Porcupine Tree: Karlsruhe, Johannes-Brahms-Saal

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Porcupine Tree: Karlsruhe, Johannes-Brahms-Saal

Porcupine Tree @ Joachim Kling (3)Eine Offenbarung – trotz Mückenstichen, Prellung und Kinski-Shirt.

Porcupine Tree mauserten sich in den letzten Jahren zu einer der tourwütigsten Bands des Erdballs. Und jeder Konzertbesuch lohnt sich. Denn erstens halten die Briten immer Überraschungseier in Form von lange nicht mehr gespieltem Material parat. Und zweitens bekommen die Fans hochklassige Vorgruppen zu sehen. Wie hier Oceansize aus Manchester. Eine stilistisch nicht einzuordnende Combo, die bereits zusammen mit Aerogramme, Biffy Clyro, Cave-In oder Pure Reason Revolution aufgetreten ist. Unterstützt von einer geschmackvollen Lichtshow, beeindrucken Oceansize mit dramatischer, aufwühlender Musik in der Schnittmenge zwischen Post-Rock und Progressive Rock. Mit Songs wie ›Build Us A Rocket Then‹, ›Paper Champion‹ oder dem gigantischen ›Ornament/The Last Wrongs‹ stoßen die Engländer auf große Gegenliebe beim fast 2000 Nasen zählenden, im vollbestuhlten Theater sitzenden Publikum.

Und dann legen Porcupine Tree mit der Langversion von ›Even Less‹ von RECORDINGS fulminant los. Das Quintett zeigt sich spielfreudig, leidenschaftlich und kommunikativ. Bandchef Wilson hat sich über die Jahre von einem schüchternen Bürschchen zu einem souveränen, selbstbewussten, humorvollen Frontmann gewandelt. ›Open Car‹ und ›Lazarus‹ folgen, bevor es bei den alten Klassikern ›Dislocated Day‹ sehr psychedelisch und bei ›The Sky Moves Sideways‹ dynamisch wird. Nach dem sanften ›I Drive The Hearse‹ gestikuliert Wilson kurz wild und greift mächtig in die Saiten. Der zweite Teil von ›Anesthetize‹ erklingt. Alle Zuschauer springen von ihren Sitzen, rennen vor die Bühne – und es entwickelt sich eine brettharte Metal-Show, die danach von einer zehnminütigen Pause unterbrochen wird. Porcupine Tree spielen einige Stücke von THE INCIDENT, bevor das atmosphärische, Ambientmäßige ›Up The Downstair‹ für runtergeklappte Kinnladen sorgt. Nach ›Time Flies‹ beendet das hypnotisierende, einen gnadenlosen Rhythmus vorgebende ›Sleep Together‹ eine überragende Performance. Und das, obwohl sämtliche Musiker gehandicapt sind: Gitarrist John Wesley schmerzt sein geschwollener Ellbogen, Keyboarder Richard Barbieri hat sich beim letzten Konzert eine Brustprellung zugezogen (als er von der Bühne wollte, um eine Zigarette zu rauchen und dabei stürzte), Drum-Monster Gavin Harrison leidet an einer Hand­ent-zündung und Steven Wilson an einem allergischen Mückenstich. Nur dem coolen, dauergrinsenden Basser Colin Edwin geht’s gut. Er trägt ein Klaus Kinski-Shirt, und das ist krank genug.

Die Zugabe ›Arriving Somewhere But Not Here‹ bildet den glänzenden Schlusspunkt und lässt keine Wünsche offen. Und das, obwohl Porcupine Tree ihr bekanntestes Album IN ABSENTIA komplett ignorierten und sich eigentlich Unverzichtbares wie ›Trains‹, ›Russia On Ice‹, ›Blackest Eyes‹, ›The Sound Of Muzak‹, ›Strip The Soul‹ oder ›Fear Of A Blank Planet‹ schenkten.

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