Keine andere Band schlägt derzeit eleganter die Brücke zwischen extremem Metal und Classic Rock: Kylesa verbinden auf ihrem fünften Album SPIRAL SHADOW kunstvoll und stilsicher alle essentiellen Elemente beider Sound-Welten. Bedingungslose Härte paart sich mit sphärischen Passagen, bezaubernde Melodien mit rauen, hingerotzten Riff-Attacken. Dazu kann man als eine der wenigen Bands mit zwei Drummern arbeiten. Das sorgt nicht nur für mehr Live-Kraft, sondern spielt auch beim Songwriting eine wichtige Rolle. Wo andere Bands sich damit abmühen müssen, ihre Lieder mit allerlei gedoppelten Gitarren- oder Gesangsspuren aufzufüllen, sind Kylesas Stücke schon mit einem kompakten, dichten Grundgerüst ausgestattet, bevor überhaupt die Saitenfraktion mit ihrer Arbeit begonnen hat. So bleibt der Band letztendlich auch mehr Zeit, um vereinzelte Glanzpunkte zu setzen: Hier ein glasklarer Gänsehaut-Refrain, dort ein jubilierendes Solo, dort noch ein kurzer Wutausbruch die Fünf aus Savannah, Georgia, wissen genau, wann und wo sie ein musikalisches Ausrufezeichen platzieren können und machen SPIRAL SHADOW so zu einem furiosen Rock-Erlebnis, das sich nach und nach ins Hirn brennt.
Kylesa
Dick Dale & His Del-Tones – Singles Collection ’61-65
Let’s Go Trippin’: der Surfer mit der Maschinengewehrgitarre.
Mögen die Strandjungen um Genius Brian Wilson auch weltweit als Erfinder des Surf Sounds gelten, die wesentlichen Impulse kamen schon ein wenig früher vom bis heute aktiven Dick Dale: Mit raffinierter Gitarrentechnik, die auf das Oud-Spiel eines Onkels zurückging, mit modifizierter Fender Stratocaster, getunetem Verstärker und voll aufgedrehtem Hallgerät nahm der Sohn eines Libanesen und einer Polin vieles vorweg, was Jimi Hendrix, Jimmy Page und Pete Townshend später einfach übernahmen. Mehrere Hits wie auch diverse LP-Renner konnte der agile wie aktive Surfer verzeichnen, die er für die Labels Deltone und Capitol einspielte. Für die SINGLE COLLECTION 61 – 65 sammeln sich auf zwei 180 Gramm LPs 28 Mono-Songs, darunter Klassiker wie ›Let’s Go Trippin’‹, ›The Wedge‹, ›Mr. Eliminator‹, ›Secret Surfin’ Spot‹ und der legendäre Themensong, der noch heute jedes seiner Konzerte eröffnet: ›King Of The Surf Guitar‹. Nicht fehlen darf natürlich auch jenes Kult-Instrumental, das Quentin Tarantino im Soundtrack von PULP FICTION verwendete und das Dick Dale & His Del-Tones ein hoch verdientes Comeback bescherte: ›Misirlou‹.
Johnny Winter – Johnny Winter / Second Winter / Live / Still Alive And Well / Saints & Sinners
Immer noch am Leben und gut drauf: Ein halbblinder Albino aus Texas definierte den Bluesrock.
Als die Rolling Stones im Juli 1969 in Londons Hyde Park 650.000 Zuschauer anlockten, eröffneten sie mit einem den meisten Besuchern wohl wenig vertrauten Titel: ›I’m Yours And I’m Hers‹ – ein elektrifizierter Mississippi Blues, der vom wenige Wochen zuvor erschienenen Major-Debüt JOHNNY WINTER stammte.
Mit derart prominenter Unterstützung startete der virtuose Texaner flugs in eine internationale Karriere, die mit zahllosen Höhen und Tiefen bis in die Gegenwart reicht.
Der Major-Erstling JOHNNY WINTER eröffnet nun das 5-CD-Pack ORIGINAL ALBUM CLASSICS. Allerdings listet das Set die Alben des flinken Gitarreros in einer etwas eigenwilligen Chronologie auf. Folgt doch nach dem gleichwertigen Nachfolger SECOND WINTER mit Klassikern wie ›Morning Pain‹, ›Miss Ann‹ und ›Hustled Down In Texas‹ leider nicht der reguläre dritte Longplayer der nur kurzlebigen Formation JOHNNY WINTER AND, sondern der vergleichsweise langatmige Konzertmitschnitt LIVE aus der gleichen Zeitphase.
Qualitativ wieder hochwertig schließt sich 1973 dann STILL ALIVE AND WELL mit den Stones-Tracks ›Silver Train‹ und ›Let It Bleed‹ an. Als fast ebenso stark erweist sich 1974 SAINTS & SINNERS mit dem abermals gelungenen Stones-Cover ›Stray Cat Blues‹, Larry Williams’ ›Boney Moronie‹ sowie dem Chuck Berry-Klassiker ›Thirty Days‹.
