Generation Axe: Gitarrenarbeit der Extraklasse

„Wahrscheinlich hätten wir nach der ersten Show alles hingeschmissen!“

Kein neues Konzept und doch soll bei Generation Axe einiges anders sein: Nicht nur, dass hier gleich fünf legendäre Virtuosen – namentlich Tosin Abasi, Yngwie Malmsteen, Zakk Wylde, Nuno Bettencourt und Initiator Steve Vai – mit an Bord sind, nein, auch die gemeinschaftliche, kollaborative und deshalb symbiotische Herangehensweise soll diese Formation von allem bisher Dagewesenen unterscheiden. Da es Generation Axe bisher live nur nach Nordamerika und Asien geschafft haben, wird jetzt erst mal ein Live-Album veröffentlicht, um so vielleicht auch die Wartezeit auf eine Europatournee zu verkürzen. Wie man sein eigenes Ego in solch einer Forma­tion im Zaum hält und wie es sich so mit „Pro­blemkind“ Yngwie Malmsteen arbeiten lässt, darüber plauderten „Stunt-Gitarrist“ Steve Vai (S) und Nuno Bettencourt (N) von Extreme vor Kurzem mit CLASSIC ROCK.

Steve, bevor Generation Axe überhaupt zum Leben erweckt wurden, wie sah da deine Vision aus und wie sehr konnte die Realität mit ihr mithalten?
S: Das ist natürlich nicht gerade eine neue Idee, aber ich habe schon öfters in ähnlichen Projekten mitgemacht und irgendwie hat mir da immer etwas gefehlt. Deshalb dachte ich: Was würde ich gerne sehen bei so einem Gitarren-Event? Natürlich ist das Projekt nur so gut wie die Beteiligten und ich muss sagen: Meine Erwartungen wurden übertroffen und es macht sehr großen Spaß.

Was ist denn an einer sogenannten „Supergroup“ für Künstler wie euch so attraktiv?
N: Schau, statt einfach nur gemeinsam großartig Gitarre zu spielen, wurden wir durch Generation Axe zu Freunden und haben noch mehr Respekt voreinander. Das minimale Konkurrenzdenken wirkt vor allem als Inspiration, man kitzelt gegenseitig das Beste aus sich heraus. Man will sich nicht ausstechen, denn man weiß genau: Wow, so wie er werde ich nie spielen können. Wenn wir alle gemeinsam spielen, ist das wirklich etwas Besonderes, das sind nicht einfach nur Gitarrenklänge, sondern Stimmen.

Wenn man das Bild eines „Gitarrengottes“ vor Augen hat, denkt man trotzdem automatisch auch an große Egos.
N: Es gibt einen Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Ego, aber wahrscheinlich hat Steve schon sehr zu einem ausgeglichenen Verhältnis beigetragen. Außerdem: Wenn wir uns heute noch beweisen müssten, dass wir gut sind, hätten wir echt was falsch gemacht. (lacht)
S: Klar hatte jeder am Anfang Bedenken. Ich meine, der Ruf einiger von uns ist schon beträchtlich. Aber am Ende konkurrierst du immer nur mit dir selbst. Ein Vergleich mit den anderen bringt nichts. Niemand spielt so schnell wie Yngwie, niemand so komplex wie Tosin, niemand so verschroben wie ich, niemand in dieser geschmackvollen Maschinengewehrart wie Nuno und niemand so visuell wie Zakk. Ständiges Konkurrenzdenken ist ermüdend und erzeugt negative Energie. Deswegen gibt es die schöne Alternative, andere als Inspiration zu betrachten.

