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Live: Monster Magnet und Eleni Mandell

monster magnet

 

Monster Magnet
The Electric Ballroom, London

SPINE OF GOD neu aufgelegt

Vor einem Jahr ließen Monster Magnet während eines ausverkauften Gigs im Londoner Koko noch einmal ihr 1995er Werk DOPES TO INFINITY wieder aufleben. Wer das Glück hatte, dabei zu sein, der wird sicher bezeugen können, dass es ein fantastischer Abend war. Ihre Entscheidung, nun zu ihrem Debütalbum SPINE OF GOD zurückzukehren, ist indes weit weniger nachvollziehbar. Innerhalb einer Woche mit minimalem Budget eingespielt, ist SPINE OF GOD nämlich wesentlich sperriger als DOPES TO INFINITY, das mit ›Negasonic Teenage Warhead‹ immerhin einen kleineren Hit an Bord hatte.

Anders als beim letzten Mal halten sich Frontmann Dave Wyndorf und seine Kollegen diesmal an die originale Songreihenfolge des Albums, das heute als frühes Beispiel für Space/Stoner Rock gilt. Dank großzügiger Improvisationen gerät die Show eine Viertelstunde länger als das ursprüngliche Studiowerk. Doch sofern man nicht gerade zu den Die-hard-Fans gehört, wirkt die Grobschlächtigkeit und Dichte des Songmaterials zunehmend erdrückend. Die Stimmung im Ballroom, beim Einzug der Gladiatoren noch prächtig, lässt nach den ersten Songs auch deutlich spürbar nach. Während der Zugabe gehen die akustischen Subtilitäten von ›Lord 13‹ dann vollends im störenden Gebrabbel des Publikums unter, die Begeisterung, die der Gig im Koko auslöste, scheint plötzlich furchtbar weit weg. Derartiges Nischenprogramm zu bekritteln, ist ziemlich wohlfeil, doch man muss schon ein „Satanic Drug Fiend“ sein – so das berüchtigte Motto auf dem Cover-Artwork von SPINE OF GOD –, um diese Show wirklich goutieren zu können.

Text:Dave Ling

Eleni Mandell
Milla, München

Leise Töne, große Frau

Nach sieben Soloplatten und der sehr erfolgreichen Veröffentlichung ihres Gemeinschaftsprojekts mit Alex Lilly, Inara George und Becky Stark namens The Living Sisters ist Eleni Mandell wieder alleine unterwegs. Passend zum Stil ihres neuen Albums I CAN SEE THE FUTURE hat die zwischen Jazz, Folk und mit vereinzelten Country-Anleihen verziertem Indiepop frei rangierende Crooner-Dame auf dieser Tour auf Begleitmusiker verzichtet, hat sie sich doch auf ihrem aktuellen Langspieler auf ein etwas puristischeres Songwritertum besonnen. So bereist die 43-jährige Powerfrau aus Los Angeles, die seit ihrem letzten Album zweifache Mutter (durch künstliche Befruchtung) geworden ist, nun wieder den europäischen Kontinent. Ausgerüstet ist sie dabei nur mit ihrer Akustikgitarre und ihren frechen, befremdlichen und eigenwilligen Texten. Ganz stimmt das nicht. Zusätzlich kann Mandell nämlich mit ihrer einnehmenden weiblichen Ausstrahlung und einer extrem variablen Stimme aufwarten. Auch an diesem Abend im kleinen Milla bedient sie sich aus einem stimmlichen Arsenal, das von kokett-mädchenhaft bis betörend rau-weiblich reicht, und vertont damit ihre humorvollen Abwertigkeiten gegenüber dem männlichen Geschlecht generell und ihren Ex-Freunden im Speziellen. Den kleinen Rahmen des Clubs nutzt sie dabei gekonnt, um eine intime Atmosphäre zu schaffen und tief in ihre Songwriter-Seele blicken zu lassen. Eleni Mandell wandelt die Qualitäten solch großer Vorbilder wie Harry Nilsson, Bob Dylan und Tom Waits in ihre ganz eigene Klangwelt um und überzeugt so mit viel Gefühl, Können und den Waffen einer Frau.

 

Live: Soundgarden und Caravan

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Press Image Soundgarden4Soundgarden
Shepherd’s Bush Empire, London

Wieder beisammen, wieder zurück in UK, wieder in Höchstform

Es ist schon irgendwie unfair, dass der nagende Zahn der Zeit Chris Cornell nicht das Geringste anhaben konnte. Seine Stimme und seine buschigen Locken sind immer noch so wie früher. So wie in der Zeit, bevor Soundgarden auf einmal beschlossen hatten, in einen sehr frühen Ruhestand zu gehen. Allein Gitarrist Kim Thayil zeigt sich ein wenig gnädig und lässt seinen Bart im natürlichen Grau erstrahlen. So fühlt sich das Publikum nicht ganz so schlecht, wenn ihm bewusst wird, dass es über die langen Jahre, in denen die Band fort war, einfach gealtert ist.

Interessanter Fakt: Soundgarden waren Mitte der neunziger Jahre die erste Band, die im Shepherd’s Bush Empire spielte. Damals war die Location gerade frisch renoviert worden und die Musiker traten als Überraschungsgäste im Rahmen ihrer Superunknown-Tour auf. Eine Tatsache, die das Publikum einfach nur achselzuckend hinzunehmen scheint, als Cornell die Geschichte nostalgisch erzählt. Das Publikum folgt während des gesamten Auftritts sowieso seinen eigenen Regeln. Es geht leidenschaftlich mit, grölt ohrenbetäubend und erhebt prostend die Plastik-Pint-Gläser bei Liedern, die es kennt und wohl tief vermisst hat, wie ›My Wave‹, ›Fell On Black Days‹ oder ›Rusty Cage‹. Doch wenn Soundgarden aktuelle Songs wie ›Flower‹ oder ›Hunted Down‹ zum Besten geben, verfallen die meisten Zuschauer in zwangloses, desinteressiertes Geplapper und sehen nicht einmal mehr zur Bühne, als ob die Band mal kurz eine kleine Pause eingelegt hätte.

Doch Soundgarden scheint das nicht weiter zu stören. Die Songs ihres neuen Albums KING ANIMAL fügen sich perfekt ins gesamte Set ein. Besonders gut sind der Opener ›Been Away Too Long‹ (wie passend) und das grandiose ›Worse Dreams‹. Mit ›Slaves & Bulldozers‹ beenden sie schließlich den Abend. Und seine dröhnenden Klänge steigen bis zum Hallendach empor, bis nur ein Rauschen bleibt.

Text: Philip Wilding

Caravan
Queen Elisabeth Hall, London

Auch nach 40 Jahren noch in Bestform

Es scheint unglaublich, dass Caravan dieses Jahr das 40. Jubiläum ihres vierten Studioalbums feiern und dabei Hallen ausverkaufen, die sie in der Blüte ihrer Jugend womöglich kaum gefüllt hätten. Heute Nacht etwa, in der bestens besuchten Queen Elizabeth Hall, gibt die Band aus Canterbury den Großteil ihres Klassikers FOR GIRLS WHO GROW PLUMP IN THE NIGHT zum Besten, ergänzt um weitere Favoriten unterschiedlichen Alters, darunter ihr 23 Minuten langes Karriere-Highlight ›Nine Feet Underground‹.

