Metallica, Ghost, Bokassa: München, Olympiastadion, 23.08.2019

Metallica live 2019 MünchenSo war es vergangenen Freitag bei Metallica in München.

Als Vorband von Metallica hat man es wahrlich nicht leicht, nein. Schließlich steht da ein ganzes, oder um 18:00 Uhr eher noch ein halbes, Olympiastadion vor einem und wartet eigentlich nur darauf, endlich die Stars des Abends begrüßen zu dürfen und sieht folglich jegliche Acts vorher eher als zu überbrückenden Zeitvertreib an. Trotzdem schlagen sich Bokassa ziemlich wacker und ein wenig Selbstbewusstsein ist auch angebracht.

Schließlich habe Lars Ulrich das Trio höchstpersönlich ausfindig gemacht und als Vorband für die aktuellen Daten der „WorldWired“-Tour eingeladen, so erzählt man mir. 30 Minuten lang dürfen die Norweger zeigen, was sie können und lassen das Stadion unter ihrem ziemlich brachialen Stoner-Punk-Metal-Mix erzittern. Sogar der Sound ist schon jetzt recht gut abgemischt und das hat man auf Metallica-Konzerten nun durchaus auch schon anders erlebt. Unter höflichem Applaus werden Bokassa mit Modern Talkings laut dröhnendem ›You’re My Heart, You’re My Soul‹ von der Bühne entlassen – vielleicht ja sogar ein kleiner Scherz der Metalkönige höchstpersönlich – und schon geht es weiter mit dem Aufbau eines Miniatur-Kirchen-Bühnenbilds für die folgenden Ghost.

Dass es an diesem ausverkauften Abend einfach wirklich am Status „Vorband“ und an nichts anderem liegt, wird deutlich, als auch die vielköpfige Truppe um Cardinal Copia mit dem Publikum zu kämpfen hat. Trotz solider Darbietung und vieler Mitmachköder mag die Audienz nicht so recht anbeißen, ein Problem, das Ghost bei ihren Headlinershows wahrlich nicht haben. Dort herrscht meist schon eher eine Art „Copiamania“ vor, die Fans sind devot, aufopfernd, kreischend und himmeln Frontmann Tobias Forge an. Nicht so heute. Die Anstrengungen der nameless Ghouls – darunter seit Neustem auch zwei Damen an den Synthies – und auch Copias Witze verlaufen heute leider irgendwie im Sand. „Wollt ihr ein Lied hören, das euren Po zum Wabbeln bringt?“ fragt der. „Wollt ihr ein Lied hören, das euer Perineum kitzelt? Das ist der Teil zwischen eurem Arsch und eurem Geschlechtsteil, genau hier“, und deutet mit dem Finger zwischen seine Beine. Beim Song zuvor ruft er: „Come on, clap your hands you germans. Eins, zwei, drei, vier!“ Das hört sich jetzt nacherzählt vielleicht plump an, ist aber in echt eigentlich ziemlich komisch, ein klassischer Fall von „Muss man dabei gewesen sein.“ Deswegen ist man sich in dem Moment echt nicht sicher, ob sonst niemand lacht, weil keiner versteht, was er da oben sagt oder weil es wirklich keiner lustig findet. Ich tippe auf ersteres.

Wahrscheinlich liegt es am Ende des Tages aber wohl einfach am Tageslicht: Ghost gehören mit ihrem Pop-Okkultismus in eine dunkle Halle, wo die Wände den Sound, die Ansagen und die von der Bühne ausgestrahlten Vibes nochmal direkt ins Publikum zurück werfen. Im Stadion verliert sich all das leider in den Weiten des heute grauen Münchener Äthers…

Nachdem sich auch Ghost unter höflichem Applaus ins Backstage verkrümeln, wartet man die verbleibenden 45 Umbauminuten leicht ungeduldig. Die im Stadion gekaufte Käsebreze schmeckt leider wie ein überbackenes Taschentuch und kann einem die Zeit auch nicht versüßen. Vor mir auf der Arenawiese fällt ein junger Mann deutlich alkoholisiert um, die Rettungssanitäter kommen angelaufen, fühlen seinen Puls und horchen, ob er noch atmet. Jetzt atmet man selbst erst mal auch nicht mehr und erst als die Sanis beginnen, sich während der Erstversorgung lächelnd zu unterhaltend, kann man wieder durchschnaufen. Danach präsentieren noch drei Herren ihre Penisse, während sie frontal zum Publikum auf den Rängen gegen den Bauzaun urinieren und ernten dafür tosenden Applaus. So wird es dann doch recht schnell 20:30 Uhr, AC/DCs ›It’s A Long Way To The Top‹ dröhnt plötzlich aus den Boxen und wie immer, wenn dieser Song erklingt, spürt man: Jetzt passiert gleich was. Jetzt ist es gleich so weit.

