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Graveyard – Die Helden von Hisingen

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Opener_Graveyard2012dDie Retrowelle rollt weiter durch den Rockozean. An vorderster Front
surfen nach wie vor Graveyard, ihr bandeigenes Bier „Hisingen Brew“ in der einen, ihr neues Album LIGHTS OUT in der anderen Hand.

Auf besagtem Drittwerk ziehen die schwedischen Classic Rock-Jünger die
düster-psychedelische Schraube ein gutes Stück weiter an – mit dem Begriff „retro“ darf man Schlagzeuger Axel Sjöberg deswegen noch lange nicht kommen.

Mal ehrlich: Was muss man tun, um sein eigenes Bier zu bekommen?
Verdammt viel Glück haben vielleicht? Als unser schwedisches Label mit dieser Idee ankam, waren wir zunächst allerdings recht skeptisch. Ich meine, wir sind Musiker und keine Bierbrauer. Dann stellten wir aber alsbald fest, dass Bier eine der Konstanten im Leben von Grave-yard ist und es durchaus Sinn ergeben würde, ein Graveyard-Bier auf den Markt zu bringen – vorausgesetzt, wir haben viel Mitspracherecht und bringen es zu einem Preis auf den Markt, den sich jeder leisten kann. Außerdem war uns wichtig, dass man es auch warm trinken kann, damit es das perfekte Bier für Festivals, Campingausflüge oder warme Sommertage im Park ist, wenn man mal keinen Kühlschrank in der Nähe hat. Eben ein Bier, das auch wir gerne trinken.

Wie schmeckt es denn?
Es ist ein Lager mit einem gewissen fruchtigen Ale-Touch. Als wir es in der Brauerei das erste Mal probierten, waren wir ehrlich gesagt alle nicht nur ein wenig überrascht, wie gut es war. Es ist ein wirklich süffiges Bier und kein billiger Mist, auf den man einfach das Graveyard-Logo geklebt hat.

Fühlt es sich so cool an, wie man es sich vorstellt, eine eigene Biermarke zu haben?
Klar, aber das schlägt niemals das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und dich mit deinen Bandmitgliedern und dem Publikum verbunden zu fühlen. Die Musik kommt immer zuerst. Ohne sie gibt es nichts anderes.

Das Bier namens „Hisingen Brew“, davor das Album HISINGEN BLUES… seid ihr mittlerweile so etwas wie Lokalhelden in der Region um Göteborg und auf der Insel Hisingen?
Das hat die Leute schon ein wenig stolz gemacht, denke ich. Es gibt eine Fußballmannschaft, die ihr Stadion auf Hisingen hat und die unseren Song Hisingen Blues oft während ihrer Spiele verwendet. Manchmal sogar, wenn die Spieler die Kabine verlassen und den Rasen betreten. Das macht sogar mich stolz – und ich interessiere mich einen Dreck für Sport.

Wie stehst du generell zu eurer Heimat? Bist du eher der Lokalpatriot oder der, der nach einer Tour möglichst schnell wieder weg will?
Ich mag Göteborg sehr – oder zumindest die Ecken, in denen ich mich rumtreibe. Die Stadt ist sehr entspannt, man ist nett zueinander und kümmert sich nicht darum, ob du Punk, Metalhead oder ein Psychedelic Rock-Freak bist. Die Menschen sind verrückt nach Musik und pfeifen auf Genres, solange sie gut ist. Was mich zur Weißglut bringt, sind allerdings die Stadtherren. Sie wollen, dass alles neu und sauber ist, dass es poliert und teuer ist, damit sich irgendwann nur noch reiche Leute ihre Shoppingtrips leisten können. Was zum Teufel ist das überhaupt, Shopping? Als ich aufwuchs, war das noch nicht mal ein legitimes Hobby! Du hast was gekauft, weil du es gebraucht hast, und nicht nur, um etwas zu kaufen. Ginge es nach den Politikern, wäre Göteborg ein einziges Einkaufszentrum. Das ist doch Wahnsinn…

Auch in euren Songs schimmert durch, dass Schweden nicht immer das heile Urlaubsparadies ist, das wir von Astrid Lindgren kennen. Weshalb kommst du nach einer Tour dennoch gern nach Hause?
Schweden hat durchaus einige Vorteile. Das Krankenversicherungssystem beispielsweise, das mehr oder weniger kostenlos ist. Und die fantastische Musikszene natürlich. Außerdem darf man nicht vergessen, dass hier auch meine Familie und besten Freunde leben. Es könnte allerdings manchmal ein wenig unbürokratischer sein und nicht immer so regeltreu ablaufen. Orte wie Berlin haben mir gezeigt, dass es auch anders geht. Aber wo ist es schon perfekt?

Dass ihr überhaupt so häufig von einer Tour nach Hause kommt, hängt auch mit dem Erfolg des letzten Werkes HISINGEN BLUES zusammen. Wie unerwartet war das für euch?
Schwer zu sagen. Der Grund, weshalb das Album ein Erfolg wurde, hing mit dem vielen Touren zusammen. Und der Grund, weshalb wir viel live unterwegs waren, hing mit dem Erfolg von Hisingen Blues zusammen. Da haben wir es wieder. Was war zuerst? Die Henne oder das Ei? (lacht) Ich dachte zwar, dass die Dinge jetzt langsam ins Rollen kommen würden, hätte aber nicht damit gerechnet, dass sie so schnell so weit rollen würden. Ich hätte es bei den Aufnahmen zum zweiten Album beispielsweise niemals gedacht, bald darauf für Motörhead eröffnen zu dürfen.

Der Erfolg könnte auch damit zusammenhängen, dass ihr eine der ersten Bands wart, die sich diesem authentischen Retro-Rock im großen Stil hingaben. Wann wurde euch eure Bedeutung erstmals bewusst?
Da muss ich zunächst betonen, dass wir keinen „Retro-Rock“ spielen. Wir nehmen analog auf und verwenden Röhrenverstärker, doch damit hat es sich auch schon. Würdest du sagen, dass jemand ein Retrohaus baut, nur weil er Holz oder Ziegelsteine verwendet? Wir sehen uns als moderne Band, die ihre Variante des Classic Rock spielt. Und diese Musik gab es immer – wenn auch mal mehr, mal weniger populär. Um auf deine Frage zurückzukommen: Das geschah Schritt für Schritt. Jede Menge Leute bei Festivals, tolle Reviews, die Chance, für Giganten wie Iron Maiden, Motörhead oder Deep Purple zu eröffnen, ausverkaufte Shows… schwer zu sagen, wann wir uns dessen bewusst wurden. Ich kann mich aber noch an den Moment erinnern, als ich für den Drum-Soundcheck vor dem Gig mit Iron Maiden allein auf der Bühne war und in ein gigantisches Fußballstadion schaute. Das war surreal – und fühlte sich an, als hätten wir einen Schritt hinein in die Rock‘n‘Roll-Geschichte gemacht.

Das klingt, als hättet ihr seit HISINGEN BLUES nur noch Zeit für Graveyard gehabt…
Völlig richtig, Graveyard ist mittlerweile ein Fulltime-Job. Eigentlich sogar mehr als das: Seit die Platte rauskam, haben wir ungefähr 155 Shows gespielt und irgendwo dazwischen ein neues Album aufgenommen. Man kann durchaus sagen, dass wir gut zu tun hatten, ja.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an LIGHTS OUT. Wie habt ihr dafür gesorgt, dass ihr davon nicht abgelenkt werdet?
Wir waren derart vertieft in die Arbeit, dass wir von irgendwelchen Erwartungen nicht das Geringste mitbekommen haben. Meistens schreiben wir das Material gemeinsam und jammen dann mit der kompletten Band im Proberaum. Bei Graveyard läuft alles sehr demokratisch ab, allerdings mögen wir Albumaufnahmen nicht besonders und drücken uns gerne mal davor. Im Studio hörst du nämlich, wie du tatsächlich spielst – und nicht, wie du es dir vorstellst, wenn du im Proberaum oder auf der Bühne stehst. (grinst)

Habt ihr euch wenigstens ein wenig neues Vintage-Equipment gegönnt, um die Aufnahmen erträglicher zu gestalten?
Wir experimentieren immer mal wieder mit den verschiedensten Geräten herum, weil wir eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie wir klingen wollen. Diesmal haben wir unter anderem Amps von Orange und Hiwatt benutzt, aber früher oder später verliert man da den Überblick. Es war jedenfalls eine Menge Kram – alter wie neuer. Letztlich ist am Wichtigsten, wie du spielst und nicht, mit was du spielst. Es gibt schließlich großartige Platten, die mit richtig miesem Equipment aufgenommen wurden.

In Bezug auf die Spielweise könnte LIGHTS OUT fast live aufgenommen worden sein. Es klingt so spontan, roh und direkt wie die Platten der Sechziger und Siebziger.
Das kommt der Wahrheit auch ziemlich nah. Wenn mir die Drums mehr oder weniger glücken, behalten wir den ganzen Take und bügeln nur die gröbsten Fehler aus. Es ist also größtenteils live eingespielt. Natürlich kommen uns manchmal noch gute Ideen, wenn wir den Song schon eingespielt haben, aber das verändert den Sound auch nur sehr gering. Für mich muss ein Album live und organisch klingen. Alles andere langweilt mich.

Welche Vision hattet ihr für LIGHTS OUT?
Wir wollten ein größeres Spektrum abdecken. Der härteste Song ist wohl der härteste Song der Bandgeschichte, der sanfteste unser mit Abstand sanftester. Wir wollten uns diesmal in einem größtmöglichen musikalischen Universum bewegen, das dennoch überall den gewissen Graveyard-Touch aufweist. Wofür wir deutlich mehr Arbeit investierten, waren diesmal die Lyrics. Die machen die ganze Sache düsterer und bitterer.

Tatsächlich erscheinen die angeschnittenen Themen pessimistisch und tendenziell niedergeschlagen. Hat es was damit zu tun, dass das Album nach dem letzten Sommer mit seinen Reisen und Festivals geschrieben wurde?
Damit hat es eher weniger zu tun, glaube ich. Es ist eher die Reise an sich, dir wir in den letzten Jahren mit Graveyard unternommen haben. Ein Freund von mir meinte, das Album klinge wie ein grummeliger alter Mann. Mit einem gewissen psychedelischen Touch. Ich weiß zwar nicht, ob das die ganze Wahrheit ist, aber er hat damit gewiss nicht Unrecht. Letztlich spiegelt das Album nämlich den Zustand der Welt und gewisse persönliche Empfindungen, die einen durchaus grummelig werden lassen können. Das ist wohl normal, wenn man über das tägliche Leben schreibt.

›Fool In The End‹, ›Endless Night‹, ›An Industry Of Murder‹… viel Platz für Frohsinn gibt es auf LIGHTS OUT nicht.
Wie interessant ist fröhliche Musik denn bitteschön? Nenne mir eine gute fröhliche Band! (lacht) Ich würde das Album aber eher als nachdenklich beschreiben. Es ist nicht deswegen dunkel oder unglücklich, nur um möglichst böse zu wirken. Es reflektiert unsere Gedanken und Empfindungen – und diese kennen nun mal alle anderen Menschen dort draußen auch.

