Rückblende: Blondie – ›One Way Or Another‹

Blondie Parallel LinesEs ist dieser eine Song, der die Band aus den Punk-Clubs von New York in die Stadien dieser Welt katapultiert und Debbie Harrys Status’ als Chef-Sexbombe des Rock’n’Roll zementiert. Und all das nur wegen eines überaus aufdringlichen Stalkers…

Mit seinem verführerischen Knurren und dem eingängigen Riff schlägt ›One Way Or Another‹ eine Brücke – und zwar zwischen Blondies schmutziger CBGB-Vergangenheit und ihrer kommerziellen Hochglanz-Zukunft. Der Track ist die Quintessenz von PARALLEL LINES, dem dritten und ultimativen New Wave-Album der US-Amerikaner. Die Platte, die im September 1978 erscheint, wirft insgesamt sechs Singles ab und verkauft sich weltweit über 20 Millionen Mal.

Zwei Jahre zuvor sind solche Zahlen noch unvorstellbar. Blondie gelten selbst im schäbigen Punk-Milieu New Yorks als die wohl unwahrscheinlichsten Anwärter auf globalen Ruhm. Von den Ramones, Television und den Talking Heads erwarten alle, dass sie entweder Erfolg bei den Kritikern oder eben an der Ladentheke haben. Blondie dagegen und ihre Versuche, das Freche-Göre-Image mit Garagenrock zusammenzubringen, betrachten die Szenegänger eher als eine Art Witz.

1977 jedoch schießt ›Rip Her To Shreds‹, die Auskopplung des Debüts BLONDIE, in die australischen Top 5. Plötzlich erscheint es gar nicht mehr so abwegig, dass aus diesem platinblonden Sexbolzen, der von vier fast identisch aussehenden Musikern Rückendeckung bekommt, ein Mainstream-Renner werden kann. Was Anfang 1978, als das zweite Album PLASTIC LETTERS erscheint, auch geschieht: ›Denis‹, ›(I’m Always Touched By Your) Presence Dear‹ und ›Picture This‹ erreichen die Plätze zwei, zehn und zwölf der UK-Charts. Aber noch hat die Gruppe nicht den US-Markt geknackt. Diesen Job soll Mike Chapman übernehmen, der zuvor die Glam-Acts The Sweet, Suzi Quatro und Mud produziert hat. Er wird engagiert, um das Werk von Richard Gottlehrer, verantwortlich für PLASTIC LETTERS, zu vollenden und Blondie zu Weltstars zu machen.

„Ich weiß nicht mehr, ob wir ihn mit Absicht ausgewählt haben“, so Gitarrist und Chef-Songschreiber Chris Stein, „aber wir wussten, dass Chapman an einer Menge Nummer-eins-Alben beteiligt war.“ Chapman verpasst auf PARALLEL LINES Blondie den notwendigen Schliff: „Die Platte verbindet Pop und Punk, gerade was den Kontrast zwischen dem Gesang und den rauen Gitarren angeht“, so Stein. „Sie verfügt quasi über das Knurren des Punk und den Glanz des Pop.“

„PARALLEL LINES verbindet Pop und Punk, gerade was den Kontrast zwischen dem Gesang und den rauen Gitarren angeht“

Der Hit ›One Way Or Another‹ wird im Juni und Juli 1978 im New Yorker Record Plant aufgenommen. Blondie bringen in diesen dreieinhalb Minuten so einiges unter: einen schnittigen Gitarrenriff, Keyboard-Flächen, satte Rhythmusattacken, eine wirbelnde Orgel, eine Polizeisirene sowie einen Schlusspart, der die Sixties-Rock-Wurzeln der Band offenbart. Dadurch entsteht jene perfekte Mischung aus Melodie-Seligkeit und Gefahr, die das Lied zur Hymne macht.

