Die 50 besten Alben des Jahres 2019: Plätze 3-1

03 Rival Sons
FERAL ROOTS
ATLANTIC/WARNER

rival sons feral roots
Danke Gott für die Rival Sons. Während sich andere Vertreter des seelenvollen, an den 70ern orientierten Genres erst noch aus den Vergleichsfesseln à la Led Zeppelin und Co. lösen müssen, haben die Kalifornier diese Zeiten schon lange hinter sich. Nach zehn gemeinsamen Jahren und einer eher (aufgrund der Support-Shows für Black Sabbath) versäumten Gelegenheit, ihr letztes Album HOLLOW BONES anständig zu promoten, stellt dieser sechste Streich einen wichtigen Marker in der Biografie der Band dar. Und als wäre es selbstverständlich, hat die brillante Truppe mit FERAL ROOTS konsequenterweise ein brillantes Werk mit brillantem Artwork geschaffen.

›Do Your Worst‹ liefert den sexuell aufgeladenen Einstieg mit – wie Kollege Wolf es nannte – dem besten Chorus, der in den letzten Jahren das Licht der Songwelt erblicken durfte. Fortgeführt wird dieser verruchte Vibe mit ›Sugar On The Bone‹, und auch Track Nr. 3, das erst mit einem schweren Riff und dann mit einem groovenden Rhythmus drückende ›Back In The Woods‹, bringt Hüften ekstatisch zum Zucken. Erst beim vierten Song, ›Look Away‹, darf Jay Buchanan, zumindest im Intro, seine esoterischen Hippietunes einflechten. Der folgende Titeltrack hüllt den Hörer dann mit seinem naturverbundenen Text und dem wunderschönen Refrain in warme Klangpolster. Düsterer wird es in ›Too Bad‹, alle von Trennungsschmerz Geplagten können sich in dessen Wehklagen suhlen. Selbiges gilt auch für das vorletzte ›The End Of Forever‹. Für entspannte Zwischentöne sorgt ›Stood By Me‹ in Form von beschwingten, mancherorts fast schon funkigen vier Minuten mit leichtem Rolling-Stones-Vibe.

Als Höhepunkt der Platte schenken einem die Rival Sons am Schluss noch ›Shooting Stars‹. Ein eigentlich simpler Gospel, der jedoch durch Text, Gesang und feines Arrangement dermaßen strahlt, dass einem die Tränen kommen. Auch live war die Darbietung dieser Songs heuer das unbestrittene Highlight des Jahres: Die Rival Sons spielen nicht einfach nur Konzerte, sie zelebrieren transzendentale Messen, die Herzen berühren.

Anspieltipp: ›Shooting Stars‹
Text: Jacqueline Floßmann

02 Jeff Lynne’s E.L.O.
FROM OUT OF NOWHERE
SONY

Jeff Lynne From Out Of Nowhere
Ist es nicht schön, dass es immer noch Künstler gibt, die komplett in ihrer eigenen Dimension leben? Das war zwar sicher nicht das, was Jeff Lynne uns vermitteln wollte, als er 2015 mit ALONE IN THE UNIVERSE ein so überraschendes wie gelungenes Comeback-Album kredenzte, doch es trifft absolut zu: Niemand klingt wie er, hat jemals so geklungen und wird es wohl jemals wieder tun. Allein schon, weil Musik so gänzlich frei von Zynismus, Kalkül und klar umrissenem Zielpublikum eigentlich längst nicht mehr geduldet wird. Das große Glück des Briten ist, dass dieser Kosmos, den er alleine bewohnt, kein befremdlicher, entrückter, verstörender Raum ist, sondern ein Universum voller Wärme, Menschlichkeit und makelloser Melodien.

Dass wir nach so langer Zeit wieder durch das Lynnsche Portal in diese Dimension schreiten durften, erfreute Abertausende Fans, die nicht nur das Album zum Erfolg machten, sondern auch begeistert zu den Konzerten rund um den Globus strömten. Und genau diese Tatsache scheint ein neues Feuer entfacht zu haben, der Lockenkopf widmet ihr nun auf dem jüngsten Album FROM OUT OF NOWHERE gleich ein Stück (›Time Of Our Life‹), das mit einem perfekt dosierten Zitat aus der Vergangenheit die Euphorie sowohl des Publikums als auch des Musikers transportiert. Eine Energie, die sich durch die gesamte Platte zieht, denn selbst die melancholischen Nummern, von denen es mehrere gibt, strahlen trotz der Grundstimmung eine unüberhörbare Freude am Erschaffen aus. Es wäre ein Leichtes für Jeff Lynne, seine souveräne Gabe für griffige Songs und beseelte Harmonien mit fließbandartigen Fingerübungen zu vergolden.

