Titelstory: Ghost – Mit eiserner Faust und Maske

Ghost Press - Der KardinalIst das nun auf kommerzielle Verwertbarkeit getrimmter Mummenschanz, klug inszenierte Unterhaltung oder gar große Kunst? An Ghost scheiden sich die Geister, doch ein offenes Gespräch mit dem Mann hinter der Maske könnte für deutlich mehr Klarheit sorgen. Weshalb wir in Berlin Tobias Forge trafen – und einen nachdenklichen, intelligenten Charakter kennenlernten, dem zynisches Kalkül eher fremd ist.

„Leute, Ghost bringen eine neue Platte raus. Wer schreibt die Story?“, hallt es durch die echten und virtuellen Flure der CLASSIC-ROCK-Redaktion. Von „Nee, diese Image-Suppe? Echt nicht!“ bis hin zu „Das ist ganz große Kunst!“ kommen allerlei Meinungen zurück geträllert und während man auf das Abebben der Reaktionswelle wartet, hebt Frau Autorin schon mal vorsichtig die Hand. Mit ihren elektrisierenden Konzerten, der Maskerade und den mächtigen Hooks befinden sich Ghost in der zeitgenössischen Musiklandschaft schließlich ganz weit vorne. Die werten Schreiber-Kollegen jedoch werden von dieser Band in zwei Lager gespalten: Eine Seite liebt sie abgöttisch, die andere Fraktion empfindet die Karnevalstruppe mit ihrem diabolischen Papstverschnitt an der Spitze als völlig überbewertet. Achja, selbigen gibt es übrigens nicht mehr. Der Charakter des Papa Emeritus wurde vier Tage vor Abgabe des Heftes ganz nebenbei und endgültig aus der Gemeinde ex­­kommuniziert. Der neue Chef nennt sich „The Cardinal“ und sieht ebenfalls etwas gruselig aus, wenn auch gewisse Ähnlichkeiten zu einem Pandabären nicht geleugnet werden können. Das Konzept von Ghost bleibt jedoch vorerst gleich, scheidet aufgrund seiner Pop-Affinität und des Hangs zum Spektakel weiterhin die Geister und sorgt für einen hitzigen Disput. Nicht nur bei CLASSIC ROCK, sondern innerhalb der gesamten Szene.

Diese Diskussion ist natürlich nicht neu: Seit ihren frühesten Anfängen ist sie gefangen in einem feinmaschigen Netz aus Ambivalenzen, unsere über alles geliebte Rockmusik. Zwei Seelen schlagen, ach, in ihrer Brust. Denn so sehr sie in ihren Grundfesten auch auf Authentizität pochen mag, so heimtückisch lauern doch Ausverkauf und seelenloses Entertainment hinter jeder Ecke. In Fan-Kreisen stellt der Themenkomplex rund um diese Pole einen echten Streitpunkt dar. Geisteswissenschaftlich be­­trachtet hingegen werden Rockmusik und Heavy Metal schon lange mit dem Etikett „Populäre Musik“, kurz Popmusik, versehen.

„Ihh, Popmusik“, werden sich jetzt die meisten mit einer überwältigenden Abneigung im Herzen denken. Fast automatisch weicht man zurück. Pop steht für Überproduktion. Pop klingt unecht. Pop ist das Todesurteil einer jeden Plattenkritik, der glattbügelnde Teufel höchstpersönlich. Offiziell zumindest. Denn selbst die größten Fundamentalisten gönnen sich dann und wann ein bisschen Tamtam. Anders kann man sich den Welterfolg von Künstlern wie Kiss, Alice Cooper oder auch knallharten Kerlen wie King Diamond nicht wirklich erklären: Geballte Theatralik, getaktete Inszenierungen sowie das professionelle Ausarbeiten von populären Konzepten stehen hier im Vordergrund und sind mindestens genau so wichtig wie die dazugehörige Musik. Am Ende wird jeder von uns zugeben müssen, dass er oder sie Stanley und Co. in voller Montur und mit ordentlich Make-Up auf dem Kolben erquickender findet als in der aufdringlichen „Unmasked“-Version. Man sollte sich an dieser Stelle wohl zu recht an die eigene Nase fassen und fragen: Was ist überhaupt authentisch? Wie dogmatisch muss Rock’n’Roll heutzutage sein? Und vor allem: Wollen wir am Ende des Tages nicht alle einfach nur ein bisschen unterhalten werden? Gerade in Zeiten, in denen eine boomende Retrowelle die Musikwelt überschwemmt und es sich vor allem die Nation Schweden zur Aufgabe ge­­macht hat, neben bösen Extreme-Metal-Acts einen interessanten – aber eben doch irgendwie uniformen – 70s-Rock-Klon nach dem nächsten zu reproduzieren, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mainstream und Underground, zwischen Rock und Pop, zwischen Authentizität und Show besonders in­­teressant. Schließlich fokussieren sich die meisten Retrogruppen ja gerade so verkniffen auf die erdigen 60er- und 70er-Jahre, weil sie diese Dekaden als ganz besonders authentisch und at­­traktiv empfinden.

