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Errorhead – Ein Fest künstlerischer Freiheit

Errorhead 2014 vor blauem Hintergrund_Foto Claus DoepelheuerBei Errorhead geht’s zuerst um die Musik, die Vermarktung kommt an zweiter Stelle, wie ihr preisgekrönter Gitarrist Marcus Deml betont.

Neben der NAMM Show in Anaheim, Kalifornien, ist die Frankfurter Musikmesse die weltgrößte Schau für Instrumente und Zubehör. Im März 2014 absolvierte Gitarrist Marcus Deml dort jeden Messetag zwei Showcases für seinen Klampfensponsor. „Da sitze ich in einer Schallkabine und spiele jeweils 40 Minuten“, erzählt er. „Dafür bezahlt mich die Gitarrenfirma. Schließlich ist die beste Werbung für eine Gitarre, sie zu spielen.“ Deml hat übrigens noch eine Reihe weiterer Sponsoren, darunter eine Hut-Firma. Die Kopfbedeckung zählt schließlich zu seinen Markenzeichen. „Ich habe noch Haare“, lächelt der 46-Jährige, „aber ich finde, der Hut steht mir gut. Es ist übrigens nicht irgendein Hut, sondern ein Stetson. Wenn ich auf die Bühne gehe, setze ich ihn auf und damit schalte ich bestimmte Gedanken ab – das ist ein Ritual.“
Ende April erscheint das fünfte Album seiner Band Errorhead, EVOLUTION. „Der Titel sagt es bereits, wir haben uns weiter entwickelt, doch der Geist der 70er weht auch durch die neuen Aufnahmen. Bei Errorhead gibt es noch künstlerische Freiheit. Erstmal wird Musik gemacht und dann schauen wir, wie wir sie vermarkten. Das ist bei vielen Produktionen inzwischen umgekehrt – und das kann nicht sein! Es geht doch darum, geile Musik zu machen!“ EVOLUTION ist übrigens keine reine Gitarrenplatte, Errorhead präsentieren acht Songs mit Gesang und vier Instrumentals. „Inzwischen gibt es eine Umbesetzung am Mikrophon, da steht jetzt Karsten Stiers. Ich hatte 25 Kandidaten auf meiner Liste – und er war zufällig der erste, den ich angerufen habe. Karsten hat in meinem Studio vorgesungen und ich fand seine Stimme tierisch. Es war Liebe auf den ersten Blick!“ Daneben rocken Zacky Tsoukas am Schlagzeug und Frank Itt am Bass, „meine musikalische Schwester“, wie Deml den schwergewichtigen Tiefton-Experten liebevoll nennt.
Marcus Nepomuc Deml wurde 1967 in Prag geboren. Politisch verfolgt, flohen seine Eltern aus der Tschechoslowakei. Er wuchs in Deutschland auf und ging als 19-Jähriger nach LA, um am Guitar Institute Of Technology (heute Musician’s Institute) zu studieren. Bereits ein Jahr später erteilte er dort selbst Unterricht. „Als ich zwanzig war, hatte ich eine Band, die beim Management von Guns N´Roses unter Vertrag stand. Wir wurden in Stretchlimos durch die Stadt kutschiert. Aus Business-Gründen sind wir am Ende auseinander gegangen.“ 1993 kehrte Deml nach Deutschland zurück und spielte für Promis wie Nena und Moses Pelham. Im Jahr 2005 übergab ihm kein Geringerer als Steve Lukather (Toto) in der Rock’n’Roll Hall Of Fame in Cleveland den „Guitar Hero Award“, auch als „Gitarren-Oscar“ bekannt.
Heute ist Deml in alle Aspekte seiner Karriere involviert. „In dieser Branche fließt nur wenig Geld. Wenn ein Künstler an einer Platte etwas verdienen will, muss er sie auf seinem eigenen Label herausbringen. Ich habe schließlich 2.500 Arbeitsstunden in diese Scheibe gesteckt.“ Von der Produktion über die Gründung des Labels Lighthouse bis zur Promotion der CD – Deml bestimmt überall mit. Das reicht bis zum Thema Streaming, das momentan heiß diskutiert wird. „Das kann man von zwei Seiten sehen: Die einen sehen Streaming als aktuelles Radio – die anderen als Dolchstoß für die Künstler. Unsere Band wird ein paar Titel zum Streaming freigeben, aber ich wehre mich entschieden dagegen, denen das ganze Album zu überlassen!“

Sebastian Bach – Schreien ohne Saufen

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FINAL_IMG_9070Auf seinem neuen Album GIVE ‘EM HELL liefert Ex-Skid-Row-Sänger Sebastian Bach erneut eine grandiose Leistung ab. Und hat sich nebenbei eine nette kleine Supergruppe zusammengestellt, die es so live aber niemals geben wird. Schade eigentlich.

Das „Geheimprojekt“, an dem er im gesamten letzten Jahr arbeitete, „das die Welt der populären Musik, so wie wir sie kennen, revolutionieren wird“, ist also fertig. GIVE ‘EM HELL heißt das Werk, das Cover ziert eine Zeichnung des Sängers als Teufel. Über Geschmack lässt sich streiten. Nichts zu kritteln dagegen gibt es an den zwölf Songs, die Bach wieder unter Regie von Bob Marlette (Filter, Alice Cooper u.a.) eingeschrien hat.
„Ich singe echt gut, oder?“ An Selbstbewusstsein hat es dem Berufsoptimisten noch nie gemangelt. „Könnte daran liegen, dass ich das erste Mal während der Aufnahmen nüchtern war.“ Er habe aufgehört zu trinken. Warum, will er nicht sagen, aber er hat sich aus genau diesem Grund von seinem letzten Live-Gitarristen Jeff George getrennt, von dem er im letzten Jahr noch behauptete, dieser sei so etwas wie die „Hand Gottes an der Gitarre“. Stattdessen hat er mal eben Steve Stevens (Billy Idol), John 5 (David Lee Roth, Marilyn Manson, Rob Zombie) und Devin Bronson (Avril Lavigne, Pink) als Ersatz eingeladen. Bass spielt kein Geringerer als Duff McKagan (Guns N’ Roses, Velvet Revolver, Walking Papers), am Schlagzeug sitzt Bobby Jarzombek (Fates Warning). „Ich finde es sehr interessant, mit Leuten zu arbeiten, die nicht wirklich viel mit Metal zu tun haben. Duff zum Beispiel kommt eher aus dem Punk, aber ›Harmony‹, sein Song auf dem Album, ist genau die Mischung zwischen Guns N’Roses und Skid Row, wie sie mir gefällt.“ Die Gitarristen spielen auch genau auf den Stücken, die sie geschrieben haben. „Man lässt einen Steve-Stevens-Song nicht von einem anderen einspielen, oder?“ Außerdem wollte Bach keine drei Gitarristen auf einmal im Studio. Dafür hat er aber eine Coverversion einer anderen Band mit drei Gitarristen ausgesucht: ›Rock’n’Roll is A Vicious Game‹ stammt ursprünglich von seinen kanadischen Landsmännern April Wine. „Der Text bringt mein Leben ziemlich genau auf den Punkt, deswegen.“ Und singt nach ›I Like To Rock‹ mit ›Roller‹ einen anderen Hit von April Wine durchs Telefon. Am meisten bedeute ihm übrigens sein eigener Text zu ›All My Friends Are Dead‹, denn er habe den Eindruck, dass jede Woche jemand sterbe, den er kenne, letztens noch Gwar-Sänger Dave Brockie. „Dabei bin ich doch eigentlich die Idealbesetzung für einen toten Rockstar“, spielt er lachend auf seine Rolle in der drittel Staffel der US-Kultserie „Californication“ an.
Live wird es die Besetzung des Albums leider niemals zusammen auf eine Bühne schaffen, denn Stevens geht demnächst wieder mit Billy Idol auf Tournee und MacKagan steigt für fünf Shows in Südamerika bei Guns N’Roses ein. „Ich teste gerade noch verschiedene Musiker für die Tournee, aber das wird schon klappen. Denn wo ich bin, ist Party! Auch ohne Alkohol.“ Ob das Konzept „Schreien ohne Saufen“ aufgeht, wird man im Ende Juni/Anfang Juli bei drei Shows nachprüfen können. Ob bis dahin auch seine angekündigte Autobiographie fertig ist, wagt Bach zu bezweifeln. „Ich arbeite ja ohne Ghostwriter.“ Es bleibe aber vom Stil her eher „eine Mischung aus Henry Rollins und Neil Peart.“ Was auch sonst? Man darf gespannt sein.

