Das Kultbuch: Thomas Bernhard – DER UNTERGEHER (1983)

Thomas Bernhard Der Untergeher

Riskieren!

Der Ich-Erzähler in Bernhards Roman aus dem Jahr 1983 betritt von einer Trau­erfeier kommend eine Gaststube. Er war auf dem Begräbnis seines Freundes Wertheimer, der sich erhängt hat. Wäh­rend er die Gaststube betritt, denkt er über früher nach. Er denkt daran, wie er mit Wertheimer und Glenn Gould zusammen das Mozarteum in Salzburg besucht hat, wie sie zusammen in einem Haus gewohnt haben, so genannte Lebensfreunde waren, wie es zu Wertheimers zweitem Namen (Untergeher) kam und wie sie beide aufgrund des Genies Gould das Klavierspielen aufhören mussten, obwohl sie sicher auch weltbekannte Klaviervirtuosen geworden wären.

Während er denkt, entwickelt sich etwas. Witt­genstein hat einmal gesagt, nur in einem Gespräch, bei dem man etwas aufs Spiel setze, keinem Pseudo­gespräch also, könne man etwas erfahren. Bernhards Ich-Erzähler oder Ich-Denker führt ein ebensolches. Einerseits mit sich selbst, andererseits führt er vergangene Konversationen anderer weiter. Radikal setzt er die Gedankengespräche fort, bis er zu ganz neuen Er­­gebnissen kommt. Immer weiter wird dabei der Untergeher respektive Wertheimer mit Zuhilfenahme Glenn Goulds entdeckt, wird seine Person eine andere. Hier stößt man erneut auf Wittgenstein. Nämlich insofern, als durch Denken die Welt verändert werden könne.

„Man findet nur etwas, wenn man etwas riskiert.“

Zwar sei es un­­möglich, sie in ihren Tatsachen zu verändern, dafür könne man jedoch die Anschauung der Tatsachen ändern. Der Wertheimer, an den der Ich-Erzähler am Anfang des Buches denkt, ist ein anderer, als der am Ende. Er wandelt sich aber nicht durch neue Informationen, sondern durch das bloße Durchden­kopfgehenlassen bereits bekannter Sachen. Alles lag bereits vor den Augen des Erzählers, er musste nur durch radikales Denken lernen, das vor den Augen Liegende zu sehen.

Man kann „Der Untergeher“ auf viele verschiedene Weisen lesen und, so wie jedes Buch, auch auf gute und auf schlechte Weise. Man kann es zerstören, indem man rein theoretisch vorgeht und jeden Satz, jedes Wort analysieren will. Seziert man das Buch, tötet man es. Man muss an der Oberfläche bleiben, das lustig finden, was lustig ist (das ganze Buch ist ja lustig) und hin und wieder, wenn was auftaucht, das man in Verbindung zu etwas sieht, das so akzeptieren oder es weiterdenken. Aber nicht einfach so, sondern während des Lesens weiterdenken. Dazu sind die langen, sich wiederholenden Sätze doch da. Nicht einseitig lesen, sondern aktiv sein, im Dialog mit dem Buch stehen. Man findet nur etwas, wenn man etwas riskiert.

Text: Vincent Numberger

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