Die 50 besten Alben des Jahres 2019: Plätze 10-4

10 Mavis Staples
WE GET BY
Anti/Indigo

Mavis Staples We Get By
Was Mavis Staples seit einigen Jahren anfasst, wird verlässlich gut. Nicht, dass das früher anders gewesen wäre, aber seit LIVIN’ ON A HIGH NOTE von 2016 hat die mit den Staples Singers schon in den 50er-Jahren aktive Soulsängerin auch für ihre Verhältnisse einen außergewöhnlichen Lauf. Vor drei Jahren kamen die Songs von Bewunderern wie Justin Vernon (auch bekannt als Bon Iver), Benjamin Booker, Neko Case und Nick Cave. Ein Jahr später schrieb ihr Wilco-Chef Jeff Tweedy mit IF ALL I WAS WAS BLACK gleich ein ganzes Album auf den Leib. Für ihr aktuelles Werk hat sich Staples mit Sänger, Songschreiber und Gitarrist Ben Harper zusammengetan. Harper hat die neuen Lieder geschrieben und produziert, auf dem wärmenden Titelstück singt er mit Staples im Duett. Deren dunkel-heisere, kräftige Stimme ist freilich dennoch das Kraftzentrum dieser Platte.

„Fingers on the trigger around here/Bullets flying, mothers crying/We gotta change around here“, fordert sie im gesellschaftlich engagierten Auftaktstück ›Change‹ zu reduziertem, elektrischem Blues. Im anschließenden ›Anytime‹ setzt eine lässige Funkgitarre ein, Staples ist Kämpferin und Liebende zugleich. Und wenn in ›Brothers And Sisters‹ von einem nicht beim Namen genannten Mann die Rede ist, dem man nicht trauen könne, meint man zu wissen, wer gemeint ist. Viele Lieder sind ruhiger, nachdenklicher Soul, ›Hard To Leave‹ etwa, mit den Zeilen „Pressing play on Marvin Gaye/Trying to right the wrongings“. In ›One More Change‹ singt Staples, die dieses Jahr 80 geworden ist, ganz am Ende vom letzten Schritt, den es im Leben zu gehen gilt. Gar zu bald kommt der hoffentlich nicht.

Anspieltipp: ›We Get By‹
Text: David Numberger

09 Little Steven And The Disciples Of Soul
SUMMER OF SORCERY
Universal


Wenn es in der E Street Band gerade nix zu tun gibt, stellt der Gitarrist, Sänger, Songschreiber und Schauspieler aus New Jersey sein eigenes Ding auf die Beine. Auf seinem zweiten Soloalbum in drei Jahren macht er zwischen Soulrock, Van Morrison, Latin-Exkursion, Blues und Jazz ziemlich viel richtig. Besonders der Titelsong ist großartig. Er habe versucht, den „Rausch des Sommers“ einzufangen, sagt „Little“ Steven Van Zandt.
Anspieltipp: ›Summer Of Sorcery‹

08 Beth Hart
WAR IN MY MIND
MASCOT/ROUGH TRADE

Beth Hart War In My Mind
Seit über 20 Jahren im Geschäft, hat sich die Karriere von Beth Hart im vergangenen Jahrzehnt prächtig entwickelt, was nicht nur der beständigen Qualität ihrer Arbeit zuzuschreiben ist, sondern vor allem ihrer authentischen Emotionalität. Erstaunlich ist, dass beide Aspekte auf ihrem jüngsten Album einen neuen Gipfel erreichen – wie viele Künstler liefern nach so vielen guten Platten noch einen absoluten Höhepunkt ihres Gesamtwerks ab? Einfach grandios.
Anspieltipp: ›War In My Mind‹

07 Lukas Nelson & Promise Of The Real
TURN OFF THE NEWS (BUILD A GARDEN)
Concord Records/Universal

Lukas Nelson Turn Off The News
Neil Young beschäftigte 2019 mal wieder seine Altherrengruppe im Studio. Seine Jungs waren diesmal nur auf Tour dabei und so bot sich ihnen die Gelegenheit, ihr drittes eigenes Album, mit dem auf Frontmann-Position nachrückenden Sohn von Willie Nelson, aufzunehmen. In neun Jahren haben es Lukas und Promise Of The Real also nun auf dieselbe Anzahl von Veröffentlichungen gebracht, wie sie es mit Neil in weniger als der Hälfte der Zeit schaffen mussten. Die Reife aber tut ihnen gut. So ist TURN OFF THE NEWS (BUILD A GARDEN) weicher, runder, nachklingender und gehaltvoller ausgefallen als die Platten zuvor. Ohne in Kitsch zu verfallen, baden sie sich vielmehr in ebendiesem, sprühen dabei aber vor aufrichtigem, bekifftem Hippie-Romantizismus, der verzaubert. Funktionieren kann dies nur durch eines: Die musikalische Makellosigkeit ihres karamellisierten Westcoast-Pop und souligen Roots-Rocks mit Anleihen von Wrecking Crew bis Pettys Heartbreakers (und kleinen Cameos von Papa Willie und Onkel Neil).
Anspieltipp: ›Turn Off The News (Build A Garden) – Acoustic‹
Text: Paul Schmitz