Marc Ford – Leise ist das neue Laut

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Marc Ford (2)Bekannt ist er für seine explosive Rock’n’Roll-Gitarre,  doch auf seinem hervorragenden neuen Album tauscht Marc Ford  heiße Licks gegen akustische Tiefe ein.

Auf seinem neuen Album HOLY GHOST singt Marc Ford: „I can see what’s meant for me and I’m free“ (Ich sehe, was für mich bestimmt ist, und ich bin frei). Das könnte auch als Leitsatz durchgehen. Nach Jahren, in denen er sich als der feurige Leadgitarrist bei den Black Crowes, Ben Harper und Gov’t Mule sowie als Anführer seiner eigenen Bands wie Neptune Blues Club und Fuzz Machine definierte, hat Ford Dezibel gegen tiefgründiges Songwriting eingetauscht und eine beseelte Akustikplatte abgeliefert.
„Dieses Stück ›I’m Free‹ ist definitiv von meiner gegenwärtigen Situation inspiriert“, so Ford. „Ich bin frei von den Erwartungen der Leute. Ich bin frei von der Drogensucht, von Unsicherheit und einer Reihe von Dingen. Mir ist bewusst, dass mich die meisten für lauten Rock’n’Roll kennen, also werden sie kaum erwarten, dass ich jetzt akustische Musik mache. Aber es hat sich eben einfach so ergeben, dass sich mein Leben in den letzten fünf Jahren mehr darum drehte, irgendwo mit einer akustischen Gitarre rumzusitzen. Das war das Nachspiel der ganzen Crowes-Sache, ich hatte endlich Zeit, einfach mal allein zu sein, und diese Songs sind das Resultat davon.“
Die „ganze Crowes-Sache“ endete nach 15 stürmischen Mal-ja-mal-nein-Jahren und der 2006er- Reunion-Tour, als Ford in einer Pressemitteilung verlauten ließ, er werde aussteigen, um seine hart errungene Nüchternheit zu beschützen. Als Teil des Splits ist er vertraglich verpflichtet, nicht über seine Zeit bei der Band zu sprechen. „Da spielen eine Menge Faktoren mit rein, wenn du Anfang 20 bist und alles passiert, wovon du je geträumt hast. Ich wurde davon mitgerissen, wie so viele. Und dann kam der Punkt, wo ich dachte, ‚Moment mal, du hast den Berggipfel erklommen und keine Antworten gefunden. Das ist nicht wirklich die Art von Erleuchtung, die ich gesucht hatte’. Drogen und Alkohol waren nur eine riesige Ersatzbefriedigung für fehlendes Selbstwertgefühl. Ich wünsche mir, ich wäre mit bestimmten Dingen besser umgegangen. Aber ich musste es nun mal lernen.“
In den Jahren seither hat er Platten von Ryan Bingham, Steepwater Band und Phantom Limb produziert, während er mit seinen eigenen Formationen weiter auf Tour ging, ebenso wie mit dem legendären Booker T Jones. Doch die ganze Zeit kamen immer wieder diese neuen, akustischen Songs an die Oberfläche und gewannen an emotionalem Gewicht.
„Ich wusste, dass es besser war, erst mal nichts mit diesen Stücken anzufangen, also behielt ich sie unter Verschluss. Die meisten sind brandneu, aber ein paar gehen schon zehn, zwölf Jahre zurück. Die Songs fanden letztendlich irgendwie zusammen und ergaben ein Ganzes. Für mich sind Platten immer noch etwas Vollständiges, mit einem Anfang und einem Ende, ganz anders als diese Singles-Mentalität von heute.“ Der finale Anstoß des Projekts kam schließlich aus einer überraschenden Richtung: Es war THE PINES, das von der Kritik gelobte Album von Phantom Limb, das Ford 2012 produziert hatte. Im Jahr zuvor hatte er deren Gitarristen Stew Jackson getroffen. Die beiden fanden zueinander durch, wie Jackson sagt, „eine gemeinsame Liebe für Hendrix, Delaney & Bonnie und viel Trinken“.
Jackson und seine Bandkollegen waren Fans von Fords Produktion auf MESCALITO von Ryan Bingham. „Diese Platte hat Tiefe“, so Jackson. „Du kannst den Raum hören und es klingt wie eine Band, die zusammen spielt. Es hat nicht diesen sterilen Pro-Tools-Vibe. Also holten wir uns Marc als Produzent und er trat uns richtig in den Arsch. Er reduzierte alles auf ein Minimum, restrukturierte die Songs, veränderte viel. Er wusste, dass es mein Baby war und er es in Stücke riss. Ich verstand damals nicht, was da passierte. Aber irgendwann wurde es mir klar und ich überließ ihm die Kontrolle. Es ist schwer, als Kreativer loszulassen, aber als ich es getan hatte, war es wunderbar.“
Ford und Jackson blieben in Kontakt. Dann wurde Ford klar, dass das fehlende Puzzleteil seines Soloprojekts Phantom Limb waren. „Ich begriff einfach, dass sie die absolut perfekte Band für diese Lieder waren“, so Ford. „Also rief ich Stew an und sagte: ‚Du hast mich dein Baby auseinandernehmen und wieder zusammensetzen lassen. Ich habe meine eigenen Sachen noch nie von jemand anderem produzieren lassen. Das kannst du jetzt bei mir tun. Ich glaube, ich habe einige der besten Songs, die ich je geschrieben habe, und du hast eine geile Band’. Er sagte nur: ‚Komm vorbei’.“
„Er dachte wohl, jetzt sei mein Moment der Rache gekommen“, sagt Jackson lachend. „Aber so bin ich nicht. Seine Methoden haben mich sogar sehr inspiriert. Viele Produzenten sitzen hinten im Studio mit einer Zigarre und sagen, ‚spiel das noch mal ein bisschen schneller’. Aber Marc geht es mehr um Vibe und Gefühl. Er trimmt gerne das Fett weg. Und das nahm ich mir zu Herzen, als ich ihn produzierte.“
Im Studio war Ford erstaunt, wie schnell die Songs Gestalt annahmen: „Ich ging mit jedem die Stücke durch, und als jeder kapiert hatte, was er spielen sollte, zählte ich einfach ein und manchmal klappte es tatsächlich schon im ersten Take. Dabei hatten sie das Material davor noch nie gehört. Irgendwann hatte ich tatsächlich den Verdacht, dass sie irgendwie an meine Demos gekommen waren, weil der Schlagzeuger und der Bassist oft genauso spielten, wie ich auf den Demos in meiner Garage. Sehr seltsam. Das sind beides erfahrene Jazztypen, aber sie spielten nie übertrieben. Ihr Instinkt war es, dem Lied zu dienen, und sie spielten Sachen, die ich als inkompetenter Drummer und Bassist nur deshalb spielte, weil ich es nicht anders konnte. Da wusste ich, dass es die richtige Band ist.“ Jackson fügt hinzu: „Wenn man so sensible Musiker hat, muss man nicht viel sagen, die Musik spricht für sich selbst. Ein weiterer Faktor war, dass wir nicht viel Zeit für das Album hatten. Es ging also darum, es fertig zu bekommen und dabei Spaß zu haben.“
HOLY GHOST schimmert vor subtilen Mellotron-, Fender-Rhodes-, Pedal-Steel- und Banjo-Texturen, doch Fords Gitarre steht eindeutig im Mittelpunkt. Und selbst in diesem entspannteren Umfeld erinnern seine Soli daran, dass er einer der ausdrucksstärksten Gitarristen im Rock ist. „Ich denke, mein Spiel hat sich weiterentwickelt. Wenn man in einer Solosituation ist, übernimmt man die Melodielinie, das Solo muss also eine Stimme sein, mit all den entsprechenden Eigenschaften: Interpunktion, Diktion, Dynamik, Gefühl, Bedeutung. Ich beginne, zu verstehen, was all die alten Blueser und Jazzer sagten: Weniger ist mehr. Man kann mit weniger Noten kraftvoller sein.“
Bis Ende Mai ist Ford mit Phantom Limb auf Tour in Europa, und er denkt schon darüber nach, wohin ihn dieses neue musikalische Kapitel führen mag: „In der Vergangenheit distanzierte ich mich persönlich ein bisschen von den Songs, aus Angst und weil ich nicht zu viel von mir preisgeben wollte. Aber jetzt kümmert es mich nicht mehr, was die Leute davon halten. Ich versuche, mich ihnen zu stellen, und das geht nur mit Ehrlichkeit. Wenn du nicht aufrichtig bist, wird die Musik das verraten.“