Aber eigentlich gab euch der Erfolg doch nicht unbedingt einen Anlass dazu, bitter und grummelig zu werden, oder?
Nein, das hat damit auch nicht das Geringste zu tun. Wir können mittlerweile von unserer Musik leben, und das ist ein wahr gewordener Traum. Als Musiker sind wir besser, selbstsicherer geworden, als Menschen sind uns aber die Dinge passiert, die einem Menschen nun mal widerfahren. Es gab gute Dinge, aber auch schlechte Dinge, und wenn man plötzlich auf der Straße erkannt wird, ist es schwer zu sagen, ob das nun gut oder schlecht ist. Uneingeschränkt gut ist allerdings, dass ich mittlerweile topfit in Geografie bin. Dieses ganze Touren kreuz und quer durch Europa hat quasi die ganzen Punkte zu einem großen Ganzen verbunden.

In gewisser Weise erinnern Graveyard an die Protestbands der späten Sechziger. Siehst du deine Band als Nachfolger dieser Acts, die schließlich auch das tägliche Leben besangen und Missstände in der Gesellschaft anprangerten?
So habe ich das noch nie betrachtet, aber vielleicht hast du ja Recht damit. Vielleicht haben wir dieses Vermächtnis mehr oder weniger unterbewusst angenommen? Wir sind zumindest überzeugt davon, dass in der Welt eine Menge falsch läuft und dass mehr und mehr willentlich ihre Freiheit und ihre Rechte abgeben, um sie großen Firmen oder dem Staat in die Hände zu legen. Für mich ist es völlig belanglos, wenn Bands über alte Könige, Piraten oder „Dungeons & Dragons“ singen, während um sie herum all das passiert. Manchmal muss ich mich da sehr wundern…

Diese alles andere als wohlmeinende Sicht auf die Welt wird schon vom Albumtitel und dem komplett schwarzen Cover versinnbildlicht. Nach dem detailverliebten HISINGEN BLUES-Artwork ist das natürlich ein Schock.
Klar, das soll es ja auch sein. (lacht) Wir wussten, dass wir das letzte Cover in Sachen Details und Ausstrahlung nicht toppen können. Also wollten wir ein Anti-Cover, sozusagen – und dennoch eines, das gut zur Musik passt und von dieser auch mit Bedeutung gefüllt werden wird. Ein Typ von unserer Plattenfirma verglich die beiden Alben auf visueller Ebene mit SGT. PEPPER‘S LONELY HEARTS CLUB BAND und dem WHITE ALBUM der Beatles. Und ein anderer meinte nur: Das ist so bescheuert, dass es schon wieder brillant ist.

Und letztlich nur möglich ist, weil ihr Graveyard seid und nach wie vor an vorderster Front dieses ungebrochenen Trends steht. Wie wertet ihr den Hype rund um althergebrachte, psychedelische Rockmusik?
Nun, es ist ein Trend, also wird er wie jeder andere Trend davor auch irgendwann verschwinden. Das ist der Unterschied zwischen einem Trend und einer guten Band: Der Trend geht, die Band bleibt. Um das weiterzuführen, möchte ich ein Phil Anselmo-Interview anführen, das ich kürzlich sah. Er wurde gefragt, was er Bands auf den Weg gibt, die ihn um Rat fragen, wie sie es „schaffen“ können. Er meinte, dass zu viele Bands auf einen Trend aufspringen, um dann nur das zu kopieren, was zwei Bands vor ihnen gemacht haben. Dabei müssten sie von jeder Band stehlen, die sie hören – wie es eben die guten Bands machen. Ich denke, dass darin eine ganze Menge Weisheit steckt. Wenn du es dir erlaubst, viele Einflüsse zu haben, wird deine Musik interessant werden. Und das bedeutet nicht, dass du eine Band starten sollst, deren Songs aus Polka, Death Metal und R‘n‘B bestehen.

 

Band of Horses – Das alte Amerika heute

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Band Of Horses 1 @ Chris WilsonDie Fleet Foxes spielen die pastorale Seite aus. Bei der Band of Horses braucht es einen zweiten Blick, um zu sehen, dass sie auf ähnlichem Gelände unterwegs sind: Es geht um das Amerika der alten Meister. Um Holzhütten, Berge und Täler, um die Fotografien von Ansel Adams und das Rückzugsprojekt, wie es Thoreau in seinem philosophischen Essayband „Walden“ notierte.

Henry David Thoreau wählte sich eine Blockhütte bei Concord, Massachusetts aus. Sie lag an einem Weiher namens Wallten, und die Herangehensweise des Philosophen war die der harten Bank. So wenig medial wie möglich wollte der Gelehrte sein Leben im Wald gestalten, so wenig Ablenkung durch die Außenwelt haben von dem, was man vielleicht als Stillleben der Landschaft bezeichnen könnte. Ein möglichst kleines Universum erschaffen, um es möglichst in aller Tiefe zu erfahren.

Eintritt MIRAGE ROCK. So heißt das neue Album der Band Of Horses, einer inzwischen zum Quintett angewachsenen Band um den Sänger und Ober-Songschreiber Ben Bridwell. Es ist ein gutes Album geworden, ein klassisches Drittes vielleicht. In einer längst vergangenen Zeit, in der Musik hauptsächlich auf Vinyl gehört wurde, und dann später für eine Übergangsphase hin zu den digitalen Medien auch auf CD, da wurden Bands an ihren Alben gemessen. Dabei hatte sich dieser Rhythmus etabliert: Das dritte Album macht es. Als Wetterscheide zwischen ewigem Vergessen und ewigem Ruhm konnte man vom dritten Album ablesen, aus welchem Holz eine Gruppe gemacht ist. Das in Realzählweise dritte Album der Band Of Horses hieß INFINITE ARMS und war insofern ein traditionelles drittes Album, als es den Wechsel vom großen Indie-Label Sub Pop zum großen Konzern Sony Music markierte. MIRAGE ROCK erfüllt als viertes Album jedoch die inhaltliche Anforderung des Durchbruch-Dings. Es bringt die ganze Bandgeschichte unter einen Hut. Dies jedoch nicht in Form einer Rückschau, sondern in durchweg noch aufregenderen, noch kickenderen, noch kompakteren Songs.

Mit Bill Reynolds hängt ein Gesprächspartner an einem Telefon in einem Londoner Hotelzimmer, der die Band während der Tour zum zweiten Album CEASE TO BEGIN kennen lernte und mit den Aufnahmen zu INFINITE ARMS ein fester Bestandteil der Band Of Horses gewesen ist. Er kommt wie der Rest der Band aus einem der beiden Carolinas, er spielt Bass; zählt jedoch auch zum Kern, wenn es um das Songwriting geht. „Ich habe mir ein Haus in Ojai gebaut, das liegt im ländlichen Kalifornien“, erzählt der Jeanstyp darüber, wie die Songs der Band entstehen. „Wenn Ben Bridwell und ich zusammen Songs schreiben, dann sendet er mir von irgendeinem Hotelzimmer aus seine Texte. Und ich lasse mir dazu die Harmonien einfallen.“ Es ist ein heißer Tag Ende Juli, und es ist kein Zufall, dass seine Band in Europa weilt. Längst bereisen sie die großen Sommerfestivals, seien es Leeds in England oder Rock Sur Seine in Frankreich. Der Promotion-Einsatz nimmt in diesem Sommer 2012 einen gewichtigen Part ein. Denn MIRAGE ROCK erschien Ende September. Walden kann überall sein

Vor dem Erscheinen hat sich das Quintett auf die Politik geeinigt, an jedem Konzertabend je zwei der neuen Songs zu spielen. Zuviel vorweg nehmen will man schließlich nicht. Unter denjenigen, die trotz völliger Unbekanntheit bei den Fans am besten ankommen, ist ›Knock Knock‹. Der Song ist vorab veröffentlicht worden, und in der Kombination mit dem Video-Clip von Jared Eberhardt steckt soviel von der Band Of Horses, als sei es ein Pars Pro Toto. Wie auf eine Schnur aufgezogen prescht der Backbeat nach vorne, die „Woo woo“-Chöre ziehen Schleifen wie ein Surfer im pazifischen Ozean, und der Refrain ist von hymnischer Kraft. Ein klassischer Feelgood-Song einer Band, die weiß, was Großveranstaltungen brauchen; dabei aber dennoch nicht doof, sondern hinreißend in seinem wilden Dahinfließen. Das Ding ist jetzt: Die Band Of Horses liebt die Beach Boys und Jane´s Addiction ebenso sehr wie Otis Redding und Cee-Lo Green. Es grenzt daher an ein Wunder, dass MIRAGE ROCK so konsistent erscheint. In musikalischen Traditionen und Genres betrachtet, müsste es eigentlich zerfallen. Denn auf die große Eröffnung folgen Country-Rock-Balladen, Südstaaten-Rock-Songs und Folk-Rock-Geschichten in mittleren Tempi. Der erhöhte Pulsschlag, bedingt durch das Weltreisen, hat für MIRAGE ROCK ganz produktiv gewirkt.

Die gesamten Aufnahmen dauerten lediglich sechs Wochen, und sie standen unter prominenter Leitung. Mit Glyn Johns hat sich die Band Of Horses den Rolls Royce unter den Mixkonsolenmeistern des Rock angelacht: Heute 70, wirkte er entscheidend an den Kanon-Werken mit, als Toningenieur, als Mixer oder eben als verantwortlicher Produzent. Aus der langen Liste seiner Aufnahmen seien hier lediglich WHO´S NEXT von The Who und THEIR SATANIC MAJESTIES REQUEST von den Rolling Stones eingefügt. Dass Johns auf der ganzen Erde nur noch in zwei Studios arbeitet, sagt wohl ebenso viel über den Engländer aus. Mit der Band Of Horses ging er in die Sunset Studios in Los Angeles. Doors, Buffalo Springfield. Zwei Stichworte, und dazu ein begeisterter Kommentar von Interviewpartner Bill Reynolds: „Als wir das Studio betraten, da wurden wir Teile einer gut geölten Maschine. Ein cooler, alter Raum. Wenn man ein Album aufnimmt, da gibt es nichts Wichtigeres als Vertrauen. Die Studios und ihre Geräte gaben uns dieses Vertrauen sofort, und dazu Glyn mit all seiner Erfahrung.“
Achte auf die Reihenfolge

Soviel Vertrauen setzt Energien frei. Die Band Of Horses sah sich laut Reynolds ermutigt, auf´s Ganze zu gehen. Aus sechzig, siebzig Songs Grundmaterial wählten sie zügig jene elf aus, die nun unter MIRAGE ROCK firmieren. Und sie spielten sie mit Vergnügen ein: „Gut 90 Prozent der Aufnahmen haben wir live eingespielt, inklusive der Gesangsparts“, sagt Reynolds. Diese alleine wirken schon wie hundertmal aufeinander abgestimmt. Mit vierteiligen Stimmharmonien hat die Band Of Horses schon von Beginn an operiert. Vor allem in ihrer countryesken Form zählen sie zu den Charakteristika der Band. Doch nun erreichen sie eine neue Qualität: fein austariert klingen Keyboarder Ryan Monroe, Gitarrist Tyler Ramsey und Schlagzeuger Creighton Barrett, wenn sie Ben Bridwell ihre Unterstützung über Stimmbänder gewähren. Diese Harmonien können Erntemonde leuchten lassen oder geistige Einkehr signalisieren. In ›Dumpster World‹ entfalten sie die Welt des ländlichen Südens. „Ich singe von uns allen am Wenigsten“, sagt Reynolds, „doch ich freue mich darüber, wie sehr die anderen Stimmen miteinander harmonieren. So kam Glyn Johns auch auf die Idee, bei allen Chorgesängen den Fokus nicht auf den Sänger zu legen, sondern auf das Ensemble.“

