Pearl Jam – Stein vom Herzen

Der totale Rückzug vom Medienrummel, das absolute Verneinen aller gängigen Formen des Marketings und absichtlich unkommerzielle Musik hatten allerdings nicht ganz den gewünschten Effekt: „Wir stellten fest, dass wir durch all diese Versuche, dem Ruhm zu entkommen, nur noch größer wurden. Weil wir live kaum präsent waren, wollten die Leute uns nur noch mehr.“ Eine weitere Folge war ein kompletter Image-Wandel innerhalb weniger Jahre. Denn man vergesse nicht: Als TEN durch die Decke ging und selbst Nirvanas Allzeit-Überalbum NEVERMIND in den Verkäufen abhängte, wurde Pearl Jam schnell das „Sellout“-Etikett angehängt.

Horden von mitschwimmenden Teens in Cobain-Shirts kritisierten das Quintett als Mitschwimmer und nicht wenige Medien ergötzten sich daran, ein paar abfällige Bemerkungen des Nirvana-Frontmanns zu einer intensiven Rivalität zwischen den beiden Bands aufzubauschen, die zeitweise für echten Hass zwischen den jeweiligen Fan-Lagern sorgte. Bald jedoch war von alledem keine Rede mehr, Vedder & Co. hatten ihre bedingungslose Integrität eindrucksvoll unter Beweis gestellt und gelten bis heute als Paradebeispiel für Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit im Rock.

Dies wiederum in einem Ausmaß, dass die Musik an sich bald weniger Beachtung fand als das Ethos dahinter. Ob NO CODE (1996), YIELD (1998), BINAURAL (2000) oder RIOT ACT (2002): Keines der folgenden Alben schlug allzu hohe Wellen, Pearl Jam waren zu einer jener Bands geworden, die nach hohen Charteinstiegen durch Die-hard-Fans schnell nach hinten durchgereicht wurden, aber immer auf proppevolle Konzerte zählen konnten. Eine jener Bands also, die zuverlässig alle paar Jahre ein Album veröffentlichen, aber nur noch für ihr angestammtes Publikum existieren (wenngleich das zu den größten und loyalsten der Welt zählt) und vom Rest der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werden. Für Stone kein Problem: „Wir haben uns einfach darauf konzentriert, die beste Live-Band zu sein, die wir sein können. Es ist für uns immer noch das Größte, auf die Bühne zu gehen, und auch jetzt freue ich mich wieder darauf, auf Tour zu gehen. Vor allem Ed geht da jeden Abend raus und versucht, so gut er kann, das zu einem besonderen Erlebnis für die Fans zu machen.“

Insofern ist die Rechnung der fünf Durchhalter wohl aufgegangen, auch wenn PEARL JAM (2006) und vor allem BACKSPACER (2009) diesen Trend wieder ein Stück weit umkehren konnten. Was aber mittlerweile niemand mehr bestreiten kann, ist das, was die Band schon von Anfang an vermitteln wollte: Es geht wirklich nur um die Musik. Dass das nun anstehende LIGHTNING BOLT das zehnte Studioalbum ist, spielt da nicht wirklich eine Rolle, wie Stone erzählt: „Nun, jedes Mal, wenn wir eine Platte rausbringen, blickt man ein bisschen zurück und denkt sich, wow, ich kann nicht glauben, dass es uns nach all den Jahren immer noch gibt. Aber im Wesentlichen ist es immer dasselbe, wenn wir uns treffen, um Musik zu machen. Das Gefühl ist unverändert, wir sind immer noch aufgeregt, immer noch begeistert von den Möglichkeiten, die sich eröffnen. Wir komponieren Riffs, Ed singt, dann kommt irgendwann ein Text dazu, der sich nach und nach für uns alle mit Bedeutung füllt. Der Prozess des Schreibens und Erschaffens von Musik macht mich einfach glücklich, und das ist heute nicht weniger der Fall als vor 30 Jahren, als ich noch ein Junge war und zum ersten Mal eine Platte aufgenommen habe. Nichts ist für mich aufregender, als über ein tolles Riff zu stolpern, es fortzuentwickeln und zu sehen, welche Formen es annimmt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, und ich denke, es gibt kein Alter, in dem das irgendwann mal nicht mehr interessant oder würdevoll sein könnte. Ich muss sagen, das ist schon ein verdammt cooler Job!“

Es ist eine reine Freude, zu hören, mit welch kindlicher Begeisterung dieser Mann über seine Tätigkeit spricht. Keine Spur von Abgeklärtheit, kein Ansatz von Arroganz oder Überheblichkeit. Der 47-Jährige zeigt keinerlei Ego, ist offensichtlich erfreut darüber, dass UNITED WE STAND, das letzte Album seiner Zweitband Brad, und die Deutschlandtour selbiger bei CLASSIC ROCK mit großem Wohlwollen bedacht wurden, ziert sich aber fast schon, allzu große Töne über LIGHTNING BOLT zu spucken.

Dabei ist das zehnte Pearl-Jam-Album wirklich hervorragend geworden. Gut Ding will Weile haben, möchte man da denken, schließlich sind seit BACKSPACER vier Jahre ins Land gegangen, doch Stone wiegelt ab: „Der tatsächliche Entstehungsprozess dieses Albums erstreckte sich über vielleicht sechs Wochen. Allerdings mit einer sehr langen Pause dazwischen. Wir waren mit unserem Produzenten Brendan O‘Brien schon im Studio gewesen und hatten ein paar Tracks aufgenommen. Doch dann kamen alle möglichen Sachen dazwischen, ich konzentrierte mich auf Brad und mein zweites Soloalbum, und irgendwie waren plötzlich eineinhalb Jahre verstrichen. Als wir dann wieder zusammenkamen, erwies sich diese Unterbrechung als sehr positiv. Wir hatten nicht nur neue Energie getankt und Ideen im Gepäck, wir betrachteten das existierende Material auch noch mal neu, was ihm definitiv gut tat. Es war gut, dass wir uns nicht gezwungen hatten, das Album auf Teufel komm raus im ersten Anlauf fertigzustellen. Wir sind eben total entspannt an die Sache heran gegangen und genießen den Luxus, uns mit nichts mehr beeilen zu müssen.“

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