Einen gänzlich anderen Ansatz als viele ihrer Landsmänner wählten Ghost, als sie 2008 hocherhobenen Hauptes in eben jenes Milieu hinein prozessierten. Mit ihren okkulten Live-Liturgien rüttelten sie vorerst die Untergrund-Szene rund um ihre Heimatstadt Linköping auf. Sofort war klar: Eine Ghost-Show ist mehr als ein einfaches Konzert. Eine Ghost-Show ist ein un­­terhaltsames Spektakel, die Zelebration einer pseudo-satanischen Kirche im Popart-Stil. Es dauerte nicht lange und der Begriff „Kult“ fiel immer öfter im Zusammenhang mit dem betörenden Höllenzirkus, der 2010 nach einem ersten Demo und der Single ›Elizabeth‹ sein Debüt namens OPUS EPONYMOUS veröffentlicht. Orgelklänge gepaart mit düsteren Riffs und sakralen Chorälen wie: „Siamo con clavi, siamo con dio, siamo con nostro dio scuro“ (was frei übersetzt: „Wir sind das Konklave, wir sind mit Gott, wir sind mit unserem dunklen Gott“ bedeutet. Anm. d. Red.), direkt gefolgt vom eingängigen Hit ›Ritual‹ eröffnen das Erstlingswerk und bescheren Ghost noch mehr Aufmerksamkeit, nicht nur in Metalkreisen. Die Gruppe avanciert langsam aber sicher vom Geheimtipp zum neuen Star der Szene.

Sollte sich jemand auch heute noch nichts unter der Band vorstellen können, so seien an dieser Stelle knapp ein paar ihrer prägnantesten Eckpunkte skizziert: Hier werden virtuos Anleihen von ABBA mit Metal verschmolzen, Blue Öyster Cult mit King Diamond, ein glasklares Stimmchen mit okkulter Symbolik und gruseliger Lyrik. Klingt komisch, gleichzeitig aber unfassbar stimmig. Wenn man unbedingt eine Genre-Bezeichnung für Ghost finden möchte, dann muss man wohl tief in die Trickkiste der Aneinanderreihungen greifen und ihre Musik als satanisch-süßen Bubblegum-Doom-Metal mit psychedelischen Tupfern betiteln. Oder irgendwie so. Maßgeblich zur Legendenbildung der Band trug die Praktik der anonymen Maskerade bei, salopp ge­­sagt: ordentlich Geheimniskrämerei. Seit Anbeginn war sich offiziell niemand ganz sicher, wer oder was sich da hinter dem diabolischen Schleier verbirgt. Ghost bestand bis dato aus dem als Anti-Papst auftretenden Frontmann Papa Emeritus und den unter gehörnten Affenmasken versteckten Musikern, den sogenannten „Nameless Ghouls“. Den Zyklen der Albumerscheinungen folgend wurde Papa Emeritus, geschmückt mit Totenkopfgesicht und geistlicher Robe, bei Live-Shows durch einen Nachfolger abgelöst, sodass man sich nach drei Wechseln bis vor kurzem beim steinalten Papa Emeritus Zero befand. Selbiger verkündete 2017 am Ende des letzten Konzerts in Göteborg den Anbruch des Mittelalters. Gemunkel war da natürlich programmiert, emsige Fans haben das Rätsel um die Namen hinter den Masken bereits vor Jahren entschlüsselt geglaubt, doch erst im Sommer letzten Jahres gab das Mastermind von Ghost während eines Radiointerviews offiziell seine Identität preis mit den Worten: „Mein Name ist Tobias Forge und ich bin der Mann hinter der Maske bei Ghost.“ Der Grund für die Enthüllung war eine Anzeige ehemaliger Bandkollegen, mit der sie ihren Chef aufgrund finanzieller Ungereimtheiten gemeinschaftlich vor Gericht zerrten. Seit diesem Vorfall ist klar: Tobias Forge steckt hinter den meisten Erscheinungen von Papa Emeritus I, Papa Emeritus II und Papa Emeritus III sowie vielen Interviews als Nameless Ghoul. In absehbarer Zukunft wird er vorerst „The Cardinal“ mimen. Tobias Forge ist der Erschaffer dieses unterhaltsamen und gleichzeitig überaus kultivierten Zinnobers. Er ist Gründer, Songwriter, und Meister der Band. Die anderen Musiker sind austauschbares Beiwerk. Egal, hinter welcher Verkleidung er sich gerade verbirgt: Tobias Forge ist Ghost. Und so will er dies auch kommuniziert wissen.

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