Dass der Produzent nach all seinen Erfolgen noch lange nicht in die Musikverwaltung geglitten ist, beweist überhaupt das Klangbild. MIRAGE ROCK klingt klar wie eine gute Pop-Aufnahme, packt aber dennoch ganz viel Raum zwischen die Spuren. Es ist ein Wechselspiel von Im-Moment-Leben und Den-Moment-Überdauern, dass Johns so bewirkt hat. Reynolds weist außerdem noch auf einen Aspekt hin, der zu den Grundüberlegungen jedes Albums gehört und nur dann noch auffällt, wenn etwas schief gelaufen ist. „Bei all unseren Vorlieben hatten wir doch ein wenig Angst, dass MIRAGE ROCK auseinander Fallen könnte. Erst, als wir nach vielen Versuchen die endgültige Reihenfolge austariert hatten, war ich mir sicher: Das wird funktionieren.“

Bei so vielen Referenzen auf die Musikgeschichte, auf Southern Rock etwa und sogar ein wenig Boogie Woogie, klingt das Album immer nach den 2010er Jahren. Ein Ton der Verbindlichkeit beherrscht MIRAGE ROCK: Eine Haltung dringt durch, und sie sagt, dass der Rückzugsort überall sein kann, dass die großen Fragen nicht in einer Blockhütte am See gelöst werden müssen. Derart abgelegene Orte sucht Sänger Ben Bridwell zwar regelmäßig auf, gerade, um neue Songs zu schreiben. Der Song ›Shut-In-Tourist‹ handelt von Bridwells Erfahrungen. Wenn er sich wieder einmal in die Wildnis zurück zieht, dann kommt er sich manchmal vor wie ein Tourist, den man im Nirgendwo eingeschlossen hat und sehen muss, wie er nun mit der Situation zurecht kommt. Diese Anmutung einer nackten Existenz kann aber ebenso im Hotelzimmer auftauchen, jenem so typischen Ort der Weltgesellschaft der Business- und Privatreisen. Der große US-amerikanische Naturfotograf Ansel Adams vermochte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts einen Fels im Yosemite Nationalpark wirken zu lassen wie einen Fingerzeig des Übernatürlichen, schön und schlicht. Bridwell spielt Gitarre, singt und textet: Er liebt den Klang, die Sprache, und den Klang der Sprache. Und so kann er in der ersten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts den Namen eines Basketballspielers klingen lassen wie eine Feier der menschlichen Kommunikationsfähigkeiten. In einem seiner älteren Songs besingt er laut Titel ›Detlef Schrempf‹, den ersten Basketball-Spieler aus Deutschland, der es in der NBA zu etwas brachte. „Der Song handelt gar nicht von Schrempf“, sagt Reynolds. „Ben liebt einfach die Sprache, und so fiel ihm dieser merkwürdige deutsche Name auf. Wenn wir einen Song schreiben, dann warten wir bis Zuletzt, bis wir ihm einen Titel verpassen“. Laut Reynolds fühlte sich Schrempf dennoch geehrt. Es kam zu einem Treffen mit der Band, und er outete sich als Fan. Der Song ist übrigens ein Baden in tiefsinniger Melancholie, wie sie die Trennung von einer geliebten Person auslösen kann.

Das Amerika der alten Meister ist kein Fall für das Museum, das zeigt die Band Of Horses mit MIRAGE ROCK. Denn mit ihren Wanderungen durch die Geschichte macht die Band um Ben Bridwell deutlich, dass es darum geht, die Kulturgeschichte mit neuen Ideen zu interpretieren. Dann können so viele Dinge, die sonst vielleicht in die Hose gehen würden, zu einem großen Werk beitragen. Den einen, den entlegenen Rückzugsort haben sie zum mobilen, überall einsetzbaren Kit mutieren lassen. Sie zeigen, dass die Situation des einsamen Reisenden keine Ausnahme bedeutet, sondern zu den üblichen Modalitäten der modernen Welt gehört. Ihre Rücksichtnahmen auf die Musikgeschichte gehen auf in so mutigen Entscheidungen wie jener gegen die kleinteilige Post-Produktion und für die Live-Aufnahme. Das verleiht MIRAGE ROCK jene Kraft, die auch das Cover ausstrahlt: Eine wilde Küstenlandschaft, fotografiert in Big Sur, Kalifornien. Der Landstrich zählt zu den mythenumrankten Orten der frühen Hippies. Aber auch Feist ging für die Aufnahmen von METALS vor zwei Jahren dorthin. Und überhaupt, das würde jetzt zu weit führen.

 

Black Country Communion – Gefangen im goldenen Käfig einer Supergroup

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Renato NunesVor drei Jahren erst waren sie der große Paukenschlag der Rockwelt. Eine Supergroup aus Glenn Hughes, Joe Bonamassa, Jason Bonham und Derek Sherinian, die den englischen Rock der 1970er wieder auf die großen Bühnen dieser Welt bringt, sollte es werden. Nach ihren gefeierten Alben I und II haben die vier nun ihr neues Werk AFTERGLOW fertiggestellt.

Die Veröffentlichung eines neuen Albums ist in den meisten Fällen ein freudiger Anlass, bei dem es in einem Interview die üblichen Themen wie Songwriting, Albumproduktion und geplantes Touren zu besprechen gibt. Im Gespräch mit CLASSIC ROCK muss sich Glenn Hughes jedoch auch Unangenehmes vom enttäuschten Rockstar-Herzen reden
und lässt dabei wenig optimistische Töne anklingen.

Glenn Hughes, die Stimme des Rock, teilt sich seine Stelle bei Black Country Communion mit drei vielbeschäftigten Herren; allen voran Blues-Riese Joe Bonamassa, der seinen Termin-Kalender auch ohne BCC bis zum Bersten gefüllt hat. So war es allein an Hughes, Material für ein drittes Album zu schreiben, obwohl das Songwriting bei den früheren Werken I und II noch auf alle Bandmitglieder verteilt war. „Das hat sich jetzt geändert. Auf diesem Album sind es Hughes und Bonham. Warum das so ist? Weil die Band es so wollte. Sie wollten dass es Glenn Hughes‘ Musik ist. Sie haben mir mit dem Sound von Black Country vertraut. Das Black Country (Ballungsgebiet im Norden und Westen Birminghams; Anm.d.A.) hat einen ganz eigenen Sound, der von Robert Plant, John Bonham, Tony Iommi, Ozzy, Geezer, Rob Halford, Stevie Winwood und auch mir geprägt wurde. Falls ich morgen gehen müsste – keine Sorge, ich sterbe nicht und ich bin auch nicht krank – wäre AFTERGLOW der perfekte Schlussakkord. Wenn AFTERGLOW 1987 geschrieben worden wäre, hätten wir es wohl 15.000.000 Mal verkauft, denn es ist ein starkes Album.“

Die Band, die auf Hughes‘ Initiative gegründet wurde, entwickelte sich Jahr für Jahr immer mehr zu seiner ganz eigenen Sache. „Du kannst jeden aus der Band fragen und sie würden sagen, dass BCC meine Band ist. Ganz einfach weil ich drei Jahre lang 365 Tage mein Leben dieser Band gewidmet habe. Ich habe meine Solokarriere auf Eis gelegt und Joe wollte mich als Fahnenträger der Band“, so Hughes über die Bedeutung von BCC. Entsprechend intensiv ist auch seine Beziehung zu AFTERGLOW. „Ich liebe das Album, denn es ist dramatisch, gefühlvoll und ich glaube, ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Mein Freund Joe Elliott von Def Leppard hat es schon gehört und er meinte, es klingt als ginge es dabei um Leben und Tod für mich. Ich glaube, dieses Album klingt sehr verzweifelt; nicht aus finanziellen Gründen! Es ist voll von Angst, Aggression und Gefühlen“, schwärmt Hughes über sein ganz eigenes Black Country-Baby.

Grund zur Verzweiflung hatte Hughes genug. Während er sich vollkommen dem neuen Album gewidmet hat und dies noch immer tut, hat Bonamassa kaum Zeit für BCC, das für ihn mehr eine Art Nebenprojekt zu sein scheint. „AFTERGLOW zeigt, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Es ist düster und aggressiv. Diese Stimmung ist auch das Resultat der Ereignisse in BCC. Das geht wirklich schon eine ganze Weile.“

Ob dieser schwerlichen Bedingungen musste AFTERGLOW in nur fünf Tagen gemeinsam mit dem inoffiziellen fünften Bandmitglied und Produzenten Kevin Shirley eingespielt werden. Anders als manche Bands, die in solch überhasteten Studioarbeiten ein erstrebenswertes Ziel sehen, war der Zeitdruck bei BCC unfreiwillig. „Ich muss ganz ehrlich sein. Ich werde hier nicht behaupten, dass es cool ist, ein Album in so kurzer Zeit aufzunehmen. Das ist es nämlich nicht. Es ist verfickt schwierig. Das Studio ist 100 Kilometer von meinem Haus entfernt und ich wollte jeden Tag nach Hause zu meiner Frau und meinen Hunden. Ich musste also immer durch den Verkehr hin und her fahren. Dazu mussten wir jeden Tag mindestens zwei Lieder aufnehmen und die Jungs hatten nicht einen einzigen Song gehört, bevor sie ins Studio kamen. Sie konnten gar nicht vorbereitet sein, weil ich das Album weitestgehend alleine geschrieben hatte. Wir saßen also im Regieraum mit unseren Akustikgitarren und ich spielte ihnen einen Song vor. Sie übten ihn und dann gingen wir in den Aufnahmeraum. So lief das Lied für Lied. Es war so stressig, dass ich nicht einmal Zeit hatte, um pinkeln zu gehen“, macht sich Hughes Luft. Um ein qualitativ hochwertiges Album, wie AFTERGLOW es ist, in so kurzer Zeit fertig zu stellen, bedarf es der ganz besonderen Arbeitsweise von Kevin Shirley. „Es ist kompliziert mit ihm zu arbeiten. Er steht mit der Band im Aufnahmeraum ohne Kopfhörer. Er hört nichts außer dem Schlagzeug und dirigiert uns. Das dauerte eine Weile, bis ich verstand, wie er das macht. Er ist sehr talentiert und zugleich eine sehr merkwürdige Person. Ohne ihn hätten wir es nie in fünf Tagen geschafft.“

Glenn Hughes ist anzumerken, wie viel Herzblut er in AFTERGLOW gesteckt hat und so bricht es nun vollends aus ihm heraus: „Es ist sehr traurig. Ich will das den Lesern von CLASSIC ROCK klar machen. Ich bin der Leader der Band, weil Joe es so wollte. Er ist ein sehr erfolgreich tourender Solokünstler und ich wünsche ihm ein langes erfolgreiches und glückliches Leben. Aber Joe gehört einfach dem Blues. Er hat mit einer Rockband geflirtet. Jetzt war er mit uns für eine kurze Zeit ein Rockstar, aber ich glaube, er fühlt sich als Blueser wohler. Ich will damit höflich sagen, dass ich Platten mit Leuten machen will, die bereit sind, einhundert Prozent ihrer Zeit zu diese Sache geben. ‚Wenn du das nicht kannst, dann muss ich mir etwas anderes suchen.‘ Ich kann ja niemanden dazu zwingen. Ich denke mir nur: ‚Komm schon, jetzt zeige doch bitte ein wenig Liebe für Black Country Communion!‘ Joe kann das nur auf den Alben. Ob es jemals eine Tour mit der Band geben wird? Ich weiß es nicht! Wäre das meine Entscheidung, wäre die Antwort zu einhundert Prozent: Ja!“

So spricht Hughes das wohl brisanteste Thema an, das über ein Fortbestehen von Black Country Communion entscheiden dürfte. Für das Bühnenmonster Hughes zählt in erster Linie, seine Lieder live zu spielen. Nur wenige Tage nach dem Interview wurde auch noch das einzige bislang einberaumte Konzert, das im Januar 2013 in Wolverhampton hätte stattfinden sollen, abgesagt. Angesichts dieser Neuigkeiten kommt Glenns Standpunkt beinahe einer offiziellen Auflösung der Band gleich: „Sollte BCC jemals auseinanderbrechen, wird das aus einem einzigen Grund passieren: Wenn wir nicht live spielen“, um seinen Standpunkt zu stärken, klatscht er zu jeder Silbe in die Hände.