Caravan belegen, dass sie gut gealtert sind, was auch für besagtes Album gilt. Letzteres mag zwar ein paar aus heutiger Sicht antiquierte Momente haben, die Caravan jedoch geschickt übergehen, indem sie sie einfach nicht spielen. Brillant! ›Memory Lain, Hugh‹ und ›Headloss‹ klingen überraschend jugendlich und energiegeladen, ›Chance Of A Lifetime‹, einer der schönsten Songs, die Gitarrist Pye Hastings je geschrieben hat, wird mit raffinierter Zurückhaltung dargeboten. Das kraftvolle ›A Hunting We Shall Go‹ gibt Violaspieler Geoff Richardson die Chance, zu glänzen, bevor es in Mike Ratledges noch immer bemerkenswert monolithisches ›Backwards‹ übergeht. Fraglos eine der großartigsten, herzzerreißendsten Melodien, die man je gehört hat.

Der Song funktioniert sogar ohne das orchestrale Arrangement von Caravans Studioversion, klingt dabei immer noch groß und mächtig. Übertroffen wird er nur noch vom finalen ›Nine Feet Underground‹, einem Stück vom hochgelobten 1971er Album IN THE LAND OF GREY AND PINK, das fraglos Caravans ›Stairway To Heaven‹ ist, ihr ›Supper’s Ready‹ – oder ihr ›Tiger Feet‹, wenn Mud es seinerzeit um 20 Minuten verlängert hätten. Caravans Reifen mögen in den vergangenen rund 40 Jahren so manche Meile gelaufen sein, doch nichts spricht dafür, dass sie demnächst abfallen.

Text: Paul Henderson

Kino

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Sightseers
GB 2012 | MFA

Gerade einmal drei Filme hat der britische Regisseur Ben Wheatley abgeliefert, zeigt sich damit jedoch bereits als eines der hoffnungsvollsten jungen Talente von der Insel, dessen wohl hervorstechendstes Merkmal sein pechschwarzer Sinn für Humor ist. Die bitterböse Sopranos-trifft-die-Eastenders Mafia-Mär „Down Terrace“ und der nicht minder bissige „Kill List“ über einen bürgerlichen Auftragsmörder auf „Wicker Man“-Spuren legten den Grundstein, mit dem romantischen Killer-Road Movie „Sightseers“ komplettiert Wheatley vorerst seinen Blick in die Abgründe der britischen Seele. Auch hier lauert hinter der Fassade der Normalität das Böse, auch wenn die unscheinbaren Gesichter der beiden frisch verliebten Tina (Alice Lowe) und Chris (Steve Oram) dies nicht nahelegen. An der Oberfläche scheinen beide eine Ansammlung von Neurosen und Unsicherheiten zu pflegen, die sie wie geschaffen füreinander machen. Auf ihrem ersten gemeinsamen Urlaubstrip mit einem Campingmobil zeigt sich jedoch, dass das Furnier der guten Erziehung ein dünnes ist und es noch so manche dunkle Seite aneinander zu entdecken gilt. Denn angefangen mit dem Unfalltod eines ungehobelten Miturlaubers entdecken Tina und Chris die Freuden des Tötens und morden sich vergnügt entlang ihrer Reiseroute. Doch so sehr das neu gefundene gemeinsame Hobby auch verbindet, so schnell trennt es die beiden Liebenden auch: Chris psychopathisches Kalkül und Tinas impulsive Art führen zu ersten Spannungen beim Duo. Trocken und ohne jegliche Gefühlsregung präsentiert Ben Wheatley den mörderischen Kurzurlaub seiner beiden skurrilen Protagonisten und lässt dabei wenig Zweifel daran, was er von den oberflächlichen Freundlichkeiten der auf verbindliche Höflichkeit getrimmten britischen Umgangsformen hält: Hinter der Fassade des Charmes sind wir doch alle nur eines – spießige Serienmörder mit Egokomplexen.

7

Gerhard Maier

Get The Gringo
USA 2012 | Concorde

Seit seinen Ausfällen und Ausrastern ist Mel Gibson in Hollywood wohl nur noch auf wenige Dinnerpartys eingeladen und darf in Folge wenig wählerisch sein bei der Auslese seiner Rollenangebote. Nach Gibsons eigenem Anspruch mit „Die Passion Christi“ und „Apokalyptica“ großes Kino zu liefern, das eben mehr ist als reiner Eskapismus, wundert es ein wenig, wenn er nun plötzlich in jenem Actionmodus auftritt, den zuletzt die Genreveteranen Sly, Arni & Co wieder für sich entdeckt hatten. Was an sich nichts Schlechtes sein muss, denn ein gut gerührter Actioncoktail mit einem wortkargen Helden kann immer unterhalten. Überraschenderweise gelingt dies Mel Gibson im Debüt von Regisseur Adrian Grunberg erstaunlich gut: Als beinharter Krimineller, den es in eine brutale Knaststadt hinter der mexikanischen Grenze verschlägt, kann Gibson vor allem deshalb überzeugen, da lakonischer Humor, solide Action und konsequente Härte sich hier perfekt ergänzen. Das Ergebnis ist sicher kein überragendes Comeback von Gibson und erfindet auch das Actionrad nicht neu. Gutes Unterhaltungskino mit Biss liefert es aber auf jeden Fall.

5

Gerhard Maier

The Crime
GB 2012 | SquareOne

Hierzulande war der britischen Polizeiserie „The Sweeney“ in den siebziger Jahren nur wenig Erfolg beschieden, zu fragwürdig schienen einige der Figuren der Londoner Spezialeinheit für das immer noch auf eine gewisse Biederkeit pochende deutsche Fernsehpublikum. Denn nachdem „The Sweeney“ bereits in Großbritannien mit seinem vergleichsweise realistischen Bild alltäglicher Polizeiarbeit in der Grauzone zwischen Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit für Furore sorgte, traf die Serie unglücklicherweise mit Enthüllungen über Korruption und Brutalität in der tatsächlichen, als Vorlage dienenden Polizeispezialeinheit „Flying Squad“ zusammen. Vor diesem Hintergrund von guten Jungs, die böse Dinge tun müssen, um noch bösere Dinge zu verhindern, scheint Regisseur Nick Love, der nach seinem Hooligan-Drama „The Firm“ und dem Selbstjustiz-Thriller „Outlaw“ eine gewisse reaktionäre Einstellung schwer leugnen kann, nicht unbedingt der richtige Regisseur zu sein. Dank Jungtalent Ben Drew und Knittergesicht Ray Winstone als wenig gesetzestreue Bullen, einem gerüttelten Maß an Action und Härte kann „The Crime“ aber dennoch punkten. Nämlich als harter und actionlastiger Cop-Thriller mit „Heat“-Anleihen.

6

Gerhard Maier

Immer Ärger Mit 40
USA 2012 | Universal

Die Tatsache, dass Regisseur und Produ-zent Judd Apatow für frischen Wind in der Comedyszene im Allgemeinen und im Bereich der Beziehungskomödien im Speziellen sorgt, lässt sich nicht von der Hand weisen. „Superbad“, „Wie das Leben so spielt“ und „Nie wieder Sex mit der Ex“ geizten zwar nicht mit zotigen Kalauern und derbem Humor, trugen unter all den pubertären Gags aber stets eine überraschende Menschlichkeit zur Schau. Einen Entwicklungsschritt in eine neue Richtung nimmt Apatow nun mit „Immer Ärger mit 40“, der Lebenskrisenkomödie um das Ehepaar Debbie (Leslie Mann) und Pete (Paul Rudd). Dort, wo andere Komödien ihre Geschichte nach vorne peitschen, hat man bei Apatows neustem Film oft den Eindruck, er wolle das Lebensgefühl zu Beginn des fünften Lebensjahrzehnts auch in der Struktur seines Films ausdrücken: Epsiodenhaft erhalten wir Einblick in den Familienalltag der beiden, den dramaturgischen Sog der Geschichte sucht man jedoch vergebens. Zwar herrscht auch hier der krude Ton Apatow’scher Prägung vor, die ernsthafteren Untertöne scheinen jedoch sehr viel stärker durch und machen „Immer Ärger mit 40“ zu einer höchst gelungenen, da trotz allen Übertreibungen überraschend geerdeten und authentischen Komödie.