Deep Purple – Der Orient-Express

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Purple GroupKurz nach MACHINE HEAD veröffentlichten Deep Purple 1972 ihr grandioses –  und grandios maßloses – Live-Album  MADE IN JAPAN (ab 16. Mai als remasterte Neuausgabe). Doch dann kam ihre phänomenale Karriere ins Stocken. Kollidierende Egos und ein berüchtigter „Spaghetti Vorfall“ zwangen Sänger Ian Gillan, die Band in ihrem Zenit zu verlassen.

Osaka, 15. August 1972. Deep Purple spielen zum allerersten Mal in Japan, in der Konzerthalle Kosei Nenken Kaikan. Über die letzten drei Jahre ist die Bühne zu ihrem Zuhause geworden. Das liegt nicht nur am unablässigen Touren – in diesem Jahr haben sie schon vier Nordamerika- und zwei Europatourneen sowie mehrere Auftritte in Großbritannien absolviert. Die Bühne ist zu dem Ort geworden, an dem Deep Purple – vor allem das legendäre Mk-II-Line-up – ihr Territorium abstecken und ihre musikalische Identität definieren.
Die Band hat schon lange gelernt, dass Proben für die Shows sinnlos waren. Sobald sie die Bühne entern, ist es vorbei mit der Routine. Da Gitarrist Ritchie Blackmore, Keyboarder Jon Lord und Schlagzeuger Ian Paice immer wieder nach Lust und Laune improvisieren, passieren nicht geplante – und oft großartige – Dinge.
Aber nicht heute Abend. Das zügellose Benehmen westlicher Zuschauer gewohnt, die von grünem Gras und rotem Wein benebelt sind, findet sich die Band plötzlich in unbekannten Gefilden wieder. Jedes Mitglied wird beim lässigen Betreten der Bühne mit ohrenbetäubendem Applaus begrüßt, der dann aber umgehend wieder verstummt, noch bevor sie ihre Instrumente erreichen. Das japanische Publikum sollte über die kommenden Jahre für seine Zurückhaltung berüchtigt werden, doch 1972 weiß davon noch niemand. Vor allem nicht Deep Purple.
Das Konzert beginnt viel früher, als sie es gewohnt sind. Es ist noch nicht mal 18 Uhr, als Ian Paices „Ratatat“-Beat auf Jon Lords „Tralala“-Hammond-Orgel trifft, die das Intro des Openers ›Highway Star‹ ankündigt, und eine weitere Runde höflichen, aber kurzen Applaus provoziert. Selbst der schwer zu beeindruckende Ritchie Blackmore scheint verwirrt, als er seinen schwarz gekleideten Körper um seine weiße Stratocaster windet und fassungslos ins Publikum starrt.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum Deep Purple heute nicht auf Touren kommen: Die Show wird aufgezeichnet. „Wir hatten das noch nie getan“, erzählt Bassist Roger Glover von zu Hause in der Schweiz aus. „Tatsächlich wussten wir nicht mal, wie wir überhaupt klangen, da wir davor nur Bootlegs in sehr schlechter Qualität gehört hatten. Wir hatten einfach nicht das Feuerwerk, das wir sonst hatten – wir dachten, wir dürfen das nicht vermasseln.“ Vier Jahrzehnte später hört man immer noch den Stress in seiner Stimme.
Zum Glück gibt es ein Sicherheitsnetz: Sie werden am folgenden Abend auch das zweite Konzert aufnehmen. Und da gibt es dann keinen Platz für Fehler mehr. „Es war uns dann egal“, so Glover. „Wir dachten einfach nicht mehr darüber nach und gingen ab. Weswegen das meiste Material auf dem Album vom zweiten Abend stammt.“
Das Album, von dem er spricht, ist MADE IN JAPAN, das bedeutsame Live-Doppelalbum, das später in jenem Jahr erschien. Heute gilt es als eines der besten Live-Rockalben aller Zeiten. Damals markierte es einen Meilenstein in der Geschichte von Deep Purple: Eine Spitzen-Performance, die paradoxerweise von einer Band kam, die am Rande der Selbstzerstörung war.
Als sie im August 1972 nach Japan kamen, hatte der explosive Mix aus riesigem Erfolg, kollidierenden Egos und fragwürdigem Management zu dem geführt, was Ian Gillan als „Chaoseffekt“ bezeichnet und zu irreparablen Brüchen innerhalb der Band führte. „Wir hatten uns alle im richtigen Alter kennen gelernt und die Chemie war perfekt“, sagt Gillan. „Aber das, worauf man nie vorbereitet ist, ist der Erfolg. Plötzlich spielen so viele andere Elemente mit hinein, vor allem die, die deine Persönlichkeit und deinen Charakter verändern, und folglich auch den Charakter und die Zusammensetzung der Gruppe.“
Einer, der zusah, wie alles zerfiel, war Tourmanager Colin Hart, der auch in Japan dabei war. Er saß bei Aufstieg und Fall des Mk-II-Line-ups in der ersten Reihe. „Es war eine fantastische Zeit“, sagt Hart heute. „Sie waren ganz oben, enorm beliebt, und alle Konzerte waren ausverkauft. Es war so aufregend, wahrscheinlich eines der besten Jahre, die ich je auf Tour verbracht habe. Und dann war plötzlich…alles im Arsch.“
Niemand außerhalb der Band hatte es kommen sehen. Im Gegenteil, von dem Moment an, als Gillan und Glover im Juni 1969 eingestiegen waren – als Ersatz für den ersten Sänger Rod Evans und Bassist Nick Simper –, schien der Aufstieg von Deep Purple unaufhaltsam. Das vierte Studioalbum IN ROCK positionierte sie neben Led Zeppelin und Black Sabbath als Heilige Dreifaltigkeit der Bands, die den neuen, stählernen Sound schmiedeten, der die frühen 70er definieren sollte. Noch hatte niemand daran gedacht, ihn Heavy Metal zu nennen. Es war einfach Rock ohne Grenzen: heavy, klar, aber sowohl metaphorisch als auch wortwörtlich, mit viel virtuosem Licht und Schatten zwischen den gigantischen Riffs, kraftvollen Vocals und heftigen Beats. „Es gab kein Genre“, so Gillan, „keinen Rahmen. Man konnte tun, was man wollte.“
Und das taten Purple auch, vor allem auf der Bühne. Ihre Live-Auftritte waren auf halbem Weg zwischen Zeppelins Fähigkeiten, neue Gipfel der Improvisation zu erklimmen, und der entfesselten Selbstdarstellung von The Who – nicht selten endeten die Konzerte damit, dass Blackmore sein komplettes Gitarren/Verstärker-Set zertrümmerte. „Wir versuchen, das Publikum mitzureißen. Wir wollen eine Reaktion“, prahlte der Gitarrist 1971 in einem Interview. „Ich finde, das ist viel ehrlicher, als mit der Einstellung auf die Bühne zu gehen, dass du nichts tun musst außer dastehen und spielen, weil du der tollste Musiker der Welt bist.“
Wenn man Blackmores Zerstörungsorgien betrachtete, kam man nicht umhin, sich zu wundern, ob sie ein Ausdruck seines Frusts über seine Bandkollegen waren. Deep Purple hatten schon immer einen explosiven Mix von Persönlichkeiten, und mit Gillan kam ein weiteres beachtliches Ego dazu. Die Spannungen zwischen diesem Energiebündel und dem gesetzteren Gitarristen wurden schon bei FIREBALL 1971 offensichtlich. „Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie einander nicht mögen“, so Ian Paice. „Sie sind einfach komplett verschieden.“
„Ian Gillan ist ein bodenständiger Kerl, ein Naturtyp“, so Roger Glover. „Er zieht sich aus und springt in jeden Fluss. Und das ist das Gegenteil von Ritchie Blackmores Verhalten. Bei FIREBALL hatte Ritchie Ideen für Melodien, die Ian nicht singen wollte oder nicht sang. Ritchie frustrierte das sehr. Er wollte mehr Kontrolle haben. Aber es soll ja eine demokratische Band sein, und es ist schwer, Kontrolle zu haben, außer man wird ein Diktator. Und das ist wohl…“ Der Bassist hält inne und formuliert seinen Gedanken neu. „Ritchie ist immer sich selbst zuerst treu geblieben und der Band an zweiter Stelle. Er sieht das sogar als Stärke an. Und wenn du mitlaufen darfst, hast du Glück. Eine Zeitlang.“
Glover wurde zum Vermittler zwischen den beiden. „Roger versuchte immer, den Frieden zu bewahren“, erinnert sich Colin Hart. „Er machte sich große, große Sorgen, wenn es nicht richtig lief, sogar mehr als das Management. Roger nahm es sich zu Herzen.“
Die wachsenden Streitereien ließen vermuten, dass das nächste Album ein Reinfall zu werden drohte. Die Vorzeichen waren jedenfalls nicht gut, als die ersten Sessions, die für den November 1971 geplant waren, abgesagt werden mussten, nachdem Gillan nach der Hälfte der US-Tour Hepatitis bekam. Als sie sich dann in Montreux einfanden, suchte sie die nächste Katastrophe heim, als der Casino-Komplex, in dem sie untergekommen waren, bei einem Frank-Zappa-Konzert niederbrannte – ein Ereignis, das ›Smoke On The Water‹ inspirierte. MACHINE HEAD wurde letztlich im eiskalten, in der Nebensaison geschlossenen Grand Hotel am Rand von Montreux mit dem mobilen Studio der Rolling Stones aufgenommen. Erstaunlicherweise schweißten diese Widrigkeiten die Band zusammen. „Das waren wir gegen den Rest der Welt“, so Glover, „also herrschte auf diesem Album ein tolles Gefühl der Kameradschaft.“
MACHINE HEAD erschien im März 1972, wurde Deep Purples erstes Top-10-Album in den USA und hielt sich dort zwei Jahre in den Charts. Als sie ein paar Monate später nach Japan flogen, waren sie kommerziell wie künstlerisch auf ihrem Zenit.
„Wir hatten das Selbstvertrauen, das einem der Erfolg gibt“, so Glover. „Es herrschte immer das Gefühl, dass wir niemandem folgen wollten. Wenn du jemandem folgst, bist du nur am zweitbesten. Wenn du der Musik wegen dabei bist, musst du sowieso dein Ding machen. So erlangt eine Band echten Ruhm, und genau das wollten wir.“

