Titelstory: The Rolling Stones – Zurück in die Garage

The Rolling Stones PromoEigentlich wollten die Rolling Stones 2016 endlich ein neues Studioalbum aufnehmen. Stattdessen ging ihr 18-jähriges Alter-Ego mit ihnen durch und sie spielten im Zuge einer fiebrigen, dreitägigen Session ein komplettes Blues-Coverwerk ein. BLUE & LONESOME, so der Titel, dokumentiert die Funktionsweise der Stones auf eindrucksvolle Weise. Selten war man dem wild schlagenden Herz dieser Band so nahe.

Am Samstag, den 22. Oktober 2016 um kurz vor acht steht Keith Richards im hinteren Teil der Bühne direkt neben dem Set von Charlie Watts und wechselt ein paar Worte mit dem Schlagzeuger. Im Saal ist es noch dunkel, die Show beginnt erst in einigen Minuten und selbst aus den vorderen Reihen muss man ganz genau hingucken, um die beiden überhaupt zu er­­kennen. Wir sind in Las Vegas, Nevada. Die Stones spielen ihr letztes großes Konzert des Jahres. Zuvor hatten sie gemeinsam mit Bob Dylan, Neil Young, The Who, Paul McCartney und anderen auf der Bühne des Desert-Trip-Festivals in Indio gestanden und also ein Wiedersehen mit vielen alten Freunden aus den Sixties gefeiert. Ein weiteres geplantes Konzert in Las Vegas musste einige Tage zuvor abgesagt werden, nachdem bei Jagger eine Kehlkopfentzündung diagnostiziert worden war. Aber heute sind sie hier.

Und wenn man genau jetzt, in diesem aberwitzigen Las-Vegas-Moment mit all den flackernden Lichtern überall, ungefähr zwei Minuten, bevor DIE BAND auf die Bühne geht, wenn man also jetzt trotz der ganzen Aufregung noch mal ganz kurz die Konzentration aufbringt, genau zu beobachten, was die beiden Männer da oben gerade eigentlich machen, dann verrät das eventuell sogar mehr über den Kern dieser Band als die zwei Stunden danach. Auf den ersten Blick raunt Keith – natürlich mit Kippe im Mundwinkel, heutzutage ja beinahe ein revolutionärer Akt – Charlie Watts einfach irgendetwas zu. Watts lacht, Richards knufft ihn mit dem Ellbogen in die Seite. Bei tieferer Betrachtung aber wird klar: Genau diese Szene hat man schon unzählige Male ge­­sehen, und zwar nicht nur bei den Stones. Es ist das letzte kurze Lagegespräch einer Veteranen-Club-Band, die keine großen Worte mehr braucht und sich vor dem nächsten Set noch schnell auf ein paar Ab­­­­­läufe einigt. Es ist: ein Musikergespräch.

Genau in diesem Moment wird schlagartig klar, was die Stones auch nach 54-jähriger Karriere, über 250 Millionen verkauften Alben und unzähligen anderen Rekorden immer noch vor allem ausmacht. David Bowie ist gegangen und Prince auch. Viele, mit denen die Stones in den frühen 60ern begonnen hatten, sind längst nicht mehr hier. Das Line-up des Desert Trip war diesbezüglich auch eine Art letztes Aufgebot der goldenen Rock-Jahre. Die Stones aber sind immer noch da. Und sie sind immer noch vor allem anderen: die größte kleine Rock’n’Roll-Band der Welt. So absurd das auf den ersten Blick auch klingen mag. Man sieht es in ihren Gesichtern, in der Art, wie sie sich ansehen – und man hört es auf BLUE & LONESOME, dem in diesen Tagen erscheinenden neuen Al­­bum, dem ersten seit elf Jahren: Wenn diese Männer nicht zufällig in den 60er-Jahren neben den Beatles die größte Band aller Zeiten geworden wären, dann würden sie heute vermutlich immer noch einmal die Woche in irgendeinem Pub spielen. Einfach, weil es ihnen so viel Spaß macht und sie sonst vor die Hunde gehen würden.

In diese Gedanken hinein explodiert irgendwas, das Licht geht an, die 20.000 springen aus den Sitzen. Für Keith Richards und die anderen beginnt die Schicht. Er reißt die Tele hoch, A-G-A-G, eins der größten Riffs der Musikgeschichte. Kurz darauf kommt Mick Jagger angerannt und singt die eröffnende Zeile aus ›Jumpin’ Jack Flash‹: „I was born in a crossfire hurricane.“ Vom ersten Moment an ist er absolut da, das hat ihn immer ausgezeichnet. Jagger hat unter dramatischen Umständen seine langjährige Lebensgefährtin verloren, er ist 73 Jahre alt, sämtliche Bemühungen, irgendetwas anderes zu machen als die Stones, sind von Politik über Schauspielerei bis zur Solokarriere mehr oder minder gescheitert. Also macht er weiterhin das, was er am besten kann: Being Mick Jagger. Es ist einer der härtesten Jobs der Welt. Und keiner könnte ihn besser machen als dieser dürre Engländer.