Und dann ist da noch Debbie Harrys Stimme. Sie klingt in ›One Way Or Another‹ erst zart und behutsam, transportiert dabei jedoch schon einen Hauch eiskalter Verachtung. Dann aber setzt Harrys berüchtigter Jähzorn ein – bei „Get ya, get ya, get ya, get ya“, woraus schnell „Meet ya, meet ya, meet ya, meet ya“ wird. An diesem Punkt ist auf einmal nicht mehr klar, welche Rolle Harry in diesem Lied, das von einem Stalker handelt, wirklich spielt: die des Jägers oder die der Beute. „Er war so wild und zügellos. Da musste ich abhauen“, sagte Debbie Harry zwar einst über einen Ex-Freund, der tagsüber in einem Chemiewerk arbeitet und nachts – nachdem er volltrunken ist – anfängt, sie stündlich anzurufen und schließlich bei ihr vor der Haustür herumhängt. „Das Mädchen im Song ist bestimmt kein Opfer“, betont hingegen Stein. „sondern eine selbstsichere Gestalt.“

Der Text für ›One Way Or Another‹ stammt von Debbie Harry, die Musik hingegen geht zum Teil auf das Konto des gebürtigen Briten Nigel Harrison, der Blondie nach PLASTIC LETTERS als Bassist beitritt. Er hat die Idee zur grundlegenden musikalische Struktur des Songs. Die Details und Schnörkel steuert allerdings die gesamte Band in Gemeinschaftsarbeit bei, wie Stein erklärt: „Jeder durfte seine Meinung dazu sagen, und die Songs sind von uns allen im Studio geformt worden.“

Das klingt nach Harmonie und Demokratie, die Aufnahme-Session verlaufen jedoch nicht ent-, sondern angespannt. Produzent Chapman, ein in L.A. lebender Australier, empfindet sein erstes Treffen mit Blondie im Gramercy Park Hotel als ausgesprochen „nervtötend“. Vielleicht, weil die Band vermutet, dass er engagiert worden ist, um Blondie solange zu schleifen, bis aus ihnen eine gut geölte Charts-Maschine wird. „Sie probierten musikalisch viel zu viel aus“, urteilte Chapman, „und sie waren schockiert darüber, wie ich arbeitete.“ Der Produzent beschreibt Debbie Harry als „dunkel, schweigsam und ernsthaft“. Die anderen in der Band stellen ihre Feindseligkeit weitaus offener zur Schau, nachdem sie realisieren, wie hart sie Chapman rannehmen will, um aus ihren Demos (Chapman nennt sie „Emybros musikalischer Meisterwerke“) Monumente des Pop zu machen.

„Er war ein strenger Zuchtmeister“, entsinnt sich Stein. „Er ließ uns einen Part immer und immer wieder durchgehen, bis wir die richtige Version drauf hatten. Diese Arbeitsweise kannten wir bis dato nicht. Beim Album danach, EAT TO THE BEAT, ging es viel lockerer zu. Das war im Vergleich zu PARALLEL LINES wie Ferien.“ Stein kommt vergleichsweise glimpflich davon, Harrison jedoch nicht: Während einer Session piesackt ihn Chapman so sehr, „dass er mir drohte, mich Stück für Stück auseinander zu nehmen, wenn ich ihn nicht augenblicklich in Ruhe lassen würde“, so der Produzent heute. „Niemand war von meiner Arbeitsweise angetan.“

Allerdings: Sie funktioniert. ›One Way Or Another‹ klettert in den US-Charts auf Platz 24 – und zeigt einen neuen Typus, den der weiblichen Rampensau: die Urform der Glamour-Mieze, mindestens genauso tough wie Poly Styrene (Frontfrau von X-Ray Spex – Anm.d.R.) oder Siouxie Soux (Frontfrau von Siouxie And The Banshees – Anm.d.R.), jedoch gekleidet im Stile des Bohemian- oder Soho-Chics. Ganz so, als wäre Patti Smith von Andy Warhol neu entworfen worden.

Überraschenderweise ist Chris Stein trotz aller unbestreitbarer Qualitäten des Songs damals nicht davon überzeugt, dass ›One Way Or Another‹ eine gute Single oder gar ein Hit sein könnte. „Du bist nie zu 100 Prozent sicher“, verteidigt er sich heute. Eine Fehleinschätzung ohne Folgen. Denn Blondie entwickeln sich mit Hilfe von ›One Way Or Another‹ und dem Album PARALLEL LINES zu einer der größten Bands ihrer Zeit. Sie erfinden sogar ein neues (Sub-)Genre: den eingängigen und tanzbaren New Wave, dem man in den letzten Jahren nicht aus dem Weg zu gehen konnte. Ob Stein erstaunt ist über Blondies Errungenschaft? Seine Antwort fällt, typisch für einen New Yorker, genauso cool aus wie ›One Way Or Another‹ klingt: „Ein bisschen, ja.“

Blondie mit ›One Way Or Another‹ live 1979:

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