Kurt Vile: Köln, Kantine (02.11.2018)

Kurt Vile Live

Der Neil Young der Generation Smartphone mäandert virtuos vor sich hin.

Die Kantine liegt im Kölner Außenbezirk Niehl, am Rande städtischen Treibens, da wo es ruhiger zugeht. Es ruhig angehen lassen, das ist auch die Karrieredevise von Kurt Vile, so scheint es. Oder anders: Ein konzeptioneller Karriereplan ist bei dem ehemaligen Gabelstaplerfahrer aus Philadelphia schwer auszumachen. Seine Verweigerung ist das Glück der Fans, denn seine Songs sind eigenständige, mäandernde Soundgebilde, die im Rock fußen, sich aber zumeist jeglicher offensiver Eingängigkeit verweigern.

Seine Anhänger lieben Vile eben für seine schluffige Verweigerungshaltung, keine Hits anzubieten. Diese hat er aus meiner Sicht auch nicht nötig – doch soll es auf seinen Konzerten neben glühenden Verehrern immer wieder auch Menschen geben, die seinem Gitarrengegniedel lediglich ein sanftes Gähnen abgewinnen können. Mit den Haaren metertief im Gesicht ist der Amerikaner sicher kein Showmaster, eher der Kumpeltyp, dem auch heute Abend bis auf ein verhuschtes „Hi“ nicht viel über die Lippen gehen wird. Dass er von der Fachjournalie bereits als Neil Young der Neuzeit gehandelt wird, überrascht nicht, denn der lässige Kauz versteigt sich ähnlich wie der große Kanadier in lange Soli und Gefrickel.

Der Reiz eines Konzerts von Kurt Vile liegt in der beiläufigen Virtuosität seines Vortrags, der Attitüde des nicht Wollens und dennoch Könnens.

Und so darf man bei einem Blick durchs weite Rund neben einigen Hipstern auch den mittelaltem Mann beim Nachspüren der Soli beobachten, ja beim ekstatischen Mitwogen zur Musik. Der Reiz eines Konzerts von Kurt Vile liegt in der beiläufigen Virtuosität seines Vortrags, der Attitüde des nicht Wollens und dennoch Könnens.

Dass sich Vile am heutigen Abend durch seine zahlreichen Alben spielt (sieben sind es mittlerweile, die ganzen EPs und selbstveröffentlichten Platten nicht mitgezählt), fällt gar nicht weiter auf, denn das Prinzip des Künstlers ist auf Verfeinerung, nicht aber auf radikale Stilbrüche angelegt. Mir persönlich gefällt seine jüngste Platte BOTTLE IT IN wohl am Besten, da er auf ihr die zügellose Eigenständigkeit durch immer länger werdende Stücke nah an den Exzess treibt.

Mit seiner jüngsten Single ›Loading Zones‹, in der er sich als stolzer Falschparker stilisiert („I park for free!“), beginnt Vile seinen musikalische Reigen in Köln. Auch heute steht seine Band, The Violators, hinter ihm und bildet den Boden für die ausufernden Soli und Spielereien. Zu den Highlights zählen das fast 10 Minuten auf der Stelle tretende ›Bassackwards‹ oder sein vielleicht bester Song, ›Walkin On A Pretty Day‹, in dem er sich ausgiebige, wunderbar ineinander gleitende Gitarrenmomente gönnt.

Bei einem Stück, ›Runner Ups‹, steht er dann auch mal ganz allein auf der Bühne. Mit Mundharmonika und Akustikgitarre rückt er dann ganz nah an Neil Young heran. Nach anderthalb Stunden endet das Konzert, mit dem ruhigen ›He’s Alright‹ aus dem Frühwerk. Und ganz ehrlich: „When he is alright“, dann sind wir es auch.

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