Metallica: James Hetfield im Interview – „In meinem Inneren lauert ein Werwolf“

Du lebst heute ein gesünderes, besser ausbalanciertes Leben als vor 15 oder 20 Jahren. Du trinkst nicht mehr, du hältst dich generell von Drogen fern. Kann es sein, dass deine Lebensweise zu einem insgesamt etwas graueren, weniger ekstatischen Leben, andererseits aber zu einem gesünderen und potenziell längeren Leben führt?
Ich stimme dir absolut zu. Ich vermisse auch nicht die harten Zeiten von früher, ich hatte genug von allem. Genug Drogen, genug Alkohol, genug Frauen. Das ist es nicht. Mein Problem bis heute ist mein Kopf, mein Denken. Ich kann den manchmal nicht ausstellen. Meine Familie, andere Menschen, mit denen ich reden kann, und natürlich die Musik helfen mir dabei, einigermaßen ausgeglichen zu sein. Songs schreiben, reden, mich geborgen fühlen, das sind die Bestandteile meiner langfristigen Therapie.

metallica 2016

Wie hilft dir das Schreiben genau?
Wenn ich schreibe, tauche ich tief in mein Inneres. Und doch kann ich die Worte, bei aller Relevanz für mich selbst, auch von James Hetfield trennen. So baue ich wiederum eine Verbindung zu anderen Menschen, zu den Hörern auf, auch wenn wir eigentlich gar keine Verbindung haben. Das ist das Geschenk, das ich als Künstler haben darf.

Es sind vielleicht nicht alle, die Metallica mögen, so extrem im Denken wie du, aber jeder hat so seine eigenen Kämpfe und Dämonen.
Yeah, jeder kämpft letztlich seinen persönlichen Kampf. Und dann ist da ein Song, und die Person denkt: „Ach, der Hetfield, ich ahne, was er sagen will“. Es hilft, sich okay zu fühlen, wenn man weiß, dass andere auch nicht immer okay sind.

Ein besonders dunkler, harter Song, noch dazu mit einem ausgeprägten Gitarrensolo, ist ›Am I Savage‹. Bist das auch du, diese Bestie?
(lacht) Soll ich das Tier mal rauslassen? Dieser Song, im Grunde eine uralte Story, handelt von dem, was wir von unseren Vorfahren übernommen haben und an unsere Kinder weitergeben. Die Gewohnheiten, die Fähigkeiten, die Art, wie du dich in gewissen Situationen verhältst, die Fehler deines Vaters, die du weder wiederholen noch an deine Nachkommen vererben willst, und manchmal tust du es halt doch. So ist das. Tief in meinem Inneren lauert ein Werwolf. Ich bin sehr nett, fürsorglich, ein guter Vater und Ehemann und Freund. Und dann, boom!, kommt das Biest, brüllt, wütet und kratzt an der Tür.

Kennt deine Familie den Werwolf?
Ja, meine Familie kennt den Werwolf.

Du wirkst jetzt hier im Gespräch entspannt und locker. Ich habe mich sowieso gefragt, wo du die Wut, die Aggression für deine Kunst, für deine Live-Auftritte hernimmst. Musst du den Werwolf erst zum Leben erwecken, bevor du auf die Bühne gehst oder einen Songtext schreibst?
Das ist eine spannende Frage. Ich denke, je besser ich meinen inneren Werwolf verstehe und kenne, desto besser habe ich ihn im Griff. Ich werde ihn nie ganz kontrollieren können, aber ich kenne die Anzeichen, wenn er sein böses Haupt erhebt. Der metaphorische Vollmond scheint einfach von Zeit zu Zeit auf mich runter, und dann weiß ich: „Aha, okay, geht wieder los“. Der Auslöser sind häufig Gedanken, die ich mir mache. Wenn ich dann bereit bin, dieses Fass aufzumachen und kreativ zu nutzen, dann schreibe ich tatsächlich Songs.

Wie gehen deine Bandkollegen mit dem Werwolf um?
Sie mögen ihn nicht besonders. (lacht) Der Werwolf kommt meistens, wenn ich mich unsicher oder zumindest nicht sehr selbstbewusst fühle. Mein Fehler ist, dass ich in der Band die Dinge schnell persönlich nehme. Wenn ich zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit Lars habe über mein Gitarrenspiel oder eine Textzeile, dann fühle ich mich direkt angegriffen, verletzlich und leicht reizbar. Wir alle haben ein Ego, speziell Lars und ich haben ein ziemlich großes. Manchmal, je nach Stimmung, gebe ich klein bei, finde mit ihm einen Kompromiss, oder ich sage ihm, „Pass auf, Freund, du bist hier nur der Drummer“. (lacht)

Ego muss sein, erst recht in der größten Metalband der Welt.
Absolut richtig.

