Mötley Crüe: Die vier letzten Tage des Sleaze Rock

13 Monate, 158 Shows, Einnahmen jenseits der magischen 100.000.000-Dollar-Grenze, eine Schlagzeugachterbahn und vier Sunset-Strip-Legenden – das war Mötley Crües THE FINAL TOUR. Eine Konzertreise, die die erste Sleaze-Rock-Band des Planeten ein letztes Mal mit einer der atemberaubendsten Konzertproduktionen der Rockgeschichte rund um den Erdball führte.

27.12.2015
MGM GRAND GARDEN ARENA, LAS VEGAS: WO IST ALICE?

In Sin City ist der Teufel los. Spaßtouristen und Familien drängeln sich dicht an dicht – ein eher ungewöhnliches Bild für die Enter­tain­mentmetropole. Die nächste Stufe dieses Culture Clash wartet im hinteren Teil des MGM Grand, in dem Casino, Shoppingmeile und Entertainment District ineinander übergehen. Wie eine besonders brave Schulklasse stehen die zu 99 Prozent in Mötley-Crüe-Merch gekleideten Fans in Zweierreihen und drei Schleifen auf einer Länge von knapp einem Kilometer vor den Türen des Gardens. Dank dem angeborenen deutschen Drängeln, einer 32oz (ca. 0,75l) großen Bierdose und dem geschulten Sonnenbrillenkonzertblick führt der Weg an der kompletten Schlange vorbei und schnurstracks zum Box Office. Dort angekommen erklärt eine freundliche Mitarbeiterin des Resorts, dass es nicht be­­kannt sei, ob heute Alice Cooper zwischen der Crüe und The Struts (die hier aufgrund von strapazierten Nerven das erste und letzte Mal Erwähnung finden) sein Horrorkabarett aufführen wird. Im Inneren der Halle angekommen wird klar, dass an diesem Sonntag definitiv niemand einen abgehackten Kopf in der Wüste verscharrt und die Zeit bis Mötley Crüe mit 14-Dollar-Bier überbrückt werden muss. Drei Bier und eine knappe Stunde langweiliges Gedudel später ist es so weit: Nikki, Mick, Vince und Tommy legen mit ›Girls, Girls, Girls‹ und gefühlten drei Lach­gas­ein­spritzungen mehr als bei den Konzerten in Deutschland los. Es kracht, es raucht und irgendwie schiebt man den Ge­­danken, dass dieser großartige Budenzauber in fünf Tagen Geschichte sein wird, ganz ganz weit weg.

28.12.2015
STAPLES CENTER, LOS ANGELES: DER SCHATTEN EINER LEGENDE

Leicht verkatert geht es mit SHOUT AT THE DEVIL (1983) im Ohr zum McCarran Airport. Einen angenehmen Flug und eine lustige Shuttlefahrt (inklusive knurrigem Fahrer) später präsentiert sich Downtown Los Angeles im kalifornischen Winter von seiner schönsten Seite. Während des Check-Ins outet sich der Portier als Crüe-Head und gibt noch einige Tipps für Bars in der Umgebung. Dank einer nur zehnminütigen Fußdistanz zwischen Hotel und Staples Center kann man getrost etwas trödeln und im Netz surfen… was dort allerdings auf der Startseite von Blab­bermouth prangt, verhagelt allen in Se­­kundenschnelle die Laune: Lemmy Kilmister ist gestorben. Als zehn Minuten später das Emailprogramm klingelt und eine Mail diesbezüglich von Lemmys Promoterin zu finden ist, macht sich totale Ernüchterung breit. Auf dem Weg zum Staples Center wird das Ableben Kilmisters zwischen Motörhead-Anekdoten heiß diskutiert und lässt den eigens für THE FINAL SHÖWS aus dem Boden ge­­stampften Shoppingtraum namens Crüe L.A. zur Nebensächlichkeit verkommen. Dank Vince Neil, der nach den ersten drei Songs eine wirklich tolle und respektvolle Ansprache zu Ehren Lemmys hält, ist wenigstens wieder etwas Rock’n’Roll-Rowdyness hergestellt und Mötley Crüe zünden mit massiv mehr Pyrotechnik als noch in Las Vegas in der Heimstätte der L.A. Lakers ein zum in die Knie gehendes symbiotisches Feuerwerk aus Musik und Hollywoodunterhaltung.