Hughes ist sichtlich bemüht, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und nicht schuld an Missverständlichkeiten zu sein und versucht klarzustellen, dass es ihm nicht um Hetzerei geht. „Wie wäre es, wenn ich hier Lügen erzählen würde? Ich will nicht als Lügner vor den Fans stehen. Deshalb sage ich, dass ich auf Veränderungen hoffe. Das ist alles“, erklärt er diplomatisch.

Sollten die nötigen Veränderungen aber nicht eintreten ist für Hughes klar, dass es kein Black Country Communion ohne Joe Bonamassa geben wird. Ganz zum Überraschen von Hughes hat ausgerechnet dieser selbst, der zur Zeit sein Studioalbum DRIVING TOWARDS THE DAYLIGHT und die Live-CD/DVD BEACON THEATRE: LIVE FROM NEW YORK promotet, sowie eine ausgiebige Frühjahres-Tournee angekündigt hat, diese Möglichkeit ins Spiel gebracht. Im Internet hatte er öffentlich vorgeschlagen, einen Ersatz für ihn zu suchen, ohne davor persönlich mit seinem Bandleader darüber gesprochen zu haben. „Das hat mich wirklich entsetzt. Ich schrieb ihm eine Mail. Ich meinte: ‚Joe, ich habe nie daran gedacht, dich zu ersetzen. Ich habe nie daran gezweifelt, dass du in der Band sein willst. Ich habe eine Band mit dir gegründet und ich dachte, es wäre eine Band aus Brüdern‘“, klagt Hughes. Dass es ihm bei all den Querelen nicht ausschließlich um das Fortbestehen seiner Band, sondern auch um die Gesundheit und die Karriere seines „Bruders“ Joe geht, will Hughes geklärt wissen: „Heute Morgen erst habe ich Joe persönlich gewarnt: ‚Du wirst ausbrennen!‘ Jeder sagt ihm das gleiche, aber er und sein Manager Roy werden alles machen, was sie wollen, weil sie glauben, alles zu wissen. Ich sage da nichts Böses, aber ich will auch nichts beschönigen!“

Hughes ist, das Schicksal von Black Country aber auch sein eigenes betreffend, klarer Realist. Und so sieht er einer unangenehmen Wahrheit ins Auge. „Ich werde immer älter. Ja, es geht mir gut und ich sehe auch noch gut aus. Ich bin eine Rock‘n‘Roll-Sau und all das, aber der Punkt ist doch, dass ich keine 25 Jahre mehr habe so wie Joe. Ich habe auch andere Dinge zu tun. Ich habe Pläne“, verkündet er beinahe trotzig. Seit mehreren Monaten bereitet Glenn ein neues Projekt vor, das laut ihm 2013 zu einem aufregenden Jahr für den Rock werden lasse. Details möchte er jedoch noch nicht verraten. „Bis Weihnachten kann ich bekannt geben, mit wem ich zusammen arbeiten werde. Ich kann euch sagen, dass ihr diese Leute kennt. Das sind sehr berühmte Musiker und Grammy-Gewinner, die Millionen von Platten verkauft haben. Natürlich wird es eine Rock‘n‘Roll-Band sein“, orakelt er geheimnistierisch.

Eigentlich wäre mit dem optimistischen Blick auf eine Alternativ-Zukunft abseits von Black Country Communion ein guter Schlusspunkt für ein aufgewühltes Gespräch gefunden, aber Hughes, der sich zwischen Wut, Enttäuschung und Hoffnung zu befinden scheint, möchte auf Nummer sicher gehen: „Ich weiß auch nicht. Ich will doch, dass das weiter geht. Aber ich glaube man sieht und hört mir an, dass die Dinge verkehrt laufen. Ich stehe immer in der Schusslinie. Besonders im Internet bin ich der Böse, der angeblich gesagt hätte, es sei vorbei. Das habe ich nie getan. Unsere Fans sind keine Trottel. Jeder zur Hölle weiß, warum wir nicht spielen. Ein für allemal: Glenn hat nicht die Band ruiniert! Glenn hat alles dafür getan, um die Band zusammenzuhalten! Aber ich kann eben nicht in einer Band sein, die keine fucking Band ist!

 

 

Beth Hart – O’ zapft is

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SBX_CD_Tray.inddEs ist ein wunderschöner Sommermorgen in der Münchner Innenstadt und Beth Hart, die sich ihren zahlreichen Dämonen stets mit äußerster Ehrlichkeit gestellt hat, reflektiert fröhlich darüber, wie sie eine schwere Schreibblockade überkam. „Ich musste eine neue, andere Quelle als den Schmerz anzapfen.“ Dabei hat sie eine reine Goldader freigelegt.

Die 40-jährige Kalifornierin gehört zweifellos zu den ganz großen Stimmen ihrer Generation: Ihr rauchiges Erdbeben-Timbre verpackt in einer einzigen Strophe ganze Ozeane tief gelittener Emotionen, und wenn sie die geballte Macht ihres Lungenvolumens entfesselt, kann jedes Nebelhorn einpacken. Doch ausgerechnet diese große Stimme hatte nichts mehr zu sagen. Zwar folgte ihrem letzten Solowerk MY CALIFORNIA von 2010 die überaus erfolgreiche Coversplatte DON‘T EXPLAIN mit Joe Bonamassa im Jahr darauf, doch als Beth ihr nächstes Album in Angriff nehmen wollte, war ihr kreativer Fluss versiegt. „MY CALIFORNIA war eine sehr düstere Platte und ich hatte das Gefühl, am Ende meines Songwritings angekommen zu sein“, denkt sie zurück. „Ich verstand erst nicht warum, aber dann wurde mir klar, dass ich all die Jahre immer aus demselben Blickwinkel geschrieben hatte. Ich musste mich herausfordern und wieder aus Leidenschaft schreiben, nicht weil es getan werden musste.“

Wie das geht, lernte sie unter anderem bei der Zusammenarbeit mit Jeff Beck. „Er ist schon so unglaublich lange dabei, aber hat die Energie eines Teenagers. Sein Geheimnis: Wann immer es zu bequem wird, muss er was völlig anderes in Angriff nehmen, um nicht selbstgefällig zu werden. Und dann las ich ein Interview mit Leonard Bernstein in der L.A. Times, in dem er sagte, dass man diesen Moment der Angst vor dem Neuen auskosten sollte, denn genau damit zeigst du, was für ein Künstler du bist. Das war der finale Auslöser für mich.“

Nur wie sie es angehen sollte, das wusste sie immer noch nicht – bis sie mit Joe Bonamassa arbeitete. „Durch dieses Projekt hörte ich wieder all die Soulklassiker und noch ältere Hits. Also genau die Musik, die ich als Kind liebte, Dinah Washington und so. Das inspirierte mich ungeheuer, ich hatte plötzlich all diese Musik in meinem Kopf, nur keine Ahnung, wie man sie spielt! Das musste ich wieder wie von vorn lernen und das war sehr anstrengend, aber auch wahnsinnig aufregend. Ich hatte so lange gedacht, dass ich total am Boden sein musste, um zu schreiben. Aber jetzt wurde mir klar, dass die Musik mir die Richtung vorgeben musste, und diese Musik erinnerte mich an eine glückliche Zeit. Daraus meine Inspiration zu ziehen, war eine neue, großartige Erfahrung.“

Das Resultat nennt sich BANG BANG BOOM BOOM und klingt wie keine Beth Hart-Platte zuvor. Klar gibt es sie noch, die introspektiven Blues-Reibeisen mit dem randvollen Whisky-Tank. Doch sie werden flankiert von fiebrigem Rock‘n‘Roll, elegantem Jazz, einer grandiosen Swing-Nummer wie direkt aus einem Hollywood-Musical der 40er und der gigantisch euphorischen Gospel-Rockhymne ›Spirit Of God‹. So enthusiastisch sie den Herrn darin auch lobpreist – unter die hysterisch geifernden Bibelklopfer der amerikanischen Christenfundis ist sie nicht gegangen. „Ich verstehe es absolut, wenn man Religion nicht als eine Macht des Guten in der Welt ansieht. Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, Nichtgläubige kommen in die Hölle, da stehe ich drüber. Aber ich habe schon immer mit Gott geredet und tue das noch immer. Das ist, als würde ich mit meinem besten Kumpel reden, der mir Rückendeckung gibt. Ich habe aber auch früh gelernt, dass Glaube nichts mit ernster Unterwürfigkeit zu tun haben muss. Als Mädchen war ich mal im Country Club und versteckte mich vor meinem Bruder. Da landete ich in einem Raum, wo eine schwarze Gemeinde einen Gottesdienst abhielt – und die haben eine Party gefeiert, die mich echt beeindruckt hat.“ Wie Beth an ihrem 40. im Januar. „Ich war eigentlich total gestresst von dem Gedanken, 40 zu werden, und wollte erst nichts davon wissen. Aber dann wurde mir klar, was für verdammtes Glück ich habe, überhaupt so weit gekommen zu sein. Nicht jeder schafft das, und ich bin so dankbar dafür.“ Die neue Quelle, sie sprudelt mit Überschwang, und hoffentlich noch sehr, sehr lange.

 

Danko Jones – Hansdampf in allen Gassen

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_Favourit_DankoJones_PhotoCredit_CalleStoltz_02smDanko Jones zeigt sich einmal mehr als Mann mit vielen Talenten. Dazu macht seine Band gleich drei neue Angebote, denen ihre Fans kaum widerstehen können: ein frisches Album, eine brandneue DVD und ein aktuelles Buch.

