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    Rückblende: Heart und ›Crazy On You‹

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    Rückblende: Heart und ›Crazy On You‹

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    Heart Dreamboat Annie1975 gossen die Wilson-Schwestern Ann und Nancy ihre Gefühle über Liebe
    und den fragilen Zustand der Welt in eine Debütsingle, die zum Rock-Evergreen werden sollte.

    Es geht um ein sexuelles Erwachen, aber eigentlich dreht es sich darum, einen Schritt zurückzutreten, um die Welt zu betrachten“, sagt Ann Wilson über ›Crazy On You‹. Anfang 1975 war die ältere der Wilson-Schwestern hoffnungslos verliebt in einen jungen Mann namens Michael Fisher. Er war ein Wehrdienstverweigerer, der in Vancouver in, so Wilson, „einem Tolkien-Haus mit einem großen Bett aus Treibholz“ lebte, und genau dort verbrachten die Liebenden ihre glücklichen Nächte, während sie über das Chaos um sie herum grübelten.

    „Die Welt war in den Abgrund gestürzt, die Kultur stand Kopf und alles war überwältigend am Arsch“, erinnert sich Ann. „Bomben, Teufel, der Vietnamkrieg und die Ölkrise. Es war sehr frustrierend, also verpackte ich diesen Frust im Text des Stücks. Ich war in einer sehr engen Beziehung mit Michael. In so einer Situation legt man sich einfach in den Schoss seines Geliebten und sagt: ‚Oh Gott, was machen wir nur mit dieser Welt?‘ Das ist das Gefühl des Songs.“

    Ann ging mit dem Text zu ihrer Schwester Nancy. „Ich weiß noch, dass ich eine schlimme Grippe hatte und fast im Delirium war“, so Nancy. „Der Text war so gut, dass er mich in meinem Krankenbett fast ein bisschen aufbaute. Zwei Tage später ging es mir besser und wir fingen an, ihn mit Musik zu verbinden. Wir hörten damals viel Moody Blues. Es gab ein [Moodies-]Stück namens ›Question‹ mit diesem schnellen, feurigen Gitarrenrhythmus. Das war unsere Idee für den Groove. Dann kam [Gitarrist] Roger Fisher mit diesem echt coolen Riff von A-moll auf F und das gab ihm einen wundervolle Dynamik.“

    Damals hatten Heart eine starke lokale Fanbase in Vancouver und traten regelmäßig in einem Club namens Lucifer‘s. „Da haben wir zum ersten Mal ›Crazy On You‹ gespielt und ich glaube, Teile des Texts habe ich erst dort im Club fertiggeschrieben. Es ist immer gut, da draußen mitten im Geschehen zu schreiben.“

    Wie jede junge, hungrige Band wollten Heart einen Plattenvertrag. Aber alle Labels in Kanada sowie ein paar in den USA hatten sie ohne Umschweife abgelehnt – mindestens zweimal. Schließlich beschlossen sie, auf ein Indie-Label aus Vancouver namens Mushroom zu setzen. Mushroom hatte nicht das Personal und Geld, aber dafür ein eigenes Studio, das, so Ann, mit „tollen Röhrenmikrofone, 16-Spur-Maschine und dem Mischpult, das in den 60ern bei Muscle Shoals stand.“

    Während die Band sich dort einnistete, um ihr klassisches Debüt DREAMBOAT ANNIE aufzunehmen, machte Nancy sich Gedanken, wie man ›Crazy On You‹ noch besser machen konnte. „Ich wollte ein Intro auf der Akustischen schreiben, bevor der Song losgeht“, sagt sie. „Also saß ich ein paar Tage da und versuchte, nur diesen ersten Takt zu hinzukriegen. Ich wollte, dass er wirklich denkwürdig wird. Das war das Schwerste, einen Anfang zu finden. Aber wenn ich jetzt diese Einleitung spiele, erkennen es sofort alle.“