06 Chris Robinson Brotherhood
SERVANTS OF THE SUN
Megaforce/H’art

Chris Robinson Brotherhood Servants Of The Sun
Wenn jemand um die Verschmelzung von Hippie-Flair mit kosmischen Energien weiß, dann ist das wohl Chris Robinson. Auch auf SERVANTS OF THE SUN setzt der Black-Crowes-Mann auf Dope-geschwängerte Vibes abseits jeglicher Trends. Leider ist das sechste Studioalbum der CRB auch deren letztes Werk mit Gitarrist Neal Casal. Nach der Europatour mit Chris nahm sich der Künstler im August im Alter von nur 50 Jahren das Leben. Mit seiner klaren und atmenden Spielweise verpasste der Tausendsassa dem Album eine seiner letzten typischen Duftmarken. Lediglich das schneidende Keyboard übertönt sein gefühlvolles Spiel hier und da, ansonsten schmiegt sich dies perfekt an die Guru-Vocals des Bandchefs. Im Ganzen genommen verströmt SERVANTS OF THE SUN ein starkes und befreiendes Jam-Band-Flair à la The Greatful Dead. ›Let It Fall‹, in dessen Video Chris sich zwischen hübschen Damen Joints dreht und entspannt feiert, besticht durch lässigen Funk, das abschließende, wunderlich betitelte ›Smile Of Epitaph‹ geht verträumt los und steigert sich dann zu einer spacigen Klimax. Das würdevolle Ende einer abwechslungsreichen Platte.
Anspieltipp: ›Let It Fall‹
Text: Jacqueline Floßmann

05 Nick Cave & The Bad Seeds
GHOSTEEN
Ghosteen/Rough Trade

Nick Cave Ghosteen
Nick Cave klingt anders als erwartet, aber wie er klingt, ist gewaltig. Vor vier Jahren starb der damals 15-jährige Sohn des Songwriters, wie das letzte Album SKELETON TREE ist auch GHOSTEEN eins der Trauer. Aber auch eins der Hoffnung. Gitarren und Schlagzeug gibt es so gut wie überhaupt nicht, statt Rhythmus Vangelis-artige sphärische Sounds, das Flirren und Brummen von Synthesizern, an und abschwellend, ätherische Chöre und Caves Klavier. Von den Bad Seeds scheint einzig Klangbastler Warren Ellis wirklich zu tun gehabt zu haben. Den Titel GHOSTEEN kann man als Wortschöpfung aus ghost und teenager lesen, und der Teenager-Geist ist die ganze Zeit präsent. Die fast beschwörend gesungene Zeile „I am beside you“ ist ein Leitmotiv der Platte, die oft mehr im Reich der Geister und Träume zu spielen scheint als in der äußeren Realität, in der wir uns jeden Tag bewegen. So etwas wie Erlösung, gibt es das? „Everyone has a heart and it’s calling for something/And we’re all so sick and tired of seeing things as they are“, singt Cave, und klingt so schutzlos wie vielleicht nie zuvor. Und doch glaubt er an die Schönheit der Welt, an die Liebe und daran, an etwas zu glauben. „Everybody’s losing someone/It’s a long way to find peace of mind“, weiß das überwältigende ›Hollywood‹, „I’m just waiting now, for peace to come“ sind die letzten Worte dieses Albums. Es ist ein Ringen um Sinnhaftigkeit jenseits von Chaos und Zufall. Es bringt einem Verlust und Trauer nahe, und ist doch so voller Licht und so schön, dass es einen umhaut.
Anspieltipp: ›Bright Horses‹
Text: David Numberger
 

04 Neil Young & Crazy Horse
COLORADO
Reprise/Warner

Neil Young Crazy Horse Colorado
Dass Neil Young ein Album rausbringt, ist keine Seltenheit. Dass es eins mit Crazy Horse ist, dagegen schon. Das letzte, PSYCHEDELIC PILL, kam 2012. Halbstündige Songs sind auf dem Nachfolger nicht drauf, und Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro ist auch nicht mehr dabei. Dafür ist Nils Lofgren zu Young, Schlagzeuger Ralph Molina und Bassist Billy Talbot gestoßen. Gemeinsam ging es in die Rocky Mountains und dort ins Studio. In der Bergeinsamkeit sind zehn Stücke entstanden, die ziemlich viel von dem haben, was man so mit Young verbindet. Das längste, das 14-minütige ›She Showed Me Love‹, ist eine wunderbar windschief daherkommende Liebeserklärung an die Natur, an „Mutter Erde“, mit quietschender Gitarre und lässigem Groove. Es geht um böse alte weiße Männer und die Hoffnung in die Jugend. Das verträumte, ein bisschen traurig-melancholische ›Olden Days‹ ist ein Gruß an alte Freunde, ›Help Me Lose My Mind‹ und ›Shut It Down‹ sind harte, trockene Rockmusik, ›Green Is Blue‹ warnt vor der Zerstörung des Planeten: „We heard the warning calls, ignored them/We watched the weather change/We saw the fires and floods“.

Auf ›Rainbow Of Colors‹ nimmt der Kanadier den Kampf gegen weiße Vormachtphantasien in seiner Wahlheimat auf. „There’s a rainbow of colors in the old USA/No one’s gonna whitewash these colors away“, donnert es im Chor. ›Eternity‹ erinnert mit seiner sanften Klaviermelodie an einiges auf AFTER THE GOLD RUSH oder HARVEST (MOON). „Woke up this morning in a house of love“ singt Young da so zart er kann. Der tröstlichste Song kommt ganz am Schluss. Jemand sagt ihm in ›I Do‹, dass alles gut werden wird. Jemand, der die gleichen Fragen stellt und genauso besorgt ist wie er selbst. „Why do I believe in you“, fragt er sich, und doch tut er’s. Molina streichelt die Drums, die akustische Gitarre spielt ganz sanft, wie um die vorsichtige Hoffnung nicht kaputtzumachen. Auf Young ist Verlass, er lässt einen nicht allein im Dunkeln stehn.

Anspieltipp: ›She Showed Me Love‹
Text: David Numberger

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