Als Professor in Schlips und Kragen dozierte Danko Jones kürzlich in Wacken über Kiss. Laut seiner „wissenschaftlichen These“ sei Peter Criss bereits 1978 gestorben, sein Tod würde von den anderen Mitgliedern vertuscht. Zum „Beweis“ zog er Plattencover, Credits, Texte und Videos heran, die sein Forschungsergebnis untermauern sollen. Besonders Kiss-Kenner kamen während der Vorlesung auf ihre Kosten, ist Danko doch Kiss-Fan seit seiner Kindheit. „Man kann zu dieser Band stehen wie man will, aber eins steht fest, eine Band, die vierzig Jahre existiert, bietet eine Menge Stoff für Geschichten“, begründet er die Wahl des Themas seiner neuen Spoken Word Performance, mit der er auch auf Tour gehen wird.

Man kennt Danko Jones als testosterongetriebenen Frontmann des nach ihm benannten Trios, doch der Kanadier hat noch weitere Talente. So schreibt er Kolumnen für Zeitschriften, macht Podcasts, dazu hat er eine Radioshow. Nachdem er in den kargen Anfangsjahren als Musiker in einem Porno-Shop gearbeitet hatte, ist er profunder Kenner der Porno-Szene. Nicht umsonst zierte die höchst angesagte Sex-Aktrice Riley Steele das Cover des vorletzten Albums BELOW THE BELT. Quasi auf Knopfdruck kann Danko ganze Listen alter und neuer Porno-Heldinnen runterrattern, von Klassikern wie Ginger Lynn und Barbara Dare bis zu aktuellen Stars wie Tori Black und Taylor Rayne. Lustigerweise wird der Porno-Fan oft mit einem Rock´n´Roll-Prediger verglichen. „Deshalb haben wir einen Gospelsong auf dem neuen Album“, lacht er. Die Rede ist von ›I Believed In God‹ vom neuen Dreher ROCK´N´ROLL IS BLACK AND BLUE. Hier singt Danko wie ein fanatischer Sektenprediger, ein Holy Roller, unterstützt von einem Chor aus Gospelsängerinnen. Allerdings sagt schon die Vergangenheitsform im Titel, dass der Vokalist mit dem christlichen Glauben heute nichts mehr am Hut hat.

Das sechste Album sei als Fortsetzung von BELOW THE BELT geplant gewesen. „Du hast einen Plan, aber dann passieren Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Auf alle Fälle ist es eine Platte, die unsere Band repräsentiert, sie passt in unsere Diskografie.“ Die neue Scheibe ist ein gesunder Mix aus Partysongs, Rockhymnen und einigen Nummern mit leichtem Indie-Rock-Touch. ›Legs‹, zum Beispiel, erinnert an Joan Jett, „das ist ein großes Kompliment“, findet mein Gegenüber. ›Always Away‹ nähert sich Angus Young und AC/DC an. „Ich wollte ein massives Intro wie ›Thunderstruck‹ schreiben. Das Album wurde übrigens von dem Typen gemixt, der als Toningenieur für ›Thunderstruck‹ arbeitete.“ (Anm.: Mike Fraser). Öffner ›Terrified‹ brilliert mit vorwärts marschierenden Riffs und einem Hauch von Alternative Rock. Die Platte ist zudem das erste Werk mit ihrem neuen Schlagzeuger Atom Willard, ein erfahrener Mann, der zuvor bei namhaften Kapellen wie Rocket From The Crypt, Offspring und Social Distortion die Fell gerbte. Willard passt perfekt zu Danko Jones, denn er trommelt so frenetisch und überfallartig wie ihr früherer Kanonier Damon Richardson. „Atom ist Fan von Damon, er verfügt dazu über mehr Technik“, erläutert Jones. Inzwischen hat das Toronto-Trio fast so viele Drummer verschlissen wie Spinal Tap. Wie muss ein Trommler beschaffen sein, um in die Band zu passen? „Das Wichtigste ist, dass er unterwegs mit uns gut auskommt. Es ist wichtiger, dass wir auf Tour gut zusammen abhängen können, als dass er jeden Abend sämtliche Beats perfekt trifft“, antwortet Danko.

Vielleicht ist es für den Dritten im Bunde deshalb so schwer, weil Frontmann Jones und Basser/Manager John „JC“ Calabrese so eine verschworene Gemeinschaft sind. „JC und ich waren vom ersten Tag dabei und wer immer versucht, sich zwischen uns zu stellen, kommt nicht sehr weit“, weiß Danko. Von den Anfängen des „dynamischen Duos“ vor 16 Jahren berichtet die neue DVD BRING ON THE MOUNTAIN, die neben sämtlichen Musikvideos des Trios auch eine ausführliche Dokumentation enthält. Sie zeigt die bescheidenen Anfänge von JC und DJ, die anfangs vor allem in der Indie-Szene Torontos unterwegs waren. Schon damals zeigte sich die Neigung von Danko, auf der Bühne das Großmaul zu geben. Dazu hatte er das Talent, höchst süffige Riffs zu schreiben. Nachdem die Upstarts bei diversen Indie-Rock-Labels abgeblitzt waren, beschlossen sie, in Richtung Hard Rock a la Kiss und Thin Lizzy zu gehen. Das schwedische Garagenrock-Label Bad Taste nahm sie schlussendlich unter Vertrag, bis heute halten die Kanadier der skandinavischen Plattenfirma die Treue.

Ein offensichtliches Merkmal der Person Danko Jones ist die Diskrepanz zwischen seiner Rolle im Scheinwerferlicht und seinem Verhalten abseits der Bühne. Gibt er im Konzert stets den Sex-Protz und Macho-Lautsprecher, erscheint er privat zurückhaltend, fast scheu. Häufig versteckt er sich in einem Hoodie, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er redet leise und wählt seine Worte genau. Wie passen Bühnenrollen a la Mango Kid, Dr. Evening, Brown Panther, Samuel Sin zu diesem mäuschenhaften Verhalten in der Garderobe? „Leute, die mich gut kennen, sagen, dass ich auf der Bühne ich selbst bin, allerdings mit zehn multipliziert“, grinst der vielschichtige Rocker.

Zusätzlich zum neuen Album und der DVD erscheint in diesen Tagen auch das Buch „Too Much Trouble: A Very Oral History of Danko Jones“. Im Wesentlichen kommen Weggefährten zu Wort, Charaktere wie Lemmy, Schauspieler Elijah Wood, Peaches, Dizzy Reed (Guns N´ Roses), Jello Biafra und Mike Watt (u.a. Stooges). „Über siebzig Personen wurden für das Buch interviewt. Geschrieben hat es Stuart Berman, ein erfahrener Musikjournalist, der bestens vernetzt ist. So hat er Kontakte zu unseren früheren Mitgliedern. Ihre Aussagen wurden nicht zensiert, sie konnten frei sprechen und haben das auch ausführlich getan“, macht Danko den potentiellen Leser neugierig. „Es kam aber an den Punkt, an dem ich Stuart sagte: ,Hey, ich muss darauf antworten! Sie können sagen, was sie wollen, aber ich muss mich wehren dürfen.‘ So gab ich ihm fünf Verteidigungen, er nahm drei – es ist schließlich sein Buch.“

Typisch für Entschlossenheit und Wahn des Rockers Danko Jones ist folgende Geschichte, die auf der DVD erzählt wird. Lange Jahre schlug er sich im Konzert während des finalen Songs ›Bring On The Mountain‹ als Geste mannhafter Bestärkung ins Gesicht. Dazu sagte er: „This heart gets stronger / this skin gets thicker / this mouth gets louder“. Dabei klatschte er sich mit der linken Hand auf die linke Wange. Diese Rock´n´Roll-Geiselung machte er so viele Nächte bis er fast blind wurde, da sich seine Netzhaut gelöst hatte. „Es begann mit drei Schlägen, später wurden es neun Schläge pro Abend. Das hatte Konsequenzen. Mein Auge wurde rot. Ich musste ins Krankenhaus. Jetzt bin ich auf dem einen Auge kurzsichtig und auf dem anderen Auge weitsichtig. Seither trage ich Brille.“

 

Kiss – Die Monster-AG

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KISS 2012_2 - PC Brian Lowe -  copyright KISS Catalog LtdDas Unternehmen Kiss erweitert in diesen Wochen sein Sortiment und stellt das neue Produkt mit gehörig Trubel in Form einer Live-Show im legendären Londoner HMV Forum vor. An diesem Abend soll zum ersten Mal die neue Single
›Hell Or Hallelujah‹ auf der Setlist stehen. Das Album namens MONSTER ist das nunmehr 20. Studiofabrikat der New Yorker Schminkungeheuer. Der dämonische Vorstandsvorsitzende Gene Simmons und Leiter der Rhythmus-Abteilung Eric Singer haben zu diesem Anlass CLASSIC ROCK vor dem Konzert zum Interview geladen, um über eine neugeborene Band, schlacht-feldartige Bühnen und die fehlende Monarchie in den USA zu sprechen und definieren dabei den Begriff der Megalomanie aufs Neue.

Geschäftsmännisch sitzt Kiss-CEO Simmons mit Schmollmund und verschränkten Armen am Kopf des Tisches; seine Augen hinter dunklen Gläsern versteckt. Zu seiner Linken sitzt – als wäre er Genes Anwalt – Trommelkatze Eric Singer. Auch ungeschminkt versprühen die beiden ein gehöriges Maß an Autorität. Auf dem Tisch liegt ein Exemplar des streng limitierten, 90 x 76 cm großen „Kiss Monster Book“, das mit dem stolzen Preis von 4250 $ wohl eher etwas für die wohlhabenden Premium-Kunden der Kiss-Company gedacht ist (das Porto ist übrigens bereits im Preis inbegriffen).

Da Zeit nunmal Geld oder im Fall dieses Interviews wertvoll ist, dürfte die Unterhaltung mit den beiden gerne beginnen. Jedoch sollte man diese Rechnung nicht ohne Gene machen: „Ist das nicht der Wahnsinn?“ Er deutet stolz auf das aufgeschlagene „Monstrum“. „Da sind fantastische Bilder drin. Versuch mal, es hochzuheben! Na los!“ Der Anweisung ist umgehend Folge zu leisten. Erst als er den vermutlich dritten Musikjournalisten an diesem Tag am Gewicht des Buches scheitern sieht, kann es losgehen und über den Stil des neuen Albums gesprochen werden. Allerdings lässt sich ein Gene Simmons nicht so einfach befragen. Lieber ist es ihm, die Situation zu beherrschen, die Frage zum erdigen Rock-Sound von MONSTER zunächst mit einer Gegenfrage zu kontern und schließlich an seinen Schlagzeuger Eric Singer weiterzureichen. „Ich mag keine schnelle Musik. Sie muss gewichtig und kraftvoll sein und richtig stampfen. Das ist mehr mein Stil; sowohl als Fan als auch als Drummer,“ nimmt Singer Stellung. Simmons bleibt indes in der Position des Aufsichtsrates.