Wie ein ferngesteuerter Cyborg hetzt er jetzt über die Bühne, spielt die Blues­harp, herzt Ron Wood, feuert das Publikum an, singt atemberaubend gut, hat immer und zu jedem Zeitpunkt alles im Blick – auch wenn ihm seine Entertainerqualitäten nach diesem Abend noch ein bisschen Ärger einbrocken: Nachdem er sich gefragt hat, was für eine Sportmannschaft wohl in der Konzerthalle ansonsten ihre Spiele austragen möge – „die Las Vegas Black Jacks? Die Las Vegas Hookers?“ – „entschuldigt“ er sich für die Absage der ersten Vegas-Show zwei Tage zuvor: „Ich wäre gerne aufgetreten, wir waren schon hier. Aber David Copperfield hat mich für zwei Tage unsichtbar gemacht, also ging es leider nicht.“ Im Internet werden ihm das viele Stones-Fans, die die beschwerliche Anreise bereits angetreten hatten, einige Tage später übelnehmen. Dass die Stones nach 54 Jahren noch mal einen kleinen Shitstorm erzeugen, hätte man auch nicht gedacht, aber ja: Selbst Mick Jagger, dessen ironisch konnotierte Überheblichkeit doch stets zum Grundinventar gehörte, muss sich heutzutage offenbar vor kleingeistigen In­­ternetdeppen rechtfertigen. Kann man sich nicht ausdenken.

Schon klar, die Karten kosten an diesem Abend bis zu 1.000 Dollar. Aber die Stones sind jeden einzelnen Cent wert und das Gejammere über die Höhe ihrer Eintrittspreise ist so alt wie die Band selbst. Ihre immer noch gewaltige Produktion bauen sie inzwischen zu­­nehmend im Rahmen sogenannter Boutique-Konzerte in Arenen und nicht mehr in Stadien auf, obwohl sie diese spielend ausverkaufen könnten. Sie bewegen sich bewusst auf einen nicht mehr für möglich gehaltenen Idealzustand hin. Die albernen Gummifiguren aus den 90ern sind bereits weg, die Bühne ist reduziert auf das Wesentliche, es geht nur noch um Mick, Charlie, Keith und Ronnie. Um die Musik der Rolling Stones.

Es mag zwar inzwischen eine von den Stones abgesegnete, aus ihren Archiven bestückte Wanderausstellung geben. Und auch sonst wird die Musealisierung seit Jahren eifrig betrieben. Gleichzeitig sind sie aber ja immer noch: da. Hier und jetzt. Und das absolut ergreifendste ist natürlich, diese Band live erleben zu dürfen, am besten so nahe wie irgend möglich. Mit den Jahren wird ihr Spiel immer minimalistischer, ökonomischer, sie nähern sich zunehmend dem Kern ihres Schaffens. In Teilen spielen sie in Las Vegas im Prinzip eine räudige Club-Show, nur halt vor 20.000 Leuten. Auch wenn ganz zum Schluss zu ›You Can’t Always Get What You Want‹ ein Kinderchor kommt, bevor die Zuschauer mit dem obligatorischen ›Satisfaction‹ in die Nacht entlassen werden.

Danach haben die alten Recken in der Bar um die Ecke noch lange leuchtende Augen. Die Älteren haben die ersten Konzerte in den mittleren 60er-Jahren gesehen, einer will bei 265 Stones-Shows gewesen sein, ein anderer ist aus Düsseldorf angereist, wieder andere aus Australien, Russland, der ganzen Welt.

Zwei Tage später. Im inoffiziellen Wer-hat-die-dünnsten-Stones-Beine-Ranking liegt Ron Wood aktuell knapp hinter Mick Jagger auf Platz zwei. Dicht gefolgt von Charlie Watts und Keith Richards, und zwar genau in dieser Reihenfolge. „Worüber wollen wir sprechen?“, fragt Wood, „das Blues-Al­­bum?“ Ganz genau, darum sind wir hier: ein Blues-Album also. Es heißt wie gesagt BLUE & LONESOME, enthält zwölf Cover-Versionen weniger bekannter Klassiker von unter anderem Little Walter, Jimmy Reed, Howlin’ Wolf, und man kann es ruhig ehrlich sagen:

Zunächst ist man ein bisschen enttäuscht. Elf Jahre, seit A BIGGER BANG, hatten die Stones kein neues Album mehr veröffentlich. Immer wieder gab es in dieser Zeit Ge­­rüchte, dass sie ins Studio zurückgekehrt seien, erst im September 2015 deutete Keith Richards im Gespräch mit CLASSIC ROCK entsprechende Pläne an – und nun sollen sie ausgerechnet ein Coveralbum aufgenommen haben? Die meisten Bands wählen einen solchen Schritt, wenn ihnen ab­­solut gar nichts mehr einfällt, entsprechend war die erste Reaktion vieler Kommentatoren.

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