Wie sich jedoch herausstellte, war der Erfolg von MACHINE HEAD wenig mehr als ein Pflaster auf die Wunden innerhalb der Band. Ihre erste Japantournee war für den August 1972 gebucht, doch davor sollten sie in einer sonnigen Villa vor den Toren Roms mit den Arbeiten zum nächsten Album beginnen. Zumindest war das der Plan. Ian Gillan knirscht heute mit den Zähnen, wenn er über diese Sessions spricht: „Da sind wir, mitten im Sommer in diesem glühend heißen Haus in Italien ohne Klimaanlage, und Ritchie war einfach nicht aufgekreuzt. Zwei Wochen saßen wir einfach nur rum. Dann taucht er auf und wir erfahren, dass er am anderen Ende der Stadt in einem anderen Hotel ist, und er wird entscheiden, wann er vorbeikommt und wer dann im Proberaum sein wird und blablabla. Zu diesem Zeitpunkt war der Größenwahnsinn außer Kontrolle geraten.“
Während ihrer drei Wochen dort nahmen sie nur zwei Stücke auf, von denen letztlich nur einer auf dem kommenden Album Verwendung finden sollte – als Backing-Track zu ›Woman From Tokyo‹.
Die angespannte Stimmung hielt an, als die Band ein paar Wochen später ins Flugzeug nach Japan stieg. Als sie landeten, wurde ihnen schnell klar, wie andersartig dieses Land war – was sie immerhin einander näher brachte. „Das war eine ganz schöne Lektion in Demut“, sagt Gillan über diesen ersten Besuch. „Ich lernte so viel auf dieser Tour, dass es mir plötzlich die Augen öffnete. Etwa das ganze Prinzip des Verbeugens, der Höflichkeit und Bescheidenheit als erhebende Erfahrung für einen selbst, nicht als Unterwürfigkeit anderen gegenüber. Das ist etwas, das der Westen immer komplett falsch versteht. Ich fand es einfach nur umwerfend. Die Teezeremonie verkörpert all das für mich. War das etwas, das ich erwartet hatte? Es war jedenfalls unglaublich.“
Sie machten auch Bekanntschaft mit weniger noblen Gepflogenheiten. In jenen Tagen wurden Rockbands auf Visite in den Badehäusern – oder „Seifenländern“, wie sie genannt wurden – von Geishas in Kimonos unterhalten, die ihre ganz eigene Interpretation des Begriffs „Körperwäsche“ hatten. (Nach dem Beginn der AIDS-Epidemie Anfang der 80s erhielten Nicht-Japaner keinen Zugang mehr zu den Badehäusern) „Es gab bestimmte Clubs, wo man als Rockband, die über Nacht in der Stadt war, wie wahre Könige behandelt wurde“, so Gillan. „Da wa-ren jede Menge Mädchen.“
„Ich habe diese Angebote des Promoters Herrn Udo ausgiebig wahrgenommen“, kichert Colin Hart. „Wann auch immer jemand aus der Band oder der Crew hingehen wollte, kümmerte er sich darum. Abendessen und Badehäuser. Es war eigentlich etwas Ehrenhaftes, weißt du? Die Frauen kamen herein und liefen vor dir in der Lounge auf und ab. Es war hervorragend.“
„Wir hatten viel Spaß“, gesteht Glover. „Außerdem konnte man ins internationale Kaufhaus gehen und billig Kameras kaufen. Wir kamen alle mit jeder Menge Objektiven und Kamerakoffern und allem Möglichen anderen Zeug nach Hause. Aber das Schöne war, dass alle so nett und freundlich waren. Ich weiß noch, wie ich nach England zurückkehrte und mich in einem italienischen Restaurant mit der Besitzerin darüber unterhielt, dass ich gerade aus Japan nach Hause gekommen bin und wie fantastisch es dort war. Und sie warf mich fast hinaus, weil ihr Mann ein Kriegsgefangener in Japan gewesen war und sie sich nicht vorstellen konnte, dass Japan irgendjemandem gefallen könnte.“
Aber die Band war nicht nur da, um die Vorzüge der japanischen Kultur zu genießen. Es stand auch Arbeit an, und zwar zwei Auftritte in Osaka und einer im legendären Budokan in Tokio. Led Zeppelins erster Besuch in Japan im Jahr zuvor hatte dort das Interesse am Heavy Rock geweckt, was Deep Purples internationales Label Warner ausnutzen wollte. Doch als die Idee eines Live-Albums für Japan angesprochen wurde, war die Band zunächst skeptisch. „Wir sagten, dass wir es nur machen, wenn wir die Kontrolle haben“, so Schlagzeuger Ian Paice. „Und wenn es nur in Japan erscheint. Als wir uns dann aber die Bänder anhörten, dachten wir, Moment mal, wir haben da was Besonderes…“
Als sie das Album mit Produzent Martin Birch abmischten, beschlossen sie, es so rein und frei von Studiotricksereien zu belassen wie möglich. Laut Glover gibt es auf dem gesamten Album nur einen einzigen Overdub. „Das war am Ende des ersten großen Crescendos bei ›Child In Time‹, wo die Musik aufhört und es einen Moment lang absolut still ist“, erklärt der Bassist. „Wir dachten, das klingt nicht sehr live, also fügten wir Publikumsgeräusche hinzu. Aber der Rest ist exakt so, wie wir bei den Konzerten gespielt haben.“ Als sie das fertige Album anhörten, wurde ihnen klar, wie dumm es wäre, es nur auf den japanischen Markt zu begrenzen. „Wir sagten dem Management: ‚Das ist echt verdammt gut. Wir wollen, dass es jetzt rauskommt, und wir wollen, dass es überall rauskommt!’“, so Glover.
Ironischerweise war der Albumtitel ein versteckter Seitenhieb auf die japanische Kultur, die sie inspiriert hatte. Damals war Japan noch im Wiederaufbau nach dem Krieg und seine Industrie war ein Synonym für billige Wegwerfprodukte wie Kamera- und Uhrenplagiate. „Das Label ‚Made In Japan’ stand damals in England für totale Billigware“, sagt Gillan kleinlaut. „Der Titel war unsere amüsante Version des Begriffs. Wir gingen davon aus, dass das, was wir da machten, billig und wertlos war, weil es nur ein Live-Album war. Alle sagten uns, dass es Zeitverschwendung war.“
Tatsächlich war es alles andere als das. Als MADE IN JAPAN im Dezember 1972 in Großbritannien erschien, war es eine Offenbarung. Es hatte schon zuvor bedeutsame Live-Alben gegeben: GET YER YA-YA’S OUT von den Rolling Stones, LIVE AT LEEDS von The Who – doch das waren Einzelalben gewesen, glorifizierte Lückenbüßer, Sammlungen von Highlights, die nie das Ansehen von Studiowerken genossen. Es hatte auch gelegentlich Live-Tracks auf Studioalben gegeben, etwa von den Faces oder Cream. Sogar Live-Doppelalben waren schon erschienen, etwa PERFORMANCE: ROCKIN‘ THE FILLMORE von Humble Pie aus dem Vorjahr, auf dem sich ausgedehnte Jams mit Coverversionen von Dr. John, Muddy Waters und Ray Charles fanden, aber nur ein eigenes Stück, sowie AT FILLMORE EAST von der Allman Brothers Band, ein brillanter Schnappschuss einer aufstrebenden Band, der zu ihrem Durchbruch werden sollte.
MADE IN JAPAN war jedoch das erste Mal, dass so große internationale Stars so ein ambitioniertes musikalisches Statement machten, und das an einem solchen Schlüsselmoment in ihrer Karriere, als sie kommerziell gerade in den höchsten Sphären angekommen waren.
Nicht wenige glauben, es sei auch Deep Purples dauerhaftestes Vermächtnis. Es war nicht nur ein originalgetreues Dokument ihrer Live-Show – was es so außerordentlich machte, war die Tatsache, dass es Stücke, die ohnehin schon als herausragend galten, sogar noch verbesserte. Egal welches Lied auf MADE IN JAPAN man spielt – ob ›Child In Time‹ mit all seinen Crescendos, eine Version von ›Smoke On The Water‹, in der Blackmore das Publikum mit diesem Riff prüfte, oder die 20-minütige Fassung von ›Space Truckin’‹, die die komplette vierte Seite des Doppelvinyls einnahm –, im Vergleich zu den originalen Studiotracks ist es wie der Wechsel von Schwarzweiß- auf Farbfernsehen.
Dieses Material wurde nicht einfach nachgespielt, sondern in neue, schwindelerregende Höhen geführt: länger, schneller, exaltierter. Wer das Album 1972 als Teenager hörte und auf der Gatefold-Hülle seine ersten Joints drehte, dem wurde bewusst, wie weit die Musik sich über die Grenzen nicht nur des Strophe-Vers-Formats der Popmusik, sondern auch des alten Zwei-Seiten-Vinyl-Standards hinaus entwickelt hatte. In einer Ära, die von der Virtuosität so genialer Musiker wie Hendrix und Clapton sowie Vollspektrum-Ensembles wie Zeppelin und Yes geprägt war, wurde MADE IN JAPAN plötzlich zur Apotheose von dem, was Rock erreichen, wohin er streben und zu was er sich noch entwickeln konnte.
Was wir nicht wussten: Praktisch in derselben Woche, in der MADE IN JAPAN in Großbritannien erschien, hatte Ian Gillan seine Kündigung verfasst. Er reichte sie am 7. Dez 1972 ein, nach einer ausverkauften Show in der Hara Arena in Dayton, Ohio, bei der Fleetwood Mac und Blue Öyster Cult im Vorprogramm gespielt hatten. „Und ich bekam keine Antwort“, sagt er heute. „Kein einziger Anruf, keinerlei Antwort, von niemandem. Sie dachten wohl, ‚Gott sei Dank geht er’. Also dachte ich, na dann sollte ich das auch tun.“