Wie erging es wohl dem Schlagzeuger, der nach vereinzelten Einsätzen erst seit 2004 endgültig zur Band gehört und bei den Aufnahmen unter der Beobachtung von Simmons und Chief of Development Paul Stanley stand. Es drängt sich die Vorstellung geradezu auf, wie Simmons und Stanley jeden einzelnen Schlag kontrollieren wollten und somit Singer keinen kreativen Spielraum ließen. „Oh nein! Paul war zwar der Produzent, aber jeder konnte zu jeder Zeit seine Gedanken und Ideen einbringen. Wenn Gene zum Beispiel ein Riff hatte, spielte ich in der Regel ganz instinktiv und spontan meine Grooves dazu. Oft habe ich das ganz anders verstanden, als es von Gene gedacht war. So ist es eben in einem Bandformat. Auch wenn es Genes Riff war, konnten wir anderen noch etwas hinzufügen und so wächst die Idee eines einzelnen zu einem Song von allen Beteiligten heran. In nur ganz vereinzelten Fällen hatte Paul seine Standpunkte, die er durchsetzen musste. Mal habe ich beispielsweise vorgeschlagen, einen Half-Time-Part oder etwas in der Art einzubauen, den er aber an dieser Stelle einfach nicht hörte. Also richteten wir uns dann nach Paul. Grundsätzlich gab es bei diesem Album keine festen Regeln und genau darum geht es ja auch im Rock‘n‘Roll“, erklärt Eric dermaßen zufrieden, dass es beinahe nach dem perfekt harmonischen Teamwork klingt. „Natürlich, das war es auch“, schießt es aus Eric heraus.

„Oh ja, von Anfang bis Ende“, bestätigt Gene, der sich nun auch am Geschehen beteiligen will: „Wenn du in ein Klamottengeschäft gehst, passiert es selten genug, dass du dort das perfekte Stück findest. Du ziehst es an und es steht dir ausgezeichnet. Aber es passt nicht. Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Du musst es dann trotzdem nehmen, eintragen und zu deinem eigenen Stück machen. Genauso ist das bei Songs: Ein Lied muss reifen. Es ist auch ein wenig wie beim Kochen. Auch wenn alle Zutaten bereit liegen, du diese aber nicht richtig dosierst und kombinierst, wird es scheiße schmecken“, so der Demon. „Genau“, wird Singer jetzt noch genauer. „Kiss ist wie ein Steak. Ein Steak ist ein Steak und wird auch ein Steak bleiben. Wie gut es dann am Ende schmeckt, hängt davon ab, wie lange du es brätst und welche Gewürze du dazu gibst. An der Hauptzutat – in unserem Fall Kiss – wird sich nichts ändern. Wir haben dieses gemeinsame Fundament, das seit Anbeginn der Band festgelegt ist. Gene und Paul waren immer die Chef-Songwriter und Sänger bei Kiss. Daran wird sich nie etwas ändern. Ich glaube, jeder in der Band musste sich dessen bewusst sein und sich respektvoll gegenüber dieser Tatsache verhalten, schließlich machten wir eine Kiss-Platte! Das ist das wichtigste, was bei den Arbeiten am Album bedacht werden musste, besonders von Tommy und mir, denn wir waren ja nicht vom ersten Tag an dabei. Und wir sind uns durchaus im Klaren über die Geschichte der Band.“

Nachdem bei Kiss die Stellen des Gitarristen und Schlagzeugers immer wieder ausgetauscht werden mussten und die beiden Gründungsmitglieder Ace Frehley und Peter Criss sich während der Reunion-Phase von 1996 bis 2001 nicht gerade als zuverlässige Angestellte erwiesen hatten, scheint die Band heute ihr endgültiges Personal gefunden zu haben. „Absolut! Ohne Scheiß, ohne Schaumschlägerei: Kiss ist neu geboren. Wir haben mehr Kraft und Energie als früher. Die ursprüngliche Band konnte die Musik von damals schreiben und spielen, aber in dieser Besetzung konnten wir nicht das tun, was wir heute machen. Es macht mich stolz, dass wir noch immer die wahren Kiss sind, es aber nicht wie ›Strutter Part II‹ klingt. Früher – besonders in den Achtzigern – hatten wir große Probleme, die Songs so live zu spielen, wie wir sie im Studio aufgenommen hatten. Wir standen oft vor der Frage, wie wir mit zwei Gitarren die sechs Spuren der Studioversion auf die Bühne bringen sollten. Ich verspreche, wenn wir heute Abend ›Hell Or High Water‹ uraufführen, werden wir es exakt so spielen, wie es auf dem Album zu hören ist. Oh Moment, es heißt ja ›Hell Or Hallelujah‹. ›Hell Or High Water‹ hatten wir auch. Auf welchem Album war das doch gleich? Ich glaube, das war in den Achtzigern“, grummelt Simmons leichtmütig vor sich her.

„Wir haben die letzten beiden Alben weitestgehend live eingespielt. Wir gingen gemeinsam in den Aufnahmeraum und verzichteten dabei auch auf Klick-Tracks. Viele Musiker können das nicht, weil sie es nicht gewohnt sind. Viele Drummer spielen zu einem Metronom, als würden sie daran kleben. In dem Moment, in dem du das Gerät ausschaltest, sind sie verloren, weil sie nicht über diese innere Uhr verfügen. Gene, das ist wirklich seltsam“, so Eric. „Ich weiß. Ich war in Bands, in denen das so war“, meint Simmons die Augen verdrehend.

Dass es musikalisch so gut funktioniert, scheint ein weiterer Beweis für die gute Chemie zwischen Gene Simmons, Paul Stanley, Tommy Thayer und Eric Singer zu sein. „Ich glaube, es braucht mehr in einer Band als nur die richtige Chemie. Du musst den nötigen Fleiß und das Können dazu mitbringen, um das umzusetzen, was in deinem Kopf entsteht. Man muss Zeit und Anstrengung in diese Sache stecken. Es dauert 10.000 Stunden, bevor du gut wirst. Und dann muss das, was du da spielst, deiner DNA entspringen. Es muss echt klingen. Weißt du, es gibt gute Justin Bieber-Songs (Ähm, ach wirklich? Anm. d. Red.). Würden wir versuchen, diese zu spielen, würde es klingen wie ein Witz, denn wir würden es nicht mit Überzeugung tun. Und genauso wäre es andersrum“, erklärt Simmons.

Am Abend des Interviews haben Kiss noch einiges vor. 2.500 glückliche Kiss-Army-Anhänger dürfen in den Genuss einer Show der New Yorker kommen und dabei erstmals die neue Single hören. Für die Band sind derartige Premieren selbstredend kein Grund für Lampenfieber. „Wenn wir heute ›Hell Or Hallelujah‹ spielen, sind wir nicht nervös“, diesmal nennt Gene das Kind beim richtigen Namen. „Ein Boxer, der gut trainiert hat und jeden Tag um fünf Uhr morgens aufgestanden ist, um laufen zu gehen, kann es nicht erwarten, in den Ring zu steigen. Wenn du nicht vorbereitet bist, bist du nervös. Wir sind selbstbewusst“, erklärt Gene.

Auch wenn die Rückkehr von Kiss mit ihrem MONSTER am diesem Abend im Vordergrund steht, geht es bei der Veranstaltung auch um wohltätige Zwecke. Die Einnahmen der Show gehen an die britische Stiftung HELP FOR HEROES, die sich heimkehrenden Soldaten widmet. „Es geht nicht nur um britische Truppen, auch um deutsche, amerikanische und andere Soldaten, die freiwillig ihr Leben riskieren. Es geht um deinen Nachbarn,Väter, Söhne und Töchter, die das ultimative Opfer bringen. Einige kommen nicht mehr zurück. Und wenn doch, sind sie oft verletzt ob nun körperlich oder seelisch. Wenn sie in den Krieg geschickt werden, werden sie betreut und mit dem besten Equipment ausgerüstet. Zuhause sind sie von einem Tag auf den anderen Zivilisten und auf sich allein gestellt. Das geringste ist es, ihnen Jobs zu geben und ihnen zu helfen wieder in die Gesellschaft zurückzufinden. Mein Gott, es sollten Paraden für diese Leute abgehalten werden! Wir wurden nie darum gebeten, unsere Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn wir einen guten Job machen, dann bekommen wir auch unsere Auszeichnungen und Preise“, ergreift Simmons Position für die Veteranen. „Ich riskiere schon auch manchmal mein Leben bei Kiss! Ich muss vorsichtig sein. Manchmal ist es echt gefährlich. Ich wurde schon verbrannt. Ich wurde mal von einer Pyro im Gesicht getroffen. Nur wegen des Make-Ups wurde ich nicht verletzt. Aber bitte startet jetzt keine Stiftung für mich! Ich möchte nur sagen, dass die Bühne von Zeit zu Zeit einer Art Schlachtfeld geichkommt. Ich möchte die Problematik nicht herunterspielen. Diese Menschen verteidigen unsere Freiheiten, die wir oft für selbstverständlich ansehen“, witzelt Singer, wird aber schnell wieder ernst.

Dass es Simmons nicht nur um die Menschen hinter dem Weltgeschehen geht, wird nun deutlich, denn jetzt wird es richtig politisch. Gene, der sich seit Monaten im US-Präsidentschaftswahlkampf für den republikanischen Kandidaten Romney stark macht, vertritt die Meinung, Länder sollten von Geschäftsmännern gelenkt werden. Da liegt die Vermutung nahe, dass sich Gene Simmons – der idealtypische Businessman – irgendwann einmal selbst zur Wahl des Governeursposten stellen wird. „Gouverneur? König wäre der angemessene Titel für mich“, antwortet ein empörter Simmons. Eric kann das nur bestätigen: „Leider haben wir in den Staaten keine Monarchie. Gene könnte diese Rolle einwandfrei übernehmen.“ Jetzt setzt Gene zu seiner ganz eigenen politischen Theorie an. „Im Ernst, die Leute vergessen, dass Länder wie Unternehmen sind. Du hast Importe und Exporte. Und deine Exporte sollten höher als deine Importe sein. Unsere Welt ist in so beschissener wirtschaftlicher Verfassung, weil die Länder nicht wie Unternehmen geführt werden. Ich finde auch, dass Politiker nicht bezahlt werden sollten. Ich würde den Job machen. Ernennt mich!“ Herr Simmons, der seinen Posten als Kiss-Oberhaupt selbstlos aufgeben würde, um Souverän der United States of Gene zu werden, hätte auch schon ganz konkrete Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Welt; extrem und konkret (Jetzt kommt die Stelle, an der man sich als Interviewer an seinem Stuhl festhalten muss. Anm. d. Red.). „Wenn ich König wäre, würde ich das Drogenproblem ganz einfach aus der Welt schaffen: Ich würde die Army über die Grenze nach Mexiko schicken und ganze Städte auslöschen lassen. Entweder wir ziehen in den Krieg oder das ganze geht ewig weiter. Ich würde Drogenabhängige in Arbeitslager in Alaska schicken. Dort könnten sie Holz hacken, frische Luft atmen. So würden wir sie von der Gesellschaft fern halten. Pädophilie würde ich zum Tode verurteilen. Wenn du mein Kind anfasst, töte ich dich! Ganz einfach. Ich würde ordentlich aufräumen“, redet sich Simmons inhaltlich – nach außen aber ruhig bleibend – in Rage.

