Snowy White: Abseits der Scheinwerfer

Snowy White ist einer dieser Gitarristen, die jenen ganz besonderen Ton beim Spielen haben. Seiner fast einzigen Gitarre, einer 57er Les Paul Goldtop – technischer Schnickschnack und Sammelwahn interessieren ihn nicht –, entlockt er einen ganz eigenen, völlig klaren, sauberen und herzberührenden Gesang.

Eine Gabe, die nicht viele besitzen. Dazu ist der britische Blues-Virtuose gut mit Peter Green befreundet, spielte von 1980 bis 1983 bei Thin Lizzy, bis ihm deren überdimensionierte Rock­star-Egos zu bunt wurden, und begleitete sowohl Pink Floyd auf deren ANIMALS-Tour als auch Roger Waters bei seinen diversen „The Wall“-Spektakeln: „Das Angebot von Pink Floyd lehnte ich erst mal ab, weil sie keinen Blues spielten. Ich war wohl der einzige Mensch in England, der noch niemals THE DARK SIDE OF THE MOON gehört hatte“, so der sympathische Künstler am Telefon.

Vorzugsweise lebt der 71-Jährige ohnehin lieber im Halbschatten der ganz Großen: „Wann immer auf der Bühne ein Scheinwerfer leuchtet, ist mein erster Impuls, sofort wegzugehen.“ Deshalb und aufgrund der für ihn so wichtigen Autarkie fühlt er sich mit Soloprojekten wie seinem jüngsten Album THE SITUATION um ein vielfaches wohler. Dass es Selbiges bald zu hören gibt, ist fast schon eine Überraschung, schien es vor wenigen Jahren doch eher so, als würde White seine Karriere an den Nagel hängen müssen: Er versteigerte seine jahrzehntelange, goldene Wegbegleiterin und klagte über starke Schmerzen im Ellbogen.

Erst nach intensiver Physiotherapie kann er heute wieder auf einer Nachbildung seiner alten Liebe spielen: „Damals wurde meine Gitarre wirklich zum Folterinstrument, ich hatte sie über zwölf Monate lang nicht mehr angefasst, weswegen ich sie schließlich auch verkaufte. Meine Replika singt leider nicht mehr ganz so schön“, so White beherrscht wehmütig. „Letztes Jahr musste ich zudem akzeptieren lernen, dass ich nicht mehr so gut spielen kann wie früher. Meine Finger machen nicht mehr alles, was mein Hirn ihnen sagt.“

Ein herber Rückschlag für jemanden, der nie etwas anderes tun wollte, als den Blues in Händen und Seele zu spüren. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Grundtenor auf THE SITUATION eher melancholischer Natur ist: Die Texte erzählen von Rastlosigkeit, von Aufgewühltheit und versäumter Liebe, die Gi­­tarre bohrt sich in das Sehnsuchtszentrum des Herzens wie durch Butter: „Mir sind viele Dinge passiert, die ich hier verarbeitet habe. Persönliches Zeug. Wenn ich Songs schreibe, lasse ich die Ideen einfach fließen, völlig ohne Kontrolle. Im Nachhinein musste ich aber etwas nachbessern, ich wollte das Album nicht ganz so schwer werden lassen“, so Snowy schmunzelnd. „Und trotzdem ist dieses Rastlose schon immer ein Teil von mir gewesen. Früher dachte ich, das würde im Alter aufhören, aber das tut es nicht. (lacht) Ich bin immer auf dem Weg irgendwohin, für mich gibt es wohl kein Ankommen. Daraus speist sich jedoch auch mein Antrieb.“

Live wird Snowy Whites Weg ihn in absehbarer Zeit nicht um die ganze Welt führen, lediglich eine Show in Sankt Petersburg hat der Gitarrist zugesagt: „Da spiele ich bei einer Veranstaltung eines internationalen Wirtschaftsforums vor Putin. Ich habe erst abgesagt, aber weißt du Jacky, jeder Mann hat seinen Preis. Irgendwann war die Summe einfach zu hoch, um nochmal abzulehnen. Und da wir das Geld fair unter allen Beteiligten aufteilen, dachte ich mir, es wäre auch eine gute Sache für meine Bandkollegen.“

1 KOMMENTAR

  1. Ein sympatischer Musik-Zeitgenosse. für mich jedenfalls. Hatte nie große Star-Allüren obwohl er meiner Meinung nach einer der fähigsten Musiker / Gitarristen zählt. Ein ganz Großer mit einer schlichten menschlichen Bescheidenheit.

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