The Sweet: Das letzte Wort mit Andy Scott

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The Sweet: Das letzte Wort mit Andy Scott

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Sweet Live 2019Mit fast 70 Jahren denkt Sweet-Mastermind Andy Scott noch lange nicht ans Aufhören…

Nicht mehr. Vor wenigen Jahren sah es so aus, als würde sich der Mann aus dem Geschäft zurückziehen wollen, aufgrund seiner Krebserkrankung standen Abschiedstourneen auf dem Plan. Doch heute kann sich der Gitarrist, Produzent und Songschreiber definitiv kein Leben nach Sweet vorstellen. Am Strand liegen und Bücher lesen? Nicht mit Mr. Scott. Wie es nach der aktuellen „Still Got The Rock“-Tour ohne Sänger Pete Lincoln weitergeht, wann dem Musiker zuletzt ein „verfickte Hölle“ über die Lippen gekommen ist und wie man den Rock’n’Roll-Zirkus überleben kann, diese Themen resümiert er im Interview und blickt gleichzeitig tatenfroh in die Zukunft.

Steckt irgendein Geheimnis hinter deiner 50-jährigen Karriere?
Alles, was ich dazu sagen kann: Wir müssen wohl gute Musik gemacht ha­­ben, das ist die Basis von alldem. Wäre die Musik scheiße gewesen, würden wir beide uns heute nicht unterhalten. Aber die Musik und die Haltung der Band und der Fakt, dass wir live immer gut spielen, das Publikum immer kriegen, das macht schon etwas aus.

Was denkst du, warum gerade die Rockmusik oft fähig ist, eine gewisse Zeitlosigkeit darzustellen?
Auch wegen der Qualität, es gab einfach unfassbar gute Bands damals. Ich mag auch einige moderne Gruppen, viele Künstler schreiben ja noch immer Songs und nicht nur irgendwelche Drum-Computer-Muster. Musik muss dich antreiben, dich berühren, etwas an sich haben. Bei den Galla­gher-Brüdern und Oasis damals wusste ich beispielsweise, dass aus dieser Band etwas werden würde. Klar trugen sie ihre Einflüsse aus den 60ern offensichtlich zur Schau, aber die hatten einfach etwas. Dieses Gefühl habe ich heute nicht mehr oft, Bands bestehen nicht mehr lange, sie lösen sich nach zwei Platten wieder auf. Außerdem ist Musik viel zu frei verfügbar, du streamst sie auf der Teufelsplattform Spotify und denkst nicht darüber nach, früher wollte man das ganze Album, man wollte aktiv hinhören.

Eine gewisse Fast-Food-Mentalität also?
Ich habe es noch nie aus diesem Blickwinkel be­­trachtet, aber das fasst es tatsächlich sehr gut zusammen. Die Musik wird heute leider nicht mehr als Kunstform gefeiert…

Was verschafft dir da auch heute noch die größte Befriedigung als Künstler?
Erst mal: Wenn ich keinen Bock mehr auf all das hier hätte, könnte ich nicht seit über 50 Jahren auf der Bühne stehen und ›The Ballroom Blitz‹ spielen. Bei Sweet-Gigs gibt es diese magischen Momente, wenn du eins wirst mit dem Publikum. Ich möchte, dass die Leute rumspringen und mitsingen. Ich erinnere mich, als Doro Pesch uns kürzlich einlud, mit ihr bei Wacken zu spielen: Da rutschten mir mal eben die Worte „verfickte Hölle“ raus, als ich die Menschenmenge sah und alle hüpften herum wie die Wilden. Das genieße ich nach wie vor.

Wie hast du es geschafft, den Rock’n’Roll-Zirkus zu überleben?
Ich habe zwei Bandmitglieder an diesen Lebensstil verloren. Ich denke, ich hatte schon immer diesen imaginären Stop-Knopf. Ich habe viele Leute gesehen, die diesen Knopf einfach nicht drücken konnten, aber man braucht diese Fä­­higkeit, einfach mal „Halt“ sagen zu können, auch wenn man im Musik-Business in einer Art Paralleluniversum lebt.

Hättest du als junger Musiker gern irgendwas gewusst, das du heute weißt?
Bereuen bringt natürlich nie etwas, aber manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich in den 80ern mehr darauf konzentriert, die Band zusammenzuhalten, anstatt zu produzieren. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich gerade nicht erfolgreich war. Schwer zu beschreiben. Na ja. Hätten wir weitergemacht, wären wir einfach stark geblieben, statt unsere Stärke erst wieder finden zu müssen. Aber auch hier ist es wieder so: Am Ende lernst du et­­was daraus.

Was ist bisher deine Lieblings-Ära von Sweet.
Ich fühle mich aktuell sehr wohl, aber dieses Anfangsgefühl, wenn alles gerade so richtig durchstartet, das kann dir keiner nehmen. Diese Erfahrung ist etwas ganz Einzigartiges.

Wie würdest du die Quintessenz des Spirits von Sweet beschreiben?
Früher waren wir wie eine Armee, auch unter den schlechtesten Umständen hielten wir zusammen. Wir spielten mal zwischen Kiss und Alice Cooper, wir hatten keinen Platz, keinen Soundcheck, konnten uns selbst nicht hören. Solche Situationen können wirklich zur Zerreißprobe werden, aber man wird auch stärker. Seitdem wäre es mir nie mehr in den Sinn gekommen, eine Support-Band schlecht zu behandeln. Du weißt ja nie, vielleicht sind sie die nächsten Headliner!

Bei dir wurde vor einigen Jahren Krebs diagnostiziert. Wie hat dich diese Diagnose verändert?

Na ja, es geht mir gerade gut, aber so eine Krankheit besiegst du nie, sie lauert immer irgendwo. Seitdem mache ich eigentlich nur noch, was ich machen will. Wie eine neue Sweet-Platte zum Beispiel, die ist gerade schon im Gespräch und ich habe Lust darauf, auch wenn Pete Lincoln leider nicht mehr genug Zeit für uns haben wird. Wir sind beide sehr traurig über diesen Umstand, aber unsere Band muss einfach Nummer 1 bleiben. Ich schätze die Dinge heute mehr und ich werde nicht aufhören, zu touren und zu arbeiten. Vor wenigen Jahren dachte ich, dass es vielleicht bald an der Zeit wäre, es gut sein zu lassen. Aber ich habe mich mal mit Mick Box von Uriah Heep unterhalten und wir waren uns einig: Warum aufhören? Was sollen wir denn ohne das hier tun? Vielleicht ist es das, worauf es hinausläuft: Wie alte Soldaten werden wir in unseren Rock’n’Roll-Stiefeln abtreten.

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