Titelstory: Slash – Was kost‘ die Welt? Ich nehm zwei!

slash soloSlash über sein neues Soloalbum, Nostalgie in Guns N‘ Roses, die Faulheit des modernen Menschen, seine Leidenschaft Politik und wie es ist, „den Traum zu leben“.

Bereits Anfang Juni, Guns N’ Roses haben ge­­rade die erste Show der zweiten Europa­rutsche ihrer „Not In This Lifetime“-Tour in Berlin inklusive deutlicher Kritik an der Soundqualität im Olympiastadion hinter sich gebracht, da kündigt sich, noch hoch geheim und hinter vorgehaltener Hand, eine Sensation an. Slash lädt, einen Tag bevor die Veltins-Arena in Gelsenkirchen bespielt wird, zum Interview nach Düsseldorf.

Erstmals seit seiner Reunion mit Axl Rose und Duff McKagan spricht überhaupt einer der Original-Gunners in ausführlicher Form mit der Presse. Doch der Anlass ist ein überraschender: Der Welt-Zylinder-Träger der Jahre 1985 bis 2018 möchte sein neues Soloalbum, weiß Gott, wann er das aufgenommen hat, vorstellen. Außer der kommentarlos zugesandten Musik – zwölf neue Songs mit Myles Kennedy und den Conspirators – gibt es genau eine Ansage, die es zu befolgen gilt, bevor Slash nur wenige Tage später in einem luxuriösen Hotel an der Königsallee eine kleine Auswahl an Journalisten empfängt: „Keine Guns-N’-Roses- Fragen, also keine Axl-Fragen, also jedenfalls keine Drama-Fragen bitte“, heißt es am Edelholztischchen des noblen Polstermöbelarrangements, wo nun alle auf einen warten: Labelvertreterin, Promoterin, Masseurin und der imposante Bodyguard Kimo, durch dessen bloße Anwesenheit die ausgegebene Richtlinie eine starke Untermauerung erfährt.

Zumindest so lange, bis sich herausstellt, dass der wirklich nicht zu fürchten ist, stattdessen – ebenfalls ein sanfter Riese seiner Zunft – ganz hervorragend zu seinem Schützling passt. Der kommt entspannt, die Lederjacke über die Schulter gelegt und ein um­­gekehrtes Truckercap sowie eine Spiegelbrille aufgesetzt, auf seine wartende Entourage zu, lächelt, begrüßt alle mit Handschlag und schon ist CLASSIC ROCK an der Reihe. Bereits jetzt ist klar: Das dürfte wider alle Schwierigkeiten gut werden. Gemeinsam wird in den nahegelegenen Konferenzraum geschlendert, Slash bietet sich als höflicher Barkeeper an, verteilt Eiswürfel für das Sprudelwasser und gibt sich anschließend genauso wenig still wie das von ihm kredenzte Erfrischungsgetränk.

Slash, erst mal Glückwunsch zu eurem Auftritt auf dem Download-Festival vor zwei Tagen. In den Videos, die davon kursieren, sah es nach einem ordentlichen Erfolg aus.
Oh ja, das war ein Gig, der richtig Freude gemacht hat. Fuuuck. Ich glaube, dass …, nein, es hat alles gut ge­­klappt. Das Publikum war großartig und das war vielleicht eine verdammt gigantische Bühne! Da durfte man je­­des Mal über die Länge eines Football-Feldes laufen, um von einem zum anderen Ende zu kommen. Aber der Spaß war da. Es war ja erst die dritte Show der jetzigen Tour und es braucht immer eine kleine Weile, bis die Zahnräder wieder reibungslos ineinandergreifen. Jetzt freue ich mich auf morgen.

Sehr schön. Doch lass uns besser schnell über den eigentlichen Grund unseres Treffens sprechen: Du veröffentlichst ein neues Soloalbum, von dem ich bislang praktisch noch nichts erfahren habe. Also die offensichtlichste Frage zuerst: Welchen Titel soll es denn haben?
Es heißt LIVING THE DREAM. Zumindest bei uns in den Staaten wird das als Sprichwort immer mit einem leicht sarkastischen Unterton verwendet.

Du meinst wie Y(ou)O(nly)L(ive)O(once)?
Haha, ja exakt! Jedenfalls, ja, das ist der Name der Platte, ja.

Das ist cool! Und bringt mich ir­­gendwie zu einer Frage, die ich dir ursprünglich erst ganz am Ende des Interviews stellen wollte: Würdest du bejahen, dass du derzeit ein – im positivsten Sinne des Wortes – nostalgisches Leben führst?
Nostalgisch?? (Seine eigentlich sonor gurrende Stimme schnellt in die Höhe und überschlägt sich leicht.)