Wenn man Roger Glover und Ian Gillan fragt, was für ein Mensch Ritchie Blackmore in den frühen 70ern war, erhält man zwei sehr unterschiedliche Meinungen. „Ritchie war schon immer ein kantiger Typ“, so Glover. „Er lässt dich immer denken, dass er etwas weiß, das du nicht weißt, oder dass er irgendwie schlecht von dir denkt. Wenn er einen Raum betritt, verändert sich die Stimmung. Aber das ist seine Magie. Wenn er auf die Bühne geht, kannst du deine Augen nicht von ihm losreißen. Er ist einfach einer dieser Menschen, die so eine Aura haben. Und er hatte schon immer einen schelmischen Sinn für Humor, Streiche und Chaos. Er mag Chaos.“
„Machen wir uns nichts vor, er war ein Arschloch“, formuliert es Gillan etwas unverblümter. Doch der Sänger besteht darauf, dass sein Weggang von Problemen mit dem Management der Band ausgelöst wurde, nicht seinen fortlaufenden Animositäten mit dem widerspenstigen Gitarristen. „Was da hinter den Kulissen passierte, fand ich einfach nur schockierend. Ich hatte noch nie mit Leuten gearbeitet, die mir sagten, sie würden mich zurück in die Gosse werfen, wo sie mich gefunden hatten, und mir Gewalt androhten. Das war nicht schön. Das war alles andere als angenehm. Und das wirkt sich dann natürlich auch auf die Musik aus.“
Gillans Stimmung wurde vom unablässigen Arbeitspensum der Band zusätzlich belastet. Fünf Tage nach der Japantournee waren Deep Purple schon wieder in den USA auf Tour, gefolgt von weiteren Konzerten in Großbritannien. Ende Oktober fanden sie dann schließlich noch zwei Wochen Zeit, um in einem Dorf außerhalb von Frankfurt WHO DO WE THINK WE ARE fertigzustellen – was für das Mk-II-Line-up das letzte Album des Jahrzehnts werden sollte. „Das Verhältnis zwischen Blackmore und Gillan hatte einen Punkt erreicht, wo sie nicht mehr miteinander redeten“, erinnert sich Glover. Diese Spannung hört man auf dem Album. Trotz einiger packender Mo-mente wie dem Opener ›Woman From Tokyo‹ war es ein mittelmäßiges Werk und nach MADE IN JAPAN eine gewaltige Ernüchterung.
Trotz seiner Kündigung hatte Gillan zugestimmt, die nächsten sechs Monate seinen Verpflichtungen nachzukommen, auch wenn das bedeutete, dass er und Blackmore eigene Tourmanager hatten. Und ihre gegenseitigen Antipathien ließen in dieser Situation kein bisschen nach. Colin Hart erinnert sich an ein Ereignis nach einem Konzert in Cleveland, als Gillan in seiner Garderobe saß und sich nett mit Freunden unterhielt: „Ritchie kam herein, griff sich einen Teller heißer Spaghetti und schob sie direkt in Gillans Gesicht – vor allen Leuten. So fühlt sich das an, wenn einen Moment lang die Zeit stehenbleibt. Alle warteten auf diese gigantische Explosion, die gleich kommen würde. Aber das tat sie nicht. Gillan saß einfach nur ruhig da, wischte zwei Augenlöcher in die Spaghetti und sprach dann weiter, als wäre nichts passiert. Und das machte Ritchie absolut rasend, der dann aus dem Raum stürmte und irgendeinen anderen Racheakt plante.“
Nach diesem Spaghetti-Vorfall distanzierte sich Gillan von seinen Bandkollegen. Er nahm andere Flüge, stieg oft in anderen Hotels ab und vermied es, irgendjemanden zu treffen, bis er zum Konzert eintraf. „Er kam zehn Minuten vor stage-time im Auto an, ging auf die Bühne, spielte die Show und war verschwunden, bevor er irgendjemanden sah“, so Hart.
Als wolle er seine bevorstehende Freiheit zum Ausdruck bringen, schnitt er sich die schulterlangen Haare und ließ sich einen Bart wachsen. Seine Freundin Zoe begleitete ihn auf Tour. Laut Colin Hart waren sie zu den John Lennon und Yoko Ono von Deep Purple geworden. „Sie waren damals unzertrennlich“, so Hart. „Sie war überall bei ihm. Und ich weiß, dass sie beim Rest der Band nicht gerade die beliebteste Person war. Sie sagte nie ein Wort, was unheimlich war. Sie saß einfach nur da und starrte. Sie lächelte niemals, you know?“ Heute ficht das Gillan nicht an. „Der Erfolg verstärkte alles und ich muss genauso ein Arschloch gewesen sein wie Ritchie, vielleicht sogar ein noch größeres, vor allem in Bezug auf die persönliche Situation und Freundinnen und so. Das war für alle schwer.“
Zu dem Zeitpunkt war allerdings nicht nur Gillan auf dem Weg in die Freiheit. Eine Zeitlang war Glover überzeugt, dass auch Blackmore und Paice im Begriff waren, auszusteigen. „Ritchie hatte mit dem Gedanken gespielt, zu gehen und eine Band mit Phil Lynott und Paicey zu gründen“, erinnert er sich. „Sie wollten ein Trio sein.“ Glover besteht darauf, dass Tony Edwards und John Coletta, die Manager der Band, ihn und Jon Lord zum Abendessen einluden und sie fragten, ob irgendeine Chance bestand, Paice wieder zurückzuholen, damit sie mit einem neuen Sänger und neuen Gitarristen weitermachen konnten. „Soweit ich weiß, war das der Plan“, so Glover. „Jon und ich hatten mit Paicey gesprochen und er sagte: ‚Ich denke darüber nach’. Das war das letzte, was ich von ihm hörte, bis ich dieses Gefühl hatte…“

