Pink Floyd: Wem die Stunde schlägt

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Pink Floyd: Wem die Stunde schlägt

Von Studenten als Rhythm & Bluesband gegründet, entwickeln sich Pink Floyd binnen einer Dekade zu einem der gigantischsten Musik-Acts der Welt. DARK SIDE OF THE MOON wird so etwas wie der Heilige Gral der Rockmusik. WISH YOU WERE HERE bestätigt den Ausnahmestatus. Doch bereits mit dem Folgealbum ANIMALS beginnt ein Prozess, der letzten Endes zum Split der Gruppe führt. Man kann es tragisch nennen: THE DIVISION BELL, das letzte Studiowerk, das vor exakt zwanzig Jahren erschien, handelt von Kommunikation, stellt dabei aber selbst das Ergebnis einer Kommunikationsstörung dar.

Kommunikation, so die Meinung nicht weniger angesehener Philologen wie etwa Michel Foucault, ist per se eine Störung, nämlich der ungelenke, zumeist sogar unmögliche Versuch, Verständigung zwischen zwei oder mehreren Individuen mittels des komplizierten Vehikels menschlicher Sprache oder anderer Mittel herstellen zu wollen – ein Denkfehler und sozialer Defekt, der irrtümlicherweise als erstrebenswert erachtet wird. So die Philologen, so Michel Foucault. Womit wir uns bereits mitten im Epizentrum des Konflikts zwischen den Pink-Floyd-Masterminds Roger Waters und David Gilmour befinden.

Als 1994 THE DIVISION BELL erscheint und von vielen Fans als musikalische Rückkehr zu altem Glanz gefeiert wird, ist nicht nur die Kommunikation zwischen Gilmour und Waters nicht mehr intakt – es ist ihnen ihre gemeinsame Vision abhanden gekommen und damit auch jene auf Gegensätzen fußende Dynamik, die frühere Alben zu alles überstrahlenden Meisterwerken werden ließ. Mehr noch: Waters ist an der Entstehung des Albums gar nicht beteiligt.

Nach dem gänzlich aus seiner Feder stammenden THE FINAL CUT, das 1983 mit dem Vermerk „written by Roger Waters, performed by Pink Floyd“ veröffentlicht wird, erklärt Waters – der Albumtitel deutet es an – die Band 1985 für nicht mehr existent. Gilmour jedoch, mit seinen Soloprojekten nur mäßig erfolgreich, sträubt sich massiv, den Saurier sterben zu lassen. Sein Plan: mit Drummer Nick Mason unter der zugkräftigen Traditionsmarke weiterzumachen. Langwierige Rechtsstreitereien um den Bandnamen folgen. Dann die Überraschung: Das Gericht urteilt im Sinne von Gilmour, der nicht einmal Gründungsmitglied der Band gewesen ist.

Auch wenn Roger Waters schon lange nicht mehr dabei ist – die Fans frohlocken, endlich wieder ein Lebenszeichen ihrer Band in Händen zu halten. Lebt mit THE DIVISION BELL nicht endlich wieder der magische Floyd-Sound der Siebziger auf? Nach den sperrigen, düster-introvertierten Werken, für welche Waters verantwortlich zeichnete und zu denen bei allem Erfolg auch THE WALL zu zählen ist, hat Gilmour, wie es scheint, die Zeit noch mal zurückgedreht. Pink Floyd sind wieder Pink Floyd und führen in zahlreichen Ländern die Charts an: in den USA, in Großbritannien, in Italien, in Österreich und der Schweiz. Noch ahnt niemand, das dieses Album das letzte Studiowerk der vielleicht größten Band des Universums sein wird, Fanal und Finale zugleich.

Visionäre ohne Vision

Der Titel THE DIVISION BELL geht auf einen prominenten Nachbarn David Gilmours zurück, Douglas Adams, den Erfolgsautor der fünfbändigen (!) Trilogie PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS, der mit dieser Reihe solch illustre Figuren wie Zaphod Beeblebrox und Slartibartfaß erschuf. (Dass der Planet Erde zu Beginn des ersten Bandes gesprengt wird, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu machen – auch das ist die Folge einer gestörten Kommunikation.)

Zu bestimmten Abstimmungen versammeln sich die Mitglieder des englischen und schottischen Parlaments, um nach dem Läuten der Glocken (bells) jene politischen Gruppen (divisions) aufzusuchen, die sie mit ihrer Stimme zu unterstützen gedenken: Es wird eine Entscheidung getroffen. In ›High Hopes‹, dem letzten Stück des finalen Floyd-Studio-Rundlings ist eben diese Glocke zu hören, Symbol für eine zu treffende Entscheidung, von der wir rückblickend wissen, dass sie unausweichlich war.
Die hohen Erwartungen, die das Album entfacht – sie werden gleich in zweierlei Hinsicht enttäuscht: Weder kann THE DIVISION BELL als kreatives Statement ernsthaft mit den schier überirdischen Schöpfungen DARK SIDE OF THE MOON und WISH YOU WERE HERE konkurrieren, noch – trotz sehr guter Verkaufszahlen – das Ende des Giganten verhindern, zu welchem die Band durch ihre Fans geworden und von den Kritikern stilisiert worden ist. Wie auch? Selbst Götter liefern nicht ununterbrochen Göttliches ab. Egal, ob Beatles, Stones, Led Zeppelin oder David Bowie: In der Regel sind es drei, maximal vier zentrale Werke, mit denen Künstlern tatsächlich der Flug zu den Sternen gelingt.

Rückblickend von Bedeutung ist auch das zweite Stück des Albums. ›Keep Talking‹ heißt es. Der Physiker Stephen Hawking spricht darin die Sätze: „Millionen Jahre lang lebten die Menschen wie Tiere. Dann passierte etwas, was die Macht der Phantasie entfesselte: Wir lernten zu sprechen.“ Und nicht nur das, möchte man hinzufügen: Die Natur wagte den Versuch, diese auf ihren Hinterläufen vorantaumelnde Kreatur mit einem Bewusstsein auszustatten, welches diese jedoch irriger Weise mit Vernunft gleichzusetzen begann, wodurch es einfacher wurde, aus Erkenntnisfähigkeit Hybris werden zu lassen. Womit wir erneut bei den Widersachern Waters und Gilmour angelangt sind. Gehen wir der Sache also auf den Grund: Was führte dazu, dass zwei Visionäre die Vision des gemeinsamen Handelns verloren, sich zunehmend entfremdeten und somit die notwendigen kreativen Impulse des jeweils anderen verloren? Warum schufen Pink Floyd kein Meisterwerk mehr? Wieso wurde ihnen ihr eigenes Ego wichtiger als die Band, deren Erfolg ihre Egos überhaupt erst so anschwellen ließ? Denn seien wir ehrlich: Es tut weh, seine Helden untergehen und verschwinden zu sehen. Es tut weh, THE DIVISION BELL in den Player zu schieben und an manchen Stellen zu glauben, man lausche der Ostrockgruppe Karat.

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