLACK SABBATH – SYMPTOM OF THE UNIVERSE
Orion

Ehrliches Werk über die Metal-Ikonen.

Litertaur über Black Sabbath gibt es zuhauf. Man kann jedoch behaupten, dass „Symptom Of The Universe“ eine der ehrlichsten Abhandlungen über diese Band ist. Dies beweist schon der erste Satz: „They were scum and they knew it“ („Sie waren Abschaum und wussten das auch.“). Die unverblümte Wahrheit steht im Zentrum, dabei ist Mick Wall jedoch niemals wertend, sondern zeigt einfach die Tatsachen auf, wie sie waren und sind. Er beginnt mit den Anfängen der Musiker, die im Nachkriegs-Birmingham aufwuchsen, einem Ort, an dem es wenig Hoffnung und Zukunft gab. Viele rutschten in die Kriminalität ab, auch Black Sabbath waren furchterregende Gestalten. So galt Iommi als harter Hund mit Fäusten aus Stahl, Ozzy war schon damals auf Speed und schlachtete am Abend bis zu 250 Rinder, um über die Runden zu kommen. Wall nimmt kein Blatt vor den Mund, lässt keine ikonische Heldenverehrung zu. So beschreibt er etwa, wie Iommis starker Wille und Starrsinn die Band zwar an die Spitze brachte, jedoch auch für ihren Absturz verantwortlich war. Ein sehr gutes Buch, dass einen sehr menschlichen Blick auf die Musiker wirft.

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Simone Bösch

Neuigkeiten zu: The Strypes

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the strypes 2013 2 - CMS Source
Rebellion gegen schlechte Musik

Erstaunlich, wie abgeklärt die blutjungen Iren mit dem Medien-Hype umgehen, der momentan um sie tobt. „Darüber denken wir nicht nach! Für uns sind Medien Teil des Jobs“, meint Evan Walsh (17) reichlich abgeklärt. The Strypes sind jünger als die momentane Teenie-Sensation One Direction und spielen derben Rhythm‘n‘Blues, wie man ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat. Den Bandnamen wählten sie als Reminiszenz an klassische Acts, die ihren Namen ebenfalls falsch buchstabierten, wie etwa The Byrds und Led Zeppelin. „R‘n‘B hat uns auf Anhieb gefallen. Wir haben uns immer in meinem Haus getroffen, um zu jammen“, erzählt der Schlagzeuger. „Unsere Eltern sind ebenfalls musikbegeistert, wir wählten einfach das Material aus ihrer Plattensammlung aus, das uns am stärksten beeindruckte. Diese Musik springt dich an! Wenn dir Rock‘n‘Roll nicht gefällt, ist etwas falsch mit dir!“ Aber sollten Jugendliche nicht gegen ihre Eltern rebellieren? „Wir rebellieren gegen die schlechte Musik, die jungen Leuten von den Medien aufgezwungen wird, all den künstlichen Pop und Syntheziser-Müll“, antwortet Evan entwaffnend.

Besonders die englischen Pubrockbands der 70er Jahre haben es den Junioren angetan, der eloquente Trommler nennt Größen wie Dr. Feelgood, Rockpile, Eddie & The Hot Rods. Über diese fanden sie deren Vorbilder wie Stones, Kinks, Animals und Yardbirds, über die sie wiederum zu den Urhebern dieses Sounds gelangten, zu Pionieren wie Muddy Waters, Willie Dixon, Chuck Berry und Bo Biddley. Strypes-Frontmann Ross Farelly, der 2013 noch zur Schule gehen musste, verfügt über eine raue Röhre und spielt dazu eine schmissige Mundharmonika. Pete O‘Hanlon hält den Bass hoch über der Brust wie John Entwistle, Evan Walsh ergreift seine Drumsticks im „traditional grip“ der Jazzer. Dazu haben sie einen Look wie die Yardbirds, mit halblangen Frisuren, tiefschwarzen Sonnenbrillen und engen Anzügen. „Wir gucken uns unsere Vorbilder auf YouTube an“, berichtet Walsh begeistert. „In einem Metallica-T-Shirt auf die Bühne zu gehen, sieht doch einfach scheiße aus!“

Nach einigen EPs erschien vor kurzem ihr Debütalbum SNAPSHOT, das ihnen Mengen prominenter Fans einbrachte. The Strypes eröffneten für prestigeträchtige Künstler wie Paul Weller und Arctic Monkeys. Noel Gallagher und Jeff Beck pilgerten zu ihren Gigs, von denen sie inzwischen schon dreihundert Stück absolviert haben. Und Elton John nahm sie für seine Managementfirma unter Vertrag.

„Diese Promis gaben uns keine Ratschläge, stattdessen redeten wir vor allem über Musik. Für uns sind das ganz normale Menschen“, wehrt Walsh ab. „Elton John sagte später in einem TV-Interview mit Dave Grohl, dass wir mehr über Blues wüssten als er. Das hat uns umgehauen…“

Henning Richter

Auslese Vinyl

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Faith No More Introduce Yourself
Faith No More
INTRODUCE YOURSELF/THE REAL THING/KING FOR A DAY, FOOL FOR A LIFETIME
Music On Vinyl/Cargo

Auf Nummer sicher gehen oder ein Leben lang ein Idiot bleiben?

Als Ende der 80er Jahre die Tage des Hairspray-Metals gezählt sind, weil Grunge und Crossover dominant übernehmen, dürfen sich auch fünf Jungs von der Westküste gegenseitig gratulieren: Halfen Faith No More doch tatkräftig mit, dass sich aus dem lokalen Trend ein weltweiter Boom entwickelte. Lange genug ausgehalten hatte das 1981 aus der Taufe gehobene Ensemble aus San Francisco, das landauf und landab in jeder beschissenen Kaschemme spielte, bis sich die Lokalitäten langsam aber sicher vergrößerten. Richtig funktioniert hat das mutige Konzept aus Metal, Funk, Rock, Rap und Experiment aber erst, als 1989 auf THE REAL THING statt Chuck Mosley Mike Patton das Mikrofon übernahm. Der noch etwas ungelenk produzierte Vorgänger INTRODUCE YOURSELF von 1987 hatte mit dem Hit ›We Care A Lot‹ aber immerhin einen Achtungserfolg erzielt. Vor allem im Ausland: Großbritannien und Australien fanden als erste Gefallen am noch etwas kruden Genre-Mix. Mit THE REAL THING änderte sich schlagartig alles. Immens erfolgreiche Auskopplungen (›Epic‹, ›From Out Of Nowhere‹, ›Falling To Pieces‹) warf der weltweite Platinverkaufshit ab und wartete auch noch listig mit einer Coverversion von Black Sabbath auf: ›War Pigs‹. 1995 hatte sich das Blatt schon wieder gewendet: LIVE AT THE BRIXTON ACADEMY, das Studiowerk ANGEL DUST und die unglaublich lässige Version ›Easy‹ von The Commodores sind schon wieder abgehakt. KING FOR A DAY… FOOL FOR A LIFETIME erweist sich als eigenwillig exotisches Experiment ohne signifikanten Hit. ›Ricochet‹, ›Evidence‹ und ›Digging The Grave‹ bleiben als Auskopplungen irgendwo im Mittelfeld kleben. Trotzdem ein überaus interessantes Übergangswerk, das seine Momente hat: Da wippt elegant das lateinamerikanische ›Caralho Voador‹, swingt das großorchestrierte ›Star A.D.‹, zieht einen die Trinkerballade ›Take This Bottle‹ mächtig runter, tritt einem der manische Titelsong in die Klöten und das hartmetallische Manifest ›The Gentle Art Of Making Enemies‹ sprüht geradezu vor schwarzem Humor.

INTRODUCE YOURSELF:
5
THE REAL THING:
10
KING FOR A DAY, FOOL FOR A LIFETIME: 7

Booker T. & The MG’s
AND NOW!/DOIN‘ OUR THING
Music On Vinyl/Cargo 18.12.

Wir machen unser Ding: Vom zufälligen Clubhit zum Legendenstatus.

Kaum zu glauben, aber wahr: ›Green Onions‹, instrumentaler Tanzflächen-füller der Prä-Beatles-Ära, der längst zu den Evergreens zählt und bis heute Einsatz in TV-Werbespots und Kinofilmen findet, kam als reines Zufallsprodukt in einer Studiopause zustande: Keyboarder Booker T. Jones, Gitarrist Steve Cropper, Bassist Lewie Steinberg und Drummer Al Jackson Jr. warfen sich gegenseitig die Bälle zu und fertig war die Laube. Es war der Start eines ereignisreichen Nebenjobs für sämtliche Beteiligte, die eigentlich in der Studioszene von Memphis Soul-Interpreten wie Wilson Pickett, Carla Thomas, Otis Redding und Sam & Dave begleiteten. Binnen Monaten emanzipierte sich die Booker T. & The MG’s getaufte Truppe und erspielte sich im Laufe von Dekaden schließlich Legendenstatus. Bis in die zweite Hälfte der 70er Jahre lieferte das Quartett kontinuierlich Alben. Als AND NOW! im Herbst 1966 auf den Markt kommt, ersetzt Bassist Donald „Duck“ Dunn endgültig Lewie Steinberg. Steve Croppers mit Wilson Pickett co-komponiertes Soulmanifest ›In The Midnight Hour‹, Rudy Toombs Jazzklassiker ›One Mint Julep‹ und das quirlige Eigengewächs ›Soul Jam‹ werten die vom typischen Hammondorgel-Klangzauber der MG’s getragene Produktion auf. George Gershwins ›Summertime‹ gerät zur melancholischen Schwelgerei. Lee Dorseys ›Working In A Coal Mine‹ swingt ebenso lässig wie Les Browns Standard ›Sentimental Journey‹. Im eleganten Latin-Jazz-Arrangement funktioniert ›My Sweet Potato‹. Um den Anschluss an die Beat- und Psychedelic-Welle nicht zu verpassen, setzen Booker T & The MG’s 1968 mit DOIN’ OUR THING auf Zeitgemäßeres: Selbstkomponiertes wie ›I Can Dig It‹ und ›Blue On Green‹ besitzen abermals gewaltiges Diskothekenpotenzial. Sonny & Chers ›The Beat Goes On‹, Bobbie Gentrys ›Ode To Billie Joe‹ und ›You Keep Me Hanging On‹ von The Supremes tragen dem Zeitgeist Rechnung.