Wie es der Zufall wollte, war das letzte Konzert von Gillan mit Purple wieder in Osaka im Juni 1973, in derselben Halle, wo mehr als zehn Monate zuvor der Großteil von MADE IN JAPAN aufgezeichnet worden war. Es war bis dahin auch beschlossen worden – von Blackmore allein –, dass Roger Glover ebenfalls zum letzten Mal mit der Band zu sehen sein würde. „Ich glaube, Ritchie wollte einen Bassisten, der ein bisschen gefährlicher war, etwas virtuoser“, so Glover. „Vielleicht jemand, der auch singen konnte. Ritchie wollte Veränderung. So ist er. Er will frischen Antrieb, er will stimuliert werden. Und er sah wohl die Möglichkeit, als Gillan ging, kombiniert mit der Tatsache, dass Purple riesig waren, doch bei der Band zu bleiben. Also wurde ich herausgedrängt.“ Am Abend seines letzten Auftritts begegnete Glover Blackmore auf der Treppe. Sie hatten seit Tagen nicht miteinander gesprochen. Der Gitarrist sah seinen So-gut-wie-Ex-Bassisten an und sagte: „Es ist nichts Persönliches, nur Geschäft.“
Heute gibt Glover zu, dass er am Boden zerstört war. Hart erinnert sich, wie er ihn nach der Osaka-Show auf dem Boden seiner Garderobe sah, absolut untröstlich. „Jon und Ian ging das sehr nahe“, so Hart. „Sie versuchten, Roger zu trösten, so gut sie konnten.“ „Das war hart“, so Glover. „Ich kam damit nicht klar. Alles was ich getan hatte, war für die Band zu arbeiten, so hart ich konnte, dann sah ich, wie sich mein Leben veränderte und ich in dieser goldenen Kutsche um die Welt fuhr, und dann wird dir plötzlich der Teppich unter den Füßen weggezogen. Das war ein tiefer Fall.“
Gillan reagierte komplett anders. Er ging in einem weißen Smoking auf die Bühne und bestritt den Großteil des Konzerts mit den Händen in den Hosentaschen und einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich fühlte keinerlei Trauer“, sagt er. „Es war, als würde ich eine Last abwerfen. Diese Dinge sind so schwer zu erklären, aber Unglücklichsein ist eine mächtige Sache. Warum war ich an dem Abend so glücklich? Wahrscheinlich, weil ich nicht mehr unglücklich war.“
„Er war sehr gelassen, kühl, fast schon unheimlich“, erinnert sich Colin Hart. „Er kam einfach auf die Bühne, tat sein Bestes, ging dann lässig von der Bühne und ging zum Abendessen aus. Roger war wie erstarrt. Sie spielten ein brillante Show, aber am Ende war es sehr traurig, zu sehen, wie Roger in der Garderobe auf dem Boden saß und völlig, absolut zerstört war, weil es vorbei war.“
Hart behauptet, dass diverse Parteien versuchten, Gillan zum Bleiben zu überreden, inklusive das Management. „Ich weiß, dass Roger Ian sein Herz ausschüttete, um ihn dazu zu bringen, nicht zu gehen. Ritchie leckte sich wahrscheinlich nur die Finger und sagte [imitiert die Stimme von Mr. Burns aus den „Simpsons“]: ‚Großartig! Lasst uns fortfahren!’“
Ian Paice und Jon Lord hatten noch bis zum langen Rückflug zurück nach London am nächsten Tag die Hoffnung, die Situation lösen zu können. Aber Gillan und Zoe waren schon auf einem anderen Flug abgereist und Glover war immer noch ein hoffnungsloses Wrack. Das Mk-II-Line-up war am Ende. „Erst Tage später wurde mir endlich klar, dass Ian und Roger wirklich nicht zurückkehren würden“, sagt Paice, der am Tag des Osaka-Konzerts seinen 25. Geburtstag gefeiert hatte. Er gibt zu, dass ein gewisses Maß an Selbsterhaltungstrieb im Spiel gewesen war. Verständlich, wenn man bedenkt, dass er, Lord und Blackmore die Band von Beginn an vorangetrieben hatten und ihr musikalischer Kern waren.
„Ich war der Jüngste in der Gruppe und ich hatte nicht die Absicht, sie aufzugeben, nur weil es für die anderen beiden Jungs nicht funktioniert hatte“, sagt der Schlagzeuger heute. „Für Roger tat es mir wirklich leid. Ich frage mich manchmal, was passiert wäre, wenn wir ihn behalten hätten. Wäre Ritchie länger in der Band geblieben? [Blackmore ging nur zwei Jahre später, entfremdet von der Funk-orientierteren Richtung, die teilweise Glovers Nachfolger Glenn Hughes eingeführt hatte] Wir hätten uns wahrscheinlich einfach sechs Monate frei nehmen und uns dann wieder treffen sollen, aber Bands nahmen sich damals keine sechs Monate frei. Niemand wusste, ob eine Band mehr als zwei Jahre überstehen würde. Also tat man, was man tun musste.“

