Titelstory: AC/DC – Die zweite Chance

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Titelstory: AC/DC – Die zweite Chance

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Was Bon Scott nicht ahnt: Brian Johnsons exaltierte Bühnenshow ist an diesem Abend nicht geplant, sondern vielmehr ein Produkt unerfreulicher Begleiterscheinungen: Direkt nach dem Ende des Sets wird Johnson mit Blaulicht ins Krankenhaus verfrachtet – er hat eine akute Blinddarmentzündung. Seine Show-Schreie sind also nicht etwa ekstatischer Natur, sondern schmerzbedingt…

Nach Bons Tod schickt ein Fan aus Cleveland ein Geordie-Album an das AC/DC-Management und empfiehlt Brian Johnson als neuen Frontmann. Auch Robert „Mutt“ Lange, Produzent von HIGHWAY TO HELL, hat Johnson auf dem Radar als potenziellen Scott-Nachfolger. „Da gibt es diesen einen Typen, Brian Johnson, den solltet ihr euch unbedingt mal anhören“, rät er der Band. Malcolm Young antwortet: „Du bist schon der Zweite, der uns diesen Namen nennt…“

Also schicken die Musiker ihre Management-Armada los, um Johnson aufzuspüren. Als sie ihn schließlich ausfindig machen und sofort das heute legendäre Telefonat führen, ist aber noch lange nicht alles geklärt. Denn obwohl Brian Johnson nun weiß, wer ihn engagieren möchte, ist er nicht euphorisch. Johnson traut der Sache nicht, er ist ein gebranntes Kind. „Ich bin einmal auf die Schnauze gefallen mit einer Band, und ich wollte auf jeden Fall verhindern, dass mir das ein zweites Mal passiert“, rekapituliert der heute 62-Jährige die damalige Situation. Am Ende sagt er doch zu – allerdings nicht wegen AC/DC, sondern aus Finanznot. Er bekommt nämlich kurz darauf einen weiteren Anruf, diesmal von seinem Freund Andre, der ihm 350 Pfund für das Einsingen eines Werbe-Jingles bietet – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Brian nach London kommt. Eine Stange Geld für jemanden, der chronisch pleite ist.

acdc brian

„Ich konnte die Kohle dringend brauchen, und die Firma Hoover, für die ich arbeiten sollte, hatte keinen schlechten Ruf: Es war zwar kein cooles Unternehmen, sondern ein Staubsauger-Hersteller, doch das störte mich nicht. Ich hoffte nur, dass sie meine Aufnahmen nehmen würden – meine Konkurrentin für den Job war nämlich eine großartige farbige Soul-Sängerin! Aber ich wollte es auf jeden Fall versuchen, und so entschied ich mich dafür, gleich auch bei AC/DC vorzusingen. Schließlich sollte sich der Trip in die Stadt lohnen.“

Die Reise nach London steht anfangs unter keinem guten Stern. Da Brian befürchtet, dass sein klappriger VW Käfer die lange Fahrt nicht durch-steht, leiht er sich das Auto seines Kumpels, einen Toyota Crown. Doch schon wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze von Newcastle hat er einen Platten. Schimpfend macht er sich daran, den kaputten Reifen zu wechseln und heizt dann wie ein Wahn-sinniger auf der Autobahn M1 in Richtung Süden, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Gerade noch rechtzeitig kommt er am Studio an, wo Andre schon auf ihn wartet. Dann macht er sich in Windeseile ans Einsingen: „The new high-powered mover from Hoover, it’s a little groover!“ lautet die platte Werbebotschaft, die Johnson ins Mikro röhrt. Doch als die 350 Pfund in seine Tasche wandern, ist für den Sänger alles gut.

Bestens gelaunt steigt er ins Auto und fährt in den Stadtteil Pimlico, wo AC/DC zum Vorsingen in die Vanilla Studios eingeladen haben. Je näher das Treffen rückt, desto mehr schwindet Johnsons Selbstbewusstsein. „Ich saß in einem kleinen Café gegenüber dem Studio und fühlte mich grauenhaft. Eigentlich wollte ich nur schnell nach Hause. Für mich stand im Grunde fest, dass ich den Job nicht bekommen würde – schließlich kannten sie mich ja gar nicht“, berichtet Brian. „Ich dachte, dass AC/DC gerne einen langhaarigen Frontmann wollten, und damit konnte ich nicht dienen. Außerdem waren sie viel jünger als ich. Eines ist mir noch in Erinnerung geblieben von diesem Nachmittag: Ich hatte eine Tasse Tee und eine Pastete bestellt. Und die Kruste dieser verdammten Pastete war so hart, dass ich das Teil nicht essen konnte. Also dachte ich: ,Scheiß drauf, mach einfach, dass du hier rauskommst, die Sache hinter dich bringst und wieder los kannst!‘ Also stand ich auf, verließ das Café, überquerte die Straße und ging rein…”

Angus, Malcolm, Phil und Cliff sind schon seit Stunden dabei, verschiedene Kandidaten zu testen. Dennoch ist keiner genervt, was Brian sofort positiv auffällt: „Die Vier saßen schon ewig im Studio rum, doch keiner von ihnen war arrogant oder gestresst. Sie waren einfach total normal, und ich habe mich von Anfang an wohl in ihrer Mitte gefühlt. Malcolm kam zu mir und drückte mir eine Flasche Dunkelbier in die Hand. ,Du musst durstig sein‘, meinte er. Ich darauf: ,Allerdings – ich könnte das Teil auf der Stelle exen!’ Und genau das habe ich auch getan.“ Nachdem diese Formalität erledigt ist, geht es ans Eingemachte: Die Band fragt Brian, welchen Song er singen möchte. Er schlägt ›Nutbush City Limits‹ vor, einen souligen Rock-Klassiker von Ike und Tina Turner aus den frühen Siebzigern.

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