6

Gerhard Maier

Kid Rock – Der amerikanische Traum

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HARLEY-DAVIDSON MOTOR COMPANY KID ROCK

Mit seinem neunten Album REBEL SOUL zelebriert der Mann aus Detroit den uramerikanischen Traum von Abenteuer, Freiheit und Selbstverwirklichung – der sich zudem in einem stolzen Arsenal aus Autos, Immobilien, Goldenen Schallplatten, fetten Zigarren und illustren Rockstarfreunden niederschlägt. Nur mit Frauen und Politik will es nicht klappen…

Weshalb der Zeitpunkt für das Classic Rock-Interview denkbar ungünstig erscheint: Einen Tag nach der US-Präsidentschaftswahl, die sein erklärter Lieblingskandidat nur knapp verloren hat, bittet Kid Rock nach Clarkston, Michigan, etwa 45 Autominuten nördlich von Motor City. Ein beschaulicher Flecken Erde, auf den sich die Schönen, Reichen und Berühmten nach den Rassenausschreitungen Ende der 60er zurückgezogen – und dort eine Art Villenghetto erschaffen haben. Mit monströsen Prachtbauten, natürlich gut verborgen hinter hohen Mauern und schweren Metalltoren. Wobei der Kid, der eigentlich Robert James Ritchie heißt, keine Ausnahme macht: Sein „Roadhouse Studio“ liegt am Ende einer Zufahrt aus schneeweißen Kieseln, bietet einen malerischen Blick auf eine Teichanlage, so groß wie ein Fußballfeld (natürlich mit Wasserfall und Fontäne), wird umgeben von mehreren Hektar gepflegtem Grün und ist Teil eines gigantischen Gebäudekomplexes, der aus einer herrschaftlichen Residenz und mehreren umgebauten Scheunen besteht. „Dort drüben befindet sich meine Autosammlung, das ist die Halle, in der wir proben, und da hinten wohne ich. Meistens jedenfalls.“ Denn der Hausherr, der frühmorgens – für einen Rockstar extrem ungewöhnlich – schon topfit ist, unterhält noch weitere Anwesen in Alabama, Florida, Malibu, Nashville und Downtown Detroit, wo er einen Palast direkt neben dem Amtssitz des Bürgermeisters erworben hat. Zu bewundern auf dem Backcover seines neuen Albums, das selbstredend im eigenen Heimstudio entstanden ist, und dieses erweist sich als Devotionalienmuseum und erstklassiger Männerspielplatz. Mit einer Lounge, die diverse Spielautomaten, gemütliche Couchen, Toursouvenirs und einen Monsterkühlschrank voller Bier enthält. Sowie einen Aufnahmebereich, der aus jeder Menge Hightech, aber auch Vintage-Instrumenten sowie gerahmten Danksagungen von Johnny Cash oder Keith Richards besteht. Sprich: ein Ort, der eindrucksvoll zeigt, wie weit es Kid Rock in seiner Karriere gebracht hat – und welche Reputation er unter Kollegen genießt. Wobei er selbst immer noch ex­trem locker und unkompliziert ist. Eben ein traumhafter Interviewpartner, der nur einen Makel besitzt: eine Schwäche für fette Zigarren, die den Besuch aus Tschörmänie fast schon grün anlaufen lassen.

Wie oft warst du schon in Kriegsgebieten, um die Truppen zu besuchen?
Sechs- oder siebenmal. Vor allem im Irak und in Afghanistan.

Hattest du keine Angst um dein Leben?
Natürlich! Etwa, wenn du in einem Hubschrauber sitzt, der ganz tief über die afghanischen Berge fliegt, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Da kann es sehr schnell passieren, dass jemand auf dich schießt – und auch trifft. Was genauso angsteinflößend ist wie das Einschlagen von Mörsergeschossen und das ständige Aufheulen von Sirenen. Nur: Ich fühle mich da nicht komplett unsicher. Denn ich weiß ja, dass ich besser geschützt bin als der durchschnittliche Soldat. Die Armee kümmert sich um Entertainer, die ihre Truppen besuchen. Einfach, weil sie weiß, wie wichtig das ist. Und ich tue es gerne. Ich weiß, dass ich da ein treues Publikum für mich gewinne.

Als Wahlhelfer von Mitt Romney hast du dagegen nicht wirklich viele Leute für die Republikaner mobilisiert. Wie enttäuscht bist du von dem Ergebnis?
Er war mein Hoffnungsträger. Aber nach so einer Schlappe leckt man halt seine Wunden und drückt die Daumen für denjenigen, der gewonnen hat. Zumindest tue ich das. Ich unterstütze jeden, der Präsident ist. Und ich habe ja auch nie gesagt, dass Barack Obama schrecklich wäre. Ich habe nur mit einem anderen Ansatz sympathisiert, um unser Land aus der Krise zu führen. Aber jetzt, da er wiedergewählt wurde, werde ich ihn nach bestem Gewissen unterstützen, damit er dieses Land nach vorne bringt. Wenn das nicht funktioniert, wählen wir in vier Jahren halt jemand anderen.

Das klingt sehr liberal. Also bist du nicht der Anti-Springsteen? Sprich: der ultra-rechte Rockstar?
Ich bin keiner von denen, die ständig darüber reden, wie schlecht alles in Amerika ist. Denn seien wir ehrlich: Sonst würden ja nicht jeden Tag Hunderte Menschen versuchen, illegal in dieses Land zu gelangen und sich hier niederzulassen. Dafür gibt es einen Grund: Es ist die beste Nation auf Erden.

Weil du in deinem Garten auch mal Kanonen aus dem Bürgerkrieg abfeuern darfst?
(lacht) Das mache ich auf meinem Zweitwohnsitz, einer Farm in L.A. – Lower Alabama. Da habe ich alle möglichen Waffen. Und ich liebe es, fischen oder auf die Jagd zu gehen. Was nicht heißt, dass ich durch die Wälder streife und jeden Afro-Amerikaner lynche, der sich mir in den Weg stellt! Um Gottes Willen! Ich habe einfach eine tolle Zeit – und genieße meine Freiheit.

Wann kandidierst du als Bürgermeister von Detroit?
Niemals! Ich stehe nicht auf Bullshit. Deshalb will ich auch nichts mit Politik zu tun haben.

Aber hast du nicht gerade das Haus neben dem Manoogian, dem Sitz des aktuellen Amtsinhabers, erworben?
Stimmt, ich bin direkt nebenan. Aber nur, weil das eine tolle Nachbarschaft ist. Nämlich eine der letzten netten Gegenden an der Grenze zu Downtown Detroit, das eine verdammte Ruine ist. Hoffentlich gehe ich da mit gutem Beispiel voran und löse ein Umdenken aus. Denn die Architektur dieser Häuser ist großartig – und sie haben eine spannende Geschichte. Ganz abgesehen davon liegen sie direkt am Wasser. Ich habe mir ein paar Jetskis zugelegt und kann dort die Bootsrennen und die Feuerwerke beobachten. Und während jeder nach Norden fährt, um dort sein Wochenende zu verbringen, orientiere ich mich nach Süden – nach Detroit. Da ist überhaupt kein Verkehr. (lacht) Und wenn es mir zu langweilig wird, habe ich noch Häuser in Nash­ville, Malibu und Florida.

