Eric Clapton im Interview

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Eric Clapton im Interview

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Über die nächsten zwei Jahrzehnte war Clapton der Wandergeselle und „elder statesman“ im Armani-Anzug, tat sich mal mit Roger Waters und Phil Collins zusammen und trat bei Live Aid auf. Doch wie zuvor fanden sich hinter der polierten Superstar-Fassade Turbulenzen und Schmerz. Er hatte eine Affäre mit dem italienischen Model Lory Del Santo. Ihr gemeinsamer Sohn Conor kam 1986 auf die Welt, doch 1991 starb er tragisch, als er aus einem offenen Schlafzimmerfenster im 53. Stock eines Wohnblocks in Manhattan stürzte. Sein Tod war die Inspiration für ›Tears In Heaven‹. 1998 gründete Clapton das Crossroads Center auf Antigua, um Abhängigen zu helfen, ihre Drogen- und Alkoholsucht zu überwinden. Er beendete das Jahrzehnt schließlich mit PILGRIM, das mit dem Ziel entstanden war, „die traurigste Platte aller Zeiten“ zu machen.

In den 70ern waren es Heroin und Alkohol. Aber in den 80ern und 90er warst du umgestiegen, und Frauen erwiesen sich als ebenso gefährlich vereinnahmend wie Drogen und Saufen, oder?
Ja. Frauen und Mode. Ich hatte schon immer Kleidung geliebt, und das wurde dann zu einem riesigen Teil meines Lebens. Mich interessierten die italienischen Sachen enorm. Ich traf und liebte diese wundervolle italienische Frau, wir hatten ein Kind, und ich lernte Giorgio Armani und Gianni Versace kennen. Für mich waren das äußerst interessante Menschen, unglaublich begabt, also zog mich das an. Die englische Kultur und Mode waren immer viel dezenter und introvertierter. Als ich dann Mitte der 80er endlich nach Italien kam, war ich überwältigt von der Lebhaftigkeit von allem, den Farben und diesem Überschwang. Ich wurde da hineingesogen und liebte es über alles. Ich denke mal, das war ein Teil der Geselligkeit, und ich fing an, mich für eine interessante Person zu halten. Ich hatte all diese Zeit gebraucht, um irgendeinen Wert in mir zu sehen.

Es gibt immer zwei Seiten in allem, was du tust. Zur selben Zeit, in der du in deinen Worten „verrückte Sexbeziehungen“ hattest, wolltest du auch wegen deiner Beziehung mit Pattie Selbstmord begehen.
Ja. Nun ja, ich erreichte damals das Ende meiner Trinkertage. Die Höhen und Tiefen sind extrem – oder waren es zumindest in meinem Fall. Diese 180-Grad-Wandlungen gab es jeden Tag.

Und doch hast du dich Ende der 80er aus dem Sumpf gezogen und machst seither Musik. War es bei PILGRIM wirklich dein Ziel, das ultimativ traurige Album zu machen?
Ja. Oder zumindest war das meine Vorgabe an die anderen Musiker. Ich weiß nicht mehr, ob ich mir selbst auch dieses Ziel gesetzt hatte. Die Absicht war, ihnen eine Art Wegweiser zu geben. (lacht) Ist es mir gelungen? Fast.

Claptons neues Album I STILL DO mit einem von Peter Blake gestalteten Cover ist ein unterhaltsam abwechslungsreicher Mix aus Blues-Stücken, J.J.-Cale-Coverversionen, Kuriositäten und Eigenkompositionen, inklusive gelegentlicher Killer-Soli, um die Überfans zufriedenzustellen. Der einstige Wüstling ist hier vielleicht weniger gequält (seit 2002 ist er glücklich mit Melia McEnery verheiratet und sie haben drei Kinder), aber immer noch in Kontakt zu seiner Muse.

Woher kam der Titel?
Das war etwas, das eine Verwandte – meine liebe Tante – sagte, kurz bevor sie von uns ging. Ich unterhielt mich mit ihr darüber, als ich noch ein Kind war, und dankte ihr dafür, so liebevoll gewesen zu sein. Sie sagte: „Ich mochte dich. Und das tue ich immer noch“ (engl.: „I still do“). Und ich dachte, na ja, etwas Besseres kann man nicht gesagt bekommen. Also speicherte ich es in meinem Kopf ab
und sagte mir: „Das werde ich verwenden“.

War es schön, wieder mit Produzent Glyn Johns im Studio zu sein?
Ja, das war es. Eigentlich war es das 40. Jubiläum unseres ersten Mals – SLOWHAND. Und die meiste Zeit seitdem hatte ich ihn wirklich nicht gesehen. Ich wusste, dass er unterwegs war und verschiedene
Sachen machte, aber wir sind einander in dieser Zeit nicht sehr oft begegnet.

Musstest du dich bei ihm für die 1977er Session entschuldigen?
(Pause) Ich bin mir nicht sicher, ob ich das getan habe. Und ich denke auch nicht, dass er das erwartet hat. Oder ob ich es wirklich tun musste. Auch wenn ich damals ein wirklich unangenehmer Typ
war, die Arbeit habe ich immer gemacht. Tatsächlich glaube ich nicht, dass er in den Jahren, in denen wir zusammengearbeitet haben, mich jemals zurechtweisen musste. Ich sah, wie er das bei anderen tun musste, und ich dachte, das will ich wirklich nicht selber erleben, also werde ich einfach meinen Job machen. (kichert) Also tat ich das. Nein, ich hätte mich eigentlich nicht für allzu viel bei ihm entschuldigen müssen. Meine Persönlichkeit war nicht gut, aber mein Arbeitsethos war nicht übel.