AND NOW!:
8
DOIN’ OUR THING:
8

J.J. Cale
TROUBADOUR
Analogue Productions

Der knorrige Troubadour mit dem Überhit.

Neil Young wusste den Meister des gepflegt virtuosen Spiels und lässig vernuschelten Gesangs noch kurz vor dessen Tod im Alter von 74 Jahren zu würdigen: „Von sämtlichen Musikern, die ich im Laufe meines Lebens gesehen und gehört habe, sind Jimi Hendrix und J.J. Cale die mit Abstand besten Gitarristen“. Wirkliche Anerkennung wurde dem „Schweiger aus Tulsa“, ein übrigens ebenso dämliches Etikett wie das von George Harrison , der stets als der „schweigsame Beatle“ galt, nur bedingt und in unregelmäßigen Intervallen zuteil. Mit seinem vierten Album TROUBADOUR von 1976 erzielte der begehrte Studiomusiker erstmals auch außerhalb seines Heimatlandes größere Aufmerksamkeit – ein einmal mehr Eric Clapton zu verdankender Umstand. Nach Claptons Version von Cales ›After Midnight‹ auf seinem selbstbetitelten Debüt von 1970 spielte er nun auch noch dessen ›Cocaine‹ für SLOWHAND ein – ein Welthit für Clapton, der aber erstaunlicherweise Cales Version nach sich zog, damit für weltweit vernünftige Umsätze von TROUBADOUR sorgte und ihm auch in Deutschland den Durchbruch bescherte. Bis auf Sonny Curtis’ ›I’m A Gypsy Man‹ stammen die restlichen elf Songs sämtlich aus der Feder des ewig unrasierten kleinen Mannes mit der übergroßen Aura. Ein Werk wie aus einem Guss, das mit Kleinoden wie ›You Got Something‹, ›Ride Me High‹, ›The Woman That Got Away‹ und ›Let Me Do It To You‹ den Grundstein für den späteren Americana-Boom legte. Keiner knurrt so herzzereißend ›You Got Me On So Bad‹ wie J.J. Cale. Clapton, der mit ›Cocaine‹ einen seiner größten Erfolge erzielte, blieb Cale ein Leben lang treu: Er lud ihn immer wieder zu seinem alljährlichen Festival CROSSROADS, spielte aber auch ›Travelin’ Light‹ von TROUBADOUR selbst 2001 für sein Album REPTILE ein.

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Can
CAN VINYL BOX
Spoon Records/Rough Trade

Experimentelles aus der Dose: 17-teilige LP-Kollektion von Deutschlands visionärem Ausnahmeensemble.

Preise im bis zu vierstelligen Bereich erzielen die Vinyl-Originale heutzutage je nach Erhaltungszustand. Im wahrsten Sinne des Wortes Raritäten also – denn allzu viele Exemplare setzte das 1968 von Keyboarder Irmin Schmidt und Bassist Holger Czukay in Köln gegründet Experimentalkollektiv, das sich mit Gitarrist Michael Karoli, Schlagzeuger Jaki Liebezeit und schließlich Vokalist Malcom Mooney komplettiert, zumindest anfänglich nicht ab. Insgesamt 17 Scheiben im Originalcover vereinen sich unter Zugaben wie Poster und Booklet in der CAN VINYL BOX: MONSTER MOVIE setzt 1969 – zeitgleich wie die Münchner Kollegen von Amon Düül II – auf experimentelle Improvisation an der Schnittstelle zwischen Rock, Blues, Soul, Funk, Jazz, World, Avantgarde und Psychedelic. Doch im Gegensatz zu den Düüls speist sich der künstlerische Output von Can mehrheitlich aus professioneller Ausbildung am Konservatorium. ›Yoo Doo Right‹, ein auf 20 Minuten editiertes Sechsstundenoriginal, entwickelt sich zum Tanzfavoriten in Underground-Diskotheken. Auf SOUNDTRACKS sammeln sich 1970 stimmige Auftragskompositionen für Film- und TV-Produktionen. Mooney, schwierig im persönlichen Umgang, verewigt sich noch einmal auf ›Soul Desert‹ und ›She Brings The Rain‹ – den Rest übernimmt der Neuzugang, Straßenmusikus Kenji „Damo“ Suzuki. Das Doppelwerk TAGO MAGO entsteht wie die beiden Vorgänger auf Schloss Nörvenich nahe Köln, wo die Truppe kostenlos lebt, wohnt, aufnimmt und experimentiert – Mäzenatentum macht’s möglich: dem Kunstsammler Christoph Vohwinkel sei Dank. Can verewigen sich in Überlänge: ›Halleluhwah‹ stößt an die 20-Minutenmarke, ›Aumgn‹ liegt nur wenig drunter und ›Peking O‹ bringt es auf immerhin noch fast 720 Sekunden. Da wirkt der relativ strukturierte Opener ›Paperhouse‹ mit gerade mal 7.28 Minuten fast schon kurzatmig. Der Durchbruch erfolgt hierzulande 1972 mit EGE BAMYASI, entstanden im nunmehr hauseigenen Inner Space Studio in Weilerswist. Möglich macht den Erfolg vor allem die Singleauskopplung ›Spoon‹, Themenmelodie des dreiteiligen TV-Krimistraßenfegers „Das Messer“, die sich mehr als 300.000 mal verkauft. Mehrheitlich in ätherischen Ambientwolken schwebt indes 1973 FUTURE DAYS, als Ausnahme fungiert die Single ›Moonshake‹. Auf SOON OVER BABALUMA, das noch tiefer Ethnoklänge auslotet, übernehmen sowohl Irmin Schmidt als auch Michael Karoli die Sangespflichten vom ausgeschiedenen Suzuki. Ein flotter Richtungswechsel erfolgt 1975 auf LANDED: Kurz, knackig und verrockt empfehlen sich ›Full Moon On The Highway‹ und das TV-Serien-Thema ›Hunters And Collectors‹. Einmal mehr bedient sich die Band bei Folkloristischem. Exotische Schwelgereien leisten sich Can im 13-minütigen ›Unfinished‹. Abermals ein neues Kapitel schlägt FLOW MOTION 1976 auf: Die Singleauskopplung ›I Want More‹, von einem englischen Musikkritiker spöttisch „Funk-Sauerkraut“ genannt, platziert sich gar in den UK-Charts. Mit Fortsetzung auf der B-Seite ›…And More‹ nehmen Can das Konzept der Talking Heads um REMAIN IN LIGHT vorweg.

›Smoke (E.F.S. No. 59)‹ zündet visionär im Prä-Techno-Rausch. Reggae-Rhythmen beginnen zu dominieren. In erweiterter Besetzung mit ehemaligen Mitgliedern von Traffic, Bassist Rosko Gee und Perkussionist Rebop Kwaku Baah, entsteht 1977 SAW DELIGHT. Das Konzept umfasst nun World Music mit Schwerpunkt Lateinamerika, Afrika und Fernost im Jazz-Kontext. Reduziert auf Elektronisches, zieht Holger Czukay 1978 die Konsequenzen: OUT OF REACH oszilliert unentschieden zwischen Latin Jazz, Club Disco und frühen Can. Mit dem fade geratenen CAN haucht das wichtigste deutsche Experiment seit Karlheinz Stockhausen 1979 sein Leben vorerst aus. Erst zehn Jahre später vereint sich das Kernquartett erneut mit Ursänger Malcolm Mooney auf RITE TIME. Durch zeitlose Produktionsstile schließt das zwölfte und finale Werk nahtlos an MONSTER MOVIE an. Archivauswertungen liefern DELAY 1968 und das doppelte UNLIMITED EDITION mit jeder Menge Unveröffentlichtem. CAN LIVE, ein Mitschnitt von 1975 in der Sussex University, blieb bislang ebenfalls unveröffentlicht.

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Eagles
THE STUDIO ALBUMS 1972-1979
Elektra/Warner

Bitte noch einen Tequila Sunrise: sechs Cowboy-Imitationen, die die Welt eroberten.

Für immerhin ein Jahrzehnt gilt die amerikanische Formation mit der Freiheit assoziierenden Namensme-tapher als Inbegriff des modernen American Way Of Life. Aber auch als typisches Beispiel für die Gigantomanie jener hedonistischen Ära. Mit kompakter Virtuosität – jedes Mitglied spielt mehrere Instrumente, singt und komponiert astrein – sowie einer Fusion aus Bluegrass, Country, Folk, Pop und Rock’n’Roll definieren die von Gitarrist Glenn Frey und Schlagzeuger Don Henley geleiteten Eagles den Rock-Mainstream der Post-Hippie-Ära. Ein erstaunlich flexibles Repertoire, wie das liebevoll in originalen Coverrepliken sowie mit einigen Überraschungsextras aufbereitete THE STUDIO ALBUMS 1972-1979 demonstriert. Im Popmekka London unter der Ägide von Produzent Glyn Johns entsteht 1972 das selbstbetitelte Debüt mit den veritablen Hitsingles ›Take It Easy‹, ›Witchy Woman‹ und ›Peaceful Easy Feeling‹. Ein Traumstart zwischen rustikalen Wurzeln, Pop-Ohrwürmern und unüberhörbaren Reminiszenzen an die Väter des Country-Rock: The Byrds, Poco, Flying Burrito Brothers und natürlich Gram Parsons. Neun Monate später setzt sich das durch den ehemaligen Burrito-Brother Bernie Leadon sowie Ex-Poco Randy Meisner komplettierte Urquartett mit der epischen Westernoper DESPERADO über die legendäre Doolin-Dalton-Gang selbst ein Denkmal. Hymnen wie ›Tequila Sunrise‹ und ›Outlaw Man‹ avancieren zu Fanfavoriten. Konzessionen an den Popmarkt macht 1974 ON THE BORDER. Neu an Bord befinden sich der multitalentierte Don Felder und Produzentenass Bill Szymzyk, der sich die Arbeit mit Glyn Johns teilt. ›James Dean‹ und ›Already Gone‹ fungieren als Auskopplungen. Für ›Best Of My Love‹ winkt gar eine Grammy-Nominierung. Noch griffiger gelingt ein Jahr später das von Szymzyk alleine betreute ONE OF THESE NIGHTS. Mit weniger Country Rock, aber gerade noch soviel Integrität zwischen dezenten Funkschüben im Titelsong, balladesker Popkompatibilität (›Take It To The Limit‹) und intensivem FM-Rock (›Lyin’ Eyes‹), dass es nicht die Basisfangemeinde vergrätzt. Ein Umstand, der mit dem mehr als 32 Millionen mal verkauften HOTEL CALIFORNIA inklusive dreier Singlesrenner (u.a. ›Life In The Fast Lane‹, ›New Kid In Town‹) und Joe Walshs Rekrutierung für den zermürbten Bernie Leadon ad absurdum geführt wird. Es ist ein unverblümt artikuliertes Konzeptwerk über den Verdruss an der oberflächlichen Wegwerfgesellschaft des Westküstensonnenstaates. Mit Ex-Poco Timothy B. Schmitt als Ersatz für Randy Meisner meistert das finale Gruppenepos THE LONG RUN 1979 nahtlos den Übergang vom Hippie-Cowboy zum Yuppie-Millionär. Zwischen paranoidem Kokainwahn, Wille zum Experiment und internen Querelen gelingt ein facettenreiches Werk abseits gewohnter Klischees, das den Hitvorgänger mit gezielter Hard-Rock-Tendenz auch noch kräftig ironisiert.

