Lucifer: Dem Tod so nah und doch ganz fern

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Lucifer: Dem Tod so nah und doch ganz fern

Mit Lucifer hat Johanna Sadonis (J) ein kultig-schauriges Paralleluniversum erschaffen. Auf dem vierten Werk, LUCIFER IV, taucht die Kombo um die Berlinerin und ihren Angetrauten Nicke Andersson (N) erneut ein in ihren stilsicheren Kosmos aus Vintage Rock, betörenden Sirenengesängen und Gruselgeschichten. Im Zoom-Interview mit CLASSIC ROCK plaudert das gut gelaunte Ehepaar über die Entstehung des neuen Albums, ihr ambivalentes Verhältnis zum Tod und den Begräbnisort ihrer Wahl.

Ihr scheint ständig beschäftigt zu sein, veröffentlicht regelmäßig Alben, Split-Singles, gründet euer eigenes Label. Ich frage mich, wie da wohl ein normaler Tag im Leben der Anderssons aussieht.
J: Morgens gibt es erst mal sehr viel Kaffee. Dann setze ich mich wie der Big Lebowski in meinem Morgenmantel an den Schreibtisch, beantworte Mails und erledige eben den Teil des Bandlebens, der nicht ganz so viel Spaß macht.
N: Wir haben ja kein Management, keine Grafiker. So bleiben viele Aufgaben an uns hängen, nicht alle davon sind unbedingt schön.
J: Das Gute ist, dass wir zuhause ein Studio haben, in dem Nicke arbeitet. Auch für das neue Album haben wir viel dort gemacht. Dazu haben wir den Luxus, dass unser Gitarrist Linus auch noch ein Studio besitzt, wo wir alle Basic Tracks und die Drums aufnehmen konnten. Jetzt haben wir auch wieder mit dem Proben angefangen, damit wir durch die Pandemie nicht völlig einrosten. Grundsätzlich kann man sagen, dass sich unser ganzes Leben um die Musik dreht. Ansonsten gärtnere ich sehr gerne und streichle die Nachbarskatzen.

Dadurch, dass ihr alles selbst macht – die Designs, das Vinyl, das Plattenlabel etc. – scheint es mir, als hättet ihr einen Weg gefunden, als Rockband in schweren Zeiten zu überleben.
N: Mit der Zeit lernt man, unnötige Ausgaben zu streichen. Ich weiß, wie viel es kostet, ein cooles Artwork gestalten zu lassen. Da wir beide sowieso ganz genau wissen, was wir haben wollen, mussten wir eben lernen, das selbst umzusetzen. Genauso lief es mit dem Studio. Ich weiß einfach, wie teuer Zeit im Studio ist, deswegen habe ich mir Stück für Stück selbst eines eingerichtet.
J: Keiner von uns hat einen regulären Beruf, wir müssen echt schauen, dass wir das Geld zusammenhalten. Das ist schon viel Arbeit, weil man sich um zahlreiche kleine Details außerhalb der Musik, wie Social Media, kümmern muss.
N: Aber bisher klappt es ganz gut. Trotzdem vermisse ich die Zeiten, als es noch keine Social Media gab. Du hast ein paar Interviews gegeben und das war’s. (lacht)


Wann habt ihr mit LUCIFER IV angefangen?
N: Ich glaube, letzten Oktober haben wir den ersten Drum-Track aufgenommen und dann immer stückweise weitergearbeitet. Insgesamt werden es wohl an die drei Wochen gewesen sein.

Wenn man ein eigenes Studio hat, kann man ja in seinem eigenen Tempo arbeiten …
N: Ja, allerdings muss man sich dann wiederum selbst disziplinieren. (lacht)
J: In einem Interview hat Nick Cave mal erzählt, dass er sich jeden Morgen in seinen Anzug wirft und dann in sein Büro geht. Da arbeitet er dann an irgendetwas, manchmal weiß er nicht mal, an was genau. Aber er braucht dieses Ritual, um sein Arbeitsethos aufrechtzuerhalten. Wahrscheinlich funktioniert das wirklich ein wenig so, wenn man viel zuhause arbeitet.