Ganz zu schweigen von einer imposanten Autosammlung…
Na ja, ich habe schon einiges – und dafür lasse ich gerade eine neue Scheune bauen.

Auf welche Art von Autos stehst du?
Ich habe erst vor ein paar Jahren einen V16-Cadillac von 1930 gekauft. Ein sogenanntes Hundert-Punkte-Auto. Was bedeutet, dass es nicht einen Kratzer hat und es sich um ein großartig erhaltenes Stück amerikanischer Geschichte handelt. Zumal es eines der ersten Modelle ist, die in Detroit vom Band gelaufen sind. Insofern ist das eines meiner coolsten Autos. Und ich halte es für ein wunderbares Kunstwerk. Was für andere ein Dali oder Basquiat ist, stellt für mich ein altes Auto dar.

Was fährst du privat – also im Alltag?
Einen Golfwagen.

Wie bitte?
Ich habe den alten Golfwagen von Waylon Jennings. Es ist ein General Lee-Modell, der Ferrari unter den Golfmobilen. Waylon ist damit durch halb Arizona gekurvt – und als er gestorben ist, hat er ihn mir vermacht. Jetzt fahre ich damit zur Arbeit.

Das einzige, was bei dir nicht so gut zu laufen scheint, und was du im Song ›The Mirror‹ aufgreifst, ist dein Liebesleben. Seit der Scheidung von Pamela Anderson hat man keine Frau mehr an deiner Seite gesehen. Bist du der einsame Wolf?
Ich beklage mich nicht. Aber ab und an fühle ich mich schon so. Denn wenn du ständig im Rampenlicht stehst und in dieser Showbiz-Welt verkehrst, lernst du kaum normale Menschen kennen. Einfach, weil ihr Leben komplett anders ist als meins.

Und von Frauen aus „deiner“ Welt, denen du das Stück ›Cucci Galore‹ widmest, hast du erst einmal genug? Oder anders gefragt: Würdest du dich noch mal mit ihnen einlassen?
Ich glaube nicht. Das ist eher der alte, wilde Kid Rock – der das aber sehr genossen hat. Denn welcher Mann träumt nicht davon, mit einem Playmate zusammen zu sein? Das ist eine nette Fantasie. Nur: Manchmal sollte sie das auch bleiben. Ich würde sie definitiv nicht noch einmal zur Realität machen. Das war ein Riesenfehler.

Wonach suchst du heute?
Nach gar nichts. Ich habe das Glück, dass es mir so gut geht wie nie zuvor. Dass ich alles erreicht habe, was ich mir je gewünscht habe. Ich bin der lebende amerikanische Traum. Aber ich habe auch hart dafür gearbeitet. Und deshalb spüre ich keinen Zeitdruck, sondern lasse das einfach auf mich zukommen. Wenn ich irgendwann die Richtige treffe, bin ich bereit. Einfach nur Sex kann ich ja immer und überall haben. Das eine schließt das andere nicht aus. (lacht)

Aber kannst du denn einfach in eine Bar gehen und jemanden kennenlernen?
Natürlich kann ich das. Das Ding ist nur, dass es keinen Spaß mehr macht, seitdem jeder ein Telefon mit Kamera hat. Ich meine, ich unterhalte mich gerne mit Leuten und hänge mit ihnen ab. Aber ich finde es schlimm, wenn alle zwei Sekunden jemand ein Foto von mir machen will. Das bringt mich auf die Palme. Und jeder, der das schon mal mitgemacht hat, wird das verstehen: Es ist einfach nervig. Ich meine, wenn jemand zu mir kommt und „hallo“ sagt, ist das kein Thema. Aber alle zwei Sekunden zückt jemand sein Telefon – ohne dass er oder sie weiß, wie das Teil funktioniert. Da bleibt mir meist nichts anderes übrig, als das Weite zu suchen.

Wann gehst du mit REBEL SOUL auf Tour?
Am 1. Februar – mit einer Arenatour durch die USA, die zwei Monate dauert. Anschließend geht es auf den Spring Cruise durch die Karibik, wofür sich ein paar Tausend Fans angemeldet haben und was ein Riesenspaß wird. Dann spiele ich in Kanada, ehe es für ein paar Open Airs zurück in die Staaten geht. Im Herbst komme ich nach Europa, also auch nach Deutschland.

Wobei du ohne deinen angestammten Tourbus auskommen musst – den benutzt jetzt angeblich Justin Bieber…
Er hat ihn von mir übernommen. Und er meinte zu mir: „Hey, ich habe deinen alten Bus.“ (lacht) Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Eben: „Junger Mann, du solltest ihn vorher gründlich reinigen lassen.“ Und ehrlich gesagt kann ich ihn mir darin auch gar nicht vorstellen. Schließlich befinden sich da überall große Ds für Detroit, der Fernseher kommt aus einer Sternendecke und die Dusche ist aus Glas mit bunten Lichteffekten. Ich habe keine Ahnung, was er damit vorhat.

Werden wir in Deutschland je in den Genuss deines „Bad Ass“-Biers kommen?
Bislang ist es nur in Michigan erhältlich. Und seien wir ehrlich: Es ist wässrige amerikanische Bierpisse. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschen darauf stehen. Ich meine, trinkt ihr nicht dickflüssiges, dunkles und herbes Lager? Also wirklich gutes Bier? Ich bin mir sicher, dass es dann heißt: „Das ist doch miese amerikanische Plörre. Das Zeug brauchen wir nicht.“ Obwohl: Es ist immer noch besser als Bier mit Kürbis- oder Bananengeschmack. Das halte ich für ein echtes Verbrechen.

 

The Pogues – 30 Jahre Abfahrt

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Zu behaupten, die irischen Folk-Punk-Veteranen The Pogues würden dieser Tage 30 Jahre alt, ist nur bedingt korrekt – immerhin gab es Ende der 90er eine fünfjährige Komplettauszeit. Seit 2001 tingelt der Tross aber wieder in Originalbesetzung durch die Lande und feierte Mitte September mit zwei Konzerten in Paris das große Jubiläum.

Sie sind zweifellos eine Macht, wie sie da zu acht auf der Bühne stehen und, kaum dass die Musik erklingt, wie eine in den Jungbrunnen gefallene Folkrock-Truppe wirken. Die Energie und Leidenschaft, ihre Überzeugungskraft, die superschmissigen Tunes, die sich stets ebenso an traditioneller Musik orientieren, wie sie um einen punkigen Zeitgeist bemüht sind: alles noch immer da. Und darum gehe es auch, sagt Akkordeon- und Mandolinenspieler James Fearnley im Interview: „Unser zentrales Interesse gilt dem Wunsch, auch mit Ende 50, Anfang 60 nicht wie eine abgehalfterte Rentnerband zu wirken, sondern die Intensität der frühen Tage wieder aufleben zu lassen. Wir wollen noch immer unsere Zähne zeigen, und damit meine ich nicht die paar komischen Krater in Shanes Mund.“ Und schon biegt er sich vor Lachen über seinen eigenen Witz.