Johnny Winter: 9
Second Winter: 9
Live: 5
Still Alive And Well: 9
Saints & Sinners: 9
Robin Trower – A TALE UNTOLD: THE CHRYSALIS YEARS 1973-1976
Kleine Werkschau des Procol-Harum-Gitarristen.
Über mehr als ein Jahrzehnt zupfte der Brite Robin Trower unauffällig seine Fender Stratocaster: Erst bei den von ihm mitbegründeten R’n’B-Lokalmatadoren The Paramounts, danach bei der Prog-Rock-Legende Procol Harum. Den Lautstärkeregler seines Marshall-Verstärkers richtig aufzudrehen traute sich der Virtuose jedoch erst ab 1973, als er mit Schlagzeuger Reg Isidore sowie Sänger und Bassist James Dewar die Robin Trower Band gründete. Bis 1976 entstanden für das Label Chrysalis vier Studioalben und ein Live-Mitschnitt, die mit kompakter Rock-Metal-Blues-Mixtur nur einen Schluss zuließen: als das „Next Big Thing“ in die Rock-Historie einzugehen. Trowers vor allem in den USA erfolgreiches Power-Triumvirat empfahl sich immerhin als stadiontaugliche Neuauflage der Jimi Hendrix Experience.
Inzwischen mit zusätzlichen Bonus-Tracks und auf drei CDs verteilt, unterstreichen das erstaunliche Debüt TWICE REMOVED FROM YESTERDAY, das mit Klassikern wie ›Too Rolling Stoned‹ und ›Day Of The Eagle‹ bestückte Durchbruchswerk BRIDGE OF SIGHS sowie der Kassenknüller FOR EARTH BELOW nicht nur den Ausnahmestatus Trowers, sondern vor allem auch die erstaunlichen Qualitäten von Vokalist Dewar.
Twice Removed From Yesterday: 8
Bridge Of Sighs: 10
For Earth Below: 9
Live: 7
Long Misty Days: 8
Spirit – Spirit / The Family That Plays Together / Clear / Twelve Dreams Of Dr. Sardonicus / Feedback Epic
Die stets unterschätzten Visionäre des Westcoast-Rock.
Nichts, was Randy California in den 45 Jahren seiner irdischen Existenz anpackte, richtete sich an der Norm aus: Im zarten Alter von 15 Jahren spielte der Gitarrenvirtuose bei den Blue Flames, dem Experience-Vorläufer von Jimi Hendrix. Wenig später gründete er mit seinem Stiefvater Ed Cassidy Spirit und mixte fortan fleißig Rock, Blues, Folk, Latin, Jazz, Soul und Psychedelic.
Eine Vielfalt, die schon das Debüt SPIRIT mit dem funky Opener ›Fresh Garbage‹ sowie der Auskopplung ›Mechanical World‹ auszeichnete, die aber einer breiteren Akzeptanz stets im Wege stand. Obwohl mit ›I Got A Line On You‹, ›Dark Eyed Woman‹ und ›1984‹ bescheidene Hits gelangen, blieben so wundervolle LP-Klassiker wie THE FAMILY THAT PLAYS TOGETHER und CLEAR prinzipiell Ladenhüter – und Spirit stets unter ihren kommerziellen Möglichkeiten.
Selbst mit dem Meilenstein TWELVE DREAMS OF DR. SARDONICUS, einem ebenso vollmundigen wie anspruchsvollen SciFi-Konzeptwerk mit so prophetischen Hymnen wie ›Animal Zoo‹, ›Morning Will Come‹, ›Mr. Skin‹ und ›Nature’s Way‹, gelang 1970 nur ein moderater Achtungserfolg. Als zwei Jahre später mit FEEDBACK nach zeitweiliger Trennung ein qualitativ angemessenes Lebenszeichen zu vernehmen war, hatten sich die Ur-Mitglieder Mark Andes und Jay Ferguson schon längst verabschiedet.
Spirit: 8
The Family That Plays Together: 9
Clear: 9
Twelve Dreams Of Dr. Sardonicus: 10
Feedback Epic: 7
Snafu – Snafu
Längst vergessenes Debüt, das auf den Punkt kommt wie am ersten Tag.
Mag das britische Quintett Snafu auch nur als Fußnote der Rockhistorie gelten – nur wenige Produktionen haben die Jahrzehnte so gut überstanden wie dieses Debüt aus dem Jahr 1973. Die im Herbst 1972 von Sänger Bobby Harrison, ehemals Procol Harum, sowie Gitarrist Micky Moody gegründete Band ist der Prototyp des ewigen Geheimtipps. Faszination strahlt die facettenreiche, Little Feat und Steely Dan nicht unähnliche Mixtur aus Rock, Soul, Funk, Jazz, Folk und Country bis heute aus.