9

The Godfathers
BIRTH, SCHOOL, WORK, DEATH/MORE SONGS ABOUT LOVE AND HATE
Red Label/SPV

Kurz und knackig: mit essenzieller Rockformel gegen die Monotonie des Lebens.

Nomen est omen: Als das Londoner Ensemble mit messerscharfem Rock’n’Roll und R&B gegen den Trend der wavigen Frühachtziger anspielte, nannte es sich hintersinnig The Sid Presley Experience. Doch erst als sich Sänger Peter Coyne, Bassist Chris Coyne, Schlagzeuger George Mazur sowie die Gitarristen Mike Gibson und Kris Dollimore nach jenem Roman von Mario Puzo benannten, der es unter der Regie von Francis Ford Coppola auch zur legendären, mehrteiligen Hollywoodverfilmung brachte, horchte die Welt auf – zumindest einige Minuten lang: The Godfathers. Mit dem ansprechenden Indie-Debüt HIT BY HIT von 1986 passierte recht wenig, doch das zwei Jahre später auf Epic veröffentlichte BIRTH, SCHOOL, WORK, DEATH zündete mit Bravour, angeschoben vom packenden Titelsong, der uns Menschen den ganzen Irrsinn unseres täglichen Daseins von der Geburt bis zum Tod mit voller Wucht entgegen knallt. Es sind elf granitharte Rockhymnen ohne einen einzigen schwachen Moment. Mal mit verwegenen psychedelischen Klangspielereien (›When Am I Coming Down‹), mal mit ultrageradlinigem Schmackes (›’Cause I Said So‹) verabreicht, dass sich die wiedervereinigten New York Dolls Dekaden später gar an eine Coverversion wagten. Wer an sich abgeschmackten Boogie-Rhythmus so verführerisch wie in ›The Strangest Boy‹ zum Einsatz bringt, müsste eigentlich Einzug halten in die Rock’n’Roll Hall Of Fame. Doch so viel Glück war den Paten leider nicht beschieden. Trotz adäquatem Nachfolger MORE SONGS ABOUT LOVE AND HATE ein Jahr später, auf dessen wunderbarem Cover sich leicht verfremdet die beiden Streithähne und Saufkumpane Elizabeth Taylor und Richard Burton tummeln. ›She Gives Me Love‹, ›Pretty Girl‹ und ›This Is Your Life‹ zapfen Energie aus der gleichen unversiegbaren Quelle, aus der sich einst schon The Pretty Things und Dr. Feelgood ausgiebig bedienten. Zu tiefsinnigen Analysen (›Life Has Passed Us By‹) gelangt das Quintett ebenso wie zur fabelhaften Hommage im ›Walking Talking Johnny Cash Blues‹.

BIRTH, SCHOOL, WORK, DEATH: 8
MORE SONGS ABOUT LOVE AND HATE: 9

The Jesus And Mary Chain
THE COMPLETE VINYL COLLECTION
Demon Records/Soulfood

Glücklich, wenn es regnet: 11-LP-Box zum runden Jubiläum.

Legendenstatus bedeutet nicht unbedingt hohe Umsatzzahlen – The Velvet Under-ground dienen da als eindrucks-
volle Beispiele. Nahezu unbegrenzte Übertragungsfähigkeit auf nachfolgende Musikergenerationen zahlt sich langfristig dann aber doch aus. Bewusst als Neuauflage von The Velvet Underground inszeniert sich die 1983 aus der Taufe gehobene schottische Formation The Jesus And Mary Chain um das verhaltensauffällige Brüderpaar Jim und William Reid. Zum 30. Bandjubiläum fassen sich nun sämtliche Studiowerke mit einigen Überraschungen in THE COMPLETE VINYL COLLECTION zusammen: Rasch zu Idolen der damaligen Gegenkultur avanciert die Band 1985 mit dem grandiosen Meilenstein PSYCHOCANDY, der auch Lou Reeds Sinnesattacke METAL MACHINE MUSIC zitiert. Mit hohem Suchtfaktor verändern Hymnen wie ›Just Like Honey‹, ›Never Understand‹, ›Some Candy Talking‹ und ›You Trip Me Up‹ den Brit-Pop nachhaltig. Wo viel Licht hinfällt, lauern dunkle Schatten – der schwierige Nachfolger DARKLANDS ein Jahr später führt beinah zur Trennung. Substanziell überzeugt das Material dennoch: Vom wetterwendischen ›April Skies‹ über den wuchtigen Titelsong bis hin zur coolen Depressions-Ode ›Happy When It Rains‹. Die nur im Duo getätigte Produktion AUTOMATIC fällt 1989 in der Qualität hingegen deutlich ab. Mit einem Zuviel an elektronischem Schnickschnack aus pumpendem Synthesizer-Bass, flirrendem Keyboard-Pomp und blechernem Schlagzeug-Computer verspielt das immer mal wieder öffentlich streitende Brüderpaar beinahe seine Reputation. Als Anspieltipp taugt immerhin ›Blues From A Gun‹. Erneut auf hohem Niveau, allerdings unter stilistisch veränderten Vorzeichen, präsentiert sich das Reid-Duo 1992 mit HONEY’S DEAD, einer sarkastischen Anspielung auf den eigenen Klassiker ›Just Like Honey‹. Wegen der kontroversen Zeile „I want to die just like JFK… I want to die just like Jesus Christ“ bannt die BBC-TV-Show Top Of The Pops die Singleauskopplung ›Reverence‹.

Ursprünglich als reines Akustikkonzept, aber wieder im Bandkontext mit Multiinstrumentalist Ben Lurie und Schlagzeuger Steve Monti angedacht, zeigt sich STONED & DETHRONED zwei Jahre später. Doch nach monatelanger Tüftelei schleichen sich dann doch E-Gitarren ins luftige Pop-Konzept, wenn auch ohne Rückkopplungsgeheul. Als Gäste fungieren Shane MacGowan von The Pogues (›God Help Me‹) und Hope Sandoval (›Sometimes Always‹). Mit dem finalen MUNKI verabschieden sich die zerstrittenen Brüder 1998 mit einem zwar nicht spektakulären, aber doch überdurchschnittlichen Werk – allerdings getrennt voneinander eingespielt. Reichlich zermürbt von den Mechanismen des Musikgeschäfts zeigt sich William Reid in ›Commercial‹, ›Cracking Up‹ und ›I Hate Rock’n’Roll‹. Gelöster agiert Bruder Jim im Gegenstück ›I Love Rock’n’Roll‹ und der Hommage an VU-Schlagzeug-Ikone ›Mo Tucker‹. Komplettiert wird die elfteilige Kollektion durch die Doppel-LP THE BBC SESSIONS, die Konzertaufzeichnung LIVE IN CONCERT und einer von der Fangemeinde ausgesuchten Scheibe mit B-Seiten und Raritäten.

9

Marillion
SOUNDS THAT CAN’T BE MADE
Ear Music/Edel

Es gibt eben nichts, was es nicht gibt: von unsichtbarer Tinte, glücklichem Mensch und dem Himmel über dem Regen.

Nicht kleckern, sondern klotzen! Mit einem wahren Tornado von Song-Suite samt kontroverser Botschaft eröffnet die britische Progressiv-Rock-Institution ihr 17. Studiowerk: ›Gaza‹, ein mit reichlich Finesse inszeniertes Stück Musik von knapp 18 Minuten mit diversen Tempo- und Stimmungswechseln, nimmt sich jene Kinder zum Thema, die im gleichnamigen Landstrich in Palästina aufwachsen müssen. In der Betrachtung textlich zwangsläufig etwas einseitig geraten, aber nichtsdestotrotz ein eindrucksvolles und mit jeder Menge Überraschungen gespicktes Klangerlebnis. Wie sich eigentlich sämtliche acht Songs des mit knapp 75 Minuten Spielzeit gesegneten Doppelalbums über den Durchschnitt erheben. Gleich zwei weitere Eckpfeiler des mit aufklappbarem Cover von Simon Ward ausgestatteten Werks weisen Überlänge auf: ›Montréal‹ schlägt immerhin mit 14 Minuten zu Buche, ›The Sky Above The Rain‹ kommt auf knapp elf Minuten. Also sicherlich ganz nach dem Geschmack der weltweiten Fangemeinde, die seit dem Platindebüt SCRIPT FOR A JESTER’S TEAR von 1983 der Formation die Treue hält und es auch sechs Jahre später ohne Murren hinnahm, dass der doch etwas selbstverliebte Peter-Gabriel-Klon Fish sein Mikrofon an Steve Hogarth übergab. Schlicht in klassischer Marillion-Manier tönt der Titelsong. Melancholisch Verträumtes für die Zeit zwischen Mitternacht und frühem Morgen liefern schließlich ›Pour My Love‹, ›Invisible Ink‹ und ›Lucky Man‹.