Es sei ohnehin der Hauptgrund für ihre Wiederzusammenkunft gewesen, als sich die Urmitglieder 2001 an einen Tisch setzten und beschlossen, nach der Auszeit doch wieder auf Tour zu gehen: „Damals gab es Dutzende The Pogues-Coverbands, die wenigsten davon waren gut. Wir wollten ihnen zeigen, wie man so eine Covertruppe richtig aufzieht“, grinst er. Und erklärt damit en passant, warum es die Iren in nunmehr elf Jahren erneuter Zusammenkunft zu keinem neuen Album brachten: „Unsere Studioaufnahmen sind ohnehin recht überschaubar, denn wir waren nie eine Band der Konserve. The Pogues zu verstehen heißt, sie live zu sehen. Das ist unser Beritt, unsere Motivation. Platten aufnehmen war immer nur ein notwendiges Übel.“

Es gibt zwar Gerüchte, dass der durch jahrzehntelangen Alkoholkonsum etwas zerfressen wirkende Frontmann Shane MacGowan wieder an neuen Songs schreibe, doch bestätigen will Fearnley nichts: „Ja, sagt man so. Gehört habe ich aber seit Jahren nichts.“ Stattdessen gehen die meisten Pogues-Musiker auf der Suche nach neuem Output eigene Wege. So auch Fearnley, der Anfang des Jahres seine erste Solosingle veröffentlichte, produziert von der ziemlich hippen Dust Brothers-Hälfte John King, dessen Kinder dieselbe Schule in Los Angeles besuchen wie seine eigenen. „Er sprach mich einfach an und – zack – waren wir im Studio.“ Ein Album von ihm soll 2013 folgen.
Betrachtet man diese ergrauten, alternativ glatzköpfigen Herren auf der Bühne, wird einem eines deutlich: Echter Punk kennt kein Alter, die eruptive Kraft dieser Musik funktioniert auch noch kurz vor dem Renteneintrittsalter. Denn so sieht auch Fearnley die Band: „Wir wurden häufig als Folkband wahrgenommen, die ein bisschen ruppig ist. In unserem Selbstverständnis sind wir aber eine Punkband, die sich gewisser Folk-Elementen bedient.“ Sieht, spürt, hört man. Gerade auch in den politischen Texten MacGowans, die inhaltlich heute zwar zuweilen etwas überholt wirken – wenn es etwa um den IRA-Konflikt der 80er geht –, in ihrer Dringlichkeit und sprachlichen Präzision indes nichts von ihrer Qualität verloren haben.

So stellen sich die beiden Abende in Paris als angemessen würdevolle Jubiläums-Events dar. Für alle, die das verpassen mussten, gibt es seit dem 12. November ein schickes DVD-Set, das die Ereignisse rund um den Geburtstag sowie die beiden Shows auf stimmige Weise zusammenfasst.

 

Spiders – Gegen die Ernsthaftigkeit des Retro Rock

Das sieht wirklich nach einem Senkrechtstarter aus: Schon mit ihrem Debüt können die Spiders begeistern, alle blicken mit offenen Augen Richtung Göteborg. Aus einer Freizeitband wurde schnell Beruf. Doch was macht diese Band so besonders? CLASSIC ROCK ging der Sache auf den Grund.

Die Saat ging auf. Der schwedische Vierer um Frontfrau Ann-Sofie Hoyles hat schon vor der Veröffentlichung des Debüts FLASH POINT das Interesse von Fans und Presse auf seiner Seite. Schon clever, denn wie viele Bands veröffentlichen heutzutage noch Singles und EPs, die schon nach kurzer Zeit ausverkauft sind und somit das Interesse an der Band weiter gesteigert wird? Im Zuge der schwedischen Retro-Rock Invasion hat die in Göteborg 2010 gegründete Band ihr erstes Etappenziel erreicht: Debut veröffentlicht und gleich auf Europatour mit ihren Landsmännern Graveyard. Ann-Sofie Hoyles: „Zu Graveyard besteht ein besonderes Verhältnis, war doch deren Drummer Axel Sjöberg so gesehen ein Gründungsmitglied von Spiders. Er tat sich mit meinem Mann John, der damals noch bei Witchcraft spielte, zusammen und gründete mit ihm die Spiders als ein Art Freizeitband. Daraus hat sich dann schnell ein Selbstläufer entwickelt, also eine konkrete Band mit richtig guten eigenen Songs, die ja dann auch schnell auf einer 10 Inch verewigt wurden. Als mein Mann sich entschied bei Witchcraft auszusteigen war klar, dass Spiders nun mehr Prioritäten eingeräumt werden würden.“

Der Ausstieg John Hoyles bei Witchcraft kam nicht von ungefähr. Nach knapp neun Jahren hatte John das Gefühl musikalisch eingeengt zu sein und suchte neue Herausforderungen. Seine neue Band kam da genau richtig um den entscheidenden Schritt weg von Witchcraft zu tun. „John steht sehr auf The Stooges, Mc 5, echten harten Rock`n`Roll eben und den spielen wir bei den Spiders. Das unterscheidet uns meiner Meinung nach von all den anderen jungen Retro Bands die aus Schweden kommen. Die klingen alle eher düster, spielen diese gewaltigen Riffs und kokettieren mit dieser „Okkult“-Zuordnung um noch mehr Retro darzustellen. Ich dagegen stehe mehr auf Party Mucke wie wir sie spielen, und da ist es auch keine Frage was mein Lieblingssong unseres Albums ist! Das sehr von Motörhead beeinflusste ›Hang Man‹“, klärt uns Frontröhre Ann-Sofie auf.

Dass sich das Mitwirken etablierter Musiker aus anderen Bands in einer neu gegründeten Combo positiv bemerkbar macht hat das Quartett selbst am eigenen Leib erfahren. Aktuell erlebt die junge Band dies erneut in Japan. „Gerade ist FLASH POINT in Japan veröffentlicht worden und da klebt tatsächlich ein Sticker auf der CD, der darauf hinweist, dass ex-Witchcraft Musiker in der Band spielen würden. Witchcraft ist in Japan sehr populär und ich kann das Label dort schon verstehen, aber ganz fair ist das nicht“ moniert die Frontfrau. Dass aber gerade solche Querverweise zu anderen Bands dem Newcomer zu mehr Aufmerksamkeit verhalf ist Fakt. Man erinnere sich, Drummer Axel Sjöberg ist aktives Mitglied bei Graveyard und legte daher später sein Mandat aus Zeitmangel bei den Spiders nieder. Dennoch hatte die Band den Ruf einer All-Star-Truppe an der Backe kleben. Trotz diesen Umstands: die jungen Schweden spielen aufgrund ihres recht eigenen Stils und einer gut aussehenden Frontfrau, die den Mittelpunkt der Band darstellt, relativ Konkurrenzlos im Retro Rockzirkus. Da stellt sich natürlich die Frage wie es für eine einzelne Frau auf einer Tour mit ausschließlich Männern so ist und ob da keine Stresssituationen entstehen?

„Nein, nein, das sind ja alles Freunde von mir und wir kennen uns alle schon sehr lange. Ich bin auf dieser Tour nicht das Girl dem jeder imponieren will, im Gegenteil, das geht alles sehr relaxt zu. Ich verhalte mich ja auch nicht wie eine Tussi und das wissen die alle hier. Wir hängen ja auch zuhause sehr oft zusammen ab und da sind die Grenzen deutlich abgesteckt. Die Szene in Göteborg ist eh sehr freundschaftlich und meistens trifft man sich zum feiern im „Truckstop Alaska“, einer geilen Kneipe von guten Bekannten. Der Szenentreff in der Stadt schlechthin.“

Aha, aber dass man 24 Stunden am Tag mit dem Ehemann verbringen muss bringt doch sicher Nachteile mit sich!? Auch hier verweist Frau Hoyles auf die gute schwedische Kinderstube: “Keineswegs, John und ich ergänzen uns perfekt. Selbst zuhause hängen wir wie die Kletten aneinander und streiten eigentlich nie. Das entspricht nicht unserer Mentalität.“

 

Was macht eigentlich London? Der zweite Hollywood Frühling

Um London ranken sich viele Legenden. Nikki Sixx von Mötley Crüe, Slash, Izzy Stradlin und Steven Adler (Ex – Guns N‘ Roses) oder Blackie Lawless von W.A.S.P. verdienten sich in der Sunset Strip Combo ihre ersten Sporen auf dem Weg zum Rock Olymp. Nadir D‘Priest, Sänger der Band seit 1984, längstes konstantes Mitglied und Kurator des Vermächtnisses der Gruppe blickt zusammen mit Classic Rock zurück in die Vergangenheit und in die Zukunft der Sunset Strip Institution.

