Werkschau: Joan Jett

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Werkschau: Joan Jett

Sie war bei den Runaways, hatte eine „misspent youth“ und
erarbeitete sich eine „bad reputation“. Und doch wurde sie mit
ihrem höhnischen Lächeln und ihrem knackigen Pop-Rock zur
unangefochtenen „Queen Of Noise“.


Menschen mit mehr Rock’n’Roll im Blut als Joan Jett muss man erst mal finden. Als Gründungsmitglied und kreative Triebfeder hinter The Runaways und später als ikonenhafte, stets Leder tragende Ganganführerin bei Joan Jett & The Blackhearts definierte die Künstlerin mit dem bürgerlichen Namen Joan Marie Larkin (Jett war der Mädchenname ihrer Mutter) die Blaupause für Frauen in der Rockmusik völlig neu. Wenn es jemals so etwas wie ein Idol der Riot Grrrrls gegeben hat, dann sie: Selbstbestimmt, tough, kompromisslos – ihr stolz zur Schau getragener „schlechter Ruf“ war vielen ein Vorbild.

Doch am Anfang war das Wort. Und das Wort war „Quatro“. Suzi Q hatte einen seismischen Effekt auf die junge Joan J. Suzis Stil, ihre Einstellung und die Lässigkeit, mit der sie klassischen Rock’n’Roll in ein völlig zeitgemäßes Format übertrug, waren ein Konzept, das es nachzuahmen galt. Wenn Suzi Elvis und Eddie für ein Glam-Publikum aufledern konnte, konnte Joan dasselbe mit ähnlichen Zutaten für die Punk-Ära gelingen. Jett besorgte sich mit 14 eine Gitarre, zog nach Kalifornien, hing in Rodney Bingenheimers English Disco ab und wartete darauf, entdeckt zu werden. Was nicht lange dauerte. Zumindest der Legende nach. Die patriarchalische Rockmythologie erzählt uns, der Produzent/Szenegänger/ Königmacher Kim Fowley aus Los Angeles habe die Runaways zusammengecastet. Was
nicht ganz der Wahrheit entspricht. Sowohl Jett als auch Schlagzeugerin Sandy West waren bei ihm vorstellig geworden. Er erkannte, dass sie viel gemeinsam hatten, und brachte sie zusammen. Fowley war der Manager und Produzent der Band (vervollständigt durch Sängerin Cherie Currie, Bassistin Jackie Fox und Gitarristin Lita Ford), doch Jett war ihre eigene Strippenzieherin. Die Runaways waren Pionierinnen, die über den Tisch gezogen wurden.

Junge Frauen (sie waren alle 16 und 17) gründeten Mitte der 70er nun mal einfach keine Hardrockband und es war hart. Sie eroberten Japan und feierten auch anderswo Achtungserfolge, doch Currie und Fox stiegen aus und die Band löste sich nach drei äußerst richtungsweisenden Alben auf. Nach der Trennung tat sich Jett mit Kenny Laguna, ehemals bei den Shondells, zusammen. Sie formulierten Jetts Fundament mit dem Titelstück ihres Solodebüts BAD REPUTATION und der legendären Coverversion des The- Arrows-Songs ›I Love Rock’n’Roll‹, wurden mit ihren Demos dann aber von 23 Plattenfirmen abgelehnt. Dann jedoch gründeten Jett und Laguna kurzerhand Blackheart Records, rekrutierten die Blackhearts, eroberten MTV, feminisierten den Rock und wurden schließlich 2015 in die Rock & Roll Hall Of Fame aufgenommen. Diese Liebe wurde definitiv erwidert.