7

Bob Marley & The Wailers
BEST OF THE UPSETTERS SINGLES 1970-72
Cleopatra

Essenzieller Stoff: auf dem Weg zum internationalen Durchbruch.

Allgegenwärtig ist das Erbe des 1981 verstorbenen Bob Marley: Als erster Rock-Superstar der Dritten Welt verinnerlichte er sich unsterblich im kollektiven Popbewusstsein und machte den Reggae international hoffähig. Doch bevor Chris Blackwell, seinerzeit Chef des damals größten britischen Indie-Labels Island, den kämpferischen Weltverbesserer mit eigens in London neu abgemischten Meilensteinen wie CATCH A FIRE, BURNIN’, NATTY DREAD und RASTAMAN VIBRATION den westlichen Musikkonsumenten schmackhaft machte, konnte die noch mit Peter Tosh und Neville „Bunny Wailer“ Livingstone sowie Aston „Family Man“ Barrett und dessen Bruder Carlton besetzten Wailers schon auf reichlich Veröffentlichungen im jamaikanischen Heimatland zurückblicken. BEST OF THE UPSETTERS SINGLES 1970-72 kompiliert in detailgetreuer Ausstattung im ursprünglichen Coverdesign und ausführlichem Booklet sieben Vinyl-Single-Originale, die Bob Marley & The Wailers damals mit der heute noch aktiven Produzentenlegende Lee „Scratch“ Perry einspielten: Nach dem Durchbruch der Wailers 1973 galten die 45er ›My Cup‹/›Duppy Conqueror‹, ›Mr. Brown‹/›Dracula‹, ›Man To Man‹/›Necoteen‹, ›Kaya‹/›Kaya Version‹, ›Small Axe‹/›All In One‹, ›More Axe‹/›The Axe Man‹ und ›Keep On Moving‹/›African Herbsman‹ als Vernachlässigbares aus der Vorerfolgsphase. Schlicht unfassbar! Verkörpert doch ausgerechnet jenes Material auf ursprüngliche Weise die Essenz des noch jungen Reggae-Genres, bevor Blackwells Studiomusiker Hand anlegten und den Sound auf westliche Hörgewohnheiten trimmten. Jedenfalls klangen The Wailers nie authentischer als in jener Phase.

9

Nazareth
CLOSE ENOUGH FOR ROCK AND ROLL/PLAY’N’THE GAME/EXPECT NO MERCY /NO MEAN CITY
Music On Vinyl/Cargo

Nazareths Kreativschaffen in der zweiten Hälfte der 70er Jahre.

Ausgerechnet mit Steh-Blues-Balladen wie ›Love Hurts‹ und ›Dream On‹ manifestierten sich Nazareth im kollektiven Rock-Langzeitgedächtnis. Dass das schottische Quartett auch reibungslos an der Schnittstelle zwischen Led Zeppelin, Uriah Heep und Deep Purple auf der einen, aber auch T. Rex, Slade und Sweet auf der anderen Seite funktionierte, demonstrieren vor allem die zehn Alben der 70er Jahre – die letzten vier liegen nun auf Vinyl vor: Kantig schroff kontern Vokalist Dan McCafferty, Gitarrist Manny Charlton, Bassist Pete Agnew und Schlagzeuger Darrell Sweet 1976 die Punk-Revolution: CLOSE ENOUGH FOR ROCK’N’ROLL stürmt mit der vierteiligen Suite ›Telegram‹, ›Vancouver Shakedown‹ und ›Born Under The Wrong Signs‹ die Barrikaden. Nicht minder auf die Tube drückt noch im gleichen Jahr PLAY’N’THE GAME, ein Blick zurück mit geschmackvoll interpretierten Covern von ›Wild Honey‹ (Beach Boys), ›I Want To (Do Everything For You)‹ (Joe Tex), ›Down Home Girl‹ (von Leiber/Butler, das einst schon die Stones interpretierten!), ›I Don’t Want To Go On Without You‹ (Bert Berns) sowie Selbstgestricktem mit reichlich Schmackes. Ebenfalls den Härtetest der Zeit bestanden hat EXPECT NO MERCY (’77): Jack Nitzsches Beitrag ›Gone Dead Train‹ für den Soundtrack des Kinoklassikers „Performance“ mixt sich mit herben Krachern aus eigener Züchtung und bedient sich auf der Hülle erstmals martialischer Fantasy-Art-Work. In verändertem Line-Up präsentieren sich Nazareth 1979 mit NO MEAN CITY – inspiriert von gleichnamiger Novelle der Glasgower Autoren Alexander McArthur und H. Kingsley Long: Gitarrist Zal Cleminson, ehemals Sensational Alex Harvey Band, liefert sich mit Mannie Charlton virtuose Duelle auf einem Album aus einem Guss.

CLOSE ENOUGH FOR ROCK AND ROLL:
7
PLAY’N’THE GAME:
7
EXPECT NO MERCY:
7
NO MEAN CITY:
7

The Ramones
IT’S ALIVE
Music On Vinyl/Cargo

Klebstoffschnüffeln, Elektroschocktherapie und Lobotomie unter Teenagern: Wir sind eine glückliche Familie!

Vier Alben zwischen April 1976 und September 1978 etablierten The Ramones als flexible Truppe der noch jungen Punk-Ära. Doch als Punks bezeichnete sich das New Yorker Quartett eigentlich nicht: „We thought we were a bubblegum band… there was no punk movement“, beschreibt Sänger Joey Ramone die Produktion des Debüts THE RAMONES. Die seinerzeit mit Gitarrist Johnny Ramone, Bassist Dee Dee Ramone und Schlagzeuger Tommy Ramone komplettierte Band hatte sich wohl oder übel damit abgefunden, Speerspitze einer Bewegung zu sein, als im April 1979 der erste Konzertmitschnitt der rasanten Truppe vorlag. DasDoppel-Vinyl-Set IT’S ALIVE, benannt nach einem ekligen Horrorstreifen von 1974, bediente sich einer Aufzeichnung vom 31. Dezember 1977 im Londoner Rainbow Theatre. Die Ramones ließen vier komplette Konzerte mitschneiden, doch die Londoner Show stach heraus, weil die Fangemeinde die Sitze aus den ersten zehn Reihen herausgerissen und auf die Bühne geworfen hatte. Kraftvoll dynamisch haken Joey, Dee Dee, Johnny und Tommy in rascher Folge 28 Songs aus den ersten drei Alben ab – eine Tour de Force vom ersten Takt von ›Rockaway Beach‹ bis zum Schlussakkord von ›We’re A Happy Family‹. Mit dabei war alles, was Anhängern der Band heutzutage noch lieb und teuer ist: von ›Blitzkrieg Bop‹ über ›Sheena Is A Punk Rocker‹ und ›Suzy Is A Headbanger‹ bis hin zu ›Judy Is A Punk‹. Manisch runter geholzt auf oft unter zwei Minuten Laufzeit, als stünde am Bühnenrand der Sportlehrer vom College mit der Stoppuhr in der Hand. Geschmack bewiesen The Ramones auch bei den Coverversionen: ›Surfin’ Bird‹ von The Trashmen, ›California Sun‹ von The Rivieras, Bobby Freemans ›Do You Wanna Dance?‹ und ›Let’s Dance‹ von Chris Montez profitieren ebenso vom permanenten Hochdruck wie die dann doch sehr deftigen Punk-Nummern ›Gimme Gimme Shock Treatment‹, ›Teenage Lobotomy‹ und ›Now I Wanna Sniff Some Glue‹.

7

WolveSpirit
DREAMCATCHER
Spirit Stone Records

Klassisch Hartmetallisches aus Würzburg.

SPIRIT METAL lautete vor knapp zwei Jahren das Debütalbum der Formation aus Würzburg – eine auf zeitlos getrimmte Überblendung diverser Stilelemente mit tiefer Verwurzelung in der Rockkultur der 60er und 70er Jahre. DREAMCATCHER, in Nashville gemixt von Michael Wagener (u.a. Ozzy Osbourne, Metallica, Lordi), knüpft nahtlos an mit seinen an drei verschiedenen Örtlichkeiten aufgezeichneten zehn Songs: mörderischer Gitarren-Riff-Rock zwischen hartmetallisch Voluminösem und progressiv Experimentellem. Angestachelt durch satte Hammondorgeleinlagen, eine enorm druckvolle Rhythmus-sektion und die stets präsente Röhre von Vokalistin Debbie Koye. Vergleiche mit allerlei Hochkarätigem aus der Vergangenheit zu bemühen, ersparen wir uns lieber – es gäbe nämlich einige zu ziehen. Doch das Rad lässt sich schließlich auch nicht mehr jeden Tag neu erfinden.

WolveSpirit lassen auf jeden Fall viel Liebe zum Detail und spirituelle Hingabe an ihr Werk erkennen. Völlig gleich, ob sie zum ›Space-trippin’‹ aufrufen, die ›Gypsy Queen‹ beschwören oder jenen angeblich unter uns weilenden Wesen huldigen, die von sich behaupten: ›From Venus I Came‹. Im Textinhalt deutlich von Carlos Castanedas skurriler Weltsicht geprägt sind die Stimmungsbilder ›Raven‹, ›Dreamcatcher‹ und ›Holy Smoke‹. Mit höchst ehrenwerter Pfadfindergesinnung im Herzen (jeden Tag mindestens eine gute Tat!) rufen WolveSpirit ›Wake Up‹, das in seiner Botschaft nichts Geringeres verlangt, als dass das tägliche Morden unseres Heimatplaneten bitteschön ein Ende haben möge. Ein Extrapunkt geht an das psychedelische Artwork und das transparente gelbe Vinyl dieser Ausgabe.

7

» Zusammengestellt von Michael Köhler

Neuigkeiten zu: Mustasch

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Beim Schnurrbart des Propheten Neues Album im Januar.

