Die 100 einflussreichsten Gitarrenhelden: Kurt Cobain

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Die 100 einflussreichsten Gitarrenhelden: Kurt Cobain

Er wird weltweit als Songwriter gefeiert, doch Nirvanas Mastermind veränderte auch alles für eine neue Generation von Gitarristen.

Vier Akkorde. Das war alles, was nötig war, um die Weltordnung der E-Gitarre zu zerschmettern. Dieses spröde Intro zu ›Smells Like Teen Spirit‹, im September 1991 die Lead-Single zu Nirvanas Meilenstein NEVERMIND, war lachhaft simpel. Die regierenden Größen der Hair-Metal-Szene hätten es nicht mal zum Aufwärmen beim Soundcheck gespielt. Und keiner von ihnen konnte wissen, dass sie da den Gewehrschuss hörten, der ihre Karrieren töten würde. „Sie waren reif für eine Auslese, ein Keulen, den Tod, und genau das geschah dann als Nächstes“, schrieb Seb Hunter in „Hell Bent For Leather“, seinen Memoiren über das Leben als Metaller Ende der 80er. „Ich verliebte mich sofort in Kurt Cobain. Ich verstand das alles, sah es alles und wusste, dass er Recht hatte – wir mussten sterben.“

Von einem technischen Standpunkt aus betrachtet scheint es pervers, Cobain ins Pantheon durchzuwinken und dafür die zahlreichen belanglos-brillanten Shredder der Rockhistorie mit ihren hochentwickelten Klauen und schwindelerregenden Modalsoli außen vor zu lassen. In seiner eigenen Einschätzung befand sich der Nirvana-Frontmann nur ein oder zwei Stufen über einem totalen Anfänger („Wir sind einfach nur musikalisch und rhythmisch zurückgeblieben“, sagte er mit einem Schulterzucken). Der Kontext jener Zeit unterstrich seinen brutalen Stil nur noch zusätzlich, basierend auf Power-Akkorden und seltenen frühen Soli, die oft einfach nur die Gesangsmelodie kopierten (siehe ›Come As You Are‹).

Doch Cobain hatte besaß etwas viel Wertvolleres als überschallschnelle Finger. Er hatte ein magisches Ohr, fand immer die perfekten Akkorde und verschmolz die richtigen Noten. Und hinterließ dadurch einen Katalog aus Gitarrengold, der weitaus wichtiger ist als tausend emotionslose Fingertapping-Soli. Man höre sich noch mal das unvergessliche Lick an, das sich durch ›All Apologies‹ schlängelt, oder das „Beatles auf 11“-Riff, das aus der Kakophonie von ›Serve The Servants‹ emporsteigt. Oder die süchtig machende, kantige Strophe von ›Lithium‹: ein Part, den jeder spielen könnte, doch niemand sonst hatte die Vision, ihn zu schreiben. Selbst das Klampfen auf ›About A Girl‹ war mehr als die Summe seiner Teile. Cobains Akkorde – mürrisch in der Strophe, verträumt im Refrain – passen einfach perfekt zu seiner Gesangsmelodie.

Was auch immer er tat, es strotzte vor Angriffslust („Wir spielen so heftig, dass wir unsere Gitarren nicht schnell genug stimmen können“, sagte er). Und trotz seiner Ausstattung, die im Vergleich zu den Tigerstreifen-Super-Strats jener Zeit wie ein rostiger Kahn aussah – „Schrott ist immer am besten“, erklärte er der Guitar World seine Vorliebe für ausgelaugte Fender Mustangs –, war sein Ton bissig und dominant. Dieser aufregende Moment, wenn er in ›Rape Me‹ in den nächsten Gang schaltet – der fahle Glanz des Hair Metal klang nie so veraltet. „Es war schockierend, Nirvana spielen zu sehen“, sagte Billy Corgan mal, „denn man dachte: ‚Da ist dieser kleine Typ mit dem gigantischen Gitarrenklang‘.“

Vor allem aber ließ Cobain die Rolle des Gitarrenhelden – ähnlich wie beim Übergang von Prog zu Punk eine Generation zuvor – erreichbar erscheinen. Er machte einer neuen Generation klar, dass das Instrument kein Zauberstab war, sondern lediglich ein Mittel zu dem Zweck, einen umwerfenden Song zu schreiben. In seinen Händen war die Gitarre wenig mehr als ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel – aber nur wenige nutzten die Werkzeuge ihres Metiers besser als er.

3 Kommentare

  1. Alles relative Auslegung. Das Handwerkszeug von Musikschaffenden, egal welcher Art und mit welchem Werkzeug sprich Instrument das Endprodukt, die Musik erschaffen wird ist qualitativ nur so gut wie das handwerkliche Können der jeweiligen Person. Bei Cobain habe ich meine Probleme bezüglich des musikalisch Handwerklichen Könnens, wie im übrigen bei vielen anderen ehemaligen und aktuellen Musik-Schaffenden. Der Anspruch an diese Musikschafenden wird maßgeblich mitbestimmt von denen die diese Produkte konsumieren. Für mich bedeutet das im Umkehrschluss : Die Ansprüche die an musikalische Produkte aktuell gestellt werden lassen für mich nur den Schluss zu : Mittelmäßigkeit wurde zum High-End Produkt verklärt. Für mein Dafürhalten leben wir aktuell in einer Zeit-Epoche des Selbstbetruges in allen Gesellschaftsrelevanten Bereichen. Nur weil wir Technologien zur Verfügung haben und diese benutzen heißt das noch lange nicht, dass wir unseren Altvorderen geistig-intellektuell überlegen sind. Die Digitalisierung, das goldene Kalb unserer Zeit-Epoche wird maßlos überschätzt. Auf der anderen Seite wird künstlerischer Minimalismus oder das handwerkliche Unvermögen gehypt. Künstlerischer Minimalismus wird mit künstlerischem Dilettantismus verwechselt.

    • ….genau selbiger der seinen musikalischen Minimalismus in seiner aktiven Musiker- Zeit nie verklärt oder als künstlerisch Wertvoll betrachtet hat. Immer selbstkritisch bleiben war meine Devise, bis aktuell heute.

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