Doch dies ist kein selbstzufriedenes Spätwerk zum beiläufigen Zeitvertreib, kein lukratives Nachlassverwalten, sondern der Beweis, dass auch ein Künstler, der in seinem Leben alles erreicht hat, noch motiviert sein kann, sein Bestes zu geben. Und auch, wenn die großen E.L.O.-Klassiker auf ewig unerreicht bleiben werden, ist es doch die schiere Freude, anno 2019 noch schreiben zu dürfen, dass dies eine der absolut schönsten Platten des Jahres ist.

Anspieltipp: ›Time Of Our Life‹
Text: Matthias Jost

01 Bruce Springsteen
WESTERN STARS
SONY

Bruce Springsteen Western Stars
Bruce Springsteen bleibt ein relevanter Künstler und dafür trägt er selbst und ständig, besonders wieder seit der letzten beiden Jahre, Sorge. Nach den letzten Premieren als autobiografischer Autor und Ein-Mann-Broadway-Storyteller samt Netflix-Auftritt, kam jetzt das für ihn persönlich experimentelle Soloalbum inklusive Regie, Skript und Frontmann-Rolle im dazugehörigen Konzert-Kinofilm. Mit WESTERN STARS verlässt Springsteen erneut die Heimat in New Jersey, passiert diesmal Nebraska. Es geht – ganz dem uramerikansichen Trieb, dem „Frontier-Spirit“, folgend – westwärts nach Kalifornien.

Im Dreieck zwischen Hollywood, der Wüste vor Los Angeles und den südlichen Grenzgebieten zu Mexiko spielt diese nostalgische, vom Schicksal gerüttelte, doch stolze Geschichte vom Scheitern und (erhofften Weiter-)Leben eines gealterten Westernfilm-Darstellers. Vollkommen neu ist das nicht. Im staubigen Cowboy-Thema fand sich der Boss auch schon 2005 auf DEVILS & DUST wieder, mit einem vergleichbar abgehalfterten, aus der Zeit und Gesellschaft gefallenen US-Helden setzte er sich beispielsweise vor zehn Jahren auf WORKING ON A DREAM und dem darauf enthaltenen Soundtrack zu „The Wrestler“ auseinander. Doch musikalisch betritt Bruce Springsteen mit allen 13 Songs von WESTERN STARS ein für ihn weitgehend neues Stück Land, das er vielleicht 2007 schon einmal mit ›Your Own Worst Enemy‹ leicht gestreift hatte, mehr aber auch nicht.

Es ist die geniale Wahl der Hauptfigur, die es ihm erlaubt, unter dem Motiv des „American Dream“ zwei gleichermaßen glorreiche wie vergangene Welten miteinander zu verbinden: Die Traumfabrik im La La Land der 60er mit ihrer schwulstigen Filmmusik sowie der damals parallel entstehende, ebenfalls reich instrumentierte Westküsten-Pop vereinen sich geschmeidig geölt mit dem Geist des historischen wilden Westens.

Sanft, fast ganz ohne Reibeisen, fungiert „Bruuce“ als croonender Roadtrip-Leader einer pompösen Bigband, die den Brückenschlag zwischen Filmorchester, Roots-Sound und der legendären Wrecking Crew vollzieht. Streicher, Hörner, Piano, Orgel, (E- und Western-)Gitarren, Mandoline, Banjo, Lapsteel, Drums und Percussions vertonen mit der Weite der Prärie diese Geschichten, wie sie mit so viel Pathos nur einer verfassen kann. Für den, der dafür empfänglich ist, ein Genuss. 2019 wurde Springsteens amerikanischem Gebetsbuch ein neues Kapitel hinzugefügt.

Anspieltipps: ›Western Stars‹, ›Hitch Hikin’‹, ›Chasin’ Wild Horses‹, ›There Goes My Miracle‹
Text: Paul Schmitz

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