Natürlich war die Geschichte des Mk-II-Line-ups noch längst nicht vorbei. Die kreativen Höhenflüge von MADE IN JAPAN sollte es aber nie wieder erreichen. Davor sah man die meisten Live-Alben tatsächlich als genauso „billig und wertlos“ wie ein japanisches Uhrenimitat. Danach wurden Live-Doppelalben zum großen Kaliber im Arsenal jeder Band, die als Teil der Rock-Oberliga angesehen werden wollte. Für einige, z.B. Lynyrd Skynyrd (ONE FOR THE ROAD) und Thin Lizzy (LIVE AND DANGEROUS), wurden es ihre Bestseller und stellten den Höhepunkt ihrer Karrieren dar. Später wurden sie dann für andere wie Iron Maiden (LIVE AFTER DEATH) und Pink Floyd (PULSE) zum Ersatz für „Greatest Hits“-Sammlungen. Einige Künstler führten das Konzept in noch exaltiertere Höhen, indem sie Live-Doppelalben veröffentlichten, welche die kreative Entwicklung ihrer Karriere nachzeichneten, während sie manche ihrer größten Klassiker radikal überarbeiteten: Bob Dylan And The Bands BEFORE THE FLOOD von 1974 oder Joni Mitchells MILES OF AISLES aus demselben Jahr.
Heute ist MADE IN JAPAN unanfechtbar der „Big Daddy“ aller Live-Doppelalben und der Gipfel im Schaffen von Deep Purple. 40 Jahre nach dessen Erscheinen gesteht Roger Glover, dass er es sich immer noch hin und wieder anhört: „Es erstaunt mich immer noch, all die kleinen Dinge, die ich vergessen hatte. All diese Momente auf der Bühne, wo man nicht weiß, was passiert. Sie verließen sich auf einen Blick oder ein musikalisches Signal oder eine Geste, oder einfach nur Glück. Wir nannten es damals ‚Pferdeaugen’. Du weißt schon, wenn man einander ansieht, im Kopf herunterzählt und wartet, wieder einzusteigen…“

Go Go Berlin – Røck’n’Røll vøn der Østküste

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Go Go BerlinAlles begann vor gut drei Jahren mit der vorlauten Frage von Drummer Christoffer Møller Østergaard an einen örtlichen Clubbetreiber, ob er mit seiner Band ein Konzert spielen könne. Einziges Problem: Es gab keine Band. Mittlerweile schon und noch viel mehr: Mit NEW GOLD veröffentlichen die Dänen von Go Go Berlin nun auch hierzulande ihr Debütalbum!

Go Go Berlin bestehen aus Bassist Emil Rothmann, Sänger/Gitarrist Christian Vium, Drummer Christoffer Møller Østergaard, Gitarrist Mikkel Gorm und Organist Anders Søndergaard – fünf in der dänischen Ostküstenstadt Aarhus beheimatete Typen um die 20, die sich ihres merkwürdigen Bandnamens durchaus bewusst sind. „Alles ist in dieser verhängnisvollen Nacht entstanden“, erinnert sich Frontmann Christian Vium. „Kurz bevor die Konzertplakate gedruckt werden sollten, wussten wir nicht einmal, wie wir uns eigentlich nennen sollten! Also haben wir uns für Go Go Berlin entschieden – ein schöner, kraftvoller Name, der zwar keine Bedeutung, dafür aber einen guten Klang hat. Außerdem ist er auch irgendwie auf sympathische Art großspurig. Er passt einfach sehr gut zu uns.“
Auf ihrem in Dänemark bereits im letzten Herbst veröffentlichten Top 5-Erstling NEW GOLD suchen sich die Skandinavier ihre eigene Nische zwischen alten Helden wie den Doors, Led Zeppelin, Aero-smith und The Clash. Mittlerweile hat das Quintett über 80 Shows gespielt, darunter auch beim renommierten Roskilde Festival. Höchste Zeit also für Go Go Berlin, den Rest Europas mit ihrem charmant spröden Seventies-Rock zu erobern – nach D.A.D. und Volbeat die nächsten Vertreter aus dem Königreich zwischen Nord- und Ostsee, die die Fahnen des Rock’n’Roll hoch halten. „Wir mögen allerlei Genres“, so Christian weiter. „Ursprünglich hatten wir auch gar nicht geplant, so zu klingen, wie wir heute klingen. Sobald wir gemeinsam in einem Raum sind und unsere Instrumente einstöpseln, entsteht dieser typische Go-Go-Berlin-Sound. Jeder von uns könnte andere Einflüsse nennen, wir alle können uns auf Blues, Jimi Hendrix und die Doors einigen. Aber unser Gitarrist Mikkel steht total auf britische Punkbands, Christoffer mag am liebsten 80es-Rock und ich höre mir auch häufig neues Zeug von Tame Impala und Co. an.“ Go Go Berlin sind oldschool im Herzen und verbinden ihre vielfältigen Einflüsse auf Songs wie ›Shoot The Night‹, ›On The Run‹ und ›Raise Your Head‹ zu einem kraftvoll frischen Aus-alt-mach-neu-Mix.
Was genau im skandinavischen Trinkwasser enthalten ist, dass dieser Tage so viele großartige Bands aus dieser Gegend kommen, kann auch der GGB-Sänger nicht eindeutig beantworten. „Vielleicht hat es mit den letzten Resten unserer Wikinger-Gene zu tun. Unser erster Proberaum befand sich in einem verfallenen Sägewerk – ein verdammt kaltes, ehemaliges Büro, in dem der Wind durch die Fenster pfiff. Das spiegelt unsere nordische Mentalität wider: Massives Holz, bittere Kälte und der Wille, die Dinge in die Hand zu nehmen.“

The Arkanes – Ohne Hokuspokus

arkanes-war-5940Eine Liverpooler Rockband aus der Mittelschicht, die schon seit der Schulzeit zusammen spielt? Kennen wir. Allerdings nicht in einer derart erfrischenden, grundehrlichen und sympathischen Form wie bei den ARKANES und ihrem Debüt W.A.R.

Die Arkanes sind eine echte Arbeiterband. Sie lassen sich ihren Rock nicht von Daddy finanzieren, können sich nicht auf große Touren einkaufen und erst recht keine pompösen Studioaufenthalte leisten. Es sind einfach ein paar Jungs aus Liverpool, die ebenso von Rock, Grunge und Garage infiziert sind wie von ihrer aller großen Liebe, dem FC Liverpool. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen, schon seit Schulzeiten zusammen in einer Band… klingelt da nicht was? „Doch, sicher, die Karriere der Beatles verlief ganz ähnlich“, gibt Sänger Chris Pate zu. Das hört er nicht zum ersten Mal. Eine Ehre ist der Vergleich für ihn aber immer noch. „Die Beatles sind natürlich eine unserer Lieblingsbands, ich finde allerdings nicht, dass wir nach ihnen klingen.“ Das nicht. Gut vorstellbar aber, dass die Beatles heute ganz ähnliche Musik machen würden wie das, was die Arkanes auf ihrem Debüt W.A.R. zu bieten haben. Englische Rock-Musik, geschmiedet aus miesem Wetter, Ale und einer alles andere als rosigen wirtschaftlichen Situation.
Irgendwo zwischen Rock, Grunge, Garage und Stoner zuhause, weist der Sound der jungen Liverpooler allerdings deutlich mehr gen Nirvana oder Led Zeppelin. „Das sind zwei meiner absoluten Lieblingsbands“, bekennt der Sänger, „vor allem von Kurt Cobain bin ich über die Maßen fasziniert. Er hat mich mehr inspiriert als alle anderen Musiker.“ So ist dann also auch die frappierende Ähnlichkeit des Anfangsriffs in ›Onus‹ zu ›Smells Like Teen Spirit‹ zu erklären. Es sind eben vier Fans, die hier Musik machen, und dabei eine ganze Menge richtig machen. Die Musik ist dringlich, zeigt Zähne, gibt sich kritisch, wenn es sein muss, will aber nicht politisch sein. „Der Albumtitel sollte dennoch aufrüttelnd sein“, erklärt Chris. „Deshalb auch die Großbuchstaben.“ Inspiriert ist der von Orwells „1984“, ein Werk, dessen Aktualität hier sicherlich nicht erwähnt werden muss. „Viele Dinge hier machen mich wütend, doch ich möchte nicht als ewiger Lamentierer rüberkommen. Ich schreibe mir manchmal einfach gern meinen Frust von der Seele.“ Das meint der Engländer ernst: Er ist praktisch ständig am Komponieren, braucht bisweilen nur fünf Minuten für das grobe Grundgerüst eines Stücks. Das Debüt enthält Songs der letzten Jahre, für Chris eine Art Tagebuch, in dem es neben ersten beachtenswerten Erfolgen auch manchen Tiefschlag gab: Vor einer US-Tour wurden sie von ihrem Manager sitzengelassen, der mit der Kohle abgehauen war, mehr als einmal stand die Band vor der Auflösung. „Dann frage ich mich jedes Mal, warum ich das alles erdulde, gehe auf eine Bühne, spiele einen Gig – und weiß es plötzlich wieder.“ Allzu viel möchte er in dieses Ventil deswegen auch gar nicht rein interpretieren, gibt sogar zu, dass der Bandname im Wörterbuch gefunden wurde. Einfach so. Ohne spirituellen Hokuspokus.

