Roger Waters: München, Olympiahalle (13.06.2018)

roger waters is this the life we really want

Perfekte Unterhaltungs-Extravaganza – eine Review; komplexe Polit-Extravaganz – ein Kommentar:

Nun gut, wollen mit der eigentlichen Show, dem musikalischen Zirkus dieses Konzertes beginnen. Am rechten Rand der maximal dimensionierten LED-Wand: Eine Frau, regungslos mit dem Rücken zum Publikum gewandt, sitzt sie auf einer Düne. Ihr spürbar leerer Blick legt sich über das weite, ruhige Meer vor ihr. Ihr aschfahler Parka und ihr Kopftuch, sie und ihr Schicksal werden uns heute noch mehrmals begegnen. Aus den Lautsprechern im hinteren Bereich des Hallendachs schneidet sich, perfekten Raumklang erzeugend, Möwengeplärr durch das sanfte Meeresrauschen der Frontboxen. Das Licht geht aus, das Bild zoomt hinaus bis ins Weltall, Roger Waters und seine Band betreten zu den Tönen von ›Speak To Me‹ die Bühne und damit starten sie in ›Breathe‹ – perfekt. Weiter geht es mit dem düsteren Waters-Parade-MEDDLE-Stück ›One Of These Days‹, dann zurück zu ›Time‹ und der Reprise von ›Breathe‹.

Die Musiker um Waters, ihre technische Sauberkeit, ihr perfektes Timing innerhalb dieser bereits jetzt grandiosen Inszenierung bekommen mit ›The Great Gig In The Sky‹ und dem Gesangs-Duett der beiden Lucius-Mitglieder Jess Wolfe und Holly Laessig eine erste große, sternenfunkelnde Bühne geboten – stets geleitet von „Gilmour-Ersatz“ und neu-kongenialem Partner Jonathan Wilson und getragen von einem der wohl transparentesten und druckvollsten Sounds in der langen Geschichte der Oly-Halle. Mit ›Welcome To The Machine‹ und dem dazugehörigen blutigen ’75er Trickfilm wird – endgültig für diesen Abend – der bislang vorrangig musikalischen Komponente eine sozial-/politkritische beigefügt, womit der Boden für drei der vier neuen, nicht-Floyd-Kompositionen des Abends bereitet wäre.

Diese Songs fügen sich musikalisch reibungslos in das Set, emotional und dramaturgisch stechen sie – und ganz besonders ›The Last Refugee‹ – sogar heraus. Zwischen den kläglichen Resten ihrer Habseligkeiten tanzt eine einst stolze Frau melancholisch einen orientalischen Tanz. In ihren Händen hält sie eine Puppe, die sie zuvor aus dem Wasser gefischt hatte. Ihr Kind ist nicht mehr da. Das Publikum, nun emotional zurechtgelegt, bekommt die erste Hit-Salve aus ›Wish You Were Here‹ verpasst, das harsch von Helikopter-Lärm und ›The Happiest Days Of Our Lives‹ unterbrochen wird. Mit einem liebst unperfekt choreographierten Kinderchor, der sich zu Teil 2 und 3 von ›Another Brick In The Wall‹ vom Guantanamo-Heftlingszug zum antiautoritären, infantilen Haufen wandelt, wird das Publikum in die gute alte Konzertpause entlassen.

›Was, wenn alle Tiere dieselben Rechte hätten, wie beispielsweise Schweine und … Hunde?‹ steht da zum Ende der Unterbrechung als letzte von zahlreichen Parolen auf der Videowand. Die ANIMALS-Revue, die in bekannter Pink-Floyd-Manier alle kontemporären, technisch möglichen Register einer tourenden Unterhaltungsproduktion zieht, beginnt: Zu Alarmsirenen und Warnlichtern senkt sich ein Steg über die gesamte Länge der Halle von der Decke, aus dem sich wiederum die berühmte Plattencover-Fabrik samt darüber schwebendem Schwein und vier rauchenden Schornsteinen erhebt. Nach ›Dogs‹, das Wilson komplett für sich vereinnahmt, schwebt ferngesteuert ein riesiges Zeppelin-Schwein über die Köpfe auf den Rängen. ›Pigs (Three Of A Kind)‹ wirkt, als sei es 2017 eigens für die rechtsgerückten Erfolgspolitiker der heutigen Tage – allen voran dem in allerlei verunglimpfenden Collagen dargestellten Donald Trump – geschrieben worden. Die Botschaften hier: „Bleibt menschlich!“ und „Trump ist ein Schwein.“. ›Money‹ und ›Us And Them‹ schlagen die Kerbe mit derselben eindringlichen Klinge nur noch tiefer ins mittlerweile mürbe, politsentimentale Fleisch der Zuschauer.

