Steve Hackett im Interview: Musikalischer Weltenbummler

Steve HackettIn der Welt des Progrock besetzt der frühere Genesis-Gitarrist STEVE HACKETT eine ganz besondere Position. Wie kaum einem anderen westlichen Musiker gelingt ihm immer wieder die Verschmelzung von traditionellem Rock und stilistisch facettenreicher Ethno/World-Music. Mit AT THE EDGE OF LIGHT hat er vor wenigen Wochen ein weiteres kleines Meisterwerk veröffentlicht, jetzt stellt er sich den Fragen von CLASSIC ROCK.

Steve, AT THE EDGE OF LIGHT ist ei­­nerseits typisch für dich, andererseits voller musikalischer Überraschungen. Steckt dahinter ein Masterplan? Oder entstehen solche Werke rein intuitiv oder gar zufällig?
Mein erklärtes Ziel war immer schon, möglichst viele Stilrichtungen und künstlerische Elemente miteinander zu verknüpfen. Die Basis ist natürlich Rockmusik, hinzu kommen aber auch starke Einflüsse von Ethno/World Music und orchestrale Passagen. Das alles ist schon vor Produktionsbeginn in meinem Kopf, entwickelt dann aber eine Ei­­gendynamik.

Wie darf man sich das konkret vorstellen? Womit beginnt für dich die Arbeit an einem neuen Song? Was ist zuerst da? Eine Melodie? Ein Rhythmus? Ein Text?
Ganz unterschiedlich. Es gibt kein festes Muster, wenn ich mit dem Komponieren starte. Manchmal ist es nur ein Wort, das mich inspiriert. Manchmal nur ein Ton. Oder ich habe etwas in einem Buch gelesen. Mitunter sind es auch nur Bruchstücke einer Unterhaltung, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben. Wenn der Funke überspringt, wenn ich also die erste Idee habe, geht der Rest wie von selbst. Es gibt auf AT THE EDGE OF LIGHT beispielsweise ein kleines Liebeslied, bei dem der gesamte Song vom Text geleitet wird. Die Harmonien, die Me­­lodien sind bewusst simpel gehalten und ordnen sich komplett dem Text unter.

„Würde man meinen künstlerischen Geisteszustand unter pathologischen Gesichtspunkten beurteilen, wäre der Begriff „Schizophrenie“ wohl zutreffend.“

Begriffe wie Rock, Ethno und Klassik fallen hinsichtlich deiner Musik immer wieder. Für welche dieser Richtungen schlägt dein Herz am stärksten?
Die Frage kann ich nicht so einfach beantworten. Als Musiker bin ich immer wieder hin- und hergerissen und müsste es daher anders formulieren: Würde man meinen künstlerischen Geisteszustand unter pathologischen Gesichtspunkten beurteilen, wäre der Begriff „Schizophrenie“ wohl zutreffend. Das fängt schon bei meinem eigenen Hauptinstrument an: Ich mag Nylon-Gitarren, ich mag aber auch E-Gitarren, zudem spiele ich 12-saitige Gitarren, Dobro, Bass und Mundharmonika. Bei mir finden permanent Kollisionen unterschiedlicher Ideen statt, ein Crossover aus europäischer Musik und starken Ethno-Anteilen. Natürlich ist für mich und meine Fans der Genesis-Background ein fester Ankerpunkt. Die Vergangenheit zeigt, wofür ich grundsätzlich ste­­he. Mein Genesis-Kollege Tony Banks stand damals eher auf Popmusik, ich dagegen bin in meinem tiefsten Inneren von Rockmusik geprägt.

Hast du für dich selbst ein Wort gefunden, das deinen künstlerischen Anspruch allumfassend beschreibt?
Nein. Ich bin, wie du weißt, in den 50ern und 60ern aufgewachsen. Damals gab es noch nicht so viele Kategorien wie heute. Es gab auch bei weitem nicht so viele Radiostationen. Alles, was man im Radio hörte, lief unter dem Oberbegriff Popmusik. Mich hat dieser Begriff immer ein wenig gestört, denn als ich Mitte der 50er entdeckte, dass ich Rockmusik machen möchte, gab es diesen Begriff eigentlich noch gar nicht. Rock’n’Roll wurde erst später groß, Blues im Grunde genommen auch. Insofern war ich mit meinen Visionen oftmals vor der Zeit. Dieses Gefühl habe ich übrigens auch heute noch.

Zumal du wie kaum ein anderer fernöstliche Spielweisen mit westlicher Rockmusik so verbindest, dass es wirklich zur Einheit wird. Das gelingt nur wenigen Künstlern.
Danke für das nette Kompliment! Ich mag einfach das, was beispielsweise aus Aserbaidschan kommt, aus arabischen Ländern, aus Indien. Deswegen gibt es auf meinen Alben Gastmusiker speziell aus diesen Regionen der Erde. Hör dir nur einmal die Schwestern Durga und Lorelei McBroom an, die auch schon für Pink Floyd gesungen haben. Oder Malik Mansurov mit seiner Tar beziehungsweise Sheema Mukherjee mit der Sitar. Sie fügen sich harmonisch in mein Gesamtkonzept ein, liefern aber gleichzeitig musikalisch hervorstechende Glanzpunkte. Durch meine Gäste entdecke ich immer wieder etwas Neues, was ich so bislang noch nicht kannte. Zum Beispiel gibt es im Ethno-Bereich Sänger, deren Vibrato weit unter und über den eigentlich Ton hinausgeht. So etwas kennt man in der westlichen Musik nicht. Dies sind Dinge, die man nur entdeckt, wenn man Gäste aus an­­deren Kulturen einlädt.

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