Vermutlich fällt es dir nicht schwer, diese tiefen Emotionen anzuzapfen, die es dir ermöglichen, den Blues zu singen, etwa auf ›Stones In My Passway‹, dem Robert-Johnson-Cover auf I STILL DO.
(lacht lange) Nein! Ich meine, ich musste im vergangenen Jahr mit viel körperlichem Schmerz klarkommen, und ich fange an, das in den Griff zu bekommen. Eine Sache, die ich lernen musste ist, dass diese Krankheit, mit der ich lebe, nicht unbedingt besser werden wird. Manchmal läuft das ja so – man fängt sich etwas ein und dann geht es vorbei. Das ist hier nicht so, und das musste ich akzeptieren
und mich darauf einstellen. Das war auch sehr lehrreich, denn ich habe viel darüber erfahren, wieviel ich aushalten kann. Der Mensch hat im Allgemeinen eine enorme Kapazität dafür. Über diese Sachen zu singen, ist für mich also sehr real.

Du hast zweimal in deinem Leben „Gott gefunden“, in zwei schwierigen Phasen: einmal 1970 und dann wieder 1987, als du am Tiefpunkt deiner Alkoholsucht gebetet hast. Ist ›Catch The Blues‹ der jüngste Ausdruck deines Glaubens?
Nun, ich finde es sehr leicht, darüber zu reden, also ist es kein Problem, es in einen Song zu packen. Eines der ersten Stücke, die ich je geschrieben habe, war ›In The Presence Of The Lord‹ [für BLIND FAITH]. Und ehrlich gesagt war mir das damals ein bisschen peinlich, was einer der Gründe war, dass ich es Steve Winwood singen ließ, als wir zusammen bei Blind Faith waren. Nicht nur, weil ich mich schämte, dass ich nicht vor Winwood singen konnte – ich traute mich nicht –, sondern weil ich sehr liberal in Sachen Religion und Gott erzogen worden war. Das war nicht so, wie man es manchmal hört, wo Leute sehr streng katholisch erzogen wurden, was sie dann verschreckt oder wo sie von der Indoktrinierung und übertriebenen religiösen Praktiken abgestoßen werden. Ich ging in die Sonntagsschule und hatte ziemlich allgemein gefassten Religionsunterricht. Mein Verständnis von Gott bekam ich durch meine
Liebe zur Musik und dadurch, sie zu finden. Das war wirklich ein spirituelles Erlebnis, und ich reagierte tatsächlich körperlich darauf, wenn ich sie hörte. Das konnte indische Musik sein, Klassik, Blues, Rock‘n‘Roll, Jazz, egal was. Manchmal fühlte ich, wie sich die Haare auf meinem Nacken aufstellten. So begriff ich schon früh im Leben, dass Musik eine spirituelle Erfahrung war.

Soll die Coverversion des Standards ›I‘ll Be Seeing You‹ ein Abschied von deinem Publikum und deiner Karriere sein?
Nein, nein. Es ist einfach nur ein schönes Lied. Viele Leute sind in den letzten paar Jahren von uns gegangen, und in gewisser Weise singe ich das zu ihnen. Das bin nicht ich, der sich von den Lebenden verabschiedet, sondern ich sage Lebewohl zu denen, die ich gehen lassen musste. Nicht nur Prominente, sondern auch enge Verwandte, Freunde und Kollegen. Diese letzten beiden Jahre waren außergewöhnlich, vielleicht weil ich jetzt in dem Alter bin, wo Beerdigungen ein wöchentliches Ereignis werden. Ich singe also wirklich zu ihnen.

Legst du jemals deine alten Platten auf, um dich an die Reise zu erinnern, die du hinter dir hast?
Ja, das tue ich.

Zuckst du da bei manchen Sachen zusammen und genießt du andere?
Genau das. Aber ich betrachte auch gerne, wie sie sich zu der jeweiligen Zeit verhalten, in der sie entstanden sind. Denn das ist interessant für mich: Wie passen sie in die Kultur? Wo bin ich sozusagen
vom Kurs abgekommen? Wo war ich selbstverliebt, wo habe ich mich verloren oder war ich nicht ich selbst? Aber es war dennoch eine gute Reise. Und ich bin immer noch da. Im Moment läuft es sehr gut, mein Leben ist wirklich gesegnet. Ich habe eine wundervolle Familie, eine umwerfend schöne Frau, in jeder Hinsicht, tolle Kinder, und ich kann immer noch spielen. Ich meine, das ist manchmal harte Arbeit, die körperliche Seite davon – es ist einfach schwer, alt zu werden, Mann. Aber ich liebe es immer noch zu spielen. Ich sitze mit einer Gitarre in einer Ecke unseres Wohnzimmers, dann spiele ich morgens und ruhe mich nachmittags aus … Das Leben ist schön.

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