Schnurrbärte zieren entscheidende Rock‘n‘Roller, Größen wie Freddie Mercury, Tony Iommi und Lemmy sind ohne Moustache kaum vorstellbar. Und logischerweise trägt auch Ralf Gyllenhammer einen prächtigen Schnauzer im Gesicht. Mustasch sind zu Gast in Berlin, eine gute Gelegenheit, um letzte Neuigkeiten zu erfahren. So steht die Veröffentlichung von THANK YOU FOR THE DEMON an. Das achte Album der Schweden ist eine Tour de Force durch sämtliche Stile harter Musik, von melodischem Hard Rock über Thrash und Dance Metal bis zur Ballade.

Gyllenhammer, eine dicke Brille auf der Nase, lümmelt sich auf der dunkelroten Ledercouch im Backstage des Kreuzberger Clubs Lido. „Meine Teilnahme am ‚Schlagerfestival‘ in Schweden verzögerte die Arbeiten am Album. Ich wurde ins Finale gewählt und endete als Siebter mit ›Bed On Fire‹, einem bombastischen Song a la Elton John und Freddie Mercury mit Piano und Streichern.“ Unter Zeitdruck arbeitete die Band anschließend im Studio und verwendete Riffs und Melodien, die sich im Lauf der Zeit angesammelt hatten. „Die neuen Lieder haben etwas Spontanes. Wenn alle Mitglieder beim Hören einer Melodie lächelten, haben wir sie genommen.“

Die Texte schrieb Ralf über seine Adoption, ein Thema, das er bislang nicht antastete. „Ich trug die Lyrics lange in mir. Es ist ein Dämon, der mich zu dem machte, der ich bin. In Schweden habe ich immerhin zwei Grammies und ein Goldalbum erhalten, ›Bed On Fire‹ bekam Triple-Platin.“ Seine Kindheit verlief unglücklich, während seine biologischen Eltern musisch veranlagt waren, hatten seine Adoptiveltern kein Verständnis für Musik. „Sie nahmen mir die Rockplatten weg, mein Stiefvater war ein harter Hund. Als Jugendlicher war ich wütend und gefrustet, in Schlägereien und Einbrüche verwickelt. Jeder Text handelt von mir, so auch ›Feared And Hated‹. Jeder Mensch will geliebt werden. Bekommt er keine Liebe, will er Bewunderung. Bekommt er das nicht, will er gefürchtet und gehasst werden. Der Mensch will eine Reaktion! Bekommt er keine Liebe, will er wenigstens Hass spüren.“

Henning Richter

KRAUTROCK SPEZIAL Vol 8

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triumvirat

Text: Matthias Mineur

Mitte der 70er konnten immer mehr deutsche Rockgruppen die Früchte ihrer Bemühungen ein- sammeln und sich über steigende Verkaufszahlen freuen. Wie auch bei der Kölner Band Triumvirat lagen da allerdings bereits etliche Jahre harter Arbeit und selbstlosen Engagements hinter den Musikern. „Als Triumvirat 1970 anfingen, spielten wir für 300 Mark, manch- mal auch für 200“, erinnerte sich Organist Hans-Jürgen Fritz später. „Es ging nicht um die Gagen, man musste nur irgendwie den gemieteten VW-Bus und das Benzin bezahlen. Da blieb am Schluss gerade noch das Geld für eine Currywurst übrig.“ Dennoch hatte seine Band von Beginn an ehrgeizige Pläne, wollte sich nicht mit den oft hölzernen Gehversuchen anderer teutonischer Kapellen zufrieden geben. „Krautrock“ war für Fritz „schlecht gespielte Stücke, irgendwie verstimmte Gitarren und ein grässlicher Gesang“, alles Dinge, die Triumvirat tunlichst vermeiden wollten. Der Gruppe schwebte eine stärker progressive Musik vor, wie sie vor allem aus England kam. Dementsprechend ließen Triumvirat weiche Melodien über schwere Keyboard-Kaskaden schweben und durchtränkten sie mit klassischen Zitaten und ausufernden Soli. Übungsraum-Aufnahmen auf einem alten Grundig TK23-Tonbandgerät führten 1971 zum Vertrag mit dem „Harvest“-Label des Kölner Mediengiganten EMI. Das Debütalbum MEDITERRANEAN TALES wurde von den Medien allerdings als zweitklassiger Aufguss von Emerson, Lake & Palmer abgetan, auch das Folgewerk ILLUSIONS ON A DOUBLE DIMPLE stieß in Deutschland auf nur mäßige Resonanz. In Amerika hingegen erwies sich das Album als Topseller, woraufhin Triumvirat im September 1974 auf USA-Tournee gingen, auf der Fritz seine spätere Ehefrau kennenlernte und deshalb in Übersee blieb. In den folgen- den Jahren jettete die Band regelmäßig zwischen Los Angeles und Köln hin und her und veröffentlichte mit SPARTACUS (1975) und OLD LOVES DIE HARD (1976) ihre kommerziell erfolgreichsten Scheiben. Doch Hauptkomponist Fritz überwarf sich regelmäßig mit Musikern, Produzenten und Managern und bekam dadurch nicht die notwendige Kontinuität ins Bandgefüge. Sein anfangs konstantester Begleiter, der Bassist Helmut Köllen, starb im Mai 1977 an Autoabgasen in seiner eigenen Garage, auch die Allstar-Besetzung mit Curt Cress und Dieter Petereit (beide ehemals Passport) hielt zu seinem Bedauern nur eine Studioproduktion lang: „Mit Curt und Dieter hätte es was werden können, weil da auf einmal Musiker waren, die stark, teilweise sogar stärker als ich waren.“ Auf den Geschmack gekommen, heuerte er für das Album RUSSIAN ROULETTE (1980) sogar Jeff Porcaro, David Hungate und Steve Lukather von der amerikanischen Eliteformation Toto an. Wie Triumvirat gehörten auch Popol Vuh zu den Soundpionieren der frühen 70er.

,,Die Musik, die man mit einem Moog machen kann, umfasst schlechthin die Empfindungsmöglichkeiten des Menschen“, philosophierte 1970 Florian Fricke, Kopf der Truppe. Popol Vuh gehörten anfangs zum „Ohr“-Label von Rolf-Ulrich Kaiser, dementsprechend blumig wurde ihre Musik als „Perlenklänge voll von Innerlichkeit“ angepriesen. Fricke, ein studierter Musiker, erlernte an der Freiburger Musik- hochschule Klavier und Komposition und arbeitete nebenbei als Musikkritiker und Kurzfilmer. Seine Band veröffentlichte das Elektronik-Werk AFFENSTUNDE, schlug jedoch anschließend überraschend einen stilistisch anderen Weg ein. Bereits auf IN DEN GÄRTEN PHARAOS (1972) demonstrierte Fricke erstmals sakrale Ansätze und wendete sich schließlich vollständig religiösen Klängen zu. „Im Zusammenhang christlich-religiöser Musik will ich den Synthesizer nicht verwenden“, verkündete er 1972 und formierte folge- richtig Popol Vuh neu. Unter Verwendung von Gitarre, Oboe, Tamboura und der koreanischen Sängerin Djong Yun hießen die Alben von nun an HOSIANNA MANTRA oder SELIGPREISUNG und erschienen mit religiösen Texten, beispielsweise aus der neuen Bergpredigt. „Lyrik-Rock“ nannte Fricke seine Musik, verwendete Texte vom israelitischen König Salomo und holte sich bei den Kurden am Euphrat oder bei den Völkern des Himalaya Inspirationen für weitere musikalische Visionen. „Das ist Musik, die den tiefen Glauben des Künstlers erkennen lässt“, schrieb der „New Musical Express“ und artikulierte damit Verständnis für die Anliegen Frickes. „Ich mache voll bewusste Musik, die zu neuen Empfindungen, zu einem lebendigen Ich führen soll“, erklärte er und wollte „einen Weg finden, archaische Weisheiten faszinierend zu vermitteln“. Mit dieser Stilrichtung erspielte sich Fricke eine Menge treuer Anhänger, später komponierte er sogar die Filmmusik zu Werner Herzogs Kinoklassiker „Fitzcarraldo“. In den letzten Jahren seines Lebens widmete sich Fricke szenischen Audio-Video-Installatio- nen und der musik- und klangtherapeuti- schen Arbeit, die er selbst unterrichtete. Aus Atemübungen und dem Studium des tibeti- schen Gesanges entwickelte er eine eigene Therapie, die er das „Alphabet des Körpers“ nannte. Fricke starb im Dezember 2001 im

Alter von nur 57 Jahren.

Auch Ash Ra Tempel waren Großmeister der vollmundigen Eigendefinition. Ihr Kopf Manuel Götsching erklärte, dass er versuche, „das Lebensbild des körperlichen Menschen zu zeichnen, das schön und naiv beginnt, lebhafter wird, allmählich in Aggression und Hysterie übergeht und schließlich in panischer Angst abreißt.“ Die Alben der Band waren meditative Klangstrukturen, mit pulsierenden Rhythmen und bewusstseinserweiternden Texten u.a. vom LSD-Propheten Timothy Leary. Ash Ra Tempel schienen – zumindest zeitweise – die abgedrehte Image- Politik ihres Labelchefs Rolf-Ulrich Kaiser verinnerlicht zu haben, fabulierten etwas vom „rockigen Führer durch die sieben Ebenen des Bewusstseins“, und ließen auf ASHRA TEMPEL STARRING ROSI ein ehemaliges Fotomodell Science-Fiction-Märchen erzählen. Ab 1976 verkürzte Götsching den Bandnamen auf Ashra und zelebrierte mit seinen Begleitern im Londoner Regents Park ein Open-Air-Konzert, ausstaffiert mit imposanter Laser-Show. In den folgenden Jahren entwickelte er seine Musik in eine stärker rhythmische Richtung und experimentierte mit Funk- und Disco-Beats. „Unsere Musik soll ein Katalysator zum Erkennen des Ichs, der Zusammenhänge des Lebens sein“, definierte Götsching die Wirkungsweise seiner Kompositionen.

