Metallica: James Hetfield im Interview – „In meinem Inneren lauert ein Werwolf“

Über welches tragische Schicksal eines gefallenen Superstars singst du in ›Moth Into Flame‹?
Die Inspiration ging von Amy Wine­house aus. Ich habe den Film über ihr Leben gesehen, was für eine Tragödie. Ich konnte mich mit ihr identifizieren. Ich verstand die Traurigkeit, die sie übermannte, obwohl oder gerade weil sie so berühmt war. Ich war tieftraurig, dass niemand um sie herum sagte: „Wach auf. Wir lieben dich. Hör damit auf.“ Das Schlimme ist, dass viel zu viele Menschen denken, Ruhm könne sie retten. So nach dem Motto: „Wenn ich berühmt bin, dann bin ich auch reich, und dann werde ich voll glücklich.“ Das ist, sorry, nicht der Fall. Ich kenne sehr viele Menschen, die sehr reich und überhaupt nicht glücklich sind. Heutzutage kannst du sehr schnell berühmt werden, im Prinzip reicht es, wenn du einen einzigen Hit hast oder sonstwie auf­­fällig wirst. Das ist ein gefährliches Spiel, diese Sucht nach Aufmerksamkeit.

Du bist berühmt, du bist reich. Bist du glücklich?
Die Zeiten, in denen ich am glücklichsten bin, sind dann, wenn ich mein Handy nicht dabei habe, mein Geld nicht dabei habe, wir irgendwo durch die Berge wandern und einfach Menschen sind und unser Zelt aufbauen. Am liebsten bin ich mit Leuten zusammen, denen es egal ist, was ich beruflich mache. Die mich mö­­gen, weil ich ich bin.

Du brauchst also kein Stadion voller Menschen, um Glück zu empfinden.
Das Stadion macht mich auch glücklich. Beides. Camping im Wald oder 50.000 Leute auf einen Haufen. Da hast du es wieder. Extreme! (lacht)

In ›Now That We‘re Dead‹ zeichnest du den Tod in einem recht positiven Licht. Fürchtest du den Tod überhaupt?
Der Song dreht sich um zwei Menschen, von denen einer eine harte Zeit durchmacht und der andere ihm zu helfen versucht. ›Now That We‘re Dead‹ heißt in dem Kontext sowas wie: „Jetzt, da wir es geschafft haben, die Angst und das Trauma zu besiegen, hält uns nichts mehr zurück, und wir sind stark und frei“. Das Stück handelt von Hoffnung, Freiheit und Zuversicht. Also dem Gegenteil vom Tod.

Ihr habt das Album zusammen mit Greg Fidelman produziert, dem Engineer von Rick Rubin, der wiederum Produzent auf DEATH MAGNETIC war. Hat er Rubins Ar­­beit quasi weitergeführt?
Greg kennt uns und wir ihn. Er war ja auch schon Engineer auf DEATH MAGNETIC, und er hat LULU produziert, unser Album mit Lou Reed. Wir wollten Greg unbedingt haben. Er ist ein lockerer Kerl, man kann sehr gut und unkompliziert mit ihm arbeiten. Er hat brillante Ideen, was Sounds an­­geht, die Entscheidung für Greg fiel uns leicht.

Wenn wir uns die Platte in ihrer Gesamtheit angucken: Das sind 80 Minuten Musik, ›Hardwired‹ ist mit Abstand der kürzeste Song, ›Halo On Fire‹ kommt einer Ballade am nächsten. Nehmt ihr eure Hörer auf HARDWIRED…TO SELF-DESTRUCT mit auf eine Reise durch das Universum von Metallica, oder wie würdest du das sehen?
Dem kann ich nur zustimmen. Wir haben alle möglichen Sorten von Songs geschrieben, langsame und schnel­­le, Midtempo, harte und sanfte. Wir wollten eben eine gewisse Abwechslung bieten. Und ja, die meisten Songs sind verdammt lang. Das ist übrigens ein ständiges Streitthema zwischen Lars und mir. Er sagt immer: „Das muss kürzer werden“. Aber mir gefällt es eben lang, ich antworte stets: „Nein, das bleibt so“. Kann sein, dass wir es mit den langen Songs etwas zu sehr ausgereizt haben, egal, lange Songs sind geil. Ansonsten kann ich dir wirklich nur sagen: Ich liebe dieses Album, die Riffs, meine Texte, Gregs Beitrag, es ist wirklich rund.

Du hast jetzt mehrfach angesprochen, dass du dich mit Lars im Studio ständig in die Wolle kriegst. Vor gut zehn Jahren hattet ihr ernst­hafte Probleme, ihr musstet als Band zur Gruppentherapie. Wie läuft es heute zwischen euch?
Das mit Lars und mir, das hat ja auch einen humorvollen Kern. Wir lieben uns, wir hassen uns, wir sind halt wie Brüder. Es kommt schon vor, dass wir gegenseitig mit den Zähnen knirschen, wenn wir uns sehen, doch im Großen und Ganzen ist es heute un­­endlich viel entspannter als damals. Wir verstehen uns heute viel besser.

Das mit den acht Jahren seit dem letzten Studioalbum müssen wir noch klären.
Ich schwöre, wir waren nicht faul. Wir haben das Album mit Lou Reed ge­­macht, wir haben den Konzertfilm „Through The Never“ gemacht, in den wir irre viel Arbeit investiert haben. Und immer wieder Festivals, Konzerte. Wir haben wenig am Strand gelegen. Irgendetwas passiert immer in der Welt von Metallica. Nur, als wir dann mit dem Album loslegten, haben wir gesehen, dass wir uns keinen Zeitdruck machen. Wäre ja auch nicht mehr drauf angekommen. Wir können das zum Glück selbst entscheiden und kontrollieren, deshalb haben wir uns die Zeit genommen, die wir brauchten.

Ihr habt 2012 eure eigene Plattenfirma Blackened Recordings gestartet. Wieso?
Um endlich die Besitzer unserer eigenen Musik zu sein. Sie in verschiedenen Formaten remastern und wiederveröffentlichen zu können, wie wir wollen. Irgendwo in Deutschland be­­sitzen wir unser eigenes Presswerk. Da läuft jetzt die Vinylversion des Al­­bums vom Band, wie cool ist das denn? Ich kann sowieso nur allen empfehlen: Hört euch dieses Album auf Vinyl an, besser geht es nicht.

Auf YouTube gibt es ein süßes Video, auf dem deine älteste Tochter Cali bei einer Schulaufführung singt und du sie auf der Gitarre be­­gleitest. Wird sie die Familientradition fortführen?
Die Familientradition. (lacht) Cali singt gern, aber ich denke, sie ist zu vernünftig, um das als Beruf zu machen. Sie hat jetzt gerade mit dem College begonnen. Ich bin der einzige in der Familie, der so verrückt ist und Musik macht.

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