30.12.2015
STAPLES CENTER, LOS ANGELES: LIGHTS, CAMERA, ACTION

Nach einem Tag Pause wird die Gier nach Merchandising bei Crüe L.A. dann doch be­­friedigt. Hier gibt es wirklich alles, was das Fanherz begehrt. Angefangen vom obligatorischen Konzertshirt über limitierte Lederjacken bis hin zu signierten Gitarren und M.C. gebrandeten Kühlschränken im Marshall- Amp-Design. Eine Gruppe Japaner in perfekten Mötley-Outfits kauft gleich alle vier angebotenen Gitarren- und Bassmodelle plus eine Wagenladung an Shirts, Hoodies plus Kleinkram und erntet dafür beim zücken der schwarzen Mastercard seitens der Verkäuferin verdutzte Blicke. Auf dem Rundweg zu den Plätzen steht eine lächelnde Mitarbeiterin des Staples Centers: „Wollt ihr VIP Upgrades gewinnen?“ Da dies mit der Eingabe der Ad­­ressdaten an einem Touchscreen geschehen soll und Bayern inklusive deutscher Postleitzahl komischerweise nicht zur Auswahl steht, gibt es Premiumtickets ohne Gewinnspiel mit dem Kommentar: „Wer so weit für eine Band reist, hat das sowieso verdient!“ Warum die Karten der nicht verkauften VIP Packages verschenkt werden, wird beim Be­­treten des Parketts sofort klar – heute filmt die Crew um Regisseur Jeff Tremaine, der sich auch für die Kinoadaption von „The Dirt“ verantwortlich zeigt, die B-Roll der Silvestershow. Nach 156 gespielten Gigs läuft der Crüe­­­motor wie ein hochgezüchteter V8, Neils Stimme ist in Bestform, Sixx ist wieder ge­­fühlte 20, Mars raucht trotz massiver Probleme mit seinen Lungenflügeln während Lees Drumsolo zwei Kippen und irgendwie sieht das hier alles nicht so aus, als ob ernsthaft je­­mand einen Gedanken daran verschwendet, dass in gut 24 Stunden alles unweigerlich vorbei sein wird.

31.12.2015
STAPLES CENTER, LOS ANGELES: EIN ABSCHIED MIT PANNEN

Von Alice Cooper fehlt indes immer noch je­­de Spur, obwohl sein Logo an jedem Ge­­tränke- und Futterstand prangt. Eine offizielle Erklärung, warum The Coop selbst heute mit Abwesenheit glänzt, gibt es nicht. Während der Vorband verbringen gefühlte 90 Prozent aller Crüe-Heads auf dem Premier Level ihre Zeit damit, Bier, Supernachos oder die zur Feier des Tages exklusiven Final-Show-Shirts zu erstehen, um da­­mit ge­­mütlich auf einem der Ledersofas zu chillen. Heute beginnt das Set um 22.30 Uhr, damit Vince, Nikki, Mick und Tommy mit dem Höhepunkt der Produktion kurz nach dem Anbruch des neuen Jahres ihre gemeinsame Karriere beenden können – so der eigentliche Plan. Bei der ersten Ansage kämpft der sonst stets gut gelaunte Vince mit den Tränen. Danach donnert die Show wie gewohnt weiter. Der erste Patzer des 31.12. ist gleichzeitig ein Novum der ganzen Tour: Tommy bleibt kopfüber in der Crüecify stecken und muss per Hand von etlichen schwindelfreien Roadies aus der Achterbahn befreit werden. Diese Verzögerung bringt nun den kompletten Ablauf ins Straucheln: Der Countdown fürs neue Jahr kommt ganze neun Minuten zu spät, Neil flucht neben dem Mikro so laut, dass es in der ganzen Halle zu hören ist, die seit vier Tagen für diesen Moment unter dem Dach der Arena befestigten Ballons wollen gerade über der Bühne partout nicht aus ihrem Netz fallen und komischerweise ist das Mikro von Mars, der sich vor der Zugabe von den Fans verabschieden möchte, stumm geschaltet. ›Home Sweet Home‹ besiegelt nach dem letzten Bad in der Menge unwiderruflich die Karriere der größten Sleaze-Rock-Band der Musikgeschichte. Dass gerade an diesem Abend kein Wort, geschweige denn ein Gastauftritt von ehemaligen Mitgliedern wie John Corabi, Samantha Maloney oder eine Laudatio über den verstorbenen Randy Castillo ihren Weg in die gut 2,5 Stunden lange Show findet, ist nach Auffassung vieler Fans der überirdische Grund für die kleinen Missgeschicke.
Irgendwie passt dieses Ende zur Crüe, denn wann in ihrer 35-jährigen Karriere lief schon etwas ohne Drama ab?

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