Die allgemeine Stimmung steigt binnen weniger Sekunden erheblich an und nach Ennio Morricones Westernklassiker ›The Ecstasy Of Gold‹ eröffnen Metallica ihren soliden Metalabend mit ›Hardwired‹ unter tosendem Jubel. Das Bühnenbild gestaltet sich eher schlicht. Links am Bühnenrand ist ein großes, weißes M in typischer Schrift, rechts außen ein großes A im selben Stil. Die große Videoleinwand dazwischen strahlt abwechselnd das fehlende „etallic“ aus, zeigt die vier Männer beim Spielen oder eben die eigens fürs Konzert gemachten Visuals. Auf der Bühne selbst gibt es sonst nichts zu sehen und das passt auch so.

Bei ›Here Comes Revenge‹ im Mittelteil läuft das dazugehörige Musikvideo im Hintergrund, an dessen Ende eine Hyäne von all ihren Jagdtrophäen umgebracht wird und man muss sich wieder Mal fragen, was der passionierte Hobbyjäger James Hetfield damit eigentlich sagen will… Apropos sagen. Kommuniziert wird sehr brav in alteingesessener „Metallica loves you“-Manier und das ist, obwohl schon tausend Mal gehört, irgendwie doch immer wieder sympathisch, weil man es ihnen in diesem schönen Stadionmoment halt einfach glauben möchte.

Hetfield erzählt außerdem von seinen vielen schönen Gitarren, die er sich beispielsweise aus dem Holz von Metallicas alter Proberaum-Garage hat machen lassen, etwas später meint er dann mit relativ schwer zu deutender Miene „Jetzt könnt ihr ein bisschen Spaß mit Rob und Kirk haben“ und verschwindet zusammen mit Lars Ulrich von der Bühne. Was folgt ist das in letzter Zeit oft sehr lustig geratene Highlight bei Metallica-Konzerten: Basser Rob Trujillo und Sunnyboy Kirk Hammett – hach, einfach ein super Kerl – studieren aktuell gerne landes- oder städtetypische Songs passend zur jeweiligen Venue ein und tragen diese auf eher laienhafte Art und Weise vor. Klar, dass sie sich für München die Spider Murphy Gang und deren Superhit ›Schickeria‹ ausgesucht haben. Man versteht zwar kein Wort, das macht aber gar nichts: Erstens, weil eh das ganze Stadion mitsingt und zweitens, weil der bloße Versuch sympathisch genug ist.

Nach diesen drei spaßigen Minuten hüpft Trujillo direkt rein in sein Basssolo mit ›Orion‹-Snippet, stimmt danach ›Frantic‹ an, die Pyros kommen zum Einsatz und dann endlich geht es zum Ende der zweiten Hälfte hin los mit einer Reihe geliebter Oldschool-Klassiker. Auf ›One‹ folgt ›Master Of Puppets‹, danach gleich ›For Whom The Bell Tolls‹, dann ›Creeping Death‹ und ›Seek & Destroy‹. Und obwohl das, zumindest dem eigenen Gusto nach, die schönsten 45 Minuten des Abends sind, flippen erst bei den Mainstram-Lieblingen ›Nothing Else Matters‹ und ›Enter Sandman‹ in der Zugabe erwartungsgemäß alle so richtig aus. Die Feuerwerke schießen dazu passend durch die Luft, mit einem Mordsgetöse geht eine weitere Metalshow der Extraklasse zu Ende und man kann einfach nur froh sein, dass neben den Helene Fischers und Andreas Gabaliers dieser Erde auch Metallica diese verdammten Stadien noch niederthrashen äh… ausverkaufen können. Und zwar im Gegensatz zu den Erstgenannten völlig zu Recht.

PS: Gratulation an die Dame vor mir, die jetzt stolze Besitzerin von 150 Minuten schlechtesten, ultra-wackligen Handy-Videomaterials ist, das sie sich niemals in ihrem Leben ansehen wird.

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