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    Special: Grunge – Die dreckige Revolution

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    Special: Grunge – Die dreckige Revolution

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    Soundgarden - Louder Than LoveDreckige Revolution

    30 Jahre ist es her, seit Grunge seinen weltweiten Siegeszug gestartet hat. Doch obwohl der kreative Höhenflug der Seattle-Bewegung nicht mehr als circa drei Jahre andauerte, sind bis heute viele Rockfans der Ansicht, dass es allein dem Erfolg von Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden zuzuschreiben ist, dass der klassische Achtziger-Rock in den Neunziger einen jähen und schmerzhaften Abstieg erlebt hat. Das stimmt natürlich bedingt. Denn für den Tod eines Genres sind in erster Linie die jeweiligen Protagonisten verantwortlich – das gilt für die Haarspray-Fraktion ebenso wie später für die Flanellhemd-Anhängerschaft. CLASSIC ROCK blickt zurück auf eine Zeit, in der diese beiden Riff-Fronten noch extrem verhärtet waren.

    Text: Petra Schurer

    Selbst in jüngster Vergangenheit fordert die Revolution noch ihren Tribut. 2017 sorgte der Suizid von Chris Cornell für Bestürzung in der Szene. Sechs Jahre zuvor gab es ein den Tod von Mike Starr zu betrauern: Das Gründungsmitglied von Alice In Chain ist am 8. März 2011 in Salt Lake City tot in seinem Appartement aufgefunden worden. Starr verstarb im Alter von 44 Jahren an den Folgen einer Überdosis. Mit dem Bassisten verlor die Seattler Grunge-Szene, die Anfang der Neunziger ihren weltweiten Siegeszug startete, ein weiteres prominentes Mitglied.

    Drogen und Grunge – das sind zwei Elemente, die untrennbar miteinander verbunden sind. Der Heroin-Tod von Mother Love Bone-Sänger Andrew Wood, aufgrund dessen sich Temple Of The Dog firmiert haben, diese brillante Kollaboration aus den späteren Pearl Jam- und Soundgarden-Stars, gilt zynischerweise als Initialzündung der Bewegung. Ein cleaner Kurt Cobain hätte vermutlich die Schrotflinte zur Jagd benutzt, aber nicht als Selbstmord-Utensil. Und Alice In Chains könnten heute zu den größten Rockacts aller Zeiten zählen, wenn sie Ende der Neunziger konsequent weiter auf Tour gegangen wären – was jedoch unmöglich war, weil Layne Staleys körperliche Verfassung dies nicht mehr zuließ.

    Wie untrennbar Licht und Schatten beim Thema Grunge miteinander verbunden sind, beweist unter anderem die rasante Geschwindigkeit, mit der die Seattle-Szene international Fahrt aufgenommen hat. Heute ist es genau 20 Jahre her, dass junge Männer in Flanellhemden das Raue im Rock wieder salonfähig machten. Nach all den Jahren, in denen Stadionrock mit all seinem Showglitzer das Maß aller Dinge scheint, gleicht das einem Putsch. Von unten, wohlgemerkt. Denn sie findet zunächst in den kleinen Clubs statt, bevor sie sich dank Musikfernsehen, (College-)Radios und Zeitschriften immer weiter ausbreitet. Und wie bei jeder Revolution gibt es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Bis heute beschweren sich etliche Hardrock-Bands gar bitterlich, dass Grunge ihre Musik getötet bzw. ihren eigenen Aufstieg gebremst oder gar verhindert hat: Lenny Wolf von Kingdom Come (siehe Interview auf Seite 42) ist nur ein Beispiel dafür. Wobei ganz klar gesagt werden muss: Nicht der Seattle-Sound an sich trägt die Schuld daran, sondern die Tatsache, dass es einen massenmedialen Aufruhr rund um die Grunge-Welle gibt – womit sich die Berichterstattung über die etablierten Acts automatisch reduziert. Dies trifft besonders diejenigen hart, die noch nicht lang im Geschäft sind und deren Fan-Basis erst wenige Jahre wachsen konnte. Aber auch Megaseller wie Poison oder Warrant geraten ins Trudeln.

    Vieles von dem erinnert an den Punk, der in den späten Siebzigern den Bombast-(Prog-)Rockern das Leben schwer gemacht hat. Es war die ungezügelte Energie der Sex Pistols, die so jenseits aller gängigen Konventionen war, dass etliche etablierte Acts nur mit ungläubigem Staunen reagieren konnten. Den Satz „Die können doch gar nicht spielen!“ haben nicht nur die Sex Pistols gefühlte 4513. Mal in ihrer Karriere gehört – auch die Grunger erleben Anfang der Neunziger, was es heißt, die Musikwelt mit vergleichsweise simplen Song-Arrangements zu er-obern. Anfeindungen sind an der Tagesordnung.

    DUELL DER GIGANTEN

    Stellvertretend für die beiden Lager, in die sich die Rock-Gemeinde aufspaltet, stehen zwei Veröffentlichungen, die den September 1991 zu einem wichtigsten Monate in der Historie harter Sound machen: die Guns N’Roses-Zwillingsalben USE YOUR ILLUSION I und II sowie Nirvanas NEVERMIND. Die Platten erscheinen kurz hintereinander, am 17. bzw. 24. September. Im Nachhinein betrachtet erscheint diese Woche wie eine Wachablösung. Die USE YOUR ILLUSION-Scheiben sind ein letztes Aufbäumen der alten Zeit, im Grunde ein furioser, wenngleich verspäteter Abschluss der Achtziger. Mit NEVERMIND, Nirvanas zweitem Studioalbum, bricht eine neue Zeitrechnung an.