Wie dringend braucht die Welt Metallica eigentlich, was denkst du?
Ach, die Welt, was braucht die überhaupt? Sie wird sich auch ohne Metallica weiterdrehen, auch ohne James Hetfield. Wir sind dankbar dafür, dass wir im Leben vieler Menschen einen gewissen Platz einnehmen, ihnen Unterhaltung bieten und in manchen Fällen sogar helfen können. Aber wir haben weder Lösungen für irgendwelche Probleme noch fühlen wir uns verantwortlich für die Menschen. Ich finde es einfach schön, wenn hin und wieder einer kommt und sagt: „Danke, James“. Es gibt Menschen, für die sind wir so etwas wie ein Teil ihrer Familie. Die haben uns jetzt zum Beispiel richtig vermisst. Das ist schon ein schönes Gefühl.

Ist Erfolg etwas, das dich anspornt?
Nein. Wenn ab morgen alle Welt Metallica Scheiße finden würde, dann schreibe ich trotzdem weiter Songs.

Bist du gut darin, Freundschaften zu pflegen?
Nein, leider nicht. Ich wünschte, ich wäre es. Ich habe Freunde, aber das sind eher lockere Beziehungen. Meine Freunde fragen mich nicht mitten in der Nacht in sehr persönlichen Dingen um Rat, und umgekehrt tue ich das auch nicht. Vielleicht bin ich ein wenig distanziert, was Freundschaften an­­geht. Ich mag das auch nicht, wenn Leute was von mir wollen. Keine Ah­­nung, vielleicht hängt das mit den 35 Jahren in dieser Band zusammen, aber ich gehe schnell auf Ab­­stand. Die Fans etwa, die sind super, aber sie denken oft, sie würden mich kennen, und lassen jeglichen Respekt vermissen. Nicht mal auf eine un­­freundliche Art, eher weil sie meinen, ich sei ein Freund. Das mag ich nicht.

Für jemanden, der kein Beziehungsfachmann ist, bist du erstaunlich lange mit deiner Frau zusammen, ihr seid seit 20 Jahren verheiratet.
Yeah, sehr wahr. Das muss an meiner Frau liegen. (lacht) Sie ist so eine starke, schöne, anmutige Person. Francesca hat mir sehr viel beigebracht im Leben und mir in vielen Situationen geholfen und den Arsch gerettet.

Mit was für einem Selbstbewusstsein seid ihr die Aufnahmen zu HARDWIRED…TO SELF-DES­TRUCT angegangen?
Wir waren alle vier ziemlich gut drauf. Das Vertrauen in unsere Fähigkeiten als Songschreiber und Musiker war hoch. Wir hatten keinen Mangel an Material, insgesamt existieren 800 Riffs, durch die wir uns wühlten. Mit dem Alter werden wir als Bandmitglieder etwas entspannter. Wir drehen nicht mehr so schnell durch, wenn etwas nicht funktioniert. Wenn wir zusammen spielen, sind wir gut.

Gab es eine spezielle Marschroute? Ein bestimmtes Ziel?
Jedes Mal, wenn wir ein neues Album in Angriff nehmen, soll es natürlich ein besseres Album werden als das davor. Wenn wir erst einmal anfangen, dann werden wir zu vier Hamstern im Rad, es geht weiter und weiter, aber wir lieben unsere Arbeit, wir lieben den Druck, den wir uns machen. Alle unsere Alben sind ehrliche Bestandsaufnahmen von uns als Menschen zu der jeweiligen Zeit. Wir stehen hinter jeder Platte, die wir ge­­macht haben. Und ich denke, du kannst an unserem Katalog erkennen und raushören, wie wir nach und nach erwachsen geworden sind.

Jetzt bist du 53. Wie fühlt sich das an? Alt?
Alt! Es gibt Momente, in denen fühle ich mich sogar deutlich älter als 53. Aber auch solche, in denen ich viel jünger bin. Auf der Bühne bin ich immer noch ein junger Mann. Doch nach dem Konzert, oje, mein Rücken tut weh, meine Schultern, mein Hals, der ganze Körper ächzt. Wir sind Menschen. Wir sind keine Maschinen. (lacht) Noch nicht.

Wie viele Massagen bekommst du an einem Show-Tag?
Mindestens zwei. Eine vorher, eine nachher. Wir passen auf unsere Körper auf.

Wie sieht es mit Sport aus?
Ganz gut. Ich bin sehr viel draußen. Ich liebe die Natur. Ich fahre Fahrrad und wandere gern. Und verglichen mit früher ernähre ich mich besser.

Bis zu welchem Alter denkst du, könnt ihr weitermachen?
Schwierig. Man weiß es nicht. Meine Frau und ich haben unlängst im New Yorker Beacon Theatre ein Konzert von Tom Jones gesehen. 76 Jahre alt, und die Stimme exzellent in Schuss. Künstler gehen nicht in Rente. Die Kunst ist ihre Leidenschaft, ihr Lebenselixier. Ich denke, wir müssen unsere Körper entscheiden lassen. Solange wir fit genug sind, um diese Shows durchzuziehen, machen wir weiter.

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