High Spirits – Aus vollem Herzen

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High Spirits 1Wenn die New Wave Of British Heavy Metal so harmonisch mit klassischem Hard Rock verschmilzt wie auf High Spirits‘ Zweitwerk YOU ARE HERE,  gibt es keine Zweifel: Die 80er leben!

Als Chris Black vor fünf Jahren zum eigenen Amüsement High Spirits ins Leben rief, konnte der US-Amerikaner den rasanten Aufstieg seiner Band nicht im Entferntesten vorausahnen: Schließlich gehörten Classic Rock und die New Wave Of British Heavy Metal Ende des vergangenen Jahrzehnts nicht gerade zu den zugkräftigsten Musiksparten. 2014 sieht die Situation völlig anders aus: Rock und Metal mit 70er-/80er-Prägung gelten nicht zuletzt unter jungen Rezipienten als wahre Publikumsmagneten.
„Seit 1987 liebe ich die Verbindung von Anmut und Kraft früher Heavy-Metal-Hits aus vollem Herzen“, strahlt Black. „Damals war ich noch ein Kind, dessen Leidenschaft nicht viele Gleichaltrige teilten. Die wenigen Mitglieder unserer kleinen Szene waren außerdem viel zu jung, um Konzerte besuchen zu dürfen.“
Kein Wunder, dass High Spirits’ zweites Album – die 2009er-Compilation HIGH SPIRITS nicht mitgerechnet – klingt, als sei es per Fluxkompensator von den 80ern in die Gegenwart transportiert worden: Mit schnittigen Twin-Gitarren, Blacks’ hochmelodischem Gesang und auf schnelle Zugänglichkeit programmierten Arrangements springt YOU ARE HERE in die Lücke zwischen alten Helden wie Dokken, Iron Maiden, Jaguar, Scorpions und Thin Lizzy. „Die zahlreichen Begegnungen mit unseren Zuschauern in den vergangenen Jahren inspirierten mich in der Kompositionsphase sehr“, schwärmt Black. „Mit dem letztjährigen Demo hatte ich High Spirits’ atmosphärische und melancholische Seite erforscht. Nun wollte ich mehr von unserer rauen Bühnenenergie einfangen: YOU ARE HERE klingt weitaus erdiger, der Mix transportiert viel besser unseren typischen Live-Druck.“
Black spricht zwar in der Pluralform. Tatsächlich aber spielte er im Studio einmal mehr alle Instrumente selbst ein. Perfektionismus oder Selbstkasteiung? Der High-Spirits-Chef versucht sich an einer Erklärung: „Es ist ein ständiger Konflikt. Der größte Vorteil: Von Anfang an habe ich einen präzisen Blick über möglichen Interaktionen der Instrumente. Außerdem genieße ich völlige Freiheit, kann nach Lust und Laune herumexperimentieren und muss mich nie anderen Personen erklären. Doch es gibt auch viele Nachteile. Dazu gehört vor allem, dass ich auf meine eigenen Fähigkeiten an den verschiedenen Instrumenten beschränkt bin. Alleine aus diesem Grund kann ich schon kein Perfektionist sein.“

Edguy – Fünf Freunde

Edguy2014bMit SPACE POLICE – DEFENDERS OF THE CROWN dokumentieren Edguy ihre Ausnahmestellung im deutschen Melodic Metal. Von Frontmann Tobias Sammet gibt es jetzt sogar eine Art Karikatur auf dem Cover-Artwork.

Die Fans kennen Tobias Sammet vor allem als fröhlichen Zeitgenossen, der das Herz auf der Zunge trägt und mit humorvollen Anekdoten über sich und seinen Berufsstand gerne sein schelmisches Naturell zum Ausdruck bringt. Aber es gibt auch den anderen, den zweifelnden und latent melancholischen Sammet. „Das Gefühl des hässlichen Entleins, das sich allein auf weiter Flur befindet, dieses Gefühl hat mich immer angetrieben“, gesteht der Sänger der deutschen Melodic-Metaller Edguy. „Gleichzeitig kämpfe ich gerne gegen Konventionen, allerdings vorzugsweise mit Humor und Augenzwinkern.“ Humor und Augenzwinkern, so lässt sich wohl auch die Andeutung einer Sammet-Karikatur beschreiben, die das Frontcover des neuen Edguy-Albums SPACE POLICE – DEFENDERS OF THE CROWN ziert. Ähnlichkeiten zum Sänger der Band jedenfalls sind vermutlich nicht ganz zufällig.
Dass Edguy nicht der einzige Arbeitsbereich des 36-Jährigen ist, wissen Anhänger der Gruppe seit langem. In schöner Regelmäßigkeit kümmert er sich abwechselnd um Edguy und um sein Metal-Oper-Projekt Avantasia, eine Art Allstartruppe mit wechselnden Protagonisten. Personelle oder zeitliche Überschneidungen kennen beide Projekte nicht, lediglich die Musik ist weitgehend im gleichen Genre Zuhause. „Zwischen Edguy und Avantasia läuft nie etwas parallel, weil ich mir das auch gar nicht zutrauen würde“, erläutert Sammet, der beiden Bands jeweils ausreichend Zeit zur vollen Entfaltung einräumt, solange bis ihn das schlechte Gewissen gegenüber der jeweils anderen Verpflichtung einholt. Er sagt: „Wenn ich von einer Avantasia-Tournee nach Hause komme und den Eindruck habe, ich würde jetzt gerne drei Monate einfach mal nichts tun, fällt mir schnell wieder ein, dass der Rest von Edguy bereits auf mich wartet.“
Dann trifft er seine alten Kumpels wieder, mit denen er – ohne Besetzungswechsel! – seit 1998 genau die Musik macht, die er und seine Mitstreiter so lieben – schnell, heavy, melodisch und straff arrangiert. „Wir wollten noch nie Komplexität vorgaukeln, sondern einfach nur Songs schreiben, die gute Hooklines haben, Refrain-orientiert sind, ohne die Grenze zum Kitsch zu überschreiten, sodass man nicht behaupten kann: ‚Das hätte auch von Wolle Petry stammen können.’ Wir haben das Rad nicht neu erfunden, aber unsere Songs sind trotzdem alles andere als abgedroschen.“
Die Kontrolle darüber, wieweit sich Edguy in härtere Gefilde vorwagen oder aber – wie im Fall ›Rock Me Amadeus‹ von Falco – sich auf SPACE POLICE – DEFENDERS OF THE CROWN auch dem Wagnis einer vermeintlich riskanten Coverversion stellen, liegt komplett in Sammets Händen. Jedenfalls im Streitfall: „Sagen wir es mal so: Edguy sind eine demokratische Band, aber ich habe Vetorecht. Unter dem Strich sind wir fünf Freunde, unter denen alles ausdiskutiert wird. Aber wie beim Autofahren muss einer entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Ich glaube sowieso nicht an eine bedingungslose Demokratie.“
Die ist bei Edguy auch gar nicht gewollt, denn die Instrumentalisten der Gruppe vertrauen ihrem Frontmann und seinem Verantwortungsbewusstsein. „Bei Avantasia bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, bei Edguy dagegen gibt es vier Freunde, denen ich unbedingt gerecht werden will. Anders würde diese Band auch gar nicht funktionieren.“