Titelstory: Free – „Wir wussten, wie gut wir waren“

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Titelstory: Free – „Wir wussten, wie gut wir waren“

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Was auf FIRE AND WATER jedoch am meisten auffiel, waren nicht so sehr verschiedene Musikstile, sondern ganz neue Lebensansätze. Ihre kurze, aber glorreiche Regentschaft mag zwar in die Zeit der überdimensionalen Schlaghosen und Lavalampen gefallen sein, mit Räucherstäbchen, brennenden BHs, Gras, Wein und LSD – doch was sie wirklich verkörperten in den überwältigten Köpfen derer, die ihre Platten kauften, steckte schon in ihrem Namen: Freiheit. Die Freiheit von jener schwarzweißen Welt der frühen 70er Jahre, eine Flucht in ein Land, wo langes Haar immer noch etwas bedeutete. Etwas Freies eben.

Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet der Erfolg ihres Superhits Free dieser musikalischen Freiheit zu berauben schien. „›All Right Now‹ war wirklich Fluch und Segen“, seufzt Kirke. „Wie lautet dieses alte chinesische Sprichwort? Man sollte vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht. Und uns wurde der Wunsch erfüllt. Plötzlich spielten wir nicht mehr jeden Abend in einer anderen Stadt, sondern in einem anderen Land.“

Tourneen durch Amerika, Japan und Australien sowie der legendäre Auftritt beim Isle Of Wight Festival schienen den Aufstieg einer Band zu zementieren, die sich tatsächlich im freien Fall befand. Als sie versuchten, einen würdigen Nachfolger zu ›All Right Now‹ zu schreiben, gelang es ihnen einfach nicht. Ihre nächste Single ›The Stealer‹ wurde eiligst im September 1970 aufgenommen und fand sich letztlich auch auf ihrem vierten Album HIGHWAY. Sicherlich ein toller Song – aber eben auch ein absoluter Flop.

„Wir standen unter enormem Druck, nach ›All Right Now‹ nachzulegen, aber wir schafften es nicht“, so Kirke. „›The Stealer‹ ging völlig unter, mit HIGHWAY passierte dasselbe. Das deprimierte uns. Da dachten sich Andy und Paul offenbar, dass wir das Ende unserer ge­­meinsamen Reise erreicht hätten, und beschlossen, die Band aufzulösen. Ich werde nie die Reaktion von Koss vergessen. Er sackte zusammen, als sei ihm ein Magenschwinger verpasst worden.“
Für Fraser verdunkelte sich der Himmel allerdings schon, als ›All Right Now‹ Free im flüchtigen Rausch jenes Sommers auf die Sonnenseite geführt hatte und die Welt wieder bunt erscheinen ließ. „Wir waren keine eingeschworene Gemeinschaft mehr, die aufeinander aufpasste“, sagte er. „Diese innige Beziehung, die wir vier Typen geteilt hatten, wurde nun auch mit Freundinnen und Ehefrauen geführt. Jenes fünfte Mitglied, das größer als wir alle war, hatte uns jedoch gewissermaßen den Rücken gekehrt und diese einmalige Chemie innerhalb der Band begann sich aufzulösen.“

Die endgültige Trennung erfolgte 1971, doch die Geschichte war damit noch nicht ganz vorbei. Ein Jahr später fanden sie wieder zusammen, teils als letztlich fehlgeschlagener Versuch, den mit seinen Dämonen kämpfenden Kos­soff zu retten. Das Ur-Line-up machte noch ein Album, FREE AT LAST, das Anfang 1972 beinahe widerwillig eingespielt wurde. Doch die guten Zeiten gehörten da schon lange der Vergangenheit an. Kurz darauf stieg Fraser aus, während Kossoff seinen tragischen Absturz in die Drogenhölle fortsetzte, der ihn drei Jahre später und viel zu früh ins Grab brachte.

Der Status von Free als eine der prägenden Bands der frühen Rockära verblasste über die folgenden 40 Jahre, und an FIRE AND WATER erinnert man sich – wenn überhaupt – unfairerweise nur noch als das Album, auf dem ›All Right Now‹ zu hören ist. Eine Handvoll Fans, darunter auch Joe Bonamassa, hält das Andenken an sie am Leben, wenn auch mit begrenztem Erfolg. Ge­­rüchte über eine Reunion kamen immer wieder auf, vor allem als Teil der Feierlichkeiten zu den Olympischen Spielen in London 2012, doch die alten Widrigkeiten ließen sich nicht überwinden und es wurde nichts daraus. Andy Fraser starb am 16. März 2015. Und mit ihm starb auch jegliche Hoffnung darauf, dass Free noch einmal den ihnen gebührenden Platz im Rock-Pantheon einnehmen könnten.

Als ich 2014 das letzte Mal mit Andy sprach, kommentierte er das nie ausgeschöpfte Potenzial seiner alten Band mit einer Mischung aus Enttäuschung und Frust: „Nach FIRE AND WATER hätten wir meiner Meinung noch Größeres erreichen können. Wenn ich an die Beatles denke, hatten sie nie vor etwas Angst, von lustigen Songs im Stil von ›Yellow Submarine‹ bis zu ›Strawberry Fields Forever‹, was ein absoluter Klassiker ist. Ich fand, wir hatten auch diese Fähigkeit, und wollte nicht darauf beschränkt sein, nur diese einfache Bluesband zu sein.“

Wenn, aber, vielleicht … Nun ist es zu spät, um etwas zu ändern. Alles ist wie Staub, der vom Wind verweht wird. Doch das Einzige, was zählt, ist die Musik. Wenn man sich heute FIRE AND WATER anhört, geht es gar nicht mehr um 1970. Es geht um das Hier und Jetzt, das Damals und die Zukunft. Um dieses zeitlose Wunder, das ge­­schieht, wenn deine Seele von echter Schönheit berührt wird. Von der Sonne und dem Mond. Von Yin und Yang. Feuer und Wasser. Free haben vielleicht nicht das Vermächtnis hinterlassen, das sie verdient gehabt hätten, doch für alle anderen unter uns gibt es immer noch FIRE AND WATER zu entdecken: ein magisches Portal zu jenem Ort, an dem es immer „all right now, baby“ sein wird.

1 Kommentar

  1. Free war die Band die mich als damaliger Musiker ( Hobby-Gitarrist) mit am meisten beeinflusst hat.
    Paul Kossoff war neben den anderen damaligen Gitarren-Heroen der für mich bedeutendste bezüglich der Ton-Formung, des Sounds den er unnachahmlich zelebrierte.
    Für mich einer der besten Blues-Rock-Gitarristen der leider viel zu früh verstarb.
    Free ist für mich eine der besten Bands die die Blues-Rock-Ära hervorgebracht hat. Bin dankbar dafür , dass ich in diesem Zeitfenster selbst aktiv als Musiker und Fan teilhaben konnte.
    Diese Musik und ihre Interpreten begleiten mich Tag täglich bis zum Ende meiner Tage.
    Rolf-Jo-Maier

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