ZEITZEUGEN
Günter Ehnert

Günter Ehnert war mitte der 70er Chef der Presseabteilung beim progressiven Deutschrock-Label „Brain“ des Medienkonzerns Metronome und veröffentlichte im März 1975 das Standardwerk „Rock in Deutschland – Lexikon deutscher Rock-Interpreten“, das erste umfassende Nachschlagewerk, das sich ausschließlich mit hiesigen Rockgruppen beschäftigte. Heute ist Ehnert Chef des Verlags „Taurus Press“ in Norderstedt.

Herr Ehnert, würden Sie aus heutiger Sicht behaupten, dass die 70er Jahre das entscheidende Jahrzehnt deutscher Rockmusik war?
Absolut. Bis dahin wurde Rockmusik im Radio und Fernsehen generell weitestgehend ignoriert, das betraf deutsche Bands noch mehr als ausländische. Zum Glück hat sich das mittlerweile grundlegend geändert.

Aber weshalb fristete speziell die deutsche Rockmusikszene ein solch fades Mauerblümchendasein?
Sogar die einheimische Presse ging damals hart und bisweilen auch ziemlich ungerecht mit deutschen Bands ins Gericht.

Bei den Musikjournalisten herrschte seinerzeit eine Amerika- und Englandhörigkeit, während deutsche Gruppen perse als unzureichend abqualifiziert wurden. Aber irgendwie hatte die Szene auch selbst dran schuld: Der Begriff „Kraut- rock“ war ja quasi als eher abfälliger Kommentar im Ausland entstanden. Welches Land ist dann so bescheuert und übernimmt diesen Begriff für die eigene Musikkultur? Heute ist der Begriff „Krautrock“ zum Glück zu einem Synonym für große Kreativität und richtungsweisende Musik gewor- den. Bands wie Can, Kraftwerk oder Tangerine Dream genießen Kultstatus.

Mangelte es deutschen Bands denn tatsächlich an den technischen Fähigkeiten?
Nein, es mangelte eher am Selbstbewusstsein, obwohl absolut großartige Kreativität vorhanden war. In England hat man dies als erstes gemerkt und vielen deutschen Bands Auftrittsmöglichkeiten geboten. So etwas galt damals als absolute Referenz: „Wir hatten einen Auftritt in England!“

Anfang der 70er wurden die Verkaufszahlen deutscher Bands so lukrativ, dass auch die Plattenindustrie darauf einstieg. Richtig. Das „Brain“-Label wurde aus genau diesem Grund ins Leben gerufen. Und man konnte ja auch tatsächlich schon sehr schnell erstaunliche Verkaufszahlen vorweisen. Jane beispielsweise waren trotz ihres miesen Images absolute Topseller, auch im internationalen Vergleich. Ebenso die Scorpions, die auch bei „Brain“ waren. Es existierten eine Reihe engagierter Deutschrock-Label wie etwa „Bacillus“ oder das „Ohr“-Label von Rolf-Ulrich Kaiser.

Auf welche Weise versuchten deutsche Plattenfirmen, diese positive Entwicklung zu forcieren?
Es gab diverse Aktionen, mit denen man versuchte, deutsche Bands in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Mir fallen da insbesondere die beiden „Brain-Festivals“ in Essen in den Jahren 1977 und 1978 ein, als man Bands wie Jane und Novalis als Headliner vepflichtete und gleichzeitig Newcomer wie etwa To Be oder Gate einem größeren Publikum vor- stellte.

Inwieweit betrachten Sie Ihr Buch „Rock in Deutschland“ als wichtigen Katalysator dieser Entwicklung?
Ich denke, dass mein Buch nichts Wesentliches für die Szene getan hat. Es wurden damit vornehmlich Leute bedient, die sowieso schon Interesse an deutschen Bands hatten und auf der Suche nach Hintergrundinformationen waren.

Waren die Recherchen zum Buch mühsam?
Überhaupt nicht. Die Musiker damals waren sehr offen und stellten sich gerne meinen Fragen. Seinerzeit gab
es beim Telefonieren noch den Nachttarif, also saß ich immer ab 22.00 Uhr am Hörer und rief die Musiker an. Wenn man dann Rudolf Schenker am Telefon hatte und fragte: „Können wir mal die Geschichte der Scorpions durchgehen“, bekam man freundliche Antworten und eine Menge interessanter Geschichten. Die Arbeiten am Buch haben ungeheuer viel Spaß gemacht und waren wegen der vorgerückten Stunde der Telefonrecherchen immer eine gemütliche Sache.

Welche Bands aus dieser Ära sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Für mich hat diese Ära der Rockmusik bis heute eine große Bedeutung. Das heißt zwar nicht, dass bei mir Zuhause ständig irgendwelche deutschen Bands aus den 70er Jahren laufen, aber der Zeitraum zwischen 1971 und 1980 war meiner Ansicht nach kulturell prägend. Das, was man heute im Radio hört ist nicht mehr besonders aufregend, ich nenne es gerne Betroffenheitsmusik. Damals gab es unglaublich viele Facetten, es gab die Anleihen beim Folk und – diametral entgegengesetzt – elektronische Musik mit Instrumenten, die damals gerade erst erfunden worden waren. Ehrlich gesagt hat mir aber auch die Neue Deutsche Welle gut gefallen, das war zwar reine Popmusik, aber streckenweise auch wunder- bar kreativ. Vor einer Idee wie ›Da da da‹ ziehe ich noch heute meinen Hut.

Lebenslinie: Alice Cooper

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Portrait Of Alice Cooper In  Makeup

Der Headliner der im März 2014 durch Deutschland tourenden „Rock Meets Classic“-Konzertreise kreuzte in seiner Karriere die Wege von vielen außergewöhnlichen Menschen. Die er hier und jetzt im Gespräch mit CLASSIC ROCK Revue passieren lässt.

Text: Chris Franzkowiak

Vincent Damon Furnier gönnt seiner Kunstfigur Alice Cooper auch mit 65 Lenzen keine Auszeit: Abendfüllende Shows, Interviews, Studioaufenthalte, Flugreisen und Tausende von Kilometern auf den Autobahnen dieser Welt werden eigentlich nur durch kurze Stippvisiten auf ausgesuchten Golfkursen unterbrochen. Ermüdungserscheinungen sind bei „The Coop“ ebenso wenig festzustellen wie der Wille, sein Alter Ego in absehbarer Zeit wirklich von einem Schafott in den ewigen Ruhestand schicken zu lassen.

Kane Roberts

Kane ist einer der witzigsten Menschen, die ich kenne. Er hat einen Körper wie Sylvester Stallone und das Gehirn von Jerry Lewis. Als ich ihn erstmals traf, ahnte ich nicht, welch liebenswerter Mensch hinter diesem martialischen Look steckt. Darüber hinaus ist er einer der talentiertesten Gitarristen auf diesem Planeten.

Desmont Child

Der Songdoktor! Man geht zu ihm mit einer Komposition ins Studio, er betrachtet das Stück wie ein Arzt, entfernt die Stellen, die nicht ganz stimmig sind und ersetzt sie durch etwas Perfektes. Ich genoss es, mit Desmond an TRASH zu arbeiten. Die Stücke des Albums gingen uns leicht von der Hand, denn er verstand, wie Alice Cooper Ende der 80er zu klingen hatte.

Bob Ezrin

Bob (Foto) ist mit mir fast wie ein Körperteil verbunden. Musikalisch vertraue ich keinem Menschen mehr als ihm, denn immerhin erschufen wir Alice Cooper gemeinsam. Er war für die Musik, ich für die Texte und das Image verantwortlich.

Kip Winger

Als mir Kip zum ersten Mal über den Weg lief, war er Kellner in New York. Beau Hill, der mich zu dieser Zeit produzierte, kannte ihn und pries ihn als großartigen Bassisten. Dank Beaus Überzeugungsarbeit landete Kip Winger auf CONSTRICTOR. Was mich an ihm am meisten beeindruckte, war sein Gesang. Mit dem Engagement retteten wir ihn vor dem Gaststättengewerbe und verwandelten ihn über Nacht in einen professionellen Bassisten und Sänger.

Slash

Einer der letzten wirklichen Gitarrengötter! In den 70ern gab es Clapton, Page, Beck und all die hervorragenden Gitarristen, heutzutage sind nur noch eine Handvoll übrig. Darunter Slash, Joe Perry von Aerosmith, Steve Vai, Joe Satriani und Joe Bonamassa. Slash hebt sich von ihnen allerdings durch eine nicht unwesentliche Tatsache ab: Er ist durch und durch Rock’n’Roll!

Dave Mustaine

Ich nenne ihn den „Metal-Philosophen“! Er schreibt harte Songs für denkende Menschen. Bei ihm geht es nicht um Plattitüden, pures Gebrülle, sinnbefreite Hasstiraden oder ähnlichen Kokolores. Er hat eine sehr differenzierte Sichtweise, was Politik und Spiritualität anbelangt. Ich respektiere ihn sehr, denn er hat sich diesen Feinsinn trotz einiger wirklich harter Zeiten bewahrt.

Jon Bon Jovi

Ich weiß, dass er und Richie zur Zeit getrennte Wege gehen…sie finden aber irgendwann schon wieder zusammen, da bin ich mir sicher. Was mich an JBJ so fasziniert ist, dass er es hundertprozentig versteht, was es bedeutet ein Rockstar zu sein. Er ist nicht einer dieser Typen, die nur gut aussehen — er geht auf die Bühne und liefert eine faszinierende Show ab. Viele kritisieren ihn für die Ausrichtung seiner Musik. Manche Leute sollten sich einfach mal ein Konzert von Bon Jovi anschauen. Jeder in dieser Band ist ein Vollblutmusiker und alleine dafür sollten sie mehr Respekt von ihren Kritikern ernten.

Zodiac Mindswarp

Er ist ein Typ, der einfach zu schnell aus dem Business verschwand. Zodiac schöpfte leider nie sein großes Potenzial aus! Hier war dieser großartige Performer mit einem ausgefuchs- ten Image, überragenden Songs, und dann löste er sich sprichwörtlich in Luft auf. Auch nach all den Jahren bin ich der Überzeugung, dass er alles mitbrachte, um ein einzigartiger Rockstar zu werden.