Nadir, 2010 hast du das PLAYA DEL ROCK Line Up von London reanimiert. Wie war es nach 20 Jahren wieder mit deiner alten Band auf den Bühnenbrettern zu stehen?
Eigentlich war es ziemlich einfach. Ich wollte unbedingt zum Jubiläum von PLAYA DEL ROCK diesen verrückten Haufen wieder zusammen sehen und unserer Bandgeschichte feiern. Alles lief ziemlich entspannt ab. Sean Lewis (Gitarre) spielte schon bei meinem Bühnencomeback unter dem Bandnamen D‘Priest 2008 die Sechssaitige, später stieß noch unser Schlagzeuger von damals Alan Krigger dazu. Etwas schwieriger gestaltete es sich mit Brian West, der bis 1990 den Bass zupfte. Speziell er und ich gingen nach der Auflösung von London nicht gerade als Freunde auseinander. Zum Glück heilt manchmal die Zeit alle Wunden, man wird weiser und bekommt einen anderen Blick auf Geschehenes. So kam es, dass wir vor zwei Jahren alle zusammen im Roxy Theatre in Hollywood einen viel umjubelten Gig spielten. Seitdem touren wir wieder regelmäßig.

Das riecht nach neuen Songs…
Anfang nächsten Jahres kommt – quasi als „Comeback“ – unsere erste Live Scheibe auf den Markt, die zwei neue Stücke beinhaltet. Um es gleich vorweg zu nehmen: es wird auch in naher Zukunft ein neues Album geben. Nach der aktuellen Tour geht‘s wieder ins Studio!

Vorhin hast du den Krach, der auf der PLAYA DEL ROCK Tour zur Auflösung von London führte angesprochen. Was ist in diesem Sommer passiert? Ihr hattet zwei Videos in der Heavy Rotation bei MTV und wart kurz davor den Durchbruch im Mainstream zu schaffen…
Mit Krach hast du den Nagel auf den Kopf getroffen! Es gab zwischen uns keine langwierigen „Streitigkeiten“ das ganze war wie eine Explosion! (lacht) Alles passierte – und das klingt jetzt wie aus einem Filmdrehbuch – in der Mitte von Nirgendwo. Ich kann mich an den eigentlichen Grund überhaupt nicht mehr so richtig erinnern, da alles so surreal war. Es ging wohl irgendwie um unseren Plattenvertrag, Frauen, Drogen…plötzlich fand ich mich umzingelt von der Polizei, die uns von einander losreißen musste mitten in der Wüste von Arizona…ein Freund aus L.A. holte mich plus den Koffer den ich bei mir hatte nach einer gefühlten Ewigkeit dort ab. Ich war sprichwörtlich am Arsch! In der Retrospektive betrachtet ist es allerdings eine ziemlich lustige Story! (lacht)

Wie ging‘s für dich und deinen Koffer weiter?
Ich sang in verschiedenen Bandprojekten, arbeitete zwischen 1994 und 1996 als Projektmanager für die Rolling Stones VOODOO LOUNGE CD-Rom, danach nahm ich ein Soloalbum in Spanisch auf und arbeitete als Hairstylist.

Um noch mal auf PLAYA DEL ROCK zurückzukommen: warum stand 1990 gleichzeitig eine Pressung unter dem Namen D‘Priest und eine unter London in den Plattenläden?
Das war ein deutscher Schachzug – das war nicht ich! (lacht) Zu dieser Zeit waren wir bei dem (inzwischen geschlossen – Anm.d.A.) deutschen Label Noise Records unter Vertrag. Zu Beginn des Produktionsprozesses prangte nur London auf dem Cover. Allerdings dachte sich die Plattenfirma eine neue Marketingstrategie für uns aus und befanden es für besser, mit PLAYA DEL ROCK einen Neustart der Band unter meinem Künstlernamen zu forcieren. Was genau dahintersteckte weiß ich bis heute nicht. Sie leisteten dabei so gute Überzeugungsarbeit, dass wir einfach mitzogen… (lacht)

 

Soundgarden

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Nach 15 Jahren der Trennung haben sich Soundgarden „durch Zufall“ wieder vereint. Aber könnte ihre Rückkehr zu schlechten Gewohnheiten führen?

„Wir waren 13 Jahre oder so nicht mehr im selben Raum gesessen, und nach fünf Minuten war es, als sei überhaupt keine Zeit vergangen. Wir hatten einander vermisst.“ Chris Cornell war einer Reunion seiner alten Band am skeptischsten gegenüber gestanden, das er ihr Erbe nicht entwerten wollte. Über Interviews zu dem Thema ließe sich dasselbe sagen. Doch nun ist seine Leidenschaft für seine Band neu entfacht, er freut sich über ihre Rückkehr, über die Konzerte und das überraschend starke neue Studioalbum KING ANIMAL.

„Die einzige Sorge dabei, ein neues Album zu machen, war dass ich das Gefühl hatte, dass wir gewonnen hatten. Wir hatten noch nie ein Album gemacht, das ich nicht für kreativ oder gewagt hielt und das keine deutliche Weiterentwicklung für uns darstellte“, sagt er. „Ich dachte, wir hatten dieses perfekte Vermächtnis hinterlassen, das nur wir zerstören konnten, und das ist nicht gut. Wenn wir also nicht mindestens so gut zurückkehren wie mit dem letzten Album, wäre es möglich, dass wir den gesamten Katalog damit runterziehen.“
Manche Bands gehen in Flammen unter, entweder des Ruhms oder des eigenen Versagens. Aber nicht Soundgarden. Sie drifteten einfach ans Ende ihres Wegs, ohne Wind in den Segeln nach einem Jahrzehnt oder mehr fast permanenten Tourens. Bei ihrem letzten Konzert in Honolulu im Februar 1997 warf Ben Shepherd seinen Bass auf den Boden, nachdem sein Amp versagt hatte, und stürmte von der Bühne, mit dem Rest der Band im Schlepptau. Nur Cornell kehrte zurück, um solo noch eine Zugabe zu spielen. Wenig später gab die Band, erschlagen und ausgelaugt, ihre Auflösung bekannt.

„Die Band endete nicht im Bösen“, sagt Gitarrist Kim Thayil. „Sie verlor irgendwie den Zusammenhalt. Uns war einfach das Benzin ausgegangen.“

„Es gab keinerlei böses Blut, als wir uns auflösten“, stimmt Drummer Matt Cameron zu. „Wir waren einfach erst mal fertig mit der Sache. Sie starb einfach.“

„Wir hatten am Gipfel unseres Schaffens aufgehört“, sagt Cornell.

„Es gab nichts, das mich davon abhielt zurückzukommen“, sagt Bassist Ben Shepherd, nachdem er daran erinnert wurde, dass er es war, der damals in Hawaii seinen Bass wegschmiss und von der Bühne ging.