Unverzichtbar

The Runaways, QUEENS OF NOISE, MERCURY 1977

Das definitive Statement der Runaways fing die Band gleichzeitig auf dem Zenit ihres Könnens und am Rande ihres Zusammenbruchs ein. Das zunehmend schwierige Verhältnis zu Manager/Produzent Fowley führte dazu, dass Earle Mankey an den Reglern saß. Er verpasste dem Sound mehr Muskeln, Lita Ford sorgte für mehr Metal und der Machtkampf zwischen Jett und Currie erledigte den Rest. Erstere sicherte sich die begehrte Lead-Stimme auf dem monumentalen Titelstück und kombinierte auf dem grandiosen ›Born To Be Bad‹ die Dramatik von Alice Cooper mit dem frechen Appeal der Shangri-Las. Cherie Currie
konterte mit den Proto-Hair- Metal-Balladen ›Midnight Music‹ und ›Heartbeat‹. Wer gewann? Wir alle!

Joan Jett & The Blackhearts, I LOVE ROCK’N’ROLL, BOARDWALK 1981

Jett hatte ›I Love Rock’n’Roll‹ von The Arrows schon 1979 mit den Ex-Sex-Pistols Paul Cook und Steve Jones aufgenommen. Als B-Seite verheizt, verschwand es in der Versenkung. Doch als es mit den Blackhearts wiederbelebt und als erste Single ihres zweiten Albums veröffentlicht wurde, ging es durch die Decke. Sieben Wochen auf Platz 1 der US-Charts machten den Song zum Klassiker. Auf dem Album fanden sich clever gewählte Covers (u. a. ›Crimson And Clover‹ von Tommy James And The Shondells) und knackige Eigenkompositionen wie ›Love Is Pain‹ sowie eine Neuinterpretation des Runaways-Stücks ›You’re Too Possessive‹, die Jetts Gesamtwerk definieren sollten.

Wunderbar

The Runaways, THE RUNAWAYS, MERCURY 1976

Entgegen der vorherrschenden Meinung war Joan Jett seit jeher gleichberechtigte Leadsängerin und zudem die Hauptsongwriterin der Band. Cherie Currie mag auf ›Cherry Bomb‹ gesungen haben, geschrieben hatte ihn jedoch Jett. Als Opener eines Debüts ein absoluter Kracher. Mit dem anschließenden Riffmonster ›You Drive Me Wild‹ mit Jett am Mikro war die Absichtserklärung der Runaways perfekt. Doch so vielversprechend die Platte war, sie kam nicht an QUEENS OF NOISE heran. Das Gangsterdrama ›Dead End Justice‹ war gelungen, doch Lou Reeds ›Rock’n’Roll‹ nur ein Füller.

Joan Jett, BAD REPUTATION, BLACKHEART/BOARDWALK 1981

Aufgenommen mit geliehener Studiozeit entstand BAD REPUTATION mit allen möglichen, gerade verfügbaren Musikern (The Roll-ups, Ex-Pistols, Clem Burke und Frank Infante von Blondie), war komplett selbst finanziert und wurde zunächst noch selbstbetitelt aus dem Kofferraum von Lagunas
Auto verkauft. Es geriet zur Blaupause für alles, was folgen sollte. Freche, selbstsichere und drangvolle Eigenkompositionen sowie Covers halb vergessener Jukebox-Hits (Lesley Gores ›You Don’t Own Me‹) verbanden sich hier zu nachhaltig wirkender Stärke.

Joan Jett & The Blackhearts, ALBUM, EPIC 1983

Joan Jett strotzte nach dem Erfolg von I LOVE ROCK’N’ROLL nur so vor Selbstbewusstsein und Kreativität, ALBUM hatte daher nur zwei Covers: ›Tossin’ And Turnin’‹ von Bobby Lewis und ›Everyday People‹ von Sly Stone. Jett und Laguna liefen als Songwriting-Maschine auf Hochtouren und verpassten
dem deftigen, Glam-polierten Traditionsrock mittels Popgespür Feinschliff. ›Fake Friends‹ tobte mit Stil aus den Boxen, ›Handyman‹ knisterte vor Frust und ›Coney Island Whitefish‹ reichte ein einziges Wort als Refrain: „scumbag“.