Orianthi

Ein echter Glücksgriff! Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich nur: „Okay, jemand der so verdammt gut aussieht, ist allenfalls eine mittelmäßige Musikerin.“ (lacht) Orianthi fing an zu spielen und ich musste meine Meinung sofort revidieren. Dieses Mädchen wurde geboren, um Gitarre zu spielen! Um es noch mal klar zu stellen: Auch mit verbundenen Augen hätte ich Orianthi engagiert.

Ryan Roxie

Die absolut perfekte Wahl für Alice Cooper! Er wuchs zu jener Zeit auf, als Glam Rock das ganz große Ding war. Seine Helden sind T. Rex, David Bowie und natürlich Alice Cooper (lacht). Ryan beherrscht es, hart, gefühlvoll, dreckig und melodisch zu rocken. Deswegen ist er auch der Gitarrist mit den meisten Dienstjahren bei mir.

Bruce Springsteen

Bruce sollte das Vorbild jedes Musikers sein, denn er hat meines Wissens noch nie eine schlechte Show gespielt. Neben Bon Jovi ist er einer der Wenigen, der bei jedem Konzert die Dreistundenmarke knackt. Als ich ihn in den 70ern traf, war er ein junger Bursche, die Plattenfirma wollte ihn damals als nächsten Bob Dylan aufbauen. Ich saß — und das weiß ich noch genau wie heute — an einem Tisch und gab ihm den Rat: „Lass dich bitte nicht als Dylan-Kopie verhökern! Bleib einfach Bruce Springsteen. Deine Texte sind fantastisch und du hast genug Credibility, um es mit einer eigenen Identität zu schaffen!“

Joe Satriani

Er lässt Gitarre spielen so verdammt leicht aussehen, auch wenn er gerade die coolsten Soli, Licks und Riffs aus seinen Fingern zaubert. Als er damals auf HEY STOOPID spielte, bedauerte ich, dass das Aufnahmegerät nicht schon während seines Warm-Ups diese fantastischen Klänge festhielt. Er und Steve Vai sind heute das Maß der Dinge, wenn es um Instrumentalmusik geht. Als ich damals gefragt wurde, wen ich mir für die Sessions zu ›Feed My Frankenstein‹ wünschte, dachte ich keine Sekunde darüber nach: Joe sollte gegen Steve ein Gitarrenduell austragen! Das war meines Wissens das erste und einzige Mal, dass so etwas auf einer Studioaufnahme verewigt wurde.

Ozzy Osbourne

Ozzy und ich kennen uns seit den frühen Tagen von Black Sabbath. Wir hatten nie Probleme miteinander. Das Einzigartige an unserer Freundschaft ist, dass wir beide, als wir mit unseren Solokarrieren begannen und immer großartige Musiker um uns scharten, nie auf die Idee kamen, sie uns gegenseitig abzujagen. Es gab auch nie in irgendeiner Weise Konkurrenzdenken. Das Lustige an uns ist, dass wir beide maßgeblich von den Beatles beeinflusst wurde. Neben den Fab Four lieben Osbourne und ich auch noch The Who und The Yardbirds…unser Background ist identisch.

SCORPIONS

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ScorpionsWollten die nicht in Rente gehen? Nach gut 40 Berufsjahren als eine der weltweit führenden Hardrockkapellen hatten die Scorpions sich vorgenommen, die Karriere mit der „Sting In The Tail“-Tour allmählich ausklingen zu lassen. Von wegen. Denn erstens läuft besagte Tournee jetzt schon seit drei Jahren, und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dann haben die Hannoveraner auch noch das Angebot von MTV reinbekommen, ein Unplugged-Album aufzunehmen. Das taten sie dann im September, in einem Athener Amphitheater. Zum Interview treffen wir Klaus Meine (65), Rudolf Schenker (65) und Matthias Jabs (58) in Hamburg. Nach und nach und noch sichtlich etwas angeschlagen, trudeln die Jungs ein.

Text: Steffen Rüth

Interview

Die Herren, man hört, ihr habt gestern noch einen draufgemacht. Ihr tourt seit Jahrzehnten durch die Weltgeschichte, sind gemeinsame Kneipenabende trotzdem etwas Besonderes?
Klaus Meine: Ja, dass wir so richtig zusammen weggehen, kommt leider selten vor, denn bei unserem Programm ist das kaum zu bewältigen, dass wir uns die Nächte um die Ohren schlagen. Die Zeit haben wir wirklich nicht, denn wir sind soviel unterwegs und meist müssen wir frühmorgens am Start sein. Insbesondere die Vorbereitung der MTV Unplugged Show war wirklich sehr arbeitsintensiv.

Rudolf Schenker: Ich finde es wichtig und gut, hier und da mal einen zusammen trinken zu gehen.

Meine: Rudolf spielt Gitarre. Als Sänger musst du ein bisschen auf dein Instrument achtgeben. Bei Rudolf geht das immer übergangslos von der Kneipentour in die Kneippkur.

Schenker: Genau. Und ab und zu auch Ayurveda. Jeder hat ja seine Aufgabe. Und meine ist eben manchmal: einen draufmachen. Wenn die richtigen Leute zusammen kommen, dann drehe ich gerne mit denen eine Runde.

Klaus, bedauerst du manchmal, dass du dich beim Feiern zurückhalten musst?
Meine: Bei der ganzen Sympathie-und Empathiewelle, die einem Sänger auf der Bühne entgegenschwappt, da kann man das nie im Leben bedauern, dass man der Sänger in einer Band ist. Wenn du hundert Konzerte im Jahr gibst, dann hast du nur Spaß daran, wenn du jeden Abend auch eine hundertprozentig starke Leistung abrufen kannst. Ich merke es sehr, wenn ich die ganze Nacht auf der Piste war. Sehr viel mehr als die Kollegen, die einfach neue Saiten aufziehen und weiterspielen.

Schenker: Wenn wir es übertreiben, dann merken wir es auch (lacht).

DieGriechen können ja auch gut feiern. Wie habt ihr die Tage dort in Athen erlebt?
Matthias Jabs: Wir waren eine ganze Woche in Athen, und das Hotel hatte draußen eine Bar mit Riesenterasse mit Blick auf die Akropolis und über ganz Athen hinweg. Bei Temperaturen um die 25 Grad noch nach Mitternacht. Da waren wir immer gern, die Atmosphäre war toll. Die Griechen haben echt Glück gehabt mit ihrem wunderschönen Land.

Nach welchen Gesichtspunkten habt ihr die Songs für das Unplugged-Album ausgesucht?
Jabs: Das eine war, Songs aus den 70ern, 80ern, 90ern rauszusuchen, darunter auch Titel, die wir nie live gespielt haben. Die Klassiker durften natürlich nicht fehlen, da hat schon die Plattenfirma für gesorgt. Und es gibt noch fünf neue Songs.

Meine: Wir haben darauf geachtet, dass wir nicht nur Balladen, sondern auch viele Uptempo-Songs in diesem Set haben. Die richtige Dynamik während dieser zweieinhalb Stunden ist tierisch wichtig.

Eigentlich ist „MTV Unplugged In Athens“ schon euer zweites Unplugged-Album. Das erste, nämlich ACOUSTICA, habt ihr vor zwölf Jahren in Lissabon aufgenommen.
Jabs: Das war aber ohne MTV. Und drinnen. Jetzt, in dem Amphitheater vor immerhin 3500 Leuten, das war doch schon nochmal eine andere Hausnummer.

Hattet ihr euch das altehrwürdige Lycabettus-Freilichttheater als Location für die Aufnahmen zum Unplugged-Album ausgesucht?
Jabs: Ja, gemeinsam mit MTV. In den Jahrzehnten, in denen die Unplugged-Reihe jetzt läuft, war es das erste Mal, dass so ein Konzert unter freiem Himmel stattfand.

Warum gerade Athen, warum gerade Griechenland?
Meine: Weil wir ganz besonders in Griechenland viele sehr loyale Fans haben. Wir konnten uns von Anfang der Planung an sehr gut vor- stellen, mit diesem Projekt nach Griechenland zu gehen. Am Ende ist es dann wirklich so geworden, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir haben ein Konzert in herrlicher Stimmung und mit ganz tollen Gästen aufgenommen.

Hattet ihr Erfahrung mit dem Amphitheater?
Meine: Nein, unsere letzten Konzerte in Griechenland haben wir in der Regel in Fußballstadien gespielt. Das war jetzt ein intimerer Rahmen für uns. Auch musikalisch hat es dort total gepasst.

Die Atmosphäre als solche ist sehr stimmungsvoll. Und im Publikum sind wahnsinnig viele junge Mädchen…
Meine: Tja, wir können es nicht verhindern.

In Deutschland oder in den USA kommen hauptsächlich Männer zwischen 30 und 60 zu euren Konzerten. Warum ist das in Griechenland anders? Was wollen die 20-jährigen Mädels bloß bei euch?
Meine: Das ist nicht nur in Griechenland so. Auch in Deutschland hat sich das Publikum in den letzten Jahren merklich verjüngt.

Woran liegt das?
Jabs: Wir vermuten, dass es mit unserer Präsenz bei Youtube zusammenhängt. Seit etwa zehn Jahren kann man das beobachten. Es fing an in Brasilien, Mexiko, dann Griechenland, Südeuropa und jetzt weltweit. Gerade viele Mädels sind an Bord gekommen. Das muss mit unserem gereiften Charme zusammenhängen (lacht). Das ist erstaunlich. Früher waren wir tatsächlich eine reine Männerdomäne.
Meine: Da ist auch viel Neugier dabei. Die meisten jungen Leute kennen uns ja nicht von früher. Die sehen was von uns im Netz und denken „macht einen geilen Eindruck.“ Und wenn wir dann das nächste Mal dort in der Nähe sind, kommen sie zum Konzert. Wir haben mittlerweile schon über vier Millionen Fans bei Facebook. Da ist ein unheimlicher Austausch, gerade unter den jungen Leuten. Man kann klar sagen: Die sozialen Netzwerke bringen uns die jungen Scorpions-Fans in die Konzerte.