Auf LUCIFER IV haben erstmals auch eure Bandkollegen Ideen beigesteuert …
N:
Ja, Linus hat zwei Songs zusammen mit Johanna geschrieben. Das kam ganz natürlich zustande.
J: Eigentlich waren wir immer offen für mehr Zusammenarbeit. Vielleicht dachten die anderen einfach, dass nur Nicke und ich schreiben. Aber inzwischen sind wir in dieser Band so stark zusammengewachsen, dass es sich ganz organisch so ergeben hat.


Wie hat sich eure Beziehung innerhalb von Lucifer entwickelt?
J: Im Großen und Ganzen bewegt sich die große Vision um Lucifer zwischen Nicke und mir.
N: Wobei das schon irgendwie deine Band ist.
J: Ich sehe uns aber als Einheit.
N: Eine Band braucht eine Anführerin. Und das ist Johanna, auch wenn sie es vielleicht selbst nicht so sieht. Sie weiß einfach genau, was sie will. Und inzwischen weiß ich auch genau, was Johanna will. Bei visuellen oder ästhetischen Fragen treffen wir uns passgenau in der Mitte. Das hat sich entwickelt.
J: Das kann man auf die ganze Band übertragen, wir kennen inzwischen die Sprache des anderen. Jeder in Lucifer weiß jetzt, was dieses Ding namens Lucifer ist, deswegen hat es vielleicht auch bis jetzt gedauert, dass wir gemeinsam schreiben können und Songs wie ›Crucifix‹ oder ›Nightmare‹ entstanden
sind.


Wie lange hast du gebraucht, um das fiese Gelächter in ›Crucifix‹ hinzubekommen?
J: (lacht) Das war echt schwierig, weil das ja eher schon in die Schauspielerei geht. Ich habe es ein paar mal vor Nicke versucht, das klang total beschissen. Dann hat er mich alleine gelassen – meistens nehme ich meine Vocals eh lieber alleine auf – und dann hab ich es hinbekommen.

Johanna, bist du ein nie versiegender Quell an schauriger Friedhofslyrik?
J: Meine ewigen Friedhofspaziergänge als Teenager zahlen sich aus! Viele der Geschichten sind im Kern persönliche Erfahrungen. Es tut gut, das aufzuschreiben und rauszulassen. Dann kleidet man das ganze noch in Horrorgewänder und Wortspiele – nicht alles davon ist ganz ernst gemeint – und es passt zu Lucifer.


Denkst du auch abseits dieses eher künstlerisch-spielerischen Ansatzes viel über den Tod nach?

J: Nicke tut mir schon richtig leid, weil ich da wirklich viel darüber nachdenke. Eigentlich täglich. Da sind nicht nur diese spannenden Horrorgedanken in Form von Spukgeschichten, Musik und Co., sondern auch ernste Überlegungen. Ich liebe das Leben wirklich und ich finde, es ist viel zu kurz. Wir leben am Meer und es ist so schön, das Wasser an den Füßen zu spüren. Und dann fiel mir letztens ein, dass Dusty Hill das beispielsweise nicht mehr erleben kann. So etwas stimmt mich traurig. Wenn ich könnte, würde ich gerne 200 Jahre alt werden, doch die Zeit vergeht immer schneller. Außerdem habe ich auch Angst
davor, jemanden zu verlieren, den ich wirklich liebe. Manchmal wünsche ich mir, ich würde weniger darüber nachdenken, aber dieses ambivalente Verhältnis zum Thema Tod habe ich schon seit meiner Teenagerzeit.


Ich denke auch manchmal über meine eigene Beerdigung nach …
J:
Ha, ich weiß schon, welche Musik bei meiner laufen wird! Als Teenager habe ich eine Liste geschrieben, wie mein Begräbnis aussehen soll. Mit schwarzem Eichensarg und so! (lacht)

Auf welchem Friedhof soll euer Mausoleum also einmal stehen?
N:
Oha, ein Mausoleum auch noch. Das wird ganz schön teuer.
J: Das ist eine Zwickmühle für mich. Wir leben ja in Schweden und ich liebe Nicke, deswegen werde ich wahrscheinlich dort sterben und neben ihm begraben werden. Aber die Friedhöfe sind nicht so schön wie
in Berlin. Die in der Bergmannstraße kenne ich in und auswendig. Ein wundervoller Ort, wo die Zeit still steht. Oder der Waldfriedhof in Stahnsdorf.
N: Ich sehe da kein Problem. Du musst dich nur für einen von den beiden entscheiden.

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