Nach der ebenbürtigen Solokomposition ›Smell The Roses‹ füllt sich die nun in grauem Licht gehaltene Arena zu ›Brain Damage‹ langsam mit mehr und mehr Nebel, der schlagartig mit dem ersten Ton von ›Eclipse‹ die dreidimensionale, lüfterne Leinwand für eine imposante Lichtpyramide direkt über den ersten zwanzig Sitzreihen bietet. Von deren Mitte aus senken sich allmählich alle Farben des Regenbogens durch den Raum. Hier ist es, das ikonische Plattencover von DARK SIDE OF THE MOON in Überlebensgröße, zum, na ja, leider Nicht-Anfassen!

Waters bekommt Standing Ovations, nimmt die – ja doch, es ist wohl echte – Liebe mit geballten Fäusten, tiefer Rührung und kämpferischem Blick entgegen. Dann ergreift er das Wort. Doch zunächst soll es hier weiter um das Finale der Musikdarbietung gehen: Alle in der Halle, in sattes Pink getaucht und von Konfetti mit der Aufschrift ›Resist‹ umschwärmt, singen zu ›Comfortably Numb‹. Danach verneigen sich die Musiker in beseeltem Applaus. Im Hintergrund erscheint erneut die Frau auf der Düne. Ohne jeden Kommentar, ganz beiläufig, bewegt sich etwas im Schilf des linken Bildrandes. Ein kleines Mädchen erklimmt den Sandhügel und legt sich in den Schoß seiner Mutter. Die Bühne wird leer, das Licht geht an, eine der derzeit makellosesten Rockshows auf dem Planeten ging gerade eben in München zu Ende.

DER KOMMENTAR
Und nun zu dem einen Makel, zu all dem nicht-musikalischen Zirkus, der im Vorfeld und bei Waters’ „Danksagung“ auf der Bühne vonstatten ging, ein Kommentar:

Waters, der seit mehreren Jahren die mindestens als israelkritisch einzustufende Kampagne BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) unterstützt, musste sich in Person des Münchner Oberbürgermeisters Reiter damit konfrontiert sehen, dass eine Debatte um einen ohnehin komplexen, Jahrzehnte währenden Konflikt, nämlich den zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern, in der Bundesrepublik noch einmal ganz anders geführt wird als im Rest der Welt.

Wenn ein Stadtrat sich dagegen entscheidet, städtische Räumlichkeiten für eine nicht klar einzuordnende Kampagne zur Verfügung zu stellen, weil diese aus einer Vielzahl unterschiedlicher Organisationen besteht und einzelne davon durchaus Anlass geben, des Antisemitismus verdächtig zu sein, so ist dies wohl ein angemessener und begrüßenswerter Entschluss. Und so ist es wohl auch nachvollziehbar, dass der Bürgermeister sich im Voraus gegen das Konzert von Waters äußerte. Lediglich übersieht Reiter bei seiner konjunktivischen Zurschaustellung politischer Korrektheit mindestens ein Thema, das ihm doch gleichermaßen wie Waters brennend am Herzen liegen sollte: den Verzicht auf Zensur. Und Waters beförderte sich mit einem völlig maßstabslosen Vergleich (er stellte die angedachte Untersagung seines Konzertes in die Bedeutungsnähe der Bücherverbrennungen des NS-Regimes) erneut ins Abseits jeglicher sachlichen Diskussion. So manövriert man sich nur weiter weg von im Ursprung nobel gedachten Zielen.

Am Ende blinkt hier – wie so oft in unserer komplexen Welt – die Frage auf, wer eigentlich wen und wessen Bekanntheit für wessen politische Zwecke gebrauchen möchte. Darüber sollten sich die 10.000 Waters-Fans und Münchner Bürger ihre eigenen Gedanken machen, um danach eine Besinnung auf den wesentlichen – und von beiden Seiten für sich beanspruchten – Kampf für universelle Menschenrechte, für Aufrichtigkeit sowie einen maßhaltenden und faktenbasierten Ton einfordern zu können. Damit wäre am meisten denen geholfen, um die es angeblich gehen sollte: allen entrechteten Menschen dieser Welt.

SETLIST:

Intro: Speak to Me
1. Breathe
2. One of These Days
3.Time
4. Breathe (Reprise)
5. The Great Gig in the Sky
6. Welcome to the Machine
7. Déjà Vu
8. The Last Refugee
9. Picture That
10. Wish You Were Here
11. The Happiest Days of Our Lives
12. Another Brick in the Wall Part 2
13. Another Brick in the Wall Part 3

– – Pause – –

14. Dogs
15. Pigs (Three Different Ones)
16. Money
17. Us and Them
18. Smell the Roses
19. Brain Damage
20. Eclipse

Zugabe:
21. Comfortably Numb

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