Interessant. Viele gestandene Bands halten sich bei diesen Netzwerken ja eher zurück.
Schenker: Wir wollen nicht hinten anstehen. Das Interessante im Leben ist ja, dass es sich immer wieder verändert. Und wir sperren uns nicht gegenüber dem Neuen. Wir passen uns an die Situationen an, ohne es zu übertreiben.

Wie viele der jungen Frauen, lieber Rudolf, sind denn wohl gekommen, weil sie dich fast nackt in der Unterwäschewerbung für die Firma Mey gesehen haben?
Schenker: Eine (lacht).

Meine: Seine eigene.

Schenker: Das war eine witzige Aktion, die ich einfach mal gemacht habe. Weil man sich auch über so ein Angebot freut. Ich meine, wenn man die Möglichkeit und den Körper hat, warum nicht?

Du hast auf den Fotos ein beachtliches Sixpack. Ist das hartes Training?
Meine: Heutzutage kann man mit Photoshop eine Menge machen (lacht).

Schenker: Das stimmt, aber mich hält auch die Bühne fit. Wenn man mit einer richtigen Wampe ankommt, dann kann auch Photoshop nichts mehr retten. Nö, also mir hat das Spaß gemacht. Die Fotos zeigen eine andere Seite des Rock’n’Roll. Eben nicht das Verruchte und die Kneipen, worüber wir am Anfang gesprochen haben. Sondern sie zeigen: Der Kerl ist gut in Form, er hält sich fit. Jungs wie Mick Jagger haben das auch drauf. Und die eine Sache schließt die andere Sache nicht aus.

Bist du stolz auf deinen Körper?
Schenker: Nein, stolz bin ich überhaupt noch nie auf irgendwas gewesen. Stolz ist die überzogenheit seiner eigenen Meinung. Ich freue mich über meinen Körper, das schon. Ich habe im Leben nichts ausgelassen, von Partynächten über Meditation bis hin zu Yoga. Und wenn ich dann immer noch heutzutage Werbung machen kann wie David Beckmann, ja warum denn nicht? Ist doch super.

Inwieweit ist das eine politische Sache, dass ihr als deutsche Band – global unterwegs hin oder her – dann ausgerechnet nach Griechenland gegangen seid?
Schenker: Das ist keine politische Erwägung gewesen, sondern eine rein menschliche. Wir interessieren uns immer für die Menschen. Auf diese Weise ist im Endeffekt auch der Song ›Wind Of Change‹ entstanden. Wir gehen nicht wie Amerikaner auf die Bühne mit dieser Haltung „Let’s kick ass“, sondern wir haben uns hinterfragt. Wir sind nach Russland gegangen, um zu zeigen, dass in Deutschland eine neue Generation von Musikern aufwächst, und nicht eine, die nur den Fernseher aus dem Fenster wirft. Meine: Die Frage zielt ja mehr auf die aktuelle politische Situation ab, und wir haben uns da schon Gedanken drüber gemacht. Zu allererst ist das keine politische Entscheidung gewesen, sondern eine Entscheidung für unsere Fans in Griechenland, mit denen wir wirklich seit vielen Jahren eine starke Verbindung haben. Was das Politische betrifft, so sagen wir: Gerade wenn deine Freunde am Boden liegen, dann zeigt es sich, wer deine wahren Freunde sind. Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass wir gerade jetzt nach Griechenland gegangen sind.

Kriegen die Griechen die Kurve?
Meine: Die Griechen sind ein fantastisches Volk. In der jetzigen Krise wird das Land natürlich ganz extrem in die Looser Ecke geschoben, und da gehören die Menschen Griechenlands aber überhaupt nicht hin. Die politische Situation ist das eine, da können wir auch keinen Einfluss drauf nehmen und sind nur die Beobachter. Aber wir gehen da hin, um für unsere Fans zu spielen, mit denen wir eine emotionale Verbindung spüren.

Habt ihr denn politisch gefärbte Termine dort wahrgenommen?
Meine: Wir waren beim deutschen Botschafter in Athen eingeladen. Der hat uns gesagt „Ihr seid wahrscheinlich zur Zeit die besten deutschen Botschafter“. Das war offenbar auch so.
Jabs: Wir haben in der Woche keinen einzigen negativen Kommentar uns gegenüber gehört. Was teilweise in den Schlagzeilen verbreitet wird an vermeintlichem Deutschenhass, das ist dort eindeutig nicht gang und gäbe. Es mag den einen oder anderen geben, der sich frustriert äußert, aber man hat überhaupt nicht das Gefühl, dass die Griechen jetzt pauschal was gegen die Deutschen haben. Es fahren ja auch nach wie vor sehr viele Deutsche nach Griechenland in den Urlaub. Aber so war es immer schon mit uns: Wir gehen rein in die Länder, und sehen aus erster Hand, was dort los ist.

Man hat oft bei euch das Gefühl, dass ihr frühzeitig in Ländern spielt, in denen sonst eben keine Bands eures Kalibers aktiv sind.
Schenker: Genau, das haben wir immer schon gemacht. Wir waren von Sibirien bis zum Amazonas an vielen exotischen Orten. Und immer sind wir de facto als deutsche Botschafter hingegangen. Gerade mit dem Ballast aus zwei Weltkriegen, der es den Deutschen im Ausland oft nicht leicht gemacht hat, und dann auch noch mit für Deutschland untypischer Rockmusik, haben wir die Möglichkeit genutzt, in die Welt raus zu gehen, und speziell auch in den Osten zu gehen. Warum ist da kein anderer hingegangen? Weil da keiner war. Niemand hat daran geglaubt, dass dort ein Markt ist. Uns war das erst mal egal.

Sollte die Politik die Scorpions als Vorhut in heikle Länder auf diplomatische Missionen schicken?
Jabs: Warum nicht? Als musikalische Außenminister.

Meine: Wir werden das bei der neuen Koalition mal anregen. Bei uns ist es ja so: Wir haben in Kairo gespielt, wir waren jetzt gerade im Libanon, letztes Jahr in Tel Aviv – im Nahen Osten singen die Fans die gleichen Songs mit der gleichen Leidenschaft, und bei einer Friedenshymne wie „Wind Of Change“ laufen die Tränen, weil sie darin ein Gefühl der Hoffnung empfinden. Bei uns reagieren also alle gleich enthusiastisch, während in der realen Welt dort der Teufel los ist und Feindschaft vorherrscht. Was ich sagen will: Wir versuchen, mit unserer Musik Brücken zu bauen. Gerade in Beirut haben wir gemerkt, wie viel Kraft die Menschen aus unseren Konzerten ziehen.

Schenker: Die Wirklichkeit ist halt die, dass wir zwar Brücken bauen, aber immer noch mindestens zwei Pässe brauchen, weil man mit dem Israel-Stempel nicht in den Libanon gelassen wird und umgekehrt.

Der russische Präsident Wladimir Putin steht unter anderem wegen der Missachtung von Menschenrechten stark in der Kritik. Wie steht ihr zu Putin?
Schenker: Neun Zeitzonen zu managen und eine derart diffizile Vorgeschichte zu bewältigen, ist für jeden Machthaber eine sehr schwierige Aufgabe.

Nochmal zu euch. Wolltet ihr nicht eigentlich langsam in Rente gehen?
Schenker: Machen wir doch auch.

Rudolf, du hast vor drei Jahren gesagt, ihr wollt in Würde abtreten.
Schenker: Wir haben 2013 nur sieben Konzerte gespielt. Das ist langsamer Entzug.

Meine: Von 100 auf 0, das geht nicht. Du kannst nicht von heute auf morgen das ganze Unternehmen Scorpions stoppen. Das tut keinem gut, in keinem Beruf. Wir sind Kreative, die bis ans Ende ihres Lebens in irgendeiner Form mit Musik verbunden sein werden. Wir müssen das eben allmählich ein bisschen herunterfahren. Die letzten Jahre haben wir immer 60 bis 100 Konzerte gemacht, und das machen wir seit 40 Jahren. Da mal kürzerzutreten mit Mitte 60, das ist doch ganz normal.

Und doch: Ein Karriereende sieht anders aus als das, was ihr hier macht.
Meine: Natürlich haben wir gesagt „Das ist die letzte Tour“, und dann habe ich nach zweiein- halb Jahren gesagt „Jetzt ist mal Schluss mit Abschied.“ Die Presse hat daraus gleich den Rücktritt von Rücktritt gemacht. Da kam so eine Dynamik ins Spiel, die von uns nicht gewollt war. Wenn du natürlich so ein schönes Angebot kriegst wie „MTV Unplugged“, dann ist das noch mal eine komplett neue Herausforderung. Wir haben für die Shows ein ganz neues Programm ausgearbeitet, wir haben Gäste wie Morten Harket, Cäthe oder Johannes Strate eingeladen, wir haben viel Zeit damit verbracht, dieses Set zu entwickeln. Aber verglichen mit den Jahren davor ist das sehr entspannt.

Also ist jetzt bald Feierabend oder nicht?
Schenker: Wir sind 2010 mit dem vollen Bewusstsein herangegangen, eine Farewell- Tour zu spielen. Mit Anfang 60 merkst du den Körper einfach ganz anders als mit 30. Wir hatten, abgesehen von dieser Tournee, jedenfalls keine Pläne. Wenn dann aber ein paar andere Sachen kommen, die uns Spaß machen, dann machen wir das.

Nächstes Jahr kommt auch noch der von Katja von Garnier gedrehte Dokumentarfilm „For Ever And A Day“ ins Kino. Und die Tour wird auch fortgesetzt.
Meine: Richtig. Den Stachel können wir immer noch ausfahren. Man sollte die Scorpions noch nicht so schnell abschreiben.

Kann es auch passieren, dass ihr das System wieder hochfahrt?
Schenker: Wenn die Fans weiter so drauf sind, wie im Augenblick, dann muss man überlegen, wie man weitermacht. Wir machen die Musik ja, weil sie uns Spaß macht. Und zur Zeit haben wir sehr großen Spaß.