Wie man es dreht und wendet, ist KING ANIMAL ein glücklicher Zufall. Beim ersten Bandtreffen 2009 ging es nur ums Geschäft – ihre Website, den Backkatalog, welche alten T-Shirts neu gedruckt werden sollten. Sie schützten ihr Vermächtnis, verdienten vielleicht etwas Geld daran. Eine unschuldige Ankündingung am 1. Januar 2010, dass eine neue Website gebaut werde, wurde von der Presse und einem sehnsüchtigen Publikum missverstanden als Beleg, dass die Band wieder zurück sei. Und dann entwickelten die Dinge ihre Eigendynamik. Plötzlich wurden einer Band, die gar nicht existierte, Auftritte angeboten, inklusive eines Headliner-Slots beim Lollapalooza in Chicago in jenem August – dabei wollten sie doch einfach nur ein bisschen Merchandise online verkaufen.

„Niemand sagte, willst du die Band wieder an den Start bringen?“, so Thayil. „In einem Moment reden wir mit Leuten über eine Website, im nächsten sehen wir uns T-Shirt-Designs an, und dann kamen die Angebote für Shows. Es machte Spaß, dann fingen wir an, zu jammen, und dann dachten wir darüber nach, diese Jams aufzunehmen… Als wir dann begonnen hatten, dieses Album zu schreiben, und wieder eine kreative Einheit waren, dachte ich mir, Hm, sieht aus, als sei die Band wieder aktiv.‘ Und wir gingen in die Studios und nahmen diese Sachen auf und sagten, ‚Yep, wir sind Soundgarden.‘ Es war seltsam, denn eigentlich hatte ich daran überhaupt kein Interesse. Als die Band sich auflöste, vermisste ich sie am Anfang, aber ich ließ sie hinter mir wie eine schlechte Ehe: Ich blickte nach vorn. Und ich war sehr zufrieden und gefestigt in meinem Leben, nachdem ich dieses Kapitel abgeschlossen hatte, und wollte es ganz und gar nicht wieder aufleben lassen. Bis wir es tatsächlich taten.“

„Ich machte gerade ein Soloalbum fertig und dachte, nie im Leben können Soundgarden wieder auferstehen“, sagt Shepherd, hoch erfreut über das Geschehene. „Und genau das sagte ich den Jungs im Studio auch: Es wird nie wieder eine Band geben; das ist es nicht wert. Aber ein paar Tage später trafen wir uns wieder! Ich denke mal, wenn ich schon in einer Band bin, kann es wohl genauso gut diese sein. Ein Haufen Lohnsöldner!“
In den Jahren der Bandpause hatten sich die Dinge verändert. Cornell wurde zum Solostar und ließ Soundgarden auch mit der Multiplatin-Band Audioslave hinter sich. Matt Cameron hatte seit 1998 bei Pearl Jam gespielt. Beide waren selten nicht auf Tour.

„Ich habe es den Jungs bei Pearl Jam so offen wie möglich gesagt, und sie unterstützen mich alle total“, sagt Cameron über seinen Hauptjob. Wegen seines und Cornells Arbeitspensums wurde KING ANIMAL jedoch stückweise mal hier, mal da aufgenommen, anders als jedes andere Soundgarden-Album. Die Sessions begannen im März 2011 in den Bad Animals-Studios in Seattle. Während Online-Berichte andeuteten, das Album stehe kurz vor seiner Fertigstellung, wurde der Aufnahmeprozess zum Stückwerk.

„Wenn wir erst mal im Studio waren, gab es kein Problem“, sagt Cameron. „Es hat genervt, immer wieder aufhören und anfangen zu müssen, aber das ließ sich wohl nicht vermeiden. Wir hatten die erste Session im Frühling, und dann gingen wir über den Sommer des letzten Jahres immer wieder ans Werk. Also war es insgesamt wohl fast ein Jahr in der Mache. Wir sind wie Def Leppard!“

„Ich denke, die Pausen haben das Album beeinflusst“, sagt Cornell. „Aber wenn ich mich hinsetze und nachdenke, wie sie sich ausgewirkt haben, würde ich sagen, in erster Linie positiv, vor allem als Texter und Arrangeur. Ich hätte einfach wie früher das Schreiben, Arrangieren und Abschließen eines Lieds flott erledigen können. Bei ›Been Away Too Long‹ z.B. schrieb ich die Musik, machte ein Demo davon, spielte es der Band vor, und das war eines der ersten Dinge, an denen wir arbeiteten. Es gab keinen Text, keine Melodie oder irgendwas, und jeder liebte es, wir spielten es ein Jahr lang und nahmen es dann auf. Ich hatte nichts, was dazu passte, keine Ideen, die mir kamen, und nichts schien mir offensichtlich, was passieren kann. Und ich denke, die Zeit hat geholfen, denn eines Tages kam einfach alles in meinem Kopf zusammen. Manchmal geht das beim Songwriting so. Ich habe Lieder fertiggestellt Jahre, nachdem ich sie angefangen habe, die dann auf anderen Alben landeten. Bei ein paar Songs glaube ich also, dass dieses ständige Aufhören und wieder Anfangen hilfreich war, denn so ging ich das Songwriting immer wieder aus einer frischen Perspektive an.“

„Es hat sich eigentlich von Anfang an wieder ziemlich natürlich angefühlt, im Studio zu sein“, sagt Thayil. „Wir waren vielleicht in bisschen eingerostet und mussten die Gelenke neu ölen… aber im Großen und Ganzen war es leichter, Musik zu machen und mit diesen Jungs zu spielen, als ich das je mit irgendeiner anderen Gruppe von Musikern erlebt habe. Es war sehr natürlich, wie ein Treffen mit einer alten Ex-Freundin: Man zögert erst ein bisschen, aber man weiß, wie man miteinander reden kann. Und wenn ich das sage, bezeichne ich Soundgarden nicht als meine Ex-Frau. Ich bezeichne sie als meine Bitch!“
„Irgendwo in meinem Hinterkopf, falls es mitten unter den Aufnahmen klar würde, dass es nicht funktioniert, waren wir uns einig, dass wir es nicht veröffentlichen würden“, sagt Cornell. „Falls es unser und des Bandnamens nicht würdig wäre, konnten wir es einfach nicht tun. Und dann, als wir begannen, zu schreiben und zu arrangieren, fühlte es sich wie jedes andere Album an. Es gab Momente, wo man ein Lied oder Stücke davon in Frage stellte, aber es gab nie Zweifel, ob das Album gut werden würde, oder dass unsere Fans nicht glücklich damit sein würden. Und jetzt, wo ich mich hingesetzt und mir die fertige, gemixte, gemasterte Version angehört habe, fühlt es sich total erhebend an. Vielleicht sogar mehr als das, denn wir hatten eine 15-jährige Pause und es fühlt sich frisch, lebendig und sehr nach uns an. Das Album hört sich nicht an wie eine Band, die lange weg war, jetzt wieder zusammen ist und ein neues Album herausbringt, weil wir nichts Besseres zu tun haben. Wir haben hart daran gearbeitet und es war uns genauso wichtig wie jede andere Platte, die wir gemacht haben. Wir haben einige Elemente genauso gut hinbekommen wie früher, und einige neue Sachen gemacht, die wir nie gemacht haben, und ganz sicher niemand anders. Also bin ich wirklich glücklich, dass wir dieses Risiko eingegangen sind.“

Und das sollte er sein. Zu viele Bands sind lebende Beispiele für das Gesetz der abnehmende Erträge, verkaufen nur ihren früheren Ruhm und leben in der Vergangenheit. Wie Cornell sagt, war das das Letzte, was er wollte: Er wollte nicht, dass sich die Zukunft der Band auf ihre Vergangenheit auswirkt. Henry Rollins beschrieb Soundgarden einst als seltsame Metalband, und diese kopfgesteuerte, instinktive, dunkle und schwere Einzigartigkeit – diese trotzige Trostlosigkeit – ist auch der Kern von KING ANIMAL. Es ist sofort unmissverständlich Soundgarden in seinen unheilvollen Klängen: ›Bones Of Birds‹ und ›Black Saturday‹ (mit dissonanten Bläserparts) sind unablässige Abwärtsspiralen, in voller Schönheit zum Ausdruck gebracht. Das bereits erwähnte ›Been Away Too Long‹ und ›Non-State Actor‹ wiederum haben die rohe Energie, die es ihnen erlaubt, den Grundstein ihrer brachialen Heavy Metal-Vergangenheit auszugraben. Man fühlt sofort, dass sie zu lange weg waren, aber auch, dass sie uns eigentlich nie verlassen haben. Es zeichnet sie aus als eine der beständigsten und einfallsreichsten Gruppen, die es durch das Dickicht überhypeter Bands geschafft haben, die Ende der 80er aus dem Nordwesten der USA aufkamen.