Evil Stig, EVIL STIG, BLACKHEARTS 1995

Nach der Vergewaltigung und Ermordung von Mia Zapata, der Sängerin von The Gits, tat sich
Jett mit den überlebenden Mitgliedern Dresdner, Moriarty und Spleen zusammen, um Evil Stig zu gründen. Ursprünglich wollten sie ein Benefizkonzert geben, um die Ermittlungen zu dem Mord zu finanzieren, doch mit Laguna als Produzent machte das Quartett ein Album überwiegend aus Gits-Songs. Jett ist hier in ihrem Element, lässt den inneren Punk von der Leine und greift das Material mit elektrisierender, markerschütternder Wut an. Ein faszinierender Blick auf das, was hätte sein können.

Anhörbar

The Runaways, WAITIN’ FOR THE NIGHT, MERCURY 1977

Nach dem Ausstieg von Currie und Fox als Quartett neukonfiguriert, blicken die schockstarren Runaways von ihrem dritten Albumcover wie vier erschrockene Hasen im Scheinwerferlicht. Jett als Gewinnerin dieses Umbaus schrieb acht der zehn Songs (die anderen beiden kamen von Lita Ford), folglich prägte ihre Härte das Album und machte es zu punkig für den US-Mainstream, aber nicht punkig genug für den UK-Underground. Fords rauer Pyro-Metal kam zu früh für die NWOBHM. Doch heute klingen Songs wie ›Little Sister‹ und ›Wasted‹ besser denn je.

Joan Jett & The Blackhearts, UP YOUR ALLEY, BLACKHEART/POLYDOR 1988

Man hatte schon eine Weile keinen Hit mehr, verfügt über ein ansehnliches Budget, Desmond Child hat die Vorabsingle ›I Hate Myself For Loving You‹ mitgeschrieben und sitzt neben Laguna im Produzentensessel. Ex-Stone Mick Taylor hat ein Gitarrensolo parat und es ist 1988. Was tut man also? Wenn man Joan Jett ist, besteht man darauf, dass alle Beteiligten eine Platte machen, die klingt wie Gary Glitter ca. 1974. Bang! Platz 8 in den USA. Und deshalb ist Joan Jett ein Genie. Ab und an nimmt die 80er-Opulenz etwas überhand, aber die- ser Opener? Reines Gold.

Joan Jett & The Blackhearts, GLORIOUS RESULTS OF A MISSPENT YOUTH, EPIC, 1984

Jetts Vierte beginnt mit einem neu aufgenommenen ›Cherry Bomb‹ und scheut sich nicht, alles Offensichtliche aus der Mission der Blackhearts zu quetschen. Eine beachtliche Produktionscrew ist der Aufgabe gewachsen und GLORIOUS RESULTS … würde besser abschneiden, wenn dasselbe Kaninchen nicht schon mal aus dem Hut gezogen worden wäre. Aber was für ein Kaninchen! ›Hold Me‹ könnte die bis dato beste Ballade aus Jetts Feder sein und ›I Need Someone‹ allein ist schon den Kauf wert.

Sonderbar

Joan Jett & The Blackhearts, THE HIT LIST, CHRYSALIS, 1990

Jeder Joan-Jett-Fan sagt irgendwann einmal unfreiwillig diesen Satz: „Es reicht mit den Coverversionen“. Meist, wenn er sich halb durch THE HIT LIST gearbeitet hat. Jetts Stärke lag schon immer darin, lang vergessenen Juwelen aus den späten 50ern oder frühen 60ern neues, rockiges Leben einzuhauchen:
Straßenecken-R’n’B, Limospender-Schmalz mit einer Portion Lederjacken-Doowop. Aber plumpen Rock (AC/DC, ZZ Top, Hendrix, Doors) noch plumper machen? Das braucht niemand. Abzuheften unter „Danke, aber nein danke“, gleich neben ACID EATERS von den Ramones.

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