    Die Neunziger präsentieren sich zunächst von ihrer unprätentiösen Seite. Während Axl Rose und seine Crew die vergangenen Jahre damit verbracht haben, die Dollars in Stringtangas, Champagnerkübeln oder Einwegspritzen zu versenken, gibt es in Seattle zunächst nur Corn Dogs, Würstchen im Maisteigmantel. „Als ich im Sommer 1990 bei Nirvana einstieg, wohnte ich zunächst bei Kurt Cobain“, erinnert sich Drummer Dave Grohl an die Zeit, in der er Dan Peters an den Drums ersetzt. „Ich schlief auf seiner Couch und ging zwei Mal am Tag in den Supermarkt ums Eck. Dort gab es drei Corn Dogs für 99 Cent. Davon habe ich mich ein Jahr lang ernährt.“ Nirvana vermeiden zudem alles, was ein Rockstar zu dieser Zeit tut. Es gibt keine Zugaben, die Band schreibt keine Autogramme, achtet nicht darauf, welche Klamotten sie auf der Bühne trägt. Aus dieser Anti-Haltung wird schnell ein Erfolgsrezept. Am 11. Januar 1992 erklimmt NEVERMIND die Spitze der US-Charts und verdrängt somit Michael Jacksons DANGEROUS von der Top-Position. Auch wenn die Band selbst davon gar nicht begeistert ist: „Wir sind nicht stolz darauf, dass auf einmal selbst Guns N’Roses-Fans unseren Sound mögen“, betont Kurt Cobain Anfang 1992 in einem Interview mit dem britischen Journalisten Everett True (u.a. „Melody Maker“). „Wir wollen uns nicht entwickeln, groß werden und in riesigen Hallen spielen. Es kotzt mich an, dass ich mich jetzt mit den geschäftlichen Aspekten unserer Musik befassen muss. Ich wäre am liebsten ein einfacher Straßenmusikant. Deshalb macht es mich regelrecht aggressiv, dass Nirvana ein Teil der Maschinerie geworden sind, und ich fange an, mich über alles Mögliche zu beschweren und mich dabei selbst wie ein Rockstar aufzuführen. Nur dass ich noch ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich mich so benehme.“

    Davon ist am 9. September 1992 wenig zu spüren. Nirvana sind zu Gast bei den MTV Video Music Awards in Los Angeles und werden dort in den Kategorien „Best Alternative Music Video“ und „Best New Artist Video“ geehrt. Sie treten live auf, wobei Krist Novoselić sein Bass auf den Kopf fällt, während Cobain beim Verlassen der Bühne das Klavier von Axl Rose bespuckt. Es soll nicht der einzige Zwischenfall bleiben: Als Rose und seine damalige Freundin, das Model Stephanie Seymour, an Cobain und Courtney Love vorbeilaufen, lässt sich Love zu der sarkastischen Frage hinreißen, ob Axl nicht Patenonkel ihrer gerade geborenen Tochter Frances Bean werden möchte. Rose flippt aus und beschimpft sie. Auch Krist Novoselić und Duff McKagan geraten aneinander – der Guns N’Roses-Bassist, vollgedröhnt bis in die letzten blondierten Haarspitzen, geht auf den Nirvana-Mann los. Eine Aktion, für die er sich im vergangenen Jahr erstmals öffentlich entschuldigt. In seinem Blog für die Tageszeitung „Seattle Weekly“ schreibt er: „Ich hatte den Eindruck, dass die Nirvana-Jungs mich und meine Band verhöhnen wollten. Das machte mich tierisch wütend, und da ich zudem total auf Drogen war, hatte ich mich nicht mehr unter Kontrolle und ging auf Krist los. Das tut mir wirklich leid.“

    Diese Episode zeigt: Trotz der enormen musikalischen Differenzen zwischen den beiden Bands haben sie doch im Grunde mehr miteinander gemein, als sie sich selbst eingestehen wollen. In Bezug auf die Sturheit – oder: Konsequenz –, mit der sie ihren jeweiligen Lebensstil verfolgen, unterscheiden sie sich jedenfalls keinen Deut. Und auch in Sachen Heldenverehrung gibt es Parallelen. Während Guns N’Roses auf Kiss, Led Zeppelin, Aerosmith, T.Rex oder Alice Cooper schwören, heben Nirvana Sonic Youth, die Melvins oder die Pixies in ihren Idolhimmel und werden nicht müde, in Interviews immer wieder zu betonen, wie wichtig diese Acts für ihren Sound sind. „Mit 99 Prozent aller Rock’n’Roll-Acts will ich nichts zu tun haben. Van Halen oder Warrant sind es nicht einmal wert, dass man über sie lästert“, so Cobain. „Aber es gibt einige Bands, die unsere Gesinnung teilen und die wir deshalb schätzen: Mudhoney, Sonic Youth oder Fugazi zum Beispiel.“ Doch so sehr der Nirvana-Frontmann auch auf den Underground-Wurzeln seiner Band beharrt: Zu seinen frühesten Einflüssen zählen dieselben Bands, die auch die Guns N’Roses-Belegschaft in ihrer Jugend gehört hat. Cobains Tante begeistert den Jungen zunächst für die Beatles, und von da ist der Schritt zu Kiss, Aerosmith, Led Zeppelin und Black Sabbath nicht weit.

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