Nach diesem Exkurs ist es nicht einfach, zu Singers und Simmons eigentlichen Schaffensfeld, dem Rock‘n‘Roll, zurückzukehren. Die Frage nach dem Geheimnis des immerwährenden Erfolgs von Kiss sind sie aber bislang schuldig geblieben. „Ein Teil von diesem Geheimnis war es, zur rechten Zeit am rechten Ort das richtige zu tun. Wir sind nicht einzigartig. Wir sind nicht aus dem Nichts gekommen. Vielmehr sind wir die natürliche Weiterentwicklung der Bands, die wir liebten. Die meisten davon kamen aus England. Die englischen Bands waren wiederum die evolutionäre Weiterentwicklung einer Sache namens Rock‘n‘Roll, die in Amerika erfunden wurde. Auch der Blues und Country entstanden in Amerika, aber die Engländer machten es viel besser. Von den Beatles an sahen sie besser aus und hörten sich besser an. Wir holten es wieder zurück in die Staaten“, Gene geht sein Größenwahn mit Gene endgültig Gassi.

Auf die US-Tour mit Mötley Crüe angesprochen, gibt es für ihn nur eine wirklich wichtige Klarstellung zu machen: „Mötley Crüe gehen mit uns auf Tour, nicht andersrum! Wir haben einen ganzen Haufen an Show-Effekten, um das klar zu machen. Ich sage nur soviel: Wenn Kiss die Bühne betreten, wird man die Band nicht sehen können, weil das Publikum geblendet sein wird“, Simmons hat jetzt etwas von einem Gorilla, der sich auf die Brust klopft. Eric Singer ist dagegen bemüht, nicht zu viel Wettkampfgeist aufkommen zu lassen. „Mötley Crüe machen, was sie machen und wir ziehen unser Ding durch. Es ist kein Wettbewerb. Wir sind extrem selbstbewusst. Keine Band will eben nach uns auf die Bühne gehen. Kiss ist ein Erlebnis, ein Spektakel, es ist eine Attacke, wir sind das große Zirkuszelt des Rock‘n‘Roll“, lenkt er auch nicht gerade bescheiden ein. Das letzte Wort gehört natürlich nochmal dem Silberrücken Gene: „Du kannst dir gerne ein Sitzplatzticket für eine Kiss-Show kaufen, aber sei dir bewusst: Du wirst auf deinem Sitz stehen, vom ersten Song an!“

 

Magnum – Kopf wieder frei

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magnum-13th-day-3337In den Achtziger Jahren feierten Magnum große Erfolge, bevor sie sich Mitte der Neunziger für einige Jahre auflösten. Am Anfang des neuen Jahrtausends gelang ihnen ein grandioses Comeback. Jetzt legen die Engländer mit ihrem neuen Album ON THE 13TH DAY die Messlatte wieder ein Stückchen höher.

Man stutzt kurz, weiß nicht so genau, ob die Antwort wirklich ernst gemeint war, und traut sich auch nicht, noch einmal konkret nachzufragen: „Tony war halt in einer extrem guten Verfassung, so völlig ohne Alkoholkonsum“, erklärt Sänger Bob Catley die Hintergründe, weshalb das neue Magnum-Opus ON THE 13TH DAY dermaßen stark ausgefallen ist. „Ihm ist es zu verdanken, dass die Scheibe dermaßen viele gute Songs beinhaltet. Tony gebührt das größte Lob.“ War dies nun ein Scherz? Oder kämpfte der Erwähnte früher tatsächlich mit dem Teufelszeug, dem Feuerwasser?

Tony, das ist Tony Clarkin, seines Zeichens Gitarrist, Komponist und Produzent der jüngeren Magnum-Veröffentlichungen. Clarkin hat in der Tat einige dermaßen überzeugende Rocknummern komponiert, so dass nicht nur Fans und Kenner der Gruppe schon jetzt von einem der besten Magnum-Alben aller Zeiten sprechen. Ein riesiges Kompliment, angesichts solch namhafter Klassiker wie ON A STOTYTELLER`S NIGHT (1985) oder VIGILANTE (1986), die mittlerweile allerdings mehr als 25 Jahre zurückliegen. Zwischenzeitlich durchlebten Magnum eine Vielzahl an Höhepunkten, aber auch so manchen Tiefschlag. Ausgelaugt und frustriert von einem für traditionelle Rockbands immer schwieriger werdenden Markt äscherten Clarkin und Catley die Band 1995 ein. „Wir konnten einfach nicht mehr“, gesteht Catley heute, „die Plattenfirma erwartete ständig Hits, die wir nicht liefern konnten, außerdem gab es außer uns kaum noch Bands, die diese Art der Musik spielten. Wir waren wie Dinosaurier, die noch nicht mitbekommen hatten, dass ihre Spezies eigentlich ausgestorben ist. Irgendwann rief Tony mich an und sagte: ‚Vergiss es, ich will nicht mehr.‘“

Für Catley und Clarkin war Magnum immer ein Vehikel ihrer Träume und Wünsche, ein Konstrukt, das vor allem Spaß bereiten soll. 1995 war der Spaß weg. Und damit die Visionen.

Sechs Jahre lang kümmerten sich die Magnum-Köpfe anschließend um andere Projekte (Hard Rain sah die beiden sogar weiterhin vereint), bis 2001 eine Trendwende einsetzte: Rockmusik kehrte nach und nach auf die Bildfläche zurück, und vor allem Clarkin hatte wieder Lust auf seine Band. „Tony sagte: ‚Ich glaube ich habe mich getäuscht, Magnum könnten auch in Zukunft wieder erfolgreich sein.‘“ Dazu bedurfte es allerdings zunächst einer personellen Zäsur: Bassist Wally Lowe („er zeigte Mitte der Neunziger immer weniger Interesse“) wurde ausgemustert, für ihn kam der deutlich ambitioniertere Al Barrow, der die revitalisierten Clarkin und Catley zusätzlich mit Elan befeuerte. Gleich das 2002er Comeback BREATH OF LIFE stieß auf durchweg positive Resonanzen. Catley: „Bei uns war es ein wenig wie bei Iron Maiden: Wir kamen nach einer Pause zurück und spürten sofort, dass die Fans sehnlich auf uns gewartet hatten.“

Anno 2012 herrscht also eitel Sonnenschein im Camp der Briten, die bereits jetzt sicher sind, mit ON THE 13TH DAY ein echtes Juwel in den Händen zu halten. „Diese Scheibe passt perfekt zu unseren Klassikern. Es gibt Nummern, die wie eine Weiterführung des Konzept von ›So Far Jerusalem‹, ›Sacred Hour‹ oder ›C´est La Vie‹ klingen. Für mich sind die Songs auf ON THE 13TH DAY sozusagen die neuen Klassiker. Und ich wette, dass sich diese Prognose in ein paar Jahren als absolute Wahrheit erweist.“ Stolz und Zufriedenheit klingt aus Catleys Stimme. Und ob dieser neue Klassiker nun aufgrund von Alkoholab-stinenz oder einfach wegen eines naturgegebenen Adrenalinschubs entstanden ist, spielt eigentlich keine Rolle.

 

Steve Harris British Lion – Ein Rock-Märchen

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Steve Harris - British LionSteve Harris hat alles erreicht, was man mit harter Musik erreichen kann. Iron Maiden sind zweifelsohne die größte und erfolgreichste Heavy Metal-Band überhaupt. Umso überraschter reagierten Fans daher auf die Ankündigung, dass der Bassist zum ersten Mal in seiner Karriere einen musikalischen Seitensprung begangen hat. Band und Album hören auf den Namen STEVE HARRIS BRITISH LION und gehörten bis kurz vor Veröffentlichung am 24. September zu den bestgehüteten Musikbiz-Geheimnissen dieses Jahres. Classic Rock bekam die Möglichkeit, Steve im Rahmen der Maiden-USA-Tour auf den Zahn zu fühlen.

Mehr als 30 Jahre hat sich Steve Harris ausschließlich um „sein Baby“ gekümmert: Iron Maiden. Seit er die Band 1975 gegründet hat, hält er sie auf Kurs und ist der einzige Musiker, der jeden einzelnen Tag der Bandgeschichte Teil der Band war. An Nebenprojekten hatte er offenbar nie Interesse. Doch am 24. September erscheint nun STEVE HARRIS BRITISH LION, für das Steve mit einer bis dato unbekannten englischen Band zusammengearbeitet hat. Viel Zeit bleibt ihm natürlich nicht neben seiner Hauptband: Mehr als 85 Millionen verkaufte Scheiben und über 2.000 Konzerte in knapp 60 Ländern „passieren“ schließlich nicht mal eben so. Dementsprechend muss die Promoarbeit sich auch dem strikten Maiden-Zeitplan anpassen: Die ersten Interviews finden während der Maiden-USA-Tour statt. Man könnte meinen, dass die Aussicht darauf, in Kürze bei kräfteraubenden 40 Grad Hitze einen Headliner-Gig vor knapp 14.000 Fans zu spielen, auch mit so viel Bühnenerfahrung noch Lampenfieber hervorruft. Doch falls das zutrifft, lässt der Bassist es sich nicht anmerken: Steve ist die Ruhe selbst – und die perfekte Verkörperung des britischen Gentleman, der besonnen und freundlich antwortet, aufmerksam den Fragen lauscht und mit seiner offenkundigen Begeisterung für sein neues Projekt sehr bodenständig und sympathisch rüberkommt.

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, was für ihn den Ausschlag gab, seiner Hauptband nach all den Jahren zum ersten Mal untreu zu werden. „Die Motivation war, wie stark das Material ist“, sagt er. „Ich habe ein paar der Songs gehört und fand sie so gut, dass ich der Meinung war, dass sie gehört werden müssen. Als Ausgangssituation gab es da eine Band, der ich einfach ein wenig helfen wollte, und alles andere hat sich dann im Lauf der Zeit so entwickelt. Es hat damit angefangen, dass ich der Band mit dem Management unter die Arme greifen wollte. Auch der neue Name British Lion stammt von mir. Ich habe mit ihnen an den Songs gearbeitet und sie bei der Produktion unterstützt. Ich habe sogar das ursprüngliche Artwork entworfen, auch wenn das jetzt ausgetauscht wurde, da der alte Entwurf nicht so gut gepasst hat. Ich hatte es mir einfach in den Kopf gesetzt, mit diesen tollen Songs etwas anzustellen.“

Die Geschichte, wie Steve Harris überhaupt auf die Band stieß, gleicht einem wahr gewordenen Metal-Märchen: „Der Gitarrist Graham Leslie hat mir das Material vor circa 15 Jahren geschickt“, erinnert er sich. „Die Band lief damals noch unter einem anderen Namen, und die Songs waren auch in deutlich anderen Versionen enthalten. Dennoch war ich sofort beeindruckt, welch gute Songs er da hatte. Als dann noch Richard Taylor als Sänger dazu stieß, hat sich die Sache immer weiterentwickelt. Es war allerdings ein Prozess, der einige Jahre gebraucht hat.“ Es kann also tatsächlich noch passieren, dass man als unbekannte Band ein Demo an den Chef von Iron Maiden schickt und irgendwann mit ihm im Studio steht. Das Songwriting bezeichnet Steve als wirkliches Teamwork: „Der Großteil wurde von Richie, Graham und David (Hawkins, Gitarrist – Anm.d.A.) geschrieben, die anderen haben vor allem bei der Ausarbeitung beigetragen – und sie wussten auch nicht, dass ich meine Finger mit im Spiel habe, haha. Das lief alles geheim ab: Kein Außenstehender wusste davon, wir haben niemandem davon erzählt.“ Steve grinst verschmitzt und freut sich sichtlich, dass die Geheimhaltung so gut funktioniert. Das gilt auch für den heutigen Tag Ende Juni: Außer den eigens angereisten Journalisten sowie den zuständigen Promotern/Managern weiß bis dato noch niemand von Steves neuem Projekt, das erst im August offiziell angekündigt wurde.