    Als die Basis-Drum/Bass/Gitarrentracks fertig waren, ging Ann in die Gesangskabine. „Das war vor Autotune und Bearbeitungsmöglichkeiten, also warst du wirklich auf dich gestellt, hast gesungen und performt“, sagt sie. „Wenn du den Ton nicht getroffen oder den Text falsch gesungen hast, musstest du aufhören und es noch mal machen. Das war viel Arbeit. Aber als Sängerin hat es deine Konzentration geschärft.“
    Sowohl Ann als auch Nancy loben den Beitrag von Produzent Mike Flicker zu der Session. „Er war der Erste, der wirklich etwas hörte in dem, was wir taten“, so Ann. „Er konnte darüber hinwegsehen, dass die Stücke, die wir schrieben, noch nicht ganz fertig waren und eine führende Hand brauchten. Er konnte hören, was daraus werden könnte.“

    „Er sah ›Crazy On You‹ als Leinwand, um mehr orchestrale Sequenzen dazuzumalen“, fügt Nancy hinzu. „Er wollte, dass das Lied die Hörer auf eine musikalische Reise mitnimmt mit all den Instrumentalpassagen, die zu dem großen Refrain am Ende führen.“

    Nachdem ›Crazy On You‹ als erste Single von Heart gepresst wurde, gingen die Mädels auf Tour und besuchten Radiosender in Kanada und den USA. Frauenbewegung hin oder her, die Musikindustrie war immer noch eine Männerdomäne. „Wir waren zu zweit, wir waren beide Sängerinnen und Songwriterinnen und Bandleaderinnen, also waren wir sehr anders als alle anderen, denen sie begegnet waren. Es hat eine Weile gedauert, bis wir akzeptiert wurden.“

    Als die Single allerdings im Radio zu laufen begann, klingelten die Telefone in Detroit, dann Chicago, dann in den ganzen USA. Zusammen mit ›Magic Man‹ war es der Beginn einer Liebe zu Heart, die bis heute anhält. Beide Stücke sind heute Rock-Klassiker und ›Crazy On You‹ hatte in den letzten Jahren sogar einen zweiten Frühling dank eines Samples auf Eminems ›Crazy In Love‹ („eine tolle und kreative Verwendung des Songs“, so Ann) und einer Coverversion der Decemberists („wunderschön“, sagt Nancy).

    Ann schätzt, dass sie ›Crazy On You‹ „über 16.000 mal“ gesungen hat, seit es zum Hit wurde. „Nach so vielen Darbietungen macht es immer noch Spaß, denn in diesem Lied ist kein Bullshit. Der Text hat immer noch Gewicht, weil ich noch genauso über die Welt denke. Das Lied gab vielen Leuten Hoffnung, denn sie sahen sich die Herausforderungen und Schwierigkeiten in ihrem Leben an und dachten, ‚Die Welt ist wirklich verrückt, aber ich haben diesen Menschen, der mich liebt‘, und darum geht es in diesem Stück. Wenn jemand sagt: ‚Ohne euer Lied ›Crazy On You‹ hätte ich das nicht überstanden‘, ist das so viel wert. Ich kann nicht mal ansatzweise beschreiben, wie ich mich dann fühle. Es macht so absolut glücklich, denn es heißt wohl, dass all die Arbeit und alles, was ich über die Jahre gegeben habe, wirklich etwas bedeuten.“
    „Ich denke, die Worte sind zeitlos“, so Nancy. „Es sind dieselben Beobachtungen darüber, was es heißt, ein Mensch in dieser Welt zu sein, und wie all die Sorgen der Welt sich über dir auftürmen können. Aber wenn du jemand hast, mit dem du das teilen kannst, oder mit dem du flüchten oder durchdrehen kannst, macht es das Leben soviel besser.“

    Was bedeutete es, in den 70ern auf einem Independent-Label zu sein? Die Wilson-Schwestern mussten ihre erste Single ›Crazy On You‹ mit geringsten Mitteln promoten, wie Ann erzählt: „Da waren Nancy und ich und dieser freche Promo-Typ von Mushroom Records“, lacht sie. „Er fuhr uns zu Radiosendern und wir trafen die DJs. Shelly sagte dann: ‚Okay, Mädels, ihr wartet im Auto.‘ Dann gab er dem Typen ein Tütchen Koks und eine Telefonnummer, unter der er später eine Nutte bekommen würde, wenn er wollte. So schockierend ist das gar nicht. Das war schon lange so gelaufen. Das Wichtige war doch, dass das Lied im Radio lief, dann konnte die Hörer selber entscheiden, ob es ihnen gefiel.“

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