Ja. Immerhin spielst du wieder in derselben Band mit denselben Jungs, mit denen du vor vielen, vielen Jahren zusammen spieltest, und auch in deinem Privatleben bist du in ebendiese Zeit zurückgekehrt.
Hm, ja. Ja, ich glaube, das stimmt schon, irgendwie: Es ist schon lustig, denn das jetzt mit Guns N’ Roses – ohne hier zu tief in die ganze Sache einzutauchen – ist schon sehr anders, als ich es erwartet hatte. Es fühlt sich nicht an, als würde es irgendeine frühere Zeit in mir wachrütteln. Es sind dieselben Jungs – zum größten Teil – und dieselben Songs – zum größten Teil (lacht) – , aber irgendetwas hat das Ganze an sich, das es überhaupt nicht nostalgisch sein lässt. Wenn wir sagen, lasst uns mal einen Song – zum Beispiel ›Out Ta Get Me‹ – probieren, dann denke ich nicht: „Oh, ich weiß noch, wie wir das damals spielten.“ Nee, weißt du. Vielleicht liegt das auch ein wenig an dem Bewusstseinszustand, in dem ich mich damals über so lange Zeit befand, aber das heute ist wirklich frisch und neu. Ich meine, schau mal, ich kenne Axl jetzt bald 40 Jahre, aber es fühlt sich einfach sehr gegenwärtig an. Ja, und das mit meinem Privatleben, shit! Es ist wirklich lange her, als das mit Meegan und mir zum ersten Mal anfing. Das dürfte schon manchmal etwas nostalgisch sein, wenn wir uns gemeinsam an alte Geschichten zurückerinnern. (Seine Stimme wird noch etwas wärmer, er lächelt.)

Da lebst du also doch in der Tat ein bisschen diesen „Traum“, ganz ohne Ironie und Sarkasmus?
Ja, nun, ich romantisiere ja nicht gerne, aber ich vermute, dass man das so sagen könnte.

Und wieder zurück zum Sachthema. Du legst durchaus Wert auf die visuelle Komponente deiner Al­­ben. Habt ihr bereits ein Artwork?
Ja, das habe ich schon erledigt. Es ist ja mein Job, sich um alle Einzelheiten zu kümmern. Ich habe mir also zuerst eine Idee erarbeitet und dann bin ich wieder zu Ron England gegangen, der auch das WORLD ON FIRE-Cover entworfen hatte. Ich wollte unbedingt ein Motiv, das gleichzeitig richtig witzig und unheilvoll ist. Aber ich fand einfach nichts, das in seiner Aussage so weitgreifend ist wie die Phrase „Living The Dream“. Also musste ich mir etwas ganz anderes überlegen. Und es ist…, ach du musst es einfach sehen. Es ist ein cooles Cover. Eigentlich wäre schon alles fertig, aber ich kann das Album noch nicht veröffentlichen, weil ich ja bis September mit alledem hier beschäftigt bin. (zeigt im Konferenzraum des Hotels herum)

Noch eine grundlegende Faktenfrage: Besteht die Band noch immer aus den vier selben Herren wie zuletzt?
Die vier selben Jungs wie beim letzten Mal, ja. Mit dem Unterschied, dass Frank Sidoris diesmal auch gleich im Studio dabei war. Damals war er ja erst für die Tour zu uns gekommen. Ich bin echt stolz auf Frank, er hat einen wunderbaren Job gemacht. Es klingt jetzt nach zwei unterschiedlichen Personen, die Gitarre spielen, im Gegensatz zur letzten Platte, auf der ich selbst versuchte, wie jemand anderes zu klingen. (lacht)

Ach, Myles hat das nie übernommen auf eu­­ren Alben?
Nah.

Aber ein anderer aus deinem Team hat einen weiteren Job übernommen. Kann es sein, dass man eu­­ren Bassisten Todd Kerns ziemlich oft im Hintergrund singen hört?
Oh, er ist so was wie unsere Gesangsgeheimwaffe. Jede Harmonie, die du da hörst kommt von Todd. Er und Myles klingen fantastisch miteinander. Er hat eine großartige Stimme.

Ich vermute, ihr habt es wieder zusammen mit Mike Baskette (Produzent von Alter Bridge und WORLD ON FIRE, Anm. d. Red.) aufgenommen. Aber musstet ihr auch diesmal für die Zusammenarbeit nach Florida?
Für den Mix sind wir dann rüber ge­­flogen, ja. Aufgenommen haben wir alles bei mir. Also nicht bei mir zuhause, aber ich habe mir 2014 ein Objekt gesucht, wo ich proben und mir ein Studio einrichten konnte. Und so habe ich jetzt dieses kleine Haus in L.A. mit so etwas wie einem Homestudio, das groß genug ist, damit wir dort gemeinsam live einspielen können. Technisch habe ich mich beschränkt, mit einem 16-Spur-Mischpult, einem digitalen. Diesmal habe ich nichts analog gemacht.

Ah, kein Tape mehr?
Oh nein. Es war einfach zu kostspielig. Wenn du heute ein Album machst, musst du dir echt Gedanken machen, wie du kosteneffektiv arbeiten kannst. Bei der letzten Platte habe ich diesen Aufwand noch be­­trieben, aber das lief auf eine doch recht teure Produktion hinaus, also für heutige Verhältnisse, natürlich nicht verglichen zu damaligen Zeiten vor 20 Jahren oder so. Also alles digital, aber ich habe gutes Equipment. Bei mir machten wir also die Pre-Production, nahmen die Drums außerhalb auf und machten dann den ganzen Rest wieder bei mir.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here