Es war Cornell, der schließlich Seattle verließ, um nach Los Angeles zu ziehen, für eine neue Band und eine neue Familie. Die anderen drei leben immer noch in der Stadt oder ihrer Nähe. Es schien klar, dass sie alle zurückkehren würden, um zu schreiben und aufzunehmen, stückweise, wie es sich dann herausstellen sollte. Aber war es schwer für den Sänger, zurückzukehren, oder fühlte es sich so vertraut an, wie sich das Treffen mit seiner alten Band zunächst tat?

„Es gibt Dinge dabei, dort zu leben oder nicht dort zu leben“, sagt Cornell über seine alte Heimatstadt. „Wenn ich dort bin, bin ich für Soundgarden dort, und das hilft, mich zu konzentrieren. Und es gibt eine weitere Zutat, die beim Schreiben hilft, und das ist eins dieser Dinge, aber Seattle hat eine gewisse Stimmung, die manchmal dabei hilft, Soundgarden-Musik zu machen. Ein bisschen Zeit dort zu verbringen, auch wenn ich nur zum Proben oder Schreiben kam und dann wieder zurückführ, reichte aus, um wieder eine Verbindung zu finden zu dieser Stimmung, was auch immer sie sein mag. Der Himmel hängt sehr tief dort. Mein Schwager ist Drehbuchautor, und er kam einmal mit, als ich probte. Er saß in unserer Wohnung und schrieb ein paar Tage, und es war diese Jahreszeit, in der die Wolken dir auf den Kopf drücken und die Sonne nie wirklich rauskommt. Es war schwer für ihn, irgendwas auf die Reihe zu kriegen.“

Wenn man die anderen Soundgarden-Mitglieder fragt, wie ihre Freunde und Familien auf die Nachricht von der Reunion reagierten, ist die Antwort ziemlich einhellige Freude. Matt Camerons Frau zeigt sich besorgt darüber, wieviel er nun auf Tour sein werde, wo er bei zwei Vollzeitbands war, aber generell überwog das Gefühl, dass es eine positive Entwicklung sei. Die einzigen warnenden Töne kamen von denen, die Cornell am nächsten stehen, genauso wie von ihm selbst. Cornell hatte schon mit zwölf angefangen, Drogen zu nehmen und zu trinken, und ging schließlich 2002 in den Entzug. Eine der größten Veränderungen seit der Reunion letztes Jahr sei das Fehlen von Alkohol. „Wir haben uns nicht wirklich darüber unterhalten, aber es stehen keine Bierflaschen oder Jack Daniel‘s mehr rum… sie sind einfach weg.“

Man kann die Zurückhaltung seiner Freunde und Familie verstehen. In den Straßen von Seattle richtete Cornell sich fast zu Grunde, betrunken und süchtig zog umher, mit den ständigen Begleitern Depression und Selbsthass auf seinen Schultern.

„Ich denke, es gab einen gewissen Grad von Sorge, in erster Linie wegen des schlimmen Geistes- und körperlichen Zustands, in dem ich damals weggegangen war“, sagt Cornell mit einem überraschend lautem Lachen. „Es ging mir richtig schlecht, geistig, körperlich und emotional. Mein Verhalten war eine einzige Nullsumme. Und das liegt zum Teil am Ort selbst. Werde ich an die Dinge erinnert, die auf dem Teil meines Lebens basieren, der so unglücklich und schlecht war? Darum machten sie sich Sorgen, und das war berechtigt, denn es war nicht leicht gewesen. Es gab Momente, in denen ich da saß und die Geister der Vergangenheit spürte, und ich will nicht damit konfrontiert oder daran erinnert werden. Wenn es an jeder einzelnen Ecke jeder Straße, auf der du fährst, eine Erinnerung gibt, und viele davon, ist das nicht gut, und das ist eine Herausforderung. Also ja, es gab Zweifel und Sorgen diesbezüglich, aber auch jede Menge Unterstützung.“

Soundgarden begleitete die Mitglieder durch ihre Zwanziger in ihre später Dreißiger. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, die Band habe ihre Leben geformt. Sie waren junge Männer, als sie Lieder wie ›Beyond The Wheel‹, ›Ugly Truth‹ und ›Get On The Snake‹ schrieben und aufnahmen. Als sie wieder anfingen, zusammen aufzutreten, füllten sie ihr Set mit viel Material aus den 80ern. War es schwer, so weit zurückzugreifen und diese verwegene Energie dieser vier jungen Männer wiederzuerwachen?

„Das musste seltsam werden, wie wir alle versuchten, wieder den Weg zu diesem Ort zurückzufinden, als die Band noch so jung war“, sagt Cameron. „Jugend ist ein großer Teil der Gleichung für gute Rockmusik; sie muss einfach diese Energie haben. Wir werden heute keinen Song wie ›Full On Kevin‘s Mom‹ [von LOUDER THAN LOVE, 1989] mehr schreiben. Es wird sich komisch anfühlen, diese Lieder jetzt zu spielen, sie sind so jugendlich, aber es macht großen Spaß, es zu versuchen, wieder dahin zurückzukehren und sich daran zu erinnern.“

„Wir sind in fast jedem Sinn gewachsen und haben uns verändert“, sagt Thayil. „In vielerlei Hinsicht sind wir andere Menschen. Wir befinden uns gesellschaftlich und kulturell in anderen Teilen unseres Lebens, und es wird anders sein, ein Lied wie ›Hunted Down‹ zu hören. Ich war 26, als wir das machten; das wird ein anderes Licht werfen und andere Gefühle und Bilder heraufbeschwören, jetzt wo ich 50 bin. Ich würde sagen, ich habe es damals stärker gespielt als jetzt, weil ich es damals anders verstand. Ich mag es immer noch, aber auf andere Art und Weise. Aber nimm ›Ugly Truth‹: Ich habe diesen Song immer sehr gemocht. Das tue ich immer noch, und sehr intensiv. Aber es ist völlig anders. Ich finde, ich spiele dieses Lied heute viel besser als damals, weil ich es heute anders verstehe.“

„Nach so langer Zeit, in der wir kein Soundgarden-Album gemacht haben, war ich richtig scharf drauf, wieder reinzugehen, zu versuchen, es besser als früher zu machen, und diese Herausforderung wieder anzunehmen“, sagt Cornell. „Das ist ein aufregendes Pro-blem, rauszugehen und wieder diese Typen zu sein. Aber wir haben es immer richtig gemacht und wir waren immer echt und ehrlich. Ich glaube nicht, dass ich mir je 100 % sicher war, dass wir wieder zusammenkommen würden – da war immer mehr Druck, als es mir lieb war, es gab immer dieses große Fragezeichen. Aber jetzt sind wir hier und wir haben endlich die Antwort.“