Und auch wenn British Lion in puncto Zeitplanung hinter Maiden zurückstehen muss – Steve lässt keinen Zweifel daran, mit welchem Einsatz er an sein Nebenprojekt herangeht: „British Lion ist kein Outlet für Iron Maiden“, betont er. „Aber ich habe so viele Ideen – mehr Ideen, als ich bei Iron Maiden jemals unterbringen könnte. Es braucht also niemand befürchten, dass British Lion meiner Hauptband irgendetwas wegnehmen würde. Es ist mir wichtig, dass die Maiden-Fans wissen, dass ich nichts bei Maiden abzwacke, um es jetzt hier zu verwenden. Bei British Lion arbeite ich mit ganz anderen Leuten, deshalb ist das sowieso eine komplett andere Sache und klingt natürlich auch ganz anders.“

Das kann man nur unterschreiben. Im Gegensatz zu seiner Hauptband fällt STEVE HARRIS BRITISH LION weniger heavy, dafür rockiger aus. Die Songs sind verspielter und experimenteller, dabei aber vor allem auch dank der tollen klassischen Rock-Stimme von Richard Taylor stets eingängig. Dass Steve einen Hang zu etwas progressiveren, experimentelleren Stücken hat, war ja bereits den jüngeren Maiden-Scheiben anzumerken. Es überrascht allerdings durchaus, wie in sich geschlossen das Debüt klingt. Schließlich reden wir hier von einer Scheibe, deren erste Songs noch im Alleingang der anderen Musiker entstanden, und die vor allem über eine enorm lange Zeitspanne ausgearbeitet wurde. „Dass wir mit Iron Maiden nicht mehr so viel touren wie früher, öffnet einige Zeitfenster“, meint Steve pragmatisch. „Ich bin dennoch immer beschäftigt, weshalb es auch so lange gedauert hat, bis das Album fertig wurde. Die ersten Songs haben schon deutlich mehr als zehn Jahre auf dem Buckel. Ich kann selbst gar nicht glauben, wie die ganze Zeit verflogen ist. Maiden werden immer an erster Stelle stehen. Die Fans werden nie hören, dass wir eine Tour nicht spielen, weil ich etwas anderes zu tun habe. Die anderen Bandmitglieder von British Lion haben sozusagen jahrelang auf mich gewartet, damit wir das Album fertigstellen konnten. Aber jetzt ist es geschafft. Wenn es toll läuft… super. Wenn nicht… dann möchte ich trotzdem noch ein weiteres Album machen.“

Und man glaubt es ihm. Schließlich hat der Mann in seiner langjährigen Karriere alle Erfolge erlebt, die man mit einer Metal-Band erreichen kann – und dennoch erzählt er mit einem solchen Enthusiasmus von British Lion, dass man ihm den Hunger darauf, noch einmal an der Startlinie zu stehen und sich neu zu beweisen, deutlich anmerkt. Dabei macht der Bassist aber immer wieder klar, dass Iron Maiden unangefochten auf dem ersten Platz stehen. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein, seine Fans diesbezüglich nicht zu enttäuschen. „Das stimmt“, betont Steve. „British Lion kann immer nur ein Seitenprojekt sein. Iron Maiden ist immer mein Leben gewesen, ich würde nicht wollen, dass irgendeine andere Band diesen Platz einnimmt. Es wäre auch gar nicht möglich. Man könnte heutzutage keine Band starten, die den Status von Maiden erreicht. Das war eine einmalige Sache, die ich nicht wiederholen kann. Und warum sollte ich das auch wollen? Maiden gibt es ja schon, British Lion ist für mich in jeder Hinsicht etwas Anderes und Neues. Mit Maiden touren wir jetzt zwar regelmäßiger, aber nicht mehr so lange. Wenn ich mich in den Maiden-Pausen mit British Lion beschäftige, macht das für Maiden keinerlei Unterschied. Aber für mich selbst bedeutet es eine Menge.“

Dass seine Mitstreiter beileibe keine so bekannten Namen in die Promo-Waagschale werfen können wie er selbst, kratzt Steve dabei wenig. „Die anderen sind nicht bekannt“, zuckt er mit den Schultern. „Ich denke, das ist eine gute Sache, weil es frischen Wind bedeutet. Ich hoffe aber, dass sie jetzt bekannter werden, denn sie verdienen es wirklich: Es sind tolle Musiker und Menschen, die jetzt hoffentlich mehr beachtet werden.“ Im Moment spuckt Google bei der Suche nach einem Sänger namens Richard Taylor noch mehrere Kandidaten aus. „Haha, ich habe ihn noch nie gegoogelt, also kann ich dazu gar nichts sagen“, amüsiert sich Steve. „Ich sollte ihn mal fragen, vielleicht gehört er zu den Leuten, die sich selbst googlen.“

Ähnlich locker schätzt Steve auch das Risiko ein, ein Projekt mit Leuten durchzuziehen, die naturgemäß nicht ansatzweise die Erfahrung aufweisen können wie er selbst. „Ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, dass sie als Musiker erfahren genug sind“, meint er. „Natürlich haben sie nicht die Live-Erfahrung wie jemand, der seit langer Zeit in einer wirklich großen Band spielt. Aber ich habe schon mit der kompletten Besetzung zusammen gespielt, und ich mache mir keinerlei Sorgen, dass wir das super auf die Bühne bringen können.“ Was auch gleich die Frage beantwortet, ob wir uns auf Live-Konzerte freuen können. „Ich würde sehr gerne live spielen, aber das ist einer der Punkte, wo wir noch keine Ahnung haben, in welche Richtung es sich entwickeln wird“, sagt Steve. „Wie soll man eine Tour buchen, wenn man noch nicht absehen kann, wie die Kritiker das Album aufnehmen und ob die Hörer es mögen? Wir werden jetzt erst einmal die CD veröffentlichen und dann schauen, wie es weitergeht. Vielleicht spielen wir dann Konzerte vor 200 Leuten, vielleicht aber auch vor 500. Sicher wird es nicht jeder mögen, aber bisher waren die Reaktionen sehr positiv – wobei das Album bisher nur fünf oder sechs Leute gehört haben…“

Zumindest scheint er keinerlei Berührungsängste zu haben, sich auch wieder in einem kleinen Club auf die Bühne zu stellen. Schwer zu glauben, wenn man sich die Menschenmassen ansieht, die gerade bei 40 Grad Hitze ausharren, um ihn später noch mit Maiden auf der Bühne zu sehen. „Ich hätte auch Spaß daran, vor 15 Leuten zu spielen“, stellt Steve klar. „Wenn du die Musik machst, die dir selbst gefällt, dann machst du sie gerne. Da spielt es keine Rolle, wie groß das Publikum gerade ist. Ich könnte niemals da rausgehen und irgendeinen Bullshit spielen, der mir selbst nicht gefällt. Manche Musiker sind bereit, alles zu spielen, nur um vor irgendeinem Publikum zu stehen. So war ich nie. Ich hatte auch nie Spaß daran zu jammen, nur um irgendwas zu spielen. Es geht nicht nur darum, Musik zu machen, sondern Musik zu machen, die man selbst genießt.“ Und auch hier dringt wieder durch, welchen Spaß Steve an der Arbeit mit British Lion hat. Auch für die anderen Musiker stellt es nach seiner Einschätzung kein Problem dar, dass die Band vom Großteil der Hörer vermutlich eher als Steve Harris-Projekt denn als eigenständige Gruppe angesehen wird. „Die Leute sehen es so, aber das ist okay“, meint er. „Ich denke, dass sich alle Bandmitglieder damit wohlfühlen, denn natürlich generieren wir so viel mehr Aufmerksamkeit. Zudem sehe ich es dauerhaft nicht nur als Seitenprojekt, ich wünsche mir, dass mehr daraus wird, aber wir müssen sehen, wie sich alles entwickelt. Im Moment ist es ein Seitenprojekt für mich, aus dem aber noch viel mehr werden kann. Wir haben da ein wirklich starkes Album. Ich sehe die Substanz für noch viel mehr.“

STEVE HARRIS BRITISH LION wurde in verschiedenen Studios in mehreren Ländern aufgenommen. „Das hatte rein praktische – sprich: geografische und terminliche – Gründe“, erklärt Steve. „Das Album ist ja über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden. Wir reden hier von mehreren Jahren.“ Mit dem Mix wurde Kevin Shirley betraut, mit dem auch Iron Maiden schon mehrmals zusammengearbeitet haben. „Ich wusste, dass ihm die Songs gefallen würden und er damit einen wirklich guten Job machen könnte“, lobt Steve. „Außerdem kann ich mit ihm gut zusammenarbeiten. Bei den Maiden-Mixes mit ihm war ich immer dabei. Natürlich dreht er die Knöpfchen, aber ich assistiere ihm sozusagen und teile ihm meine Meinung zu allem mit. Und ich finde, das Resultat spricht für sich.“

Das stimmt zweifelsohne, denn STEVE HARRIS BRITISH LION ist ein tolles Heavy Rock-Album geworden, das progressiv genug ist, um nicht nach wenigen Durchläufen zu langweilen, aber auch eingängig genug, um den Hörer schnell zu fesseln. Dennoch wird es keinen leichten Stand haben. Iron Maiden-Fans sind als sehr treu bekannt, viele verfolgen die Karriere der Band nicht erst seit Jahren, sondern bereits Jahrzehnten. Dementsprechend kritisch wird alles beäugt, was die Maiden-Musiker jenseits ihrer Hauptband treiben. Das 2012 erschienene Debüt von Primal Rock Rebellion, bei dem Adrian Smith mitmischt, wurde ob seiner modernen Gangart von den meisten traditionellen Maiden-Fans mit Missachtung gestraft. „Um ehrlich zu sein, kenne ich nur einen Song, von daher kann ich das nicht wirklich kommentieren“, meint Steve in nüchternem Tonfall und zeigt damit deutliches Desinteresse an den Nebenbeschäftigungen seiner Mitmusiker. Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass auch STEVE HARRIS BRITISH LION nicht bei jedem Maiden-Fan ins Schwarze treffen wird. „Ja, natürlich. Einige werden auch bei British Lion intolerant sein“, meint er. „Einige werden es lieben, einige werden es auch hassen. Aber das ist okay. Lieber eine starke, negative Reaktion als gar keine Reaktion. Ich denke, es ist nicht das, was die Leute erwarten, von daher bin ich sehr gespannt auf die Resonanz.“

Spricht‘s und lehnt sich zurück, während es in seinen Augen erwartungsfroh blitzt. Keine Frage – in dem Mann brennt es noch immer. Das merkt man ebenso an der Begeisterung für und über sein neues Projekt wie auch bei der heute noch folgenden Live-Show (Review in der letzten Classic Rock-Ausgabe). Da bleibt nur zu hoffen, dass die Maiden-Fans auch einer Scheibe gegenüber aufgeschlossen sind, die eben nicht „Maiden, Teil 2“ liefert. Aber warum sollte man das auch wollen? Wie Steve selbst so schön gesagt hat: Maiden gibt es ja schließlich schon.