Hätte dasselbe Projekt vor 25 Jahren vielleicht noch ganz anders ausgesehen?
N: Wir waren natürlich noch temperamentvoller und auch etwas mehr auf Wettbewerb ausgelegt, aber wahrscheinlich wäre es trotzdem einfach cool geworden.
S: Ich hätte damals nicht die nötige Sensibilität besessen, um ein Gleichgewicht zwischen fünf Gitarristen eines solchen Kalibers zu schaffen. Ich war viel arroganter und hatte ein viel aufgeblaseneres Ego.
N: Okay, du hast Recht, wahrscheinlich hätten wir nach der ersten Show alles hingeschmissen! (alle lachen)

Viele sehen bei dieser Konstellation vier umgängliche Typen und Yngwie. Er soll ja etwas schwierig sein, da fragt man sich, ob sowas gut gehen kann.
N: Wir sollten uns umbenennen in „Vier umgängliche Typen und Yngwie.“ (alle lachen) Ich sage dir was: Bei Yngwie kriegst du, was du siehst. Egal, wie er gerade drauf ist, der Mann ist immer ehrlich. Wir anderen haben vielleicht mehr Geduld, aber Yngwie schert sich einfach nicht darum, was man von ihm denkt. Im Tourbus lernten wir aber eine sehr menschliche Seite von ihm kennen, an die er wohl nicht viele ranlässt.
S: Yngwie hat sich sehr verändert. Trotzdem stempelt man ihn als diesen überselbstbewussten Egomanen ab. So ist er aber nicht, tatsächlich haben wir bei Generation Axe sehr viel gelacht.

Sind Generation Axe speziell für Gitarren-Freaks konzipiert oder auch einem breiteren Publikum zugänglich?
N: Das ist für jeden, hier wird wirklich die Musik gefeiert. Viele meiner Freunde liebten die Shows, obwohl ich anfangs dachte, das wäre vielleicht nichts für sie.
S: Meine ich auch. Wir Menschen sehen es einfach gerne, wenn andere etwas Außergewöhnliches erreichen. Klar geht es um unser Gitarrenspiel, aber dass man dabei zusehen kann, wie fünf Menschen etwas Großartiges schaffen, macht es interessant für viele Musikliebhaber.

Würdet ihr sagen, dass Live-Alben heute eher am Aussterben sind?
S: Das ist mir egal, ich folge keinen Trends, ich erschaffe lieber selber welche. Werden Live-Alben aktuell als wertvoll erachtet? Interessiert mich nicht, wir machen sie wieder wertvoll.
N: Natürlich kann man heute alles auf YouTube ansehen, aber als Musikliebhaber wirst du deine Musik in guter Qualität hören wollen…
S: Wenn ich sehe, dass unsere Version von ›Bohemian Rhapsody‹ sieben Millionen Klicks auf YouTube hat, blutet mir das Herz. Die schlechte Klangqualität…
N: Ja, und außerdem sind uns Zahlen egal. Wir machen das hier aus dem richtigen Grund.
S: Ein Musiker ist ein Sklave seiner eigenen künstlerischen Integrität. Sein eigenes Potenzial nach seinen eigenen Bedingungen entfalten, das ist Erfolg.
N: Steve und ich haben im Tourbus oft unsere Vergangenheit seziert und sind immer auf das gleiche Ergebnis gekommen: Auf dem Höhepunkt unserer Karrieren fühlten wir uns oft am schlechtesten. Geld füllt das Loch in deiner Seele nicht. Ein Hit macht dich nicht besser als die anderen.
S: Das wird dir erst hinterher bewusst. Alles, was du im Leben hast, basiert auf Erfahrungen. Deshalb rentiert es sich nicht, sich in Dinge hineinziehen zu lassen, die dich unglücklich machen. Der Fokus auf Geld und Erfolg ist eine Falle. Diese Dinge dürfen angenehme Konsequenzen aus der richtigen Motivation sein. Wenn du zutiefst zufrieden bist, mit dem, was du tust – wie mit Generation Axe –, dann ist das das Schönste überhaupt. Das ist der Lohn.
N: Und diesbezüglich sind wir uns alle fünf einig: Ja, da sind Zahlen, auf die man ein wenig achten muss, aber am Ende wollen wir einfach nur losrocken und unser Instrument spielen.

Plant ihr weitere Tourneen, zum Beispiel auch bei uns in Europa?
S: Klar, doch mit fünf so beschäftigten Musikern wird es schwierig, freie Termine zu finden. Aber wir arbeiten daran. Das hier ist für uns alle zu einer echten Herzensangelegenheit geworden.
N: Generation Axe fühlen sich inzwischen an wie eine zweite Heimat. Wenn du uns mal live siehst, wirst du spüren, was ich meine.

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