Titelstory: Free – „Wir wussten, wie gut wir waren“

FREE @ PHOTOGRAPH BY GERED MANKOWITZ © BOWSTIR Ltd. 2016Mankowitz (2)„Wir wussten, wie gut wir waren. Dass wir uns an einem guten Tag vor niemand fürchten mussten.“

Eine der grossen britischen Bands und eines der besten Alben der 70er: Paul Rodgers, Simon Kirke und der mittlerweile verstorbene Andy Fraser blicken zurück auf FIRE AND WATER von Free.

Für diejenigen unter uns, deren Erinnerung mittlerweile deutlich länger ist als ihre Haa­­re, markierte 1970 einen Mo­­ment, in dem alle Uhren stillstanden. Nach der Technicolor-Explosion von SGT. PEPPER und Konsorten fühlte es sich an, als habe jemand den Farbregler wieder ganz runtergedreht. Nicht nur das Fernsehen war schwarzweiß, sondern auch alles andere. Die Politiker, der Fuß­ball, die Mode, sogar der Himmel, ge­trübt von Kohleschwaden und allgegenwärtigem Zigarettenrauch.

Das Einzige, was noch ein wenig Farbe ins Leben zu bringen schien, war die Musik. Aber selbst ihre Tage schienen gezählt zu sein. Das große Ereignis des Sommers war das Isle Of Wight Festival im August. Zu sehen waren dort Jimi Hendrix, The Doors, The Who und eine noch ziemlich neue britische Bluesrockband namens Free, die gerade den großen Rockhit der Saison mit ›All Right Now‹ von ihrem dritten Album FIRE AND WATER feierte.

„Wir hatten gerade erst den Durchbruch geschafft, was Hits betraf“, erinnerte sich Bassist und Mitbegründer Andy Fraser noch letztes Jahr. „Plötzlich traten wir Seite an Seite mit all diesen Superstars auf. Aber wir wussten, wie gut wir waren. Dass wir uns an einem guten Tag vor wirklich niemandem fürchten mussten.“

Einen Monat später war Hendrix tot, sechs Wochen darauf war Jim Morrison zum letzten Mal mit den Doors aufgetreten. Die Beatles hatten in jenem Jahr ebenfalls ihre Auflösung bekanntgegeben, während Janis Joplin und Brian Jones schon in ihren Gräbern lagen. Selbst Free, für die der Erfolg von FIRE AND WATER eine so rosige Zukunft erhoffen ließ, kamen nun in arge Bedrängnis, während sie versuchten, einen überzeugenden Nachfolger zu ihrem Meisterwerk ab­­zuliefern. „1970 lag uns die Welt zu Füßen. So fühlte es sich zumindest an“, sagt Schlagzeuger Simon Kirke heute. „Und wir ließen zu, dass es uns wieder entglitt.“

Es ist wahr. Sie waren unglaublich jung, außergewöhnlich talentiert und gutaussehend, auf ihre struppige, charmant ungepflegte Art. Doch wenn je eine Bluesrockband dieser Zeit unter keinem guten Stern geboren wurde, dann Free. Mit FIRE AND WATER hatten sie etwas erschaffen, das selbst über das hinausging, was Led Zeppelin versuchten. Es war nicht nur die neueste heiße Scheibe, sondern ein Werk von solcher Reife und perfekt ausbalancierter musikalischer Logik – eine Kombination aus Blues, Soul, Rock, Funk und etwas, das die vier Musiker nur einem geisterhaften, unendlich viel weiseren „fünften Mitglied“ zuschreiben konnten –, dass die ganze Welt so­­fort in seinen Bann geschlagen wur­de.

Es war wirklich ein Traumalbum, doch es markierte auch den Moment, in dem das Schicksal von Free unumkehrbar zu einem Alptraum wurde. Wo es heute eigentlich als eines der großen Werke des Rock honoriert werden sollte, ist es stattdessen gerade mal eine Fußnote in den Geschichtsbüchern, überschattet von der erfolgreichsten Single. „Es ist wirklich eine Schande, was nach FIRE AND WATER mit Free passierte“, erzählte mir Andy Fraser Jahre später. „Doch die Musik wird immer da draußen sein. Dafür war sie gemacht.“ Oh ja.

Auch wenn ›All Right Now‹ für viele den Einstieg in die Ge­­schichte der Band bedeutete, war es doch tatsächlich das letzte Stück, das für das Album aufgenommen wurde, dessen Schlusspunkt es schließlich setzte. FIRE AND WATER erschien im Juni 1970, gerade als Mungo Jerrys ›In The Summertime‹ be­­sagte Single von Platz 1 der britischen Charts fernhielt. „Oh Gott, ich hasste Mungo Jerry“, lacht Kirke. Während der eher wie ein Scherzartikel wirkte, galten Free plötzlich als Teil des neuen Rock-Hochadels. Dafür sorgte FIRE AND WATER, das ebenso souverän Platz 2 erreichte.

„Für mich ist ganz klar, dass das unseren Zenit darstellte“, bestätigt Kirke am Telefon aus New York. Der hochgewachsene Schlagzeuger, geboren in London, aber aufgewachsen in der Grafschaft Shropshire, ist mittlerweile 67 und bezeichnet Sänger Paul Rodgers und sich selbst immer noch als die „Landeier“ der Band. Es ist auch kein Zufall, dass die beiden nach Free mit der Gründung der unendlich er­­folgreicheren Bad Company am meisten erreichten. „Die anderen beiden hatten so viel Talent“, sagt er über Fraser und Gitarrist Paul Kossoff, „doch ich denke, Paul und ich hatten den Ehrgeiz und die Entschlossenheit. Wir taten alles dafür.“

Fraser hegte gemischte Gefühle ob des Erfolgs: „Ich wollte ‚Top Of The Pops‘ ablehnen. Ich konnte mir uns einfach nicht auf derselben Bühne wie jemanden der Sorte The Sweet vorstellen.“ Doch Kirke empfand den Erfolg als eigentlichen Sinn und Zweck der ganzen Geschichte: „Wir kamen von einem Gig und sahen, dass unser Lie­ferwagen voller Telefonnummern war, die Fans mit Lippenstift darauf ge­­schmiert hatten. Unser Fahrer rubbelte sie ab, aber wir schrieben sie uns auf. Damals gab es ja keine Handys, also mussten wir die passenden Münzen für die Telefonzelle finden. Das war zweifellos eine wunderschöne Zeit, bevor sich dann leider alles zum Schlechten wandte.“

Paul Rodgers, der bodenständige Sohn eines Hafenarbeiters aus Middlesborough, sehnte sich ebenfalls nach dem ganz großen Erfolg – aber nur unter seinen Bedingungen. „Auf einen Jungen aus dem Nordosten von England wirkte das Leben in London 1970 unglaublich aufregend“, erinnert sich Rodgers heute am Telefon aus den USA, wo er eine Solo-Tournee absol­viert. „Überall schien Musik zu sein. Ich konnte Cream, Hendrix, die Beat­les, Joe Cocker oder Rolling Stones aus jedem Fenster hören.“

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