Mit unglaublichem Gespür für schwarze Grooves eröffnete die nach Captain Beefhearts Akronym SNAFU („Situation Normal All Fucked Up“) benannte Band mit ›Long Gone‹ – und erweckt auch noch 37 Jahre später den Eindruck, hier wäre eine patente afroamerikanische Formation am Werk. Nicht minder funky adaptieren die Engländer Joe Simons R’n’B-Klassiker ›Drowning In The Sea Of Love‹, sie überraschten dann aber auch mit einem rustikalen Country Rock auf ›Monday Morning‹ und lieferten authentischen Southern Rock mit ›Country Nest‹, bevor dann auf ›Goodbye USA‹ der Jazz-Rock dominierte.
Eine wunderbare Rarität, deren Entdeckung sich definitiv lohnt und die Lust auf die beiden Folge-Alben SITUATION NORMAL und ALL FUNKED UP macht.
Pantera – COWBOYS FROM HELL EXPANDED, DELUXE & ULTIMATE EDITION
Rundum-glücklich-Paket in drei Varianten des Thrash-Metal-Klassikers von 1990.
Rund eine Dekade und vier Alben dümpelte die Formation aus Texas stilistisch noch halbgar zwischen New Wave Of British Heavy Metal und amerikanischem Glam Metal. Ernst genommen wurden die 2003 aufgelösten Pantera damals nur von eingefleischten Fans. Höhnisches Gelächter erzeugte 1990 gar die Ankündigung des Quartetts, dass mit der neuen Produktion ein kompletter Stilwechsel vollzogen würde.
Als das Album COWBOYS FROM HELL am 24. Juli 1990 veröffentlicht wurde, war die Verwunderung groß. Mit genau zwölf Songs definierten Pantera nicht nur sich, sondern gleich die gesamte Thrash-Metal-Szene neu, haftete doch dem fünften Studiowerk das Etikett „Neo Thrash“ an.
Zum 20. Jubiläum wird der von vielen Fans als „offizielles Debüt“ betrachtete Eisbrecher mit klassischen Tracks wie ›Heresy‹, ›Cemetry Gates‹ sowie dem auch als Themenmelodie für das PlayStation 2-Spiel verwendeten Titelsong neu aufgelegt – in EXPANDED, DELUXE und ULTIMATE EDITION.
Auf der Doppel-CD EXPANDED EDITION findet sich das remasterte Originalalbum plus zwölf Live-Aufnahmen. Insgesamt drei Scheiben enthält die DELUXE EDITION, die mit zusätzlichen elf Demo-Versionen aufwartet. In dem besonders luxuriös gestalteten Box-Format präsentiert sich die im Repertoire mit der DELUXE EDITION identische ULTIMATE EDITION.
Zusätzliche Reproduktionen von Memorabilia sowie umfangreiches, bisher unzugängliches Fotomaterial dienen als Kaufanreiz, erinnern aber auch an den Gitarristen Darell Lance ›Dimebag Darrell‹ Abbott, der 2004 auf offener Bühne von einem geistig Verwirrten erschossen wurde.
Rick Nelson – THE LAST TIME AROUND 1970-1982
Beispielhaft: der dritte Teil der großen Nelson-Story.
Das Publikum kann unbarmherzig sein: Als rockender und rollender Kinderstar war Ricky Nelson Liebling der Massen – als aus Ricky Rick wurde und aus fröhlichem Teen-Beat seriöser Country-Rock, ließ das Interesse deutlich nach. Zu Unrecht, wie die Sieben-CD-Box retrospektiv belegt, immerhin darf man Nelson getrost zu den Pionieren des countryfizierten Westcoast-Rock zählen, in dessen Stone Canyon Band stets bewährte Kräfte arbeiteten – unter anderem auch Eagle Randy Meisner und Little Feat Richie Hayward.
THE LAST TIME AROUND versammelt alles, was Nelson zwischen 1970 und seinem Unfalltod im Jahre 1985 veröffentlicht hat – und noch wesentlich mehr. Etwa zwei größtenteils unveröffentlicht gebliebene Studioalben, darunter das von Al Kooper produzierte BACK TO VIENNA. Singles-Tracks, Studio-Outtakes und ein kompletter, bislang ebenfalls unveröffentlichter Live-Mitschnitt runden die Werkschau ab, den Rest erledigt das 144 Seiten starke Booklet im LP-Format, das mit klugen Liner Notes, raren Fotos und sogar mit Abbildungen malaysischer LP-Cover und mexikanischer Singles-Hüllen fasziniert. Besser kann man das Werk eines Musikers nicht aufbereiten, aber derartige Liebe zum Detail hat im Hause Bear Family bekanntlich Tradition.


